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Donnerstag, 6. August 2026

Über das Wappen von Mecklenburg


Das Wappen von Mecklenburg (-Schwerin), von hier

Dieses Wappen ist für meinen Geschmack ein wenig zu überladen, aber so habe ich es hinter mir.

Eine zu lang gewordene Einleitung (die man auch überspringen kann)

Am Nordwestufer des Kummerower Sees; vom Aussichtsturm bei Aalbude Richtung Ost. Der Wasserarm mündet am Abfluss der Peene in den Kummerower See, von hier

Bei einem Unsympath, der Rethra auf einem Burgwall bei Dargun am Kummerower See zweifelsfrei verortet hat, las ich, ein Stierkopf sei das Kampfzeichen von Pribislaw I. gewesen. Bevor ich weiter herumsuche, niemand war dabei, der jedenfalls Nachrichten hinterlassen hätte. Und Münzen mit einem solchen Abbild sind auch nicht bei mir vorbeigerollt (es gibt welche, nur zeigen sie eine Reiterfigur). 

Hatte Pribislaw I. wirklich einen Stier als Feldzeichen und die Herren von Mecklenburg zeigten  ursprünglich einen Greifen, ab 1219 jedoch einen schwarzen Kopf eines Stiers auf goldenem Grund? Was weiß ich schon. Sei es also so. 

Sie schwankten jedenfalls zuächst offensichtlich. Und später war ihnen der Stier wohl auch ein wenig genierlich. Denn mir fiel ein, daß ich vor Ewigkeiten mal etwas über einen Nicolaus Marschalk (ich mußte mich selbst googeln, um es wiederzufinden) geschrieben hatte.

Anthyrius Crullus & Symbullam

„Zusammengefaßt: Ein Offizier Alexander des Großen wandert nach dessen Tod mit seinen Leuten, die ihn zum König erheben, nach Norden, gründet eine große Stadt, begründet eine Dynastie und heiratet die Tochter des Gotenkönigs. Der Büffelkopf im Wappen ist eigentlich ein Mißverständnis, eigentlich gehört dort ein Pferdekopf hinein, von wegen des Bukephalos (von altgriechisch βουκέφαλος, „Ochsenköpfiger“, aufgrund des Brandzeichens), des Pferds Alexanders. Diese erbauliche Geschichte ist eine komplette Erfindung, jedenfalls was die Gestalt des Anthyrius angeht, allerdings eine unterhaltsame.“ 

Aber diese ausgedachten Stammbäume waren einmal europaweit sehr verbreitet, warum auch immer.

Das Pferd hatten schon die Hannoveraner, die damals noch nicht so hießen, und den Greif die Pommern, also mußte man wohl oder übel beim Stierkopf bleiben. Und mein Gott, warum auch nicht?

Kapelle Althof, Tafel von Friedrich Franz I., von hier

Niklots Sohn Pribislaw, ist in der Tat der eigentliche Ursprungsvater des Hauses Mecklenburg. Schließlich starb sein Vater einen unschönen Tod wegen Treulosigkeit. Pribislaw († 30. Dezember 1178) war sein ältester Sohn, er hatte zwei Brüder, Wertislaw und Prislav. 

Nach weiteren kriegerischen Zwischenfällen und der schließlichen Unterwerfung des Pribislaw entschied sich Heinrich der Löwe Anfang 1167, ihm das Land seines Vaters zu Lehen zu geben. Hätte er nicht müssen, hat er aber. Allerdings ohne Schwerin und größere Gebiete südlich davon, die erhielt Gunzelin von Dahlenburg (ich danke herzlich dem Grafen von Blumenthal für den Korrekturhinweis), und so entstand die deutsche Grafschaft Schwerin. Es sollte letztlich bis 1358 dauern, daß die Grafschaft den Mecklenburger Herzögen wieder zufiel. Na ja, sie haben sich schon sehr bemüht, potentielle Erben beiseite zu schieben, sie hatten aber auch jegliches moralische Recht dazu.

Mit Pribislaw regierte zum ersten Mal seit Gottschalk wieder ein christlicher Fürst die Obotriten. Pribislaw betrieb den Wiederaufbau des Landes, allerdings ohne deutsche Kolonisten,  1171 gründete auf Anregung Bischof Bernos zu Althof ein Zisterzienserkloster, das später nach Doberan verlegte Kloster Doberan, wo er heute auch begraben ist.

Gedenktafel am Grabmal von Pribislaw König der Obotriten im Münster von Bad Doberan, von hier

Münster von Bad Doberan als Grabstätte von Pribislaw König der Obotriten, von hier

1172 begleitete er seinen Lehnsherrn auf dessen Kreuzzug nach Jerusalem. Seinen Sohn Heinrich Borwin I. vermählte er mit einer Tochter Heinrichs, Mathilde. Pribislaw verstarb am 30. Dezember 1178 bei einem Turnier am Hofe Heinrichs zu Lüneburg. Wenn es nicht zynisch klänge, könnte man sagen, ein erstaunlich friedvoller Tod für einen Obotriten.

Jedenfalls war es Heinrich der Löwe, der dieser Familie zur Herrschaft verhalf. Ich habe diese Anfänge hier einmal ermüdend lange aufgeschrieben.

und hier auch noch fortgesetzt

Reiterstandbild des Obotritenfürsten Niklot am Schweriner Schloß, von hier

Niklot gilt dennoch als der Stammvater der späteren Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg. Zu Herzögen und damit reichsunmittelbaren Fürsten wurden sie durch den König und späteren Kaiser Karl IV. am 8. Juli 1348, zu Großherzögen am 28. Juni 1815.

In den Überlieferungen des Mecklenburgischen Fürstenhauses wird Niklot zum „König Nyklot“. Es ist schon eigenartig, kein enthusiastischer Gottschalk, kein bedachtsamer Heinrich, beides herausragende christliche Fürsten, sondern der Heide Niklot wird zum Stammvater des Geschlechts, wobei der Zähigkeit seines Sohnes Pribislaw ebenfalls einiges zugutezuhalten ist, seine Nachkommen hatten diese nicht immer. 

