Das stellvertretende Leiden und die Herrlichkeit des Knechtes Gottes
13Siehe, mein Knecht wird weislich tun und wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14Gleichwie sich viele an dir ärgern werden, weil seine Gestalt häßlicher ist denn anderer Leute und sein Ansehen denn der Menschenkinder, 15also wird er viele Heiden besprengen, daß auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn welchen nichts davon verkündigt ist, die werden's mit Lust sehen; und die nichts davon gehört haben, die werden's merken. 1Aber wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? 2Denn er schoß auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
6Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7Da er gestraft und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut. 8Er aber ist aus Angst und Gericht genommen; wer will seines Lebens Länge ausreden? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er um die Missetat meines Volkes geplagt war. 9Und man gab ihm bei Gottlosen sein Grab und bei Reichen, da er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat noch Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben, und des HERRN Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen. 11Darum, daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen; denn er trägt ihre Sünden. 12Darum will ich ihm große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, darum daß er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleich gerechnet ist und er vieler Sünde getragen hat und für die Übeltäter gebeten. Amen.
Jes 52, 13 - 53, 12
Bild von hier
Friede sei mit Euch!
Liebe Gemeinde,
„an einem strahlenden Frühlingsmorgen des Jahres 334 vor Christi Geburt überquerte Alexander der Große die Meerenge, die Europa von Asien trennt. Noch in Europa hatte er am Grab des Protesilaos, das an der Spitze der Halbinsel Gallipoli liegt, geopfert. Protesilaos war bei Beginn des Trojanischen Krieges der erste Achaier, der nach dem Eintreffen der griechischen Flotte vor der Küste Troias an Land sprang. Er wurde, nachdem er mehrere troische Krieger im Zweikampf besiegt hatte, von Hektor erschlagen.
Selbst Achilleus war nicht tapfer genug gewesen, der Erste sein zu wollen. Seine Mutter Thetis hatte ihm vorausgesagt, daß der, welcher als Erster an Land ginge, als Erster fallen werde.“ Der Schriftsteller Peter Bamm schließt diesen Bericht mit der bemerkenswerten Feststellung: „Es ist ein sympathischer Zug an diesem gewaltigsten der homerischen Helden, daß schon er, wie alle Helden nach ihm, Angst hatte. Frei von Angst sind nicht die Helden, sondern die Heiligen.“
Nach meiner Überzeugung soll uns auch das gesamte Reden des Propheten zu der erhebenden Gewissheit führen, dass es für den Menschen nur zwei wirkliche Gefühle geben kann – die Furcht oder die Liebe. Von beiden spricht dieser Tag zu uns.
Der Karfreitag ist der Tag des Todes und der Tag unserer Todesfurcht. Grausam und grauenhaft zieht sich das Sterben dahin. Selbst Gottes Sohn bleibt nicht verschont. Ein furchtbares Geschehen findet am Kreuz sein Ziel.
Die Schlagworte – Verrat, Verhaftung, Verleugnung, Verspottung, Folterung, Verurteilung und Hinrichtung geben nur eine schemenhafte Vorstellung von dem, was damals geschah. Ein Mensch wurde zerschunden, zerquält, zermartert, zermalmt und am Ende, ganz am Ende, getötet.
Wie oft in der Geschichte, die randvoll ist von Grausamkeiten, hat sich das zugetragen? Dennoch bleibt der Tod Gottes einzigartig. Das Kreuz Gottes ist gleichsam über alle Tode, die jemals geschahen, aufgerichtet. Das Kreuz unseres Herrn ragt empor auf einem gewaltigen Leichenberg, es überragt fürwahr eine Schädelstätte, es ragt empor auf Golgatha.
Gott ist tot, so lautet die unmissverständliche Botschaft dieses Tages. Nichts, aber auch gar nichts, darf sich neben diese Botschaft stellen. Das immer wieder aufkommende und nur scheinbar tröstliche Gerede, das heute schon das Geschehen der Osternacht vorwegnehmen will, zeugt von nichts anderem als von der Furcht davor, den Tod Gottes aushalten zu müssen.
