Montag, 17. September 2018

Sonntags-Nachträge











Der letzte Sonntagsspaziergang, der eher eine -fahrt war, ist unvollständig geblieben, und so sollen ein paar der Bilder nachgeholt werden. Wir beginnen mit dem Parkhaus, das unser letzter, unglücklicher Großherzog für sich erbauen ließ. Ich schaue dort gern hin und wieder vorbei, ob es denn noch steht oder etwa nicht gar heimlich nach China entführt wurde (oder so), bei diesem Gebäude kann man sich da nie ganz sicher sein. Es steht also noch. Bei dem anderen abgebildeten Bauwerk in der Parkstraße befallen einen da allerdings leise Zweifel, ob dieser Zustand noch lange andauern wird.

Vom Zierker See kommend erfreute ich mich zuvor an der Rückseite des Marstalls mit seinem Strelitzer Landes- und Herzogswappen, eines der schönsten, das noch in Neustrelitz erhalten ist. Und wo wir eben beim Erfreulichen sind, auch die wiederhergestellte Mauer am Prinzengarten strahlte ganz wunderbar in der Spätsommersonne. Die Figuren am Landestheater schauten gewohnt dramatisch. Es hatte also alles seine rechte Ordnung.

Bei den letzten beiden Bildern verläßt einen dieses Gefühl leider schon wieder. Offensichtlich  hat der Residenzschloßverein, der am Tag des offenen Denkmals auf dem Schloßberg an das verlorene Schloß erinnerte, diese beiden Plakate dort vergessen, was eine läßliche Sünde sein sollte.

Aber jetzt müssen wir kurz zum vorigen Sonntag zurückkehren. Begonnen hatte ich mit Bildern vom wundervoll restaurierten Hirschtor (bis 1826 nach Plänen von Friedrich Wilhelm Buttel errichtet, die beiden Bronzehirsche sind von Christian Daniel Rauch), um dann nach dem Pulverturm zu schauen, ob der noch stehe. Nun ja, teilweise. 1811 von Wolff erbaut, war es einmal ein „schlanker geputzter Rundbau mit spitzbogigen Blendnischen und mit Holzschindeln gedeckter Spitzkuppel“. Da der Tiergarten zuerst der Jagd diente, ist sein namensgebender Ursprungszweck leicht ersichtlich.

Und jetzt steuern wir auch schon dem unerfreulichen Ende beider Beiträge zu, sowohl des vom vorigen als auch von diesem Sonntag. Denn was man auf dem älteren Beitrag sieht, sind offenkundig Reste der Schloßfassade. Wie das? Eine Neustrelitzerin hatte sie am Morgen zufällig auf einem nahe gelegenen Schuttberg entdeckt, sie dort herausgeklaubt und am Stand des Residenzschloßvereins abgelegt...

Immerhin klärt uns einige Tage später ein Zeitungsartikel auf: „Schloss taucht stückweise aus dem Boden wieder auf“. Demnach seien auf dem Schloßberg in Neustrelitz Reste des Schlosses gefunden worden. Bei den Sanierungsarbeiten auf dem Parkgelände wären „verzierte Steine in kleinem und größerem Ausmaß“ zum Vorschein gekommen. Mitarbeiter der Gartenbaufirma Anschütz tauschten nämlich derzeit im Schloßgarten den Mutterboden für neue Pflanzen und Rasen aus. Archäologen des Landesamtes für Kultur- und Denkmalpflege hätten ein Auge auf die Schloßreste. (Wie auch immer das praktisch aussehen mag.) „Teile der Fassade?“, fragt der Artikel. Noch sei nicht klar, um welche Teile des Schlosses es sich genau handele und was mit den Überbleibseln passieren solle.

Vielleicht einfach auf den Haufen zurückwerfen? Doch in der Tat ist der Schuttberg mittlerweile kleiner geworden. Wir werden weiter aufgeklärt: Die Funde, auf den ersten Blick Teile der ehemaligen Fassade, lagere die Firma Anschütz vorerst auf ihrem Betriebshof ein. Immerhin. Warum sollte der zuständige Landesbetrieb für Bau- und Liegenschaften auch ausgerechnet beim Neustrelitzer Schloß eine übertriebene Sensibilität an den Tag legen? Ich breche hier besser ab.

Warum hängen viele Neustrelitzer immer noch an einem Bau, der lange verloren ist? Wozu braucht ein Mensch ein Schloß. Vielleicht weil sich für sie in ihm auch ein Sehnsuchtspunkt sammelt all der verlorenen Orte, die ein Mensch mit sich umherträgt? Eine Art von Heimat.

Sonntag, 16. September 2018

Sonntags am Zierker See &









Erläuterungstext

Ich will nicht wieder die Bilder so frei im Raum stehen lassen. Obwohl ich das bevorzuge, denn Stimmungen zu kommentieren, hat etwas von einem zu Tode erklärten Gedicht. Andererseits mag ein wenig Kontext hilfreich sein, also folgt ein Kompromiß, was immer eine halbgare Sache ist.

Da ich diesmal meine übliche Sonntagsmüdigkeit zeitweise überwinden konnte, suchte ich am Nachmittag die Zierker Dorfkirche auf, das erklärt schon mal die ersten Bilder. Zum 2. nur soviel, sie haben dort ein Photo von der älteren Innenausstattung gefunden, dafür, daß es jetzt in einem halbdunklen Vorraum hängt, sieht man auf meiner Aufnahme erstaunlich viel, zumindest bekommt man eine Ahnung.

Weiter geht es um den Zierker See. Auf Höhe der Weißen Brücke erkennt man den doch bedenklichen Wasserstand. Dafür war man am Chinesischen Pavillon recht lebhaft, der jetzt zu einem Café verwandelt ist. Wo wir schon einmal an der Brücke sind...

Die dort gerade entstehende Wohnanlage nimmt langsam Formen an, der eine Mehrgeschosser sieht äußerlich recht fertig aus, den anderen mag man sich entsprechend vorstellen. Wie die 11 Einfamilienhäuser einmal aussehen werden, kann man dem Exposé hinreichend entnehmen. Ich habe dort überhaupt nur hineingeschaut, weil ich wissen wollte, was aus dem anmutigen Türmchen (ein übrig gebliebener Schornstein, soweit ich mich erinnere) werden soll.

Aber das aufwendige Dokument schweigt dazu. Es beginnt zwar mit einem schnittigen Schinkel-Zitat: "Die Architektur ist die Fortsetzung der Natur in ihrer konstruktiven Tätigkeit.” Dafür verbleibt es dann sehr technisch und verzichtet etwa auf ambitionierte Eigenbeschreibungen der ästhetischen Ansprüche des Vorhabens. Bekanntlich wird dort üblicherweise gern die Art von Originalität nachgeholt, die dem Vorhaben abgeht. Dem ist hier nicht so, das ist immerhin zu loben, die Simulationen verschaffen einen Eindruck, der, nun ja, auch recht nett ist, und das ist durchaus freundlich gemeint.

Aber es könnte eben so auch genauso in Singapur stehen. Bei einer Turmvilla weiß man, oh Persius und Potsdam, und freut sich. Aber man schaue selbst, immerhin werden die Bewohner ja auf der einen Seite auf den See mit der Weißen Brücke davor schauen können und auf der anderen auf diesen charaktervollen schmalen Turm, hoffentlich.

