Sonntag, 13. August 2023

Zum Gedenktag der Zerstörung Jerusalems

St. Eustachius und St. Agathe, Diesdorf

Bevor sich Herr Roloff auf den Weg machte, das Land der Griechen nicht nur mit der Seele zu suchen, sondern als ganze Person, durfte er noch in einer Dorfkirche im Magdeburgischen predigen, (zur Erinnerung, es ist aus Goethens Iphigenie: "Denn ach, mich trennt das Meer von den Geliebten/ Und an dem Ufer steh' ich lange Tage/ Das Land der Griechen mit der Seele suchend...", andererseits lebten die Taurier wohl auf der jetzigen Krim, und wer will da heute schon hin.). 

Das Thema ist von der Gottesdienstordnung vorgegeben, und man kann sich leicht vorstellen, wie so mancher Prediger sich hier gewunden haben wird. Das ganze 11. Kapitel des Römerbriefes paßt so gar nicht in die Zeit, aber wann hätte es das jemals.


Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis in St. Eustachius und St. Agathe, Diesdorf

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Römerbrief im 11. Kapitel.

Warnung an die Heidenchristen vor Überheblichkeit

17Ob aber nun etliche von den Zweigen ausgebrochen sind und du, da du ein wilder Ölbaum warst, bist unter sie gepfropft und teilhaftig geworden der Wurzel und des Safts im Ölbaum, 18so rühme dich nicht wider die Zweige. Rühmst du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht trägst, sondern die Wurzel trägt dich. 19So sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen, das ich hineingepfropft würde. 20Ist wohl geredet! Sie sind ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du stehst aber durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. 21Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, daß er vielleicht dich auch nicht verschone. 22Darum schau die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst an denen, die gefallen sind, die Güte aber an dir, sofern du an der Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen werden. 23Und jene, so nicht bleiben in dem Unglauben, werden eingepfropft werden; Gott kann sie wohl wieder einpfropfen. 24Denn so du aus dem Ölbaum, der von Natur aus wild war, bist abgehauen und wider die Natur in den guten Ölbaum gepfropft, wie viel mehr werden die natürlichen eingepfropft in ihren eigenen Ölbaum.

Nur Gott und die lange Dahingeschiedenen wissen, wie der erste Tempel aussah (und solange ein Waqf ungestört den Tempelberg aushöhlen kann, dürfte sich daran auch nicht Wesentliches ändern), aber mit diesem Zeltheiligtum des ursprünglichen Nomadenvolkes begann es; Modell der Stiftshütte in Israel, Timna Park; von hier

Liebe Gemeinde,

die Klage über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem ist für unser christliches Glaubensverständnis grundlegend. Im Jahre 587 trat mit der Eroberung Jerusalems, der Zerstörung des Tempels und dem Ende der davidischen Dynastie etwas ein, was scheinbar völlig konträr zu aller Verheißung stand. Im frommen Judentum kann man die damit verbundene Erschütterung zuweilen bis in unsere Tage spüren.

David Roberts, Belagerung und Zerstörung von Jerusalem durch die Römer unter Titus, 1850, von hier

Selbst über dem wiederaufgebauten Tempel, der dann bis in die Römerzeit Bestand haben sollte, lag doch immer der Alp, dass das Undenkbare bereits einmal eingetreten war. Unter Kaiser Vespasian wurde dann auch er beinahe vollständig vernichtet. Nur die Klagemauer zeugt bis heute von seiner Existenz.

Rekonstruktion des Tempels des Herodes des 2. (3.) Tempels, von hier

eine glaubhafte Rekonstruktion eines der Treppenaufgänge zum Tempel, von hier

vom Holyland Modell des Herodianischen Tempels, von hier

Nichts, was von Menschenhänden gemacht wurde, hat Bestand. Es hat keinen Bestand, was Menschen tun, es hat aber immer Bedeutung.