Wir sollen dem toten Gott mit der gleichen Liebe begegnen, wie seine Mutter Maria es tat, die ihn unter dem Herzen getragen und dann geboren hatte, und die ihn nun wieder auf ihren Schoß legt und beweint.
Der Karfreitag verlangt von uns einzig und allein das – wir müssen den Tod Gottes aushalten. Nur so kommen wir in die Nähe dessen, was dieser Tag bedeutet. Es gibt eine tiefe Parallelität oder sogar Gleichzeitigkeit von Schöpfung und Erlösung.
Es war ein Sonntag, an dem Gott das Licht ins Dasein rief, und es war ein Sonntag, an dem der Engel Gottes die Menschwerdung des Herrn der Welt verkündet hat. Das war der erste Tag.
Nun, am Karfreitag, stehen wir am sechsten Tag. Gott schuf an ihm den Menschen. Der Tod Gottes muss folglich in eins gesetzt werden mit der Erschaffung des Menschen am Anfang der Welt. Erst im Tod Gottes kommt die Erschaffung des Menschen an ihr wirksames Ziel. Mit seinem Tod schafft Gott gleichsam ein erneutes und diesmal menschliches Nichts, aus dem heraus die Erlösung und die Vollendung aller Dinge Gestalt gewinnen soll.
Im Tod verbindet sich Gott mit uns Menschen, seinen geliebten Geschöpfen, ganz. Der Tod Gottes entspricht geradezu der Erschaffung des Menschen, und der Mensch wirkt mit seinem Dasein Gottes Tod. Denn er hat gefehlt und Gott verlassen, er ist in Sünde und Gottesferne gestürzt. Gott aber wollte sein Werk nicht vernichten, sondern Gott will es retten. Auch davon redet schon der Prophet.
Neukirchen Kirche, Triumphkreuz, Bild von hier
Ist das eine so ferne Geschichte? Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.
Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Haben wir nicht auch erlebt, wie Lüge, Verrat und Betrug Herrschaft über das Leben erlangten? Haben wir nicht erlebt, wie zerstörerische Gewalt und Kriege alles hinwegfegten, was das Leben ausgemacht hat? Haben wir und unsere Eltern und Großeltern nicht auch so vieles erlebt, wovon wir glaubten, es könne immer nur die anderen treffen? Aber es ist unsere Krankheit, und es sind unsere Schmerzen.
Nicht nur das Leben der Menschen der Vorzeit, auch unser Leben, jedes Leben, hat biblische Ausmaße. Darin entspricht der Tod Gottes der Erschaffung des Menschen, und der Mensch wirkt mit seinem Dasein das Leiden und den Tod Gottes. Gott und Mensch sind ganz im Tode vereint, denn es ist unser Tod, der hier am Kreuz gestorben wird. Es ist der Tod, der für uns aus Liebe gestorben wird, um uns aus unserer Todesfurcht zur Liebe zu erwecken.
Nur Gott kann sein Leben lassen und es auch wieder nehmen. Wir Menschen aber können nur über den Tod hinaus lieben, oder wir werden die Opfer unserer Furcht. Es gibt nur Furcht oder Liebe – aus diesen beiden heraus entfaltet sich unser ganzes Leben.
Nun schaut auf das Kreuz. Das Kreuz steht am Scheideweg jedes Menschen.
Hier am Kreuz folgt er entweder weiter seiner Furcht, oder er lässt sich zur Liebe bekehren. Gott ist diese Liebe. Darum sollen wir uns nicht in Ekel und Entsetzen abwenden vom leidenden, gequälten und sterbenden Menschen. Der, der heute stirbt, der stirbt unseren Tod. Wo ich mich von ihm abwende, da verleugne ich auch mich selbst, ich beraube mich meiner eigenen Menschlichkeit, die doch im Tode Gottes erst ganz in Erfüllung geht.
