Montag, 6. Januar 2020

Nachgetragenes zu Epiphanias


Epiphanias ist ein merkwürdiges Fest, das das Legendenhafte förmlich angezogen hat. Man muß solche Überlieferung nicht archäologisch sezieren, weil wir dann dadurch der Wahrheit etwa näher kämen, sondern Überlieferungen können über die Zeiten auch wachsen in ihrer Wahrheit.

Der Anfang liegt möglicherweise bereits im Alexandria des 2. Jahrhunderts. Dort hatten die frühen Christen offenkundig zuerst das Bedürfnis, das Erscheinen des Göttlichen gesondert von Ostern, dem ältesten Fest, zu feiern, vielleicht, weil man sich gegen gleichzeitige heidnische Feste behaupten wollte oder eines, das gnostische Sektierer am 6. oder 10. Januar als Fest der Jordantaufe Jesu in typischer Verzerrung begingen. Aber das ist Spekulation.

Das Bedürfnis nach einem Fest, das früheste christliche Erfahrung bekräftigt  – der Einbruch des Göttlichen in die menschliche Welt – ist durch uralte Zeugnisse schlicht erkennbar, ohne daß wir den Ursprung wirklich entschlüsseln könnten. So ragt es etwas erratisch in den christlichen Festkreis hinein und mußte dann biblisch – theologisch gewissermaßen erst „eingefangen“ werden“. Bei uns hat es sich mit der Geschichte von den Magiern und den Hirten verbunden, im Osten unter anderen mit der Epiphanie bei der Taufe Jesu durch Johannes.

Oder um noch einmal Benedikt XVI. zu zitieren (aus seiner Ansprache zum 6. Januar 2009):

„Die Epiphanie, die »Erscheinung« unseres Herrn Jesus Christus, ist ein vielgestaltiges Geheimnis. Die lateinische Tradition identifiziert es mit dem Besuch der Sterndeuter beim Jesuskind in Betlehem, und sie interpretiert es demzufolge vor allem als Offenbarung des Messias Israels vor den Heidenvölkern.

Die orientalische Tradition hingegen gibt dem Augenblick der Taufe Jesu am Fluß Jordan den Vorrang, als er sich als der eingeborene Sohn des himmlischen Vaters offenbarte, der vom Heiligen Geist gesalbt ist. Das Evangelium des Johannes jedoch lädt dazu ein, auch die Hochzeit von Kana als ‚Epiphanie‘ zu betrachten, bei der Jesus durch die Verwandlung des Wassers in Wein ‚seine Herrlichkeit [offenbarte] und seine Jünger an ihn [glaubten]‘ (Joh 2,11).“


Krippe in der Kath. Kirche Neustrelitz - Maria, Hilfe der Christen

In Epiphanias nimmt das Göttliche Anteil am Menschlichen, das Menschliche gewinnt Anteil am Göttlichen. Und zwar als ganze Menschheit. So willkürlich ist es also nicht, das Fest mit dem Auftreten der babylonischen Sterndeuter, der Magier zu verbinden. Seit der sog. „Babylonischen Gefangenschaft“ waren den Gebildeten unter den Babyloniern durchaus die prophetischen Überlieferungen der Juden bekannt.

Was vermutlich ebenfalls verband, war eine gewisse Wehmut in Bezug auf vergangene Größe, nur, wo die Juden die Zeichen der Hoffnung in Prophezeiungen suchten, waren die Babylonier es gewohnt, das künftige Geschehen aus den göttlichen Sternen zu lesen. Dazu war zur Zeit der Geburt Jesu im ganzen antiken Weltkreis die Luft geradezu erfüllt von Erwartungen.



In der Überlieferung des Matthäus kommt all dies dann zusammen. Bei Lukas sind es die bekannten Hirten. Beides sind schwierigere Zeugen, als es unsere Gewohnheit idyllischer Lesart nahelegt. Hirten waren für die Zeitgenossen unterste Unterschicht von eher schlechtem Ruf. Und babylonische „Zauberer“ als Zeugen der Weihnachtsgeschichte?

Noch einmal der Hl. Vater (im 3. Band seines Werkes „Jesus von Nazareth“ über die Geburtsgeschichten):

„Die Ambivalenz des Begriffs Magier, auf die wir hier stoßen, zeigt die Ambivalenz des Religiösen als solchen auf. Es kann Weg zu wahrer Erkenntnis, Weg zu Jesus Christus hin werden. Wo es sich aber angesichts seiner Gegenwart nicht für ihn öffnet, sich gegen den einen Gott und den einen Erlöser stellt, wird es dämonisch und zerstörerisch.“

Die Magier „stehen für die innere Dynamik der Selbstüberschreitung der Religionen, die eine Suche nach Wahrheit, Suche nach dem wahren Gott und so zugleich Philosophie im ursprünglichen Sinn des Wortes ist. So heilt die Weisheit auch die Botschaft der 'Wissenschaft'“. Im Verstehen-Wollen des Ganzen erfährt die Vernunft ihre höchsten Möglichkeiten.“

Und Benedikt XVI. in seiner Ansprache zum 6. Januar 2012):

„Die Weisen sind dem Stern gefolgt. Durch die Sprache der Schöpfung haben sie den Gott der Geschichte gefunden. Freilich – die Sprache der Schöpfung allein genügt nicht. Erst das Wort Gottes, das in der Heiligen Schrift uns begegnet, vermochte ihnen endgültig den Weg zu zeigen. Schöpfung und Schrift, Vernunft und Glaube gehören zusammen, um uns bis zum lebendigen Gott hinzuführen.“

Die Weisen aus dem Morgenland seien „allmählich selbst zu Sternbildern Gottes geworden, die uns den Weg zeigen. In all diesen Menschen hat gleichsam die Berührung mit Gottes Wort eine Explosion des Lichtes ausgelöst, durch die der Glanz Gottes in diese unsere Welt hineinleuchtet und uns den Weg zeigt. Die Heiligen sind Sterne Gottes, von denen wir uns führen lassen zu dem hin, nach dem unser Wesen fragt.“


Das Licht vom Gold der Gaben, in das schon das Evangelium dieses Ereignis taucht, ist also keine spätere mythische Verklärung, sondern all das suchende, angefochtene und zwiespältige Menschentum wird hier hineingehoben in den Glanz der Transzendenz, so daß zu Recht ein goldenes Licht auf allem liegt.

