Sonntag, 31. März 2019

Über Bach oder das 5. Evangelium - Teil 1

Altes Johann Sebastian Bachdenkmal in Leipzig
von Norden, hier gefunden

Wie erklärt man musikalische Tiefe? Mit welchen Worten zeigt man auf, wie das Schöne eine Brücke zum Transzendenten schlägt? Gar nicht. Man kann es nicht, naturgemäß. Man mag auf überraschende Techniken hinweisen, anspruchsvolle Innovationen, die Perfektion des Handwerks also; aber das wird nie zum Kern vordringen, es hat immer etwas von einem dekonstruierten Tanz oder einem Erklär-Bild.

Nietzsche & andere Stimmen zu Bach

Auch große Geister können da mächtig neben die Tasten greifen. Etwas Nietzsche gefällig?

„Sebastian Bach. — Sofern man Bachs Musik nicht als vollkommener und gewitzigter Kenner des Kontrapunktes und aller Arten des fugierten Stiles hört, und demgemäß des eigentlichen artistischen Genusses entraten muß, wird es uns als Hörern seiner Musik zumute sein (um uns grandios mit Goethe auszudrücken), als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf. Das heißt: wir fühlen, daß hier etwas Großes im Werden ist, aber noch nicht ist: unsere große moderne Musik. Sie hat schon die Welt überwunden, dadurch daß sie die Kirche, die Nationalitäten und den Kontrapunkt überwand. In Bach ist noch zu viel krude Christlichkeit, krudes Deutschtum, krude Scholastik; er steht an der Schwelle der europäischen (modernen) Musik, aber schaut sich von hier nach dem Mittelalter um.“

Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band, Nr. 149, Sebastian Bach

Das ist in sich derart inkonsistent, daß wir es einfach so zur Abschreckung für sich stehen lassen wollen.

Das folgende Cembalokonzert mag für sich sprechen, nur zuvor noch ein Zitat aus den Kommentaren dazu:

"This is Bach, the composer, playing Gould, the instrument."


Glenn Gould spielt J.S. Bach, Cembalo-Konzert d-Moll BWV 1052

Wer eine recht eingängige Kurz-Beschreibung des Besonderen von Bachs Harmonik hören will, schaue sich das nachfolgende Video von einem Herrn Rick Beato an und gehe am besten gleich auf Minute 9.00 ff., er beschreibt dort eine Akkordauflösung, die sich bis zum 20. Jahrhundert so nicht wieder finde, nicht bei Mozart, nicht bei Beethoven...


„What Made Bach Great?“ 

Übrigens geht der berühmte Satz vom „5. Evangelium“ (und damit folglich vom 5. Evangelisten) wohl auf den schwedischen Bischof Nathan Söderblom zurück, auch wenn er meist als Zitat von anderen überliefert  wird. Aber in einem Vortragsmanuskript von 1919 z.B. findet man ihn dann doch:

"Wenn Sie mich nach einem fünften Evangelium fragen, dann zögere ich nicht, die Interpretation der Heilsgeschichte zu erwähnen, die ihren Höhepunkt in Johann Sebastian Bach erreichte".

Wo wir gerade bei Lobreden sind: Wenn jemand etwas Wertvolles kennt, daß er gewissermaßen nach dem letzen Schiffbruch mit sich reißen wollte, um zu überleben. Was wäre es? Bach? Nach der Meinung von Mendelssohn-Bartholdy offenbar schon. Denn laut Robert Schumann habe er über Johann Sebastian Bachs "Schmücke dich, O liebe Seele" (BWV 654) mit dem "innigsten Ausdruck" geäußert: „Wenn mir das Leben alles genommen hätte, dies Stück würde mich wieder trösten“. Allerdings soll er über Carl Philipp Emanuel eben auch im Verhältnis zu seinem Vater gesagt haben: „Es wäre als wenn ein Zwerg unter die Riesen käme“.