Überhaupt: Eine naive Erwartung bei der Neigung zur Geschichte irrt darin, hier einen mehr idyllischen Ort oder bessere Menschen finden zu wollen. Die menschliche Natur ändert sich nicht wesentlich, sie wird etwas modifiziert hin und wieder. Allerdings gibt es Zeiten des Aufschwungs und solche des Niedergangs, mitunter geschieht beides zugleich. Vor allem aber ist die Aufrechterhaltung der Tradition ein Wert an sich. Sie gibt der Zeit eine Struktur und dem Land einen wichtigen Teil seiner Physiognomie.

Obotriten und im Osten die Lutizen waren keine friedlichen braven Heiden, die von ihren aggressiven christlichen Nachbarn bedrängt wurden, sie waren als Völker auf die Länge gesehen nur kulturell und wirtschaftlich rückständiger und vielleicht deshalb schwächer als diese. Die Wenden, fassen wir sie so zusammen, hatten allerdings immer wieder Fürsten, die dies sahen. Warum manche immer gleich Opportunismus unterstellen und ihnen nicht die Überlegung zutrauen, daß, wenn das Land gehoben werden sollte, es ohne Christentum, also auch die Klöster etc., und deutsche Siedler recht aussichtslos wäre.

Hl. Gottschalk auf einem Fenster der Propsteikirche St. Anna in Schwerin, von hier

Jedenfalls gab es in der Familie einen Märtyrer, der heiliggesprochen wurde - den Hl. Gottschalk und ein anderer Fürst ging lieber ins Exil als vom christlichen Glauben abzufallen (beides riecht wenig nach Opportunismus). Denn wiederholt gab es blutige Aufstände, vornehmlich aus dem Osten, angetrieben von den heidnischen Priestern aus Rethra. Man hat das Haus Mecklenburg früher die Obotriten gennannt, manchmal auch die Niklotiden. Diese Familie ist wie ein alter Baum, Hauptäste brechen ab in einem Sturm, Nebenäste führen sein Dasein weiter. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe mich schon hinreichend weg vom Wappen geschrieben.

So ein Wappen ist ja auch ein Bild der Geschichte und in unserem Fall sind es vor allem die verschiedenen Regionen, die sich in ihm widerspiegeln.

Mecklenburg um 1300, von hier

„Nach dem Tod des Mecklenburger Fürsten Heinrich Borwin I., Enkel Niklots, wurde das Land Mecklenburg 1229 im Zuge einer ersten Hauptlandesteilung unter seinen vier Enkeln aufgeteilt:

Nikolaus erhielt den Teil Werle, der bis ins 15. Jahrhundert hinein bestand und zwischendurch mehrfach in Teilherrschaften zerfiel.

Johann erhielt Mecklenburg - die Mecklenburger Fürsten sollten sich als erfolgreichste Herrscher erweisen.

Pribislaw erhielt den Teil Parchim, der ca. 1255 zwischen Mecklenburg und Werle aufgeteilt wurde

Heinrich Borwin III. erhielt den Teil Rostock, welcher 1314 ebenfalls zwischen Mecklenburg und Werle aufgeteilt wurde.“

Das ist so erfreulich knapp und bündig geschrieben. Also habe ich es einfach zitiert. Aber so werden die verschiedenen Landesteile, die sich eben in unserem Wappen wiederfinden, recht schön deutlich.

Mecklenburgs Wappen

Wappen von Mecklenburg (-Strelitz)

Feld 1 - Das Wappen des Herzogtums Mecklenburg

Wir sind also wieder beim zentralen Schildteil, dem Wappen des Herzogtums Mecklenburg, im Nordwesten gelegen und mit der Mikilinborg der Ausgangsort des Landes Mecklenburg. Wohl 973 berichtet ein Ibrāhīm ibn Yaʿqūb, oder sagen wir besser Abraham Jakobson, von „Nakons Burg“.  Dieser sei ein König der nordwestlichen Slawen und anderen großen Slawenfürsten ebenbürtig. Abraham war ein Gesandter des Kalifen von Córdoba und traf demnach Otto I. am 1. Mai 973 auf dessen Hoftag in Merseburg (vorher schon einmal in Rom). 

Ich werde mich jetzt ganz un-heraldisch von links oben (vom Betrachter aus gesehen) vorarbeiten. Eigentlich beschreibt man ein Wappen so, als würde man es vor sich halten. Aber ich denke, das verwirrt nur.

„Im goldenen Feld ein vorwärts gekehrter, aufrecht stehender schwarzer Stierkopf mit aufgerissenem roten Maul, weißen Zähnen, herausgeschlagener roter Zunge, mit abgerissenem schwarzen Halsfell, dessen Randung bogenförmig ausgeschnitten ist und so sieben Spitzen zeigt. Der Stierkopf hat silberne Hörner und auf der Stirn eine goldene Fürstenkrone.“ (zitiert nach Rajko Lippert, Das Großherzogliche Haus Mecklenburg-Strelitz, Reutlingen 1994)

2 - Die Herrschaft Rostock

Also mit dem ersten Schildteil sind wir durch. Daneben die Herrschaft Rostock mit ihrem Greifen. Wir sprachen bereits darüber. „Im blauen Feld ein rechts gekehrter, schreitender goldener Greif mit erhobener rechter Vorderpranke, erhobenem Schweif und ausgeschlagener roter Zunge“ (s.o.).

Albrecht II. mußte 1370 übrigens Rostock erst aus dänischer Lehnshoheit erwerben

3 – Das Fürstentum Ratzeburg (mit Nachträgen)

3 Ansichten vom Ratzeburger Dom, hier innen

„Im roten Feld ein schwebendes rechtwinkliges Balkenkreuz, über demselben eine schwebende goldene Fürstenkrone“ (s.o). Zunächst einmal ich beschreibe die Stelitzer Variante, schließlich lebe ich in der Residenzstadt Neustrelitz, sie unterscheidet sich in Details von der Schwerinschen, aber nicht grundsätzlich.

