Mittwoch, 27. Mai 2020

Zu Adolf Friedrich VI. &


Der nüchterne Teil


Aus schwer erfindlichen Gründen (es gibt keinen unmittelbaren Anlaß) meinte ich heute, dem Denkmal für Adolf Friedrich VI. einen Besuch abstatten zu müssen. Es dürfte zu den minder bekannten gehören; man unterstellt da, denke ich, nichts. Es steht gleich hinter der Brücke über den Kammerkanal, noch bevor sich die Straße in Richtung Prälank bzw. Userin teilt.


Folglich mußte ich am Restaurant "Quer Beet" in der Useriner Straße 9 vorbei (die ersten beiden Bilder) und die nächsten 4 sind schon am Kammerkanal aufgenommen. Wenn man will, kommt man zwar auch am Park-Haus vorbei, aber der Anblick mit dem vandalismus-gesicherten Erdgeschoß ist derzeit nicht unbedingt inspirierend.





Der Gedenkstein erinnert an den mutmaßlichen Freitod des letzten Großherzogs dort in der Nähe am 23. Februar 1918. Von Adolf Friedrich VI. , der, wie es so schön heißt, zu größten Hoffnungen Anlaß bot, sind uns 2 Dinge geblieben: Seine Grabsäule auf der Liebesinsel in Mirow und das Park-Haus (oder die Parkvilla) hier.

Und dann eben noch dieser Denkmalstein. Die Aufnahme ist bei nüchternstem Mittagslicht getätigt, so kann man die Tafel zwar recht genau lesen, aber das ist es dann auch. Zum Ende hin wird noch Stimmungsvolleres erscheinen, das ich im Oktober letzten Jahres aufnahm.

Aber wir wollen erst einmal nüchtern enden, obwohl ich gestehen muß, daß mich beim Ortseingangsschild eine gewisse Rührung überkam, vermutlich das Alter.


Der andere Teil


Adolf Friedrich VI. steht mit seinem Tod auch sinnbildlich für die Untergänge, die unser Volk und Land seit 1918 getroffen haben. Man geriete in den Wahnsinn, wollte man sich eine Alternativgeschichte vorstellen, wo er sich nicht erschossen, der erste Weltkrieg mit seinen entsetzlichen Folgen nicht stattgefunden hätte oder doch wenigstens in einer Weise geendigt worden wäre, der alle Beteiligten hätte ihr Gesicht wahren lassen, von dem sie doch wußten, daß sie es sämtlich verspielt hatten. In diesem Jahr lag der Anfang vieler Verhängnisse und Zerstörungen, Untergängen von Kultur und Geist, die den allermeisten gar nicht bewußt sind, die materiellen mitunter noch.

Der Schriftsteller Jochen Klepper hatte eine Vorstellung von den Verlusten und hat sie ergreifend beschrieben. Sein Leben endete ebenfalls tragisch. Am 11. Dezember 1942 ging er gemeinsam mit seiner jüdischen Frau und der jüngeren Tochter in den Freitod.

Das nachfolgende Gedicht ist das erste von 4 Königsgedichten, die er gegen den Wahn des 3. Reiches anschrieb. Sie verkörpern eine geradezu metaphysische Hoffnung auf Läuterung, Heilung und Erneuerung. Und als eine solche bleiben sie zeitlos.


Jochen Klepper

Herr, laß uns wieder einen König sehen, 
bevor die Welt die Könige vergißt. 
Denn sonst vermögen wir nicht zu verstehen, 
nach welchem Maß man deine Ordnung mißt.

Noch leben Königssöhne bei den Vätern
und wissen um Versäumnis und um Schuld
der Kronenträger. Wandle du zu Tätern
des Königswerks die Söhne in Geduld.

Noch gibt es Söhne, welche Kronen sahen
als Wirklichkeit und nicht als altes Bild.
Wann läßt du dir die Söhne wieder nahen?
Wann machst du sie zum Königtum gewillt?

Die Völker haben wider dich gemeutert.
Die Fürsten flohen deines Auftrags Last.
Nun aber hat sie langes Leid geläutert,
und dein Gesetz wird wiederum erfaßt.

Der neue König wird sich nur erheben,
wenn er als Büßer dir zu Füßen lag.
Er pocht nicht mehr auf Recht - nur auf Vergeben
und ohne Fahnen dämmert ihm sein Tag.

Herr, wenn die neuen Könige wieder kommen,
wird nirgends ein Geschrei noch Drängen sein.
Nur Glocken werden läuten, und die Frommen
führen den König mit Gebeten ein.


Freitag, 22. Mai 2020

Kirchenkampf in Bremen

St. Martini, Bremen, hier gefunden

Es gibt Themen, bei denen sträubt sich alles in mir, darüber zu schreiben, die Tötung ungeborenen Lebens, die Traumata von Folteropfern, die Sündhaftigkeit der Sodomie, neuerdings auch als Homosexualität bekannt, Dinge der Art. Also lasse ich es, nahezu immer. Aber manchmal muß man halt da durch.

St. Martini, Bremen, rechts die Türme des Bremer Doms

Die harten Worte des Pf. Latzel


Bremen - in vergangenen Zeiten gern als 15. Bezirk der DDR bezeichnet – hat eine Gemeinde namens St. Martini, die man üblicherweise evangelikal nennt, sie selbst würde wohl bibeltreu bevorzugen. Ihr Pfarrer, Olaf Latzel, bezeichnet Buddha schon mal als „dicken, fetten Herrn“ und Homo-Aktivisten als Verbrecher. Das ist nicht nett, die häufige Beleibtheit bei Buddhadarstellungen in China und Japan etwa ist wohl ein Zeichen für Wohlergehen und Harmonie, aber genügt dies auch zur Straftat?

Zunächst ein Lob. Es gibt noch Journalismus, der durch seine Art des Referierens einen seriösen Eindruck erzeugt. Ich referiere jetzt meinerseits besagten Artikel.

Am 19. Oktober 2019 habe Pf. Latzel ein Seminar zum Thema Ehe veranstaltet, das jetzt zur Strafanzeige gegen ihn führte. Es ginge um Aussagen zur Homosexualität, die Bremer Staatsanwaltschaft prüfe den Straftatbestand der Volksverhetzung oder Beleidigung.

Es folgt mein Tadel: Auch die schlimmsten Invektiven kann man in weniger als einer Stunde, 42 Minuten und 51 Sekunden vorbringen. Das hat etwas Obsessives. Ein Mann, der einen Monolog solcher Länge hält, hat sich nur bedingt unter Kontrolle.

Nur geht es, entgegen dem Anschein, nur am Rande gegen o.g. Veranlagung. Das mag zusätzlich verletzen.

Daß die Gender - Dystopie abgründig und zerstörerisch sei, haben schon andere gesagt, wenn auch mehr mit anderen Worten.

Homosexualität als eine „Degenerationsform von Gesellschaft“, die ihre Ursache in Gottlosigkeit habe. Die Wirklichkeit enthält, man mag das bedauern, oft mehr als eine Dimension.

Er sieht in gelebter Homosexualität einen Angriff auf Gottes Schöpfungsordnung, also Sünde. Und bei der Sünde kennt Pf. Latzel kein Pardon, beim Sünder schon. Er hat halt die Neigung zu einem gelegentlich arg „zelotischen“ Tonfall.