Es ist darum auch keine Zufälligkeit, dass Christus gleichsam in der Zeit zwischen diesen beiden Tempeln, die doch nur ein Tempel sind, als Jude auf die Welt gekommen ist. Jesus hat als Jude in diesem Tempel gelehrt und er hat als Jude mit diesem Tempel gelebt. Durch Christus ist dieser Tempel auch unser Tempel. Hat er nicht gesagt: 

Muss ich nicht in dem sein, was meines Vaters ist? Jesus lebte ganz seinen Glauben, der durch ihn auch unser Glaube geworden ist. Die Schöpfung der Welt, die Patriarchen, die Knechtschaft in Ägypten, die Flucht durchs Rote Meer, die Einnahme des Gelobten Landes, das Königtum von David und seinen Söhnen und endlich die Zerstörung des Tempels sind ganz auch unsere Geschichte.

Wir tun gut daran, uns häufig und im großen Ernst des Alten Testamentes zu erinnern. Wir tun gut daran, uns die Bedeutung des Tempels zu vergegenwärtigen. Wir tun gut daran, der Verheißung dann besonders treu zu vertrauen, wenn sie nach unseren und den Maßstäben der Welt gescheitert zu sein scheint.

Francesco Hayez: Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem (und Details), 1867 (Venice, Accademia di Belle Arti, donated by the artist in 1868), von hier


Es tritt hinzu, wovon der Apostel Paulus in seinem Römerbrief schreibt. Du sollst wissen, daß du die Wurzel nicht trägst, sondern die Wurzel trägt dich.

Der Tempel ist ein wichtiger Teil dieser Wurzel. Darum ist es von Belang, dass der Herr die Umstehenden aufgerufen hat: Brecht diesen Tempel ab und ich werde ihn in drei Tagen wiedererrichten und dabei vom Tempel seines Leibes sprach.

Das Volk Israel war durch den Allmächtigen erwählt worden und er begleitete es auf seiner Wanderung durch die Wüste und wohnte in einem Zelt.

Die Söhne des letzten Königs von Juda, Zedekia, werden vor seinen Augen getötet, bevor er selbst  geblendet wird, Gustave Doré, 1866 von hier

Das sesshaft gewordene Volk errichtete seinem Gott in der Hauptstadt eine Heimstatt. In Christus aber wurde leiblich gegenwärtig, wofür das Zelt und der Tempel nur eine äußere und vergängliche Hülle gewesen sind. War der Tempel ein Ort der Gottesgegenwart, so ist in Christus Gott tatsächlich gegenwärtig. 

Von nun an war dem Volk die Möglichkeit eröffnet, anstatt durch einen Besuch im Tempel, durch die lebendige Gemeinschaft mit Jesus eine Gottesbegegnung zu erfahren, die ganz neu war und doch alles Gewesene erfüllte. Davon schreibt Paulus, der das Bild vom Ölbaum nutzt, um begreiflich zu machen, wovon hier die Rede ist.

Mit Christus begegnet uns der lebendige Tempel, wovon der gebaute Tempel Jerusalems nur Verheißung gewesen ist. Mit dessen Zerstörung ist so auch nicht die Verheißung Lügen gestraft, sondern sie wurde durch Christus erfüllt, das vermag aber nur zu erkennen, wer an ihn glaubt. Christus ist gleichsam an die Stelle des Tempels getreten. Niemals kann aber der Tempel an die Stelle des Herrn treten.

Nur durch Christus ist das Tor zum Heil für alle Völker aufgestoßen worden. Dieser Akt hat aber das auserwählte Volk nicht seiner Bestimmung beraubt. Umgekehrt eröffnet der Herr die eine Möglichkeit, wie jeder Mensch zum Angehörigen des einen Gottesvolkes werden kann. Die Bibel verdeutlicht das mit dem schönen Bild des Gartens, in dem ein Ölbaum steht.

