Sonntag, 31. Oktober 2021

Zum Reformationstag – ein Nachtrag

oder 

Über das Verdämmern des Evangelischen

Frauenbergkirche, die älteste Kirche von Nordhausen, das Langhaus wurde im 2. Weltkrieg zerstört, hier gefunden

Kehren wir kurz zu einem beiläufigen Ereignis zurück, geschehen in der kleinen Stadt Nordhausen in Thüringen. Es ist tatsächlich ein Randereignis (es gibt derer so viele, die in unserem Gemüt schlummern, wir werden sehen). Aber so nähern wir uns vielleicht schrittweise, vom Rand her, dem Eigentlichen. Der Strom des Gegenwärtigen hält uns mit seinen schrillen Aufregungen zu sehr vom Erinnern und Innehalten ab.

Ein 2015 nach Deutschland geflüchteter junger Afghane betritt die Frauenbergkirche in Nordhausen und nein, er sticht dort niemanden ab, ich müßte auch entschieden diese Assoziationskette verurteilen. Sondern er räumt deren Innenraum ein wenig aus. Dabei zerbricht u.a. ein mittelalterliches Kruzifix (das den letzten Weltkrieg überstanden hatte, die Stadt hatte in diesem beträchtlich zu leiden), also den Leib des Herrn, und erklärt dem interessiert hinzugeeilten Pfarrer, daß Jesus nicht Gottes Sohn sei, nun ja. Tempelreinigung oder Großreinemachen wären also folglich die passenderen Assoziationen. Das legt zumindest eine zögerliche öffentliche Stellungnahme der örtlichen „Kirche“ nahe.

Unter dem Titel „Unterwerfung auf Thüringisch“ kommentierte Marc Felix Serrao von der NZZ dazu: „Eine evangelische Kirche, die der Entweihung ihrer Gotteshäuser nichts entgegensetzt und Feinde ihres Glaubens nicht als solche erkennt, kann die Kreuze auch selbst abhängen.“ Im Grunde ist damit alles gesagt und man kann den ganzen Artikel dort nachlesen

St. Maria auf dem Berg, Nordhausen, hier gefunden

Aber wir wollen noch ein wenig an der erwähnten Stellungnahme entlangwandern. 

Zunächst wird die Assoziation mit einem Frühjahrsputz präsentiert:

„Eine Kirche wird ausgeräumt. Fein säuberlich werden die Stühle und Gesangbücher nach draußen ins Freie getragen und dort in Reihe sortiert. Es sieht nach einem verspäteten Frühjahrsputz oder nach anstehenden Reparaturarbeiten aus. Weder noch ist der Fall.“

Das zentrale Symbol des Glaubens wird also entwürdigt. Aber von Vandalismus oder gar Kirchenschändung mag man (anders als die Polizei) nicht reden, die Motive des gläubigen Muslim bleiben ihnen unklar (ach):

„Später wird im Polizeibericht stehen, dass der Ausräumer randaliert hat. Das war jedoch nach derzeitigem Stand der Dinge nicht sein Anliegen... Er wollte nach eigenen Angaben das Gotteshaus von dem befreien, was nach seiner Vorstellung dort nicht hineingehört. Er ist gläubiger Muslime und kommt aus Afghanistan... Was ihn ausgerechnet jetzt dazu bewogen hat, die Kirche am Nordhäuser Frauenberg leer zu räumen, bleibt im Dunkel.“

Jetzt muß dann aber doch ein vorsichtiges Wort der Distanzierung folgen:

„Für uns alle ist klar: das macht man einfach nicht – Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung – und es ist nicht das erste Fehlverhalten einem Gotteshaus und einer einladenden Gemeinde gegenüber.“

Sicherheitshalber, vermutlich, wird diese, nennen wir es Verurteilung, gefühlsmäßig abgefedert:

„Unter den zerbrochenen Gegenständen ist das mittelalterliche Kruzifix. Es hat den Bombenangriff auf die Kirche überlebt und stand seit jeher auch als Zeichen der Verletzlichkeit. Nun ist es verletzt, empfindlich sogar und die Gemeinde in ihrer Gastfreundschaft ist es auch... Wie viel Anfechtung und Infragestellung halten wir aus? Welche Antworten haben wir darauf? Wovon lassen wir uns in unseren Antworten leiten?“

