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Mittwoch, 5. Mai 2021

Vier letzte Lieder, Richard Strauss & Jessye Norman

Richard Strauss, Vier letzte Lieder, Frühling, hier gefunden 


Hermann Hesse

Frühling


In dämmrigen Grüften

Träumte ich lang

Von deinen Bäumen und blauen Lüften,

Von deinem Duft und Vogelsang.


Nun liegst du erschlossen

In Gleiss und Zier,

Von Licht übergossen

Wie ein Wunder vor mir.


Du kennst mich wieder;

Du lockst mich zart.

Es zittert durch all meine Glieder

Deine selige Gegenwart!


Spring


In twilit clefts

I dreamed long

Of your trees und blue breezes,

Of your scent and birdsong.


Now you lie revealed again

In gleaming adornment

Flooded with light

Like a miracle before me.


You know me again,

You entice me tenderly.

Through all my limbs trembles

Your blissful presence!

Translation: © David Paley


Richard Strauss, Vier letzte Lieder, September, hier gefunden 


Hermann Hesse

September


Der Garten trauert,

Kühl sinkt in die Blumen der Regen.

Der Sommer schauert

Still seinem Ende entgegen.


Golden tropft Blatt um Blatt

Nieder vom hohen Akazienbaum.

Sommer lächelt erstaunt und matt

In den sterbenden Gartentraum.


Lange noch bei den Rosen

Bleibt er stehen, sehnt sich nach Ruh.

Langsam tut er die großen,

Müdgewordenen Augen zu.


September


The garden mourns,

Rain sinks coolly into the flowers.

Summer shudders

Peacefully towards its end.


Golden, one leaf after another

Drops from the high Acacia tree.

Summer smiles astonished and weak

Into the dying garden dream.


But still, by the roses,

It pauses and longs for peace.

And slowly closes its large

Now tired, worn eyes.

Translation: © David Paley


Richard Strauss, Vier letzte Lieder, Beim Schlafengehen,

hier gefunden 


Hermann Hesse

Beim Schlafengehen


Nun hat der Tag mich müd gemacht,

Soll mein sehnliches Verlangen

Freundlich die gestirnte Nacht

Wie ein müdes Kind empfangen.


Hände, laßt von allem Tun

Stirn, vergiß du alles Denken,

Alle meine Sinne nun

Wollen sich in Schlummer senken.


Und die Seele unbewacht

Will in freien Flügen schweben,

Um im Zauberkreis der Nacht

Tief und tausendfach zu leben.


Going to sleep 


Now that I am wearied of the day,

my ardent desire shall happily receive

the starry night

like a sleepy child.


Hands, stop all your work.

Brow, forget all your thinking.

All my senses now

yearn to sink into slumber.


And my unfettered soul

wishes to soar up freely

into night's magic sphere

to live there deeply and thousandfold.


Richard Strauss, Vier letzte Lieder, Im Abendrot, hier gefunden 


Joseph von Eichendorff

Im Abendrot  


Wir sind durch Not und Freude

gegangen Hand in Hand;

vom Wandern ruhen wir [beide]

nun überm stillen Land.


Rings sich die Täler neigen,

es dunkelt schon die Luft.

Zwei Lerchen nur noch steigen

nachträumend in den Duft.


Tritt her und laß sie schwirren,

bald ist es Schlafenszeit.

Daß wir uns nicht verirren

in dieser Einsamkeit.


O weiter, stiller Friede!

So tief im Abendrot.

Wie sind wir wandermüde--

Ist dies etwa der Tod?


At sunset


Through sorrow and joy

we have gone hand in hand;

we are both at rest from our wanderings

now above the quiet land.


Around us, the valleys bow,

the air already darkens.

Only two larks soar

musingly into the haze.


Come close, and let them flutter,

soon it will be time to sleep -

so that we don't get lost

in this solitude.


O vast, tranquil peace,

so deep in the afterglow!

How weary we are of wandering--

Is this perhaps death?

Translation from here

Die beigefügten englischen Übersetzungen sind gewissermaßen eine Geste des Respekts für Jessye Norman, die selbst derlei nicht bedurfte.

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Peter Schreier†

Altes Bachdenkmal (Leipzig), hier gefunden

Ein großes Sänger - Leben ist still in die Ewigkeit eingegangen.

Peter Schreier wurde am 29. Juli 1935 geboren. Seit 1943 bereitete er sich auf den Eintritt in den Dresdner Kreuzchor vor, der im Juli 1945 erfolgte. Rudolf Mauersberger erkannte dort den Charakter seines musikalischen Talents, das sich bereits in dieser Aufnahme von ca. 1947 zeigt: Eine geradezu rhetorische Stimmführung und Wachheit sowie ein Modulationsreichtum, der zugleich intensiv und genau zu sein vermag.


Peter Schreier (~1947): "Ich halte treulich still." BWV 466

Ich halte treulich still,
und liebe meinen Gott,
ob mich schon öftermals
drückt Kummer, Angst und Not.
Ich bin mit Gott vergnügt
und halt geduldig aus,
Gott ist mein Schutz und Schirm
um mich und um mein Haus.

Drum dank ich meinem Gott
und halte treulich still,
es gehe in der Welt,
wie es mein Gott nur will.
Ich lege kindlich mich
in seine Vaterhand
und bin mit ihm vergnügt
in meinem Amt und Stand.

Im Osten Deutschlands wuchs er bald vor allem als Bachinterpret in die Rolle einer musikalischen Institution hinein. Wer dort an Bach denkt, gerade mit seinen Kindheitserinnerungen, kommt schnell bei Schreier an. Daß die Partie des Evangelisten in dessen Passionen fast nicht mehr anders als durch ihn interpretierbar erschien, ist vielleicht aus diesem Zusammenfinden von Schreiers musikalischem Charakter und Bachs Ewigkeitsgeneigtheit erklärbar.

Schreiers Evangelist, der einen beträchtlichen Teil seines Ruhms ausmacht, ist bis heute unerreicht in seiner wie überindividuell abgelösten rein menschlichen Expression.

