Sonntag, 15. Januar 2017

Aus dem Erker gesehen




nachgetragen am 2. Februar

Freitag, 6. Januar 2017

Aus Anlaß des Drei-Königs-Festes

El Greco, Anbetung der Magier

Ich hätte gern hier noch etwas über das Gesprächsbuch Benedikt XVI. geschrieben (Peter Seewald „Letzte Gespräche“). Es hat mich gewissermaßen ein wenig mit ihm versöhnt als einer der vergangenen Hoffnungen. Aber lassen wir das.

Übrigens sind sowohl die Katzen wie auch ich gerade sehr tapfer - sie ertragen, sehr friedlich in Wurfweite um mich herum gelagert, die Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz, eine Musik, die sich wahrlich in die Seele einzuwohnen vermag - und ich ertrage meine Katzenallergie, für die sie nun mal nichts können, und die auch leicht erträglicher zu werden scheint. Es ist eben doch Winter geworden.

„Nicht Ochs noch Esel“, unter diesem Titel hatte ich vor Jahren eine Würdigung des Ratzinger-Buches über die Geburtsgeschichten Jesu versucht; das heißt, da war er ja noch richtiger Papst. Ein zutiefst theologisch durchdrungenes Büchlein über diese netten, beiläufigen, legendarisch naiv veranlagten Geschichten. Angeblich. Der Kern der Botschaft Jesu, wie er ihn sah: Das Bejahen des Willens Gottes ist keine Herabwürdigung unter fremde Willkür, sondern das Ja zum eigenen Wesen, die Rettung der Substanz des Menschlichen.

Und um mich denn doch zu wiederholen. So zieht Benedikt geradezu die Quintessenz aus 2 Jahrtausenden der Begegnung des Menschen mit Gott in Christus, aus vielen Jahrhunderten von Geschichten von Heiligen, Bekennern und Märtyrern: „So gehört zur Christwerdung das Hinausgehen aus dem, was alle denken und wollen, aus den herrschenden Maßstäben, um ins Licht der Wahrheit unseres Seins zu finden und mit ihm auf den rechten Weg zu kommen.“

Dies wird also weniger besinnlich werden als es mir vielleicht selbst lieber wäre, sondern nur ein anderes Zeugnis der Faszination davon, wie es Benedikt gelingt, seine Einsichten auf dem Bilderteppich abendländischer Weisheit aufleuchten zu lassen.

Es gibt auch im vorigen Beitrag ein Kapitel zum heutigen Tag namens „Die Weisen aus dem Morgenland &“. Wir werden beider Spuren ein wenig folgen, ich jedenfalls.

Zunächst beschreibt er die Ambivalenz des Wortes „Magier“ im biblischen Kontext. Der reicht von philosophischen Weisen und Priestern bis hin zu üblen Zauberern und Betrügern. Ist es nicht erstaunlich, welche Zwiespältigkeiten uns die Hl. Schrift da einfach so zumutet? (Aber die gute Volksseele hat sie ja später eh zu 3 Königen gemacht; aber vielleicht war auch bibelversunkenes Nachsinnen dabei - Psalm 72.10 „Die Könige zu Tharsis und auf den Inseln werden Geschenke bringen; die Könige aus Reicharabien und Seba werden Gaben zuführen.“ „Und die Heiden werden in deinem Lichte wandeln und die Könige im Glanz, der über dir aufgeht... Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.“ Jesaja 60. 3 + 6) In diesem Fall dürften wir eher am besseren Ende des Bedeutungsfeldes gelandet sein. Aber der Hl. Vater zieht seine Schlüsse:

„Die Ambivalenz des Begriffs Magier..., zeigt die Ambivalenz des Religiösen als solchen auf. Es kann Weg zu wahrer Erkenntnis, Weg zu Jesus Christus hin werden. Wo es sich aber angesichts seiner Gegenwart nicht für ihn öffnet, sich gegen den einen Gott und den einen Erlöser stellt, wird es dämonisch und zerstörerisch.“

In dieser Magiergeschichte sei offenbar die religiöse und philosophische Weisheit eine Kraft, die Menschen auf den Weg bringe; die Weisheit, die zuletzt zu Christus hinführe.