Letzterer hat allerdings an einem Nekrolog mitgeschrieben, der sich 1754 in der "Musikalischen Bibliothek" findet und in ihm dem etwa steht:

„Hat jemals ein Componist die Vollstimmigkeit in ihrer größten Stärke gezeiget; so war es gewiß unser seliger Bach. Hat jemals ein Tonkünstler die versteckten Geheimnisse der Harmonie in die künstlichste Ausübung gebracht; so war es gewiß unser Bach. Keiner hat bey diesen sonst trocken scheinenden Kunststücken so viele Erfindungsvolle und fremde Gedanken angebracht als eben er... Seine Melodien waren zwar sonderbar; doch immer verschieden, Erfindungsreich, und keinem anderen Componisten ähnlich. Sein ernsthaftes Temperament zog ihn zwar vornehmlich zur arbeitsamen, ernsthaften, und tiefsinnigen Musik; doch konnte er auch, wenn es nöthig schien, sich besonders im Spielen, zu einer leichten und scherzhaften Denkart bequemen.“

Johann Abraham Birnbaum rupft Johann Adolf Scheibe

Die Änderung des Zeitgeschmacks, die sich hier andeutet, wird bei einem Johann Adolf Scheibe bereits 1738 deutlich ausgesprochen: Nachdem er ihn erst für seine spielerische Virtuosität in den höchsten Tönen gelobt hat, schlägt er dann zu:



„Dieser grosse Mann würde die Bewunderung ganzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit hätte, und wenn er nicht seinen Stücken durch ein schwülstiges und verworrenes Wesen das Natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzugrosse Kunst verdunkelte… Kurz: Er ist in der Music dasjenige, was ehmahls der Herr von Lohenstein in der Poesie war. Die Schwülstigkeit hat beyde von dem natürlichen auf das künstliche, und von dem erhabenen auf das Dunkle geführet; und man bewundert an beyden die beschwerliche Arbeit und eine ausnehmende Mühe, die doch vergebens angewendet ist, weil sie wider die Natur streitet.“

Schwulst und Dunkelheit also. Bachs Freund Johann Abraham Birnbaum war darüber so aufgebracht, daß er im selben Jahr seine Replik drucken ließ. Nur fällt sie derart ausführlich aus, daß wir allenfalls Proben davon bringen können. Sie ist übrigens höchst vergnüglich zu lesen und findet sich vollumfänglich hier.

"Es wird der Herr Hof-Compositeur ferner beschuldiget, daß er seinen stücken durch ein schwülstiges und verworrenes wesen das natürliche entzöge. Dieses ist so hart, als dunckel geredet. Was heist schwülstig in der Music?" So fragt Birnbaum als erstes, um alsdann Beispiele für Schwulst anzubringen und schließlich zu urteilen:

"Allein dergleichen von dem Herrn Hof-Compositeur nur zu dencken, geschweige zu sagen, wäre die gröbste schmähung. Dieser componist verschwendet ja eben nicht seine prächtigen zierrathen bey trinck- und wiegen liedergen, oder bey andern läppischen galanterie stückgen. In seinen kirchenstücken, ouverturen, concerten und andern musicalischen arbeiten, findet man auszierungen, welche denen hauptsätzen, so er ausführen wollen, allzeit gemäß sind. Der verfasser hat also etwas gesagt, welches darum nichts ist, weil es dunckel und nicht erwiesen werden kann..."

Der Kritiker selbst also ist jener, der Dunkles hervorbringt. Dann nimmt er sich den andern Vorwurf vor:

"Was heist in der Music verworren? Man muß ohnfehlbar die wortbeschreibung von dem was man überhaupt verworren nennet zu hülffe nehmen, wenn man errathen will wohin des verfassers meinung gehe. So viel weis ich, daß verworren dasjenige heisse, was keine ordnung hat und dessen einzelne theile so wunderlich untereinander geworfen und in einander verwickelt sind, daß man, wo ein jedes eigentlich hin gehöre, nicht absehen kann.“

Meine der Kritiker dies, so daß bei Bach „alles dermassen durcheinander gehe, daß man nicht daraus klug werden könne“, so müsse er Birnbaum über den Verfasser der Kritik „faßt glauben, daß einige verwirrung in seinen gedancken vorgegangen sey, welche ihm das, was wahr ist, zu finden nicht erlaubt.“ Denn:

„Wo die regeln der composition auf das strengeste beobachtet werden, da muß ohnfehlbar ordnung seyn. Nun will ich nimmermehr hoffen, daß der verfasser den Herrn Hof-Compositeur vor einen übertreter dieser regeln halten wird.“

Altes Bachdenkmal in Leipzig 
Holzschnitt nach einem Aquarell von Eduard Bendemann

Und hierauf gibt Birnbaum eine wunderbare Schilderung davon, wie Bach die Stimmen traktiert:

„Ubrigens ist gewiß, daß die stimmen in den stücken dieses grossen meisters in der Music wundersam durcheinander arbeiten: allein alles ohne die geringste verwirrung. Sie gehen mit einander und wiedereinander; beydes wo es nöthig ist. Sie verlassen einander und finden sich doch alle zu rechter zeit wieder zusammen. Jede stimme macht sich vor der andern durch eine besondere veränderung kenntbar, ob sie gleich öfftermahls einander nachahmen. Sie fliehen und folgen einander, ohne daß man bey ihren beschäfftigungen, einander gleichsam zuvorzukommen, die geringste unregelmäßigkeit bemercket. Wird dieses alles so, wie es seyn soll, zur execution gebracht; so ist nichts schöners, als diese harmonie."