Nach dem Ausscheiden aus dem Kreuzchor studierte er an der Dresdner Musikhochschule, 1959 hatte er sein Operndebüt. Zu Bach trat mit großem Erfolg die Interpretation von Mozart-Partien, danach kam sogar Wagner dazu (1966 in Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen). Internationale Engagements folgten, etwa bei der Mailänder Scala oder der New Yorker Metropolitan Opera.

Später erarbeitet er sich als Sänger das Lied, wenn er auch kaum als der typische lyrische Tenor gelten kann. Man mag seiner Stimme eine technisch brillante Glätte vorwerfen, aber das ginge in die Irre. In dieser Aufnahme der "Mondnacht" von Robert Schumann wird vielleicht deutlich, warum.

Seine Stimme ist nicht kalt, aber auch nie auch nur von der Versuchung zur Sentimentalität gestreift, sie ist nicht perfekt im Sinne der schönsten aller denkbaren Tenor-Stimmen, sondern schön durch Genauigkeit und geistige Wachheit, mit der die Intensität eines Textes zum Leben erweckt wird. Diese Stimme verkörpert und vermittelt die Souveränität eines zutiefst integren und authentischen Charakters.


Mondnacht/Moonlit Night - Eichendorff, Schumann, P. Schreier

Joseph Freiherr von Eichendorff

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Moonlit Night

It was like Heaven's glimmer
caressing Terra's skin,
that in Her blossoms' shimmer
She had to dream of Him.

The breeze was gently walking
through wheatfields near and far;
the woods were softly talking
so bright shone ev'ry star.

And, oh, my soul extended
its wings through skies to roam:
O'er quiet lands suspended,
my soul was flying home.

Translation by Walter A. Aue

Ich wollte gern bei dieser Gelegenheit noch einmal eine der Übersetzungen des Prof. Aue anbringen, die hier zum ersten Mal erschien.

Zurück zu Peter Schreier. Im Juni 2000 hatte er seinen letzten Auftritt auf der Opernbühne als Tamino in der Zauberflöte, und auch hier ist die Begründung für sein Ende als Darsteller bezeichnend – Authentizität! Es sei nicht mehr glaubhaft, wenn er noch etwa als junger Prinz aufträte. Als Sänger trat Peter Schreier letztmals öffentlich am 22. Dezember 2005 in Prag auf, und er endete mit Bach.

Früh war er auch als Dirigent tätig, bei den Berliner Philharmonikern bis hin zum Los Angeles Philharmonic Orchestra. Nach seinem Ende als aktiver Sänger wirkte er noch für einige Zeit als Gesangslehrer, doch die letzten Jahre wurden von Krankheit überschattet.

Am 25. Dezember 2019 starb Peter Schreier im Alter von 84 Jahren in Dresden.

Sein Rolle als Evangelist ist nahezu ikonisch geworden. Die nachfolgenden 4 Stücke sind vom Ende der Matthäuspassion, es ist die Aufnahme Karl Richters mit dem Münchener Bach Orchester von 1971:


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 19/22

Nach Julia Hamari (Alt) beginnt ab 5.40 Min. Peter Schreier als Evangelist. Es ist aus dem Sterbekapitel des Evangeliums, beendet vom Chor mit:

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir,
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt du denn herfür!
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein!


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 20/22

Schreier eröffnet als Evangelist. Doch wenn man sonst nichts hören mag, den Chor von 1.20 bis 2. 15 Min über Matth. 27.54. („Aber der Hauptmann und die bei ihm waren und bewahrten Jesus, da sie sahen das Erdbeben und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen!“) - den muß man gehört haben.


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 21/22


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 22/22

Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!
Ruht, ihr ausgesognen Glieder!
Euer Grab und Leichenstein
Soll dem ängstlichen Gewissen
Ein bequemes Ruhekissen
Und der Seelen Ruhstatt sein.
Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein.

Und mit diesem Schlußchor, in dem das Grab Christi zum Flucht- und Ruheort der menschlichen Seele wird, wollen wir enden.

Von J. S. Bach ist dieser Eintrag in seine Bibel überliefert: „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart.“ Dieser Satz kann auch so gelesen werden, daß Musik über die Macht verfügt, ihn gegenwärtig zu machen, als Zwiegespräch zwischen Gott und der menschlichen Seele.

Peter Schreier aus Sachsen, Du getreuer Diener des Evangeliums und der göttlichen Musik:

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen, und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.

Freitag, 4. Oktober 2019

Jessye Norman - Im Abendrot


Richard Strauss - Vier letzte Lieder, IV., „Im Abendrot“ 
Jessye Norman & Gewandhausorchester Leipzig mit Kurt Masur,
 1982, hier gefunden 

Joseph von Eichendorff

Im Abendrot

Wir sind durch Not und Freude
gegangen Hand in Hand;
vom Wandern ruhen wir [beide]
nun überm stillen Land.

Rings sich die Täler neigen,
es dunkelt schon die Luft.
Zwei Lerchen nur noch steigen
nachträumend in den Duft.

Tritt her und laß sie schwirren,
bald ist es Schlafenszeit.
Daß wir uns nicht verirren
in dieser Einsamkeit.

O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendrot.
Wie sind wir wandermüde--
Ist dies etwa der Tod?

At sunset

We have through sorrow and joy
gone hand in hand;
From our wanderings, let's now rest
in this quiet land.

Around us, the valleys bow
as the sun goes down.
Two larks soar upwards
dreamily into the light air.

Come close, and let them fly.
Soon it will be time for sleep.
Let's not lose our way
in this solitude.

O vast, tranquil peace,
so deep in the evening's glow!
How weary we are of wandering---
Is this perhaps death?

Übersetzung hier gefunden

Da Jessye Norman davon ausging, eine Amerikanerin zu sein, wollen wir gelegentlich englische Übersetzungen beifügen. Sie selbst bedurfte solcherlei nicht, wie man aus diesem wunderbaren Gespräch leicht ersehen kann (Jessye Norman interviewed by Patrick Watson). Allein nur, in welcher Weise sie dort über das nachfolgende Lied spricht (ab etwa 5.44), zeigt, wie tief sie wußte, was sie sang. Musik solcher Art ist wie ein Haus für die Seele, zugleich in und außer dieser Welt.

