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Sonntag, 20. Mai 2018

Plato, Schönheit als Dialog mit Gott – Sir Roger Scruton IV


Anselm Feuerbach: Das Gastmahl. Nach Platon (2. Fassung)

Aus „Why Beauty Matters“, von Sir Roger Scruton (Min. 23.52 ff.):

„Plato, der im vierten Jahrhundert v. Chr. in Athen schrieb, argumentierte, daß Schönheit das Zeichen einer anderen und höheren Ordnung sei. Wenn du die Schönheit mit dem Auge des Geistes siehst, wirst du in der Lage sein, wahre Tugend zu erhalten und ein Freund Gottes zu werden.

Plato war Idealist. Er glaubte, daß Menschen Pilger und Reisende in dieser Welt sind, immer danach strebend, darüber hinaus zu gelangen, in das ewige Reich, in dem wir mit Gott vereint sein werden.

Gott existiert in einer transzendenten Welt, der wir Menschen zustreben, die wir aber nicht direkt kennen können. Aber eine Möglichkeit, einen Blick in diese himmlische Sphäre von hier unten zu erhaschen, ist die Erfahrung der Schönheit.

Dies führt zu einem Paradox. Für Plato war Schönheit zuerst und vor allem die Schönheit des menschlichen Gesichts und der menschlichen Form. Die Liebe zur Schönheit, dachte er, entspringt dem Eros, einer Leidenschaft, die wir alle fühlen. Wir können diese Leidenschaft romantische Liebe nennen.

Für Plato war Eros eine kosmische Kraft, die uns in Form von sexuellem Verlangen durchströmt. Aber wenn die menschliche Schönheit Lust und Verlangen erweckt, wie kann sie etwas mit dem Göttlichen zu tun haben?

Verlangen ist für das Individuum, das in dieser Welt lebt. Es ist eine drängende Leidenschaft. Sexuelles Verlangen stellt sich uns dar als eine Wahl:

Verehrung oder Begierde. Liebe oder Lust.

Lust handelt vom Nehmen, aber Liebe besteht im Geben. Lust bringt Häßlichkeit - die Häßlichkeit menschlicher Beziehungen, in denen eine Person die andere als wegwerfbares Mittel behandelt.

Um die Quelle der Schönheit zu erreichen, müssen wir die Lust überwinden. Diese Sehnsucht, frei von Lust, ist das, was wir heute mit platonischer Liebe meinen.

Wenn wir Schönheit in einer jugendlichen Person finden, dann deshalb, weil wir einen flüchtigen Blick erhaschen vom Licht der Ewigkeit, das von diesen Zügen herüber scheint aus einer himmlischen Quelle jenseits der diesseitigen Welt. Die schöne menschliche Form ist eine Einladung, sich geistig, nicht physisch mit ihr zu vereinen. Unser Gefühl für Schönheit ist aus diesem Grund eine religiöse und keine sinnliche Emotion.

Diese Theorie Platons ist erstaunlich. Schönheit ist ein Besucher, dachte er, aus einer anderen Welt. Wir können nichts damit anfangen, ausgenommen, über sein reines Strahlen nachzusinnen. Alles andere verunreinigt und entweiht es und zerstört seine heilige Aura.

Platons Theorie mag den Menschen heute wunderlich erscheinen, aber sie ist eine der einflußreichsten in der Geschichte. Durch unsere ganze Zivilisation hindurch wurden Dichter, Geschichtenerzähler, Maler, Priester und Philosophen inspiriert von Platos Ansichten über Sex und Liebe.“

Scruton zieht einige Bücher (Min 28.07 ff.) aus seinen Regalen, um Autoren zu bennen, die versucht haben, Platos Theorie über die Liebe auszudrücken: Thomas Mallory - Der Tod des Arthur, John Donne, Sir Gawain und der Grüne Ritter, Chaucer, die Gedichte des Pearl Manuskripts, Dante, Spencer - Die Feenkönigin u.a.

Sandro Botticelli: Die Geburt der Venus

„Die Göttin der erotischen Liebe – Venus - blickt von einem Ort jenseits des Verlangens auf die Welt. Sie lädt uns ein, unsere irdische Begierde zu überwinden und sich mit ihr durch die reine Liebe zur Schönheit zu vereinen.“

Botticellis Vorbild für sein Gemälde habe für ihn Platos Ideal repräsentiert - Schönheit ist dazu da, betrachtet zu werden, aber nicht, sie besitzen zu wollen.

"Plato und Botticelli erzählen uns, daß wahre Schönheit jenseits des sexuellen Verlangens liegt, so daß wir Schönheit nicht nur in einem begehrenswerten jungen Menschen finden können, sondern auch in einem altersvollen Gesicht, gezeichnet von Trauer und Weisheit. Solche, wie Rembrandt sie gemalt hat. Die Schönheit eines Gesichts ist ein Symbol für das Leben, das darin ausgedrückt wird. Es ist Fleisch, das Geist wurde.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn
Porträt einer dreiundachtzigjährigen Frau - Aechje Claesdr

Und wenn wir unsere Augen darauf richten, scheinen wir hindurch bis in die Seele sehen zu können. Maler wie Rembrandt sind bedeutsam darin, uns zu zeigen, daß Schönheit ein einfaches und alltägliches Ding sein kann. Es liegt um uns herum. Wir brauchen nur die Augen, um es zu sehen, und das Herz, es zu fühlen.

Das gewöhnlichste Ereignis kann in etwas Schönes verwandelt werden von einem Maler, der in das Herz der Dinge zu sehen vermag.