Teil 1, nachgetragen am 17. September

Dienstag, 28. August 2018

Augustinus über die Zeit

Albrecht Dürer, Melencolia, 1514 

Aus den Confessiones, Elftes Buch

Über die Zeit, bevor sie von Gott geschaffen wurde

„Wenn aber jemand in seinen Phantasien sich in die sogenannten Zeiten vor der Schöpfung verliert und sich wundert, wie du, der allmächtige Gott, der Allerschaffer und Allerhalter, der Werkmeister des Himmels und der Erde, vor der Erschaffung dieses so großen Werkes unzählige Jahrhunderte geruht hast, so möge er aufmerken und bedenken, wie unbegründet sein Verwundern ist.“

„Denn eben diese Zeit hattest du geschaffen, und es konnte keine Zeit vorübergehen, bevor du die Zeit schufest. Gab es aber vor Himmel und Erde keine Zeit, wie kann man dann fragen, was du damals tatest? Denn wo noch keine Zeit war, gab es auch kein Damals.“

„Deine Jahre gehen nicht und kommen nicht; unsere aber hienieden gehen und kommen, und schließlich kommen sie alle. Deine Jahre bestehen alle zugleich, weil sie eben bestehen; sie gehen nicht dahin, um von den nachkommenden verdrängt zu werden, weil sie eben nicht vorübergehen. Unsere Jahre aber werden erst dann alle sein, wenn unsere Zeitlichkeit alle ist. Deine Jahre sind ein Tag, und dein Tag erneuert sich nicht jeden Tag, sondern ist ein Heute, weil dein heutiger Tag keinem morgigen weicht und keinem gestrigen nachfolgt. Dein Heute ist die Ewigkeit; daher hast du auch gleichewig gezeugt, zu dem du gesprochen: ‚Heute habe ich dich gezeugt‘ Alle Zeiten hast du geschaffen, und vor allen Zeiten bist du, und nie gab es eine Zeit, wo keine Zeit war.“

Von den drei verschiedenen Zeiten

„Niemals also hat es eine Zeit gegeben, wo du nicht schon etwas geschaffen hattest, weil du ja die Zeit selbst geschaffen. Und keine Zeit ist ewig wie du, weil du immerdar bleibst; bliebe auch sie immer, dann wäre es keine Zeit. Denn was ist Zeit? Wer könnte den Begriff leicht und kurz erklären? Wer könnte ihn auch nur in Gedanken erfassen, um ihn dann in Worten zu entwickeln? Was aber erwähnen wir öfter in unsern Gesprächen, was erscheint uns bekannter und vertrauter als die Zeit?

Und wir verstehen in der Tat, wenn wir davon sprechen, den Begriff, wir verstehen ihn auch, wenn wir einen anderen davon sprechen hören. Was ist also Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemandem auf seine Frage hin erklären, so weiß ich es nicht. Doch soviel kann ich gewiß sagen: ginge nichts vorüber, so gäbe es keine Vergangenheit, käme nichts heran, so gäbe es keine Zukunft, bestände nichts, so gäbe es keine Gegenwart.

Wie kann man aber sagen, daß jene zwei Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, sind, wenn die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist? Wäre dagegen die Gegenwart beständig gegenwärtig, ohne sich je in die Vergangenheit zu verlieren, dann wäre sie keine Zeit mehr, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart, um Zeit zu sein, in die Vergangenheit übergehen muß, wie können wir dann sagen, daß sie an das Sein geknüpft ist, da der Grund ihres Seins darin besteht, daß es sofort in das Nichtsein übergeht? Also müssen wir in Wahrheit sagen: die Zeit ist deshalb Zeit, weil sie zum Nichtsein hinstrebt.“

Jean Auguste Dominique Ingres, Ödipus und die Sphinx, 1808

Vom Maße der Zeit

„Und doch reden wir von langer und kurzer Zeit, aber das können wir nur von Vergangenheit und Zukunft sagen. Eine lange Zeit in der Vergangenheit nennen wir zum Beispiel die Zeit vor hundert Jahren, lang ebenso in der Zukunft die Zeit nach hundert Jahren. Kurz aber nennen wir die Zeit, wenn in der Vergangenheit etwa zehn Tage verflossen sind, und kurz in der Zukunft ist uns die Zeit nach zehn Tagen. Aber wie kann denn lang oder kurz sein, was gar nicht ist? Denn die Vergangenheit ist nicht mehr und die Zukunft noch nicht.“

„Wir sollten also nicht sagen: ‚Die vergangene Zeit war lang‘; denn wir werden nichts an ihr finden, was lang war, da sie ja, seitdem sie vergangen, nicht mehr ist. Vielmehr müßten wir sagen: ‚Jene Gegenwart war lang‘; denn nur, da sie Gegenwart war, war sie lang. Denn da war sie noch nicht ins Nichtsein übergegangen, und deshalb war etwas da, was lang sein konnte. Sobald sie aber vorübergegangen war, hörte sie zugleich auch auf, lang zu sein, weil sie überhaupt aufgehört hatte zu sein.“

„Sind hundert Jahre der Gegenwart eine lange Zeit? Sieh zuerst zu, ob überhaupt hundert Jahre gegenwärtig sein können. Wenn das erste dieser Jahre abläuft, so ist es selbst gegenwärtig, die andern neunundneunzig aber sind zukünftig und deshalb noch nicht; wenn aber das zweite Jahr abläuft, ist das erste bereits vergangen, das zweite gegenwärtig und die übrigen zukünftig. Wir können so weiter irgendein beliebiges Jahr aus der Mitte dieser hundertteiligen Reihe als gegenwärtig setzen: die Jahre vor ihm sind vergangen, die nach ihm zukünftig. Deshalb können hundert Jahre nicht gegenwärtig sein.“

„Sieh, so ist die Gegenwart, die, wie wir wähnten, allein lang genannt werden könne, kaum noch auf die Dauer eines Tages ausgedehnt... Und selbst die eine Stunde verläuft in flüchtigen Augenblicken; was von ihr dahingeflogen, ist vergangen, was von ihr noch übrig ist, ist zukünftig… Wo ist also die Zeit, die wir lang nennen können? Etwa die Zukunft?“

„Wer aber kann die vergangenen Zeiten messen, die nicht mehr sind, oder die zukünftigen, die noch nicht sind? Keiner, oder er müßte behaupten, messen zu können, was nicht ist. Wenn also die Zeit vorübergeht, kann man sie wahrnehmen und messen; ist sie aber einmal vorübergegangen, so kann man dies nicht, weil dann die Zeit nicht mehr ist.“

John William Waterhouse, Hylas und die Nymphen, 1896

Über die drei Zeiten

„Würde einer im Ernste die Behauptung wagen, es gebe nicht, wie wir als Knaben es gelernt und wie wir die Knaben es gelehrt, drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern nur Gegenwart, da ja die beiden andern nicht sind? Oder sind auch diese? Dann tritt wohl, wenn aus der Zukunft Gegenwart wird, jene aus irgendeinem Versteck hervor, dann geht wohl die Gegenwart, wenn aus ihr Vergangenheit wird, wieder in die Verborgenheit zurück? Denn wo haben die Propheten, die Zukünftiges vorhersagten, es gesehen, wenn es noch nicht ist? Denn was nicht ist, kann man auch nicht sehen. Und wer Vergangenes erzählt, würde sicherlich nichts Wahres erzählen, wenn er es nicht im Geiste schaute. Wäre es aber gar nicht, so könnte es auch gar nicht gesehen werden.“

„Wenn es also eine Zukunft und eine Vergangenheit gibt, so möchte ich gern wissen, wo sie sind. Kann ich das auch noch nicht, so weiß ich doch, daß, wo sie auch sein mögen, sie dort nicht Zukunft oder Vergangenheit sind, sondern Gegenwart. Denn wäre die Zukunft dort auch Zukunft, so könnte sie dort noch nicht sein; wäre die Vergangenheit dort auch Vergangenheit, so wäre sie dort nicht mehr. Mögen sie also sein, wo sie wollen, sie sind dort nur Gegenwart.

Wenn wir Vergangenes der Wahrheit gemäß erzählen, so werden aus dem Gedächtnisse nicht etwa die Gegenstände selber, die vergangen sind, hervorgeholt, sondern die in Worte gefaßten Bilder der Gegenstände, die diese, da sie an den Sinnen vorüberzogen, gleichsam als Spuren im Geiste zurückließen. Meine Kindheit zum Beispiel, die nicht mehr ist, gehört der Vergangenheit an, die nicht mehr ist; wenn ich ihrer aber gedenke und von ihr erzähle, so schaue ich ihr Bild in der Gegenwart, weil es noch in meinem Gedächtnisse ist.“

„Wenn wir uns aber an die Sache heranmachen..., dann tritt die Handlung ins Sein, weil sie dann nicht mehr zukünftig, sondern gegenwärtig ist. Was es auch immer für eine Bewandtnis mit jenem geheimnisvollen Vorgefühle haben mag, sehen kann man immer nur, was wirklich ist. Was aber bereits ist, ist nicht zukünftig, sondern gegenwärtig. Wenn man also von einem Schauen in die Zukunft redet, so meint man damit nicht ein Schauen dessen, was noch nicht ist, also ein Schauen der eigentlichen Zukunft, sondern nur ihrer Ursachen und Anzeichen, die bereits sind; diese sind für den Seher nicht zukünftig, sondern gegenwärtig, aus ihnen ersieht er die Zukunft und sagt sie vorher.“