Gustav Mahler / Friedrich Rückert: 
"Ich bin der Welt abhanden gekommen"
Jessye Norman mit Zubin Mehta 
und den New Yorker Philharmonikern, hier gefunden

Friedrich Rückert

Ich bin der Welt abhanden gekommen

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!

I am lost to the world…


Jessye Norman (2014)

Jessye Norman, geboren am 15. September 1945 in Augusta (Georgia), starb am 30. September in New York. Ich hätte gern ein Photo der Kirche (Mount Calvary Baptist Church) eingefügt, in der sie bereits als Vierjährige sang. Doch nicht nur in Leipzig kann man häßliche Kirchenneubauten errichten. Daher nehme ich stattdessen lieber eines der First Baptist Church, ebenfalls Augusta. Die Stadt wurde übrigens nach Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg benannt, der Mutter König Georgs III. 

First Baptist Church, Augusta, Georgia

In der Begegnung mit herausragenden Gestalten zeigen Menschen oft mehr von sich, als ihnen offenkundig bewußt ist. So in diesem Gespräch der „berühmte“ BBC Journalist Stephen Sackur, der in schwer erträglicher Weise seine Beschränkungen herausstellt und im Grunde nur in verschiedenen Variationen über Rassismus reden will. Und dabei nicht den Eindruck erweckt, an ihren geistig-musikalischen Einsichten wirklich Anteil zu nehmen. ("You almost suggest positive discrimination", jauchzt er einmal auf, und sie widerspricht heftig (21.50) - der Unterschied zwischen selbstgefälliger Attitüde und wissender Anteilnahme. Das hat zu genügen.) Nur ihrer souveränen Antworten wegen sollte man sich das Ganze antun. Denn dann hört man etwa von ihrem Vorbild Marian Anderson.


Marian Anderson; J. S. Bach: Johannespassion,"Es ist vollbracht"
(englisch), hier gefunden

Und ausgerechnet der verquere Herr Biolek läßt sie (auf Deutsch!) mit seinen verschusselten Fragen in dieser Sendung von 1993 so authentisch und persönlich erscheinen, wie dies nur tatsächlicher Respekt und aufrichtige Verehrung möglich machen.

„Königin der Oper, Kaiserin des Konzerts, Göttin des Lieds“ überschreibt Herr Manuel Brug seinen Nachruf, der trotz dieses Fanfarenstoßes sehr nuanciert und kenntnisreich ausfällt.

Und Herr Klonovsky schreibt in seinem mehr persönlichen Beitrag: "Die Norman hatte etwas Majestätisches." Und ihr Strahlen nach jedem Lied sei fast noch überwältigender gewesen als ihre Stimme selbst. Und auch in dem, was er sonst zu vermelden hat, tritt der Enthüllungsfaktor auf, den ich oben erwähnte.

Ich selbst möchte mich (auch beim Blick auf mein nächtliches Geschreibsel) von solchem lieber ausnehmen. Ja, sie hatte eine überwältigende Hoheit, mit der sie selbst ihre wundeste Empfindsamkeit der Welt stolz ins Gesicht schleuderte.

Und wie deutsch sie war, wenn sie Wagner oder Mahler sang. (Oder auch französisch. Wenn man viel Zeit hat - "Poème de l'Amour et de la Mer"; op. 19; Ernest Chausson.) Eine königliche Seele, die, durch die Reiche der Musik wandernd, diese singend in Besitz nahm.

Jessye Mae Norman ist jetzt in den Händen der Engel.

Herr schenke ihr Deinen Frieden.
Und das ewige Licht leuchte ihr.

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten und die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen und durch Christus, der für dich gestorben ist, soll ewiges Leben dich erfreuen.


Jessye Norman "Give Me Jesus", 1990

Give me Jesus

Oh when I come to die
Oh when I come to die
Oh when I come to die
Give me Jesus
Give me Jesus
Give me Jesus
You can have all this world
Give me Jesus!

Dark midnight was my cry...
Give me Jesus...
You can have all this world
Give me Jesus!
You can have all this world
Give me Jesus!

Dienstag, 11. Juni 2019

Gedanken-Späne

Olivier-Stanislas Perrin, L'atelier du menuisier

Wo gehobelt wird, daher so auch beim Nachdenken, fallen Späne. Gedanken-Späne gewissermaßen -  davon kann man sich sogar ein bequemes Lager machen, auf dem Gedanken-Abfall:


Misogynistisches

Gefühlte Wahrheiten bauen keine Brücken, auf denen man sich leidlich seines Lebens sicher sein könnte.

Die Idee der Wahrheit sei etwas, das sich Männer ausgedacht hätten, um Frauen zu demütigen.


Jean Philippe Rameau, Tristes Apprets Pales Flambeaux


Vom Angehen gegen das Schöne

Zu dem eher abgegriffenen Einwand, ein jeder empfände eben etwas anderes als schön: Auch Gefühle können irren, und tun dies sogar gewöhnlich. Eine Sache, mit bebender Stimme vorgetragen, wird davon nicht notwendig wahrer. Eher gilt der Verdacht des Gegenteils.

Die zeitgenössische Fürsorge für Denkmäler will sie dekontaminieren und einsargen. Eine „Kultur“ des Todes.

Was niedere Geister gegen das Schöne und insonderheit gegen die Kunst aufbringt, ist, was in beidem an das Transzendente rührt. Es würfe sie auf sich selbst zurück, würden sie sich stellen. Der niedrig Gesonnene will etwas besitzen, um es zerstören zu können. Allein dessen Dasein beleidigt seine Existenz.

Wenn das Böse meint, das Auslöschen der Dinge verleihe ihm Macht, dann scheint es zwar äußerlich richtig, aber es ist nicht wahr. Denn, der die Dinge ins Leben ruft, kennt sie und ihre gute und rechte Bestimmung und in Ihm bestehen sie fort.

Puritanismus, das ist die Blindheit des Fanatismus, als ob man sich erst die Augen ausstechen müßte, wenn man Gott recht dienen wolle, darum diese Feindschaft gegen alles Schöne, Bildwerke, Kathedralen, Theaterstücke, ja alles Sinnliche... Es ist die Verachtung von Gottes Schöpfung in dessen Namen.