Bach - Musikalisches Opfer BWV 1079

Und schließlich zum Vorwurf der Unnatürlichkeit:

"Viel dinge Werden von der natur höchst ungestallt geliefert, welche das schönste ansehn erhalten, wenn sie die kunst gebildet hat. Also schenckt die kunst der natur die ermangelnde schönheit, und vermehrt die gegenwärtige. Je gröser nun die kunst ist, das ist, je fleißiger und sorgfältiger sie an der ausbeßerung der natur arbeitet, desto vollkommener gläntzt die dadurch hervorgebrachte schönheit. Folglich ist es wiederum unmöglich, daß die allergröste kunst die schönheit eines dinges verdunckeln könne."

Bachs Polyphonik charakterisiert er wie folgt (die Kritik war eine fehlende führende Oberstimme): "Vielmehr fliest das gegentheil aus dem wesen der Music. Denn dieses besteht in der harmonie. Die harmonie wird weit vollkommener, wenn alle stimmen miteinander arbeiten. Folglich ist eben dieses kein fehler, sondern eine musicalische vollkommenheit..."

Es sei daran erinnert, daß Scheibe seine Kritik anonymisiert hatte, indem er sie einem „geschickten Musikanten, der sich anitzo auf Reisen befindet", in den Mund legte. Birnbaum hatte aber nicht nur das offensichtliche Ziel der Attacke erkannt, sondern auch den „Täter“ mit den launigen Worten fixiert: „Zum wenigsten zeigten einige besondere umstände des gedachten briefs gantz deutlich, daß man nicht lange nach der Scheibe zielen dürffe wenn man das schwartze treffen wolle.“

Und so endet er mit dem leicht vergifteten Wunsch. "Ich und alle billige verehrer des grossen Bachs wünschen dem verfasser künfftig gesundere gedancken, und nach überstandener musicalischen reise den glücklichen anfang eines neuen lebens, das von aller unnöthigen tadelsucht völlig möge befreyet seyn."

Altes Johann Sebastian Bachdenkmal in Leipzig

nachgetragen am 3. April

Mittwoch, 27. März 2019

Über Lebenszeichen – die Gotische Bibliothek zu Potsdam


Dieses stimmungsvolle Photo dort oben ist nur halbwegs mir zuzuschreiben:

An einem recht trüben Oktobertag (also genau dann, wenn man eher nicht photographieren sollte) des Jahres 2007 machte ich ein paar Zufallsbilder. Darauf stieß dann Arnold Gum aus San Diego, eigentlich Hawaii. Arnold ist einer meiner ältesten Blogbekannten. Leider postet er seine Orchideenbilder seit August 2016 auf FB, und dies ist nun ein noch schneller verwelkendes Medium als Blogger (dort kann man sich immerhin inzwischen stolz als Dinosaurier fühlen).

Von wegen „vergänglich“. Mein Profilbild dort war kürzlich verschwunden. Und da ein Abzug des Originals vor mir über dem Schreibtisch hängt, ist mir das alles so täglich vertraut, daß mir das Fehlen nicht sogleich auffiel. Die Suche gestaltete sich schwieriger als gedacht. Doch da half dieser hochgestimmte Eintrag von vor ziemlich genau 10 Jahren.

Ich hatte dieses Symbolbild der Gotischen Bibliothek als Zeugnis meiner nostalgischen Verbundenheit mit der anderen, größeren Residenzstadt gewählt. Und Arnold hat alles schön gemacht. u.a. indem er das rote Gärtnerauto verschwinden ließ.


Sie immer noch da, die Nostalgie, auch wenn sich unabweisbar ein paar Erinnerungsschichten darauf abgelagert haben.