Solange wie ein Glaube an einen transzendenten Gott fest im Herzen unserer Kultur verankert war, dachten Künstler und Philosophen weiterhin an Schönheit in der Weise Platos. Schönheit war die Offenbarung Gottes im Hier und Jetzt.

Dieser religiöse Zugang zum Schönen dauerte 2000 Jahre an."

El Greco: Ausgießung des Hl. Geistes, hier gefunden

Mit dieser Fortsetzung der vorigen drei Beiträge sind wir zur Hälfte durch Sir Roger Scrutons Film hindurch und gewissermaßen auch ein wenig in Pfingsten angekommen, was die ursprüngliche Absicht dieser Reihe war. Letzteres ist mit einer gewissen Verzögerung gelungen.

Ab jetzt folgt wieder die Neuzeit. Nicht, daß wir vor ihr zurückschrecken würden, schließlich müssen wir in ihr leben, aber womöglich werden die Schritte sich etwas beschleunigen. Wir werden sehen.

nachgetragen am 22. Mai 

Samstag, 19. Mai 2018

Über das Göttliche der Schönheit & das Verbrechen der modernen Architektur – Sir Roger Scruton III

Frankfurt am Main, Stadtheilung I
Dom mit (abgerissenem) Technischen Rathaus, hier gefunden

"Schönheit wird aus zwei Richtungen angegriffen: Durch den Kult der Häßlichkeit in den Künsten und durch den Kult der Nützlichkeit im täglichen Leben.

Diese beiden Kulte treffen sich in der Welt der modernen Architektur. An der Wende zum 20. Jahrhundert, fingen Architekten wie Künstler an, unduldsam gegenüber der Schönheit zu werden und ersetzten sie durch Nützlichkeit.

Der amerikanische Architekt Louis Sullivan drückte das Credo der Modernisten aus, als er sagte, daß Form der Funktion folgt. In anderen Worten, hören Sie auf, darüber nachzudenken, wie ein Gebäude aussieht, und denken Sie statt dessen an das, was es tut. Sullivans Doktrin wurde benutzt, um das größte Verbrechen gegen die Schönheit zu rechtfertigen, das die Welt bisher gesehen hat, und das ist das Verbrechen der modernen Architektur.

Ich wuchs auf in der Nähe von Reading, einer viktorianischen Stadt mit terrassierten Straßen und gotischen Kirchen, deren Charme von eleganten öffentlichen Gebäuden und freundlichen Hotels vervollständigt wurde. Aber in den 1960er Jahren begannen sich die Dinge zu ändern. Hier in der Mitte wurden die angenehmen Straßen zerstört, um Platz für Büroblöcke, eine Bushaltestelle und Parkplätze zu schaffen, ohne dabei Schönheit auch nur in Erwägung zu ziehen.

Und die Ergebnisse beweisen, daß, wenn man nur Nützlichkeit berücksichtigt, die Dinge, die man baut, bald nutzlos sein werden. Dieses Gebäude ist verbarrikadiert, weil niemand etwas damit anfangen kann, und niemand kann etwas damit anfangen, weil niemand darin sein will. Niemand möchte darin sein, weil das Ding so verdammt häßlich ist.

Überall, wohin du dich wendest, herrscht Häßlichkeit und Vandalismus. Die Büros und der Busbahnhof wurden aufgegeben. Alles wurde verwüstet. Aber wir sollten nicht die beschuldigen, die dies taten. Dieser Ort wurde von Vandalen erschaffen, und diejenigen, die die Graffiti hinzufügten, haben das Werk bloß vollendet.

Die meisten unserer Städte haben Gebiete wie diese, in denen Gebäude, die nur für ihren Nutzen errichtet wurden, schnell nutzlos geworden sind. Nicht daß Architekten aus dieser Katastrophe gelernt hätten. Als die Öffentlichkeit anfing, sich gegen den brutalen Beton-Stil der 60er Jahre zu wenden, ersetzten die Architekten es einfach durch eine neue Art von Müll.

Glaswände hängen an Stahlrahmen mit absurden Details, die nicht zusammenpassen. Das Ergebnis ist einfach eine andere Art des Scheiterns im Zusammenfügen. Es ist nur da, um abgerissen zu werden.

Frankfurt am Main, Stadtheilung II
Dom-Römer-Projekt-Baustelle. 2012, hier gefunden

Inmitten all dieser Verwüstung finden wir ein Fragment der Straßen, die zerstört wurden. Einst eine Schmiede, jetzt ein Café. Es ist das letzte bißchen Leben, das übrig ist, und das Leben kommt von dem Gebäude.

Noch einmal Oscar Wilde: ‚Alle Kunst ist ganz und gar nutzlos. Stell die Nützlichkeit voran und du verlierst sie. Aber stell‘ Schönheit an die erste Stelle und was immer du tust, wird brauchbar bleiben für immer.‘

Es stellt sich heraus, daß nichts wertvoller ist als das Nutzlose. Wir sehen dies in der traditionellen Architektur mit ihren dekorativen Details. Ornamente befreien uns von der Tyrannei der Nützlichkeit und erfüllen unser Bedürfnis nach Harmonie. Auf eine seltsame Weise fühlen wir uns zu Hause.

Frankfurt am Main, Stadtheilung III
Der Hühnermarkt, 1903, hier gefunden

Frankfurt am Main, Stadtheilung IV
Stoltze-Denkmal, wiederhergestellter Hühnermarkt 
an Stelle des abgerissenen Technischen Rathauses, hier gefunden

Sie erinnern uns daran, daß wir mehr als nur praktische Bedürfnisse haben. Wir werden nicht nur von tierischen Trieben regiert, wie Essen und Schlafen, wir haben dazu auch geistige und moralische Bedürfnisse, und wenn dieses Verlangen nicht befriedigt wird, sind wir im Unfrieden mit uns selbst.