Und jetzt zitiere ich direkt aus dem o.g. Artikel: „Dann folgt der Satz, der die Staatsanwaltschaft mutmaßlich am meisten beschäftigen wird: ‚Überall laufen diese Verbrecher rum von diesem Christopher-Street-Day, feiern ihre Partys‘.“

Das ist es dann auch.

St. Martini, Bremen, Weserseite vom Martiniufer aus gesehen

Pf. Latzel hat auf die Vorwürfe mit einer Erklärung, inkl. Entschuldigung reagiert (der Beckmesser in mir will gerade einwenden, man bitte darum, aber ich habe ihn in die Ecke gestellt), die man hier in Gänze nachlesen kann.

Pf. Olaf Latzel berichtet also zu Misericordias Domini am 26. April a.c. zunächst von Übergriffen, Gottesdienststörungen und anderen Straftaten gegen die Gemeinde und seine Person.

Und stellt dann fest: „In meinem Vortrag, den ich während dieses Eheseminars gehalten habe, sprach ich an einer Stelle von Verbrechern. Dieses bezog sich nicht auf homosexuell lebende Menschen, sondern auf militante Aggressoren, die uns als Gemeinde in den letzten Jahren immer wieder angegriffen und gotteslästerlich diffamiert haben.“

„Wenn dadurch jedoch für einige Außenstehende der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich generell alle Homosexuellen für Verbrecher hielte, so will ich mich dafür entschuldigen und klarstellen, dass dieses selbstverständlich nicht meine Meinung ist.“

„Homosexuelle sind in St. Martini, wie jeder andere Mensch, willkommen. Allerdings wird in unserer Gemeinde klar zwischen dem eindeutigen ‚Ja‘ zum Sünder und dem ebenso eindeutigen ‚Nein‘ zur Sünde unterschieden.“ Anschließend stellt er eine Reihe von anderen Sünden vor, für die dies gelte.

Dazu kann man stehen, wie man will, aber jetzt die Reaktion der Bremischen Evangelischen Kirche.

Die BEK


Die Stellungnahmen der Bremischen Evangelischen Kirche, das vorweg, sind empörungsstark, zugleich aber überraschend einsilbig.

Am 24. April 2020 der Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Kirche: Er distanziere sich entschieden von den abwertenden Äußerungen des Pastor Olaf Latzel. „Der Kirchenausschuss verurteilt auf das Schärfste die Äußerungen, in denen Menschen herabgesetzt, beleidigt und in ihrer Würde verletzt werden. Als Kirchenleitung stehen wir klar an der Seite homosexuell lebender Menschen.  Mit seinen Äußerungen schadet Herr Latzel der Bremischen Evangelischen Kirche, der Gemeinschaft der einzelnen Gemeinden und allen gesamtkirchlichen Einrichtungen.“

Pf. Latzel, halten wir fest, schade der Gemeinschaft, sprich, der Einheit der BEK.

Am 27. April wird auf die juristischen Interventionsmöglichkeiten verwiesen: Ein beamtenähnliches Pfarrerdienstverhältnis auf Lebenszeit habe die Möglichkeiten der Versetzung oder eines Disziplinarverfahrens.

„Die Versetzung eines Pastors kommt nur auf Antrag der jeweiligen Gemeinde in Betracht, z.B. wenn das Verhältnis zwischen Pastor und Gemeinde nachhaltig gestört ist. Hiervon ist bei der St. Martini-Gemeinde nicht auszugehen.“

Ein Disziplinarverfahren sei nur bei Dienstvergehen, insbesondere Straftaten möglich. Bei laufenden strafrechtlichen Ermittlungen werde es in der Regel ausgesetzt und nach Abschluß des Strafverfahrens fortgesetzt. Ein Dienstgespräch mit Herrn Latzel wird angekündigt.

Am  7. Mai hat das Dienstgespräch am Vortage stattgefunden. Man empfiehlt, ein Disziplinarverfahren gegen Pastor Latzel zu eröffnen und erklärt:

„Die BEK ist an staatliches Recht gebunden. Die Feststellung einer etwaigen Strafbarkeit obliegt den Behörden. Davon ist auch der Verlauf eines Disziplinarverfahrens abhängig. Dessen ungeachtet kann die BEK, auch wenn sich nach Abschluss des Verfahrens keine Strafbarkeit ergeben sollte, einen Verweis erteilen. Das wird dann zu gegebener Zeit entschieden werden.“

Pf. Latzels Äußerungen schadeten ungeachtet der in der BEK-Verfassung verankerten Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit dem „Ansehen der ganzen Kirche“.

Am 14. Mai hat der Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK)  beschlossen, ein Disziplinarverfahren gegen Pastor Olaf Latzel einzuleiten. Er erklärt bei der Gelegenheit erneut seine Distanzierung „von den Diffamierungen gegen homosexuell lebende Menschen“ des Herrn Latzel. „Auch wenn sie nicht als strafbar eingestuft werden sollten, schadeten derartige Entgleisungen dem Ansehen der ganzen Kirche erheblich.“

St. Martini Bremen, Blick vom Chor auf Orgelprospekt (1619), Leuchter (1650), Kanzel (Ende 16.Jh.) und Taufbecken, hier gefunden

Stellungnahme des Vorstandes der St. Martini Kirchengemeinde 


Am 17. Mai entgegnet der Vorstand der Kirchengemeinde ausführlich. Man kann das dort nachlesen. Nachfolgend der Versuch einer Zusammenfassung.

Die Ablehnung gelebter Homosexualität werde im Alten wie im Neuen Testament mit einer Eindeutigkeit vorgetragen, die jede Diskussion darüber überflüssig erscheinen lasse. Die Bibeltexte dazu seien bekannt und müßten nicht noch einmal wiederholt werden.

Diese Radikalität komme von der Schöpfungsordnung Gottes her. Wer diese infrage stelle, der greife den Schöpfer, den dreieinigen Gott, selbst an. Auch in der Evangelischen Kirche Deutschlands habe darüber bis vor wenigen Jahren Konsens geherrscht.

„In der Orientierungshilfe ‚Mit Spannungen leben‘, die 1996 von der EKD veröffentlicht wurde, stellt die EKD in großer Klarheit fest, dass die Ehe heterosexuellen Paaren vorbehalten bleiben müsse und dass praktizierte Homosexualität gegen den Willen Gottes sei.“

Der Vorstand verweist auf Pf. Latzels Klarstellung vom 26.April. Er habe „sich für Schärfe und Missverständlichkeit seiner Ausführungen entschuldigt“.

Der Kirchenausschuß werfe Pf. Latzel vor, Menschen herabgesetzt, beleidigt und in ihrer Würde verletzt zu haben. Bezug genommen werde dabei auf Aussagen des Pastors, daß Gott Sünde verdamme und der unerlöste Sünder nach Gottes Urteil den ewigen Tod erleiden werde.