John Keats: Endymion, A Thing of Beauty, read by Tom O'Bedlam,
hier gefunden, der Anfang findet sich hier übersetzt


Reaktionäres

Wirklichkeit ist ein rechtes Vorurteil und das Ausbleiben des Weltuntergangs eine weitere perfide Verschwörung.

Das Progressive ist eine Art von aggressiv fortschreitender Bewußtseinsstörung. Es existiert, um zu verfolgen.

Es ist es ein hilf- und sinnloses Unterfangen, jemandem mit Vernunftgründen kommen zu wollen, der Wahrheit für ein repressives Konstrukt hält.

Dem Linksverlorenen wird angesichts von Räuber- und Mörderbanden gewöhnlich ganz sentimental ums Herz.

Die Französische Revolution war das Laboratorium, in dem herausgeklügelt wurde, wie man das große Morden systematisch mit moralischem Hochgefühl amalgamieren könne.


Jean-Philippe Rameau, Les Indes Galantes


Gegenwarts-Belästigung

Was ein olfaktorischer Notstand ist, das ist mir aufdringlich einsichtig. Dagegen hilft Kernseife, oder nötigstenfalls etwas chemisch Erfreuliches aus der Sprühdose. Aber ein Klimanotstand? Davon will sich mir kein Begriff einstellen. Stehen die Bewohner solcher Gegenden in Gefahr, sich urplötzlich in Luft aufzulösen? Ist es von der Art, wie den Himmel wegen des amerikanischen Präsidenten (er lebe lang und gedeihlich) anzuschreien? Wir bleiben ratlos zurück.

Die Dinge sind zerstört und durcheinander geraten. Valle de los Caídos.

Eine auf Widerspruch zur Wirklichkeit hin angelegte Existenz kann diesen immer nur noch mehr eskalieren.

Sie haben sich so komfortabel in der Schuld der anderen eingerichtet. Doch die Toten erziehen zu wollen, wirkt leicht anachronistisch. Aber, daß etwas anachronistisch ist, allein, macht es natürlich noch nicht unwahr.

Der Widerwille gegen das Wieder-Erstehende ist der Haß gegen die Heilung.

Bei Mißdeutungen an Mißverständnisse zu denken, setzt den guten Willen des anderen voraus. Woher noch immer dieses Urvertrauen?

Kultur bedarf einer gewissen Anstrengungsbereitschaft. Eine rein biologisch anwachsende Masse garantiert noch keine Weisheit. Bildung, eine neue Bosheit, die sie aus ihren gewohnten Verhältnissen riß.

Die Springteufel des neuzeitlich Dahinplazierten.


Jessye Norman: "Im Abendrot" - Richard Strauss


Sentimentales

Leben ist etwas, das einem mitgespielt wird. Am wahrsten bleiben die Erinnerungen an das, was es nie gegeben hat.

Wenn ein Mecklenburger Visionen hat, betrinkt er sich und hofft, daß der Spuk bald wieder vorbei ist.

Wer kennt das nicht? Man ist klüger als man selbst, weiß aber keinen Gebrauch davon zu machen.

Man denkt leicht, daß die verwandte Sorge, das gleiche Interesse eine besondere Verbindung stiften müßten. Natürlich nicht. Eher gibt es dem Ressentiment einen neuen Spielboden.

Die Varianten des Unmöglichen genießen.

Was für ein Kehrrichthaufen unsere Gedanken sind.


Jessye Norman: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“,
G. Mahler/ F. Rückert, hier gefunden


Fremd-Kluges

"Einem König sollte nichts mehr am Herzen liegen, als so vielseitig, so unterrichtet, orientirt und vorurtheilsfrey, kurz so vollständiger Mensch zu seyn, und zu bleiben, als möglich. Kein Mensch hat mehr Mittel in Händen sich auf eine leichte Art diesen höchsten Styl der Menschheit zu eigen zu machen, als ein König."

"Ein wahrhaftes Königspaar ist für den ganzen Menschen, was eine Constitution für den bloßen Verstand ist."

Aber:

"Ein einstürzender Thron ist, wie ein fallender Berg, der die Ebene zerschmettert und da ein todtes Meer hinterläßt, wo sonst ein fruchtbares Land und lustige Wohnstätte war."

Georg Philipp Friedrich von Hardenberg

Hans-Dietrich Sander habe dies die "Tribunalstruktur" der marxistischen Kritik genannt. Und ich lese Tribalstruktur. Hm.

Ein junger Einwohner Kinshasas bei David Van Reybrouck: „Wie lange wird diese Unabhängigkeit noch dauern? Wann kommen die Belgier zurück?'“ Und das den Belgiern!

„Die Hierarchien sind himmlisch. In der Hölle sind alle gleich.“

Nicolás Gómez Dávila


Camille Saint-Saëns, Ave Verum, Motette zu 4 Stimmen

Samstag, 28. Juli 2018

Etwas Winter


Barthold Hinrich Brockes / Rezitation: Bettina Radener

Barthold Hinrich Brockes

Wintergedanken

Wie hat es diese Nacht gereift!
Mein Gott, wie grimmig stark muß es gefroren haben!
Wie schwirrt und schreit, wie knirrt und pfeift
Der Schnee bei jedem Tritt! Mit den jetzt trägen Naben
Knarrt, stockt und schleppt der Räder starres Rund,
Ja weigert gleichsam sich, den kalten Grund
Wie sonst im Drehen zu berühren.
Fast alles drohet, zu erfrieren,
Fast alles droht für Kälte zu vergehn.

Wie blendend weiß ist alles, was ich schau,
Sowohl in Tiefen als in Höhn;
Wie schwarz, wie dick, wie dunkelgrau
Hingegen ist der ganze Kreis der Luft,
Zumal da das noch niedre Sonnenlicht
Annoch nicht durch die Nacht des dicken Nebels bricht.