Jetzt muß ich kurz zitieren:

„...könnten Sie mir mitteilen, was dieses Gebäude ist, und wo es steht? Trotz intensiver Suche konnte ich es nicht herausfinden…“

„Guten Abend, ja sehr gern, denn Ihre Frage erinnert mich an Potsdam, in dem ich lange mit Freuden gewohnt habe (zeitweise sogar ganz in der Nähe besagten Baus). Die „Gotische Bibliothek“ im Neuen Garten (1794) wurde für Friedrich Wilhelm II. erbaut. Wer von der Stadtseite her den Neuen Garten betritt, wird von diesem wundersamen und charaktervollen Bau begrüßt, der heute aber, außer mit  seiner Schönheit, diese bezeugend, für nichts sonst weiter herhalten muß.“


Selbstzitate sind furchtbar. Zumal man sich angesichts solcher Zeugnisse immer stärker der eigenen Fremdheit bewußt wird. Gerade deswegen. Warum also gerade dieses Bild? Gründe:

Vertrautheit.

Eine Bibliothek ist eines der stärksten Symbole des Abendlands.

Das Gotische ist nahe am Transzendenten. Allerdings eher wesensfern vom Antikischen. Schinkel hat Brückenschläge versucht, etwa im Luisenmausoleum (weiteres hier, mehr unten).


Oder unser guter Buttel in den beschränkten Strelitzer Verhältnissen. Aber es ist ein interessanter Gedanke, der auf  weitere Materialisation wartet. Wie auch immer.

Die Fundamente waren durch Kriegsfolgen weggerutscht, konnten aber stabilisiert werden. Der ganze Bau wurde in den 90ern aus den Originalteilen völlig neu aufgeführt. Auch das hat etwas.

Heute ist es ein ganz zweckfreier Ort mit berückender Aussicht...


nachgetragen am 28. März

Montag, 25. März 2019

Annuntiatio Domini oder Mariä Verkündigung

Katharinen-Kloster, Sinai - Marias Verkündigung durch den Engel. 
Ikone aus der ausgehenden Komnenenzeit, Ende 12. Jh.

"Und der Priester nahm Maria in Obhut, küßte und segnete sie und sprach: 'Groß gemacht hat der Herr deinen Namen unter allen Geschlechtern. An dir wird am Ende der Tage der Herr sein Lösegeld den Kindern Israel offenbaren.' Und er hieß sie sich auf der dritten Stufe des Altars niedersetzen, und der Herr Gott legte Anmut auf sie."

Sophienkathedrale, Kiew

"Die Priester aber besprachen sich und sagten: 'Wir wollen einen Vorhang für den Tempel des Herrn anfertigen lassen.' Und es sprach der Priester: 'Rufet mir unbefleckte Jungfrauen aus dem Stamme Davids!'... Und es erinnerte sich der Priester an die kleine Maria, daß sie ja aus dem Stamme Davids war und unbefleckt war vor Gott. Und die Diener gingen hin und brachten sie Maria. Und sie führten sie die sieben Jungfrauen und Maria hinein in den Tempel des Herrn, und es sprach der Priester: 'Stellt mir durchs Los fest, wer das Gold spinnen soll und den Bergflachs und die Baumwolle und die Seide und das Hyazinthenfarbige und das Scharlachfarbige und den echten Purpur!'

Theotókos der Verkündigung, Ohrid, Nordmazedonien

Und auf Maria entfiel dabei der echte Purpur und das Scharlachfarbige... Maria aber nahm das Scharlachfarbige und widmete sich dem Spinnen. Und sie nahm den Krug und ging hinaus, um Wasser zu schöpfen.

Und siehe, eine Stimme sprach: 'Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr sei mit dir, du Gepriesene unter den Frauen!' Und sie blickte sich um nach rechts und nach links, woher diese Stimme wohl käme. Und es kam sie ein Zittern an. Da ging sie heim in ihr Haus und stellte den Krug ab. Dann nahm sie den Purpur und setzte sich auf ihren Sessel und zog ihn zu Fäden. Und siehe, ein Engel des Herrn trat vor sie hin und sprach: 'Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade gefunden vor dem Gebieter über alles, und du sollst empfangen aus seinem Wort.'

Mariä Verkündigung

Als sie das aber hörte, bekam sie bei sich Zweifel und sagte: 'Soll ich empfangen vom lebendigen Gott her und gleichwohl gebären, wie jede Frau gebiert?' Und es sprach der Engel des Herrn: 'Nicht so, Maria! Denn Kraft des Herrn wird dich überschatten. Deswegen wird auch das, was von dir geboren wird, heilig, nämlich Sohn des Höchsten genannt werden. Und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden.' Und Maria sprach: 'Siehe, des Herrn Magd will ich gern sein vor ihm; mir geschehe; wie du gesagt hast!'"

Wem dies vertraut und fremd zugleich erscheint, der liegt völlig richtig. Dieser Text findet sich so nicht im Neuen Testament. Allerdings als Bild an vielen Ikonostasen. Es ist ein Stück aus dem Protevangelium des Jakobus, einstmals sehr beliebt, vor allem in der Ostkirche.

