Dienstag, 17. September 2019

Wind und Wandern, dienstags in Neustrelitz


An einem anderen Ort hatte ich meinen kleinen Rundgang vom Dienstag bebildert ohne Kommentar gezeigt und erntete etwas überraschend den Wunsch nach Kommentaren. Nun ruiniert das meist die Stimmung, aber gut, holen wir das hier nach, mit ein wenig mehr Bildern.

Mein kleiner Spaziergang begann in der Semmelweisstraße, ich erwähne das nur, um die dort ansässige Physiotherapie zu loben. Und dann sind wir auch schon am Zierker See und am Hafen. Ich habe diese Aufnahmen hinzugefügt, weil sie vielleicht eine Ahnung davon geben, wie windig es war. Das erleichtert zum einen das Photographieren, da die Szenerie kaum belebt war, und zum anderen vermittelt es etwas den Hintergrund des Ganzen.




Nach dem Hafen das Carolinenstift, in der erweiterten Gestalt von 1860, lange Zeit Krankenhaus (zur Entstehungszeit das modernste zwischen Rostock und Berlin). Der Bau geht auf die Herzogin Caroline zurück, die aus ihrem Geschick (sie mußte sich vom dänischen Kronprinzen scheiden lassen) das Beste machte, etwa mit diesem Krankenhaus, dessen Baukosten sie zum größten Teil trug. Jetzt sind darin Wohnungen entstanden und die nahezu wiederhergestellte Fassade macht wieder einen erfreulichen Eindruck.


Wir wenden uns dem Schloßgarten zu und nähern uns dem Hebetempel. Der Name spricht für sich, nur soviel, der Entwurf der Statue der Göttin geht auf Antonio Canova zurück (1796, die Kopie ist von 1856, das Original befindet sich in der Berliner Alten Nationalgalerie). Diese Bauten gewinnen einen ganz persönlichen Erinnerungswert, wenn man sich an diverse Rückschläge bei der Wiederherstellung erinnert.



Der Marstall von 1870 ist einer der Orte, an dem man sich am Mecklenburg-Strelitzschen Wappen erfreuen kann. Er dient heute Zwecken des Theaters.



Wir kehren zurück zur Hauptachse des Gartens und sehen die Kopie der Viktoria von Leuthen. Die eindrucksvolle Gestalt der römischen Siegesgöttin Viktoria ist eine Zinkgußkopie von 1854 (ein Geschenk König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen an Großherzog Georg). Hier ist die Kopie sozusagen zum Original geworden. Denn der große Christian Daniel Rauch, von dem auch die Originale auf dem Hirschtor zum Tiergarten stammen, hatte sie für eine Denkmalssäule geschaffen, die bis 1945 an die Schlacht von Leuthen erinnerte.


Wir sind bei den beiden Jünglingen angelangt. Das Bildprogramm ist recht mysteriös. Der eine hält mit der rechten Hand eine Fackel zwischen beiden gesenkt und mit der linken eine hinter der Schulter, während der andere, den linken Arm auf dessen Schulter legt und auf eine  Scheibe in seiner rechten Hand schaut.



Eine Deutung meint, er gieße ein Trankopfer auf den girlandenumkränzten Altar vor ihnen, auf dem sein Begleiter eben die Fackel löscht, ein Zeichen des Todes. Neben beiden steht eine kleine Kore, wahrscheinlich stellt sie Persephone, die Königin der Unterwelt dar. Es gibt die verschiedensten Mutmaßungen, wer bei dieser sog. Ildefonso-Gruppe ursprünglich dargestellt wurde, aber ich habe mich vor nicht so langer Zeit in so epischer Breite dazu ausgelassen (man überspringe nur die Eingangsbemerkungen ), daß ich wirklich darauf verweisen möchte.



Wir enden mit der wohltätigen Göttin Demeter an der Schloßauffahrt, die mit der Fackel womöglich gerade ihre Tochter Persephone sucht, die Hades, von Zeus geduldet, in sein Totenreich entführte hatte. In der Ferne sehen wir das eher desolate Carolinenpalais (als Wohnsitz der o.g. Herzogin erbaut).