Der Gärtner kennt die Weise des Pfropfens. Ein anderer Zweig wird gleichsam am fremden Stamm zum Wachsen gebracht. Das Fremde wird zum Eigenen. Zuvor wurden Zweige ausgebrochen, die nun, obgleich der Baum sie hervorgebracht hat, nicht mehr zu ihm gehören.

Die eingepfropften Zweige haben nun gar keinen Vorzug gegenüber denjenigen, die bereits zuvor am Baum gewesen sind. Sie alle wachsen und gedeihen zu einem Baum. Sogar für das, was ausgebrochen war, gibt es noch Hoffnung. 

Jedenfalls können wir Paulus so verstehen, wenn er schreibt: „Denn so du aus dem Ölbaum, der von Natur aus wild war, bist abgehauen und wider die Natur in den guten Ölbaum gepfropft, wie viel mehr werden die natürlichen eingepfropft in ihren eigenen Ölbaum.“ Es besteht für alle dieselbe Hoffnung, weil für alle dieselbe Verheißung des einen Gottes besteht.

Hier spiegelt sich nicht nur der historische Vorgang des Zusammenwachsens von Judenchristen und Heidenchristen zu einer Kirche, von dem wir wissen, dass er alles andere als konfliktfrei gewesen ist. 

Wilhelm von Kaulbach: Die Zerstörung von Jerusalem durch Titus, 1846 (und Detail), von hier


Hier wird auch ein Ausblick gegeben auf das Ende der Welt, das dadurch gekennzeichnet sein wird, dass wir alle zur völligen Gemeinschaft mit Christus berufen sind und in ihm mit dem lebendigen Tempel verbunden sein und in keinen steinernen Tempel gesammelt werden. Der Jude Jesus Christus ist das lebendige Tor zum Heil für alle Menschen.

In ihm begegnen wir die Erfüllung dessen, was im Bundeszelt, im Tempel, in den Synagogen und in allen Kirchen der Welt verkündet worden ist: Der Herr kommt und er wird richten sein Volk, das er aus allen Völkern gerufen hat. Gott will das Heil für alle Menschen und ruft sie durch Christus ins Leben.

Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. So schreibt Paulus eindringlich. Der Stolz des Menschen ist es nämlich, der das, was zur Einheit verwachsen ist, wieder auseinanderreißen kann. Der Glaube ist die Ursache dafür, dass wir an diesem Baum einen Platz gefunden haben und ohne unseren Glauben werden auch wir ihn wieder verlieren.

Auch daran erinnert uns heute das Gedenken an die Zerstörung des Tempels. Israel hat sie immer als eine Strafe für den Ungehorsam und für die Gottvergessenheit verstanden. Darin können auch wir noch ein Zeichen dafür erkennen, was geschehen kann, wenn wir unseren Glauben in dieser Welt nicht behaupten.

Jean-Guillaume Moitte, Beute aus dem Tempel, nach einem Relief vom Titusbogen, Rom, um 1791, von hier
Detail vom Titusbogen, Rom. Und so, möchte man einfügen, verwittern die Triumphe dieser Welt; von hier

Immer schriller werden in unserer Zeit die Töne, die zwischen Selbstbezichtigung und Selbsterlösung schwanken, wie ein Sirenengeheul. Ich persönlich frage mich immer öfter, wo denn die Stimme unserer Kirche ist, die die Menschen zurück ins Gottvertrauen ruft? Nicht wir tragen doch die Wurzel, sondern die Wurzel trägt uns. Nicht wir retten die Welt, sondern die Welt ist durch Christus gerettet.

Das ist meine Botschaft für euch. Das ist die Gabe, die ich euch heute bringe. Vertraut der alten Wurzel, die uns trägt und die aus unserer Gemeinschaft mit Christus ein gewaltiges Zeichen der Hoffnung macht. Er ist es, der am Ende der Zeiten als Messias wiederkommen wird zu Israel, und wir sind Israel.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn.

Amen.