Auf der Karte oben wird man kein Fürstentum Ratzeburg finden. Wohl aber ein Stiftsgebiet des Bistums Ratzeburg. Es war üblich, daß Bistümer ein Gebiet erhielten, in dem der Bischof die weltliche Herrschaft ausübte, wir werden gleich zum anderen ähnlichen Fall gelangen. 

Nach der Reformation fiel das Gebiet an Mecklenburg und wurde zum weltlichen Territorium. Herzog Adolf Friedrich I. von Mecklenburg war dessen letzter Administrator. Und im Westfälischen Frieden wurde ihm das Stiftsgebiet als erbliches, weltliches Fürstentum zugesprochen.

Wappennachträge

Wappen des Bistums bzw. des ehemaligen Fürstbistums und Hochstiftes Ratzeburg, von hier

Das Hochstift Ratzeburg im Schloß von Schwerin, hier gefunden

Fürstentum Ratzeburg, von hier

Mit anderen Worten. In den Stiftsländern hat man sich spätestens nach dem schwebenden Zustand der Säkularisation und dann der Umwandlung in weltliche Fürstentümer komplett neue Wappen erfunden. Der andere Fall ist noch verwirrender, aber nicht heute. 

Es ist schon mühsam genug, in so einem bescheidenen Beitrag keine komplette Landesgeschichte unterzubringen. Obwohl es mich natürlich verstört, daß Menschen dies hier tatsächlich lesen.

4 – Die Herrschaft Werle oder das Fürstentum Wenden


Siegel und Wappen der Herzoglichen Herren von Werle, von hier und hier

Was es mit ihr auf sich hatte, habe ich bereits beschrieben.

„Im goldenen Feld ein vor sich gekehrter, rechts gelehnter schwarzer Stierkopf mit geschlossenem Maul und herausgestreckter roter Zunge. Hörner und Krone wie beim Herzogtum Mecklenburg. (s.o.)“

Am 7. September 1436 starb dessen letzter Regenten Wilhelm ohne männliche Erben und so fiel die Herrschaft zurück an die mecklenburgische Dynastie. Bei der nächsten Landesteilung wurde das Gebiet allerdings zum Kern von Mecklenburg-Güstrow. Aber ich will auch nicht endlos werden

5 - Die Herrschaft Stargard

… mit dem Arm der Beatrix.

„Im roten Feld ein nach rechts gekehrter weiblicher Arm, mit einem Puffärmel am Oberarm bekleidet, am unteren Rande des Ärmels eine fliegende Schleife, alles silbern gefärbt, welcher aus einer kleinen natürlichen Wolke hervorragt und zwischen Daumen und Zeigefinger einen goldenen, diamantbesetzen Ring hält. (s.o.)“

In der Schweriner Variante fehlt die Wolke.

Beatrix von Brandenburg, Tafel 44 der Mecklenburgischen Siegel aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, von hier

Wappen von Neustrelitz, von hier

Dieser Bildteil ist etwas ungewöhlich – kein dräuendes Viech etc. sondern ein Frauenarm. Am 12. August 1292 heiratet Fürst Heinrich II. (der Löwe) Beatrix, die Tochter des brandenburgischen Markgrafen Albrecht III. Stargard war brandenburgisch geworden, daher überrascht dann auch nicht, daß es dort immer noch eine Stadt Neu-Brandenburg gibt etc. etc. Nun wurde es wohl als Mitgift mecklenburgisch.

1314 stirbt Beatrix ohne männliche Nachkommen und die Brandenburger wollen logischerweise die Mitgift zurück. Die Mecklenburger wollen das, was sie nunmal haben nicht zurückgeben. Es kommt zum Krieg und die Mecklenburger obsiegen 1316 in der Schlacht bei Gransee, auch sowas gab es mal, und nach dem Frieden von Templin von 1317 bleibt Stargard mecklenburgisch.

Ich muß zwei Anmerkungen zur Karte weiter oben machen. Sie ist zwar ganz hübsch, aber Fürstenberg kam bereits 1348 zu Mecklenburg. Und Neustrelitz wurde erst 1733 gegründet. Es ist also eine reichlich junge Stadt.

6 – Das Fürstentum Schwerin

Zwei Felder bleiben uns noch übrig.

„Oben im blauen Feld ein rechts gekehrter, schreitender goldener Greif mit erhobener rechter Vorderpranke, stehend auf der unteren, grünen, mit Silber eingefaßten Schildhälfte.“ (s.o.) Das Fürstentum Schwerin ist das andere Stiftsland, welches sich Mecklenburg nach der Reformation einverleibte. 

Das Stiftsland war ein eigenständiges weltliches Herrschaftsgebiet des Schweriner Bischofs, vor allem um die Städte Bützow und Warin, Bützow war Stiftshauptstadt. Von der Bischofsburg ist noch das Renaissance-Schlößchen erhalten, das Herzog Ulrich von Mecklenburg als Stiftsadministrator durch den Umbau der Bischofsburg 1556 errichtete.

Schloß mit Pädagogium um 1760, von hier

Man mag es bedauern, daß die Bischofsburg im Grunde verloren ist (ich neige zu solchen Sentimentalitäten). Aber ein Blick auf dieses Bild desillusioniert doch auch ein wenig.

Das Schloß Bützow, von hier

Das Schloß Bützow, von hier

Wie der Übergang ins Protestantische diesmal vonstatten ging: Magnus III. von Mecklenburg war der erste lutherische Administrator des Fürstbistums Schwerin, der dennoch als Fürstbischof bezeichnet wurde. Er wurde 1516 zum Bischof gewählt, trat sein Amt jedoch aufgrund seiner Minderjährigkeit und der fehlenden päpstlichen Bestätigung erst 1532 als Administrator an. 1533 führte er die Reformation ein. Er heiratete Elisabeth von Dänemark, die Ehe blieb kinderlos.


Wappen des Bistums bzw. des Fürstbistums und Hochstiftes Schwerin, von hier


Wappen des Fürstbistums und Hochstiftes Schwerin im Schweriner Schloß, von hier

Wenn man bei diesem Stiftsland die geistlichen Attribute entfernt, bleibt das Wappen der Grafschaft Schwerin übrig. 