Zur Rechten grüßt uns der Großherzog Georg vor der Schloßkirche. Und am Rande des Buttelplatzes (früher Paradeplatz) stehen wir vor der Büste des Großherzogs Carl, seines Vaters (und auch der der Königin Luise). Es ist nicht ganz einfach, diese Büste zu photographieren, da man den Hintergrund schlecht wegzaubern kann, auch wenn man das nur zu gern möchte. Selbst für einen modernen Bau ist das Landesbesoldungsamt noch einmal ein besonderer Höhepunkt an Scheußlichkeit. Als hätte jemand Hohlblocksteine übereinander getürmt und dann kein Geld mehr für den Außenputz gehabt, obwohl, wirklich schöner wäre es davon auch nicht geworden.

So liegen die Extreme des angenehm Schönen und des kompletten Gegenteils davon halt oft nahe beieinander. So wie im sonstigen Leben auch.


nachgetragen am 18. September

Donnerstag, 12. September 2019

Über Mariä Namen und ein Kreuzzugslied von Novalis

Martino Altomonte, Schlacht von Wien, zwischen 1693 - 1695

Am 12. September 1683 hat unter der Führung des polnischen Königs Jan III. Sobieski und dem Banner Mariens ein christliches Heer von 65.000 Mann eine dreimal stärkere türkische Übermacht vernichtend geschlagen und damit die Belagerung Wiens beendet.

 Wien vor 1640, hier gefunden

2. Türkenbelagerung; Laufgräben vor Wien gegen Ravelin, 
die Löbel- und Burgbastei; Kupferstich des kaiserlichen Hauptmanns 
und Ingenieurs Daniel Suttinger, hier gefunden

Der Friede von Karlowitz vom 26. Januar 1699 beendete den Großen Türkenkrieg und brach die Expansion des Osmanischen Reiches

Nach diesem Sieg bestimmte Papst Innozenz XI. die Feier von Mariä Namen als Fest der ganzen Kirche für diesen Tag.

Schutzmantelmadonna, hier gefunden

Papst Benedikt XVI. hielt an eben diesem Tag im Jahre 2006 an der Universität Regensburg eine Vorlesung, die zu tumultuarischer Empörung in der islamischen Welt führte und gern von den „Kritikern“ des Papstes gegen diesen gewendet wird...

Mariä-Namen-Kirche in Novi Sad, Serbien

Spätestens jetzt muß ich wohl einräumen, daß dies ein Selbstzitat war, aber da es um meine vernachlässigbare Person dabei beim besten Willen nicht geht, fühle ich mich gänzlich ohne schlechtes Gewissen, so habe ich eben resolviert. Dem Beitrag von 2012 kann man dort weiter folgen.

Manchmal bin sogar ich in der Lage, all das fast Fertige, an dem ich unzufrieden herumwerkele, einfach beiseite zu schieben und gewissermaßen spontan zu tun. Eben wurde ich an Heinrich von Ofterdingen erinnert, passend zum Tag des Namens Mariens. Warum? Das mag jeder für sich selbst sehen.

Es ist merkwürdig, wie jahrhundertealte Gedenktage ins Vergessen abdriften und schlagartig wieder aktuell werden. In Wien wüteten die Jünger des Anderen gegen das Gedenken an diesen Sieg, in Potsdam gegen das Glockenspiel von "Üb immer Treu und Redlichkeit". In der Tat, beides eine arge Zumutung und gewissermaßen eine angekündigte Kriegserklärung. So fügt sich eben vieles gerade zur Kenntlichkeit.

Moritz von Schwind, Sängersaal im Palas der Wartburg

Friedrich von Hardenbergs Heinrich von Ofterdingen ist ein so merkwürdiges Werk, daß selbst ein Versuch wie, es mit den Worten zu beschreiben, er versuche darin zu zeigen, wodurch die menschliche Existenz durch die Poesie zu ihrer Tiefendimension zurückzufinden vermag, abgeschmackt klingen muß.