In der Apostelgeschichte hingegen fänden wir die andere Seite des Magiers. „Er stellt seine eigene Macht gegen den Boten Jesu Christi und tritt so auf die Seite der Dämonen, die aber von Jesus schon überwunden sind.“

Wonach suchten diese Magier? Die Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild Fische in den Jahren 7 - 6 v. Chr. habe sie zwar nach Judäa geführt, aber warum? Eine Verheißung nach der Art Bileams?

„Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder des Getümmels.“
1. Mose 24.17

Die Magier stünden „für die innere Dynamik der Selbstüberschreitung der Religionen, die eine Suche nach Wahrheit, Suche nach dem wahren Gott und so zugleich Philosophie im ursprünglichen Sinn des Wortes ist. So heilt die Weisheit auch die Botschaft der 'Wissenschaft'“. Im Verstehen-Wollen des Ganzen erfahre die Vernunft ihre höchsten Möglichkeiten.

Wir dürften über sie mit Recht sagen: „Daß sie das Zugehen der Religionen auf Christus wie auch die Selbstüberschreitung der Wissenschaft auf ihn hin darstellen.“ Sie stünden im Gefolge des ausziehenden Abrahams und zugleich des Sokrates und seines Fragens über die vorgegebene Religion hinaus nach größerer Wahrheit. In diesem Sinne seien diese Gestalten Vorläufer, Wegbereiter, Wahrheitssucher, die alle Zeiten angingen.

„Die Weisen aus dem Osten sind ein Anfang. Sie stehen für den Aufbruch der Menschheit auf Christus hin. Sie eröffnen eine Prozession, die durch die ganze Geschichte hindurchzieht.“ Die Unruhe, Suche und Erwartung des menschlichen Geistes auf Christus hin, ob in der Religion oder der menschlichen Vernunft.

Und der Stern? „Nicht der Stern bestimmt das Schicksal des Kindes, sondern das Kind lenkt den Stern... Der von Gott angenommene Mensch... ist größer als alle Mächte der materiellen Welt und mehr als das ganze All.“

In den Gaben der Magier, als sie der Stern nach Bethlehem geführt hatte, leuchtet bereits die Passion auf, die endgültige Überwindungsgeschichte Jesu, in der Myrrhe nämlich, neben dem Gold als Zeichen seines Königtums und dem Weihrauch als Zeichen seiner wesenhaften Teilhabe am Göttlichen. „Salbung ist ein Versuch, dem Tod entgegenzuwirken, der erst in der Verwesung seine Endgültigkeit erhält“. Darum die Myrrhe bei der Absicht, seinen Leichnam zu salben. Jesus bedurfte ihrer am Ende nicht mehr.

Palau Nacional (Barcelona)

Sonntag, 1. Januar 2017

Auf ein gutes Neues Jahr


Furtwängler dirigiert Beethovens 9. Symphonie d-moll, März 1942

Peter Rosegger

Gedicht zum Neuen Jahr

Ein bißchen mehr Friede und weniger Streit, 
Ein bißchen mehr Güte und weniger Neid, 
Ein bißchen mehr Liebe und weniger Haß, 
Ein bißchen mehr Wahrheit - das wäre doch was!

Statt so viel Unrast ein bißchen mehr Ruh', 
Statt immer nur Ich ein bißchen mehr Du, 
Statt Angst und Hemmung ein bißchen mehr Mut 
Und Kraft zum Handeln - das wäre gut!

Kein Trübsal und Dunkel, ein bißchen mehr Licht, 
Kein quälend Verlangen, ein bißchen Verzicht, 
Und viel mehr Blumen, solange es geht, 
Nicht erst auf Gräbern - da blüh'n sie zu spät! 


Poem for the New Year

A bit more of peace and a bit less debate, 
a bit more of kindness and a bit less of hate, 
a bit more of love and forget jealousy, 
and more of the truth - now that sets us free!

Not so much of strife but of peace to pursue, 
not so much of I but a bit more of You, 
not fear nor despondence but more enterprise 
and strength to take action - now that would be wise!

No sadness and darkness but light let us show, 
no burning desire but a joyful let-go, 
with many more flowers to brighten the fate,
and not just on graveyards - for then it's too late! 

Übersetzung / Translation 
von / by Walter A. Aue


Prof. Aue war so gütig, dies als Neujahrsgruß zu senden, noch ist es auf seiner verdienstvollen Seite auffindbar, aber das könnte sich auch ändern. Das Ändern ist bekanntlich eine Vorliebe des Lebens.