Frankfurt am Main, Stadtheilung V
Markt Blick vom Haus "zu den drei Römern" Richtung Dom

Wir alle wissen, wie es ist, selbst in der Alltagswelt, plötzlich von Dingen hinweggeführt zu werden, die wir sehen. Von der gewöhnlichen Welt unserer Begierden hin zur erleuchteten Sphäre der höheren Betrachtung.

Das Aufleuchten des Sonnenlichts, eine Melodie, die wir erinnern, das Gesicht eines geliebten Menschen, dies geht in uns auf in den abgelenktesten Momenten, und plötzlich ist das Leben wieder lebenswert.

Dies sind die zeitlosen Augenblicke, in denen wir die Gegenwart einer anderen und höheren Welt spüren. Seit dem Beginn unserer westlichen Kultur haben Dichter und Philosophen die Erfahrung der Schönheit gesehen, die uns zum Göttlichen ruft."

Kopf des Platon, römische Kopie


Zitate übersetzt aus „Why Beauty Matters“  – Sir Roger Scruton
wird fortgeführt, 
nachgetragen am 22. Mai als Fortsetzung der vorigen beiden Beiträge


Freitag, 18. Mai 2018

Was Schönheit ausmacht – Sir Roger Scruton II

Marcel Duchamp, Urinal "readymade", Photograph by Alfred Stieglitz

„Das Muster wurde vor fast einem Jahrhundert von dem französischen Künstler Marcel Duchamp geschaffen. Er signierte ein Pissoir mit der fiktiven Unterschrift R. Mutt und reichte es für eine Ausstellung ein (1917). Seine Geste war satirisch, gedacht, um die Welt der Kunst zu verspotten und den Snobismus, der mit ihr einhergeht.

Aber es wurde auf eine andere Weise interpretiert, er würde uns nämlich zeigen, daß alles Kunst sein kann.

1) Wie ein Licht, das an- und ausgeht.
2) Eine Dose Kot.
3) Oder sogar ein Haufen von Ziegelsteinen.

Nicht länger mehr hat Kunst einen heiligen Status, der uns zu einer höheren moralischen oder geistigen Ebene erhebt, sie ist nur eine menschliche Geste unter anderen, nicht bedeutungsvoller als ein Lachen oder Schrei.

‚Ich denke, sie machen sich über uns lustig. Es ist ein Haufen Ziegel!‘ (sagt eine Dame).

Kunst hat einst einen Kult aus Schönheit gemacht. Jetzt haben wir stattdessen einen Kult der Häßlichkeit. Da die Welt beunruhigend ist, sollte Kunst auch verstören.

Diejenigen, die Schönheit in der Kunst suchen, haben mit den modernen Realitäten nichts mehr gemein. Manchmal besteht die Absicht darin, uns zu schockieren. Aber was beim ersten Mal schockierend ist, wird langweilig und leer, wenn es wiederholt wird.

Das macht Kunst nunmehr zu einem ausgeklügelten Witz, der jedoch nicht mehr lustig ist, aber die Kritiker bekräftigen ihn weiter, aus Angst, sonst sagen zu müssen, der Kaiser habe gar keine Kleider an. Kreative Kunst wird nicht erzielt einfach dadurch, daß man eine Idee hat. Natürlich, Ideen können interessant und unterhaltsam sein, aber dies rechtfertigt noch nicht die Beschlagnahme des Begriffes "Kunst".

Wenn ein Kunstwerk nichts anderes als ein Einfall ist, kann jeder ein Künstler sein. Und jedes Objekt kann ein Kunstwerk sein. Es gibt nicht länger irgendein Verlangen nach Geschick, Geschmack oder Kreativität.“

Ein Gespräch

Moderator: „Was Sie auch versucht haben, so wie ich es verstehe, war, die Kunst als Objekt zu entwerten, einfach, indem Sie sagen, wenn ich behaupte, daß es ein Kunstwerk ist, dann ist es ein Kunstwerk.“

Duchamp: „Ja, das Wort Kunstwerk ist mir nicht so wichtig. Ich interessiere mich nicht für das Wort ‚Kunst‘, weil es so diskreditiert wurde.“

Moderator: „Aber tatsächlich haben Sie zur Diskreditierung absichtsvoll beigetragen.“
Duchamp: „Mit Absicht, ja! Ich möchte sie genauso loswerden in der Weise, wie viele Menschen heute Religion aufgegeben haben.“

Scruton kommentiert: „Die Leute akzeptierten Duchamps eigene Wertungen. Aber ich glaube, er ist nicht die Kunst losgeworden, sondern nur die Kreativität. Wie auch immer, Duchamps Arbeiten beeinflussen noch immer die Richtung der heutigen Kunst.“

Pieta, Michelangelo Buonarroti, hier gefunden

Ein anderes Gespräch: Eine Eiche - Michael Craig-Martin

„Der Künstler Michael Craig-Martin, der einige der jungen britischen Künstler unterrichtete, deren Werke die Kunstwelt beherrschen, folgte Duchamps Beispiel mit seinem eigenen wegweisenden Werk, das er ‚Ein Eichbaum‘ benannte. Dieses besteht aus einem Glas Wasser auf einem Regal mit einem Text, der erklärt, warum es ein Eichbaum ist.“

Scruton: „Als ich St. Peter zum ersten Mal betrat und mich mit Michelangelos Pieta konfrontiert sah, wurde das für mich zu einer verändernden Erfahrung. Mein Leben wurde dadurch verändert. Denken Sie, daß jemand die gleiche Erfahrung mit Duchamps Urinal oder Ihrem Eichbaum erleben könnte, der im Grunde eine ähnliche Sache ist?“

Michael Craig-Martin: „Ich weiß, als ich ein Teenager war und zum ersten Mal auf Duchamp stieß und zum ersten Mal auf die Ready-Mades, war ich absolut erstaunt. Ich denke nicht, daß Leute von einem Gefühl der Schönheit überwältigt werden, wenn sie das Urinal sehen, es soll nicht schön sein, aber das bedeutet nicht, daß es daran nichts gibt, das nicht die Vorstellungskraft fesseln könnte.

