Samstag, 12. Januar 2019

Kaiser Maximilian in der Martinswand

Moritz v. Schwind: Kaiser Maximilian I. in der Martinswand
etwa 1860, hier gefunden

Kaiser Maximilian liebte unter allen Jägereien die Gemsjagd am meisten und überstand dabei so viele Todesgefahren, daß daraus ein sonst unerhörtes Beispiel zu nehmen ist, wie das himmlische Engelgeleit einen frommen Fürsten zu schützen vermöge. In seiner Jugend kletterte Max einsmals den Gemsen auf der Martinswand also nach, daß er weder fürder noch zurücksteigen konnte. Wo er sich nur hinwendete, hatte der kühne Herr den Tod vor Augen.

Sah er über sich, so drohten ihm die überhängenden Felsen, sah er unter sich, so erschreckte ihn eine grausame Tiefe von mehr als hundert Klaftern, sah er um sich, so war er mit Felsen umgeben, die viel zu hart waren, um sich seiner erbarmen zu können. Mit einem Seil ihm zu Hilfe zu kommen, verbot die Höhe des Ortes, einen Weg hinauf hätten alle Steinbrecher nicht in einem Monate zu Stande gebracht. Der Herr sah zwar seine Hofdiener in der Tiefe stehen und gehen, allein sie konnten ihm nicht helfen. Zwei ganze Tage und Nächte hoffte er vergebens auf Rettung.

Endlich erkannte er, daß hier oben keine Hilfe vor dem Tode sei, und sehnte sich nach der hl. Wegzehrung. Demnach rief er, so stark er konnte, man solle einen Priester mit dem heiligen Sakramente kommen lassen, damit er es wenigstens sehen könne. Indessen hatte sich die betrübte Zeitung von diesem Unfall weit verbreitet und überall wurde um die Rettung des allgeliebten Herrn gefleht.

Das Gebet blieb nicht ohne Frucht, denn am dritten Tage hörte der fromme Herr ein Geräusch in seiner Nähe, und als er nach selbiger Seite sich wendete, sah er einen Jüngling in Bauernkleidern daherkriechen und einen Weg im Felsen machen. Dieser bot ihm die Hand und sagte: "Seid getrost, gnädiger Herr! - Gott lebt noch, der euch retten kann und will. Folgt mir nur und fürchtet euch nicht!" Also trat Maximilian seinem Führer nach und kam in kurzem auf einen Steig, der ihn wieder zu den Seinen brachte.

Mit welchen Freuden er von ihnen empfangen worden ist, läßt sich leicht erachten.

Im Gedränge der Leute verlor sich alsogleich der Führer, den man nirgends mehr finden konnte und deshalb für einen Engel und Hilfsboten Gottes halten mußte. Den hohen Herrn labte man erstlich mit Speise und Trank, dann hob man ihn, noch ganz matt und blaß, auf ein Pferd und brachte ihn also wieder nach Innsbruck. Daselbst wurde er gar fröhlich bewillkommt und ein großes Dankesfest wurde angestellt. Kaiser Max ließ aber später den besagten Ort an der Martinswand in die Vierung aushauen und zum Gedächtnis der göttlichen Hilfe ein vierzig Schuh hohes Cruzifix darin aufstellen, welches annoch steht.

Aus: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 977, Seite 558

Bernhard Strigel, Kaiser Maximilian I. 
um 1500, hier gefunden

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Diese Geschichte zeigt uns zweierlei von Kaiser Maximilian: Daß er von männlich wagemutiger und ebenso frommer Natur war. Dazu darf man ihn unter die namhaften Herrscher unseres Heiligen Römischen Reiches zählen. Er starb am 12. Januar 1519, also vor 500 Jahren.

Wenn davon in diesen schlimmen Zeiten kaum etwas zu vernehmen ist (und in den seltenen entgegengesetzten Fällen wäre auch das meist besser unterblieben), soll uns das Anlaß sein, stärker auf die Heilung des Gedächtnisses unseres Vaterlandes zu hoffen.