Thomas Roloff

nachgetragen am 22. August

Sonntag, 6. August 2023

Salomo und über die Weisheit – eine Predigt

Nicolas Poussin, das Urteil Salomos, 1649, von hier

Dieser Nachtrag ist unvermeidlich, denn Herr Roloff hat den zurückliegenden Sonntag zu Magdeburg gepredigt. Sogar zweimal. Einmal in der hier nun schon öfters erschienen Nikolaigemeinde, zum anderen in der im Gegensatz zum Schinkel-Bau DDR-modernen Hoffnungskirche; er mag sie, warum sollte ich dann urteilen. 

Das zu den Äußerlichkeiten. Worüber er zu predigen hatte, ist ganz wunderbar. Aber das erschließt sich aus dem Nachfolgenden von selbst.



Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt ist uns heute der wunderbare Text aufgetragen, in dem es um Salomos Bitte um Weisheit geht und in dem mit Salomos Urteil gleichsam die erste Frucht dieser Weisheit dargestellt ist:

Salomos Gebet um Weisheit

5Und der HERR erschien Salomo zu Gibeon im Traum des Nachts, und Gott sprach: Bitte, was ich dir geben soll! 6Salomo sprach: Du hast an meinem Vater David, deinem Knecht, große Barmherzigkeit getan, wie er denn vor dir gewandelt ist in Wahrheit und Gerechtigkeit und mit richtigem Herzen vor dir, und hast ihm diese große Barmherzigkeit gehalten und ihm einen Sohn gegeben, der auf seinem Stuhl säße, wie es denn jetzt geht. 7Nun, HERR, mein Gott, du hast deinen Knecht zum König gemacht an meines Vaters David Statt. So bin ich ein junger Knabe, weiß weder meinen Ausgang noch Eingang. 8Und dein Knecht ist unter dem Volk, das du erwählt hast, einem Volke, so groß das es niemand zählen noch beschreiben kann vor der Menge. 9So wollest du deinem Knecht geben ein gehorsames Herz, daß er dein Volk richten möge und verstehen, was gut und böse ist. Denn wer vermag dies dein mächtiges Volk zu richten? 10Das gefiel dem HERRN wohl, daß Salomo um ein solches bat. 11Und Gott sprach zu ihm: Weil du solches bittest und bittest nicht um langes Leben noch um Reichtum noch um deiner Feinde Seele, sondern um Verstand, Gericht zu hören, 12siehe, so habe ich getan nach deinen Worten. Siehe, ich habe dir ein weises und verständiges Herz gegeben, daß deinesgleichen vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird. 13Dazu, was du nicht gebeten hast, habe ich dir auch gegeben, sowohl Reichtum als Ehre, daß deinesgleichen keiner unter den Königen ist zu deinen Zeiten. 14Und so du wirst in meinen Wegen wandeln, daß du hältst meine Sitten und Gebote, wie dein Vater David gewandelt hat, so will ich dir geben ein langes Leben. 15Und da Salomo erwachte, siehe, da war es ein Traum. Und er kam gen Jerusalem und trat vor die Lade des Bundes des HERRN und opferte Brandopfer und Dankopfer und machte ein großes Mahl allen seinen Knechten.