Kein Wunder, daß die dem König Huldigten, in den Augen der Späteren selbst zu Königen wurden. So wie jeder Anbetende des Kindes in der Krippe Teil haben darf am Königtum Christi.

Den Niedersten und den Nicht-Juden, aus denen die Überlieferung dann Könige macht, erscheint das Göttliche. Oder anders - der ganzen Menschheit also, von den Niedersten zu den am höchsten Gestellten in gleicher Gerechtigkeit.

Es ist zugleich eine Wiederherstellung. In dieser Anbetung der Magier von El Greco nimmt Maria mit dem Jesuskind deren Huldigung unter einer verfallenen Vierungskuppel entgegen. Mit dem Erscheinen des Göttlichen kehrt die in Ruinen gefallene Schöpfung in ihre schöne Ordnung zurück.

El Greco, Anbetung der Magier

nachgetragen am 19. Januar

Mittwoch, 1. Januar 2020

Über Zeiten


... und ob aus dem Raisonieren darüber, Gescheites zu gewinnen wäre. Eine kleine Lese-Wiese. In 6 Haupt-Stücken.


Caspar David Friedrich: Eiche im Schnee, bis 1828


Über die gelegentlichen Vorzüge des Alterns (I)


„Now, beshrew my father‘s ambition, he was thinking of civil wars when he got me: therefore was I created with a stubborn outside, with an aspect of iron, that, when I come to woo ladies, I fright them. But, in faith, Kate, the elder I wax, the better I shall appeare. My comfort is, that old age, that ill layer up of beauty, can do no more spoil upon my face. Thou hast me, if thou hast me, at the worst; and thou shalt wear me, if thou wear me, better and better: and therefore tell me, most fair Katherine, will you have me?“ 

Henry V, Act 5, scene 2

„Verwünscht sei der Ehrgeiz meines Vaters! Er dachte auf bürgerliche Kriege, als er mich erzeugte: deswegen kam ich mit einer starren Außenseite auf die Welt, mit einer eisernen Gestalt, so daß ich die Frauen erschrecke, wenn ich komme, um sie zu werben. Aber auf Glauben, Käthchen, je älter ich werde, je besser werde ich mich ausnehmen; mein Trost ist, daß das Alter, dieser schlechte Verwahrer der Schönheit, meinem Gesichte keinen Schaden mehr tun kann: wenn du mich nimmst, so nimmst du mich in meinem schlechtesten Zustande, und wenn du mich trägst, werde ich durchs Tragen immer besser und besser werden. Und also sagt mir, schönste Katharina, wollt Ihr mich?“

übersetzt von A. W. von Schlegel


Was dem Menschen dabei widerfährt, wo er nicht für sich und also allein bleiben kann (II)


Dresden, Albertinum, Ludwig Richter, im Juni

Matthias Claudius

Aus dem Englischen

Es legte Adam sich im Paradiese schlafen;
Da ward aus ihm das Weib geschaffen.
Du armer Vater Adam, du!
Dein erster Schlaf war deine letzte Ruh‘.

Derselbe

Ein silbern ABC – N

Nichts ist so elend als ein Mann,
der alles will und der nichts kann.


Caspar David Friedrich: Schwäne im Schilf beim ersten Morgenrot
etwa bis 1820, hier gefunden

Ludwig Uhland

Der Sommerfaden

Da fliegt, als wir im Felde gehen,
Ein Sommerfaden über Land,
Ein leicht und licht Gespinst der Feen,
Und knüpft von mir zu ihr ein Band.
Ich nehm ihn für ein günstig Zeichen,
Ein Zeichen, wie die Lieb‘ es braucht.
O Hoffnungen der Hoffnungsreichen,
Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!


Was Zeit überhaupt sei (III)



Ernst Barlach, Der Geistkämpfer

„Was ist also Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemandem auf seine Frage hin erklären, so weiß ich es nicht. Doch soviel kann ich gewiß sagen: ginge nichts vorüber, so gäbe es keine Vergangenheit, käme nichts heran, so gäbe es keine Zukunft, bestände nichts, so gäbe es keine Gegenwart.

Wie kann man aber sagen, daß jene zwei Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, sind, wenn die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist? Wäre dagegen die Gegenwart beständig gegenwärtig, ohne sich je in die Vergangenheit zu verlieren, dann wäre sie keine Zeit mehr, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart, um Zeit zu sein, in die Vergangenheit übergehen muß, wie können wir dann sagen, daß sie an das Sein geknüpft ist, da der Grund ihres Seins darin besteht, daß es sofort in das Nichtsein übergeht? Also müssen wir in Wahrheit sagen: die Zeit ist deshalb Zeit, weil sie zum Nichtsein hinstrebt.“


St. Augustinus von Hippo Regius


Wie uns die Zeit eine trügerische Gewißheit über unser Urteil gibt (IV)

abweichend kommentiert an 2 Beispielen


Anton Raphael Mengs war ein Favorit seiner Zeit: „Er ist als ein Phoenix gleichsam aus der Asche des ersten Raphael erweckt worden, um der Welt in der Kunst die Schönheit zu lehren, und den höchsten Flug menschlicher Kräfte in derselben zu erreichen.“ (Johann Joachim Winckelmann)

Das obige Fresko „Jupiter küßt Ganymed“ wurde gemalt wohl um 1758/59 von Mengs (heute in der Galleria Nazionale in Rom).

Ich habe die hiesige Großherzogin Marie einmal gerühmt dafür, daß ihre Kopien nicht altern würden. Natürlich ist das genauso ein wacklig zeitgebundenes Lob. Denn das Eigentümliche: Fast immer sehen wir ihnen sofort die Entstehungszeit an, der Zeitgenosse bezeichnenderweise kaum. Ich meinte damals, das komme wohl daher, daß ihnen nicht selten etwas uninspiriert Pedantisches anhafte. Als hätte ich von diesem Bild gesprochen.