Und ich denke, daß die Phantasie gefangen zu nehmen, der Schlüssel zu dem ist, was ein Kunstwerk zu tun versucht. Duchamp fühlte, daß Kunst zu sehr an Techniken interessiert geworden war, zu interessiert an der äußeren Erscheinung. Er fühlte, daß sie intellektuell und moralisch korrupt geworden war.

Sein Beweggrund, ein Kunstwerk zu machen, das nicht zum System paßte, war nicht Zynismus, es war, um zu sagen, ich versuche, eine Kunst zu machen, die all die Dinge verleugnet, von denen die Leute sagen, Kunst müsse sie haben, weil ich versuche zu sagen Sie, daß die zentrale Frage der Kunst woanders liegt.“

Scruton: „Ich sehe den Punkt, daß die Dinge sich ändern mußten. Aber zu was wollte Duchamp sie ändern?“

Michael Craig-Martin: „Ich bin mir sicher, er hatte keine Ahnung, wie zentral das Ding war, über das er gestolpert ist - im Wesentlichen, daß ein Kunstwerk ein Kunstwerk ist, weil wir es als solches ansehen.“

"Ich denke auch, daß es wichtig ist zu sagen, daß der Begriff der Schönheit erweitert wurde. Ein Teil der Aufgabe des Künstlers besteht darin, jemanden dazu zu bewegen, etwas als schön anzusehen, von dem bisher noch niemand dachte es sei schön."

Scruton sarkastisch:  „Etwa wie eine Dose Scheiße?“

Michael Craig-Martin, lachend: "Nun, ich bin mir nicht sicher, ob es schön ist: Aber Sie sehen, wenn Sie ein Beispiel von etwas nehmen, das nicht versucht, schön zu erscheinen, wenn Sie Jeff Koons nehmen, Jeff Koons hat einige Dinge getan, die wirklich verblüffend schön sind."

Scruton: "Es sieht für mich so kitschig aus, Kitsch mit Zucker darauf."

Michael Craig-Martin: "Dies ist der Gegenstand seiner Arbeiten, nicht die Substanz seines Werks."

Scruton: "Was nutzt diese Kunst? Wozu verhilft sie Menschen?“

Michael Craig-Martin: "Ich denke, hoffentlich, diese Art von Kunst ermöglicht es Menschen, die Welt, in der sie leben, so zu sehen, daß sie ihnen mehr Bedeutung gibt. Es ist keine ideale Welt, irgendein anderer Ort, ein besserer Platz. Aber im Hier und Jetzt - in der Welt, in der sie sind, und in der sie versuchen zu leben - gelassener leben zu können, in der Welt, die ihnen gegeben ist."

Es ist mir gelungen, mich bisher mit Kommentaren zurückzuhalten. Aber mir fallen Begriffe auf, die ich vormerken will, „Substanz“, „schön“, ein gewisser Utilitarismus, Kunst mache die Existenz erträglicher indem sie sie gewissermaßen affirmiert. Immerhin eine Antwort. Übrigens muß ich um Nachsicht dafür bitten, daß ich nur den Kommentar des Films nachzeichne, nicht den Film als solchen, das erste ist schon mühsam genug. Eine Ausnahme: Mit den nächsten Bildern (und Worten natürlich) konterkariert Scruton ein wenig, nun ja, sagen wir sarkastisch, das eben Behauptete.

„Die Welt von heute zeigt uns also die Welt wie sie ist - das Hier und Jetzt mit all seinen Unvollkommenheiten. Aber ist das Ergebnis wirklich Kunst? Sicherlich wird etwas nicht zu einem Kunstwerk, nur weil es uns ein Stück Realität anbietet, Häßlichkeit eingeschlossen, und sich selbst Kunst nennt.“

„Kunst braucht Kreativität und Kreativität handelt vom Teil-Haben. Es ist ein Ruf an andere, die Welt so zu sehen, wie der Künstler sie sieht. Darum finden wir Schönheit in der naiven Kunst der Kinder. Kinder geben uns keine Ideen anstelle von kreativen Bildern, noch suhlen sie sich in Häßlichkeit.

Sie versuchen, die Welt so zu bestätigen, wie sie sie sehen, und zu teilen, was sie fühlen. Etwas von der reinen Freude des Kindes beim Erschaffen überlebt in jedem wahren Kunstwerk. Aber Kreativität ist nicht genug. Die Kunst des wahren Künstlers besteht darin, das Wirkliche im Lichte des Ideals zu zeigen und es so zu verwandeln.

David von Michelangelo, hier gefunden

Das ist es, was Michelangelo in seiner großartigen Darstellung des David gelang. Aber ein Betonabguß des David ist nicht im geringsten schön, denn es fehlt der wesentliche Bestandteil der Kreativität.

Diskussionen wie diese werden oft als gefährlich angesehen. In unserer demokratischen Kultur denken Menschen oft, es sei bedrohlich, den Geschmack einer anderen Person zu beurteilen.

Einige sind sogar durch die Vorstellung beleidigt, daß es einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Geschmack gäbe. Oder daß es zählt, worauf jemand sieht, was er liest oder hört. Aber das hilft niemandem. Es gibt Maßstäbe von Schönheit, die eine feste Grundlage in der menschlichen Natur haben und wir müssen nach ihnen suchen und sie in unser Leben einbringen.