Es scheint, als könne man in einem greisen Duft
Die Kälte selbst an jetzt recht sichtbar sehn;
Sie fänget überall ergrimmt an zu regieren.
Drei Elemente selber müssen
Ihr schwer tyrannisch Joch verspüren
Und deren Bürger all das strenge Szepter küssen,
Das allem, was da lebt, Verlähmung, Pein und Tod,
Ja selber der Natur den Untergang fast droht. -

Laß aber, lieber Mensch, auch du, soviel an dir,
Dein Herz zum Mitleid doch bewegen,
Damit dein Liebesfeur dein armer Nachbar spür;
Komm, lindre seine Not mit deinem Segen.
Such ihm in scharfem Frost ein Labsal zu bereiten,
Damit, wie Hiob spricht, auch seine Seiten,
Wenn sie, durch deine Hülf erwärmt, dich preisen
Und so durch dich dem Schöpfer Dank erweisen.


Gottfried Keller / Rezitation: Otto Mellies

Gottfried Keller

Winternacht

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet' sie
An der harten Decke her und hin,
Ich vergeß' das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!


Antonio Vivaldi - L'Inverno (Winter), English Chamber Orchestra; 
Leonard Slatkin; José Luis Garcia, hier gefunden

Friedrich Hölderlin

Der Winter

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

Winter

When vanished and no longer seen are illustrations
of season, then arrive the winter hours:
the field is empty, mild seem its ablations
and storms blow to and fro with rains and showers.

As if a day for rest, so is this year's cessation
just like a questioning chord requesting consecration:
then Spring's becoming enters the creation
and Nature shines on Earth in glorious elation.

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue


François Couperin / Grigory Sokolov

Samstag, 24. Februar 2018

Nacht - Töne


Walther von der Vogelweide

Palästinalied

Nû alrêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge sihet
daz hêre lant und ouch die erde,
der man vil der êren gihet.
Nû ist geschehen, des ich ie bat:
ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat.

Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûz ir aller êre.
Waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein maget ein kint gebar,
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
Wol dir, sper, kriuze unde dorn!
Wê dir, heiden, daz ist dir zorn!

Dô er sich wolte übr uns erbarmen,
hie leit er den grimmen tôt,
er vil rîche durch uns armen,
daz wir kœmen ûz der nôt.
Daz in dô des niht verdrôz,
dast ein wunder alze grôz,
aller wunder übergenôz.

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, dâ er inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Dô er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
dô fuor er her wider ze lande.
Dô huob sich der juden leit,
daz er herre ir huote brach,
und daz man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc unde stach.

Dar nâch was er in dem lande
vierzic tage: dô fuor er dar,
dannen in sîn vater sande.
Sînen geist, der uns bewar,
den sante er hin wider zehant.
Heilic ist daz selbe lant:
sîn name, der ist vor gote erkant.

In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
und der arme den gewalt,
der dâ wirt an ime gestalt.
Wol ime dort, der hie vergalt!

Das Ding will gerade nicht aus den Ohren. Entweder ist diese Textvariante richtig oder eine andere, hier gibt es eine Übersetzung ins gegenwärtige Deutsch davon und und hier und dort sogar eine ins Englische. Und wenn das alles zu lesen ist, kann ich hoffentlich weiterschlafen.

Walther von der Vogelweide

Donnerstag, 21. Juli 2016

Nächtlich - dem 20. Juli nachgetragen

Weichselmünde, ein vergangener Ort

"Ich mache mir viel Gedanken darüber, was mit Deutschland in 50 Jahren sein wird." Es war in diesem versiegenden, beunruhigten Tonfall gesprochen, in dem man an lange verstorbene Verwandte denkt, die noch so lebendig sind. Im eigenen Geist, der sich auf eine andere Wanderschaft vorbereitet, wann immer sie ansteht.

Ich war selbst schuld, hatte ihr auf ihrem Bett ein paar Aktualitäten mitgeteilt, mit der beruhigend gemeinten Beifügung: In 50 Jahren beträfe uns beide das alles nicht mehr.
Darauf obige Antwort.

Sie ist besorgt, nicht überrascht. Und das erinnert mich (um viele Ecken) an die Worte eines in einem Film präsentierten erkennbar betagten Zeitzeugen, der sinngemäß sagte: 'Am Ende, als die Front an die Reichsgrenze kam (in Ostpreußen), dachten wir, nun ist er wenigstens vorbei, der Krieg. Denn ins Reich können sie doch nicht'.

Sie konnten.

Jännerwein - Durch Jede Stunde

Mittwoch, 20. Juli 2016

„Halleluja! Danke Neustrelitz!“ - ein Abend mit der Tanzkompanie


In einer deutschen Übersetzung eines britischen Romans voller Hingabe an aristokratische Untergänge gibt es das hübsche Wort - „Kkkitsch!“. Nur, bevor sich jemand die Mühe machen sollte weiterzulesen. Aber der Reihe nach, allein, es wird ein wenig mäandern.

Wir beginnen mit dem Anfang, besser noch vor dem Anfang. In einem verflossenen Staat wurde einmal ein „Staatliches Folklore Ensemble“ begründet. Nach der Wende knüpfte daran die „Deutsche Tanzkompanie“ im hiesigen Neustrelitz an.

Als ich meine Jugendzeit dort in einem Lokalarchiv für etwas mehr als ein Jahr verplemperte (im anderen Jahrtausend) schwärmte mir die Leiterin, die man von dorther dorthin abgeschoben hatte, etwas von einem 'sündigen Dorf' vor, war wohl ein Stück, gab's aber auch als Film anno 1940. Ein Spruch von ihr bleibt mir in dankbarer Erinnerung: “Worauf Sie keine Lust haben, das tun Sie dann auch gar nicht.“ In resigniert fröhlichem Einverständnis. Sie endete leider im Suff.


Das sündige Dorf (1940)

Wir springen in die Gegenwart. Leider ist für den überwiegenden Teil der demokratischen Partei (ich bin nun mal ein Mensch des 19. Jhts.) Kultur ein modisches Accessoire, man schmückt sich damit, will auch als geschmückt gesehen werden, aber dem Grunde nach ist es einem wurscht. Übertreibung?

Mir ist gerade entfallen, welche dieser Truppen 1996 ganz wichtig war, da betrug die Landesförderung für Theater etc. in diesem Ländle etwa 25 Mio. €. Seither war der Betrag auf nominal 35,8 Mio. gedeckelt. Gesunder Menschenverstand genügt, um auszurechnen, was dann über die Jahre hinweg passiert. Das soll übrigens bis 2020 so weitergehen. Es erinnert ein wenig an einen kleinen Horrorfilm, wo jemand eine Tür aufmacht, und die Dinge beginnen, rasant zu verschwinden.

