Mittwoch, 18. November 2009

Zum Buß- und Bettag

Herr Roloff, der hier schon oft geschrieben hat, sandte mir diesen Text zu, der dem heutigen Tag gewidmet ist. Zum Tag ist wohl weniger zu sagen, wer mehr wissen will, mag hier nachsehen. Aber zu Hermann Alexander Graf Keyserling sollte ich doch kurz etwas bemerken.

Herr Roloff knüpft bekanntlich häufig an Personen und Begebenheiten an, die mit Bismarck bzw. Schönhausen zu tun haben. Graf Keyserling nun, ein zwischen den Weltkriegen bekannter und beliebter Reiseschriftsteller und Philosoph, heiratete 1919 Gräfin Maria Goedela von Bismarck-Schönhausen (1896−1981), eine Enkelin Otto von Bismarcks. Ich gebe zu, er ist ein Autor, mit dem ich mich etwas schwer tue. Er hatte sehr feindselige Kritiker, Tucholsky etwa, von dem ich dieses Zitat zum Besten geben will, im Zusammenhang kann man das hier nachlesen, machte diese teilweise fast bösartige, wenn auch unterhaltsame Bemerkung:

„Dieser lebensferne Plauderer, der eine Handbreit über dem ordinären Boden schwebt, auf dem Menschen ackern, schwitzen, jammern, stöhnen und einander quälen, fällt schiefe Urteile und halbrichtige, die ja gefährlicher sind als falsche – der Mann hat unendlich viel gelesen, weiß sehr vieles und weiß nichts, weil er nichts ist.“

Nun ja, erfreulicherweise sind die Werke des Grafen online zugänglich, das Werk , aus dem die nachfolgenden Zitate stammen, findet sich hier, da mag ein jeder selbst sehen, ob, und wenn ja, wieviel von dem einer Überprüfung standhält, was ein Tucholsky so behauptet. Ich persönlich gestehe, daß meine Schwierigkeiten mehr mit der Sprache zusammenhängen dürften, etwas, was es mir etwa auch äußerst schwer macht, George zu lesen. Aber dies alles ist für eine Einleitung schon viel zu viel.

Wir sammeln uns und hören:

„Welchen Sinn hat das Gebet?
Gedanken zum Buß- und Bettag 2009

Graf Herrmann Keyserling, der entscheidende Jahre seines Lebens in Schönhausen verbrachte, entwickelt in seinem Jugendwerk unter dem Titel „Unsterblichkeit“ für den Glauben allgemein einen Gedanken, der auch für das Gebet anwendbar ist. Er schreibt: „Jene Frau liebt diesen Mann nicht, weil er gut ist, sondern sie hält ihn für gut, weil sie ihn liebt; ich erwarte jenes Ereignis nicht, weil es möglich ist, sondern ich bin überzeugt von seinem Eintreten, weil ich es wünsche; jener Satz ist nicht meine Überzeugung, weil er wahr ist, sondern er ist wahr, weil ich es so will. In den meisten Fällen glauben wir nicht aus Gründen, sondern wir suchen vielmehr nach Gründen, weil wir glauben. ... Ein lebendiger, wesentlicher Glaube läßt sich überhaupt nicht aus Motiven ableiten: er ist selber vielmehr die Voraussetzung aller nur möglichen Motive.“

Ebenso ist dann auch das Gebet nicht eine besondere Form der Rede, die sich aus der Sprache irgendwie gebildet hätte, sondern es ist bereits der Gestus, mit dem der Mensch sich in Übereinstimmung mit der Welt und mit Gott bringt, und nur aus ihm hat sich dann auch die Sprache erhoben.