Novalis beschreibt im 4. Kapitel des 1. Teils seines Fragment gebliebenen Heinrich von Ofterdingen zunächst eine Reisegesellschaft von Kaufleuten:

„Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt. Der Weg war fest und trocken, die Witterung erquickend und heiter, und die Gegenden, durch die sie kamen, fruchtbar, bewohnt und mannigfaltig. Der furchtbare Thüringer Wald lag im Rücken; die Kaufleute hatten den Weg öfter gemacht, waren überall mit den Leuten bekannt, und erfuhren die gastfreiste Aufnahme. Sie vermieden die abgelegenen und durch Räubereien bekannten Gegenden, und nahmen, wenn sie ja gezwungen waren, solche zu durchreisen, ein hinlängliches Geleite mit.“

Bei den Besuchen am Wege liegender Burgen kommt es zum Austausch von Neuigkeiten und Aufträgen. „Der junge Ofterdingen ward von Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden Betragens gepriesen, und die letztern verweilten gern auf seiner einnehmenden Gestalt, die wie das einfache Wort eines Unbekannten war, das man fast überhört, bis längst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr auftut, und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze dichtverschlungener Blätter zeigt, so daß man es nie vergißt, nicht müde wird, es zu wiederholen, und einen versieglichen, immer gegenwärtigen Schatz daran hat. Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten, und ahndet und ahndet, bis es auf einmal klar wird, daß es ein Bewohner der höhern Welt gewesen sei.“

„Auf einem dieser Schlösser, wo sie gegen Abend hinkamen, ging es fröhlich zu. Der Herr des Schlosses war ein alter Kriegsmann, der die Muße des Friedens und die Einsamkeit seines Aufenthalts mit öftern Gelagen feierte und unterbrach, und außer dem Kriegsgetümmel und der Jagd keinen andern Zeitvertreib kannte, als den gefüllten Becher.

Er empfing die Ankommenden mit brüderlicher Herzlichkeit, mitten unter lärmenden Genossen...  Das Gespräch lief über ehmalige Kriegsabenteuer hin. Heinrich hörte mit großer Aufmerksamkeit den neuen Erzählungen zu.

Die Ritter sprachen vom Heiligen Lande, von den Wundern des Heiligen Grabes, von den Abenteuern ihres Zuges, und ihrer Seefahrt, von den Sarazenen, in deren Gewalt einige geraten gewesen waren, und dem fröhlichen und wunderbaren Leben im Felde und im Lager. Sie äußerten mit großer Lebhaftigkeit ihren Unwillen, jene himmlische Geburtsstätte der Christenheit noch im frevelhaften Besitz der Ungläubigen zu wissen. Sie erhoben die großen Helden, die sich eine ewige Krone durch ihr tapfres, unermüdliches Bezeigen gegen dieses ruchlose Volk erworben hätten...

Die Ritter sangen mit lauter Stimme den Kreuzgesang, der damals in ganz Europa gesungen wurde:

Das Grab steht unter wilden Heiden;
Das Grab, worin der Heiland lag,
Muß Frevel und Verspottung leiden
Und wird entheiligt jeden Tag.
Es klagt heraus mit dumpfer Stimme:
»Wer rettet mich von diesem Grimme!«

Wo bleiben seine Heldenjünger?
Verschwunden ist die Christenheit!
Wer ist des Glaubens Wiederbringer?
Wer nimmt das Kreuz in dieser Zeit?
Wer bricht die schimpflichsten der Ketten,
Und wird das Heil'ge Grab erretten?

Gewaltig geht auf Land und Meeren
In tiefer Nacht ein heil'ger Sturm;
Die trägen Schläfer aufzustören,
Umbraust er Lager, Stadt und Turm,
Ein Klaggeschrei um alle Zinnen:
»Auf, träge Christen, zieht von hinnen.«

Es lassen Engel aller Orten
Mit ernstem Antlitz stumm sich sehn,
Und Pilger sieht man vor den Pforten
Mit kummervollen Wangen stehn;
Sie klagen mit den bängsten Tönen
Die Grausamkeit der Sarazenen.

Es bricht ein Morgen, rot und trübe,
Im weiten Land der Christen an.
Der Schmerz der Wehmut und der Liebe
Verkündet sich bei jedermann.
Ein jedes greift nach Kreuz und Schwerte
Und zieht entflammt von seinem Herde.

Ein Feuereifer tobt im Heere,
Das Grab des Heilands zu befrein.
Sie eilen fröhlich nach dem Meere,
Um bald auf heil'gem Grund zu sein.
Auch Kinder kommen noch gelaufen
Und mehren den geweihten Haufen.

Hoch weht das Kreuz im Siegspaniere,
Und alte Helden stehn voran.
Des Paradieses sel'ge Türe
Wird frommen Kriegern aufgetan;
Ein jeder will das Glück genießen
Sein Blut für Christus zu vergießen.