Die am Kreuz gewirkte Versöhnung ist doch immer auch die Versöhnung des unter dem Kreuz stehenden Menschen mit seiner eigenen Existenz. Darum befielt der Herr dem Jünger die Mutter und der Mutter den Jünger an. Die Gottesmutter und der Lieblingsjünger des Herrn – sie sind die zentralen Zeugen des Kreuzes. Sie haben alle Furcht überwunden und folgten Christus nur noch durch ihre Liebe geleitet bis unter das Kreuz.
Die Liebe, die die Furcht wirklich ganz überwunden hat, die gelangt an keinen anderen Ort als unter das Kreuz auf Golgatha. Sie muss nun nichts mehr fürchten, denn der eigene Tod ist hier ja bereits gestorben worden.
Ein kleiner Schein, von dem, was hier auch gemeint ist, schimmert uns auf, wenn wir an Menschen denken, die ihr ganzes Leben gemeinsam verbrachten, als Eheleute oder als Freunde. Nachdem der eine gestorben ist, fürchten sie den Tod nicht mehr, denn wie sollte man nicht ertragen können, was der geliebte Mensch bereits ertragen hat?
Am Karfreitag blicken wir darum unverwandt auf das Kreuz und auf die Wunden unseres Herrn. Im Sterben bereits beginnt er sich in die Welt hinein zu verströmen, und dann ganz in seinem Tod. Nachdem der Landsknecht ihm die Seite geöffnet hat, fließen Blut und Wasser von seinem Leichnam herab. Ein niemals wieder endender Strom der Gnadengaben fließt auf uns Menschen nieder.
Weil unser eigener Tod bereits gestorben wurde, sollen wir den Tod nicht mehr fürchten, sondern allein auf die Gaben blicken, die uns vom Kreuz her werden – das Wasser unserer Taufe und der Leib und das Blut unseres Herrn zur Speisung für die Ewigkeit.
In diese Gemeinschaft hinein sind wir berufen, in die Gemeinschaft der Heiligen, die unter dem Kreuz nichts mehr zu fürchten hat.
Amen.
Der Friede Gottes ist höher als alle unsere Vernunft. Er bleibe an diesem Tag und alle Zeit bei euch!
Amen.
Fürbittengebet
Mit unverwandtem Blick auf das Kreuz, an dem der Herr hängt, beten wir: Gedenk an uns o Herr!
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Mit diesem Ruf hast du uns gezeigt, dass du uns nachgegangen bist bis in die äußerste Verlassenheit. Darum können wir beten für diejenigen, die sich von Gott verlassen glauben, denn du bist auch bei ihnen.
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Selbst den Henkern hast du vergeben. Darum können wir beten für die Verbrecher, für Mörder und Diebe. Du willst dich aller erbarmen.
Gedenk an uns o Herr!
Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Nur mit dir werden wir es erlangen.
Weib, siehe, das ist dein Sohn! In dem geliebten Jünger hast du uns alle zu Geschwistern gemacht.
Siehe, das ist deine Mutter! Maria, die mehr als alle Menschen an deinen Schmerzen teilnahm, hast du uns allen zur Mutter bestimmt. Sie grüßen wir auch in der Stunde deines Todes.
Madonna del Rosario, wohl die älteste erhaltene Marienikone, von hier
Mich dürstet!
Laß uns so verlangen nach deinem Wort und stille das Verlangen. Wir beten für die Kirche und für die ganze Welt, schenke Frieden!
Gedenk an uns o Herr!
Es ist vollbracht! Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Amen
Die Kerzen sind erloschen, die Glocken schweigen, die Orgel bleibt stumm, denn Christus, unser Herr, ist tot, das Licht der Welt ist in die Dunkelheit des Todes versunken!
Wir aber erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der zukünftigen Welt.
In diesem Glauben empfangt den Segen der Kirche.
Es segne euch der allmächtige und dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Hl. Geist. Amen
Thomas Roloff










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