Darüber hinaus wäre das eine oder andere zu erzählen, wir werden sehen. Aber diese herrliche Mischung aus Verriß und Huldigung an und von Beethoven, aus Anlaß von dessen 9. Sinfonie, und nebenbei von Schiller, in Worte gesetzt durch Herrn Klonovsky, auf die muß ich doch verweisen. Genialisch sei er im Instrumentalen, eher unvertraut aber mit der menschlichen Stimme (ich hatte immer gedacht, ich sei der einzige, dem das alles furchtbar schief vorkäme, und mich für diese Ignoranz angemessen geschämt).

„Und während dieses Finalsatzes schoss es mir denn durch den Kopf, dass ich gewissermaßen dem Gründungsdokument der aktuellen "Willkommenskultur" lausche. Die deutsche Weltveredelungs-Hybris, der deutsche Marsch ins Ideal – und sei es auch der in den Untergang –, hier wurde es erstmals Ereignis als ein orgiastisches Kulturfest für die Masse. Schillers Hymnus ist ja sehr edel, hochherzig und mitreißend, bis ins Hysterische ambitioniert, aber eben auch ohne jedes Maß, vollkommen weltfremd und provinziell, was selbst diese Hochsprache nicht kaschieren kann, mit einem Wort: sehr deutsch.“

„Beethoven hat Schillers Bacchanal des Humanismus immerhin in eine Tonsprache gesetzt, die, bei allem forschen D-Dur-Verbrüderungsgetöse, durchaus barbarisch und für den Kulturmenschen befremdlich ist... Er schreibt die Ode 1786. Kurz darauf begann in Paris und anderen französischen Städten die jakobinische Blutkirmes, jenes Großmassaker der Brüderlichkeit, das in seiner entfesselten, mit bestem Gewissen vor aller Augen zelebrierten Mordlust so sehr an die Halsabschneider des Islamischen Staates erinnert und das die Demokratien des Westens bizarrerweise heute als ihren Gründungsmythos betrachten... Für unsereinen aber... beginnt 1794 der große reaktionäre Traum, die öffentliche Hinrichtung der revolutionären Mörder... Zu diesem Fest mag man meinethalben Beethovens Chorfinale spielen.“

Wundervoll.

Samstag, 24. Dezember 2016

Freitag, 16. Dezember 2016

„Ich muß noch Hund“

Nein, das ist nicht das Aufheben des Schweigens hier, und ich winde mich auch ein wenig in mir selbst, nennen wir es einen kleinen Unfall, der sich in meine durchaus noch bestehenden Schreibpläne gemogelt hat:

Früher habe ich einmal das Feuilleton einer gewissen Zeitung gesammelt und bei jedem Umzug mitgeschleppt. Allein die Erinnerung daran kommt mir heute mehr als absurd vor. Ich lese im Gegensatz zu früher (mit spärlichen Ausnahmen) kaum noch vollständige Zeitungen. In fast allen findet sich der gleiche verwechselbare Sprach- und Meinungsbrei, und dieser Eindruck hat, denke ich, weniger mit mir und meiner Wahrnehmung zu tun. Denn als ich das zufälligerweise einmal dem honorigen ehemaligen Herausgeber einer ehemals konservativen Zeitung gestand und sein einverstehendes Leiden sah... Aber lassen wir derlei Eitelkeiten.

Immerhin kaufe ich noch jeden Sonnabend die „Welt“ wegen ihres Literaturteils und eines ab und an beiliegenden Kunstmagazins (zumindest ist beides anregend). Und wo ich eben diese Beilage weglegen will, falle ich über den Reiseteil ("Im Herzen des Waldes", von Philipp Laage) – und grusel mich.

„Die Lastwagen mit den Tropenhölzern riefen eine traurige Verstimmung hervor. Sie zeigten, dass selbst die entlegensten Orte der Welt und ihre unberührten Naturschätze nicht vor dem Zugriff des Profits geschützt sind.“

„Der Regenwald des Kongobeckens löste eine unerklärliche Anziehungskraft aus... Der tropische Primärwald Afrikas türmt sich auf wie mehrstöckige Häuser, immergrün und undurchdringlich, auf einer Fläche so groß wie Mitteleuropa, abgeschieden von allem, das uns das Gefühl gibt, in der Welt zu sein. Dieser Wald beflügelt die Fantasie: Liegt dort vielleicht der Schlüssel zu einem ontologischen Verständnis der Dinge verborgen, den wir einfach noch nicht gefunden haben? Buchstäblich klein ist man in diesem Wald, die Hybris des modernen Menschen wird dort gebrochen: durch Erschöpfung, durch den Biss einer Zecke, durch ein Fieber, das nicht mehr zurückgeht.“

Das war der Punkt, wo sich der Autor wirklich sprachlich aufgipfelte. Ansonsten war dieser Ausflug in den Dschungel Kameruns, um dort Waldelephanten zu gucken, wohl eher ein öder Mißerfolg. Jemand hatte geraucht!