„Die Bibel lehrt uns aber genau dies: Der Mensch, zum Ebenbild Gottes geschaffen, hat sich gegen seinen Schöpfer erhoben, hat gegen Gott rebelliert, denn er wollte sein wie Gott. Die Bibel nennt dies den Sündenfall. Der Mensch hat dadurch seinen Anfang, seinen Ursprung in Gott verloren. Er lebt nun im Hass und in Feindschaft gegen diesen Ursprung, gegen Gott. Eine Versöhnung und Erlösung kann der Mensch selbst nicht bewirken. Er bleibt unter dem Gericht Gottes und damit verloren für Zeit und Ewigkeit. Die Predigt von der Verdammnis des unerlösten Sünders ist keine Verächtlichmachung von Menschen, sondern biblischer Realismus.“

St. Martini Bremen, Chor mit Glasfenstern (1960) der Bremer Malerin Elisabeth Steineke, hier gefunden

Nach dieser theologischen Zurückweisung erfolgt eine kirchenverfassungsrechtliche. Der Vorstand:

„Der Kirchenausschuss wirft dem Pastor vor, er hätte mit seinen Aussagen ‚… der Gemeinschaft der Gemeinden und allen kirchlichen Einrichtungen geschadet.‘ Der Kirchenausschuss suggeriert mit dieser Aussage, es gäbe in der BEK eine Verpflichtung zur Einheit unter den Gemeinden und mit den kirchlichen Einrichtungen. Die Verfassungswirklichkeit und die über Jahrhunderte gelebte kirchliche Praxis in der BEK stehen aber in komplettem Widerspruch zu dieser Auffassung.“

Die Bremische Evangelische Kirche sei nach Ihrer Verfassung lediglich ein Zusammenschluß selbstständiger Gemeinden unterschiedlichen Bekenntnisses. Die Selbstständigkeit und Selbstverwaltung der Gemeinden demnach umfassend und erstrecke sich grundsätzlich auf das ganze innere und äußere kirchliche Leben der Gemeinde. Die Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit der Gemeinden sei unbeschränkt, also der Aufsicht der kirchlichen Verwaltungsorgane in keiner Weise unterstellt.

Die Schaffung von kirchlicher Einheit sei weder Ziel noch Auftrag der Kirchenverfassung. Der Kirchenausschuß erhebe folglich eine Anklage, für die ihm jede Berechtigung fehle.

Überraschenderweise wendet sich der Ton des Vorstandes nun, man möchte fast sagen, ins Sarkastische. Die gelebte Praxis in den Gemeinden widerlege die Auffassung des Kirchenausschusses. Die BEK lebe in der Vielfalt ihrer Gemeinden mit unterschiedlicher theologischer Profilierung.

„Da gibt es Gemeinden innerhalb der BEK, die bereits vor Jahrzehnten das Glaubensbekenntnis aus dem Gottesdienst verbannt haben und auf ihr ‚undogmatisches Christentum‘ stolz sind. Andere veranstalten Theatervorführungen im Kirchenraum mit einem halben Dutzend nackter Frauen, die um und auf dem Altar herumtanzen, wo Intimszenen gezeigt werden und dies alles begleitet wird durch den Gesang eines Kinder(!)-Chores.  Und dann gibt es eben auch solche Gemeinden, für die nach wie vor die Bibel die einzig gültige Autorität für Lehre, Leben und Verkündigung ist.“

„Kirchliche Gemeinschaft unter dem Diktat einer gottlosen Genderideologie ist für St. Martini undenkbar. Kirchliche Einheit ist kein Wert an sich, es geht um Wahrheit, biblische Wahrheit. Wie kann der Kirchenausschuss bei dieser Verschiedenartigkeit der Gemeinden nun plötzlich eine Pflicht zur Gemeinschaft und damit zur kirchlichen Einheit untereinander und mit den kirchlichen Einrichtungen einfordern und eine Verletzung derselbigen durch unseren Pastor ausmachen?“

Der Kirchenausschuß begründe die Einleitung des Disziplinarverfahrens gegen Pastor Latzel mit Anschuldigungen, Pastor Latzel hätte mit seinen Aussagen „Menschen herabgesetzt, beleidigt und in ihrer Würde verletzt…“. Dadurch schade er der Gemeinschaft der einzelnen Gemeinden und allen gesamtkirchlichen Einrichtungen.

„Die hier vom Kirchenausschuss ins Feld geführten Vorwürfe gegen Pastor Latzel sind die üblichen und immer wieder verwendeten Stereotypen, um bibeltreue Standpunkte zu diskreditieren. In unserem Fall müssen sie erneut herhalten für den Versuch, die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Pastor Latzel zu rechtfertigen.

Weite Teile der verfassten Kirche in Deutschland haben sich vom Anspruch der Bibel als geoffenbartes Wort Gottes und damit als einzig gültige Autorität weit entfernt. Pastoren und Gemeinden, die sich in Leben, Lehre und Verkündigung an die Heilige Schrift als dem unfehlbaren Gotteswort gebunden fühlen, dürfen nicht mehr vorkommen, werden deshalb ausgegrenzt, verleumdet und angegriffen. Das haben wir über Jahre erfahren, wobei die Gewalt gegen Pastor Latzel und die St. Martini Gemeinde in den letzten Monaten eskaliert ist.“

St. Martini Bremen, Kanzel (Ende 16.Jh.) aus der Werkstatt des Bremer Holzschnitzers Hermen Wulff, Figur der Klugheit, 
hier gefunden

In der Tat sind mir keine Mahnwachen beim Christopher-Street-Day durch „bibeltreue Christen“ bekannt oder Anschläge christlicher Fanatiker auf einschlägige Lokale.

Aber bekanntlich wiegen Gedankenverbrechen inzwischen schwerer, ob nur als bloßer Haß oder mit dem Onkel Hetze zusammen, als Taten.

Doch wo wir sowieso gerade abschweifen. Das von der Gemeinde ins Feld geführte Positionspapier der EKD hat es tatsächlich in sich, zu meiner eigenen Überraschung. Es geht nämlich den ganzen Themenkomplex mit großer Ernsthaftigkeit an.

"Mit Spannungen leben" Orientierungshilfe der EKD 1996 


Keine Sorge, ich will das nicht auch noch ausbreiten. Aber 2 Punkte sind mindestens mitteilenswert (sie finden sich in - 2.3 Biblische Aussagen zur Homosexualität):

„Im biblischen Gesamtzeugnis ist Homosexualität ein Nebenthema. In der uns überlieferten Verkündigung Jesu spielt das Thema ‚Homosexualität‘ keine Rolle. Dadurch werden aber die deutlichen Aussagen nicht aufgehoben, denen zufolge homosexuelle Praxis zwischen Männern (Lev 18 und 20; Röm 1,27), zwischen Frauen (Röm 1,26) sowie zwischen Männern und Knaben (I Kor 6,9; I Tim 1,10) dem Willen Gottes widerspricht.“

Es gibt andererseits nirgends positive Aussagen dazu, der Befund ist also eindeutig. Wie gesagt, die Stellungnahme nimmt die biblischen Zeugnisse sehr ernsthaft auf, um dann zusammenzufassen:

„Vom Evangelium her wird neue Gottesgemeinschaft möglich und wirklich. Blickt man von hier aus auf die biblischen Aussagen zur Homosexualität zurück, so muß man konstatieren, daß nach diesen Aussagen homosexuelle Praxis dem Willen Gottes widerspricht.