Gerade waren Pompejis Wandmalereien bekannt geworden und die gebildete Welt glücklich über ein weiteres gerettetes Original. So etwa unser Goethe. Winckelmann nahm es in seine Schriften auf. Als die Fälschung ruchbar wurde, hatte Goethe immerhin die Anekdote beizubringen, Mengs solle erst auf dem Totenlager seine Urheberschaft gestanden haben. Freunde wurden Mengs und Winkelmann zuvor nicht wieder. Was damalig begeisterte, befremdet uns heute nur noch.

Herkules und Nessus, 1. Jh. n. Chr., Neapel

Geschichte lädt ein zu trügerischen, empfundenen Zeitgenossenschaften. Und dieses Phänomen ist schwer erklärbar. Wer einen römischen Porträtkopf gesehen hat und danach einen frühmittelalterlich grob aus dem Stein gehauenen Heiligen, ist, so er ehrlich ist, erschüttert über das, was zwischendurch an Nähe verlorenging, und grübelt, warum und wodurch.

"Was von oben kommt, muß man mit Ergebung, was von den Feinden kommt, mit Mannhaftigkeit ertragen; denn das ist sonst in dieser Stadt Sitte gewesen, und diese Sitte möge durch euch nicht abkommen. Bedenkt vielmehr, daß sie unter allen Menschen den größten Namen hat, weil sie dem Unglück nicht weicht, und daß sie am meisten Menschenleben und Anstrengungen im Krieg geopfert hat und unter allen bisherigen Staaten die größte Macht besitzt, deren Gedächtnis in Ewigkeit bei der Nachwelt fortleben wird, wenn wir auch jetzt einmal zurückgehen müssen, wie denn überall, wo ein Wachstum stattfindet, auch eine Abnahme natürlich ist…

Daß wir  augenblicklich gehaßt werden und mißliebig sind, ist das Schicksal aller gewesen, die Anspruch erhoben haben, über andere zu herrschen. Wer aber um des Höchsten willen den Neid wählt, ist nicht schlecht beraten. Denn der Haß hält nicht lange stand; der Glanz der Gegenwart aber und der Ruhm bei der Nachwelt sind unvergänglich."

Aus der letzten Rede des Perikles, so man Thukydides vertrauen kann, und wie sollte man nicht (bevor Kleon der Gerber danach uns die Fallstricke der demokratischen Idee aufzeigt und ein anderer Demagoge, Kleophon am Ende Athen in den Untergang führt). Ist uns das nah? Worin? Wodurch? Ich frage für das Nachfolgende...:

"Es ist ein gutes Zeichen für uns, daß unsere Erinnerung die Geschichte nach diesen Sternen erster Ordnung orientiert. Freilich gleichen wir darin den Astronomen, die auf das Sichtbare angewiesen sind, denn wie nur ein großes Licht die unendlichen Entfernungen, so durchdringt auch nur ein hohes Bewußtsein die Nebelbänke der Zeit. Es gibt einen Grad der Helle, der die dämpfende Wirkung der Jahrhunderte bezwingt - so ist uns das Athen des Perikles sichtbarer als das uns doch um tausend Jahre näher liegende mittelalterliche Athen, zu dessen Geschichte Gregorovius die kärglichen Bruchstücke sammelte."


 Ernst Jünger, Das abenteuerliche Herz


Caspar David Friedrich: Waldinneres bei Mondschein
ca. 1823 - 1830, hier gefunden

Abgesehen davon, daß die berühmte athenische Demokratie im Peloponnesischen Krieg (er dauerte bis 404 v. Chr.) sich selbst erledigte, sie hat ihn auch mit einer Grausamkeit geführt, die unserem 30jährigen in nichts nachstand (einschließlich der Auslöschung ganzer Städte). Aber Athen hat auch den Mann hervorgebracht, der zum ersten Mal mit größtem Scharfsinn aufzeigte, was hier zusammenwirkte:

Ich zitiere aus dem Kapitel des Thukydides über den o.g. Krieg, das gemeinhin „Die Pathologie des Krieges“ überschrieben wird (man kann es vollständig hier nachlesen).

„Zu so unmenschlicher Rohheit entartete der Parteikampf... und er erschien um so gräßlicher, als es der erste Fall dieser Art war...

So beherrschten nun Parteikämpfe die Städte und bei jedem späteren suchte man sich nach dem, was man über die früheren erfahren hatte, darin, dass man sich unerhört Neuartiges ausdachte, weit zu überbieten, sowohl was das Raffinement der Anschläge, als was die Gräßlichkeit der Rache anging.

Auch die gewohnte Terminologie für das Handeln vertauschte man jetzt nach Gutdünken. Denn unvernünftige Verwegenheit galt für treu ergebene Mannhaftigkeit, vorsichtiges Zögern für bemäntelte Feigheit, Besonnenheit für versteckte Mutlosigkeit, planvolle Überlegung in allen Dingen für Trägheit zu jedem Tun, schlagfertiges Zupacken galt als Eigenschaften des rechten Mannes, auf Sicherheit bedachtes Beraten dagegen als schönklingender Vorwand für eine Ablehnung.

Wer Empörung zeigte, galt immer als zuverlässig, wer ihm widersprach, als verdächtig. Hatte einer mit einem Anschlag Erfolg, war er klug, noch geschickter, wer einen entdeckte; wer aber Vorsorge traf, daß nichts davon nötig sei, schien… vor der Gegenpartei in Angst erstarrt...

Ferner stand es höher in Ehre, Rache an jemand zu üben, als selber nicht zuerst zu leiden. Und wurden etwa einmal zur Versöhnung Eidschwüre gegeben, so hatten sie, da sie von der einen wie von der anderen Seite nur im Drang der Not gegeben wurden, nur für den Augenblick Geltung, solange sie keine Unterstützung anderswoher hatten; bei erster günstiger Gelegenheit aber rächte sich, wer sich zuerst dazu ein Herz fasste, wenn er den Gegner nicht auf der Hut sah, lieber eben jenes Vertrauens wegen als in offenem Kampf, und stellte dabei nicht nur die Gefahrlosigkeit in Rechnung, sondern auch, daß er, wenn er durch Täuschung siegte, zusätzlich den Kampfpreis der Klugheit gewann...