Vielleicht haben die Menschen ihren Glauben an die Schönheit verloren, weil sie ihren Glauben an Ideale verloren haben. Alles, was es noch gibt, sind sie versucht zu denken, ist die Welt des Appetits. Es gibt keine anderen Werte als die nützlichen. Etwas hat einen Wert, wenn man es benutzen kann. Was der Nutzen von Schönheit?“

Oscar Wilde, 1889, hier gefunden

„Oscar Wilde schrieb: ‚Alle Kunst ist ganz und gar nutzlos.‘ Dem, der diese Bemerkung für einen Lobpreis hält. Für Wilde war Schönheit ein Wert, der höher steht als Nützlichkeit. Menschen brauchen nutzlose Dinge, genau so sehr, ja sogar mehr als Dinge mit einem Nutzen. Was ist der Gebrauchswert von

Liebe

Freundschaft

Verehrung.

Überhaupt keiner. Und dasselbe gilt für Schönheit. Unsere Konsumgesellschaft stellt den Nutzen an die erste Stelle, und Schönheit ist allenfalls ein Nebeneffekt. Und da Kunst nutzlos ist, ist es gleichgültig, was du liest, worauf du schaust, wem du zuhörst.

Wir werden belagert von Botschaften auf jeder Seite, angenehm erregend, verlockt vom Appetit, nie an etwas gerichtet, und das ist ein Grund, warum Schönheit aus unserer Welt verschwindet.

‚Dinge gewinnend und zurückgebend verschwenden wir unsere Kräfte,‘ schrieb Wordsworth. In unserer heutigen Kultur ist Werbung wichtiger als ein Werk der Kunst. Und Kunstwerke versuchen oft, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, so wie es Werbung sucht, indem sie frech oder unverschämt ist. Zum Beispiel Damien Hurst - Aus Liebe zu Gott. Wie Werbung zielen die heutigen Kunstwerke darauf ab, eine Marke zu schaffen. Selbst wenn sie außer sich nichts zu verkaufen haben.

Kopf des David von Michelangelo, hier gefunden

wird fortgesetzt, 
nachgetragen am 21. Mai als Fortführung des gestrigen Beitrages

Über das Göttliche der Schönheit & das Verbrechen der modernen Architektur

Donnerstag, 17. Mai 2018

Was Schönheit ausmacht – Sir Roger Scruton


„Why Beauty Matters“  – Sir Roger Scruton

„Why Beauty Matters“ ist ein Film der BBC von 2009, den Roger Scruton geschrieben hat und durch den er selbst führt. Um gleich zu Beginn mit einem Bekenntnis peinlich aufzufallen: Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon gesehen habe, aber jedes Mal versetzen mich diese 59 Minuten in eine  gleichzeitig aufwühlende als auch getröstete Stimmung. Mit anderen Worten, ich gerate in einen Zustand der Andacht.

Ich hatte schon länger vor, diesen Film vorzustellen, bin aber immer wieder vor der Aufgabe zurückgeschreckt. Überraschend fand ich jetzt Hilfe durch Richard Cocks vom Blog „The Orthosphere“, wofür ich nochmals danken will. Nachdem ich dort etwas näher umherlas, bin ich gleichzeitig auch reichlich eingeschüchtert (Nicht nur kennt er Plato, er ist ausgerechnet auch noch Mathematiker).

Dieses Dilemma gedenke ich, wie folgt zu lösen, ich werde einfach eine fan-artige Nacherzählung des Films abliefern (sub conditione Jacobaea) – zu mehr bin ich sowieso nicht fähig. Schon gar nicht werde ich Scruton selbst zu würdigen versuchen. Er hat eine wundervolle Seite, von der ausgehend darf sich jeder gern an ihm abarbeiten. Und sollte ich zu sehr versucht sein, doch zu kommentieren, werde ich das optisch kenntlich machen. Man überspringe diese Passagen dann einfach.

Zum Film

Wäre der Film ein Buch, dürfte man ihn wohl eine anti-moderne Kampschrift nennen. Ein Kritiker des „Guardian“, ein britisches Blatt, das völlig unverdächtig ist, Symathien für eine konservative Weltsicht aufzubringen, schrieb auch prompt: Wenn er von Häßlichkeit spreche, meine er Dinge, die nicht seinem Geschmack entsprächen. Und er würde genau die Beispiele anbringen, die erwartbar wären - Tracey Emins Bett, eine Skulptur der Chapman Brüder und einige heruntergekommene Nachkriegsgebäude etwa.

Dann fällt der bezeichnende Satz: „There's a reason people don't think of the world as ‚intrinsically meaningful‘ any more: because it isn't.“ Es gäbe einen Grund, warum Menschen die Welt nicht mehr als in sich sinnvoll ansehen würden – sie sei es nicht.

Damit bestätigt er zwar indirekt Scrutons Diagnose, die Welt würde in die Häßlichkeit stolpern, weil sie das Gespür für Sinn verloren habe, aber belassen wir es dabei. 2 Bilder sollen allerdings illustrieren, für welche Schönheiten sich Sir Scruton nicht erwärmen konnte. Im Fall von Reading greifen wir etwas vor, aber es paßt gerade so gut:

„Ich wuchs in der Nähe von Reading auf, einer viktorianischen Stadt mit terrassierten Straßen und gotischen Kirchen, deren Charme von eleganten öffentlichen Gebäuden und freundlichen Hotels vervollständigt wurde. Aber in den 1960er Jahren begannen sich die Dinge zu ändern.