Dieser Reiseblogger mag ein herzensguter und grundnetter junger Mensch sein, aber diese dünne Sprache! Diese Schrumpfform des Deutschen, durch dessen Schilderungen das eine oder andere abgenutzte Bild schwimmt.

„So verbrachten wir den Rest des Tages zusammen in dieser einsamen Bucht, bis das Licht zu schwinden begann.“

Oder andererseits eben:

„Da gab es die typischen draufen Teilzeitaussteiger, von denen manche so aussahen, als würden sie schon zu lange zu schlechte Drogen nehmen. Aber es gab eben auch – sagen wir mal rein fiktiv – Katharina, 25, die in Münster was mit Medien studierte.“

Das erinnerte mich merkwürdigerweise an eine Unterhaltung zweier junger Menschen, die ich an einem frühen Sonntagmorgen im Zug erleiden mußte. Sie ließen wohl einen Club-Besuch ausklingen, wirkten aber äußerlich beisammen. Bis sie den Mund aufmachten (ich war in nämlichen Zug, weil mein frommer Chor einen Auftritt haben würde, vorher gab es noch eine Probe, es war also wirklich früh, für einen Sonntag).

Ich habe keine Aussage verstanden, vielleicht einzelne Worte, aber Sätze? Nun ja Sätze, es gab keinen, der sich als Zitat hätte merken lassen. Jedenfalls kamen sie fast völlig ohne Verben aus, es war eine fremde Spezies, obwohl sie den Eindruck vermittelten, sich prächtig zu verstehen.

Nun will ich das nicht gleichsetzten, aber ich war gewissermaßen vorgewarnt. Es soll ruhig Schülerzeitungen geben und junge Menschen dürfen Tagebücher schreiben, vor denen sie sich Jahre später hoffentlich gruseln werden, wegen der ausgeleierten Metaphern, die man so neu und aufregend fand, weil man sie noch nicht länger kannte, und der ganze Seelenschmerz etc. Bei dem man sich altersmüde fragt, wo bitteschön war das Problem in dieser Oase der Sicherheit, die es so später nie wieder geben würde. Die gespreizte Bedeutsamkeit, die eine geahnte Gedankenarmut kaschieren soll.

All das hat es schon immer gegeben, aber auch in einer der größeren Zeitungen, früher? Vielleicht haben wir hier grandiose Anlagen vor uns, und persönlich ist dieser junge Mann auch ganz erwachsen, vor allem in praktischen Dingen, und unternehmungssicher, und was weiß ich noch, aber diese Sprache, aber man sehe selbst. Er hat wie gesagt auch noch einen Reiseblog, auf dem ich mich sogar länger aufgehalten habe (es konnte ja sein, er hatte einfach einen schlechten Tag oder die Grippe).

Aber im Grunde ist es wie bei den jungen Männern im Zug. Man stößt in diesem Fall auf ein durchschnittslinkes dürftiges Weltbild mit seinen gängigen Stereotypen, gewinnt einen Eindruck von der Mentalität eines Milieus, das sich für das selbstverständlichste der Welt hält und sich begeistert wechselseitig bestätigt, und ist dabei vor allem eines, gelangweilt.

Nun wäre das eigentlich ein Grund, diesen Beitrag gar nicht erst zu bringen, aber gut, man sehe selbst und unterhalte sich womöglich sogar dabei.

Sonntag, 20. November 2016

Ewigkeitssonntag





Maria Wandelt

Zu Spät

Alle späten Blumen möchte ich binden,
daß das Zimmer überschäumt von Blüten,
eh' ich muß erfrorne, tote finden,
denn mein Herz klagt um des Sommers Tod.
Und kann nimmer ihre Schöne hüten
vor dem Nebel und der kalten Not.