Von dem allen aber lag die Ursache im Verlangen nach Macht, um Herrschsucht und Ehrgeiz zu befriedigen.Daher auch, wenn der Parteienstreit begann, der leidenschaftliche Eifer. Denn diejenigen, die an der Spitze der Städte standen, gebrauchten zwar, die einen wie die andern, wohlklingende Namen, und kämpften hier um bürgerliche Gleichberechtigung der Menge, dort um besonnene Herrschaft der Besten; in Wahrheit aber betrachteten sie das Volk, dem sie angeblich dienten, nur als Kampfpreis und, indem sie auf jede Weise übereinander zu siegen trachteten, wagten sie das Entsetzlichste und gingen bei ihren gegenseitigen Verfolgungen immer weiter und weiter, indem sie sie über die Grenze der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls hinaus steigerten...

Daher übten die einen so wenig als die anderen Gottesfurcht; vielmehr brachten schönklingende Worte, wenn man so auf empörende Weise etwas erfolgreich durchsetzte, einen besseren Ruf. Der Rest der Bürgerschaft aber, der parteilos in der Mitte stand, wurde zugrunde gerichtet, entweder weil er nicht mitkämpfen konnte oder aus Mißgunst, er könne unversehrt davonkommen… So fand nun…, es immer mehr Anklang, einander mit tiefem Mißtrauen gegenüberzustehen.

„... und da alle Stärkeren innerlich überzeugt waren, daß doch nicht auf Treu und Glauben zu rechnen sei, suchten sie sich mehr durch Klugheit im voraus gegen Schaden zu schützen als Vertrauen zu beweisen.

Caspar David Friedrich: Das Friedhofstor
ca. 1825 - 1830, hier gefunden

Es gewannen hierbei selbst Leute von geringerem Verstand meistens die Oberhand. Denn sie fürchteten ihre eigene Schwäche und die Klugheit der Gegner, sie möchten sowohl bei der öffentlichen Debatte den kürzeren ziehen als auch infolge deren geistiger Gewandtheit mit einem Anschlag überrascht werden, und schritten daher mit Entschlossenheit zur Tat...

In Kerkyra nun wurde das meiste hiervon zuerst gewagt: die einen, die mehr mit rohen Übermut als mit Mäßigung beherrscht waren, übten jetzt Vergeltung, sowie ihre Zwingherrn die Gelegenheit zur Rache boten. Die anderen sehnten sich, die gewohnte Armut loszuwerden, und hätten die Güter der anderen zugleich mit Befriedigung ihrer Leidenschaften zu erhalten gewünscht. Wieder andere gingen ursprünglich nicht mit selbstsüchtigen Absichten, sondern um ihrer Gleichberechtigung willen in den Kampf, ließen sich aber, unfähig ihre Leidenschaft zu zügeln, weit fortreißen und verfolgten so auf eine barbarische und unbarmherzige Weise den Sieg.

„… die menschliche Natur, ohnehin gewohnt, selbst gegen bestehende Gesetze zu freveln, zeigte, als sie die Gesetze über den Haufen gestürzt hatte, mit wahrer Lust, daß sie die Leidenschaft nicht zu beherrschen wisse, sich über das Recht hinwegsetze und allem Hervorragenden feind sei...“

Erkennen wir etwas davon wieder?  Könnte man nach 2400 Jahren hoffen, daß der Irrsinn der Entartung sich nicht fortsetzt, die Verkehrung der Begriffe, der Dolch der vorgetäuschten Moral, das Aufpeitschen des Niedersten und der Haß gegen das Herrvorragende? Ist uns das nah? Und wenn, läßt uns diese Nähe nicht eher erschaudern.

Ist die Hoffnung auf eine gut und vernünftig gegründete Ordnung von Bestand auf Erden vermessen. Wer mag das wissen.

Christian Daniel Rauch, Viktoria von Leuthen
Zinkgußkopie im Neustrelitzer Schloßgarten 

Wie man Gottes Huld erträgt (V)


Angelus Silesius

Was man liebt, in das verwandelt man sich (auß S. Augustino)

Mensch, was du liebst, in das wirst du verwandelt werden.
Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden.


Fünftes Buch, Nr. 200 

Der Weise suchet nichts

Der Weise suchet nichts, er hat den stillsten Orden,
Warumb? er ist in Gott schon alles selber worden.


Sechstes Buch, Nr. 183 

Der Weise ist nie allein

Der Weis' ist nie allein, geht er gleich ohne dich,
So hat er doch den Herrn der Dinge (Gott) mit sich.


Sechstes Buch, Nr. 242. 

Warumb die Seele ewig

Gott ist die ewge Sonn‘, ich bin ein Strahl von ihme;
Drumb ist mirs von Natur, daß ich mich ewig rühme.

Viertes Buch, Nr. 201. 

aus dem Cherubinischen Wandersmann

gesprochen von Katharina Thalbach,

Paul Fleming

An Sich

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkohren;
nimm dein Verhängnüs an. Laß' alles unbereut.
Tu, was getan muß seyn, und eh man dir's gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.


Von der Zeit und dem Anderen (VI)

Caspar David Friedrich:  Friedhofseingang, ca. 1825

"Tempora mutantur, nos et mutamur in illis."

Die Zeit vergeht und wir vergehn in ihr.
(mehr frei übersetzt)

"… dass man mit ewigen Prinzipien die Gegenwart erfasst, so dass sie erkennbar bleibt und aber trotzdem das Grundsätzliche, das Überzeitliche durchschimmert. Trotzdem ist deine Aufgabe deine Zeit."

Uwe Tellkamp

mit meiner herzlichen Empfehlung, dort das ganze Gespräch zu lesen


All das gewissermaßen als Einladung zu einer Gemütshaltung, die gelegentlich als stoisch beschrieben wird, aber darin nicht aufzugehen hat

Ein später

Gruß zum Neuen Jahr

mit den besten Wünschen für eben dasselbe!