Da wundert es nicht, wenn in Johann Siebmachers Wappenbuch von 1605  auf einmal ein goldener Greif auf blauem Grund auftaucht.

Ausschnitt links unten, von hier

Also noch einmal: Nach der Umwandlung in ein weltliches Fürstentum hat man auch hier ein komplett neues Wappen erfunden. In diesem Fall gewissermaßen aus Sachzwängen. 

7.  - Die Grafschaft Schwerin

Wappen der Grafen von Schwerin, von hier

Was es mit der Grafschaft auf sich hat, habe ich weit oben bereits beschrieben. Das Wappen ist oben rot, unten golden. Nur eigentlich beschreibt ein solcher Herzschild das dominierende Element. Er beherrscht sozusagen das ganze Wappen. Das würde nahelegen, die Grafen von Schwerin hätten sich Mecklenburg unterworfen. 

Dabei hat Albrecht II. die Grafschaft 1358 schlicht gekauft. Vielleicht war die Freude über diesen endlich herausgezogenen Pfahl im Fleische so groß, daß der Schild in die Mitte kam. Natürlich gab es auch bei den Schweriner Grafen mehrere Linien mit 3 verschiedenen Wappen, aber alle starben aus oder wurden beiseite geschoben. Will man Abrecht II. dafür tadeln?

Theodor Fischer: Abrecht II. Herzog zu Mecklenburg, Ahnengalerie im Schweriner Schloß, von hier

Wenn ich in grausamer Stimmung wäre, würde ich noch die Helmzier etc. erklären. Aber irgendwann ist auch einmal gut. Nur eines noch. Ein mecklenburgisch-Schwerin'scher Patriot sprach mit mir über den Unterschied der beiden Landeswappen. Und es ist immer eine große Genugtuung, wenn man korrigieren darf.

Ja, Schwerin hatte das „Per aspera ad astra“  - „Durch das Raue zu den Sternen“ als Motto im Wappen.  Mecklenburg-Strelitz hatte zwar ein Motto, aber nicht im Staatswappen. Der Hausorden der Wendischen Krone hatte in Strelitz allerdings „Avito viret honore“ - „Er grünt in angestammter Ehre“. 

Hausorden der Wendischen Krone in der Schweriner Variante, von hier

Und nu is wirklich jenuch.

Donnerstag, 23. Juli 2026

Bei der Muttergottes von Laase


Der Wechsel vieler Jahrhunderte hat Farben und Gold lange fortgenommen, Verletzungen und Verluste sind hinzugekommen. Aber still strahlt die Würde und die Verehrung, die diese Figur als Hinweis auf die unsichtbare Himmelskönigin ausgelöst haben wird und immer noch wirkt.

So ist die Skulptur im Äußeren zurückgekehrt zu ihrem Ursprung aus „einem mächtigen Eichenstamm der Urwälder Mecklenburgs“. Die Figur erwächst aus der Tiefe der Natur des Landes und trägt ihr Gesicht.

Das Gewand liegt in schweren Falten über dem Leib der Gottesmutter, gleichsam wie ein Ornament, umkreisend das thronende Kind. Sie „bieten ihm Stütze und laufen von allen Seiten auf es zu“.

„Damals sah man in Maria den 'Thron' ihres Sohnes Jesus Christus: Durch sie kam Gott zur Welt. Am Ende der Zeit werden sie beide im Reich Gottes herrschen, so das damalige Glaubensverständnis.“ Daher die Darstellung als König und Königin, eben die gekrönte Madonna.

Nun ja, daß die Gottesmutter einen zentralen Platz im Heilshandeln Gottes einnimmt, darf man auch heute noch glauben. Die Glaubenden früherer Zeiten hatten dafür eben ein unmittelbareres Gespür.

Es war Marias „fiat“ – „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast,“ ihr Einverstanden-Sein, korrespondierend zum „fiat“ – „es werde“, mit dem Gott die Schöpfung ins Leben rief, welches der Erlösung der Schöpfung in ihrem Sohn Jesus Christus den Weg eröffnete.

(Wo ich zitiert habe, stammen die Worte von einer Präsentation unter dem Titel„Die Sprache der Falten“ der Laaser Madonna unter www.kunst-geschichte-kirche.de, einem kunstgeschichtlichen Auftritt der „Nordkirche“, dessen eher mühseliger Navigationszugang noch einen milderen Kritikpunkt darstellt. Aber man schaue selbst.)

Vermutlich gehörte die Skultur zur ursprünglichen Ausstattung der Laaser Kirche, womöglich schon im hölzernen Vorgänger des heutigen Gebäudes, als Zentrum eines prachtvollen Altaraufbaus, vergoldet und farbig gefaßt.

Fragment des ursprünglichen Altaraufbaus

Aber die Figur selbst blieb erhalten, immerhin. Das ist in den Wirrnissen, die u.a. auch die Reformation selbst ausgelöst hatte, alles andere als selbstverständlich.

Kirche Laase

Laase liegt auf der Pilgerroute der Heiligen Birgitta, die 1341 von Schweden nach Santigo de Compostella über Mecklenburg gepilgert war. Es gibt heute wieder Besucher. 

Der Ort wird 1248 als Kirchdorf im Stiftsland erstmals urkundlich erwähnt. Das Stiftsland war ein besonderes Gebiet, das direkt dem Bistum Schwerin unterstellt war. Auf Grund von Untersuchungen am Dachstuhl kann man von einem hölzernen Vorgängerbau der jetzigen Kirche ausgehen. 


Sakramentsschrank mit Christus als Schmerzensmann

Dies und anderes Wissenswertes darf man auf einer sehr lesenswerten Seite der Kirchengemeinde Bützow finden und bei der Gelegenheit kann ich auch auf einen Artikel des Nordkurier verweisen, in dem Katharina von Stralendorff eindrucksvoll von den Bemühungen um die Kirche berichtet, so daß man danach einen recht guten Eindruck vom Ort und von den Restaurierungsbemühungen der zurückliegenden Zeit gewinnt.