Zum Kampf, ihr Christen! Gottes Scharen
Ziehn mit in das Gelobte Land.
Bald wird der Heiden Grimm erfahren
Des Christengottes Schreckenshand.
Wir waschen bald in frohem Mute
Das Heilige Grab mit Heidenblute.

Die Heil'ge Jungfrau schwebt, getragen
Von Engeln, ob der wilden Schlacht,
Wo jeder, den das Schwert geschlagen,
In ihrem Mutterarm erwacht.
Sie neigt sich mit verklärter Wange
Herunter zu dem Waffenklange.

Hinüber zu der heil'gen Stätte!
Des Grabes dumpfe Stimme tönt!
Bald wird mit Sieg und mit Gebete
Die Schuld der Christenheit versöhnt!
Das Reich der Heiden wird sich enden,
Ist erst das Grab in unsern Händen.

Heinrichs ganze Seele war in Aufruhr, das Grab kam ihm wie eine bleiche, edle, jugendliche Gestalt vor, die auf einem großen Stein mitten unter wildem Pöbel säße, und auf eine entsetzliche Weise gemißhandelt würde, als wenn sie mit kummervollem Gesichte nach einem Kreuze blicke, was im Hintergrunde mit lichten Zügen schimmerte, und sich in den bewegten Wellen eines Meeres unendlich vervielfältigte...

Der Abend war heiter; die Sonne begann sich zu neigen, und Heinrich, der sich nach Einsamkeit sehnte, und von der goldenen Ferne gelockt wurde, die durch die engen, tiefen Bogenfenster in das düstre Gemach hineintrat, erhielt leicht die Erlaubnis, sich außerhalb des Schlosses besehen zu dürfen."

Benedetto Bonfigli, "Gonfalone di S. Francesco al prato", 1464

nachgetragen  am 13. September

Montag, 2. September 2019

Beiläufig über Kornblumen &

Die Gartenlaube (1887). S. 193, Originalzeichnung von A. Zick,
„Königin Luise bekränzt auf der Flucht nach Memel 
den Prinzen Wilhelm mit Kornblumen.“, hier gefunden

Die obige Abbildung folgt einer anderen Erzählung darüber, wie die enge Verbindung des Andenkens an die Königin Luise mit der Kornblume entstand, als die nachfolgende.

"Kornblume - ständige Begleiterin in Getreidefeldern"

"Die Lieblingsblume des deutschen Kaisers. 

Kaiser Wilhelm der Erste hat, wie man weiß, Blumen gern, und sein Geburtstagstisch ist stets mit einer Fülle der prachtvollsten Sträuße bedeckt, aber auch eine gar schmucklose Blume des Feldes, die Kornblume nämlich, darf unter ihren glänzenderen Schwestern niemals fehlen. Alle Söhne und Töchter der verewigten Königin Louise von Preußen bewahren für sie – im Andenken an die theure Dahingeschiedene – eine ausgesprochene Vorliebe, welche sich auf ein scheinbar höchst unbedeutendes Begebniß zurückführen läßt.

Die Königin Louise verlebte bekanntlich zwei Jahre – von 1806 bis 1808 – in Königsberg und bewohnte während der Sommermonate eine daselbst vor dem Steindammer Thore belegene ländliche Besitzung. Die Einsamkeit dieses Aufenthaltes, in welchem nur das Rauschen der alten Waldbäume, das helle Gezwitscher der Vögel und das Summen leichtbeschwingter Insecten die tiefe Stille unterbrachen, that dem leidenden Gemüthe der schwer geprüften Fürstin wohl. Hier wandelte sie oft mit ihren Kindern und sprach sanfte, treue Mutterworte zu ihnen, welche den Sinn, das Herz, ihren Geist bilden, ihren Charakter stählen sollten.

Daniel Christian Rauch, Kreuzbergdenkmal
Prinzessin Charlotte als Juno des Friedens, hier gefunden

Eines Morgens, als die Königin mit den Kindern sich wiederum in den Park begeben wollte, bot ein Landmädchen, welches mit einem Korbe voll Kornblumen neben der Gartenpforte stand, diese der hohen Frau an. Louise beschenkte, freundlich dankend, das Mädchen, und nahm die Kornblumen, über deren herrliche blaue Farbe die zehnjährige Prinzessin Charlotte sich voll Bewunderung äußerte, mit sich in den Garten. Als man auf einem Ruhesitze Platz genommen hatte, versuchte die Prinzessin, nach Anleitung der Mutter, von den Kornblumen einen Kranz zu winden, und so groß war die Freude über den gelungenen Ausfall dieser Arbeit, daß die gewöhnlich bleichen Wangen der Prinzessin vom hellsten Roth überhaucht wurden. 