Und darauf einen Hohenfriedberger:



abgeschlossen am 8. Januar

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Peter Schreier†

Altes Bachdenkmal (Leipzig), hier gefunden

Ein großes Sänger - Leben ist still in die Ewigkeit eingegangen.

Peter Schreier wurde am 29. Juli 1935 geboren. Seit 1943 bereitete er sich auf den Eintritt in den Dresdner Kreuzchor vor, der im Juli 1945 erfolgte. Rudolf Mauersberger erkannte dort den Charakter seines musikalischen Talents, das sich bereits in dieser Aufnahme von ca. 1947 zeigt: Eine geradezu rhetorische Stimmführung und Wachheit sowie ein Modulationsreichtum, der zugleich intensiv und genau zu sein vermag.


Peter Schreier (~1947): "Ich halte treulich still." BWV 466

Ich halte treulich still,
und liebe meinen Gott,
ob mich schon öftermals
drückt Kummer, Angst und Not.
Ich bin mit Gott vergnügt
und halt geduldig aus,
Gott ist mein Schutz und Schirm
um mich und um mein Haus.

Drum dank ich meinem Gott
und halte treulich still,
es gehe in der Welt,
wie es mein Gott nur will.
Ich lege kindlich mich
in seine Vaterhand
und bin mit ihm vergnügt
in meinem Amt und Stand.

Im Osten Deutschlands wuchs er bald vor allem als Bachinterpret in die Rolle einer musikalischen Institution hinein. Wer dort an Bach denkt, gerade mit seinen Kindheitserinnerungen, kommt schnell bei Schreier an. Daß die Partie des Evangelisten in dessen Passionen fast nicht mehr anders als durch ihn interpretierbar erschien, ist vielleicht aus diesem Zusammenfinden von Schreiers musikalischem Charakter und Bachs Ewigkeitsgeneigtheit erklärbar.

Schreiers Evangelist, der einen beträchtlichen Teil seines Ruhms ausmacht, ist bis heute unerreicht in seiner wie überindividuell abgelösten rein menschlichen Expression.

Nach dem Ausscheiden aus dem Kreuzchor studierte er an der Dresdner Musikhochschule, 1959 hatte er sein Operndebüt. Zu Bach trat mit großem Erfolg die Interpretation von Mozart-Partien, danach kam sogar Wagner dazu (1966 in Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen). Internationale Engagements folgten, etwa bei der Mailänder Scala oder der New Yorker Metropolitan Opera.

Später erarbeitet er sich als Sänger das Lied, wenn er auch kaum als der typische lyrische Tenor gelten kann. Man mag seiner Stimme eine technisch brillante Glätte vorwerfen, aber das ginge in die Irre. In dieser Aufnahme der "Mondnacht" von Robert Schumann wird vielleicht deutlich, warum.

Seine Stimme ist nicht kalt, aber auch nie auch nur von der Versuchung zur Sentimentalität gestreift, sie ist nicht perfekt im Sinne der schönsten aller denkbaren Tenor-Stimmen, sondern schön durch Genauigkeit und geistige Wachheit, mit der die Intensität eines Textes zum Leben erweckt wird. Diese Stimme verkörpert und vermittelt die Souveränität eines zutiefst integren und authentischen Charakters.


Mondnacht/Moonlit Night - Eichendorff, Schumann, P. Schreier

Joseph Freiherr von Eichendorff

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Moonlit Night

It was like Heaven's glimmer
caressing Terra's skin,
that in Her blossoms' shimmer
She had to dream of Him.

The breeze was gently walking
through wheatfields near and far;
the woods were softly talking
so bright shone ev'ry star.

And, oh, my soul extended
its wings through skies to roam:
O'er quiet lands suspended,
my soul was flying home.

Translation by Walter A. Aue

Ich wollte gern bei dieser Gelegenheit noch einmal eine der Übersetzungen des Prof. Aue anbringen, die hier zum ersten Mal erschien.

Zurück zu Peter Schreier. Im Juni 2000 hatte er seinen letzten Auftritt auf der Opernbühne als Tamino in der Zauberflöte, und auch hier ist die Begründung für sein Ende als Darsteller bezeichnend – Authentizität! Es sei nicht mehr glaubhaft, wenn er noch etwa als junger Prinz aufträte. Als Sänger trat Peter Schreier letztmals öffentlich am 22. Dezember 2005 in Prag auf, und er endete mit Bach.

Früh war er auch als Dirigent tätig, bei den Berliner Philharmonikern bis hin zum Los Angeles Philharmonic Orchestra. Nach seinem Ende als aktiver Sänger wirkte er noch für einige Zeit als Gesangslehrer, doch die letzten Jahre wurden von Krankheit überschattet.

Am 25. Dezember 2019 starb Peter Schreier im Alter von 84 Jahren in Dresden.

Sein Rolle als Evangelist ist nahezu ikonisch geworden. Die nachfolgenden 4 Stücke sind vom Ende der Matthäuspassion, es ist die Aufnahme Karl Richters mit dem Münchener Bach Orchester von 1971:


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 19/22

Nach Julia Hamari (Alt) beginnt ab 5.40 Min. Peter Schreier als Evangelist. Es ist aus dem Sterbekapitel des Evangeliums, beendet vom Chor mit:

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir,
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt du denn herfür!
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein!


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 20/22

Schreier eröffnet als Evangelist. Doch wenn man sonst nichts hören mag, den Chor von 1.20 bis 2. 15 Min über Matth. 27.54. („Aber der Hauptmann und die bei ihm waren und bewahrten Jesus, da sie sahen das Erdbeben und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen!“) - den muß man gehört haben.


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 21/22


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 22/22

Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!
Ruht, ihr ausgesognen Glieder!
Euer Grab und Leichenstein
Soll dem ängstlichen Gewissen
Ein bequemes Ruhekissen
Und der Seelen Ruhstatt sein.
Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein.

Und mit diesem Schlußchor, in dem das Grab Christi zum Flucht- und Ruheort der menschlichen Seele wird, wollen wir enden.