Die Westkirche hat es als apokryph früh abgewiesen und allenfalls als fromme Legende überleben lassen. Dennoch hat es auch dort seine Folgen gehabt. Etwa die Lehre von der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens besitzt hier einen frühen Textzeugen, denn wir sind hier wohl in der Mitte des 2. Jahrhunderts.

Königstüren, Schule von Andreas Ritzos 
(Puschkin-Museum der Schönen Künste, Moskau), 

In der Ostkirche ging das Detail mit dem zu webenden Tempelvorhang in die Königspforte der Ikonostase ein. Und offen gestanden bin ich über diesen Umweg wieder an obigen Text erinnert worden. Denn da ich auf Marienbildern aus der Ostkirche immer wieder auf Spinnrocken und Spindel stieß und darauf nach der Bedeutung des mir unbekannten Mariensymbols suchte, stellte sich die Verbindung her: Die Darstellung Mariens erfolgt nach dem Protevangelium des Jakobus.

Und der Vorgang ist ja auch nicht ohne Tiefsinn. Maria webt am Vorhang des Tempels. Der später bei der Passion zerreißen sollte… Und die Verkündigung an Maria als Darstellung auf der Pforte zum heiligen Mysterium hat ebenso ihre besondere Symbolik.  Aber wir brechen besser ab.

Das Datum des Festes der Verkündigung des Herrn, der 25. März liegt, wie leicht nachvollziehbar ist,  neun Monate vor Weihnachten. In ihm scheint die Geburt des Herrn gleichsam schon auf. Und da Ostern frühestens am 22. März und spätestes am 25. April begangen werden kann, steht dieses Fest zugleich in einem ganz eigentümlichen Verhältnis zu Passionszeit und Ostern. Aber auch das wollen wir nicht vertiefen.

Herr Roloff hat an diesem Ort vor genau 10 Jahren (fast hätte ich 100 geschrieben) aus Anlaß des Festes erklärt, warum man die Schwalbe auch den „Muttergottesvogel“ nenne. „Langjährigen Erfahrungen nach kehrt dieser Vogel in der Zeit um das Fest Mariä Verkündigung in unsere Breiten zurück, um uns am Geburtsfest Marias, den 8. September, wieder zu verlassen. Die Bauernregeln reimen dazu: ‚Wenn Maria sich verkündet, Storch und Schwalbe heimwärts findet.‘“ Seinen Beitrag findet man hier.

Barmherzige Jungfrau von Cobre

Und der Hl. Vater hat 2012 in Santiago de Cuba während einer Messe zum 400. Jahrestag der Wiederauffindung der barmherzigen Jungfrau von Cobre u.a. das folgende gesagt:

„Die Menschwerdung des Gottessohns ist tatsächlich das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens, und in ihm nimmt Maria einen vorrangigen Platz ein. Worin liegt aber die Bedeutung dieses Geheimnisses? Und welche Bedeutung hat es für unser konkretes Leben?

Schauen wir zunächst einmal, was die Inkarnation bedeutet. Im Evangelium des heiligen Lukas haben wir die Worte des Engels an Maria gehört: ‚Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden‘ (Lk 1,35). In Maria wird der Sohn Gottes Mensch, und so erfüllt sich die Prophezeiung Jesajas: ‚Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben‘ (Jes 7,14).

Ja, Jesus, das fleischgewordene Wort, ist der Gott-mit-uns, der gekommen ist, um unter uns zu wohnen und unser Menschsein zu teilen. Der heilige Apostel Johannes drückt das so aus: ‚Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt‘ (Joh 1,14). Der Ausdruck ‚ist Fleisch geworden‘ weist auf die ganz konkrete und greifbare menschliche Wirklichkeit hin.

In Christus ist Gott wirklich in die Welt gekommen, in unsere Geschichte eingetreten und hat unter uns gewohnt. So hat sich die tiefe Sehnsucht des Menschen erfüllt, daß die Welt tatsächlich ein Zuhause für den Menschen sei. Umgekehrt verwandelt sich die Welt, wenn Gott aus ihr ausgeschlossen wird, in einen für den Menschen unwirtlichen Ort und vereitelt zugleich die wahre Berufung der Schöpfung, nämlich Raum zu sein für den Bund, für das ‚Ja‘ der Liebe zwischen Gott und der Menschheit, die ihm antwortet. Und so wurde Maria mit ihrem vorbehaltlosen ‚Ja‘ zum Herrn die erste der Glaubenden.