Salomos Urteil

16Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn. 17Und das eine Weib sprach: Ach, mein Herr, ich und dies Weib wohnten in einem Hause, und ich gebar bei ihr im Hause. 18Und über drei Tage, da ich geboren hatte, gebar sie auch. Und wir waren beieinander, daß kein Fremder mit uns war im Hause, nur wir beide. 19Und dieses Weibes Sohn starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. 20Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, da deine Magd schlief, und legte ihn an ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie an meinen Arm. 21Und da ich des Morgens aufstand, meinen Sohn zu säugen, siehe, da war er tot. Aber am Morgen sah ich ihn genau an, und siehe, es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte. 22Das andere Weib sprach: Nicht also; mein Sohn lebt, und dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nicht also; dein Sohn ist tot, und mein Sohn lebt. Und redeten also vor dem König. 23Und der König sprach: Diese spricht: mein Sohn lebt, und dein Sohn ist tot; jene spricht: Nicht also; dein Sohn ist tot, und mein Sohn lebt. 24Und der König sprach: Holet mir ein Schwert her! und da das Schwert vor den König gebracht ward, 25sprach der König: Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. 26Da sprach das Weib, des Sohn lebte, zum König (denn ihr mütterliches Herz entbrannte über ihren Sohn): Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht! Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein; laßt es teilen! 27Da antwortete der König und sprach: Gebet dieser das Kind lebendig und tötet es nicht; die ist seine Mutter. 28Und das Urteil, das der König gefällt hatte, erscholl vor dem ganzen Israel, und sie fürchteten sich vor dem König; denn sie sahen, daß die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten.

1Kön 3,5-28

James Tissot, die Weisheit Salomos, ca. 1896–1902, von hier

Liebe Gemeinde,

dieser Text ist beinahe schon seine eigene Predigt und er steht in einem wunderbaren Einklang mit der gesamten Heiligen Schrift, in der die Weisheit eine zentrale Rolle spielt. Eine Gattung biblischer Bücher heißt sogar „Weisheitsliteratur“ und kreist um das rechte Verständnis dieses Begriffs, der für unser christliches Glaubens- und Weltverständnisses maßgeblich ist.

Ein Psalmwort (Ps 111,10) kann uns den Zusammenhang aufschließen: Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.

Weisheit ist Gottvertrauen. Das Wort Gottes ist die Quelle der Weisheit. So heißt es im Buche Jesus Sirach. Die Weisheit kommt uns aus dem Wort Gottes. In ihm haben wir Menschen die Quelle der Weisheit.

Und gleichzeitig hören wir bei Paulus, und dadurch wird dieser Gedanke nur noch verstärkt: Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott.

Weisheit, die diesen Namen verdient, kommt allein von Gott her.


Der erste Teil unserer Geschichte ist ein Traumgespinnst. Man staunt, wie klar die Fragen und wie sicher und überlegt die Antworten sind. 

Das verrät uns, dass diese Geschichte, in der mit Sicherheit ein wahrer Kern eingeschlossen ist, durch die Gelehrten am Königshof in ihre Form gebracht wurde. Dadurch erfahren wir etwas über das Amt des Königs. Der König soll seinem Volk ein Vorbild sein. Er ist es, mit dem der Allmächtige verkehrt. Ihm beantwortet er Fragen. Und dann spricht er: Bitte, was ich dir geben soll!

Was alles kommt einem selber in den Sinn, wenn man einmal die Möglichkeit hätte, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen?

Darin aber liegt der Unterschied zwischen dem einfachen Menschen und einem zum König Berufenen. Er erweist sich sogar erst darin als wahrer König, dass er der Versuchung, die in Gottes Frage eben auch liegt, widersteht. So wollest du deinem Knecht geben ein gehorsames Herz, daß er dein Volk richten möge und verstehen, was gut und böse ist. Denn wer vermag dies dein mächtiges Volk zu richten?

Salomo weiß, wie tief der alte Konflikt reicht, der darin besteht, dass ein Mensch nicht König sein kann. Denn Gott ist der alleinige König seines Volkes. Einen König haben zu wollen, wie alle anderen Völker ihn hatten, wurde als Sünde angesehen und von den Propheten scharf verurteilt.

Salomo wusste darum, dass man ein Volk nicht richten und regieren kann, wenn der Beistand des allmächtigen Gottes einem nicht sicher ist.

Seine Bitte ist darum auch Ausdruck seiner Liebe zu Gott. Es ist Liebe zu Gott, von ihm alles zu erbitten und jegliches Ding zu erwarten.

Es ist Liebe zu Gott, alles in seine Hand zurückzulegen. Von Gott her ist alles und zu Gott hin wird alles sein. Das ist der Kern unseres Schicksals. Darum ist die Gottesfurcht der Beginn aller Weisheit.