Hier in der Mitte wurden die angenehmen Straßen zerstört, um Platz für Büroblöcke, eine Bushaltestelle und Parkplätze zu schaffen, ohne dabei Schönheit auch nur in Erwägung zu ziehen.“

„View of Reading from Caversham by Joseph Farington, 1793“, 

„The site of the Reading Civic Offices within the Reading Civic Centre 
after completion of demolition“, hier gefunden

Und einen Blick auf Tracey Emins ungemachtes Bett, eine „Installation“, nominiert für den „Turner-Preis“ darf man gern hier werfen. 2002 kommentierte der zuständige Minister Kim Howells den Preis übrigens derart wohlwollend: "Wenn dies das Beste ist, was britische Künstler hervorbringen können, dann ist die britische Kunst verloren.“ Es sei kalter mechanischer, konzeptueller „Scheiß“, der besonders pathetisch sei und symptomatisch für einen Mangel an Überzeugung. Das klingt doch nicht so nett. Aber zum Glück verstehe ich von diesen Dingen nichts.

Zurück zu Sir Scruton und zum Anfang seines Films:

Hätte man bis 1930 gebildete Menschen befragt - so beginnt er - was das Ziel von Poesie, Kunst oder Musik sei, so hätten sie geantwortet „Schönheit“. Und hätten sie diese nach dem Sinn dessen gefragt, würden sie erfahren haben, daß Schönheit einen Wert an sich hat, so bedeutsam wie Wahrheit und Tugend. Dann, mit dem 20. Jahrhundert, hätte die Schönheit aufgehört, wichtig zu sein.

„Die Kunst zielte zunehmend darauf, zu verstören und moralische Tabus zu brechen. Es war nicht Schönheit, sondern Originalität, wie auch immer erreicht und gleichgültig zu welchem moralischen Preis, die die Preise gewann. Doch nicht nur die Kunst wurde zu einem Kult der Häßlichkeit, auch die Architektur wurde seelenlos und steril. Und nicht nur unsere physische Umgebung nahm eine häßliche Gestalt an. Unsere Sprache, unsere Musik und unser Benehmen wurden zunehmend lärmend, egozentrisch und beleidigend, als hätten Schönheit und guter Geschmack keinen Platz mehr in unserem Leben.“

Ein Wort sei groß geschrieben über all diese häßlichen Dinge, und dieses Wort sei "ich". Mein Gewinn, meine Begehrlichkeiten, meine Vergnügungen. Und die Kunst habe als Antwort darauf nichts anderes zu sagen außer: "Tu es!"

„Ich denke, wir verlieren die Schönheit und darin besteht gleichzeitig die Gefahr, daß wir den Sinn des Lebens verlieren.“

Soweit die Eingangsbemerkung, die in eine förmliche Vorstellung einmündet:

„Ich bin Roger Scruton, Philosoph und Schriftsteller. Mein Beruf ist es, Fragen zu stellen. Während der letzten Jahre habe ich Fragen über Schönheit gestellt. Schönheit liegt seit über zweitausend Jahren  im Zentrum unserer Zivilisation. Von ihren Anfängen im antiken Griechenland an hat die Philosophie über die Stellung der Schönheit in Kunst, Poesie, Musik, Architektur und Alltag reflektiert.

Philosophen haben argumentiert, daß durch das Streben nach Schönheit wir die Welt in eine Heimat umgestalten. Wir gelangten dazu, das geistige Wesen unserer eigenen Natur zu verstehen. Aber unsere Welt hat der Schönheit den Rücken zugekehrt. Und darum finden wir uns umgeben von Häßlichkeit und Entfremdung.

Ich möchte Sie davon überzeugen, daß Schönheit wichtig ist. Das ist nicht einfach nur eine subjektive Sache. Es ist ein universelles Bedürfnis menschlicher Wesen. Wenn wir dieses Bedürfnis ignorieren, befinden wir uns in einer geistigen Wüste. Ich möchte Ihnen einen Weg zeigen, der aus dieser Wüste herausführt. Es ist ein Weg nach Hause.“

Die großen Künstler der Vergangenheit wären sich dessen bewußt gewesen, daß das menschliche Leben voll von Chaos und Leiden sei. „Aber sie hatten ein Heilmittel dafür, und sein Name war Schönheit. Das schön erschaffene Werk der Kunst bringt Trost in Trauer und Bekräftigung im Glück.“

Die Verzückung der heiligen Theresa, Santa Maria della Vittoria, Rom
von Giovanni Lorenzo Bernini, hier gefunden

Es zeige, daß das menschliche Leben wertvoll ist. Vielen modernen Künstlern sei dieser heilige Auftrag lästig geworden. Die Zufälligkeit des modernen Lebens könne nicht erlöst werden durch Kunst. Stattdessen solle sie herausgestellt werden.

Darauf folgt als Exempel Marcel Duchamp mit seinem berühmt-berüchtigten Urinal.

Zu meinem Bedauern muß ich hier abbrechen. Offenbar läßt meine Wachheit gerade doch zu sehr nach, ich will es also morgen fortsetzen (tatsächlich haben wir schon die Nacht auf Pfingstmontag), aber wie eingangs erwähnt, alles unter dem Vorbehalt „sub conditione Jacobaea“ (Brief des Jakobus 4, 13 - 15 „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen, und wißt nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“).

nachgetragen am 20. Mai

Samstag, 18. Juli 2015

Lieblosigkeit ist immer Irrtum - eine Predigt u.a. über Plato

Anselm Feuerbach,  Platos Symposion, 1874
hier gefunden

Herr Roloff hat sich an diesem Sonnabend sehr Erbauliches abgerungen, und ich war so schnöde, es an diesem Ort nicht sogleich mitzuteilen, weil ich aus alberner Eitelkeit zunächst vermeinte, auch noch etwas beitragen zu müssen. Dem ist aber nicht so. Höchstens das – aus Gründen habe ich doch lieber die kühlere erste Fassung des Feuerbach Gemäldes von 1869 auswählen wollen, eigentlich, was aber wohl aus Müdigkeit mißlang, wir lassen das jetzt so stehen, man findet sie aber hier. Und so folgt nun Herr Roloff, mit einiger Verspätung.