Zugleich muß man feststellen, daß die Frage nach einer ethisch verantwortlichen Gestaltung einer homosexuellen Beziehung vom Liebesgebot her an keiner dieser Stellen thematisiert wird. Im Zentrum des Interesses steht allein die homosexuelle Praxis als solche, die – in Übereinstimmung mit den allgemeinen biblischen Aussagen zum Menschenbild und zur Sexualität - als dem ursprünglichen Schöpferwillen Gottes widersprechend qualifiziert wird.“

Und schließlich: „Damit ergibt sich eine deutliche Spannung; denn das zuletzt Gesagte hebt nicht auf, daß es keine biblischen Aussagen gibt, die Homosexualität in eine positive Beziehung zum Willen Gottes setzen - im Gegenteil. Die negativen Aussagen bedeuten aber im Lichte des Evangeliums, d.h. unter der Zusage der Gnade Gottes, keinen definitiven Ausschluß aus der Gottesgemeinschaft und beziehen sich im übrigen nur auf die homosexuelle Praxis als solche, nicht jedoch auf deren ethische Gestaltung.“

St. Martini Bremen, Kanzel (Ende 16.Jh.), Figuren der Hoffnung und der Tapferkeit, hier gefunden 

Abschluß & Ausblick


Diese Feststellungen mögen gefallen oder nicht, aber von der Bibel her gesehen gibt es diese Spannung einfach, nun gut, einfach ist daran nichts. Die EKD hat sich vor 24 Jahren hier aber durchaus ehrlich gemacht und die Spannung zwischen neuzeitlichem Weltempfinden und biblischem Zeugnis immerhin festgehalten.

Jetzt ist sie weiter, auf jeden Fall die Bremer Kirche. Ich weiß nicht, woran man in der BEK mehrheitlich glaubt, wahrscheinlich an irgendwas mit Diversity. Und mit der Verletzung der Einheit zu argumentieren, ist schon tollkühn, wo man sonst in der evangelischen Kirche doch so stolz auf ihre Vielfalt ist und daß alles und genausogut auch nichts in ihr unsanktioniert geglaubt werden darf.

Aber wenn jemand nach alter Väter Sitte darauf besteht, daß Wahrheit Wahrheit ist und das Gegenteil davon Irrtum oder Lüge. Und Sünde Sünde. Und das Gericht auch die treffen wird, die es bestenfalls für eine Art erzählerische Metapher halten. Ja dann die bricht die Hölle los, obwohl auch die doch nur eine Metapher sein kann.

St. Martini Bremen, Orgelprospekt von 1619

Wäre ich Zyniker, würde ich jetzt sagen, inzwischen sind die Grünen zum rechten Flügel der EKD geworden.

Aber wir brechen besser ab, allerdings, um vorher noch mitzuteilen, daß eine Petition zugunsten von Pastor Olaf Latzel (der ich mich selbstredend angeschlossen habe) derzeit 17.970 Unterstützer hat.

Und die letzten Worte der Stellungnahme von St. Martini sollen diesen Beitrag tatsächlich beschließen:

„Christus ist auferstanden. Ja, Christus ist wahrhaftig auferstanden. Er regiert, er sitzt im Regiment. Es sieht auf seine Gemeinde, und wir haben seine Zusage, dass er bei uns ist alle Tage, bis an der Welt Ende. Im Gehorsam gegenüber diesem wunderbaren Herrn und Heiland, der alles für unsere Errettung getan hat und für unsere Sünden ans Kreuz gegangen ist, werden wir als Kirchengemeinde den auf Bibel und Bekenntnis gegründeten Weg in Lehre und Leben mit unserem Pastor Olaf Latzel fortsetzen.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. (Hebr. 13,8)“

Amen

St. Martini Bremen,  Kreuzigungsgruppe aus Sandstein (um 1440)

Sonntag, 26. April 2020

Sonntags-Bilder (mit Kurz-Anmerkungen)





Am Eingang des Schloßgartens begrüßen uns die Ildefonso-Jünglinge, und immerhin der Knabe auf der Säule vor der Orangerie betet unerschüttert fort. Auch der Wolffsche Märchenbrunnen von 1844, ursprünglich im Park Sanssouci, ein Geschenk von Friedrich Wilhelm IV. an Großherzog Georg, erfreut wie eh und je.



Ein Anlaß, sich der barocken Götterallee teilweise zuzuwenden, war der in gnädiger Entfernung erkennbare Hintergrund auf den ersten beiden Bildern. Man hört, die Hypothekenbank habe endlich einen neuen, Hamburger Besitzer gefunden, der dort Wohnungen und Geschäftsräume einrichten will. Wenigsten verfällt es so nicht weiter, und vielleicht erfreut dann irgendwann wieder beides, die wiederhergestellte Fassade gemeinsam mit den beiden Damen davor.

Rechts eine Allegorie des Wassers; zur Linken Ceres, die Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit (durch die lädierte Sichel derzeit aber wohl in ihrer Tätigkeit eingeschränkt).


Der Bogen weist den Weg der Deutung – eine, wie ich finde, recht anmutige Statue der Göttin der Jagd Diana.


Auf der anderen Seite der Göttervater Jupiter mit einem eindrucksvollen Adler, er selbst wirkt etwas, wie sage ich es höflich. Großväterlich?


Und am Ende der kleinen Auswahl der Held Herkules, ebenfalls mit keiner üblen Staue, offenkundig das Haupt des erymanthischen Ebers unter der Rechten.





Über den Hebetempel gelangen wir zum Mausoleum der Königin. Wir brauchten einen schönen Ruhepunkt für das Folgende.


An der Schloßkirche und um sie herum wird derzeit deutlich saniert und wiederhergestellt. Und der Schwanenteichs hat jetzt also seine Konturen bekommen. Die weiteren Fortschritte kann man sich derzeit nur imaginieren. Wie von mir anderswo schon gesagt: Das Steilufer zum Weg hin wirkt recht kühn. Vielleicht hat man ja innerlich einen Superkleber verbaut.



Und aus diesem Winkel sieht man auch weniger von der sibirischen Dorfidylle des Besitzers des Marienpalais (etwa Hühner und -stall). Sondern hinter dem gegenüberliegenden Ufer taucht die Schloßkirche auf, und mit etwas Phantasie (die der HErr mir in seiner Güte hinreichend als Gabe gewährt hat) kann man sich sogar etwas ganz Wundervolles als Garten-Ganzes vorstellen. Irgendwann einmal.


Sonntag, 12. April 2020

Ostern







Der Herr ist auferstanden.

Er ist wahrhaftig auferstanden.

Halleluja.


Gesegnete Ostern!



Während ich diese Bilder machte, wurde auf einmal vom Turm Posaune geblasen und eine Handvoll Menschen hat zugehört. Das hat mich sehr gefreut. Und diese Predigt auch.

Samstag, 11. April 2020

Die Nacht der Gottesmutter nach von Stuck

Franz von Stuck, Pietà, 1891
Ausschnitt, hier gefunden

Todesbläue und wächsernes Fleisch, das ist es, was ein Kind dieser Welt auf jenem Gemälde eines vor mehr als 100 Jahren hochberühmten Malers, der heute allenfalls noch als dekoratives Kuriosum bekannt ist, sieht, und versteinerte Trostlosigkeit.

Doch Blau ist die Farbe Mariens. Und: Die Heiligkeit ist nicht erloschen, ein dünner gerade noch sichtbarer goldener Ring aus Licht um das Haupt der Gottesmutter. Diese schmale Grenze scheidet das Göttliche vom Menschlichen.

Der wie zu Stein gewordene Leichnam – zermartert, doch aufrecht und ungebrochen - leuchtet unwirklich auf der Grenze von Leben und Tod. Nur noch ein Grabmal, ein Ritter ruhend vom heiligen Kampf?