Arnold Böcklin - Pan im Schilf, 1857

Vom Unterschied in der Zeit

Das hat sich bis hierher wohl als klar ergeben, daß weder die Zukunft noch die Vergangenheit ist und daß man eigentlich nicht sagen kann: Es gibt drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Genauer würde es vielmehr heißen: Es gibt drei Zeiten, eine Gegenwart in bezug auf die Vergangenheit, eine Gegenwart in bezug auf die Gegenwart und eine Gegenwart in bezug auf die Zukunft. Denn in unserer Seele sind die Zeiten in dieser Dreizahl vorhanden, anderswo aber finde ich sie nicht Gegenwärtig in bezug auf die Vergangenheit ist das Gedächtnis, gegenwärtig in bezug auf die Gegenwart die Anschauung und gegenwärtig in bezug auf die Zukunft die Erwartung.“

„Wie aber messen wir die Gegenwart, da sie keine Ausdehnung hat? Wir messen sie also, wenn sie vorübergeht; ist sie aber vorübergegangen, so messen wir sie nicht, weil dann nichts mehr da ist, was gemessen werden könnte. Aber woher, auf welchem Wege und wohin geht sie vorüber, wenn sie gemessen wird? Woher anders als aus der Zukunft? Auf welchem Wege, wenn nicht durch die Gegenwart? Wohin, wenn nicht in die Vergangenheit? Aus dem also, was noch nicht ist, über das, was keine Dauer hat, zu dem, was nicht mehr ist.“

„Mit welchem Zeitmaße messen wir also die vorübergehende Zeit? Etwa in der Zukunft, woher sie vorübergeht? Aber was noch nicht ist, können wir nicht messen. Oder in der Gegenwart, über die sie vorüberzieht? Aber was keine Dauer hat, messen wir nicht. Oder in der Vergangenheit, wohin sie vorübergeht? Aber was nicht mehr ist, können wir nicht messen.“

Was ist die Zeit?

„Ich habe einmal von einem gelehrten Manne gehört, die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Sterne seien die Zeiten; aber ich habe ihm nicht zugestimmt. Sollten nämlich nicht vielmehr die Bewegungen aller Körper die Zeit sein? Wie ferner: wenn alle Himmelslichter feierten und sich nur noch das Rad eines Töpfers drehte, gäbe es dann keine Zeit, die Bewegungen dieses Töpferrades zu messen?“

„Ja auch die Gestirne und Lichter des Himmels sind Zeichen der Zeit, der Jahre und der Tage; das sind sie. Darf ich aber auch nicht die Umlaufszeit jenes hölzernen Rädchens einen Tag nennen, so darf jener Gelehrte auch nicht behaupten, dieser Umlauf sei gar keine Zeit.“

„Wenn also der Tag durch die Bewegung der Sonne und ihren Kreislauf vom Aufgange bis wieder zum Aufgange vollendet wird, dann frage ich: Ist die Bewegung selbst der Tag, oder ist es die Dauer, in der sich diese Bewegung vollzieht, oder beides? Denn wenn die Bewegung selbst der Tag wäre, dann müßte man von einem Tage sprechen, auch wenn die Sonne ihren Lauf innerhalb einer einzigen Stunde vollendete. Wäre die Dauer der Tag, so wäre dann kein Tag, wenn es von einem Sonnenaufgang bis zum anderen nicht länger als eine Stunde währte, so daß dann die Sonne vierundzwanzigmal ihren Umlauf vollenden müßte, damit ein Tag entstehe.

Wären aber Bewegung und Dauer der Tag, so könnte man es weder einen Tag nennen, wenn die Sonne ihren Kreis in der Zeit einer Stunde vollendete, noch auch, wenn die Sonne etwa feierte und darüber soviel Zeit verginge, als sie in der Regel zur Vollendung ihres ganzen Umlaufs von einem Morgen bis zum anderen braucht. Ich will jetzt darum nicht weiter fragen, was eigentlich der Tag, sondern was die Zeit ist...“ „Sage mir also keiner, die Bewegung der Himmelskörper sei die Zeit...“

„Da also etwas anderes die Bewegung eines Körpers ist, etwas anderes das Maß, mit dem wir die Bewegung messen, wer sieht da nicht ein, was wir von diesen beiden Begriffen Zeit nennen müssen? Denn wenn die Bewegung eines Körpers in verschiedener Weise vor sich geht, bald auch stillsteht, so messen wir nicht nur seine Bewegung, sondern auch die Dauer seines Stillstandes mit der Zeit… Die Zeit ist also nicht die Bewegung der Körper.“

„Und ich bekenne es dir, o Herr, daß ich immer noch nicht weiß, was die Zeit ist, und wiederum bekenne ich dir, o Herr, zu wissen, daß ich dieses in der Zeit sage, daß ich schon lange über die Zeit spreche und dieses "lange" nur durch die Dauer der Zeit lang ist. Wie also weiß ich dieses, wenn mir der Begriff Zeit fremd ist? Weiß ich etwa nicht, wie ich das, was ich weiß, in Worte kleiden soll? Weh über mich Armen, vielleicht weiß ich gar nicht, was ich nicht weiß!“

Charles Gleyre, Der Abend oder Verlorene Illusionen, vor 1843

Wie messen wir also die Zeit?

„So messe ich also, mein Gott, ohne zu wissen, was ich messe. Ich messe die Bewegung des Körpers mit der Zeit. Und doch messe ich die Zeit selbst nicht? Oder könnte ich etwa die Bewegung eines Körpers messen, wie lang sie ist und in welcher Zeit er von einem Punkte zu einem andern gelangt, wenn ich nicht die Zeit, in der er sich bewegt, messe? Womit messe ich also die Zeit selbst?“

„Hieraus habe ich geschlossen, daß die Zeit nur eine Ausdehnung sei; aber wovon, das weiß ich nicht. Es wäre wunderbar, wenn sie nicht eine Ausdehnung des Geistes selbst wäre… Ich messe die Zeit, das weiß ich. Aber ich messe nicht die Zukunft, denn diese ist ja noch nicht, ich messe auch nicht die Gegenwart, denn sie hat keine Ausdehnung im Raume, ich messe auch nicht die Vergangenheit, denn sie ist nicht mehr. Was also messe ich? Etwa vorübergehende, nicht vorübergegangene Zeiten?“

„Meine Seele, halte inne und merke wohl auf: Gott ist unsere Hilfe… Denke dir, ein Körper beginnt einen Ton von sich zu geben, er tönt und tönt fort und verhallt; schon ist er stille geworden; der Ton ist verklungen, und der Ton ist nicht mehr da. Bevor der Ton erklang, war er zukünftig und konnte noch nicht gemessen werden, weil er noch nicht war, und jetzt kann er nicht gemessen werden, weil er nicht mehr ist. Damals also, während er tönte, konnte er gemessen werden, denn damals war er da und konnte also gemessen werden. Jedoch auch damals war er nicht von Dauer; er ging nämlich und ging vorüber. Aber vielleicht ließ er sich gerade deshalb messen? Denn während er vorüber ging, dehnte er sich zu einer gewissen Dauer aus, in der man ihn messen konnte, während die reine Gegenwart keine Ausdehnung hat.

Wenn er also damals gemessen werden konnte, so stelle dir etwas anderes vor: Ein anderer Ton fing zu tönen an, und er tönt noch fortwährend und ohne jede Unterbrechung. Messen wir ihn, während er tönt; denn wenn er zu tönen aufgehört hat, wird er bereits vorübergegangen sein und wird nicht mehr gemessen werden können. Messen wir ihn also wirklich und bestimmen wir seine Dauer! Allein er tönt ja noch und kann doch nur gemessen werden von dem Augenblicke ab, da er zu ertönen begann, bis zu dem, da er aufhört. Denn die Zwischenzeit können wir ja nur durch Anfang und Ende bestimmen. Daher kann man einen Ton, der noch nicht zu Ende ist, nicht messen und seine Länge und Kürze bestimmen, noch kann man sagen, er sei einem anderen gleich oder im Vergleich zu einem anderen einfach oder doppelt usw. Ist er aber zu Ende, so ist er überhaupt nicht mehr. Wie soll man ihn dann also messen können? Und doch messen wir die Zeiten, aber nicht die, die noch nicht sind, auch die nicht, die nicht mehr sind, noch die, die sich auf keine Dauer erstrecken, noch die, die keine Grenzen haben. Also messen wir weder die zukünftige noch die vergangene noch die gegenwärtige noch die vorübergehende Zeit, und dennoch messen wir die Zeit.“

Giovanni Bonati, Hl. Augustinus und das Kind am Strand

Als Augustinus an einem Strand entlang ging, erblickte er einen Knaben, der eine kleine Grube im Sand gemacht hatte und mit einer Muschel Wasser aus dem Meer schöpfte und in die Grube goß. Als Augustinus ihn fragte, was er da tue, antwortete der Knabe, er habe vor, das Meer trockenzulegen und in die Grube zu füllen. Augustinus erklärte, das sei unmöglich, und lächelte über die Einfalt des Knaben. Der aber erwiderte ihm, eher sei es für ihn möglich, das fertigzubringen, als für Augustinus auch nur den kleinsten Teil der Geheimnisse der Dreifaltigkeit zu erklären. Und er verglich die Grube mit dessen Buch, das Meer mit der Dreifaltigkeit und die Muschel mit dem Verstand des Augustinus. Danach verschwand er. Da ging Augustinus in sich, betete und verfaßte, so gut er konnte, das Buch über die Dreifaltigkeit.