Und als sie dann den vollendeten Kranz auf ihr schönes Haar drückte, stand er dem feinen, edel geschnitzten Gesichte so trefflich, daß die zuschauenden Geschwister, darunter auch der jetzige Kaiser, durch laute Ausrufe von ihrer Freude Kunde gaben. Was mochte in dem Herzen der Königin sich regen, als sie die Augen ihrer Kinder so froh erglänzen sah über eine Spende, deren materieller Werth sich kaum beziffern ließ?

Centaurea cyanus, hier gefunden

Die Gewalt der Waffen hatte dem theuern Vaterlande Unglück über Unglück gebracht; wer konnte ahnen, daß die jetzt mit einem Kranze von Feldblumen geschmückte Prinzessin einst das Diadem einer Kaiserin auf ihrer Stirn tragen würde? Wer konnte ahnen, daß das scheinbar vernichtete Preußen einst seinen schützenden Arm vom Fels zum Meere breiten und Louisens Sohn als deutscher Kaiser das geeinte Deutschland zu ungeahnter Machtstellung und Ehre erheben würde?

Allein die Königin sah in dem einfachen, durch schuldlose Freuden beglückten Sinn ihrer Kinder ein Eden erstehen, aus dem unvergängliche Quellen des reinsten Genusses sich ergießen mußten. In tiefer Rührung zog sie die Geliebten an ihr Herz, und die Kornblume, welche ihr so Schönes offenbart, wurde und blieb ihre und ihrer Tochter Charlotte Lieblingsblume.

Pjotr Fjodorowitsch Sokolow, Kaiserin Alexandra mit Tochter Maria

Als Charlotte zwanzig Jahre später als Kaiserin von Rußland ihre Heimath durch einen Besuch erfreute, glaubten die Bewohner von Königsberg in der mächtigen Kaiserin die angenehmsten Erinnerungen zu wecken, wenn die jungen Mädchen, welche beim Einzuge der Fürstin ihr Blumen streuten, mit Kränzen von Kornblumen geschmückt, vor ihr erschienen. Und sie hatten sich nicht getäuscht; die Kaiserin sprach ihren Dank und ihre Freude aus, daß man die Kornblume gewählt, um sie zu ehren."

Die Gartenlaube (1877). Heft 3, Seite 56

Mohn, Kornblume und Hundskamille an einem Feld

nachgetragen am 4. September

Sonntag, 1. September 2019

Sonntag & Karchow


Karchow liegt südwestlich von Röbel an der Müritz, noch hinter Bollewick, also schon sehr im Mecklenburgisch-Schwerinschen. Einmal im Jahr ist der Chor, dem ich angehöre, zum „Karchow-Fest“ dort, oder zumindest der Teil, der gerade mitten im Sommer dies bewerkstelligen kann.

Auf der Website der Christlichen Freizeit- und Bildungsstätte Karchow heißt es: „Seit 2005 sind Linda Psaute und die Gospelchöre von ‚Gospel-Union‘ mit der CFB Karchow verbunden.“ So ist es, aber was ist die CFB? Ich möchte über einen Verweis auf deren Website hinaus eigentlich nicht viel sagen, nicht aus Mangel an Sympathie, weiß Gott, aber formulieren wir es so: Man findet auf dem Büchertisch eher Schriften von Ulrich Parzany, der die Predigt hielt, oder Titel wie „Franz Eugen Schlachter - Ein Bibelübersetzer im Umfeld der Heiligungsbewegung“.

In letzterem lese ich gerade, und ohne weiter mit christlichen Spitzfindigkeiten langweilen zu wollen: Bei allem Wohlwollen für die Richtung des letzteren, wäre mir wohler, die lutherische Kirche in Deutschland als Ganze käme wieder zur Vernunft. Aber das ist wohl wie mit dem Wort vom Kamel und dem Nadelöhr.