Sie verbirgt nicht ihr Antlitz. Auch dieser Schein trügt. Mit ihren ihr Haupt stützenden Händen hört sie nicht in sich, sondern in die Abgründe der Welt. Sie übernimmt diese Last, für ihn, der nicht mehr das Vermögen hat zu hören, sondern sich ganz in sich zurückgezogen hat.

Sie nimmt die Verlassenheit der Welt auf sich. Die Verzweiflungsleere ohne Gott. Das Zerfallen der Schöpfung, ihres Lebensgeistes entzogen. Die doch mit ihrem Ja letztlich das Geschehene in Gang gesetzt hat. Sie steht in statuarischer Trauer, aber hört weit darüber hinaus. Sie ist dem Unerwarteten gewachsen.

Das dunkle Mysterium der Spanne zwischen Karfreitag und Ostern. Maria geht ganz in der Dunkelheit auf, scheint es. Löst sie sich in ihr auf oder löst sie sie auf? In eine sehende Dunkelheit.

Da ist keine Berührung im Körperlichen mehr nötig, wie wir sie vielfach von Darstellungen der Pietà gewohnt sind. Sie sind lange beieinander. Und sie steht hier, um den Abgrund zu überbrücken, eine Wächterin.

Nicht, daß sie selbst etwas zu sein forderte, außer zu helfen in diesem gefährdeten Moment. Es ist ihr zweites Ja. Und ihren mütterlichen Schmerz nimmt sie in dies alles ganz mit hinein.

Die Legenden berichten, Maria wäre bei ihrem erflehten Tode ein Engel erschienen, mit einem Palmzweig, der war grün als ein junger Zweig und funkelte wie der Morgenstern. Der  Engel grüßte die Mutter seines Herrn mit großer Ehrfurcht. Sie aber bittet, daß ihre lieben Söhne und Brüder, die Apostel, in dieser Stunde allesamt um sie seien. Also wurden sie zu ihr entrückt und waren alle bei ihr in ihrem Hinübergang.

Franz von Stuck, Pietà, 1891,

Nachtrag

Obiges taucht ein in die Wahrheit des Bildes. Die Beschreibung der Evangelien ist eine andere. Danach ruhte unser Herr am Karsamstag in Grabtüchern in einer Felsenhöhle, vor die ein Stein gerollt lag, der am Ostersonntagmorgen auf wundersame Weise beiseite gekommen war. Dies mag verwirren. 

In die Abfolge der Evangelien paßt der obige Moment nur kurz vor die Grablegung. Nehmen wir daher das erstere einfachen als einen weiteren apokryphen Text, über die es bei Luther so schön heißt: "so der heiligen Schrift nicht gleich gehalten werden und doch nützlich und gut zu lesen". Oder vielleicht besser als ein geistiges Bild.

nachgetragen am 14. April

Freitag, 10. April 2020

Karfreitag nach Max Klinger

Max Klinger: Die Kreuzigung Christi
Leipzig, Museum der bildenden Künste, hier gefunden

Die nachfolgende Werkbeschreibung ist ein Abschnitt aus „Max Klinger“ von Paul Kühn (Leipzig 1907, S. 316 ff.).

Die Werkbeschreibung ist rein ästhetisch, man könnte sie auch areligiös nennen. „Klingers Christusidee“ sei der „Triumph des siegenden Gedankens des großen, schöpferischen Einzelmenschen“. Mag sein. Ihren Wert kann sie für denjenigen, dem das zu wenig ist, aber dennoch durch ihre Genauigkeit, in der sie das Gemälde sieht und beschreibt, entfalten. Nennen wir es eine Sehhilfe.

Um über die markierten Kürzungen Rechenschaft zu geben: Der Text ist gekürzt worden, wo der Autor Vergleiche innerhalb des Klingerschen Werks zieht, auf Kritiker eingeht, Einzelheiten wie die Charakterisierung vorbereitender Studien ausführlich darstellt, Fundorte und den Verbleib derselben angibt u.dgl. Weder wurde in den Stil eingegriffen, noch inhaltlich Wesentliches verkürzt, selbst wenn die Versuchung zum stärkeren Redigieren mitunter heftig war.

Der Stil ist auch in seinem Enthusiasmus der Darstellung und den emotional gefärbten Urteilen nicht untypisch für seine Zeit. Ein Jahrhundert später würde niemand so zu schreiben wagen, schon weil er Angst haben müßte, sich lächerlich zu machen. Und so wie die Zeitgenossen sich an der naturalistischen Nacktheit stießen, wird es heute anderes geben, das Anstoß erregt. Aber ob kunstkritische Texte nach der Mode der Gegenwart gehaltvoller oder gar lesbarer geworden wären als dieser hier, darf man bezweifeln.

Es wird auffallen, daß ich auf verschiedene zugängliche Abbildungsvorlagen zurückgegriffen habe. Ich kann nur empfehlen, sich einen guten Kunstdruck zu verschaffen oder besser gleich das Original anzusehen.

Max Klinger: Die Kreuzigung Christi

Die Kreuzigung

„1891 wurde das Bild in Rom vollendet, die Studien gehen zurück in die Jahre 1888 und 1889... Die Kreuzigung ist... ein Hauptwerk der neudeutschen Kunst; sie ‚birgt ein so hohes Stück Menschenwürde, bildet ein Stück Kunst, wie es so selten von Menschenhand geschaffen wurde‘ (Fritz Mackensen, Worpswede); darum mußte sie auch verlästert werden, am meisten von denen, die sich als Pächter des Idealismus fühlen. In diesem Gemälde ist ein solcher Reichtum an Einzelschönheiten, eine solche Fülle emsigsten Naturstudiums, daß man vor ihm beständig im Bann gehalten wird; es geht das ‚Klingersche Fluidum‘ von ihm aus, das ‚auf schwache Gemüter atemversetzend wirkt, stärkere aber mit eigentümlicher Gewalt angreift'.

Die Komposition, die Anordnung der Gestalten im Räume ist... statuarisch frei auf… einem flachen, mit Quadersteinen gepflasterten Plateau. Aus diesem künstlerischen Grunde sind der gekreuzigte Christus und die beiden Schächer nicht nach traditionellem Schema hoch am Kreuze aufgerichtet; an den aus roh zugehauenen Balken gefügten Kreuzen hängen die nackten Körper nur wenig über Manneshöhe, rittlings auf einem Sitzbrett sitzend und mit den Füßen auf angenagelten Hölzern stehend. Die Arme sind breitgestreckt, nur ein wenig nach oben gezogen...

Die Monumentalität des Gemäldes liegt in dieser klaren Anordnung großartiger Einzelgestalten, die sich durch die Tiefe der Charakteristik, die Stärke der Empfindung und die Größe der Form dem Gedächtnis einprägen. Diese statuarische Gruppierung gibt dem Künstler Gelegenheit, alles Können von der menschlichen Gestalt aufs äußerste zu steigern, in jeder einzelnen Gestalt die seelische Charakteristik zu isolieren und erschöpfend herauszuarbeiten, Individuen hinzustellen, alles Beiwerk auszuscheiden und die Aufmerksamkeit ganz auf den mimischen Ausdruck der Gestalten zu sammeln. Zugleich wurde das Problem der Klingerschen Malerei weitergeführt, die farbigen Gestalten von freiem Licht umgeben im farbigen Raume als plastisch und wirklich luftverdrängend erscheinen zu lassen...