„Die lange Silbe fängt ja doch erst zu tönen an, wenn die kurze aufgehört hat. Messe ich etwa auch die lange Silbe nicht, während sie gegenwärtig ist, da ich sie nur messen kann, wenn sie bereits beendet ist? Ist sie aber zu Ende, so ist sie überhaupt nicht mehr. Was also messe ich denn da? Und wo ist die kurze Silbe, mit der ich messe? Und wo die lange, die ich messe? Beide sind erklungen, verklungen, vorübergezogen, beide sind nicht mehr. Und ich messe und antworte mit Bestimmtheit, soweit man sich auf ein scharfes Gehör verlassen kann, daß jene einfach, jene doppelt ist, nämlich in der Zeit. Das aber kann ich nur sagen, wenn die beiden Silben bereits vorübergegangen und beendet sind. Ich messe also nicht sie selbst, die bereits nicht mehr sind, sondern ich messe etwas, was sich meinem Gedächtnisse eingeprägt hat.“

„In dir also, mein Geist, messe ich meine Zeiten. Wende mir nicht ein: Wieso das? Laß dich selbst nicht irre machen durch die Scharen der Eindrücke, die du empfängst. In dir, sage ich, messe ich die Zeiten. Den Eindruck, den die vorübergehenden Dinge auf dich machen und der auch, nachdem sie vorübergegangen, bleibt, diesen mir gegenwärtigen Eindruck also messe ich, nicht das, was vorübergegangen ist und in dir den Eindruck hervorgerufen hat; diesen messe ich, wenn ich die Zeit messe. Entweder ist er also die Zeit, oder es ist nicht die Zeit, die ich messe. Wie nun, wenn wir das Stillschweigen messen und dann behaupten wollten, jenes Stillschweigen habe so lange gedauert, wie jene Stimme anhält? Dehnen wir da nicht unsere Gedanken nach der Dauer der Stimme, als wenn sie noch ertönte, um danach die Dauer der Stille angeben zu können?“

„Wenn jemand einen längeren Ton hervorbringen und in seinem Geiste im voraus dessen Länge bestimmen wollte, so hat er jedenfalls schon im stillen den Zeitraum bestimmt und ihn seinem Gedächtnisse übergeben; und nun fängt er an, jenen Ton hervorzubringen. Und dieser ertönt nun, bis er die festgesetzte Dauer erreicht. Oder vielmehr: er ertönte und wird ertönen. Denn was von dem Tone vollendet ist, das hat getönt, was aber noch übrig ist, das wird noch ertönen. Und so wird der Ton vollendet, indem die gegenwärtige Tätigkeit die Zukunft in die Vergangenheit überführt, indem durch die Abnahme des Zukünftigen das Vergangene immer mehr zunimmt, bis schließlich das Zukünftige gänzlich aufgezehrt und in Vergangenheit übergeführt ist.“

Das Zeitmaß ist der Geist

Aber wie kann sich die Zukunft, die doch noch nicht ist, verzehren oder erschöpfen, wie kann die Vergangenheit, die nicht mehr ist, zunehmen, wenn nicht der Geist, in dem dieses vorgeht, eine dreifache Tätigkeit ausübt? Denn er erwartet, nimmt wahr und erinnert sich, so daß das von ihm Erwartete durch seine Wahrnehmung hindurch in Erinnerung übergeht. Wer leugnet nun, daß das Zukünftige noch nicht ist? Allein die Erwartung des Zukünftigen ist bereits im Geiste. Wer leugnet, daß das Vergangene nicht mehr ist? Aber die Erinnerung an die Vergangenheit ist noch im Geiste, Wer leugnet, daß die Gegenwart der Dauer entbehrt, da sie in einem Augenblicke vorübergeht? Allein es dauert doch die Wahrnehmung; durch sie soll das, was vorläufig erst herankommen soll, Dauer in der Vergangenheit erhalten. Also ist nicht die Zukunft lang, die ja nicht ist, sondern eine lange Zukunft ist nur eine lange Erwartung der Zukunft; ebenso ist nicht die Vergangenheit lang, die nicht mehr ist, sondern eine lange Vergangenheit ist nur eine lange Erinnerung an die Vergangenheit.“

„So also ist diese meine Tätigkeit in ihrer Dauer geteilt in die Erinnerung, soweit ich es gesagt habe, und in Erwartung, soweit ich es sagen will; gegenwärtig dagegen ist meine Aufmerksamkeit, durch die das, was zukünftig war, hindurchgeht, um Vergangenheit zu werden. Je mehr nun dieses geschieht, um so mehr nimmt die Erwartung ab und die Erinnerung zu, bis die ganze Erwartung sich erschöpft, weil die ganze Handlung beendet und in Erinnerung übergegangen ist.

Und was bei dem ganzen Liede geschieht, das geschieht auch bei seinen einzelnen Abschnitten und in seinen einzelnen Silben, dasselbe auch in einer längeren Handlung, von der das Lied vielleicht nur ein Teil ist, dasselbe im ganzen Leben des Menschen, dessen Teile alle einzelnen Handlungen des Menschen sind, dasselbe schließlich mit dem Sein des ganzen Menschengeschlechtes, das sich aus den Lebenszeiten der einzelnen Menschen zusammensetzt.“

Arnold Böcklin, Die Kapelle, 1898

Aus der Zerstreuung ins Zeitliche sammeln in Gott

„Aber ‚da ja deine Barmherzigkeit besser ist als Leben‘ (Ps. 63,4), darum ist mein Leben nur eine Ausdehnung; und deine Rechte hat mich aufgenommen in meinem Herrn, dem Menschensohne, dem Mittler zwischen dir, dem Einen, und uns, den Vielen, in Vielem durch Vieles, auf daß ‚ich dich durch ihn ergreife, da ich auch von dir ergriffen bin‘ (Phil. 3,12-14), und mich von meiner Vergangenheit erhole und dem einen Ziele nachstrebe. ‚Vergessend, was da hinten ist‘, mich ausstreckend nicht nach dem, was künftig und vorübergehend ist, sondern ‚zu dem, was vor mir liegt, strebend‘, nicht ‚in Zerrissenheit, sondern in ernstlichem inneren Ringen eile ich der Palme der himmlischen Berufung zu‘, wo ‚ich hören will die Stimme deines Lobes‘ (Ps. 26,7) und ‘betrachten soll deine Wonne‘ (Ps. 27,4), die nicht kommt und nicht geht. Jetzt aber sind ‚meine Jahre Jahre des Seufzens‘ (Ps. 31,11); du, o Herr, bist mein Trost, du bist mein ewiger Vater. Ich aber bin ganz aufgegangen in der Zeit, deren Ordnung ich nicht kenne; meine Gedanken, das innerste Leben meiner Seele, zerreißen sich in stürmischem Wechsel, bis ich gereinigt in dir und geläutert durch das Feuer deiner Liebe mich in dich ergieße.“

...