Das war langweilig, aber notwendig, um zu zeigen, wie diese Typen hier gestrickt sind. Nicht alle, denn besagte Tanzkompanie sollte längst abgewickelt  sein, wurde aber von den lokalen Politikern noch einmal gerettet, für etwas mehr als ein Jahr, voraussichtlich. Wir schätzen das wahrlich nicht gering, denken uns aber unseren Teil.

Das war bisher nur wohlwollend, obwohl der Krach gestern einen rechtschaffen fast in den Wahnsinn trieb. Eine Dankesvorstellung war angesagt, in den Kulissen des 'weißen Rößl's', und bei der Generalprobe abends meinte ich bald, 'bevor du verrückt wirst, kannst Du da auch hingehen, vielleicht ist es von nahem weniger schlimm'. Nun ja. Vielleicht.

Heute tat ich mir die Vorstellung an. Das Publikum in der ausverkauften Arena war enthusiasmiert. Und ab jetzt bringe ich Bruchstücke vom Geschehen.

Nettes Harfengeklimper am Anfang. Feuer werden entzündet, musikalisch leicht folkloristisch begleitet. Die Eingangsbegrüßung spielt mit 'Residenz - Resistenz - Stadt' (neulich waren doch diese vielen gruseligen Fanfaren hier, der Moderator hatte die Worte verwechselt, also ein sog. Insider-Joke, es war aber auch sehr warm an jenem Tag).

Sinngemäß dann – wo einst die Herzöge residierten und jetzt Kunst und Kultur herrschen... – begrüßt werden die, die über eine kurzzeitig reaktivierte „Ferkelbahn“, eine stillgelegte Regionalstrecke, angerückt sind (das Lokalkolorit schimmert zum allgemeinen Vergnügen) – im kulturellen Heerlager des größten Landkreises der BR (Mein Jott).

„Wer Augen hat zu schauen...“, das Stichwort war also nicht fahrlässig gewählt. Gesungen wird – „Kein schöner Land...“, dann Trommelwirbel & leicht zigeunerische Folklore (?), gefolgt von eher tibetanischem (?) Höhlengesang, mit Begattungsandeutungen auf der Bühne. Wieder Folklore (mhd.? 'Rosen sollen gesund machen', ich saß in der letzten Reihe). Gefolgt von Byzantinischem (?). 2 Männer umtanzen sich jedenfalls, Kain & Abel (?), aber nein, es folgen wie gesagt Balzzeremonien o.ä.

Weiß gewandete Frauen unterbrechen das auf Russisch (das Publikum scheint es zu verstehen, Heiterkeit), andere Folklore, gefolgt von Rammstein und halbnackten Männern, die mit langen Wasserrohren spielen; sollte wohl an Speere erinnern.

2 Damen werden darauf barock untermalt. Man denkt zuerst: „Ah, das Pendant', aber die Musik reißt es heraus, eine Mezzosopranistin singt ein barockes Ave Maria auf Latein (sehr berührend übrigens, musikalisch etc., ein Lichtblick, obwohl es schon zunehmend dunkler wurde). Die Damen werden von dem Rest der Truppe umringt. Doch dieser zumindest musikalische Höhepunkt wird abrupt abgebrochen von den Cranberries und „Salvation“ (war mal sehr populär und klingt inzwischen entsprechend hohl).

Darauf ging der Mond unter, gesungen, die Tänzer auf dem Boden oder an einer Kletterwand, jedenfalls immer weiße Schuhe vor sich her tragend oder in der Nähe. Die Tänzerinnen spielen zu Nordeuropäischem (?) mit Vorhängen, unterbrochen von einem elektronischen Schneesturm; man birgt sich in einem Zelt, kriecht wieder heraus, macht einen Kreis zu folkloristischem Klimper-Geräuschen und indianisch Hallendem und mongolisch Tiefdröhn - Kehlendem, ein nettes Gewusel mit dramatischen Einlagen + Tonnen - Getrommel.

Die Nibelungen hier im Landestheater vor einiger Zeit waren großartig. Wir nähern uns aber jetzt dem Eingangswort mit K... (wofür die Tänzer nichts können, sie sind auch deutlich weniger ausgerutscht als bei der Generalprobe).

Schlußmonologe: „Wenn ich von hier weggehe... nach Neustrelitz, weil dort noch die Kultur lebendig ist“ - Großer Jubel (ein voriger „Joke“, nach China, weil er dort den größten hätte, bekam eher höfliche Heiterkeit). Man singt „Lieb Heimatland ade“ zu wuselnder südeuropäischer Folklore.

Und jetzt endlich wirklich der Schlußmonolog, sozusagen etwas verklemmt heraklitisch: „Ich mag Schwarzwälder Kirschtorte..., meine Zunge durchtanzt Schicht für Schicht..., Bäume haben auch Schichten, stützende Schichten, schützende...,  wie der Mensch von innen nach außen“.

Wir haben es fast überstanden. Meditationen über aufgefaltete und erodierende Gebirge folgen. Alte Kirchenfenster sind unten dicker als oben, denn auch Glas fließt. Alles fließt. Zellen erneuern sich, nach 7 Jahren - ein neuer Mensch. Alles fließt. Bewegung, Musik und Tanz. Alles tanzt – Planeten, Galaxien etc. pp. „Ich bewege mich, also bin ich, ich tanze, also bin ich. Wir sind Phönix. Wir kämpfen, leben, lieben, tanzen (Worte wiederholt mit unterschiedlicher Stellung). Halleluja! Danke Neustrelitz!“.

Wir sind durch und es folgte - Große Begeisterung. Kurz gesagt - Das sündige Dorf + Rammstein und eine gewisse Art von folkloristisch lärmender Langeweile (tut mir leid). Eine betagte Nachbarin erzählte mir danach im Verteidigungsmodus - „Aber die Jugend will das doch, was sollen sie denn sonst noch machen.“

Ich habe keine Ahnung. Jedenfalls haben sie zu ihren Wurzeln zurückgefunden und zum K., aber das erwähnten wir ja bereits.