Platos Akademie heute 

Predigt zu einer Jubiläumsfeier am 18. Juli 2015 in Salzwedel

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Ihr Lieben, laßt uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
Liebe Brüder wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott, und jeder der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.
1 Joh 4,7

Liebes Silberpaar, liebe Festgemeinde,

es gibt eine sehr schöne Geschichte, die Aristophanes beim Gastmahl des Agathon erzählte, und die das Wesen der Liebe verdeutlichen soll. Die Menschen wären ursprünglich als Kugeln geschaffen worden mit jeweils vier Armen, vier Beinen und zwei Gesichtern. Die Götter hätten dann beschlossen, diese Wesen zu teilen und sie aufrecht gehen zu lassen. An der Seite der Teilung wurde die Haut kunstvoll zusammengezogen und dort verbunden, wo wir noch heute den Bauchnabel sehen.

Sofort, nachdem das zweifellos auch schmerzliche Werk vollbracht war, machte sich ein jeder Teil auf, um seine andere Hälfte zu suchen. Sobald er sie gefunden hatte, umarmte er sie und wollte sie am liebsten nicht mehr loslassen.

Diese Sehnsucht nach der anderen, nach der besseren Hälfte des eigenen Wesens, das wäre die Liebe, meinte Aristophanes.

Bemerkenswerter Weise lässt sich dieser Gedanke sogar in der Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes vermuten. Diese kann nämlich auch so erzählt werden, dass Gott die Welt schuf und sie in Himmel und Erde teilte, die Erde wiederum zerfällt in Meer und Land. Dann schafft er den Menschen und teilt ihn in Mann und Weib. Es hebt das Drama des Kosmos an, in dem sich Schöpfung und Geschichte immer wieder beeinflussen und durchdringen und durch die Zeiten stürmen.

Das alles bestimmende Prinzip dieses Dramas ist die Sehnsucht und die Suche nach der verlorenen ursprünglichen Einheit. Gerade darin spiegelt sich die Liebe Gottes, aus der die ganze Schöpfung hervorgegangen ist.

Alle Gebote und das Liebesgebot ganz besonders haben also keineswegs den Sinn, den Menschen zu beschränken und ihm willkürliche Grenzen zu setzen, sondern richten ihn auf sein eigentliches Wesen und auf seinen Schöpfer. Wer sich dem ganz überlässt, der bringt Gutes und Schönes hervor, und er kann erfahren, dass uns in der Liebe so etwas begegnet wie die Gravitationskraft alles Lebendigen. Sie ist eine zum Guten ordnende Gewalt. Ihr sollen wir uns mit unserem ganzen Leben aussetzen.

Mit diesem Gedanken gelangen wir geradezu auch in die Mitte des christlichen Glaubens. Diese wird nämlich vielleicht gerade dadurch bezeichnet, dass die Liebe sogar noch über dem Leben steht. Die Liebe bringt alles hervor. Die gesamte Schöpfung in ihrer unergründlichen Schönheit und Vielfalt ein Ausdruck für die Liebe Gottes, die an ihrem Anfang steht. Nur darum kann doch der Apostel schreiben: Denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren.

Wir Menschen dürfen Anteil nehmen an Gottes ursprünglicher Schöpfermacht. Wir treten tatsächlich in Verbindung zu Gottes Liebe. So groß, mächtig und heilig ist die Liebe in uns Menschen. Darin liegt die Bedeutung unseres menschlichen Lebens. Mit der Liebe tragen wir das Antlitz Gottes durch die Zeit. Überall, wo wir das tun, da erfüllen wir wahrhaftig die uns geschenkten Jahre.

Es wird aber auch noch etwas anderes möglich. Der Apostel drückt es mit den schlichten Worten aus: Jeder der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Bereits aus der archaischen Sprache des Alten Testaments scheint etwas davon auf, dass Liebe immer etwas mit dem Erkennen der Dinge zu tun hat. Unvergleichlich klarer aber bricht mit diesem griechischen Gedanken die Einsicht hervor, dass die Liebe die entscheidende Möglichkeit zur Erkenntnis ist.

Andreas Ritzos,  aus dem Leben des Hl. Johannes, 1. H. 15. Jh.
Dort wo wir Liebe üben, da beginnen wir immer auch, Gott zu verstehen. Dieser Zusammenhang stellt unsere ganze geistige Welt erst wirklich auf die Füße. Wir werden gewahr, wo wir Gott verlassen, da wird das Universum zur Sternenwüste in der wir als Kuriosität vorkommen. Wir wären Gefangene unserer Phantasien und Opfer der unerbittlich ablaufenden Zeit.

Die Gewissheit des Glaubens befreit uns aus diesem Alp. Die Zusage, Gott ist die Liebe, lässt uns an die äußerste Grenze der Welt greifen. Aus dem Chaos der Dinge wird ein von Gottes Liebe umschlossener und aus ihr hervorgegangener Kosmos, und unsere Liebe ist die Antwort auf sein Tun.