„Verleihe mir, o Herr, die rechte Erkenntnis und Einsicht, ob man dich erst anrufen oder preisen, erst dich erkennen oder anrufen muß! Aber wer ruft dich an, ohne dich zu kennen? Könnte er doch leicht in seiner Unwissenheit einen anderen für dich anrufen! Oder wirst du etwa angerufen, um erkannt zu werden? ‚Wie aber soll man den anrufen, an den man nicht geglaubt? Wie aber wird man glauben ohne Prediger?' ‚Loben werden den Herrn, die ihn suchen‘. Denn wer sucht, der findet ihn, und wer ihn findet, wird ihn preisen. So will ich dich denn suchen, o Herr, indem ich dich anrufe, und dich anrufen, da ich an dich glaube; denn du bist uns verkündet worden. Dich, o Herr, ruft an mein Glaube, den du mir gegeben, den du mir eingehaucht hast durch die Menschwerdung deines Sohnes.“

„Denn du hast uns auf dich hin geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir“.

aus den Confessiones, Erstes Buch

Constantin Hansen, Flöte spielender junger Mann, 1826

Augustinus starb am 28. August 430 in Hippo Regius in Numidien (heute Annaba in Algerien). Die Übersetzung der Bekenntnisse ist hier (gekürzt) entnommen.

nachgetragen am 31. August

Sonntag, 19. August 2018

Über Wunder, Heilung & das rechte Beten – eine Predigt

Tempel des Herodes (von Osten), hier gefunden

Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext findet sich in der Apostelgeschichte im 3. Kapitel:

Die Heilung des Gelähmten

1 Petrus aber und Johannes gingen miteinander hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, da man pflegt zu beten. 2 Und es war ein Mann, lahm von Mutterleibe, der ließ sich tragen; und sie setzten ihn täglich vor des Tempels Tür, die da heißt "die schöne", daß er bettelte das Almosen von denen, die in den Tempel gingen. 3 Da er nun sah Petrus und Johannes, daß sie wollten zum Tempel hineingehen, bat er um ein Almosen. 
4 Petrus aber sah ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! 
5 Und er sah sie an, wartete, daß er etwas von ihnen empfinge. 6 Petrus aber sprach: Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth stehe auf und wandle! 7 Und griff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Alsobald standen seine Schenkel und Knöchel fest; 8 sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, wandelte und sprang und lobte Gott. 9 Und es sah ihn alles Volk wandeln und Gott loben. 
10 Sie kannten ihn auch, daß er's war, der um Almosen gesessen hatte vor der schönen Tür des Tempels; und sie wurden voll Wunderns und Entsetzens über das, was ihm widerfahren war. 
Amen

Jerusalem Tempel, Modell auf dem Dach der Aish haTorah-Jeschiwa

Liebe Gemeinde,

„heil werden“ – so lassen sich alle Texte des heutigen Sonntags zusammenfassen. Blinde sehen, Lahme gehen und Taube hören. Mich wühlen diese Geschichten immer wieder auf, weil ich sie glauben will, weil ich sie für wahr halten will, weil ich der Überzeugung bin, dass wir sie zu verkündigen haben, dass wir uns nicht aus ihnen herausmogeln dürfen.

Wer sich aus den Wundergeschichten herauszumogeln versucht, der stellt alles „heil werden“ in Frage. Darum wollen wir uns heute dieser Geschichte stellen und lesen: Petrus aber und Johannes gingen miteinander hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, da man pflegt zu beten.

Die neunte Stunde war bei den Juden die Stunde des Gebets. Es war die Stunde, in der in Jerusalem das Abendopfer gebracht wurde. Der Duft des Brandopfers und Speisopfers verbunden mit dem Räucherwerk stieg jeden Tag um diese Zeit als Wohlgeruch zu Gott auf, während das Volk offenbar vor dem Heiligtum draußen betete.

Gott hatte seine Freude daran, Gebete zu erhören, die zur neunten Stunde vor ihn kamen. Als Elia um die neunte Stunde auf dem Berg Karmel betete, fiel Feuer vom Himmel auf den Altar. Esra betete um dieselbe Zeit und bekannte die Sünde seines Volkes, und Gott schenkte eine Wiederherstellung. Auch Daniel bekam eine wunderbare Antwort auf sein Gebet zur neunten Stunde. Selbst für den erweckten heidnischen Hauptmann Kornelius, der sich offenbar an die jüdische Gebetszeit hielt, wurde die Gebetserhörung um die neunte Stunde zum Wendepunkt in seinem Leben.

Albert Joseph Moore, Elijah's Sacrifice

Die Wundergeschichte vom „heil werden“ eines Menschen gibt sich als Gebetsgeschichte zu erkennen. Und nicht nur das. Sie macht uns darauf aufmerksam, dass die aus dem Judentum stammenden Apostel der Urkirche an den Ordnungen ihres Glaubens festgehalten haben. Aus diesen Ordnungen wiederum hat sich weitgehend auch die Liturgie der Kirche geformt. Sie gingen also hinauf zum Tempel zu der Stunde, da man zu beten pflegte.

Schlagartig wird deutlich: Das Gebet ist der Kern der Glaubenspraxis. Das Gebet ist der größte Schatz der Kirche. Es vermag Menschen zur Gemeinschaft zusammenzuschließen, denken wir allein an die verbindende Kraft des „Vater unser“. Es formt aber auch in seiner Intimität erst eigentlich die Individualität des Menschen.

Das Gebet braucht beides, Ordnung und Inbrunst, es braucht die Gemeinschaft der Kirche und die Ergriffenheit des Herzens. Ich sage gern, dass in den geformten Gebeten der Kirche wir uns in den Glauben von Generationen stellen, die in den Jahrtausenden vor uns Gott gesucht, gefunden und verkündet haben. So nimmt das Gebet Gestalt an, so wie Christus in den Ikonen eine geistige Gestalt annimmt. Oder noch orthodoxer gesagt: Wir stellen uns in den Strom der Heiligkeit und lassen uns von ihm tragen.

Christus Pantocrator, Katharinenkloster (Sinai), 6. Jh.

Und, liebe Gemeinde, das, was wir Menschen vielfach aus dem Gebet machen, offenbart auch erbarmungslos unsere tiefe Sündhaftigkeit. Sünde ist schlicht Gottesferne. Die Sünde will nicht respektieren, dass nur Gott Gott ist. Nichts demaskiert Menschen vollständiger als Sünder, als ihre Weise zu beten.

Wie oft verfallen wir Menschen dem heidnischen Irrtum, das Gebet wäre der Weg, um Gott den eigenen Willen aufzuzwingen. Wie oft beten wir statt des gebotenen „dein Wille geschehe“ ein heimliches von Goethe gedichtetes „nun erfülle meinen Willen“. Dort begegnen wir keinem Glauben, sondern Zauberei. Der Zauberer versucht sich der höheren Mächte zu bedienen, durch seine Klugheit will er über ihnen stehen, sie beherrschen.

Ferdinand Barth, "Der Zauberlehrling" in "Goethe's Werke", 1882

Es ist eine verhängnisvolle und dann auch nur scheinbare Form der Frömmigkeit, in der, gleichsam durch die Steigerung der Intensität des Gebets, Gott unter den eigenen Willen gezwungen und zum Erfüllen unserer Wünsche und Absichten gebracht werden soll. Da begegnen wir dann oft dem Machen vieler Worte, als müsse man Gott ermüden, damit er den Beter irgendwann gleichsam aus Erschöpfung erhört. Nein, alles das ist kein rechtes Beten!

Was aber ist richtiges Beten? Was ist ein Gebet?

Das Gebet ist ein Wunder! Bereits das Beten ist das Wunder! Weil wir beten dürfen, darum können wir Menschen auch ganz und gar vernünftig an Wunder glauben. Das Gebet ist die unmögliche Möglichkeit, sich mit dem allmächtigen Gott, mit dem Schöpfer aller Dinge zu verständigen. Das rechte Gebet lobt den Schöpfer, und der Mensch bekennt sich in ihm als Geschöpf. Wir dürfen denjenigen anreden, rufen und loben, der die ganze Welt umschließt und durchdringt.

Wir dürfen das, weil wir Geist von seinem Geist sind und unser Leben aus seiner Lebendigkeit erschaffen und ins Sein gerufen wurde. Im Menschen ist somit etwas in der Welt gegenwärtig, was nicht der Schöpfung angehört, sondern Gott.

Ich bin davon überzeugt, dass diese Entdeckung oder nennen wir es Offenbarung, den Menschen hat erst zum wahren Menschsein gleichsam erwachen lassen.

In unserer Hinwendung zu Gott werden wir erst in rechter Weise zum Menschen. Diese Hinwendung, diese Umkehr zu Gott, vollzieht der Mensch im Gebet. Erst im Gebet hat sich auch unsere Sprache geformt. Des Menschen Wort ist in seinem Ursprung Antwort auf Gottes Gegenwart.

Das Gebet ist immer eine Suche. Es geht keineswegs darum, Gottes Willen zu beeinflussen, sondern allein darum, seinen Willen zu erforschen und sich immer wieder mit ihm in Übereinstimmung zu bringen.

Ist das Gebet also eine Form der Selbstheiligung? Das wäre Sünde. Vielmehr reden wir hier vom genauen Gegenteil. Im Gebet setze ich mich ganz bewusst dem Handeln Gottes aus. Denn das ist immer seine Antwort auf jedes Gebet, dass sein Wille geschieht. Dort wo sein Wille an mir geschieht, da ist auch mein Gebet erhört.