Gewiß stehen die Figuren auch im Verhältnis zur Raumweite des Bildes in einer verhältnismäßig schmalen Raumschicht. Daraus zu folgern, daß die malerische Vertiefung in den Hintergrund für die Personen fast vollständig fehle, fordert zu der Bemerkung heraus, sich das Bild doch recht genau anzusehen. Ich kenne kein Gemälde, in dem die Figuren räumlicher erschienen als in den Gemälden Klingers…

Man sehe den einen Schächer ganz rechts vorn, dann Christus, dann die beiden nackten Knechte neben dem zweiten Schächer, und man muß sehen, wie jede Gestalt in einer besonderen Raumschicht steht. Eine ähnliche räumliche Perspektive ergibt die linke Seite von der römischen Kurtisane bis zum Hohenpriester. Jede Gestalt löst sich nach der Tiefe zu von den anderen ab... Daß er einer der größten Meister des Raumes ist, sehen wir an seinen Landschaften. Daß ihm auch nicht an einem dramatischen Ineinandergreifen der Gestalten gelegen sein konnte, lehrt uns gerade die Komposition dieses Bildes. Zunächst bietet es genug Überschneidungen und einheitliche Gruppen, namentlich die der linken Seite. Die beiden Hauptgestalten aber, die Träger des Ganzen, Christus und Maria, stehen vollkommen isoliert, in statuarischer Klarheit…

[In den ausgelassenen Passagen beschreibt Kühn Vorstudien, denen offensichtlich von manchen ein höherer Wert zugemessen wurde als dem fertigen Gemälde selbst, wogegen er sich energisch wendet.]

Klingers Farbenskizze 

Im ausgeführten Gemälde endlich sind die markanten Einzelgestalten aus der malerischen Einheit emporgewachsen; die Menschenmasse links verdichtet sich zu sieben Figuren, die lauter Individualitäten repräsentieren. Die Farbenskizze verwandelt sich in das monumentale Figurenbild. Was will die geschlossene malerische Masse gegen solche Naturnähe der Charakteristik sagen! Wo ist der Gefühlsausdruck vehementer, wo ist er reicher, konzentrierter und individualisierter! Wer könnte die Gestalten einer Maria, einer Magdalena, eines Christus, des Johannes und des Hohenpriesters je wieder vergessen, wenn er sie einmal gesehen hat, diese wunderbaren Charakterköpfe mannigfachster Art, diese hageren Profile, diese scharfen, prägnanten Formen, diese Menschen, die die Nächte in heiligen Schmerzen durchwacht haben. Ein Werk, in dem eine Großheit der Gefühle lebt, in der sich die Inbrunst des Mittelalters und die Formenkenntnis und -freudigkeit der Renaissance mit dem stärksten Geiste unserer Zeit verbinden.

Das Gemälde wird links durch die beiden griechisch-römischen Gestalten, rechts durch den unbußfertigen Schächer abgeschlossen und wie durch Pfeiler flankiert; diese Figuren bestimmen die vorderste Raumschicht des Bildes, sind also für die Tiefenwirkung von größter Bedeutung. In der ruhigen Schönheit griechischer Plastik steht die Griechin (oder römische Kurtisane), scheinbar unberührt von dem gewaltigen Schicksal, das sich hier abspielt, mit ihrem leicht ironischen Lächeln eine Art Salomenatur…

Max Klinger: Die Kreuzigung Christi
Ausschnitt, hier gefunden

Überaus wirksam ist auch der Gegensatz dieser Frauengestalt zur Maria und Magdalena, ein feiner Zug, den Klinger den alten Meistern abgelauscht hat; auch diese liebten es, die Gruppierung ihrer heiligen Gestalten durch Gegensätze zu erhöhen und damit der Komposition einen reicheren und großartigeren Charakter zu geben. Auch der römische Krieger daneben, ein athletischer Jüngling mit der Lanze, erinnert an italienische Renaissancefiguren... Die auf diese Repräsentanten des Heidentums folgende, in einer tieferen Raunischicht angeordnete Gruppe, die in sich am meisten geschlossene der Komposition, vereint die Repräsentanten des Judentums...; zunächst eine engere Gruppe von drei Männern, zwei jüdischen Schriftgelehrten und dem sitzenden Schreiber. Der verbissene, bartlose Pharisäer diktiert mit befehlender Geste; sein Gesicht ist Christus zugewandt; seine ganze Erscheinung ist eifernder Haß.

Ein jüdischer Greis mit langem Bart... neigt sich dem Schreiber zu, und wie zum Beweise seiner Argumentation fingert er in die linke Handfläche. Der schwarzhaarige Schreiber, der wohl die Schrifttafel für das Kreuz schreibt, schließt diese überaus lebendige, von drastischer Mimik erfüllte Gruppe ab…

Isoliert, psychisch zur Gruppe gehörend und sie nach innen abschließend, steht der Hohepriester, die ‚kirchenpolitische Behörde‘, hoch und hager, mit langem Graubart, in rotseidenem Kaftan und gelbem Gürtel, ein rotes Käppchen auf dem Scheitel, kalt, hart und ruhig die Hände über dem Rücken verschränkt, wie ein Kardinal der römischen Kirche; für ihn, der den unbeugsamen Kirchengedanken verkörpert, vollzieht sich hier nur die Wiederherstellung der verletzten Staatsidee. Hinter der ganzen Gruppe tauchen noch zwei Charakterköpfe auf, ein kahlköpfiger, mürrischer Römerkopf und der eines rothaarigen Juden.

Bis ins einzelne wohlerwogen ist die Farbigkeit dieser linken Gruppen, die von der Griechin bis zum Kardinal in den bunten Gewändern, der Verschiedenheit der Gesichtsfarbe, des Haares ein reiches, buntes Farbenspiel ergeben, in dem, wie in einem Orchesterwerk, jede Farbe in Ton und Helligkeit die anderen bestimmt und hebt. In diesen prachtvoll gestimmten Farben, zu denen sich die feine Empfindung für geschlossene, in den Einzelformen sorgfältig durchgebildete Gruppe gesellt,  erscheint uns mit dem bunten Spiel der Welt zugleich die Wucht und Macht der kompakten Majorität,die ‚Welt‘, die sich mit Grausamkeit, aber Größe des Prinzips gegen die revolutionierende Einzelmacht des Genies durchsetzt; im Gegensatz dazu links zwischen der Mittelgruppe und dem einen Schächer und ganz isoliert der gekreuzigte Christus, allein, mit der weit durchscheinenden Landschaft...

Max Klinger: Die Kreuzigung Christi
Ausschnitt, hier gefunden

Die zweite Gruppe des Bildes schließt sich im Zentrum zusammen, die Gruppe der Leidtragenden..., zunächst Magdalena, die Salome (der Evangelien), Johannes und hinter diesen drei, die durch ihre Gebärden eng verbunden sind, als Hintergrundsfolie der eine Schächer am Kreuz in breiter Frontstellung und die beiden nackten Knechte, die sich am Kreuz zu schaffen machen; sie schließen die Gruppe nach rechts ab. Für sich allein steht Maria, bewegungslos wie eine Statue, wie Christus in scharfer Profilstellung und mit diesem korrespondierend. Eine formal und seelisch tief durchdachte Komposition, in der die psychologischen Abstufungen der Teilnahme, von der lächelnden, gleichgültigen Ironie der Griechin bis zum tiefinnerlichen Schmerz, mit höchster Meisterschaft durchgebildet sind.