Sub conditione Jacobaea wollen wir in den nächsten Tagen noch weiteres von ihm erzählen.

nachgetragen am 14. Januar

Sonntag, 6. Januar 2019

Über Epiphanias

Ravenna, Baptisterium der Orthodoxen, Taufe Jesu durch Johannes

In Epiphanias durchdringen sich die göttliche und die menschliche Sphäre. Das Göttliche nimmt Anteil am Menschlichen, das Menschliche gewinnt Anteil am Göttlichen. Zu deutsch ist Epiphanias das Fest der Erscheinung. Es ist das Erscheinen des Herrn. In der Erscheinung Jesu berühren sich das Göttliche und Menschliche. Es ereignet sich die Gestalt-Werdung eines Geheimnisses.

Zu den ältesten Festen der Christenheit gehörend, hat es sich in den Zeiten und Weltgegenden vielgestaltig ausgeformt, ohne doch sein Wesen zu verändern. Um gleich eingangs Benedikt XVI. zu zitieren (aus seiner Ansprache zum 6. Januar 2009):

„Die lateinische Tradition identifiziert es mit dem Besuch der Sterndeuter beim Jesuskind in Betlehem, und sie interpretiert es demzufolge vor allem als Offenbarung des Messias Israels vor den Heidenvölkern. Die orientalische Tradition hingegen gibt dem Augenblick der Taufe Jesu am Fluß Jordan den Vorrang, als er sich als der eingeborene Sohn des himmlischen Vaters offenbarte, der vom Heiligen Geist gesalbt ist. Das Evangelium des Johannes jedoch lädt dazu ein, auch die Hochzeit von Kana als ‚Epiphanie‘ zu betrachten, bei der Jesus durch die Verwandlung des Wassers in Wein ‚seine Herrlichkeit [offenbarte] und seine Jünger an ihn [glaubten]‘ (Joh 2,11).“

Könige des Ostens, Santa Maria de Mosoll (urspr.)

Im Ursprung war es wohl das Fest der Geburt Jesu. Als die Westkirche begann, dieses am 25. Dezember zu begehen, gerieten die weisen Magier aus dem Osten, später als legendenhafte „Heilige Drei Könige“, in den Blick, und damit verbinden wir dieses Datum mittlerweile noch heute. Der Evangelist Matthäus beschreibt die Ereignisse um die Weisen aus dem Morgenland wie folgt (Kap. 2, 1 -12):

Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen:

Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.
Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem.
Und ließ versammeln alle Hohenpriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden.

Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem im jüdischen Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten:
"Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda's; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei."
Da berief Herodes die Weisen heimlich und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und wies sie gen Bethlehem und sprach: Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, daß ich auch komme und es anbete.

Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis daß er kam und stand oben über, da das Kindlein war.
Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie sich nicht sollten wieder zu Herodes lenken; und sie zogen durch einen anderen Weg wieder in ihr Land.

El Greco: Die Anbetung der Könige

Es lohnt sich, ein wenig der Frage nachzugehen, welcher Art diese „Magier“ (so werden sie wörtlich im Text genannt) gewesen sein mögen, die den „König der Juden“ suchten und kamen, um ihn anzubeten.

Es gibt die moderne Neigung, hier „nur“ Legenden zu sehen, insbesondere bei dem Typus des neuzeitlichen Menschen, der gern glauben mag, die ganze Bibel sei eine einzige Verschwörung erdachter Geschichten, um ihn zu täuschen. Das ist zwar ein wenig arg narzißtisch gedacht, die antiken Autoren dürften einen solchen Typus mindestens ebenso stark für unglaubhaft gehalten haben, hätte man ihnen diesen prophezeit. Aber wie unplausibel ist die Geschichte?

Die Babylonier kannten die Juden (spätestens seit der sog. „Babylonischen Gefangenschaft“), die gebildeten unter ihnen auch deren prophetische Überlieferungen. Wenn ich mich recht erinnere, glich Babylon selbst zu dieser Zeit eher einem zerfallenden Lehmziegelhaufen. Kaiser Trajan soll jedenfalls wenig mehr als 100 Jahre später dort nur noch Ruinen vorgefunden haben. Die astronomisch-astrologische Überlieferung war aber noch lebendig.