Kulturell fremdle ich etwas, das merkt man vielleicht, inhaltlich kaum. Jedenfalls habe ich jetzt etwas über Ira D. Sankey erfahren, was ich unten gleich zur Anschauung, besser Anhörung bringen will.


Ira D. Sankey, Ninety and Nine

Es ist schon eine fremde Welt. Aber was ist nicht fremd auf Erden. Die nachfolgenden Bilder tauchen eigentlich nur auf, weil ich versprochen hatte, wenn ein paar vernünftige darunter sind, werde ich sie bringen. Und es ist schön, wenn Menschen ein wenig so herüberkommen, wie man sie über nunmehr Jahre kennengelernt hat.


Sie sollen ansonsten für sich stehen, die Bilder. Aber einem falschen Eindruck will ich doch vorbeugen. Es waren wirklich nur wenige, und in einem eilt jemand mit sehr herben Zügen durch‘s Bild, der eine ernsthaft fromme, doch zudem mitfühlende Natur hat, man sieht ihr das in dem Moment nur nicht so an. Ich bitte schon jetzt um Nachsicht. Es folgen weiter nur die Bilder.






Das heißt. Eins noch. Als wir um 12 Uhr unsere Generalprobe hatten, war das Wetter so unerträglich, daß eine reale Chance bestand, einige, darunter natürlich auch ich, würden zielsicher bald vom Podest kippen. Es wurde sogar beschlossen, auf die „Gewänder“, die ich gern als Nachthemden oder Bademäntel apostrophiere, zur jedesmaligen stumm-strengen Mißbilligung von Frau Psaute, der Chor-An-Führerin, zu verzichten.

Als dann der Chor tatsächlich auftrat, brachen gewittrige Regenfluten auf das wohlgefüllte Fest-Zelt hernieder. Die Temperaturen stürzten förmlich ab. Und alles war wunderbar. Einige nannten das verdammtes Glück, andere eine Gebetserhörung. Die gleiche Wirklichkeit, so unterschiedlich wahrgenommen, aber es war eben wirklich im selben Moment...


nachgetragen am 4. September

Samstag, 31. August 2019

Über Hunde & nur so zwischendurch II


Da hat die Sommer-Hitze zum Ende hin aber noch einmal alle Stinkdrüsen aufgemacht hat, wie das Volk gemeinhin so sagt. Egal. Daß Katzen einen an der Waffel haben, weiß ich (Bilder sind alle von früher).


Zur Erläuterung: Man sagt ja über Katzen, daß sie sich zum Niederkommen immer einen besonders sicher erscheinenden Ort wählen. Hah! Eine jedenfalls hatte offensichtlich davon nie nichts gehört.


Später lernte ich dasselbe über Menschen. Aber Hunde? Wo mich heute meine Einkäufe bedienten (irgendwie hat das Wetter wirklich nicht den Wetterbericht gelesen), in der kath. Kirche als Lutheraner der Hl. Jungfrau erklärte, daß sie heute besonders vorteilhaft aussähe etc. etc, stellte ich mein durch mich leiderprobtes Fahrrad neben zwei Hunde, einer davon von der Sorte ‚Ich bin groß und böse‘, beide ignorierten mich entgegenkommenderweise und preßten sich weiter gegen das Pflaster. Vielleicht hilft das ja. Alles etwa eine Handbreit entfernt.


Aber als ein Senior samt Gattin sich in zwei Meter Entfernung vorbei schoben, nichts weiter tuend als da zu sein – wurden die umgehend heftig verbellt. Und die Pointe? Als ich die Tierchen darob stumm strafend anschaute, fiel der Übeltuer in den vorigen Zustand zurück, eventuell schuldbewußt schauend, aber das kann auch Einbildung gewesen sein. Lebewesen und ihre Launen halt.


Freitag, 30. August 2019

Nur so zwischendurch


Ich merke, daß ich meinen recht größeren Beitrag über Potsdam, die Zeit & wie man ihr zu widerstehen vermag, die erwartbaren Themen eben, wohl nicht mehr die nächsten Minuten fertig bringen werde. Und bevor ich noch aus fehlgeleitetem Ehrgeiz etc. etc.

In der Residenz ist ja alles so fußläufig, wenn man da aus dem Bett fällt, landet man seinem Arzt vor den Füßen, und mit etwas Glück hatte man sowieso gerade einen Termin (und wird als Zugabe noch über das Sterbedatum unserer Königin Luise belehrt).