Mariae Verkündigung, Hans Memling

Daher dürfen wir bei der Betrachtung des Geheimnisses der Menschwerdung nicht unterlassen, unsere Augen auf Maria zu richten, um voller Staunen, Dankbarkeit und Liebe zu sehen, daß unser Gott beim Eintritt in die Welt auf die freie Zustimmung eines seiner Geschöpfe vertrauen wollte.

Erst von dem Augenblick an, als die Jungfrau dem Engel antwortete: ‚Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast‘ (Lk 1,38), begann das ewige Wort des Vaters seine menschliche Existenz in der Zeit. Es ist ergreifend zu sehen, wie Gott nicht nur die menschliche Freiheit respektiert, sondern sie zu benötigen scheint. Und wir sehen auch, daß der Beginn der irdischen Existenz des Sohnes Gottes von einem doppelten ‚Ja‘ zum Heilswillen des Vaters – dem Ja Christi und dem Ja Marias – gekennzeichnet war.

Dieser Gehorsam gegenüber Gott ist es, der der Wahrheit, dem Heil die Pforten der Welt öffnet. Gott hat uns nämlich als Frucht seiner unendlichen Liebe erschaffen. Gemäß seinem Willen zu leben, ist deshalb der Weg, um unsere eigentliche Identität, die Wahrheit unseres Seins zu finden, während das Sich-Trennen von Gott uns von uns selbst entfernt und uns in die Leere stürzt.

Der Glaubensgehorsam ist die wahre Freiheit, die echte Erlösung, die uns erlaubt, uns mit der Liebe Jesu zu verbinden in seinem Bemühen, in den Willen des Vaters einzustimmen. Die Erlösung ist immer dieser Prozeß, den menschlichen Willen in die volle Gemeinschaft mit dem göttlichen Willen zu führen.

Liebe Brüder und Schwestern, heute loben wir die Allerseligste Jungfrau für ihren Glauben, und mit der heiligen Elisabeth sagen auch wir: ‚Selig ist, die geglaubt hat‘ (Lk 1,45). Wie der heilige Augustinus sagt, empfing Maria Christus zuerst durch den Glauben in ihrem Herzen, bevor sie ihn physisch in ihrem Leib empfing; Maria glaubte, und es erfüllte sich in ihr, was sie geglaubt hat...“

Die ganze Predigt Benedikt XVI. findet sich hier.

nachgetragen am 26. März

Montag, 11. März 2019

Über die Großherzogin Anastasia

Großfürstin Anastasia Michailowna Romanowa

Es gab einmal einen mecklenburgischen Großherzog, der sehr leidend war, weshalb er die harschen Winter des Nordens meist im für ihn erträglicheren Süden Frankreichs verbrachte: Friedrich Franz III. Seine Gemahlin war eine Romanow, genauer: Großfürstin Anastasia Michailowna Romanowa. Diese starb am 11. März 1922 und ist in Ludwigslust beigesetzt.

Sie steht nahezu symbolhaft für das alte Europa, das vor 100 Jahren zugrunde gegangen ist. Ein Detail mag hindeuten auf das, was ich damit meine.

Zwar wird mir von Stammbaum-Darstellungen üblicherweise schwindlig. Aber hier versuche ich es einmal: Friedrich Franz und Anastasia hatten gemeinsame Vorfahren. Friedrich Franz III. war über seine Urgroßmutter, die Großfürstin Helena Pawlowna, der Ururenkel des Zaren Paul und der Zarin Maria Feodorowna. Anastasia war über ihren Vater deren Urenkelin.

Das Ganze noch einmal ein wenig ausführlicher:

Friedrich Franz III. war der älteste Sohn von Großherzog Friedrich Franz II.; dessen Vater, Großherzog Paul Friedrich, war der Sohn des früh verstorbenen Erbprinzen Friedrich Ludwig und der russischen Großfürstin Helena Pawlowna Romanowa (Helena war die zweite Tochter des Paul I. von Russland und seiner zweiten Ehefrau, Maria Feodorowna, geborene Prinzessin Sophie Dorothee von Württemberg).

Anastasia war die einzige Tochter von Großfürst Michael Nikolajewitsch, vierter Sohn von Zar Nikolaus I. und Charlotte von Preußen. Nikolaus war der dritte Sohn Paul I. und von dessen Ehefrau Maria Fjodorowna.