Ein wenig Gefühlsexhibitionismus, gefolgt von jetzt aber viel wirklicher Distanzierung: Man flüchtet sich förmlich zu den kuscheligen Geßlerhüten der Gegenwart:

„Es ist erschreckend, mit wie viel Hass und rassistischen Äußerungen Menschen sich zu Wort melden.“  Und wenig später: „Dazu gehört aus unserer Sicht auf jeden Fall eine pauschale Verurteilung einer Volksgruppe, wie es in diesem Zusammenhang durch unseren Landrat in der Darstellung der nnz-online anklingt.“

Man ist also sogar entsetzt über den Fast-Rassismus des Landrats, natürlich nur „fast“, man will ja auch nicht justiziabel werden.

Die ganze Sache hat ihr Gutes, durchaus! Der brave Mann hat beim Zerbrechen des Kruzifix uns gewissermaßen einen Denkanstoß gegeben. Sein Gott sei gepriesen dafür.

„Mit Blick auf den Reformationstag ist auch zu fragen, ob nicht in unseren Vorstellungen und religiösen Vollzügen Gegenstände oder Gewohnheiten herausgeräumt werden müssen, weil sie uns den Blick auf Jesus Christus verstellen.“

Dann treibt man noch ein wenig Voodo-Theologie (übrigens empfiehlt die Rechtschreibprüfung hier als Ersetzung „Konzilstheologie“ (sic!) tatsächlich):

„Eine Kernaussage der Reformation ist: der Mensch ist vor Gott nicht gerechtfertigt durch sein Tun, sondern allein aus Gnade. Nicht die Tat macht den Menschen aus, sondern die Annahme, dass Gottes Gnade in gleicher Weise allen Menschen gilt.“

Voodoo, denn, man benutzt Dinge und macht mit ihnen einen ganz eigenen Zauber. Die Rechtfertigungslehre meint nicht, daß man fröhlich tun dürfe, was immer man wolle, sondern es gibt einen Weg der Rückkehr, nämlich den der Buße usw. Aber das wissen diese Hallodris alles. Es lohnt nicht weiterzureden. Am schönsten ist der Schluß

„Aufmerksam und geduldig, aber auch Grenzen aufzeigend, arbeiten wir an Wegen des Miteinanders in einer pluralen Welt.“

Allein dieser Satz ist semantische Umweltverschmutzung. Eher könnte man einen Tintenfisch festnageln.

Seine Sprache verrät den Menschen: Solange es um Fragen des Glaubens geht, ist sie bei dieser amtskirchenofiziellen Reflexion der unerfreulichen Begebenheit weich, mehrdeutig, rundgeschliffen (damit man auch ja nicht „erwischt“ wird), Eunuchensprache eben. Aber wenn es um das neue „Eigentliche“ geht, da wird sie dann sehr energisch. 

St. Maria auf dem Berg, Nordhausen, hier gefunden

Unser einziger Herr und Erlöser Jesus Christus und die allerseligste Gottesmutter mögen uns bewahren und leiten.

St. Maria auf dem Berg, Nordhausen, hier gefunden

wird fortgesetzt,

nachgetragen am 18. November


Samstag, 30. Oktober 2021

Auf Reisen

Neustrelitz, Bahnhofsvorplatz



Potsdam, Alter Markt







Potsdam, Nikolai-Kirche

Potsdam, Neue Post

Potsdam, Alte Post, Neubau

Dazu wollen wir denn doch etwas sagen.

Als die Alliierten 3 Wochen vor Kriegsende noch eben Potsdam auslöschen wollten, traf es auch die „Alte Post“, einen der schönsten Barockbauten aus der Zeit Friedrich II. (1783 von Georg Christian Unger). Da die Außenmauern stehen blieben, hätte man wieder aufbauen können, aber man wollte nicht.

Das „Haus des Reisens“ zeigte an: Es gibt keine Geschichte, und es tat dies in bemerkenswerter Häßlichkeit, bis auf eine Skulptur, die ein wenig versöhnte und erhalten blieb (die Metallplastik „Flugschiff“ von Peter Rohn verwies auf die Funktion des Hauses, und sie hat überlebt, irgendwo). 