So wie der Glaube nicht aus Erkenntnissen erwächst, sondern jeder Erkenntnis vorangeht, so wächst auch das Gebet nicht aus der Sprache, sondern es bringt die Sprache gleichsam erst hervor. Aus dem Gestus der Unterwerfung gegenüber demjenigen, der alles hervorgebracht hat, wird die Sprache geboren. Vielleicht ist dann auch hier die Ursache dafür zu finden, warum in den drei Weltreligionen, die auf dieselbe Wurzel zurückgehen, das Wort derartig hochgeschätzt wird. Durch das Wort findet der Mensch Bezug zu seinem eigenen und eigentlichen Ursprung, durch das Wort äußert sich Gott und im Wort wird uns die Mitte und das Wesen der Welt offenbar. Man könnte sogar sagen, daß sich der Mensch im Gebet, in seiner Hinwendung zu Gott, erst überhaupt und in des Wortes ganzer Bedeutung bildet.

Wenn Keyserling seinen Gedankengang dann noch einmal in der Feststellung zusammenfaßt: „Die Unfähigkeit zu glauben bedingt Unfähigkeit zur Tat.“, dann kann man auch dieses wieder auf unseren Zusammenhang übertragen und sagen: Die Unfähigkeit zum Gebet bedingt Unfähigkeit zur Sprache.

Die Sprache, die sich nicht mehr dadurch hebt, daß sie sich an den Höchsten wendet, sinkt notwendig herab. Das Verkommen der Sprache, das in unseren Tagen vielfältig beklagt wird, ist vielleicht auch eine Folge, die durch das Verlernen des Betens eintritt. Der Mensch wendet sich ohne das Beten nur noch an seinesgleichen und mit der Sprache zerfällt auch die Ordnung. Es bleibt dann nur so etwas übrig, wie ein intelligenter Ameisenstaat. Hilflos sucht dieser Mensch dann Idole und versucht, sie an die Stelle dessen zu setzen, was war. Er muß damit scheitern, denn auch hier stellt Keyserling richtig fest: „Doch wer vor dem zeitlichen Menschlein in Ehrfurcht erschauert, der betet vor dem Staub.“

Der Buß- und Bettag, den die evangelische Kirche immer am Mittwoch vor dem letzten Sonntag des Kirchenjahres feiert, kann eine gute Gelegenheit sein, um zum Gebet zu finden, denn im Gebet kann jeder Mensch gewahr werden, daß er Gott mehr angehört als sich selbst.“
Thomas Roloff

There is a translation in the comments

Kommentare:

MartininBroda hat gesagt…

I just try to translate this, maybe you should look in an hour or so.

MartininBroda hat gesagt…

For Prayer Day
Translation part 1

Mr. Roloff, who has published at this place many times, sent me this text which is devoted to the present day. About this day probably is less to say, who wants to know more may look at here - http://en.wikipedia.org/wiki/Store_Bededag#Bu.C3.9F-_und_Bettag_in_Germany. But about Hermann Alexander Graf Keyserling (http://en.wikipedia.org/wiki/Hermann_Graf_Keyserling) I should say something.

Mr. Roloff is known for frequently linking to people and events that have connected with Bismarck or his birthplace Schönhausen. Well. Count Keyserling was between the world wars a popular and famous travel writer and philosopher. He has married in 1919 Countess Maria Goedela of Bismarck-Schönhausen (1896-1981), a granddaughter of Otto von Bismarck. I admit he is an author with whom I do have some reluctance. He has had some very hostile critics, as Kurt Tucholsky, I want to give you this quote from him, if you understand some German you should read it in the context here - http://www.textlog.de/tucholsky-gottes-atem.html, but albeit it’s partially almost vicious, it’s an amusing comment too:

"This live remote conversationalist, who floats a few inches above the ordinary ground where people sweat, moan, groan and torture each other, makes inappropriate judgments and half right ones who are indeed more dangerous than false - the man has infinitely read a lot, knows many things and knows nothing, because he is nothing."

Well, fortunately the works of the count are available online (in German - http://www.schuledesrades.org/palme/schule/?Q=4) … so everyone can see by himself whether something, and if so, how much remains after a proof of what Tucholsky asserted. Personally, I confess that my problems are more likely related to his language, something that makes it also very hard for me to read George. But this is already much too long for preface.

