Donnerstag, 17. Mai 2018

Was Schönheit ausmacht – Sir Roger Scruton


„Why Beauty Matters“  – Sir Roger Scruton

„Why Beauty Matters“ ist ein Film der BBC von 2009, den Roger Scruton geschrieben hat und durch den er selbst führt. Um gleich zu Beginn mit einem Bekenntnis peinlich aufzufallen: Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon gesehen habe, aber jedes Mal versetzen mich diese 59 Minuten in eine  gleichzeitig aufwühlende als auch getröstete Stimmung. Mit anderen Worten, ich gerate in einen Zustand der Andacht.

Ich hatte schon länger vor, diesen Film vorzustellen, bin aber immer wieder vor der Aufgabe zurückgeschreckt. Überraschend fand ich jetzt Hilfe durch Richard Cocks vom Blog „The Orthosphere“, wofür ich nochmals danken will. Nachdem ich dort etwas näher umherlas, bin ich gleichzeitig auch reichlich eingeschüchtert (Nicht nur kennt er Plato, er ist ausgerechnet auch noch Mathematiker).

Dieses Dilemma gedenke ich, wie folgt zu lösen, ich werde einfach eine fan-artige Nacherzählung des Films abliefern (sub conditione Jacobaea) – zu mehr bin ich sowieso nicht fähig. Schon gar nicht werde ich Scruton selbst zu würdigen versuchen. Er hat eine wundervolle Seite, von der ausgehend darf sich jeder gern an ihm abarbeiten. Und sollte ich zu sehr versucht sein, doch zu kommentieren, werde ich das optisch kenntlich machen. Man überspringe diese Passagen dann einfach.

Zum Film

Wäre der Film ein Buch, dürfte man ihn wohl eine anti-moderne Kampschrift nennen. Ein Kritiker des „Guardian“, ein britisches Blatt, das völlig unverdächtig ist, Symathien für eine konservative Weltsicht aufzubringen, schrieb auch prompt: Wenn er von Häßlichkeit spreche, meine er Dinge, die nicht seinem Geschmack entsprächen. Und er würde genau die Beispiele anbringen, die erwartbar wären - Tracey Emins Bett, eine Skulptur der Chapman Brüder und einige heruntergekommene Nachkriegsgebäude etwa.

Dann fällt der bezeichnende Satz: „There's a reason people don't think of the world as ‚intrinsically meaningful‘ any more: because it isn't.“ Es gäbe einen Grund, warum Menschen die Welt nicht mehr als in sich sinnvoll ansehen würden – sie sei es nicht.

Damit bestätigt er zwar indirekt Scrutons Diagnose, die Welt würde in die Häßlichkeit stolpern, weil sie das Gespür für Sinn verloren habe, aber belassen wir es dabei. 2 Bilder sollen allerdings illustrieren, für welche Schönheiten sich Sir Scruton nicht erwärmen konnte. Im Fall von Reading greifen wir etwas vor, aber es paßt gerade so gut:

„Ich wuchs in der Nähe von Reading auf, einer viktorianischen Stadt mit terrassierten Straßen und gotischen Kirchen, deren Charme von eleganten öffentlichen Gebäuden und freundlichen Hotels vervollständigt wurde. Aber in den 1960er Jahren begannen sich die Dinge zu ändern.

Hier in der Mitte wurden die angenehmen Straßen zerstört, um Platz für Büroblöcke, eine Bushaltestelle und Parkplätze zu schaffen, ohne dabei Schönheit auch nur in Erwägung zu ziehen.“

„View of Reading from Caversham by Joseph Farington, 1793“, 

„The site of the Reading Civic Offices within the Reading Civic Centre 
after completion of demolition“, hier gefunden

Und einen Blick auf Tracey Emins ungemachtes Bett, eine „Installation“, nominiert für den „Turner-Preis“ darf man gern hier werfen. 2002 kommentierte der zuständige Minister Kim Howells den Preis übrigens derart wohlwollend: "Wenn dies das Beste ist, was britische Künstler hervorbringen können, dann ist die britische Kunst verloren.“ Es sei kalter mechanischer, konzeptueller „Scheiß“, der besonders pathetisch sei und symptomatisch für einen Mangel an Überzeugung. Das klingt doch nicht so nett. Aber zum Glück verstehe ich von diesen Dingen nichts.