Die ernste Gestalt des Johannes, des Offenbarungsdichters, trägt wieder die Züge Beethovens; seine Blicke sind starr; er vermag nicht einmal sein Haupt hinzuwenden zu dem Herrn; hart ist sein Antlitz und ohne Trost, aber nicht kühl, sondern von innerem Trotz, in dem sein Schmerz keine Äußerung findet. Diese heroische Beherrschtheit der Empfindung ist noch keine ‚Kühlheit der Gebärde‘, wie man gesagt hat… (Sehr schön sagt Felix Zimmermann: ‚Johannes schaut in äußerlich starrer Ruhe vor sich hin, aber die ganze Welttiefe einer unendlich mitleidsfähigen Seele spielt auf diesem vibrierenden Antlitz‘.) Gemeinsam mit der Salome stützt Johannes die in ihrem Schmerz zusammenbrechende Magdalena.

In dieser Figur mit ihrer dramatischen Leidenschaft findet der psychische Schmerz, der die ganze Leidensszene erfüllt, äußerlich seinen mächtigsten Ausdruck. Die Gebärde des Schmerzes, der schräg vorgestreckten Arme und verschlungenen Hände bei zurücksinkendem Haupte, ist wieder eine echt Klingersche Erfindung... Wie kann man vor so ergreifender Schönheit beseelter Gebärde von ‚theatralischer Pose‘ reden! In dieser Magdalena ist eine wunderbare Sinnenschönheit, die als Macht wirkt; ‚in ihr schreit der Schmerz des Sinnenmenschen um den Tod der Schönheit‘. Die tiefe, leidenschaftlich-schöne, lebenerfüllte Liebe des Weibes bricht hier in wehen, händeringenden Schmerz aus... Wie weiß Klinger dieser Schönheit tiefe Seele zu geben! Er hat diese Figur auch mit einer augenscheinlichen Liebe vorbereitet. Der in Kreide gezeichnete Studienkopf…, ist einer der schönsten weiblichen Charakterköpfe, die aus Klingers Hand hervorgegangen sind...

Max Klinger: Die Kreuzigung Christi
Ausschnitt, hier gefunden

Und nun die beiden Hauptgestalten, Christus und Maria… Daß das Auge Christi mit den vertränten, im Schmerze fast erloschenen Augen der Mutter zusammentrifft, ist das seelische Hauptmotiv, das über der großartigen Gestaltenreihe schwebt. Wunderbar ist dieses unsichtbare Fluidum seelisch-innerlicher Beziehungen, dieser merkwürdig magnetische Blick. So tief und erschütternd wirkt, so entscheidend ist er wie Wagners große Pausen (im ‚Holländer‘ u. a.). Klinger ist darin Meister...

Ein Wort Lionardos sagt: ‚Wenn du den tiefsten Schmerz darstellen willst, dann male die Gestalt hoch aufgerichtet in tränenloser Erstarrung.‘* (* Carl Schuchardt, Max Klingers Kreuzigung in Hannover. (Hannover 1899.)) Damit ist Klingers Maria charakterisiert. Eine hagere, alte Frau, steht die Mutter Jesu... wie zu Stein erstarrt, in tiefem Gram, aber voll Seelengröße und ungebeugt und blickt stumm und tränenlos auf ihr Liebstes hin.

Ein besonders feiner Zug ist ihre völlige Isolierung von der Mittelgruppe. Klinger hat sie in schärfstem Profil gegeben; die magere, düstere Gestalt hebt sich in einfachen Umrissen dunkel von dem landschaftlichen Hintergrunde ab. Gerade in dieser Umrißlinie liegt eine Stärke individueller Charakteristik, die in der gesamten Kunst wohl kaum übertroffen wird; sie besonders ist es, die diese Maria zu einer der großartigsten Gestalten der Kunst macht. Maria hat ein schwarzes Umhängetuch über dem hellen Kleid ganz eng an sich gezogen. Den Kopf deckt eine schwarze Haube aus Stoff, darüber ist ein Spitzentuch gelegt, das vorn dachförmig tief über die Stirn herabfällt. Die Vertikale ist fast ausschließlich betont, wie bei der Magdalena das Völlige, das Sinnlich-Schwellende.

Die Rückenlinie der Maria, der lange hagere Hals, das fest angezogene schwarze Obergewand, die harten Vertikalfalten des hellen Kleides, die eng angelegten Arme und über die Brust gefalteten Hände lassen an die Körperanschauung der gotischen Plastik denken. Welcher erschütternde Schmerz spricht aus dieser Regungslosigkeit der Vertikalstellung! Die ganze Figur ist ‚versteinerte Tragik‘. Ein solcher Schmerz ist wortlos; hier entringt sich kein Klagelaut den harten, zusammengepreßten Lippen, hier rinnt keine Träne mehr aus den dunklen, wie erloschenen Augensternen; selbst die Gebärde ist stumm.

Man hat daran Anstoß genommen, daß Klinger diesen äußersten tränenlosen Schmerz durch ‚entzündete Lidränder, eingefallene Augäpfel, die die Lidspalte geradezu sich schließen lassen‘ angedeutet habe. Keineswegs kann ich finden, daß diese mit den feinsten Mitteln arbeitende Charakteristik mehr an den Verstand, an das Nachdenken, als an das unmittelbare Gefühl des Beschauers appelliere.

Auch Christus ist ganz im Profil gegeben; der rechte Arm des Gekreuzigten ist unsichtbar; man sieht nur den linken, der ein. wenig schräg nach oben aus dem Bilde herausführt, in divergierender Richtung zu dem Arme des Schächers. Um das blasse Antlitz fallen goldene Locken. In seiner archaischen Gebundenheit, dem schematisch geordneten Haar, dem gestutzten Bart, dem festen einfachen Profil erinnert dieser Christuskopf an die frühgriechischen Apollostatuen.

Aber die Züge sind erfüllt von einem ungeheueren Ernst; in den Augen liegt ein eigentümliches, hellsichtiges Staunen, ein Blick wie aus weiter Ferne, der, ganz erfüllt von einer großen Idee und einer Vision der Zukunft, das unmittelbar Gegenwärtige kaum zu sehen scheint. Und doch liegt neben diesem heimlichen Triumph des Genies noch etwas ganz anderes darin: ein tiefer Schmerz, ein wortloses Mitleid mit den Seinen, mit diesen Menschen vor ihm. Am längsten aber haftet er auf der Gestalt der Mutter, und in diesem Blick liegt eine göttlich erhabene Stille.

Neben dem tiefen, klaren Ernst, der ganz Geist ist, dieser Blick voll Wehmut, der ganz Seele ist; in der ganzen Gestalt aber der Triumph des siegenden Gedankens des großen, schöpferischen Einzelmenschen. Das ist Klingers Christusidee. Sie ist moderner, aber im Innersten verwandt mit der Dürers.

Albrecht Dürer (Schweißtuche der Veronika)
Veronika zwischen Petrus und Paulus, 1509, hier gefunden

Schweißtuche der Veronika (Ausschnitt)

Dürer ist es gewesen, der eine neue Christusidee gebracht hat, indem er das Leiden und die Ergebung mit Männlichkeit und Stärke durchsetzt und das Wesen Christi auf die stärksten menschlichen Charaktereigenschaften zurückführt. Sein männlicher, kämpfender Christus hat in dem Christushaupt auf dem Schweißtuche der Veronika seinen reifsten Ausdruck gefunden; er ist der gewiß schönste aller Christusköpfe; nie sind ergreifendere Augen dargestellt worden. Das Große war, daß Dürer diesem Kopfe eine neue Tiefe und Innerlichkeit bedeutenden Menschentums gab.