Dort kann man auch nachlesen, wann die Kirche geöffnet ist, nämlich von Mai bis September, außerhalb der Öffnungszeiten ist ein Blick auf das  Kirchenschiff vom Turm her möglich, eine spezielle Schaltung beleuchtet den Kirchenraum, mit Spot auf die Madonna von Laase.

Herr Roloff hat mich auf diesen Ort gebracht. Und da er auf dem Weg dorthin an Schloß Vietgest, einem Sitz der Fürsten zu Schaumburg-Lippe vorbeikam, will ich mit diesen beiden Bildern enden.



Samstag, 30. Mai 2026

Über ein Gespräch mit Georg Alexander, Herzog zu Mecklenburg

 

Wappen am Schloß Hohenzieritz, von hier

Kurz zur Erklärung: Der Heimatverein Neukalen (also ganz im Schwerinschen Landesteil, nämlich bei Malchin), hatte zu einem Gespräch über die Bedeutung von Heimat eingeladen. Ich durfte eine Einführung abliefern, die in etwa meinem nachfolgend wiedergegebenen Text entspricht.

Habent sua fata libelli. 

„Bücher haben ihre Schicksale“, sagt der alte Römer Terentianus Maurus. Nun Familien auch. Ich stamme aus dem abtrünnigen Herzogtum im Südosten namens Mecklenburg-Strelitz. Da hatte sich Mecklenburg wieder einmal aufgespalten. 

Herzog Georg August von Mecklenburg-Strelitz, von hier

Es gab im 19. Jahrhundert einen Herzog Georg August von Mecklenburg-Strelitz, den zweitältesten Sohn von Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz, übrigens ein nicht nur musisch bedeutender Mann, er stand etwa in intensivem Briefwechsel mit Goethe. Es sind dort rührende Anekdoten überliefert, aber ich schweife ab. 

Großfürstin Katharina Michailowna von Rußland, von hier

Dieser Zweitälteste heiratete 1851 die Großfürstin Katharina Michailowna von Rußland und verlegte seinen Wohnsitz dorthin. Neustrelitz war ihr wohl doch nicht mondän genug, mutmaße ich. Sie war eine Philanthropin, und viele ihrer unterstützten Organisationen bestehen heute noch.

Das Paar bewohnte den imposanten Michailowski-Palast in St. Petersburg. Zar Nikolaus II. war dies offenkundig eher ein wenig zu viel und er schenkte ihn nach dem Rückkauf dem neu gegründeten Russischen Museum.

Das Schicksal von Zar Nikolaus II. dürfte hier bekannt sein. 

Georg Herzog zu Mecklenburg konnte den mordfreudigen Bolschewiki aber durch Gottes Gnade auf abenteuerlichen Wegen entkommen, letztlich ins Reich, und wohnte bis April 1940 im Schloß Remplin, das in besseren Zeiten von der Familie erworben worden war. Bis die Nationalsozialisten es durch Brandstiftung größtenteils zerstörten. 

1856, von hier

Es kam noch eine Internierung in Sachsenhausen hinzu, schließlich waren es ja Russen. Nach Kriegsende fand die Familie Zuflucht in Sigmaringen. Später zog sie es in den Schwarzwald und heute weilt der älteste Sohn des Chefs des Hauses namens Herzog Georg Borwin unter uns und wohnt auch nicht gar so weit weg von hier.

Wir freuen uns also auf ein Gespräch mit seiner Hoheit, Herzog Georg Alexander.

Noch mal und sogar ältere Geschichte

Das war jetzt fast zuviel Geschichte. Und ich kann verraten, es wird gleich noch schlimmer, aber immerhin nicht zu lange. Warum all das?

Nun. Es zeigt, worin sich jemand bewegen muß. Wir alle haben Familie und müssen damit leben. Ob es uns gefällt oder nicht. Und auch, wenn es uns nicht gefällt: Seine Herkunft zu kennen, ist vor allem Schatz und ein Fundament.

Wie lebt man weiter, wenn alles so über den Haufen gestürzt wurde. Gewißheiten, Vertrautes, Heimat? Die erste Regel:

Den Faden zum Vergangenen nicht abreißen lassen. Denn es sind nicht nur Fäden. Es sind Nervenbahnen. Warum sollte sich ein Mensch freiwillig amputieren, außer er ist reichlich geisteskrank. Keine erstrebenswerte Verfassung.

Die Ursprünge der Familie Mecklenburg

Eine kleine Abschweifung ganz weit zurück: Schauen wir auf die alten Nachrichten, so sind sie wie Berggipfel, die hie und da aus dem Nebelmeer der Geschichte auftauchen. Wir wissen, daß die Obotriten fürstliche Anführer hatten, die, üblicherweise verwandt, aufeinander folgten.

So siegte ein Drasco, der Sohn eines Fürsten Witzan für Karl den Großen 798 bei Bornhöved über die Sachsen Nordalbingiens und erhält 804 vom Kaiser die obotritische Königswürde (rex Abotritorum nomine Drosuc). 

Sein Sohn Ceadrag gründet Alt-Lübeck (etwa 817/819). Sein Bruder Slaomir wird 821 zum ersten Christen unter den Obotritenfürsten. 

862 hören wir von einem „dux Abodritorum Tabomuizli“, offenbar aus anderer Familie. Und wie wir sehen können, auch die natürlich lateinisch schreibenden Chronisten hatten erkennbar Schwierigkeiten mit der Übertragung der slawischen Namen. Doch dann schweigen die Nachrichten wieder länger.

Das Haus Mecklenburg

Die Familie Mecklenburg reicht in diese halb-mythischen Zeiten zurück.

Von den Nakoniden, von denen wir die ersten zusammenhängenden zuverlässigen Nachrichten wieder haben, kann man nicht ausschließen, daß es Verbindungen zum Haus Mecklenburg gab. Die schriftlichen Quellen lassen uns hier einfach im Stich. 

In Neustrelitz, meiner Heimatstadt gibt es im dortigen Slawendorf ein Boot, das Nakon heißt. Immerhin können wir sagen. Der erste heilige Märtyrer war ein slawischer Fürst namens Gottschalk. Er wurde in der Burg Lenzen 1066 erschlagen. Sein Gedenktag ist der 14. Juni und sein Name bedeutet althochdt. „Gottesknecht“. 