Alle Sonnenstrahlen möcht' ich trinken
und verwehen dann im Sommerwind,
eh die Blätter tot im Reife sinken -
welkt die Schönheit schon in dieser Nacht?
Möcht noch einmal sein wie einst als Kind,
das im Lichte spielt, im Lichte lacht.

Allzu herb war meine Sommerzeit.
Fand' das Glück und hab' es doch versäumt.
Trage nun der Reue Bettelkleid.
Herbstwind streut mir schon sein blasses Gold.
Wieviel Leben habe ich verträumt,
nie war Wirklichkeit mir heiß und hold.

Nun am Weg nur noch die Grillen schrillen,
müder Duft weht aus dem Wiesengraben.
Samen fliegen voller Werdewillen.
Sonnenstrahlen gütig heut' noch walten.
Ach, wie viele Blumen wollt' ich haben,
um den Sommer noch einmal zu halten.

nachgetragen am 22. November

Mittwoch, 14. September 2016

Predigt beim Beerdigungsgottesdienst für Margot Wisser, geb. Wienhold


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und von unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

„Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängsten uns nicht; uns ist bange, aber wir verzagen nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“ (2. Kor 4,8+9)

Dies ist der Lehrtext vom 28. August, dem Sterbetag Eurer Mutter, lieber Martin und lieber Christoph Wisser. Die Verse aus dem 2. Korintherbrief des Paulus korrespondieren mit der Losung aus 2. Samuel, entnommen aus einem Loblied Davids, ein gesungenes Bekenntnis zu dem Gott, der hilft: „Du bist mein Schutz und eine Zuflucht, mein Heiland, der du mir hilfst vor Gewalt.“ (2. Samuel 22,3)

Davids und Paulus Worte korrespondieren mit unserem Leben, mit unserem Alltag. Deuten ihn, beleuchten ihn, bergen ihn. Da ist ein Gott, der mir hilft in meinen Tagen und Nächten. Ein Gott, der mir Aufmerksamkeit zollt, der sich mir zuwendet, der mir treu ist. Die Macht des Heiles, die mich leben lässt. Eine Grunderfahrung des Lebens dem, der sich ihr aussetzt.

Diese Macht spiegelt sich in besonderer Weise im Leben des Apostel Paulus wider. Dessen Biografie ist seine Theologie und umgekehrt. Im 4. Kapitel des 2. Briefes an die Gemeinde in Korinth schreibt er von seinem Berufungserlebnis. Er beschreibt es als eine Erfahrung des Lichts:

„Denn Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, daß durch uns entstünde die Erleuchtung von der Erkenntnis der Klarheit Gottes in dem Angesichte Jesu Christi:“ (2. Kor 4,6)

Paulus beschreibt seine Bekehrung und die der von ihm Missionierten als Wirken des Schöpfergottes. Die Erschaffung des Lichts setzt Gott fort in der Bekehrung von Menschen. Gottes Licht erleuchtet das Antlitz Jesu Christi, von dort dringt es in die Herzen der Menschen. Sein Angesicht ist wie ein Spiegel, das das einfallende Licht weiterlenkt und damit auch andere in Licht taucht. Das Bild der Bekehrung des Paulus wird zu einem Bild für uns alle.

Nun offenbart sich Gott im Schwachen. So tragen wir Menschen Gottes Licht, seinen Geist in irdenen Gefäßen. Wir tragen ewiges und vergängliches an uns. Wir sind Gerechtfertigte und Sünder zugleich, unser neues Leben ist tief hineinverwoben in die irdische Existenz. Gott wird gerade inmitten unserer Schwachheit erkennbar, denn der Glaube entdeckt die Herrlichkeit und Kraft Gottes immer wieder in der Niedrigkeit.

Niedrigkeit und Leiden erlebt Paulus zuhauf. Seine Briefe zeugen davon beredt. Ihm ist bewußt: Die Abfolge von Leiden und Rettung, von Tod und Auferstehung ist nicht zwangsläufig. Sie ist alles andere als ein Gesetz. Aber die Rettung aus Trübsal, die Erleuchtung der Finsternis ist ein Markenzeichen von Gottes Handeln nach der Bibel. Gott kann es offenbar nicht lassen anzukündigen, und zwar durch Taten, dass er es als die eigentliche Herausforderung ansieht, den Tod zu besiegen. Und wie an Christus, so wird an uns Gott selbst offenbar, das Auferstehungsleben Jesu. So erreicht die Gnade viele Menschen, und viele können Gott danken für die Kraft der Auferstehung.