Warum ist dies von Bedeutung? Nun, es gibt einen ersten Hinweis, wie verflochten die regierenden Häuser Europas waren. Die Gründe dafür lassen wir einmal beiseite, aber die Wirkung war doch, daß eine verbindende kulturell-geistige und persönliche Sphäre entstand, die Europa wesentlich prägte und seine Aus- und Fortgestaltung förderte. Und dennoch half all dies nicht, die Katastrophe von vor 100 Jahren, und was dadurch folgte, zu verhindern.

Das macht es einem etwas schwer, über Biographien zu schreiben, die gerade auf diesem Bruch liegen. Und welche Maßstäbe soll man an ein Leben anlegen, dem selbst die gewohnten schicksalshaft abhanden gekommen waren.

Anastasia war noch sehr jung als ihr Vater 1862 zum Vizekönig des Kaukasus und Georgiens ernannt wurde. Es ist nur natürlich, daß sie sich daher wohl eher in Tiflis als in St. Petersburg zu Hause fühlte.

In letzterem allerdings lernte sie der mecklenburgische Erbprinz kennen als er nach einer Reise durch Kleinasien in der russischen  Hauptstadt Station machte.

Weniger als 3 Jahre später hielt dessen Vater für ihn um ihre Hand an. Alexander II. stimmte zu. Am 24. Januar 1879 wurde das Paar im Winterpalast getraut, am 8. Februar 1879 trafen Anastasia und Friedrich Franz in Schwerin ein.


Großfürstin Anastasia, etwa 1878, hier gefunden

Wenn die Berichte stimmen, hat sie sich dort nicht unbedingt wohlgefühlt. Doch der Gesundheitszustand Friedrich Franz‘ machte sowieso immer wieder längere Aufenthalte in südlicheren Gegenden notwendig. Das änderte sich auch nach dem Tod von Friedrich Franz II. am 15. April 1883 und der dadurch erforderlichen Thronbesteigung nicht. Nach 1887 war der bevorzugte Winteraufenthalt dann Cannes. Friedrich Franz III. ließ dort dafür 1889 die „Villa Wenden“  errichten.

Villa Wenden, Cannes
hier gefunden

Es war offensichtlich nicht nur ein wundervoller Bau mit herrlicher Aussicht. Er war auch im übrigen so eingerichtet, daß er als ein angenehmer Ort für gesellschaftliche Begegnungen dienen konnte. Noch nach dem Tod des Großherzogs feierte die Tochter Alexandrine hier ihre Hochzeit mit dem dänischen Thronfolger und späteren König Christian X.

Weder überrascht die Nachricht, daß der französische Staat die Villa Wenden nach späterem Kriegsausbruch eilig beschlagnahmte, noch ihr heutiger Zustand, der ebenfalls bezeichnend für dieses Zeitalter ist. Die Aussicht dürfte immerhin im wesentlichen die gleiche geblieben sein.

Friedrich Franz III. starb früh. Wenn man nach Zeugnissen seines Regierungshandelns fragt, wird man wenig finden, und im übrigen nur Beschreibungen eines oberflächlich unerhaltsamen Lebensstils in Südfrankreich. Oder schlimmer noch, Mutmaßungen über den Anlaß von kriminellen Anschlagsversuchen auf seine Person, die wenigstens zu Verurteilungen führten.

Wer so schaut, sucht das Interessante und Aufregende dort, wo es naturgemäß nicht zu finden ist. Im Bewußtsein seiner eingeschränkten Möglichkeiten hat Friedrich Franz III. das Regierungshandeln in offenkundig verantwortungsvolle Hände gelegt. Wenn doch jeder seine Beschränkung so weise und uneitel zu nutzen wüßte und dennoch seiner Rolle (hier fehlt im Deutschen ein besseres Wort) gerecht bliebe.

Anastasia mag ihre exzentrischen Neigungen gehabt haben, aber beider Verhältnis blieb bis zuletzt von warmherzigem Charakter. Ergreifend ist das Zeugnis, daß die Kronprinzessin Cecilie ihrem Vater ausstellt: "Wenn ich mir das Bild meines Vaters zurück rufe, so sehe ich vor meinem Auge den liebenswürdigsten und gütigsten Menschen, den es je gegeben hat. Von hoher schlanker Gestalt, mit strahlenden schönen Augen, aus denen sein warmes Herz leuchtete - so steht mein Vater unvergeßlich vor mir. Nichts konnte mir später größere Freude bereiten, als wenn Menschen, die ihn gut gekannt hatten, mir sagten, daß ich ihm ähnliche sähe. Er hat unendlich viel zu leiden gehabt, aber nie ist ein Wort der Klage über seine Lippen gekommen..."