Was tut man, wenn man vermutlich vergangener Größe nachtrauert, nach Zeichen der Hoffnung sucht und zumal das künftige Geschehen aus den göttlichen Sternen zu lesen gewohnt ist. Man kann dann durchaus sogar das Heil bei den fernen Juden suchen. (Übrigens war gerade zur Zeit der Geburt Jesu die Luft geradezu erfüllt von Erwartungen, ich erinnere nur an die 4. Ekloge des römischen Dichters Vergil)

Es ist also eher plausibel, daß Matthäus diese Überlieferung vorgefunden hat und sie nun deuten will, genauer, muß. Was uns nämlich heute aus Gewohnheit so idyllisch erscheint – die Magier mit ihren Gaben, die enthusiastischen Hirten (mit denen Lukas zu kämpfen hat) – sind nicht die idealsten Zeugen für unsere Geschichte.

Hirten etwa waren für die Zeitgenossen unterste Unterschicht mit eher schlechtem Ruf. Und es wird einen frommen Juden auch hart angekommen sein, babylonische „Zauberer“ als Zeugen der Weihnachtsgeschichte nennen zu müssen, aber er hat es, seinem Willen zum Gehorsam folgend, getan. Es hätte nur noch gefehlt, daß mietbare Frauen zu allem getanzt hätten, gut, die kamen später.

Und wie unwahrscheinlich ist es, daß der Apostel eine besonders verläßliche Gewährsfrau für das alles hatte, nämlich die allerseligste Gottesmutter selbst? „(Sie) fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter...“


Doch zu den Magiern noch einmal: Der Hl. Vater hat im 3. Band seines Werkes „Jesus von Nazareth“ über die Geburtsgeschichten einige Bemerkungen gemacht, die sehr erhellend in unserem Zusammenhang sind und die ich daher noch einmal (vorher hier) anbringen möchte:

„Die Ambivalenz des Begriffs Magier, auf die wir hier stoßen, zeigt die Ambivalenz des Religiösen als solchen auf. Es kann Weg zu wahrer Erkenntnis, Weg zu Jesus Christus hin werden. Wo es sich aber angesichts seiner Gegenwart nicht für ihn öffnet, sich gegen den einen Gott und den einen Erlöser stellt, wird es dämonisch und zerstörerisch.“

Die Magier „stehen für die innere Dynamik der Selbstüberschreitung der Religionen, die eine Suche nach Wahrheit, Suche nach dem wahren Gott und so zugleich Philosophie im ursprünglichen Sinn des Wortes ist. So heilt die Weisheit auch die Botschaft der 'Wissenschaft'“. Im Verstehen-Wollen des Ganzen erfährt die Vernunft ihre höchsten Möglichkeiten.

Wir folgen weiter den Worten Benedikt XVI. (diesmal aus seiner Ansprache zum 6. Januar 2012), in denen er das Geschehen einmal beschreibt und es sogleich mitdeutet, wie könnte es auch anders sein:

„Die Sachkundigen sagen uns, daß sie in der großen astronomischen Tradition standen, die sich im Zwei-Strom-Land über die Jahrhunderte hin gebildet hatte und dort noch immer blühte. Aber diese Auskunft allein genügt nicht. Es gab wohl viele Sternkundige im alten Babylon, aber nur diese wenigen sind aufgebrochen und dem Stern nachgegangen, den sie als Stern der Verheißung, als Wegweiser zum wahren König und Retter erkannten. Es waren, so dürfen wir sagen, Männer der Wissenschaft, aber solche, die nicht nur vielerlei wissen wollten: Sie wollten mehr. Sie wollten verstehen, worum es im Menschsein geht.“

Er mutmaßt dann, daß sie die Prophezeiung Bileams gekannt haben könnten (Num 24,17): „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen.“

„Sie gingen der Verheißung nach. Sie waren Menschen des unruhigen Herzens, die sich nicht mit dem Vordergründigen und Gewöhnlichen begnügten. Sie waren Menschen auf der Suche nach der Verheißung, auf der Suche nach Gott. Und sie waren wache Menschen, die die Zeichen Gottes, seine leise und eindringliche Sprache wahrzunehmen vermochten. Aber sie waren auch mutige und zugleich demütige Menschen: Wir können uns vorstellen, daß sie manchen Spott ertragen mußten, weil sie sich auf den Weg zum König der Juden machten und dafür viel Mühsal auf sich nahmen.“