Denn auch dieses Gebäude wurde abgerissen, glücklicherweise. Mysteriöserweise gibt es in Potsdam immer noch über die üblichen Parteigrenzen hinweg das Bemühen, die größten Deformierungen des Nachkriegsaufbaus zu heilen. Es kam also zu einem Neubau, nicht so: 

Oder so:

Sondern so:

Irgendjemand bei der Berliner Volksbank hatte wohl den Ehrgeiz, möglichst noch einiges an Rekonstruktion zu verhindern und mehr Moderne hineinzudrücken (natürlich nur verschwiemelt und nicht ehrlich erklärt, wie man hier nachlesen kann, oder hier). Egal. Man vergleiche einmal  jenes mit diesem: 

Da ist jetzt wenigstens Proportion, eine gefällige Fassade und eine Ahnung von Erinnerung. Nicht das pure Grausen der Leere wie zuvor.

Und da der Potsdamer Architekt Christian Wendland noch einiges des zur Vernichtung Vorgesehenen retten konnte, erheben sich wieder Skulpturen über dem Attikageschoß. Ursprünglich die damals bekannten vier Kontinente Europa, Asien Afrika und Amerika, sowie Merkur und Fama darstellend.

Letztlich ist dies eine tröstliche Geschichte. Wenn es doch nur zahlreiche mehr davon gäbe.

nachgetragen am 4. November

Sonntag, 24. Oktober 2021

Goldener Oktober-Sonntag & zwei lyrische Gegenstimmen







Friedrich Rückert

Herbsthauch


Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,

Hoffst du von Tagen zu Tagen,

Was dir der prangende Frühling nicht trug

Werde der Herbst dir noch tragen!


Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,

Immer zu schmeicheln, zu kosen.

Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,

Abends verstreut er die Rosen.


Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,

Bis er ihn völlig gelichtet.

Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,

Was wir geliebt und gedichtet.





Heinrich Heine

XLII.


Verdroß’nen Sinn im kalten Herzen hegend,

Reis’ ich verdrießlich durch die kalte Welt,

Zu Ende geht der Herbst, ein Nebel hält

Feuchteingehüllt die abgestorbne Gegend.


Die Winde pfeifen, hin und her bewegend

Das rothe Laub, das von den Bäumen fällt,

Es seufzt der Wald, es dampft das kahle Feld,

Nun kommt das Schlimmste noch, es regen’t.

Dienstag, 12. Oktober 2021

Zu einem vorläufig geflickten Topf

Ein Eintrag über eine Petitesse, doch eine nachdenkenswerte. 

Als ich fast gestern einen neuen Topf für die Küchenkräuter kaufte (ja, auch ich lebe in dieser Welt, selbst wenn ich mit ihr zunehmend weniger anfangen kann), stand am bekannten Platz des Wegräumens bald eine ältere, mehr unscheinbare Frau hinter mir. Lassen wir es so. 

Die verbitterte Ungeduld des Alters, die schnell zu mir drang, erzeugte wohl ärgerlicherweise ein schlechtes Gewissen, dazu Hast, sie ließ mich unachtsam werden, der Topf rutschte durch die Finger, fiel zu Boden und, obzwar schon im Behältnis, nahm erwart- und hörbar Schaden. Ein kurzer Fluch von mir...

Und sie blühte auf. Als hätte sie das jahrelang ersehnte und fast schon aufgegebene Kompliment ihres Lebens bekommen.

Die Wut, Unsinn, der Unmut, hat den Schaden auf dem Rückweg sicher vergrößert, aber war das falsch? Man sollte seinen Gefühlen ihr Recht lassen. Und bei der Gelegenheit: Nichts verdirbt so sehr den Charakter, wie immer gut sein zu müssen. 

Mit der Hilfe von Silikon geriet das Ganze dann zu einem Erlebnis herzerwärmend wundersamer Archäologie. Der geflickte Topf wird nicht lange halten, ja, ich weiß Rilke:

"Wir ordnens. Es zerfällt.

Wir ordnens wieder und zerfallen selbst."

Aber. Wir sollten dem Bösen das letzte Wort nie lassen.