Dort, wo Gottes Wille geschieht, da findet der Mensch zu seiner Bestimmung. Genau das ist der zweite Teil unseres Predigttextes, und es wurde auch in den anderen Lesungen deutlich. Der Gelähmte wird aufgerichtet, der Kranke wird gesund, Paulus wird wieder sehend und dem Taubstummen wird die Zunge gelöst und die Ohren werden geöffnet. Das Geschehen lässt uns staunen, verstellt uns aber gleichzeitig die Sicht auf das Eigentliche.

„Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir.“ Nicht die Gesundheit ist das große Geschenk. Die Geheilten gewinnen den Namen des Erlösers der Welt und werden ihn nicht mehr verlieren. Sie loben und preisen Gott und legen Zeugnis ab vor der Welt. Paulus wird der Apostel der Völker. Wer nun den Namen Jesu hat, der kann ihn anrufen und ist hineingenommen, geradezu eingewohnt, in das rechte Beten, in dieses große Wunder. Darum sage ich auch euch: Betet und ihr werdet alle Wunder geschehen sehen. Betet, denn im Gebet richtet ihr euch zum Menschsein auf. Betet, und macht darin euer Leben zum Gebet – zum Wunder.

Und in jedem Gebet erinnern wir auch daran:

Um die neunte Stunde schrie auch unser Herr Jesus mit lauter Stimme: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Aber auf dieses Gebet bekam er scheinbar keine Antwort. Der Gott, der Elia, Esra und Daniel erhört hatte, schwieg. Sein Sohn, der wusste, dass der Vater ihn allezeit erhört, betete zu ihm und er antwortete nicht. Die Väter hatten zu Gott geschrien und waren errettet worden. „Ich aber bin ein Wurm und kein Mann“, klagt der Herr Jesus mit Worten des 22. Psalms. Das macht uns die ganze Unfassbarkeit von Golgatha deutlich. Sie liegt nämlich darin, dass Christus ganz Gott ist.

Sein Gehorsam ist die Antwort auf alle Gebete. Der Gehorsam in den göttlichen Willen ist ja die Antwort auf das Gebet Jesu. In seinem Gehorsam versöhnt er das menschliche Wesen mit dem göttlichen Willen. Der gekreuzigte Christus ist Gebet und Antwort.

Diese Gewissheit sollen wir fröhlich aller Welt und allen Völkern verkündigen. Die Evangelien, die Bekenntnisse der Kirche und die aus der Heiligen Schrift erwachsenen Traditionen, Feste und Gebräuche sind uns Hilfe und Wegweiser. Darum haben wir sie zu achten und zu lernen. Es ist nicht gut, wenn unser religiöses Leben verarmt und viele Menschen in unserem Lande die eigenen Feste nicht mehr kennen.
In all dem liegen nämlich die Übungen verborgen, die uns helfen können, unser ganzes Leben zum Gebet zu machen und es dadurch für die neunte Stunde zu bereiten, in der wir Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen werden.

Amen

Und der Frieden Gottes, der höher ist denn alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen
Thomas Roloff

Flurkreuz auf dem Hochtannbergpass

nachgetragen am 20. August

Sonntag, 12. August 2018

Zum 11. Sonntag nach Trinitatis

eine Predigt, eine Anmerkung 
& a clumsy translation
Jean-Léon Gérôme: Bathsheba, 1889

Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitastis

Und der Herr sandte Nathan zu David. Da der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, einer reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts denn ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, daß es groß ward bei ihm und bei seinen Kindern zugleich: es aß von seinem Bissen und trank von seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt es wie eine Tochter.
Da aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, schonte er zu nehmen von seinen Schafen und Rindern, daß er dem Gast etwas zurichtete, der zu ihm gekommen war, und nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es zu dem Mann, der zu ihm gekommen war.
Da ergrimmte David mit großem Zorn wider den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der Herr lebt, der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er vierfältig bezahlen, darum daß er solches getan hat und nicht geschont hat.
Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls, und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Weiber in deinen Schoß, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazutun.
Warum hast du denn das Wort des Herrn verachtet, daß du solches Übel vor seinen Augen tatest? Uria, den Hethiter, hast du erschlagen mit dem Schwert; sein Weib hast du dir zum Weib genommen; ihn aber hast du erwürgt mit dem Schwert der Kinder Ammon.
Nun so soll von deinem Hause das Schwert nicht lassen ewiglich, darum daß du mich verachtet hast und das Weib Urias, des Hethiters, genommen hast, daß sie dein Weib sei...
Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt wider den Herrn. Nathan sprach zu David: So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.  Aber weil du die Feinde des Herrn hast durch diese Geschichte lästern gemacht, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben. Und Nathan ging heim.
2 Sam 12, 1-10.13-15a

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

darin erweist sich der wahre Prophet, dass er mutig, unbeirrt und ohne die Folgen für sich selbst nur zu bedenken auch vor den Mächtigsten hintritt und die Wahrheit spricht - gerade, deutlich, klar.

Er tut das nämlich nicht für sich, sondern ein Prophet ist ein Gesandter Gottes. Der Herr sandte Nathan zu David.

Aber Nathan ist auch kein bloßer Krawallprophet, dem es nur darauf ankäme schlimmste Sünden aufzudecken und anzuprangern und den Sünder erbarmungslos bloßzustellen. Bloßstellung gebiert nämlich beim Bloßgestellten meistens keine Einsicht, sondern nur Hass.

Nathan will aber, und auch darin tut er den Willen seines Herrn, Einsicht erreichen. Darum prangert er nicht an, sondern er erzählt eine Geschichte, die im Gewande einer Denunziation daher kommt. Ein Armer mit seinem einzigen Schäflein wird von einem Reichen beraubt, der es nicht übers Herz bringt, vom eigenen zu nehmen, als ihn ein hoher Gast besucht.

David gerät in unbeherrschten Zorn und spricht das Urteil über den denunzierten Verbrecher in Form eines Eides! „So wahr der Herr lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat!“ David ist ein kluger Mann, der das Gesetz kennt. Er ist im Begriff ein großes Reich zu errichten. Unter seiner Herrschaft wird Israel seine weiteste Ausdehnung erreichen, und Jerusalem steigt auf zu einer bewunderten Metropole im Vorderen Orient. Damals wie heute konnte Macht nur dann ein Minimum an Dauer erreichen, wenn es verlässliche Ordnungen gab, und die Menschen wussten, woran sie sich zu halten haben. Ganz erstaunlich ist es nun vor allem auch, dass es offenkundig Rechtsgrundsätze gab, die ganz ohne Ansehen der Person ausgeübt wurden. David fragt nicht zunächst danach: Wer etwas getan hat, sondern er verurteilt nur was getan wurde, und er verurteilt es in aller Strenge.

„Der Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes!“ Keinen Augenblick ahnt der König, wen er da gerade eidlich verflucht.

Das sagt ihm nun Nathan: „Du bist der Mann!!!“ So spricht der Herr: Warum hast du mein Wort verachtet? Durch den Propheten hält Gott David alles vor, was er an ihm getan hat, zählt alles auf, was er ihm gegeben hat. Und dann hält er dagegen, wie David es ihm gedankt hat. Obgleich er dies alles hatte und noch mehr hätte haben können, musste er sich an etwas vergehen, was er nicht haben durfte.

Ja es ist richtig, Gott ist allmächtig und ewig und groß, und oft verstehen wir ihn nicht. Aber manchmal habe ich den Eindruck, das es Gott mit uns Menschen, was das nicht verstehen angeht, ähnlich ergeht. Gott versteht David nicht, und er sucht eine Erklärung, eine Antwort auf das bohrende warum, und es ist fast rührend zu hören, wie er überlegt, was er noch hätte tun können. Gott ist hier der ganz typische Vater. Eltern fragen sich doch auch meist zu allererst: Was habe ich verkehrt gemacht, wo habe ich zu wenig gegeben, zu wenig geliebt, so dass mein Kind auf diese Abwege geraten konnte?

Gott versteht den Menschen nicht, und zusätzlich sieht er durch seine Allwissenheit sämtliche Folgen dieser Tat. Gott droht nicht, sondern weist nur jetzt bereits hin auf das, was geschehen wird: „Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet hast.“

Nicht Gott straft, sondern hier kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass die böse Tat sich selbst straft, so wie David sich ja zuvor auch selbst verflucht hat, ohne es zu merken. Das ist die Botschaft dieser tragischen Geschichte: Wer Böses tut, der legt sich selbst Dinge auf, die ihn an der Verwirklichung seines Lebens hindern, der lässt an sich selbst Dinge zu, die ihn auf Dauer zerstören, der veruntreut, was Gott ihm anvertraut hat. Keine Tat bleibt wirklich folgenlos.