Von J. S. Bach ist dieser Eintrag in seine Bibel überliefert: „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart.“ Dieser Satz kann auch so gelesen werden, daß Musik über die Macht verfügt, ihn gegenwärtig zu machen, als Zwiegespräch zwischen Gott und der menschlichen Seele.

Peter Schreier aus Sachsen, Du getreuer Diener des Evangeliums und der göttlichen Musik:

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen, und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Predigt zum Hl. Abend in Zepelin

Matthäus Merian, Bütsow, 1653

Herr Roloff, der an diesem Ort hinreichend eingeführt ist, hat gestern in seiner Kindheits- und Jugendregion einen Gottesdienst zum Hl. Abend gehalten; in Zepelin bei Bützow. Die wollte ich gern noch mitteilen.

Daher der Kupferstich von 1653. Abgesehen von der fehlenden Wehrmauer, wie sagen wir es höflich, ist dort vieles heute noch so wieder zu erkennen. Was ja aber durchaus auch etwas Tröstliches hat. Das etwas wäre das Schloß (oben ganz links).

Schloß Bützow in Bützow

Allerdings den Ort einer Topographia Saxoniae Inferioris zuzuschlagen, sprich, dem niederen Sachsen!? Nun, zuerst denkt man natürlich, von der Kaiserstadt Frankfurt aus wäre alles nördlich unter diese Rubrik gefallen. Tatsächlich ist aber der niedersächsische Reichskreis gemeint, die gab es seit der Reichsreform Kaiser Maximilians I.

Zepelin ist ein Dorf von wenigen hundert Einwohnern. Aber wer bei dem Namen stutzig geworden ist, hat damit recht.

"Graf Zeppelin" über der Siegessäule, Oktober 1928

Ferdinand Graf von Zeppelin, der Erschaffer der gleichnamigen Zeppeline stammt zwar nicht von dort, doch die Familie hat hier ihren Ursprung. Jedoch muß man dann schon ins 13. Jahrhundert zurück. Damit will ich meine einführenden Belanglosigkeiten auch schließen, und wir kommen zur ernsthafteren -


Predigt am Hl. Abend 

über Jesaja 9, 1-11

Die Gnade und der Frieden des Kindes in der Krippe seien mit Euch allen!

Liebe Gemeinde,

eine der messianischen Weissagungen, die wir vorhin gehört haben, soll im Zentrum dieser Predigt stehen. Jesaja hat uns das Wort überliefert, und seit der Geburt Christi wissen wir, dass sich in ihm eine Ahnung auf den Erlöser der Welt ausgesprochen hat: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

    1. Drei mögliche Deutungen treten hier bereits zueinander und lassen uns die Größe der Verheißung erahnen. Es wird das Volk, und mit ihm auch wir, als verirrte Gemeinschaft begriffen, die vom Untergang bedroht ist und keinen Ausweg mehr findet. Das aufgegangene Licht weist ihm aber nun einen neuen Weg. Es lässt wieder Hoffnung werden, wenn man dem Licht jetzt nur treu folgt. Wem fielen in diesem Zusammenhang nicht die Geschichten vom durch die Wüsten des Sinai irrenden Israel ein, und wem käme nicht der Stern von Bethlehem in den Sinn?

    2. Noch dramatischer wird die Verheißung in ihrem zweiten Teil: „Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das finstere Land, das Schattenland, bezeichnet nichts anderes als das tiefe Tal des Todes. Hier bei Jesaja keimt im Glauben erstmals eine Hoffnung darauf auf, dass unser Leben mit dem Tod nicht besiegt ist. Dem Tode wird seine Endgültigkeit abgesprochen, und er wird zu einem Warten auf das neue Licht, das die Kraft hat, sogar in das Totenreich zu scheinen. Darum ruft die Kirche ihren Toten nach: Herr, lasse sie ruhen im Frieden, und das ewige Licht leuchte ihnen.

3. Die dritte Deutung hängt allein an dem Worte „groß“. Es ist nicht irgendein Licht, es ist das große Licht, das da aufgeht über unserer Welt, und uns wird die Gnade zuteil, es zu sehen. Das Volk, das dem Tode verfallen ist, das doch nichts als den Tod zu erwarten hätte, dieses Volk sieht nun ein großes Licht. Das Volk sieht das aufgegangene Licht, es ist nicht selbst das Licht. Das Volk erhofft und erwartet die Erlösung, es vollbringt sie aber nicht aus eigener Kraft. Das Volk schaut und empfängt, ganz ohne selbst etwas geben zu können.

Kirche in Zepelin, hier gefunden

Liebe Gemeinde,

es gehört zum zauberhaften Charakter dieses Festes, dass es uns zu Beschenkten macht. Die Redner auf den Kanzeln haben es sich vielerorts zur Gewohnheit werden lassen, den Konsumrausch dieser Tage zu geißeln. In der Tat liegt eine Gefahr darin, sich selbst zu sehr in der Rolle des Schenkenden zu gefallen. Dort aber, wo Ihr alle in dieser Nacht zu Beschenkten werdet und Euch daran erinnern lasst, dass alles, was wir uns geben können, ein Abglanz dessen ist, was uns als Menschen an diesem Heiligen Abend geworden ist, da ergeht Euch ruhig in grenzenloser Freude. „Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.“ Es soll überschwänglich zugehen, als würde man Beute austeilen, denn so beschreibt es auch Jesaja.

Wir sind Wesen, die in dieser Nacht alles empfangen werden, was uns wirklich notwendig ist. Wir empfangen, was die Not abwendet. Aber wir wenden sie nicht selbst ab. Wir werden erlöst, aber wir erlösen uns nicht selbst. Wir werden gerettet, aber wir retten uns nicht selbst.

Das ist die Auseinandersetzung, die von Weihnachten, vom Geburtsfest Jesu, her zu allen Zeiten geführt wurde. Glaubt nicht den Vielen, die in allen Zeiten behauptet haben, nur sie könnten die Welt, und die Menschheit retten. In irgendeiner Form sind sie am Ende alle gescheitert, nachdem sie eine kleine Zeit ihre im Rückblick immer eher peinlichen ideologischen Diktaturen aufrechterhalten konnten. Ist Ihnen einmal aufgefallen, wie grotesk und geradezu lächerlich die Herrschaft der Weltenretter nach wenigen Jahren meistens gewirkt hat? Oft gilt das, beklemmender Weise, sogar dann, wenn sie durch unvorstellbare Schrecken überschattet ist.