Wer darum nach Wahrheit sucht, der findet überall Liebe. Nur so konnte der Apostel schreiben: „Die Liebe höret nimmer auf“. Das heißt dann aber natürlich auch, Lieblosigkeit ist immer Irrtum. Liebe verbindet, mit dem eigenen Leben, mit anderen Menschen und auch mit Gott. Lieblosigkeit aber trennt uns, auch von unserem Schöpfer, sie wirkt den Tod. Nur die Liebe ist selbst dem Tode gewachsen, weshalb es im Hohelied Salomos auch heißt: „Liebe ist stark wie der Tod“. Nur die Liebe wird die Welt überdauern, weil sie schon zuvor gewesen ist. Sie ist fürwahr eine Himmelsmacht.

Es ist darum ein fatales Missverständnis, dass mit den Geboten, auch durch das Liebesgebot, gleichsam von außen in die Welt eingegriffen würde, weil sie sonst aus ihrem eigenen Lauf heraus im Verhängnis endete. Das Tun des Menschen aus eigenem Antrieb wäre dann immer Sünde, und das Gute erwächst daraus, dass wir uns bremsen, steuern, regulieren lassen. Ein solches Denken macht Gott geradezu zum obersten Polizisten. Das alles wäre ernüchternd und ist in meinen Augen auch falsch.

Die ganze Welt ist doch Gottes Schöpfung, und der Mensch, so wie er ist, ist Gottes Geschöpf. Die Begabung zur Liebe ist also von Anfang an in ihn hineingelegt.  Das heißt doch dann vor allem, dass wir die Liebe, die wir an dem einen Menschen entdecken, gegenüber allen Menschen üben sollen. Diese Beziehung zwischen unserer Liebe und der ursprünglichen Liebe Gottes ist der Weg des Menschen in die Freiheit.

Benedikt XVI. hat das so formuliert: „Gott ist nicht der Gegner unserer Freiheit, sondern ihr Grund; Nur die Liebe, die allmächtig ist, kann Grund angstloser Freude sein.“ Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen
Thomas Roloff

nachgetragen am 23. Juli

Freitag, 22. Mai 2015

Aufgelesenes zu Plato

Raffaello Sanzio da Urbino: Detail - "Schule von Athen"

„Die Götter philosophieren nicht, denn sie sind im Besitz der absoluten Wahrheit. Aber auch der völlig Unverständige philosophiert nicht; denn er bemerkt nicht seine Armut, und so fehlt ihm das Streben nach Vollkommenheit.“

„Denn gerade die Vertrauenden, welche das Endliche und Vergängliche des Lebens und des Daseins noch nicht vom Ewigen und Dauernden zu sondern gelernt haben, werden vom Schicksal mit unaufhörlichen Enttäuschungen überschüttet.“

„Aber der Philosoph sieht, daß wir alle noch Strebende und Werdende sind, und ist daher vor solchen Enttäuschungen bewahrt. Er verliert den Glauben an die Menschheit und an die Wahrheit nicht, denn er hat das Sterben im Leben gesehen. Er hat gesehen, wie jeder sich selbst fremd wird und gerade dadurch sich selbst findet. Er hat gesehen, wie Wünsche und Wissen wie Träume verwehen, aber nur dann, wenn reichere und bessere Wahrheiten sie vertreiben. Auch das hat er erkannt, daß die Seele von Natur dem Göttlichen zustrebt, d.h. dem Wahren und Guten an sich.“

„Das Denken aber erklärt Plato in tiefsinniger Weise als eine Unterredung mit sich selbst, über den Gegenstand des Nachdenkens.“

„Erkenntnis sollte gleich Wahrnehmung sein. Wahrgenommen wird aber nur das Gegenwärtige; also kann der Sensualist nichts über das Zukünftige mit dem Anspruch auf Zustimmung aussagen.“

„Wenn die Seele das Sein durch die Sinne ergreifen will, so wird sie unruhig und taumelt den Trunkenen gleich. Nicht durch die Sinne, sondern durch das Denken erkennt die Seele das wahrhafte Sein. Die Sinne erkennen nur das Wandelbare und Fließende; dagegen den Begriff, das identische Sein vermögen sie uns nicht zu geben. Sie zeigen uns die vielerlei Schönen, Gerechten usw., aber nicht das Schöne, Gerechte usw., an sich.“

„Und so ist alles Erkennen ein Wiedererinnern.“

„Indem nun so das Sinnliche aus der Idee begriffen wird, hat es an ihr teil.“

„Der Idee kommt kein absolutes Sein zu. Der Geist des Menschen glaubt jetzt nicht mehr, das Unbedingte mit endlichen Begriffen ausdrücken zu können... So hat die Wirklichkeit den Charakter der starren Unabänderlichkeit verloren.“

„Die Fehler und Gebrechen der Sophistik lagen nicht darin, daß sie auf das Subjekt und den Einzelnen hinwies, sondern daß sie diesen an Stelle des Gesetzes, an Stelle der Gemeinschaft setzen wollte. Wenn sich alte Formen objektiver Existenz, in denen sich die Seele bis dahin wiederfand, auflösen und die neuen noch in der Bildung begriffen sind, irrt der geistige Blick leicht vom Ziele ab und verwechselt Problem und Lösung.“

Stücke davon, wie Walter Kinkel, a. o. Prof. d. Philosophie zu Gießen Plato AD 1908 sah

Platos Akademie, Mosaik, Pompeji

„Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft theilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde. Eben so verließ Plato die Sinnenwelt, weil sie dem Verstande so vielfältige Hindernisse legte [so enge Schranken setzt], und wagte sich jenseits derselben, auf den Flügeln der Ideen, in den leeren Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte nicht, daß er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne, denn er hatte keinen Widerhalt gleichsam zur Unterlage, worauf er sich steifen und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen.“

Herr Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft, Einleitung