Das zum Thema, daß Menschen früherer Zeiten stets nur machtpolitisch und opportunistisch gehandelt hätten. Nein. Sie hatten auch Sorgen um ihr Seelenheil. Sie waren nicht zuletzt irrende, fühlende, sorgende Menschen.

So wie die Habichtsburg den Habsburgern ihren Namen gab und die Burg Zollern den Hohenzollern, heißt die Familie Mecklenburg nach der Mikilinborg, nur daß diese wenige Jahrhunderte älter ist, beiläufig gesagt. 

Die Mikilinborg, das der altsächsische Name, bei Wismar, diente den Nakoniden, dem obodritischen Fürstengeschlecht, von dem wir die ersten länger andauernden Nachrichten haben, seit dem 10, Jahrhundert als Hauptsitz. Schließlich erhielt ein ganzen Land seinen Namen von ihr, eben unser Mecklenburg.

Niklot


Reiterstandbild des Obotritenfürsten Niklot am Schweriner Schloß, von hier

Jetzt habe ich gar nicht den Stammvater des Geschlechts erwähnt, nämlich Niklot. Hoch am Schweriner Schloß reitet er den Besuchern entgegen. Ich will dies kurz nachtragen, denn er ist eine sehr farbige Gestalt. 

Sein Kopf landete aufgespießt auf einer Lanze. Das war 1160. Warum? Nun, er war gegenüber seinem Lehnsherrn, Heinrich dem Löwen wiederholt eidbrüchig geworden. 

Der dänische König Waldemar hatte sich unserem Kaiser Friedrich Barbarossa als Lehnsmann unterworfen und bat darum, daß doch die slawischen Seeräuberangriffe aufhörten, ganz Fünen sei bereits entvölkert. 

Heinrich der Löwen wurde beauftragt. Niklot weigerte sich. Bei einer Strafexpedition geriet er in einen Hinterhalt - Knechte des Herzogs waren ausgerückt, um Futter zu holen – er wollte sie überfallen und bemerkte zu spät, daß er in eine Falle geraten war. 

Sein Speer sprang von dem verdeckten Harnisch eines der vermeintlichen Knechte ab. Ein sächsischer Ritter namens Bernhard, wohl Bernhard I. von Ratzeburg, erschlug ihn und vollzog am Leichnam die sächsische Strafe für Eidbruch. Der abgetrennte Kopf wurde, aufgespießt auf einer Lanze anschließend in das Lager der Sachsen und Dänen getragen.

War Niklot, ein heldenhafter, eidbrüchiger, tapferer Heide, ungestüm, rauflustig und beutefreudig? Oder war er ein wendischer „Nationalheld“, der seinem Volk die Eigenständigkeit bewahren wollte, taktisch durchaus flexibel und meist verläßlich? 

Dem nicht sein Heidentum, sondern, daß er nicht verläßlich genug war, zum Verhängnis wurde. 

Bei einem Gegner wie Heinrich dem Löwen ein tödlicher Fehler, dem nicht so sehr am Christentum, aber an seiner eigenen Macht das meiste lag, und der zumal mit herausragenden Qualitäten gesegnet war.

Die Pointe ist, mit seinem Widerstand hat Niklot genau das Gegenteil seiner vermutlichen Absichten erreicht. Denn Heinrich wollte das Obotritenland zwar unterworfen und tributpflichtig sehen, aber gar nicht selbst unmittelbar in Besitz nehmen (samt Christianisierung und deutscher Besiedelung). Das ändert sich jetzt.

Aber immerhin hat er dem Pribislaw, einem Sohn Niklots, den größten Teil des Landes seines Vaters 1167 zu Lehen gegeben, nachdem dieser sich unterworfen hatte. Und so setzte sich die Herrschaft  der Familie, wenn auch zunächst eingeschränkt, dann über die folgenden Jahrhunderte fort.

Man kann sich seine Familie eben nicht aussuchen. Aber versuchen, ihr Handeln ins Bessere zu drehen. Und das mit dem Aufspießen kam dann auch später nicht mehr vor.

Warum überhaupt Geschichte?

Geschichte gibt einem Raum eine Struktur, es ist wie ein Wurzelgeflecht, auf dem wir uns bewegen. Und aus dem immer wieder unerwartet Schößlinge treiben. 

Geschichtliche Denkmäler sind keine Steinhaufen, die man beliebig umnutzen oder auch einfach zerstören kann, sondern sie sind der Gestalt gewordene Geist einer Region, eines Landes. Sie sind ihr Gesicht.

In einem Raum zu leben, der vertraut ist, der Rückhalt gibt. Das eigene Innenleben, früher sagte man Seele, bereichert, mit Bildern füllt und mit Namen und zugehörigen Geschichten. So daß kaum noch ein Gefühl von Fremdheit übrig bleibt, sondern das von Heimat. 

Somewheres vs. Anywheres

Ich spüre die Frage, wann sagt er endlich Amen. Bald. Aber wir müssen noch über Anfechtungen sprechen. Vor allem wenn sie so überraschend überfallen. Wer könnte etwas gegen das Vorige haben.

Es gibt sie durchaus und die Anhänger dieser Sekte meinen, sie stünden längst kurz vor der Übernahme der Weltherrschaft. 

Klingt weit weg. Aber haben Sie sich jemals gewundert, warum aus der banalsten Werbung sie neuerdings ständig Schwarze anspringen. Die Botschaft – wir werden euch Rassisten auch zu Hause quälen. Oder ein mittelmäßiger Künstler erschaudert, weil er in einem Volkshaus auftreten soll.

Der Hl. Mauritius war ein Schwarzer und wurde im Abendland vielfach verehrt.

Wir sind in einem Kampf. Und, was wäre daran neu? Jemand verteidigt das, was ihm unverzichtbar ist. Ehre. Familie. Zukunft. All das eben.

Bevor jemand fürchtet, hier spräche selbst ein Sektenprediger, muß ich kurz etwas nüchterner und fast technokratisch reden.