Wie wird man aber in dieser Hinsicht auf unsere Zeit blicken?

„Ich bin davon überzeugt, dass das Wohlergehen der Menschheit heutzutage nicht vom Staat und der Welt der Politik abhängt; der wirkliche Kampf wird in der Welt des Denkens ausgefochten, wo mit großer Zähigkeit eine todbringende Attacke gegen den größten Schatz der Menschheit geführt wird, den Glauben an Gott und das Evangelium Christi.“

Diese Sätze eines der bedeutendsten englischen Staatsmänner des 19. Jahrhundert gelten ganz offensichtlich unvermindert fort.

Warum ist es so entscheidend für den Menschen, dass er an Gott glaubt?


Es ist darum so entscheidend, weil nur dieser Glaube dem Menschen sein Menschsein bewahrt. Gibt der Mensch den Glauben auf, dann muss er sich notwendiger Weise selbst zum Gott machen, um in der Welt bestehen zu können. Er bleibt dann nicht mehr ein Teil von Gottes guter Schöpfung, sondern stellt sich ihr selbstmächtig gegenüber und behauptet von seinem Handeln im Guten wie im Bösen hinge nun alles ab. Zunächst will er dann natürlich immer ausschließlich das reine Gute. Dieser Mensch muss an den Fortschritt glauben, um den Menschen zu versichern, dass sie das Universum verändern können und es schaffen werden, es nach Maßgabe ihrer Vorstellungen zu gestalten. Dieses wird ihm dann aber immer schnell, weil es nur noch seinen eigenen Maßstäben unterworfen ist, zum Grauen.

Wir haben es doch alle im eigenen Leben erfahren, es mit eigenen Augen gesehen. Menschen wollten selbst das Paradies aufrichten und bereiteten einander die Hölle, aus der sie sich dann wiederum selbst zu befreien suchen. Eine Vorstellung von der Selbsterlösung wird in immer rascherer Folge von der nur noch leicht variierten nächsten abgelöst. Das Ende ist immer Zerstörung.

Der ernste Glaube an Gott kann vor diesem Wahn bewahren. Der glaubende Mensch ist immer daran gehindert, in sich selbst die letzte Instanz und das verbindliche Maß zu sehen. Der glaubende Mensch weiß sich immer als ein Gebundener, der gerade darin vor Gott Freiheit findet.

Und warum glauben wir als Christen nun an den Mensch gewordenen Gott?

Diese Frage zielt auf das eigentliche und tiefste Geheimnis der Weihnacht. Es offenbart sich in diesem Geschehen ein Gott, dessen Name schon in frühester Zeit etwas angedeutet hat von seinem Wesen: „Ich bin, der ich sein werde“. So sprach Gott am Dornbusch schon zu Moses, dem großen Glaubenszeugen. Hier wird etwas von dem enthüllt, was das Sein selbst ausmacht. Das Sein ist nicht ein abgeschlossenes oder gar verschlossenes Faktum, sondern es ist ein suchendes Sein, das auch im „noch nicht sein“ besteht. Vielleicht ist hier aber auch bereits die unvorstellbare Tatsache angedeutet, dass Gott vor aller Zeit beschlossen hatte, dem Menschen, seinem Geschöpf, in der Weise zu begegnen, dass er selbst in seinem Sohn Mensch würde.  Er schenkt sich als Mensch dem Menschen. Wir dürfen ihm begegnen, und gerade darin wird uns die Rettung zuteil, die wir selbst eben nicht vollbringen können.

Das alles dürfen wir glauben, weil es den Vätern offenbart wurde und von der Kirche bewahrt worden ist. Dieser Glaube an den Mensch gewordenen Gott kann den glaubenden Menschen vom Grunde her verwandeln. Er ist nicht mehr darauf angewiesen atemlos einen scheinbaren Fortschritt herbeizuführen und zu propagieren, sondern er sichert sich den Fortbestand seiner Gemeinschaft mit Gott. Das Verhalten so verschiedener Menschen lässt sich nun vergleichen dem einen, der ein Guthaben hemmungslos ausbeutet, nur um sich selbst täglich neu zu beweisen, dass er lebt, und dem anderen, der eine Kostbarkeit wie ein Heiligtum bewahrt und sie weitergibt an die Generationen, die noch kommen werden. Die Gemeinschaft mit Gott ist der große Schatz, aus dem heraus wir leben.

So lasst euch denn verkünden: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er´s stärke und schütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.“

Nehmt das Kind in Euer Leben auf, denn dazu ist es in dieser Nacht zur Welt geboren.

Amen.

Der Friede dieses Kindes komme über Euch und bleibe bei Euch in dieser kommenden Nacht und alle Zeit.

Amen.

Thomas Roloff


Dienstag, 24. Dezember 2019

In dulci jubilo - Heiligabend


Thomanerchor Leipzig, hier gefunden

In dulci jubilo,
Nun singet und seid froh!
Unsers Herzens Wonne
Liegt in praesepio
Und leuchtet als die Sonne
Matris in gremio
|: Alpha es et O. :|

O Jesu parvule,
Nach Dir ist mir so weh.
Tröst‘ mir mein Gemüte,
O puer optime,
Durch alle Deine Güte,
O princeps gloriae.
|: Trahe me post te. :|

Ubi sunt gaudia?
Nirgend mehr denn da,
Da die Engel singen
Nova cantica,
Und da die Schellen klingen
In regis curia.
|: Eia, wär'n wir da! :

wohl von Heinrich Seuse (†1366)

Die obige Fassung ist die gesungene, die Übersetzung der lateinischen Teile:

In dulci jubilo - in süßem Jubel,
in praesepio - in der Krippe,
Matris in gremio - im Schoß der Mutter,
Alpha es et O - Anfang bist Du und Ende.

Parvule - klein, winzig.
O puer optime - o bestes Kind.
O princeps gloriae - o Fürst der Herrlichkeit.
Trahe me post te - Ziehe mich zu Dir.