Zurück zu Sir Scruton und zum Anfang seines Films:

Hätte man bis 1930 gebildete Menschen befragt - so beginnt er - was das Ziel von Poesie, Kunst oder Musik sei, so hätten sie geantwortet „Schönheit“. Und hätten sie diese nach dem Sinn dessen gefragt, würden sie erfahren haben, daß Schönheit einen Wert an sich hat, so bedeutsam wie Wahrheit und Tugend. Dann, mit dem 20. Jahrhundert, hätte die Schönheit aufgehört, wichtig zu sein.

„Die Kunst zielte zunehmend darauf, zu verstören und moralische Tabus zu brechen. Es war nicht Schönheit, sondern Originalität, wie auch immer erreicht und gleichgültig zu welchem moralischen Preis, die die Preise gewann. Doch nicht nur die Kunst wurde zu einem Kult der Häßlichkeit, auch die Architektur wurde seelenlos und steril. Und nicht nur unsere physische Umgebung nahm eine häßliche Gestalt an. Unsere Sprache, unsere Musik und unser Benehmen wurden zunehmend lärmend, egozentrisch und beleidigend, als hätten Schönheit und guter Geschmack keinen Platz mehr in unserem Leben.“

Ein Wort sei groß geschrieben über all diese häßlichen Dinge, und dieses Wort sei "ich". Mein Gewinn, meine Begehrlichkeiten, meine Vergnügungen. Und die Kunst habe als Antwort darauf nichts anderes zu sagen außer: "Tu es!"

„Ich denke, wir verlieren die Schönheit und darin besteht gleichzeitig die Gefahr, daß wir den Sinn des Lebens verlieren.“

Soweit die Eingangsbemerkung, die in eine förmliche Vorstellung einmündet:

„Ich bin Roger Scruton, Philosoph und Schriftsteller. Mein Beruf ist es, Fragen zu stellen. Während der letzten Jahre habe ich Fragen über Schönheit gestellt. Schönheit liegt seit über zweitausend Jahren  im Zentrum unserer Zivilisation. Von ihren Anfängen im antiken Griechenland an hat die Philosophie über die Stellung der Schönheit in Kunst, Poesie, Musik, Architektur und Alltag reflektiert.

Philosophen haben argumentiert, daß durch das Streben nach Schönheit wir die Welt in eine Heimat umgestalten. Wir gelangten dazu, das geistige Wesen unserer eigenen Natur zu verstehen. Aber unsere Welt hat der Schönheit den Rücken zugekehrt. Und darum finden wir uns umgeben von Häßlichkeit und Entfremdung.

Ich möcht Sie davon überzeugen, daß Schönheit wichtig ist. Das ist nicht einfach nur eine subjektive Sache. Es ist ein universelles Bedürfnis menschlicher Wesen. Wenn wir dieses Bedürfnis ignorieren, befinden wir uns in einer geistigen Wüste. Ich möchte Ihnen einen Weg zeigen, der aus dieser Wüste herausführt. Es ist ein Weg nach Hause.“

Die großen Künstler der Vergangenheit wären sich dessen bewußt gewesen, daß das menschliche Leben voll von Chaos und Leiden sei. „Aber sie hatten ein Heilmittel dafür, und sein Name war Schönheit. Das schön erschaffene Werk der Kunst bringt Trost in Trauer und Bekräftigung im Glück.“

Die Verzückung der heiligen Theresa, Santa Maria della Vittoria, Rom
von Giovanni Lorenzo Bernini, hier gefunden

Es zeige, daß das menschliche Leben wertvoll ist. Vielen modernen Künstlern sei dieser heilige Auftrag lästig geworden. Die Zufälligkeit des modernen Lebens könne nicht erlöst werden durch Kunst. Stattdessen solle sie herausgestellt werden.

Darauf folgt als Exempel Marcel Duchamp mit seinem berühmt-berüchtigten Urinal.

Zu meinem Bedauern muß ich hier abbrechen. Offenbar läßt meine Wachheit gerade doch zu sehr nach, ich will es also morgen fortsetzen (tatsächlich haben wir schon die Nacht auf Pfingstmontag), aber wie eingangs erwähnt, alles unter dem Vorbehalt „sub conditione Jacobaea“ (Brief des Jakobus 4, 13 - 15 „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen, und wißt nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“).

nachgetragen am 20. Mai

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