„Ihnen ging es um die Wahrheit selbst, nicht um die Meinung der Menschen. Dafür nahmen sie die Verzichte und Mühen eines langen und ungewissen Weges auf sich. Ihr demütiger Mut war es, der ihnen schenkte, sich beugen zu können vor dem Kind armer Leute und in ihm den verheißenen König zu erkennen, den zu suchen und den zu kennen das Ziel ihres äußeren und inneren Weges gewesen war.“

„Die Weisen sind dem Stern gefolgt. Durch die Sprache der Schöpfung haben sie den Gott der Geschichte gefunden. Freilich – die Sprache der Schöpfung allein genügt nicht. Erst das Wort Gottes, das in der Heiligen Schrift uns begegnet, vermochte ihnen endgültig den Weg zu zeigen. Schöpfung und Schrift, Vernunft und Glaube gehören zusammen, um uns bis zum lebendigen Gott hinzuführen. Es ist viel diskutiert worden, was das für ein Stern gewesen ist, der die Weisen führte.“ Doch welcher Art dieser Stern gewesen sein mag: „Diesen Streit mögen die Gelehrten weiterführen.“

Die Weisen aus dem Morgenland seien „allmählich selbst zu Sternbildern Gottes geworden, die uns den Weg zeigen. In all diesen Menschen hat gleichsam die Berührung mit Gottes Wort eine Explosion des Lichtes ausgelöst, durch die der Glanz Gottes in diese unsere Welt hineinleuchtet und uns den Weg zeigt. Die Heiligen sind Sterne Gottes, von denen wir uns führen lassen zu dem hin, nach dem unser Wesen fragt.“

Das Licht vom Gold der Gaben, in das schon das Evangelium dieses Ereignis taucht, ist also keine spätere mythische Verklärung, sondern all das suchende, angefochtene und zwiespältige Menschentum wird hier hineingehoben in den Glanz der Transzendenz, so daß zu Recht ein goldenes Licht auf allem liegt.

Kein Wunder, daß die dem König Huldigten, in den Augen der Späteren selbst zu Königen wurden. So wie jeder Anbetende des Kindes in der Krippe Teil haben darf am Königtum Christi.


nachgetragen in der Nacht nach dem 1. Sonntag nach Epiphanias

Dienstag, 1. Januar 2019

Unterhaltsames zum Neuen Jahr

Das mag seltsam klingen, aber, offen gestanden, vergesse ich in der Regel, daß das hier außer mir jemand liest. Und selbst, wenn einer es direkt einräumt, erschrecke ich eher, es fügt sich einfach nicht zum Bild zusammen (mit wenigen Ausnahmen bei bestimmten Themen). Aber eben dachte ich daran, deshalb erst einmal:

Ein Gesegnetes Neues Jahr! 

Möge es in allen Wechselfällen stets einen glücklichen Ausgang nehmen.

Pierre Bouillon: L'Enfant et la Fortune
1800 / 1831, hier gefunden

Wie faßt Herr Klonovsky wieder das Übel der gegenwärtigen abendländischen Welt so trefflich zusammen – Wahngesteuerte, Weibmänner und perverse Anwälte. Wie auch immer. Aber keine Sorge. So gallig - eloquent wie er kann ich gar nicht über das Elend des Zeitalters urteilen, also lasse ich es lieber ganz.

Ferner widerstrebt es mir zum Glück, meine Gemütsverfassung öffentlich auszubreiten. Nicht, daß ich an der gegenwärtig etwas auszusetzen hätte. Aber wenn man von einem ausgehen kann, dann von der Wechselhaftigkeit des menschlichen Gemüts. Und die illustrieren wir doch lieber mit fremden Beispielen.

Eigentlich will ich nur 4 Sachen loswerden (damit der Stapel offener Bücher kleiner wird), von denen ich jedes Mal dachte: ‚Das paßt zu Neujahr, das ist unterhaltsam‘. Und wenn ich eines noch versichern darf, die erste Situation ist derart zeitlos. Ich habe sie, glücklicherweise nicht so drastisch, ähnlich vor langer Zeit einmal erlebt.