Nachträge:

Die Bilder sind ganz gruselig, geben aber eine Idee (wie gesagt, letzte Reihe...). Mehr sollte es auch gar nicht sein. Als ich bei der Generalprobe einen ersten Versuch machte, grinste mich einer der Akteure herablassend an, und im aufleuchtenden Moment hinreichend verärgerter Erkenntnis hätte ich ihm am liebsten zugerufen - „Für solcherlei Bedürfnisse gibt es inzwischen ein Ding namens Internet.“ Aber dann hätte man sich auch schon gemein gemacht, und das wollen wir denn doch nicht.

Ich wünsche der Tanzkompanie von Herzen alles Gute. Wäre aber sehr dankbar für bessere Vorwände zu einer lang andauernden Zukunft.

Samstag, 9. Juli 2016

Nachträge


Zeit für Nachträge (wir waren etwas schreibmüde u.a.). Das Warten, Unterhaltsames geschähe vielleicht, welches das Pausieren der Essensbeiträge etwa aufwöge, sollte nicht belohnt werden. Also bleiben wir ereignisarm. Am 26. Juni durfte ich mit dem Chor den Herrn loben, in Feldberg, es war, einmal abgesehen davon, daß ich mir fast die Seele aus dem Leib geschwitzt hätte, angenehm. Das Eingangsbild zeigt besagte Kirche.


This I Believe (The Creed) - En esto Creo (El Credo)

Zufällige Begegnungen sind mitunter recht kurios. Es gibt da ein Stück – Our God is three in one – Creed (das Credo), eigentlich christliche Populärmusik aus Australien, ich finde das Arrangement unserer Frau Chorleiterin besser, um nicht zu sagen erwachsener, der Chor mag es, aber ich kann mich natürlich täuschen, die Zuhörer oft weniger. Wie auch ein offenkundig empfindsame junger Mann, der bemerkte, es habe ihn ganz traurig gemacht (aber als Zugabe gab dann ja immerhin etwas rhythmisch Fröhliches, das riß es wohl wieder heraus). Das obige Stück ist das Original in Spanisch, ich mag es eher noch, obwohl ich gar kein Spanisch kann.


Da dies bisher Essensbeiträgen vorbehalten war, ein kleiner Einschub, ich hatte für besagten Sonntag sogar etwas recht Nettes vorgekocht. Fleischklöße in Gemüsesuppe. Die Klöße wurden ziemlich gut - gemischtes Hackfleisch, Eier, gehackte Zwiebeln, wenig Semmelmehl, Muskat, soweit so bekannt, aber dazu gab es eine Art von Gewürz-Supergau - Mittelmeerkräuter, frisch gehackt als auch getrocknet, viel frischer Pfeffer, Einheimisches, wie Petersilie, das als grobe Zusammenfassung, mir fällt auch nicht mehr alles ein. Das Ergebnis war umwerfend, im guten Sinne. Aber ich hatte das Vergnügen nur für mich, daher auch keine Bilder.




Ach ja, die Katzen, sie kamen und sind wieder fort. Die Katzen-Mutter schaut mir gerade beim Schreiben zu. 4 Stück hatte sie vertrauensselig im Korbsessel hinter der Terrassentür abgelegt, und irgendwann entwickelten sie einen großen Eifer, unter den Küchenschränken zu verschwinden, wenn die Tür einmal auf war. Nett waren sie ja, aber es war zuviel. Freundliche Mitmenschen haben sie jetzt in ihren Garten verschleppt.


Um mit etwas Kuriosem fortzufahren: „Ach, ist schon wieder Kinderlandverschickung?“ Die Kaufhalle (Supermarkt) war am Abend auffallend belagert von jungen Menschen, die irgendwie, unter ethnologischen Gesichtspunkten, merkwürdig aussahen (aber ich bin ja auch aus dem vorvorigen Jahrhundert, mindestens, und da wird man etwas fremd zur Gegenwart). Nach meiner Frage stutzte die freundliche Dame an der Kasse kurz, verneinte dann aber ganz sachlich: „Nein, ist doch wieder Festival in Lärz“. Es gibt also doch noch Erinnerungen, die allgemein mitschwimmen.

Das Festival nennt sich Fusion, begann am 29. d. M. und zelebriert nach eigener Aussage eine Art „Ferienkommunismus“. Um die sozusagen poetische Eigenbeschreibung nicht vorzuenthalten: „Fernab des Alltags entsteht für vier Tage eine Parallelgesellschaft der ganz speziellen Art. Im kollektiven Ausnahmezustand entfaltet sich an einem Ort ohne Zeit ein Karneval der Sinne, indem sich für uns alle die Sehnsucht nach einer besseren Welt spiegelt.“

Es ist zum Glück ganz weit weg, jedenfalls nicht in Hörweite, wahrscheinlich schrecklich laut und subversiv, und wie eben gesagt, weit weg und schon wieder vorbei. Was man vom anderen Extrem nicht behaupten kann, es ist sehr wohl in Hörweite, und noch nicht vorbei, allerdings die Proben, und das ist der schlimmere Teil.




Sollten Sie etwas, daß sie sowieso nie mochten, in einer Dauerschleife ertragen müssen, wie etwa: „Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist“, nach der Hälfte abgebrochen und wiederholt, oder nach ¾ oder 7/8, gefühlt ewige Mal (oder: „Es muß was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden.“ Oder: „Die ganze Welt ist himmelblau.“ Oder als Krönung des Ganzen: „Im Salzkammagut, doa kamma gut lustig sein, wenn die Musi spielt, holdrio“), dann werden Sie für jeden Wolkenbruch dankbar, der das unvermeidliche Eintreten des Wahnsinnig-Werdens hinauszögert. Man kann natürlich auch bis nach Mitternacht Mozart hören, falls sich kein Regen einstellen will.

Die Schloßfestspiele führen diesmal folglich „Im weißen Rößl“ auf (etwa 200 Meter entfernt), inzwischen war verregnete Premiere, man weiß ab jetzt also wenigstens, wann Schluß ist. Und damit beenden wir den ersten Teil unserer Nachträge.