Kronprinzessin Cecilie von Preußen

An einem Aprilmorgen des Jahres 1897 wurde der Großherzog, noch lebend, auf der Straße gefunden. Dies geschah am Vorabend von Palmsonntag. Noch einmal die Kronprinzessin:

"Um 10. Uhr morgens... sah ich den geliebten Vater zum letzten Mal; er saß im Rollstuhl im großen Salon meiner Mutter, sah sehr elend aus, war aber gütig wie immer. Am Abend, während wir oben mit der Umgebung zu Tisch saßen, wurde einer nach dem anderen geholt, nur ich wurde oben gelassen. Ich merkte, daß etwas sehr Trauriges vor sich ging... Da stand plötzlich mit furchtbarer Deutlichkeit die Erkenntnis vor mir, daß ich keinen Vater mehr hatte."

Friedrich Franz III. starb am 10. April 1897. Was wäre noch von ihr zu sagen. Ihre Familie geriet in diesen mörderischen Bruder- und Schwesternzwist, der einer ganz Europas war. Sie wich darauf in die Schweiz aus.

Am Ende ermordeten die tödlich-roten Irrwische ihre Brüder Georgi, Sergei und selbst den hochgelehrten Nikolai. Man scheut sich, weiterzuschreiben, als ob es salvierende Gründe für unterlassene Morde geben könnte. Ihre Tochter Cecilie, eine beschämend charakterstarke Gestalt, war die letzte Kronprinzessin des Reiches, ihr Sohn Friedrich Franz der letzte Großherzog Mecklenburgs...

Da wir ihr Todesdatum bereits früher genannt haben, dürfen wie uns jetzt auch in andere Sphären zurückziehen...
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Novalis über das Königtum:

"Einem König sollte nichts mehr am Herzen liegen, als so vielseitig, so unterrichtet, orientirt und vorurtheilsfrey, kurz so vollständiger Mensch zu seyn, und zu bleiben, als möglich. Kein Mensch hat mehr Mittel in Händen sich auf eine leichte Art diesen höchsten Styl der Menschheit zu eigen zu machen, als ein König."

"Ein wahrhaftes Königspaar ist für den ganzen Menschen, was eine Constitution für den bloßen Verstand ist."

Aber:

"Ein einstürzender Thron ist, wie ein fallender Berg, der die Ebene zerschmettert und da ein todtes Meer hinterläßt, wo sonst ein fruchtbares Land und lustige Wohnstätte war."

nachgetragen am 21. März

Freitag, 1. März 2019

Ein Gericht in den Lüften

 Eingangshalle des Geschäftsgebäudes für die Zivilabteilungen des Landgerichts Berlin I und des Amtsgerichts Berlin I in der Littenstraße 12–17 in Berlin-Mitte

 Eingangshalle etc. (s.o.)

 Eingangshalle etc. (s.o.)

Gewölbe des Vestibüls im Landgericht Berlin

ehemaliger Gerichtssaal für Agrarsachen im Landgericht Berlin
Nein, das ist nicht das Entrée (im Deutschen wurde das Wort irgendwie neutrisch) zu einem Opernhaus in einem der vielen Feenreiche. Spätestens, wenn man die obigen Bildunterschriften gelesen haben sollte, weiß man das bereits. Ich wußte bis vor kurzem nichts davon. 

Diese feenleichte Eingangshalle von Otto Schmalz regt eher zum Träumen an als zu der Einsicht, daß hier einem preußischen Landgericht zur Gestaltwerdung verholfen werden sollte. Aber ich rede schon wieder von Dingen, von denen ich nichts weiß. Dieser Verweis mag helfen. Von außen macht es nicht viel her, gut, der Eingang, der hinter dieser Halle liegt, wurde in die Neuzeit gerettet.

Die andere imposante Fassade nicht (vom folgenden Bild wird es folglich keine moderne Aufnahme geben, da lagen ein Krieg und eine folgende Barbarenherrschaft dazwischen, eine Straße mußte erweitert werden). Der heutige Eindruck täuscht also (wieder einmal) ein wenig,

Aber wir sollten nicht auf das schauen, was unsere Herzen herabzieht, sondern auf das, was unsere Seele zum Schönen erhebt und tapfer macht. Trotzend aller Vergänglichkeit.

Oder in anderen Worten, wir sollten nicht auf das Vergängliche schauen, sondern es überwinden. Mit Schönheit.

Landgericht I Berlin, Architekten Thoemer, Mönnich & Schmalz


nachgetragen am 9. März