Das gefiel dem HERRN wohl, daß Salomo um ein solches bat. Gott erkennt Salomo in seiner Liebe und er belohnt diese Liebe, indem er die Bitte des Königs erfüllt und ihm über sein Bitten hinaus alles schenkt, was er zu geben hat. Reichtum und Ehre, Stärke, Macht und langes Leben.

Die Liebe zu Gott bleibt dem König nicht unbelohnt. Darum kann sein Volk in ihm Halt, Trost und Sicherheit finden. Das Volk darf der Gerechtigkeit seines Königs vertrauen, denn seine Gerechtigkeit gründet in einer Weisheit, die von Gott herkommt und nicht durch menschliche Maßstäbe gefesselt ist.

Die Bitte um Weisheit, die den Menschen zur Gottesfurcht erzieht, ist Ausdruck von wahrer Gottesliebe. Sie wird dadurch zur Erfüllung des höchsten Gebotes des Volkes Israels und auch der Kirche, in der der Weg Israels sich erfüllt hat:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.

Wir nennen dies gewöhnlich das Doppelgebot der Liebe, denn als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Genau davon gibt uns nun der zweite Teil unsere Geschichte ein eindrucksvolles Beispiel. Im Urteil des Salomo findet es Bestätigung, dass er Anteil genommen hat an göttlicher Weisheit. Es wird aber auch eine eindrucksvolle Liebe zum Menschen offenbar, denn den Menschen erkennt man am besten in seiner Liebe und die größte Liebe, die wir auf Erden kennen, das ist die Liebe einer Mutter.

Gaspar de Crayer, Das Urteil Salomos,ca. 1620 – 1622, von hier

Liebe Gemeinde,

eine kleine Abschweifung sei mir erlaubt. Wir lesen schnell darüber hinweg, dass es zwei Huren gewesen sind, die da mit einem Rechtsstreit ganz selbstverständlich zum König kommen. 

Kein Wort lässt darauf schließen, dass diese Frauen nicht als Menschen geachtet waren. Keine Geste gibt Anlass zu der Vermutung, der König sähe sich belästigt. In der gesamten Heiligen Schrift findet man immer nur größten Respekt vor der Frau. Die Geschichten der Bibel sind voll von großen Heldinnen. Und auch hier, beim Urteil des Salomo, haben wir es mit einer Heldengestalt zu tun.

Die wahre reine Mutterliebe drückt sich nämlich darin aus, dass sie von sich selbst absieht. Dass sie das ihre nicht sucht, dass sie alles gibt, alles leidet, alles auf sich nimmt, sie rechnet das Böse nicht zu. Diese Liebe hat ganz und gar den Anderen im Blick und scheut das größte Opfer nicht. Das ist heldenhaft.

Salomo erkennt dies in seinem Herzen. Er muss nur das Liebesbekenntnis entlocken. In dem Moment, da es ausgesprochen ist, da wird auch die Wahrheit überwältigend und die Mutter wird offenbar durch ihre Liebe.

In dieser Geschichte wird uns ganz das Doppelgebot der Liebe entfaltet und sie bietet uns zwei unverzichtbare, ganz menschliche Fixpunkte für ein gutes Leben, den König und die Mutter.

„Stained glass panel in the transept of St. John's Anglican Church, Ashfield, New South Wales (NSW)“, von hier

Salvator Mundi, ,1750-1775, von hier

Darum leben wir als Christen gleichzeitig, weit über unser persönliches Erleben hinaus, unter diesen beiden Fixsternen. 

Martin Schongauer, Maria im Rosenhag, 1473, von hier

Christus, der uns ein gerechter Richter, guter Herr und unser König ist und Maria, die, als Mutter des Erlösers, alles Leid trug und jedes Opfer brachte und der ganzen Welt zur Mutter wurde.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn.

Amen.

nachgetragen am 9. August