So wie in der Geschichte, die Nathan erzählt hat, kann man es an Menschen vor allem auch an sich selbst beobachten. Ja, Gier schafft es zuweilen Dinge zusammenzuraffen, und Geiz vermag sie beieinander zu halten. Aber der Geiz und die Gier zerstören auch den Menschen, der sich von ihnen beherrschen lässt. Das wird sehr schön in der Konsequenz der Geschichte deutlich, nämlich als der Besuch kommt.

Der Begriff „Besuch bekommen“ klingt für uns zunächst ein wenig banal. Wir besuchen uns selbstverständlich und hoffentlich auch oft.

Zur Zeit Davids und vor allem im Vorderen Orient ist Besuch zu bekommen etwas ganz wichtiges, und Gastfreundschaft zu üben ist eine geradezu heilige Pflicht. Besuch zu bekommen war jedes Mal ein Fest, und Feste feiert man, um Freude zu schenken. Aber nicht nur der Besucher soll sich überschwänglich freuen, sondern auch der Besuchte. Wie aber kann der sich wahrhaft freuen, wenn er das Seine nicht hergeben will und lieber einen anderen bestiehlt, um ein Essen zu bereiten. Im wahrsten Sinne des Wortes wird hier alles vergiftet, die Gastfreundschaft, die Freude, das Essen.

Ist es eine Überraschung, dass der Ehebruch, den David begangen hatte, auch alles vergiftet? David hatte sich vielleicht eingeredet, es wäre Liebe, was ihn treibt, dabei waren es nur Gier und Undank. Als er dann noch das Hindernis seiner Gier, nämlich Uria, kalt beseitigen lässt, ist das Verhängnis nicht mehr aufzuhalten. Das Böse hat Gewalt gewonnen über die handelnden Menschen und beginnt, sie zu zerstören.

Als David all das zu begreifen beginnt, als er die Lawine des Verhängnisses auf sich zurasen sieht, da wendet er sich um und spricht einen ganz einfachen Satz: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn.“

War der Satz Nathans: „Du bist der Mann“ der eine Wendepunkt unserer Geschichte, so ist das Bekenntnis Davids: „Ich habe gesündigt“ der andere.

Staunend kann man da nur immer wieder fragen: Das soll wirklich alles sein, so ein schlichter Satz, so ein einfaches Bekenntnis? Ja, es ist alles. Jede Hinwendung zu Gott heilt und bringt das Leben wieder zurecht. Demut heilt und Hochmut führt ins Verderben.

Aber warum dann dennoch dieses grausame, für jeden Menschen unerträgliche Ende: „Der Sohn, der dir geboren ist, wird des Todes sterben!“ Man möchte protestieren und fragt sich bestürzt: Warum trifft es am Ende das Schwächste, das gerade geborene Kind? Man möchte Gott Vorwürfe machen und will ihn für grausam halten und fragen, warum lässt er das zu?

So berechtigt die Fragen scheinen, in ihnen erhebt sich nichts als Hochmut, getarnt im menschlichen Mitgefühl. Wir können nicht wissen, warum das Kind stirbt, aber wir wissen, dass nur ein einziger in dieser Geschichte wirklich und eidlich ein Todesurteil verhängt hat, und das war David. Er ist der Mann, er hat das Verhängnis ausgelöst, er hat gesündigt und gemordet.

Wir mögen uns auflehnen gegen den Tod des Kindes, David tat das auch. In der Zeit der Krankheit des Kindes fastet und fleht und betet er. Als das Kind aber tot ist, da kommt kein Zorn mehr in ihm auf, denn er weiß viel zu gut, dass er und nur er der Ausgangspunkt des Verhängnisses ist, und dass er an seinem Bekenntnis und an der Hinwendung zu Gott festhalten will.

Ich habe gesündigt gegen den Herrn. Wer selbst im tiefsten Verhängnis an dieser Hinwendung zu Gott festhält, der findet auch einen Ausweg, der findet auch einen neuen Anfang.

Wir können nicht wissen, was aus dem gestorbenen Kind geworden ist, oder warum es sterben musste, aber wir wissen, was aus der Beziehung zwischen David und Bathseba wurde. Sie wurde die Mutter des künftigen Königs Salomo, des Frieden stiftenden. Aus dieser Verbindung ging die Fortsetzung der Dynastie hervor. Bathseba wurde so auch zur Ahnfrau des Erlösers Jesus Christus.

Das alles legitimiert nun aber nicht das Tun des Königs, sondern verdeutlicht nur die Größe des Erbarmens unseres Gottes. Niemals kann David sagen, gut, dass ich so oder so gehandelt habe, denn sonst wäre ja das oder jenes nicht eingetreten. Der Mensch kann immer nur sagen: Herr ich habe gesündigt und kehre nun zu dir zurück.

So sehr erbarmt sich Gott, dass er sogar das tiefste Verhängnis zu wenden vermag, so sehr dass er alles zum Guten führt. So unbändig, so unwandelbar ist sein Wille zum Heil. Wendet euch ihm zu, er wird auch uns erlösen.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Thomas Roloff

Julius Schnorr von Carolsfeld  
Holzschnitt aus "Die Bibel in Bildern", 1860. hier gefunden

Anmerkung

Ich will diese kurz halten. Herr Roloff hat heute gepredigt (tatsächlich wird dies von mir am Montag nachgetragen) und war von einer Predigt überrascht, die er vor einigen Jahren zum gleichen Sonntag gehalten hat. Ich kann dem folgen und wollte sie daher hier bringen, nicht die aktuelle.
Prediger verfallen mitunter dem Irrtum, von ihrem eigenen Gottvertrauen beeindruckt zu sein, sollte dies der Fall sein, ist es keines. So wie ich mitunter sage, jemand sei ein besserer Mensch, wenn er predige, meine ich damit keine Verstellung, sondern daß dann etwas hervortritt, daß größer ist als er selbst, dem er dienen darf, worüber er dankbar sein kann, aber das nicht seiner Verfügung unterworfen ist.
Ähnliches gilt mit der notwendigen Abwandlung von jeder Kunst, aber das gehört nicht hierher.

Die mühselige Übersetzung ist dem Umstand geschuldet, daß ich einigen Menschen diesmal die automatische Übersetzung ersparen wollte, diese ist zwar auch fehlerhaft, aber anders.

The story of the Bible from Genesis to Revelation,
David prays that his child may not die. 1873, found here


Sermon. 11th Sunday after Trinitatis

And the LORD sent Nathan unto David. And he came unto him, and said unto him, There were two men in one city; the one rich, and the other poor.
The rich man had exceeding many flocks and herds:
But the poor man had nothing, save one little ewe lamb, which he had bought and nourished up: and it grew up together with him, and with his children; it did eat of his own meat, and drank of his own cup, and lay in his bosom, and was unto him as a daughter.
And there came a traveller unto the rich man, and he spared to take of his own flock and of his own herd, to dress for the wayfaring man that was come unto him; but took the poor man's lamb, and dressed it for the man that was come to him.
And David's anger was greatly kindled against the man; and he said to Nathan, As the LORD liveth, the man that hath done this thing shall surely die:
And he shall restore the lamb fourfold, because he did this thing, and because he had no pity.
And Nathan said to David, Thou art the man. Thus saith the LORD God of Israel, I anointed thee king over Israel, and I delivered thee out of the hand of Saul;
And I gave thee thy master's house, and thy master's wives into thy bosom, and gave thee the house of Israel and of Judah; and if that had been too little, I would moreover have given unto thee such and such things.
Wherefore hast thou despised the commandment of the LORD, to do evil in his sight? thou hast killed Uriah the Hittite with the sword, and hast taken his wife to be thy wife, and hast slain him with the sword of the children of Ammon.
Now therefore the sword shall never depart from thine house; because thou hast despised me, and hast taken the wife of Uriah the Hittite to be thy wife.

And David said unto Nathan, I have sinned against the LORD. And Nathan said unto David, The LORD also hath put away thy sin; thou shalt not die.
Howbeit, because by this deed thou hast given great occasion to the enemies of the LORD to blaspheme, the child also that is born unto thee shall surely die.
And Nathan departed unto his house. 
2 Sam 12, 1-10.13-15a

Grace be to you and peace from God our Father, and from the Lord Jesus Christ. Amen.