„Dieweil wir aber denselbigen Geist des Glaubens haben, nach dem, das geschrieben steht: ‚Ich glaube, darum rede ich‘, so glauben wir auch, darum so reden wir auch.“ (2. Kor 4,13) 

Lieber Martin, lieber Christoph Wisser, liebe Angehörige, liebe Gemeinde,

Margot Wisser hat ihren Glauben, ihre Berufung als längste Strecke in ihrem Berufsleben in dieser Gemeinde, in dieser Gegend gelebt. Die Gemeinschaft, die sie erlebte, hat sie und euch als Familie getragen und bestimmt. In sehr herzlicher, zugewandter, fröhlicher und freundlicher Art war sie und ist sie bei den Menschen erinnerlich verwurzelt.

Ihr Leben kennt von früh an Trübsal, Angst und Verfolgung. Geboren am 24. Oktober 1935 in Weichselmünde bei Danzig, erlebte sie am 1. September 1939 den Beginn des 2. Weltkrieges hautnah mit, als Augenzeugin des  Beschusses der Westerplatte durch das Kriegsschiff „Schleswig Holstein“. Sie stand am Fenster und beobachtete das Geschehen. Es war der Abschied von einer behüteten Kindheit mit Verwandtenbesuch und viel gemeinsamem Musizieren. Die Geigen hingen an den Wänden. Der Vater spielte das Klavier, von ihm lernte sie die ersten Lieder zu spielen. Nun aber bestimmten Fliegeralarme oft den Alltag. Margot erinnerte sich an den Bunker, den ihr Vater gebaut hatte und in der die Familie, Mutter, Vater, Großmutter, sie und ihre kleine Schwester und Nachbarn Schutz fanden. Nach dem verheerenden Luftangriff auf Danzig dann wochenlang Aufenthalt in der Festung Weichselmünde bis Karfreitag 1945. Kurzzeitige Internierung des Vaters, die ihn schwer krank machte, Wohnen in Trümmern nahe Weichselmünde, Tod der Großmutter. Danach Vertreibung, Fahrt im Güterzug bis Küstrin. Hausen in Ruinen, der Tod des Vaters. Fahrt mit einem Güterzug nach Berlin, aus dem Flüchtlingslager in der Friedrichsstraße nach Altentreptow. Tod der kleinen Schwester. Im Dezember 1945 dann Tod der Mutter. Margot hatte in so kurzer Zeit bis auf die beiden älteren Schwestern, die bereits länger aus dem Haus waren, ihre gesamte Familie verloren.

Margot wurde von der Vermieterin in Altentreptow, Frau Wendt, aufgenommen. Im Mai 1947 dann der Umzug nach Techentin zu Verwandten, Tante und Onkel, die inzwischen gefunden worden waren.

In Techentin wieder Schulbesuch, aber auch Mittragen des Unglücks mit Leid und Tod, das die Verwandtschaft dort in Techentin betraf.

Hier erlebt sie einen intensiven Kontakt zur Kirchgemeinde, die Christenlehre bei Walter Kühn. Selbst schreibt sie: „Aus eine verängstigten Mädchen wurde wieder ein fröhlicher Mensch“. Er war es auch, der meinte, sie solle Katechetin werden und ihr dabei sehr half.

1952 dann absolvierte sie den katechetischen Elementarkurs in Rostock-Gehlsdorf. Erste Dienststelle war die Kirchgemeinde Benthen. Dort war sie fest integriert in die Pfarrfamilie Köster mit sechs Kindern. Diese Zeit hat sie in wunderbarer Weise geprägt. Sie gestaltete anfangs, solange es durch den Staat erlaubt war, noch den kirchlichen Unterricht in den Schulen. 1957 legte sie ihr katechetisches Examen in Schwerin ab.

Ab September 1958 begann sie ihren Dienst in der Kirchgemeinde Ballwitz. Dort waren die Wohnbedingungen katastrophal. Nach einem Jahr zog sie in eine große Wohnung ins Pfarrhaus hier in Jatzke. Propst Brehmer sagte ihr: „Sie gehen hoffentlich nicht nach zwei Jahren wieder, wie ihre Vorgänger!“ Es wurden 40 Jahre.

Anfangs waren es Kartons, die ihr die Möbel ersetzten. Langsam sparte sie sich die Einrichtung zusammen. Sie schuf sich ihr eigenes Nest und fühlte sich wohl.