So we collect ourselves and hear:

MartininBroda hat gesagt…

Translation part 2

"What is prayer good for?
Thoughts on Prayer Day 2009

Graf Hermann Keyserling, who spent crucial years of his life in Schönhausen, has created in his early work under the title of "immortality" for the faith generally an idea which is also applicable for prayer. He writes: "This woman does not love this man because he is good, but she regards him as good because she loves him; and I do not expect that event because it's possible, but I am convinced of his appearance because I hope so; that sentence is not my opinion because it is true, but it is true, because I have chosen so. In most cases we do not believe for reasons, but rather we look for reasons because we believe. ... A lively, substantial belief cannot even derive from motives: he himself is rather the precondition of all possible motives."

Similarly then the prayer is not a particular form of speech that would have been formed somehow from language, but it is already the gesture with which man brings himself in conformity with the world and with God, and from it language has been then arisen.

Just as the belief does not derive from knowledge but precedes all knowledge, so the prayer will not grow out of the language, but it creates the language so to speak first. From the gesture of submission to the person who has created everything language was born. Perhaps here is also to find the cause for why the three world religions, which decreased from the same root, the word are holding in such high esteem. By the word man is related to his own and actually origin, God expresses himself by the word and the word reveal for us the center and the nature of the universe. One could even say that man arises in prayer, in his turn to God in general and in the whole meaning of the word.

When Keyserling his train of thought then again summarized in the statement: "The inability to believe causes the inability to act", then you may also transfer this back to our context and say: The inability to pray causes the inability of language.

The language, which is no longer raises from the fact that it appeals to the Almighty, is falling down inevitable. The decay of language, which is often complained in our days, is perhaps also a consequence that occurs through the unlearning of prayer. Without praying man turned only to his peers and with language also order declined. What remains is only something as an intelligent ant colony. Helpless man then looks at idols and tried to put them to the place of what was once. He has to fail in this, here too Keyserling observes correctly: "But who shudders in awe for this transitory little human is praying to the dust."

The Day of Repentance and Prayer, which celebrates the Protestant church every Wednesday before the last Sunday of the Liturgical year, may be a good opportunity to find to the prayer, because in prayer each man may be aware that he belongs to God rather than to himself.”

Thomas Roloff

Mr. Urs hat gesagt…

In der Schweiz heisst der Tag Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag (und wird an einem ganz anderen Tag begangen). Ich habe erst dieses Jahr gemerkt, dass er eidgenössisch wurde, weil man hoffte dadurch die schädlichen Einflüsse der Französischen Revolution abwehren zu können. Er diente dann ab 1848 auch dazu, die 'Wunden' des Sonderbundkrieges zu heilen. Er wird darum nicht nur in der evangelischen Kirche begangen und hat auch eine politische Dimension. Und ja, Schiessübungen sind an diesem Tag untersagt. Bei den Pfadfindern mussten wir immer aufpassen, dass wir am Bettag-Wochenende keine Nachtübungen angesetzt hatten.

Walter A. Aue hat gesagt…

In Oesterreich, soweit ich weisz, gibt's den "Busz- und Bettag" nicht. Vielleicht weil wir (noch immer?) die "Insel der Seligen" sind?

Oder weil in unserer Sprache "Gebet" und "Gott" (noch immer?) ehrfuerchtig als Metaphern angesehen werden?

MartininBroda hat gesagt…

@Urs Ja die Schweiz hat sich verschiedentlich gegen diese Revolution verdient gemacht, habe gerade an ein bestimmtes Luzerner Denkmal erinnert

MartininBroda hat gesagt…

@Prof. Aue Nun ja, es könnte auch damit zusammenhängen, daß Österreich in den letzten Jahrhunderten nicht gar so sehr protestantisch war, es ist schon ein ziemlich typisch protestantischer Feiertag, und darum mehr etwas für Länder wie die Schweiz, Deutschland oder Dänemark