Dear Congregation.

In this, the true prophet proves that he bravely, unflinching and without the consequences for himself even to consider, stands before the most powerful and speaks the truth - straight, clear, pure.

Because he does not do that for himself, but a prophet is a messenger of God. The Lord sent Nathan to David.

But Nathan is not just a riot-prophet who wants to expose and denounce the worst sins and mercilessly expose the sinner. Exposure usually gives the embarrassed no insight, but only hatred.

But Nathan wants, and in this he does the will of his Lord, to gain insight. That is why he does not denounce, but rather tells a story that comes in the guise of a denunciation. A poor man with his only sheep is deprived by a rich man who does not have the heart to take something away from himself when a high guest visits him.

David gets into uncontrolled anger and pronounces the verdict on the denounced criminal in the form of an oath! "As the LORD liveth, the man that hath done this thing shall surely die!" David is a wise man who knows the law. He is about to build a great empire. Under his rule, Israel will reach its widest extent and Jerusalem will rise to become an admired capital in the Middle East. Then as now, power could only reach a minimum of duration if there were reliable order, and people knew what to do. Most astonishingly it is now above all, that there were obviously legal principles that were exercised without any respect for the person. David does not ask first, who has done something, but only condemns what has been done, condemns it very severely.

"The man who has done this is a child of death!" Not for a moment does the King suspect whom he is just cursing.

Nathan tells him, "Thou art the man!!!"

Thus says the Lord: “Why did you despise my word?” Through the Prophet, God represents everything before David, what he did to him, lists everything he has given him. And then he holds against how David thanked him. Although he had all this and could have had more, he had to violate something he was not allowed to have.

Yes, it is right, God is omnipotent and eternal and great, and often we do not understand Him. But sometimes I have the impression that it is similar to God with us humans, the not understanding. God does not understand David, and he's looking for an explanation, an answer to the nagging why, and it's almost touching to hear him wondering what else he could have done. God is the typical father here. Parents often ask themselves first and foremost: What did I do wrong, where did I give too little, did I love too little, so that my child get on the wrong track?

God does not understand man, and in addition he sees through his omniscience all the consequences of this act. God does not threaten, but points only now to what will happen: "Now therefore the sword shall never depart from thine house; because thou hast despised me."

So God does not punish, here comes the conviction that the evil act punishes itself, just as David has cursed himself before, without realizing it. This is the message of this tragic story: He who does evil, puts up a burden that hinders the actualization of his life, he lays his hands on himself and is tied to things that will permanently destroy him, he misappropriates what God has entrusted to him. No deed is really without consequences.

As in the story that Nathan has told, you can observe such things on people and primarily on yourself. Yes, greed manages to assemble things at times, and meanness can keep them together. But avarice and greed also destroy the man who lets himself be controlled by them. This becomes very clear in the consequence of the story, namely when the visit happens.

The term "get a visit" sounds a bit mundane for us at first. Of course we visit each other and hopefully often.

At the time of David and especially in the Middle East, to be visited is very important, and practising hospitality is an almost sacred duty. Be visited was always a celebration, and you celebrate to share joy. But not only the visitor should be overjoyed, but also also the one who is visited. But how can he truly rejoice when he does not want give something from his own and rather steals it from another to prepare a meal? In the truest sense of the word everything is poisoned here, the hospitality, the joy, the food.

Is it any surprise that the adultery David committed also poisoned everything? David might have argued that it was love that drives him, but it was just greed and ingratitude. When he then cold blooded lets the obstacle of his greed, namely Uria, get rid of, the fate is unstoppable. Evil has gained power over the acting people and is beginning to destroy them.

When David started to comprehend all this as he sees the avalanche of destiny racing toward him, he turns around and says a very simple sentence: "I have sinned against the Lord."

If Nathan's phrase, "You are the man," is a turning point in our story, David's confession "I have sinned" is the other.

Astonished one can only ask over and over again: That should really be everything, such a simple sentence, such a simple confession? Yes, it is everything. Every turn to God heals and restores life. Humility heals and disdainfulness leads to ruin.

But why then, nevertheless, this cruel end, unbearable for every human being: "The Son who was born to you will die!" One wants to protest and asks in dismay: Why does it end up with the weakest child born? One wants to blame God and wants him to be cruel asking: Why does He allow that?

As justified as the questions seem, in them nothing but arrogance arises, disguised as human compassion.

We can not know why the child is dying, but we know that only one person in this story has really and oath-fully pronounced a death sentence, and that was David. He is the man, he has caused doom, he has sinned and murdered.

We may rebel against the death of the child, David did that too. In the time of the child's illness he fastes and implores and prays. But when the child is dead, there is no anger in him, because he knows far too well that he and only he is the starting point of the fatality, and that he wants to cling to his confession and his turn to God.

I have sinned against the Lord. Whoever even in the deepest doom holds on to this turn to God, also finds a way out, also finds a new beginning.

We do not know what happened to the deceased child, or why it had to die, but we know what happened to the relationship between David and Bathsheba. She became the mother of the future King Solomon, the peacemaker. From this connection, the continuation of the dynasty emerged. Bathsheba so became also the ancestress of the Saviour Jesus Christ.

But all this does not legitimize the King's actions, but only clarifies the greatness of the mercy of our God. Never can David say, well, that I acted this way or that, because otherwise this or that would not have happened. Man can only say: Lord I have sinned and now I return to you.

So much does God have pity that he can turn even the deepest fate so much that he leads everything to the good. So unruly, so immutable is his will to salvation. Turn to Him, He will also redeem us.

Amen

And the peace of God, which is higher than all reason, preserve our hearts and minds in Christ Jesus. Amen.
Thomas Roloff

David, von der Ikonostase der 1929 zerstörten Michaelskathedrale
des Tschudow-Klosters des Moskauer Kremls, 
1. Drittel des 17. Jhs., hier gefunden 

Samstag, 28. Juli 2018

Etwas Winter


Barthold Hinrich Brockes / Rezitation: Bettina Radener

Barthold Hinrich Brockes

Wintergedanken

Wie hat es diese Nacht gereift!
Mein Gott, wie grimmig stark muß es gefroren haben!
Wie schwirrt und schreit, wie knirrt und pfeift
Der Schnee bei jedem Tritt! Mit den jetzt trägen Naben
Knarrt, stockt und schleppt der Räder starres Rund,
Ja weigert gleichsam sich, den kalten Grund
Wie sonst im Drehen zu berühren.
Fast alles drohet, zu erfrieren,
Fast alles droht für Kälte zu vergehn.

Wie blendend weiß ist alles, was ich schau,
Sowohl in Tiefen als in Höhn;
Wie schwarz, wie dick, wie dunkelgrau
Hingegen ist der ganze Kreis der Luft,
Zumal da das noch niedre Sonnenlicht
Annoch nicht durch die Nacht des dicken Nebels bricht.

Es scheint, als könne man in einem greisen Duft
Die Kälte selbst an jetzt recht sichtbar sehn;
Sie fänget überall ergrimmt an zu regieren.
Drei Elemente selber müssen
Ihr schwer tyrannisch Joch verspüren
Und deren Bürger all das strenge Szepter küssen,
Das allem, was da lebt, Verlähmung, Pein und Tod,
Ja selber der Natur den Untergang fast droht. -

Laß aber, lieber Mensch, auch du, soviel an dir,
Dein Herz zum Mitleid doch bewegen,
Damit dein Liebesfeur dein armer Nachbar spür;
Komm, lindre seine Not mit deinem Segen.
Such ihm in scharfem Frost ein Labsal zu bereiten,
Damit, wie Hiob spricht, auch seine Seiten,
Wenn sie, durch deine Hülf erwärmt, dich preisen
Und so durch dich dem Schöpfer Dank erweisen.


Gottfried Keller / Rezitation: Otto Mellies

Gottfried Keller

Winternacht

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet' sie
An der harten Decke her und hin,
Ich vergeß' das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!


Antonio Vivaldi - L'Inverno (Winter), English Chamber Orchestra; 
Leonard Slatkin; José Luis Garcia, hier gefunden

Friedrich Hölderlin

Der Winter

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

Winter

When vanished and no longer seen are illustrations
of season, then arrive the winter hours:
the field is empty, mild seem its ablations
and storms blow to and fro with rains and showers.

As if a day for rest, so is this year's cessation
just like a questioning chord requesting consecration:
then Spring's becoming enters the creation
and Nature shines on Earth in glorious elation.

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue


François Couperin / Grigory Sokolov