Bis auf den heutigen Tag hat dieser Typus seine Geltung nicht verloren, und auch Klinger hat ihn nicht überboten. In seinem Christus ist aber eine ähnliche Heldenhaftigkeit des Kämpfens und Leidens und eine so erhabene, kühle Gelassenheit, die ruhig die angetane Schmach hinnimmt, daß wir hierin die besondere Auffassung Klingers erkennen dürfen.

Die Kreuzigung ist ein Hohes Lied auf die menschliche Charaktergestalt und den menschlichen Körper. Mit der malerisch-plastischen Durchbildung des Körpers Christi, wie der Schächer und der beiden nackten Schergen hat Klinger einen neuen Maßstab der Körperdarstellung gegeben. Man kann wohl sagen, daß die Modellierung dieser Körper ihresgleichen sucht. Menschengestalten von so anatomischer Wahrheit und lebendiger Wiedergabe des organischen Gefüges, auch in den schwierigen Verkürzungen, hat die deutsche und wohl auch die italienische Kunst nur wenige hervorgebracht.

Schon aus diesem Grunde bedeutet die ‚Kreuzigung‘ einen Markstein in der Geschichte der deutschen Kunst. Mit welcher erstaunlichen Charakterisierungskunst sind diese nackten Körper... voneinander unterschieden, in Form und Farbe. Der Körper Christi ist feinnervig, die Formen sind ‚durchgeistigt‘, der Körper des rechten Schächers ist in seiner strotzenden Muskelkraft erfüllt von animalischen Energien, in denen man die Gewalt des Trotzes noch am Pfahle zu erkennen meint. Überaus sprechend ist die Bewegung, wie er im schrecklichsten Schmerz den Kopf zur Seite neigt und sich aufbäumt, indem er das Kreuz einzieht. An diesem seitlichen Rückenakt ist alles äußerste Muskelenergie. Wie ergreifend wirkt im Kontraste dazu die grausame Qual des langsamen Sterbens in dem müden Neigen des Hauptes.

Mit den beiden nackten Schergen, die sich am Kreuz des anderen Schächers zu schaffen machen, hat man nichts anzufangen gewußt, auch nicht mit ihrer etwas absonderlichen Haltung. Psychisch sind sie auch ohne Bedeutung; sie erfüllen nur eine formale Aufgabe, darum also eine nicht minder künstlerische. Die Renaissance wußte derartige künstlerische Erwägung zu würdigen, indem sie mit der Frische der Naivetät das Kunstwerk, das sie schaute, genoß. Wem sonst verdanken die sich tummelnden Aktfiguren auf dem Hintergrunde von Michelangelos Rundgemälde der heiligen Familie in den Uffizien ihre Existenz als der Künstlerfreude an der Schönheit des Nackten. Auch sie haben psychisch nichts zu sagen; ihre formale Existenz bedurfte keiner Erklärung.

Die Freude am Nackten, dem ‚Schönsten, was wir uns vorstellen können‘, hat auch Klinger in dieser gewaltigen Figurenkomposition geleitet. Wie ihm die Darstellung des menschlichen Körpers ‚Kern und Mittelpunkt aller Kunst, die alleinige Grundlage einer gesunden Stilbildung‘ ist, so ist sie ihm im besonderen das A und das O der Monumentalkunst. Daß er aus diesem Grunde Christus, die Schächer und die Schergen nackt dargestellt hat, können freilich die ‚Kirchlichen‘ nimmer begreifen, und die im Grunde doch recht komisch und trivial wirkenden Entrüstungen, wie ‚Profanierung‘, ‚abschreckend realistisch‘ u. a., werden verhallen, soweit sie nicht Cornelius Gurlitt in seiner ‚Geschichte der deutschen Kunst‘ festgenagelt hat. (S. 614—616...; solcher pharisäerhafte Dilettantismus richtet sich auch von selbst, indem er sich der Lächerlichkeit preisgibt.)

Als Kenner und leidenschaftlicher Bewunderer des menschlichen Körpers hat Klinger eine entschiedene Vorliebe für magere, sehnige Bildungen, die das komplizierte Formenspiel ganz deutlich machen. Die Anordnung der nackten Körper im Raume ist meisterhaft, besonders die Christi und des linken Schächers; jeder Körper gibt nicht nur eine andere Ansicht, er ist zugleich als künstlerisches Mittel der Raumgestaltung in glänzender Weise verwertet durch die klare Betonung verschiedener Richtungslinien. Die Formencharakteristik der nackten Körper unterstützt Klinger durch die feinen Unterschiede der Haut; die Aufeinanderfolge der Leibesfarbe des rechten Schächers, Christi, der beiden prächtig gebräunten Schergen und des linken Schächers beweist schon allein, wie er die harmonische Farbenabstimmung seiner großen Gemälde, das symphonische Ineinandergreifen der Töne abwägt. Die Art, wie sich alle Gestalten in ihrer Farbenzusammenstimmung von der in bläulichen Duft gehüllten Landschaft abheben, bietet dem Auge einen hohen reinen Genuß.

Max Klinger: Die Kreuzigung Christi

Hinter dem steinernen Plateau und der farbigen Gestaltenreihe dehnt sich in die Tiefe und die Weite die südliche Landschaft. Dieser Blick von Golgatha auf Jerusalem ist in Wahrheit der entzückende Blick, der sich dem Auge über Siena von der Höhe von San Domenico bietet. Ein Aquarell dieser Landschaft, die Naturstudie zur Kreuzigungslandschaft, schmückte lange Zeit das Vestibül von Klingers Haus...

Wie auf dem Parisurteil und der Pietá ist der Landschaft wiederum eine großartige Wirkung eingeräumt, die im Beschauer jenes wunderbare Ferngefühl weckt, das ihm zugleich den höchsten Begriff der Freiheit gibt, wobei aber die Monumentalität der Figuren noch eine Steigerung erfährt. Die Weite der Atmosphäre erdrückt nicht die menschliche Größe. Unmittelbar hinter dem Plateau senkt sich der Blick in ein tiefes Tal, das den stadt- und mauergekrönten Hügel in eine zarte Ferne rückt. Das ‚blaue Auge‘ eines kleinen Sees und weißes Torgemäuer, die tief unten zwischen schwarzen Zypressen aufleuchten, geben an, wie hoch vorn Golgatha und hinten das prachtvolle Jerusalem, die Königin unter den Städten, emporsteigen. Auch das sind Kunstmittel der Raumgestaltung.

Auf dem Hügelgelände türmt sich im zarten Fernduft die Stadt mit ihren hochragenden Türmen; über der Hauptbrücke, die sich über gähnendem Abgrund wölbt, erhebt sich ein gewaltiger viereckiger Torturm. Eine schwül-heitere Bläue liegt über diesem reichen südlichen Stadtbild wie die Ahnung eines Unheils. Am hellen, grünblauen Himmel, den der Abend schon rosig färben will, zieht ein Schwarm dunkelgrau-silberner Lämmerwölkchen; das ist wie wenn ein Wind anhebt leise dahinzufahren, eine erste Erregung der Natur. In diesem Feinsten der Stimmung ist Klinger unvergleichlich groß...“

nachgetragen am 14. April