Der britische Autor David Goodhart hat mit einer einfachen Unterscheidung etwas Licht in dieses Halbdunkel gebracht. „Somewheres“ gegen „Anywheres“. Nun er ist Brite. Also kann man ihm die Wortwahl nicht vorwerfen. Was meint das?

Unsere westlichen Gesellschaften würden von zwei Gruppen bestimmt. Die „Somewheres“, die Irgendwo-Menschen, sind an ihrem Lebensort orientiert. Er meint, sie seien eher weniger gebildet und vermögend. Sie störten sich an Veränderungen und insbesondere könnten sie keine Zuwanderung leiden. Also die geborene Beute für gewisse Parteien. 

Dagegen stünden die „Anywheres“, die Überall-Menschen mit meist höheren Einkommen, sie zeichneten sich durch höhere Mobilität aus und seien in ihrem Selbstverständnis nicht an einen Ort gebunden und offen für Veränderungen. Und natürlich sähen sie Zuwanderung als Bereicherung an.

Das wäre jetzt die nette Zusammenfassung. 

Die Wahrheit ist etwas unerfreulicher. Es gibt eine Weltsicht, die im Westen weite Teile der herrschenden Öffentlichkeit besetzt hält und vor allem finanzielle Schlüsselressourcen in Besitz genommen hat. Da wird man dann automatisch vermögender.

Man kann das, vermeintlich vornehmer, ethischen Universalismus nennen. Sie (besagte Ideologie, noch meine Worte) - ich zitiere: „kann mit dem konkreten, an seinen Ort, seine Familie, seine Ethnie, seine Kultur, seine Religion, seine Tradition, seine Nation vulgo Sprachgemeinschaft gebundenen Individuum nichts anfangen, weil solche Bindungen anti-universalistisch – also irrational – wirken; er will das atomisierte Wesen, das nichts weiter ist als ein ‚Mensch‘“, 

Und damit auch leichter verfügbarer und verführbarer, sage ich. 

Diese auf den ersten Blick idealistische Weltsicht (auf den zweiten nicht mehr so sehr) dient als Parolen-Reservoir in einer Art von innerwestlichem Bürgerkrieg. 

Das Abendland ist die einzige Kultur, die radikale Selbstkritik bis zur Selbstverachtung hervorgebracht hat, und diese degenerierte Selbstkritik hat Ideologien die Tore geöffnet, die nichts anderes als seine Zerstörung wollen. 

Natürlich unter dem Propagandabild der Humanität. Aber wann hätte der Widersacher jemals gesagt: Ich bin das Böse.

Noch ein Zitat: „Es ist hinreichend bekannt, dass der Entwurzelte zu Universalismus neigt und sich daher mit der eigenen Entwurzelung nicht zufriedengibt, sondern sie als den einzig und partout besten Zustand menschlichen Seins erachtet und daher auch seine Umgebung entwurzeln will.“ 

Wir Deutsche sind, auch verwundet durch unsere Geschichte, besonders empfänglich für derlei Scharlatanerien. Aber diese Exzentrik hat auch eine lange Herkunftsgeschichte.

Um den Rumänen Cioran wiederzugeben:

„Wenn die Deutschen sich in der Metaphysik hervorgetan haben, so darum, weil sie unter allen Völkern dasjenige sind, dem der gesunde Menschenverstand am meisten abgeht.”

Und das letzte Zitat sei einem Vladimir Jabotinsky gegönnt, einem aus großbürgerlicher assimilierter Familie stammender Juden aus Odessa, der in einem 1936 erschienenen Roman geschrieben hat: „Nur über den Verfall gelangt man zur Restauration. Der Verfall ist also so etwas wie der Nebel bei der Geburt der Sonne.“

Ich wollte mit diesem Einschub nicht verstören, sondern nur andeuten, daß wir uns auf nicht ganz sicherem Gelände bewegen und jemand sich nicht wundern darf, wenn er bei Begriffen wie Volk und Heimat eventuell feindselig angeschaut werden könnte. 

Oder wenn die Mitfreude bei der Gewinnung von etwas Verlorenem sich in Grenzen hält.

Aber jetzt haben Sie es fast überstanden. Denn, um doch nochmal jemanden zu zitieren, nämlich einen berühmten Italiener namens Trappatoni: „Ich habe fertig“.


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Ich hatte Fragen vorbereitet, und die, die ich irgendwie tatsächlich gestellt habe, will ich noch kurz bringen.

Was können die alten Familien tun, damit es in unserem Fall wieder eine gemeinsame mecklenburgische Identität gibt?

In einer traditionsfeindlichen Umgebung, wie sie gegenwärtig oft besteht: Was ist der Kern an Identität, den man dem entgegenhält?

Nach meinem persönlichen Eindruck ging die Kontaktaufnahme Ihrer Familie besonders von der jüngsten Generation aus. Wie kam das?

Letzteres wurde bestätigt und überhaupt gab es eine lebhafte Diskussion darüber, was Heimat bedeute und wie die Rolle der alten Familien in der Gegenwart aussehen könne. Das will ich jetzt nicht ausführlich beschreiben. Nur eins noch.

Einmal ein Satz, der sich mir eingeprägt hat: Wenn man uns will, kommen wir.

Und als er in St. Petersburg war und sich sozusagen „geoutet“ hatte, würde er förmlich auf Händen getragen worden sein. Dagegen, als er in Schwerin anregte, als eine Good-Will-Botschafter für Mecklenburg tätig werden zu können, kam als Antwort: Wer sind sie und was wollen sie überhaupt? Ein Unterschied, der viel über den Zustand dieses Landes aussagt.


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Christian Ludwig (rechts) mit seiner Mutter und seinem Bruder, Postkarte von 1918, von hier

Aus dem Publikum kam die Frage auf. Wieso der Chef des Hauses Mecklenburg sein Vater sein könne, schließlich komme er doch aus Mecklenburg-Strelitz.