Nach einem Jahr lernte sie ihren Mann kennen, den Landmaschinenschlosser Klaus Wisser. Nach wiederum einem Jahr feierten sie Hochzeit. Die Kinder wurden geboren. Sie schreibt: „Unsere Kinder wurden 1963 – Martin -  und 1966 – Christoph – geboren. Kinder sind ein großer Schatz. Sie machen das Leben erst lebenswert.“

Weiterhin schreibt sie: „Es war oft nicht einfach, den Beruf als Katechetin und Organistin und die Pflichten in der Familie zu bewältigen. Trotz allem hatte ich immer wieder die Kraft, alles in geordnete Bahnen zu lenken.“

Mit viel Freude und Elan hat sie die Aufgaben in Familie und Beruf bewältigt. Ihr Wirken war durch die typischen Umstände einer ländlichen Umgebung geprägt. Sie war viel unterwegs. Mit dem Fahrrad, dann mit dem Moped fuhr sie in die umliegenden Dörfer. Ihre Christenlehregruppen waren gut gefüllt, die Rüstzeiten, Krippenspiele und Bastelnachmittage sehr gut angenommen. Mit viel Freude begleitete sie als Organistin die Gottesdienste der amtierenden Pastoren und spielte auch auf vielen Beerdigungen und Hochzeiten. Sie leitete den Chor der Gemeinde, der auch ein wichtiger Ort der Gemeinschaft war. Die Bibelwochen spielten eine wichtige Rolle. Propst Brehmer legte Wert darauf, dass sie mitkam, später gestaltete sie auch die gut besuchten Abende selbst.

Während mehrerer Vakanzen übernahm sie engagiert Verantwortung. Vor allem der Besuchsdienst war ihr wichtig. Sie hatte ein offenes Ohr für die Menschen, ihr Rat wurde geschätzt und sie pflegte Kontakte auch zu Einwohnern, die der Kirche weniger nahe standen. Sie gestaltete Arbeit in guter und enger Zusammenarbeit mit den Pastoren der Gemeinde, Propst Brehmer, Pastor Rau und Pastor Ogilvie.

1995 wurde sie aus dem Dienst verabschiedet, kurz darauf starb ihr Mann, Euer Vater. Sie schreibt: „Plötzlich war alles ganz anders.“

Ihr Eingebettetsein in die Gemeinschaft des Dorfes half ihr, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Es brauchte Überredungskunst, dem Umzug nach Neubrandenburg in ein Haus, das Christoph gebaut hatte, zuzustimmen. Ab 2006 wohnte Martin bei ihr und half, zunehmenden gesundheitlichen Schwierigkeiten zu begegnen.

Im Sommer 2013 dann der Umzug nach Neustrelitz. Auch dort blieb die Verbindung nach Jatzke aktiv und die Verbindung zu vielen Kollegen. Die Runde zum 80. Geburtstag im vergangenen Oktober in der Wohnung in der Hertelstraße in Neustrelitz war zwar kleiner geworden im Vergleich zu früher, zeugte aber von den regelmäßig gepflegten Kontakten.

Lieber Martin, lieber Christoph Wisser, liebe Angehörige, liebe Gemeinde,

wir betten Margot Wisser nun zur ewigen Ruhe und befehlen sie der Gnade Gottes. Wir bitten, dass sie nun schauen möge, was sie selbst geglaubt hat. Wir bitten Gott um seine Kraft und sein Geleit für uns, die wir trauern. Lasst uns Abschied nehmen mit Dank und im Frieden.

Ihre schriftlichen Lebenserinnerungen beschloß sie mit einem altchristlichen Segen:

Der Herr sei vor dir,
um dir den rechten Weg zu zeigen.

Der Herr sei neben dir,
um dich in die Arme zu schließen
und dich zu schützen.

Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren
vor der Heimtücke böser Menschen.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen,
wenn du fällst, und dich aus der Schlinge zu ziehen.

Der Herr sei in dir, um dich zu trösten,
wenn du traurig bist.

Der Herr sei um dich herum,
um dich zu verteidigen,
wenn andere über dich herfallen.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.

So segne dich der gütige Gott.

Diesen Segen erbitten wir für uns alle. Amen.

Pastor Christoph Feldkamp, Neustrelitz






Anm.: nachgetragen am 19. 9.