Ubi sunt gaudia - wo sind die Freuden.
Nova cantica - neue Lieder,
In regis curia - in der Ratshalle des Königs.

El Greco, Anunciación,
zwischen 1596 - 1600, hier gefunden

Lumen inclitum refulget
Maximo orte sidere,
Quod per omnem splendet orbem
Noctis umbras aufugans.

Dux Iudææ, quem prophetæ
Iam diu prædixerant,
Nobis lætus, ecce, venit,
Bethlem nascens inclita.

Hunc regalis Virgo Mater
Partu gaudens edidit,
Gabriel quem nuntiavit
Salvatorem gentium.

Cum pastores excubantes
Cura morderet gravis,
Ad lætandum clarus ipsos
Est hortatus nuntius.

Concinebat angelorum
Turba læta laudibus,
Terræ pacem prædicantes
Cælo reddunt gloriam.

O mirandum et stupendum
Sacramentum gloriæ,
Cuncta quod supra tonantem
Virgo gestat parvula.

Factor cæli et factor orbis
Clausus alvo est feminæ,
Summus auctor angelorum
Fit præsepe conditus.

Qui polos metitur ungui,
Qui pugilo ambit solum,
Pannis paucis obvolutus
Vagit infans parvulus.

Os præclarum conditoris,
Quod formavit sæculum,
En admotum nunc libenter
Sugit matris ubera.

O Parens beata Christi,
David stirpis femina,
Tu, Regina, laus et orbis,
Lætare, alma Maria.

Voto adesto tu piorum,
Semper servans sæculum,
Patriarchis et prophetis
Tu corona gloriæ.

Nam te, Virgo nupta cælebs,
Sexus omnis appetit,
Tu parentes atque natos
Deprecando protege.

Gaude cælum cum supernis
Angelorum millibus,
Terræ et omnis plenitudo,
Pontus, astra, flumina!


El Greco, Anbetung der Hirten,
zwischen 1596 - 1600, hier gefunden




Aus der Höh ein Stern uns glänzet
In erhabenem Geleucht,
Der dem ganzen Erdkreis schimmert
Und die dunkle Nacht verscheucht.

Judas König, den Propheten
Uns verheißen, seht, er kam!
Bethlehem, uns zu erfreuen,
Er zu seiner Wohnung nahm.

Königliche Jungfraumutter
Ihn gebar mit Freudigkeit,
Den als Heiland aller Völker
Gabriel ihr prophezeit:

Als die Hirten auf dem Felde
Gramvoll ruhten in der Nacht,
Hat ein heller Himmelsherold
Ihnen froh es kundgemacht.

Jubelhymnen ließ erschallen
Die beglückte Engelschar:
Friede komm aus Himmelshallen
Allen Menschen immerdar.

O wie wunderbar und herrlich,
Wie geheimnisvoll es klingt,
Daß der Donnergott dem Schoße
Einer Jungfrau sich entringt.

Daß den Welt- und Himmelschöpfer
Trägt ein zarter Weibesschoß,
Und den höchsten Engelsbildner
Eine Krippe nackt und bloß.

Dessen Hand umspannt des Himmels
Weiten und den Erdenball,
Arm in Windeln liegt er weinend
Als ein Kindlein hier im Stall.

Der erhabne Mund des Schöpfers,
Der die Zeiten zählt und wiegt,
Liegt, die irdische Nahrung saugend,
An die Mutterbrust geschmiegt.

O beglückte Mutter Christi,
Jungfrau du aus Davids Stamm,
Freue dich, Maria, aller
Welten Königin lobesam.

Höre deine Gläubigen bitten,
Schütz die Erde allezeit,
Du Prophetenschmuck und aller
Patriarchen Herrlichkeit.

Jungfrau, ehelose Gattin,
Zu dir flehen Groß und Klein,
Daß den Eltern du und Kindern
Immer wollest gnädig sein.

Freue, Himmel, dich mit deinem
Tausendfachen Engelheer,
Freut euch, weite Erdgebiete,
Sterne, Ströme, Weltenmeer!

Deutsch von Richard Zoozmann (1863- 1934)

Johannes der Evangelist, Krönungsevangeliar (Aachen, kurz vor 800)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.

Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt kannte es nicht.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Evangelium des Johannes, Kap. 1, 1 – 5, 9 – 10, 14

Evangelist Matthäus, Krönungsevangeliar (Aachen, kurz vor 800)


Dresdner Kreuzchor, Quem pastores laudavere

Ludwig Richter; Die Kerze,
Vignette aus der "Stummen Liebe" von Musäus (1842)


Gesegnete Weihnachten!




Sonntag, 22. Dezember 2019

Adventsbilder, innen






Kleine, mir widerstrebende Anmerkung. Ich hätte es lieber so belassen. Die teils skurrilen Bilder oben von der gegenwärtigen Fensterdekoration sind auch ein Platzhalter für die Hoffnung, hier bald wieder mindestens einen langatmigen Beitrag bringen zu können, der auf altmodische Art zu unterhalten vermag. Wir werden sehen.

Da mir lange die Übersicht abhanden gekommen ist, sowohl darüber, was ich hier schon einmal geschrieben habe, als auch auch, wovon ich irrtümlich glaubte, ich hätte, habe ich eine kleine neue Linkliste kreiert namens „Über Bilder & Schönheit“, vor allem für mich selbst, eingestandenermaßen.

Sie sitzt eingeklemmt ziemlich weit unten rechts zwischen der Gotischen Bibliothek und einem korinthischen Kapitell (was irgendwie sogar Sinn ergibt) und enthält vor allem Beiträge zur Malerei (was ich in einem 1. Anlauf so aufzusammeln vermochte).

Noch einmal zu den Bildern. Da uns gerade eine Düsternis heimsucht, die selbst am Tage gelegentlich das Blitzlicht erfordert, wenn man überhaupt etwas erkennen will, ist es doch ein Trost zu wissen, daß ab heute die Nächte wieder kürzer werden und das Licht daher Tag für Tag ein wenig mehr zurückkehrt.


Sonntag, 15. Dezember 2019