Mittwoch, 22. Juni 2016

Saule, Pērkons, Daugava


Saule, Pērkons, Daugava

Unter dem Datum des 18. Juni 2016 schrieb Herr Klonovsky „Wir – und ich habe keine Ahnung, wen genau ich damit meine, wer noch alles aus welchem Teil der Welt dazustoßen wird, ich bin ja ein gänzlich unrassistischer Chauvinist – wir Europäer sind noch lange nicht besiegt.“

Dies war seine sichtlich beeindruckte Reaktion auf die Darbietung von „Saule, Pērkons, Daugava“ durch einen lettischen Chor. Ich kann das durchaus verstehen, bin aber von so pedantischer Natur, daß ich gern genauer wissen will, was mich da zu überwältigen sucht. Es war recht mühsam.

Zunächst zum Text. Der Dichter Rainis (eigentlich Jānis Pliekšāns), eine offenbar reichlich widersprüchlich Gestalt, einerseits Sozialist mit Revolutionsambitionen, fühlte er sich andererseits den nationalen Mythen und Traditionen seines Landes tief verbunden, so daß er am Ende als angesehener Politiker und Literat im unabhängigen Lettland landete und nicht etwa wie sein zeitweiliger Weggefährte Pēteris Stučka als erster Volkskommissar der Justiz der UdSSR.

1916 schrieb er die patriotische Ballade Daugava, aus der das obige Stück stammt. Es spielte wohl eine Rolle in der Unabhängigkeitsbewegung am Ende des 1. Weltkriegs, aber soweit ich das nachvollziehen kann, ist bis 1989 die tatsächliche Bekanntheit eher fraglich. Das änderte sich jedenfalls während der 2. lettischen Unabhängigkeitsbewegung, als der Musiker und Komponist Mārtiņš Brauns 1988 „Saule, Pērkons, Daugava“ schuf, das bald in den Rang einer inoffizieller Nationalhymne aufstieg und bis heute populär blieb.


Saule, Pērkons, Daugava

Ich habe keine deutsche Übersetzung gefunden, zwar eine französische, die mir, da ich die Sprache nicht beherrsche, nicht wirklich half, aber auf einem Blog (der etwas verwaist wirkte, aber offenkundig über junge Menschen aus Nordeuropa handelte) sah ich in den Kommentaren immerhin endlich eine englische Übersetzung.

Die nun wiederum ins Deutsche zu übertragen, wäre eher albern; daher läuft es im folgenden weitgehend auf deren Inhaltsangabe hinaus (wobei andere englische Übersetzungen, die ich dann doch noch fand, teilweise recht abweichend übertragen, das Gedicht scheint ausgesprochen interpretationsoffen zu sein).

Es treten auf "Saule" (die Sonne), „Pērkons“ (der Donner) als alte lettische Naturgottheiten.  Der Fluß Daugava (Düna), der als eine Art lettischer Schicksalsfluß gilt, und „Latve“, die lettische Nation:

Saule setzte Latve dorthin, wo sich die Enden treffen, weißes Meer, grüne Erde, für Latve - der Schlüssel der Tore.
Für Latve - der Schlüssel der Tore, Daugava - der Wächter. Fremde Menschen stürmten die Tore. Ins Meer fiel der Schlüssel.
Blau leuchtender Donner nahm den Schlüssel von den Teufeln, Tod und Leben sind weggeschlossen. Weißes Meer, grüne Erde.
Saule setze Latve an das Ufer eines weißen Meeres, die Winde wirbelten Sand. Was sollen die lettischen Kinder trinken?
Saule bat Gott, die Daugava zu graben, Tiere gruben, Gott ergoß das Wasser des Lebens aus einer Wolke.
Das Wasser des Lebens, das Wasser des Todes strömten zusammen in der Daugava. Ich tauchte die Spitze eines Fingers hinein und fühlte beides in der Seele.
Das Wasser des Lebens, das Wasser des Todes, Wir fühlen beides in unserer Seele.
Saule ist unsere Mutter, Daugava lindert den Schmerz, Donner, der Töter des Teufels – er ist unser Vater.

Reichlich kryptisch und überraschend pagan. Eher eine Anrufung dieser längst versunkenen Götter, ein Heraufbeschwören der alten lettischen Mythen. Die Erwähltheit Lettlands macht es für fremde Mächte, Eindringlinge, „Dämonen“ begehrenswert. Das Land leidet an seiner Erwähltheit.

Offenkundig eine Anspielung auf die wechselhafte Geschichte des Landes, in der die herrschenden, aber auch (in unterschiedlichem Maße) kulturtragenden Schichten deutsch, schwedisch, polnisch und am Ende russisch sprachen, die Letten stellten vor allem die Landbevölkerung. Die nationale Selbstfindung begann spät im 19. Jahrhundert, es ist unklar, ab wann sich die Letten überhaupt als Nation empfanden. Die Unabhängigkeit im frühen 20. Jahrhundert endete bald in der Katrastophe, es war lange unklar, ob diese Nation bestehen bleiben würde.

Das ist nicht der Platz, um über lettische Geschichte zu räsonieren oder darüber zu spekulieren, wer mit den Dämonen denn nun wie gemeint sei. Noch mehr erstaunt, daß der Text vor den eigentlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts entstand, sie also gewissermaßen zu antizipieren scheint.

Wie auch immer, dies sollten nur ein paar Anmerkungen sein, damit man ggf. eine Ahnung erhält, was einen denn derart beeindruckt.


Martins Brauns - Saule Perkons Daugava

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Übrigens hatte ich  ja oben zum Artikel „Baltic religion“ in der Encyclopaedia Britannica verlinkt. So instruktiv der Artikel war, zwei Zitate kann ich nicht vorenthalten, bekanntlich gab es lange einen starken, auch kulturellen deutschen Einfluß auf die baltischen Gebiete, aber man darf das natürlich auch so sehen, nun ja:

„Historical documents, already partially compiled and published, could be expected to yield much more information. Their value, however, is made problematic by the fact that all such documents were written by foreigners, mainly Germans who, in the course of their centuries-long eastward expansion, subjugated the Baltic peoples and exterminated some of them.“

„Old religious beliefs have persisted because the Germans, after conquering the Baltic lands in the 13th and 14th centuries, made practically no attempt at Christianization and contented themselves with only economic gains.“