Ich wollte in meinem sonambulen Zustand eigentlich nur meine Zufriedenheit darüber aussprechen, ausgerechnet an diesen Gestaden gestrandet zu sein…

Aber den Anfang muß ich doch bringen, es ist sowieso nicht von mir und wer überhaupt, ist dieses „Ich“ eigentlich? Wir kennen es oft kaum…

"Kennen Sie die Geschichte von dem Japaner, der in Paris lebte? Es war Schnee, erster Schnee gefallen, solcher, der ganz weich auf allem liegenbleibt, jedes Ästchen in Kristall und Silber nacharbeitet. So etwas dauert nur ein paar Stunden, dann taut's weg, oder der Wind weht es herunter. Und der Japaner sagte sich, da werde ich ins Bois gehen: Vielleicht bekommt man davon noch etwas zu sehen. Aber es wird natürlich sehr voll sein, denn ganz Paris wird ins Bois strömen. Und der Japaner ging ins Bois und erfreute sich an den beschneiten Bäumen und Büschen, aber er traf keine Seele wegauf, wegab. Endlich kam ganz hinten ein kleines Männchen an, das immerfort stehenblieb und ganz entzückt um sich starrte. Und wie es näher kam, war's auch ein Japaner.“

Sonntag, 25. August 2019

Alphörner & Herder


Daß ich bei unserer Stadtkirche etwas fremdle, habe ich andernorts hinreichend ausgeführt (etwa mit „Glaube, Liebe, Hoffnung & Barmherzigkeit in der Stadtkirche zu Neustrelitz“). Und um noch einmal die Summe zu ziehen – von außen beeindruckt sie mit ihrer stillen Würde, innen hat sie überraschende Schönheiten, die sie aber irgendwie gut zu verstecken vermag. Ich fürchte, ihr Innenraum ist nicht recht gelungen. Wie auch immer.

Mit einigen Bildern will ich diesmal dagegenhalten. Oben hatten wir schon den Altarraum mit der Kreuztragung der Großherzogin Marie. Gegenüber die in Gold und Silber glänzende Grüneberg-Orgel.


Jeden Sonntag um 17.00 Uhr hat in der Stadtkirche derzeit noch im Rahmen des Orgelsommers 2019 eine Konzertreihe ihren Platz, die schon mehrfach Überraschendes bereithielt. Diesmal, fast hätte ich geschrieben Kuhhörner, nein, Alphörner.

Nun hab ich‘s nicht so mit den Alpen, mir geht da sämtliche Sentimentalität ab, aber das war doch recht imponierend. Ich kann nur die Akteure (neben dem hiesigen Kantor Lukas Storch) Katrin Vogel, Henning Storch und Andreas Frey nennen, man begebe sich selbst auf die Suche (dort ein kurzer Eindruck).


Keine Sorge, es folgt nichts Geistliches, jedenfalls nicht als Predigt, auch wenn unser Vater Luther darob mißbilligend gestimmt zu sein scheint und es gleich um den Weimarer Generalsuperintendenten Herder gehen soll.


Johann Gottfried von Herder wurde nämlich am 25. August 1744 in Mohrungen, Ostpreußen geboren, also vor 275 Jahren. Herr Morgenländer, der hier früher des öfteren auftauchte, erinnerte daran, seine Person gibt es noch immer, den Blog nicht mehr so recht.

Es ist der sehr schöne Anfang eines Poems (das dann leider abfällt) namens „Amor und Psyche auf einem Grabmal“. Und die Pointe. Dies gab es schon einmal an diesem Ort, übersetzt von Prof. Aue. Seine Übersetzung, die er noch einmal änderte, ist es wirklich wert, in Erinnerung gebracht zu werden, der Rest ist - Bilder, genauer gesagt Aufnahmen von farbigen Fenstern der Stadtkirche



Johann Gottfried von Herder 

Inmitten der Ewigkeit

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsre trägen Schritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen's nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.


Within Eternity

A dream, a dream is our being 
of mortal clay, 
as shadows on the waves are fleeing 
and fade away.
We measure progress by the ride of 
an hours' strife, 
and live, not knowing, right inside of 
eternal life…

Übersetzung / Translation by Walter A. Aue




nachgetragen am 26. August