Ich hole etwas aus: Die Familie Mecklenburg hat ja nie den Kontakt zu ihrem Land aufgegeben. Ich erinnere mich, wie ich als Jugendlicher, also weit vor der Wende, dem letzten Herzog der Schweriner Linie, Christian Ludwig Herzog zu Mecklenburg († 18. Juli 1996) vom Turm des HKB aus das moderne Neubrandenburg erklären durfte oder mußte, je nach Sichtweise.

Der Herzog hat zwei Töchter Donata und Edwina. Aber keinen männlichen Nachkommen. Die noch regierende Linie Strelitz (Adolf Friedrich VI., Großherzog von Mecklenburg [-Strelitz]) ertrank 1918 am Kammerkanal bei Neustrelitz, vermutlich aus Selbsttötung, und genauso vermutlich aus einem ziemlich dämlichen Grund.

Wenn man die alten Regeln weiter ernst nehmen will, ist also diese Familie als lebendiger Seitenstamm eines wahrscheinlich tausend Jahre alten Baumes der neue Hauptstamm.


Es werden, so der Herrgott will, zwei Beiträge folgen, einer über einen überraschend eindrucksvollen Altar in der Kirche von Neukalen und einer über Schloß/Kirche von Dargun.

nachgetragen am 1. Juni


Samstag, 16. September 2023

Beobachtungen in Bad Doberan

Doberan 1845, aus „Meklenburg in Bildern“, von Georg Christian Friedrich Lisch, Rostock: J. G. Tiedemann'sche Hof-Steindruckerei, von hier

Bad Doberan ist im Kern eine Kleinstadt unweit von Rostock. Die Straßen sind recht eng, eher Gassen, die an pittoresken kleinen alten Häusern entlang ihren Weg suchen. Dafür hat sie durchaus auch andere Gebäude, etwa solche, die mecklenburgische Baugewohnheiten herrschaftlich-klassizistisch steigern wollen. Bad Doberan war einmal Mecklenburg-Schwerin'sche Sommerresidenz.

Unweit liegt Heiligendamm, das älteste kontinentaleuropäische Seebad von 1793 (so ungefähr lautet, glaube ich, der einzufügende Textbaustein), und zur Stadt gehört das Münster, Grabstätte mecklenburgischer Fürsten und einstmals die imposante Mitte des größten Klosters des Landes.


Eigentlich hat das Kloster den Ort erschaffen und natürlich mit der Gründung von Heiligendamm Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg(-Schwerin), samt seinen Vorgängern, die ihn zum regelmäßigen Sommeraufenthalt erwählten. Ein oft skurriles Gemisch im Ergebnis. Nennen wir es Charakter.



Eine wahre und tatsächliche Attraktion ist die Bäderbahn Molli, eine immer noch dampfbetriebene Schmalspurbahn, die in der Stadt mitten durch die Menschen fährt und von Bad Doberan über Heiligendamm nach Kühlungsborn führt. 

Es ist schier unglaublich, aber wenn sie an einem entlang unter ständigem Warnklingeln schnauft, glaubt man auf dem engen Bürgersteig, seine Arme von der gerade vorhandenen Häuserwand bis zu den sich vorbeimühenden Waggons strecken zu können. Man tut es natürlich nicht. 



Ausgerechnet vor dem Haus Gottesfrieden ergab sich eine mitteilenswerte Beobachtung: Ein recht älterer Herr stapfte, irgendwie die Außenwelt nahezu völlig ignorierend, sehr wenige Meter vor der Lok über die Schienen. Der junge Lokführer löste geistesgegenwärtig eine Notbremsung aus, die den Zug weniger als einen Meter vor der Ursache zum Halten brachte, wenn sie denn nicht völlig teilnahmslos weiter getrottet wäre. 

Sollte der alte Mann hier seinen Gottesfrieden gesucht haben, der andere hatte ihn gerade darum gebracht. Er schrie ihm noch aufgebracht und erfolglos irgendetwas hinter. Durch diesen Nothalt und die daraus folgende längere Zwangspause konnte ich mich ein wenig über die Situation aufklären lassen und kam zu meinen Bildern.

Mit manchem rechnet man einfach nicht: An einer Straße tanzt ein oberkörperentblößter Mann entweder die Autos an oder die Sonne oder Unerkennbares:  Seine schweißnassen Arme rhythmisch-ekstatisch entgegenstreckend oder seinen Oberkörper. Als ich deutlich später dort erneut vorbeikam, tat er es immer noch. Eine offenkundige Freakshow. War es nur ein schräger Vogel, stand er unter Drogen oder war einfach psychisch auffällig. Der natürliche Instinkt lautet: Bloß weiter und weg. 

Doch ich sprach ihn an: In seiner Wasserflasche sei wohl kaum nur Selters. Er nahm mich wahr, entstöpselte das eine Ohr, hörte auf, sich zu bewegen und hatte meine Bemerkung wohl gar nicht verstanden. Erst jetzt merkte ich, daß er die ganze Zeit allenfalls von Musik berauscht worden sein konnte, denn er antwortet in völligem Kontrast zu seiner Erscheinung. Ich kann nicht genau erinnern, was er feiern wollte, das Leben, die Freude daran oder was immer. 

Er berichtete, die einen Vorbeikommenden würden ihn belustigt begrüßen, andere für unter Drogen stehend halten etc. Ich bestätigte ihm freimütig für mich letzteres, bat um ein Bild und er wünschte mir gute Besserung. Ich gehe nämlich gegenwärtig am Stock und warte darauf, im hiesigen Moorbad bald ersäuft zu werden. 

Es ist übrigens nicht immer dasselbe Bild, nur die gleiche Kamerapose. So kann man sich das vorherige Körperdrama kaum annähernd vorstellen. Später erfuhr ich von einer Einheimischen, er tue das wohl jeden Tag an verschiedenen Orten. Er sei nicht doof, habe nur diesen Tick. Nein, war er nicht. Hätte ich das Geschehene und die Erscheinung ausblenden können, hätte ich ihn für einen völlig verständigen und sympathischen Menschen gehalten, obwohl, eigentlich tue ich das trotzdem, irgendwie. Wie täuschend doch der Augenschein sein kann. Schon verwirrend diese Nachkommen Adams und Evas.

nachgetragen am 17. September