Es gibt gute Gründe, Heines Sarkasmus nicht immer zu mögen, aber unterhaltsam ist er in der Regel. Die Dame unten himmelt allerdings nicht den Sonnenuntergang an. Es ist Miranda aus Shakespeares „Sturm“, die sich für einen Schiffsbruch interessiert.

Einen solchen im übertragenen Sinne erlebt nachfolgende Gesellschaft. Und zum 4. Stück, dem Barockgedicht von Johann Gottlieb Meister (er starb 1699 in Leipzig), wäre nur anzumerken: Auch die Postmoderne ist offenkundig ein ziemlich alter mottiger Hut, was für eine Überraschung!

Lovis Corinth: Alfred Kerr, 1907

Alfred Kerr

Die Schiffsgesellschaft 

I

Eine deutsche Schiffsgesellschaft mit Geheimräten und Regierungsräten und Bürgern aus Hamburg und Dresden kam einst (ich hatte das vormittägliche Glück dabeizusein) in ein afrikanisch-andalusisches Wirtshaus. Für kurze Zeit hatte das Schiff angelegt. Man wollte Tänze sehn.
Harmlose Frage des Wirts: „Sollen die Mädchen tanzen wie gewöhnlich?“
Harmloser Bescheid: “Ja, wie gewöhnlich.“ Etwas Furchtbares ereignete sich. Alle zehn tanzten und hatten bloß schwarze Strümpfe an.

II

Die Rätinnen saßen gelähmt. (Schlange. Basilisk.) Rührten kein Glied vor Starrheit. Die Ritter schauten mutig drein und in den Schoß der Schönen. Nachher, o Gipfel, stieg eine Spanierin vom Tritt und ging mit dem Teller sammeln. Die Spannung löste sich. Zwei Damen stürzten davon. Doch ein uralter Herr mit weißem Affenbart und rotem Gesicht, ähnlich wie Sokrates oder Darwin, im Bayrisch-Fränkischen zu Haus, gab der Sammlerin lächelnd auf den Popo einen Klapps, daß es schallte.

III

Des nächsten Tages ging ein Regierungsrat unter der Schiffsgesellschaft herum und bat in angemessener Haltung, das „peinliche Thema“ im Gespräch „selbstverständlich“ nicht zu berühren…
Das Ganze bleibt einer von jenen Zwischenfällen, an die man sich noch im Sarg erinnert. Die frische Märzenmeersonne des Südens lag über allem. Der Tag lachte.

Hier paßt ein Einwand von:

Georg Christoph Lichtenberg

Luther sagt bekanntlich:

Wer nicht liebt Wein und Weiber und Gesang,
Der bleibt ein Narr sein Leben lang.

Doch muß man hierbei nicht vergessen hinzuzusetzen:

Doch ist, daß er ein Freund von Weibern, Sang und Krug ist,
Noch kein Beweis, daß er deswegen klug ist.

W. Voigt, 1873

Allerdings ist auch dieses Lutherzitat eines der wohl erfundenen. Es findet sich bei ihm schlicht nicht, vermutlich hat es dem Reformator Johann Heinrich Voß untergeschoben, was diesem jedenfalls die Hamburger Hauptpastoren recht übel nahmen. Geistliche können sehr humorfrei sein.

Heinrich Heine

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

John William Waterhouse Miranda - The Tempest, 1916

Johann Gottlieb Meister

Ego cogito ergo sum

Ich dencke / drum bin ich / ließ uns des Cartes lesen /
Mops merckte dieses an / und dachte vielerley:
Daß er gelehrt / beliebt / groß / reich und schöne sey:
Denn hätt’ ers nicht gedacht / so wär ers nicht gewesen.

Edward Burne-Jones: The Wheel of Fortune
zwischen 1875 und 1883, hier gefunden

nachgetragen am 2. Januar

Montag, 31. Dezember 2018

Rilke, an einem Silvester-Abend

Rainer Maria Rilke, 1904
im Studio al Ponte im Garten der Villa Strohl-Fern in Rom 

Wo die Zeit, die einstmals so fest gegründet schien, zu verschwimmen beginnt, und ich eben aus dem Zeitendämmer auftauche (nur zur Erinnerung, es ist gerade Silvester, wieder einmal!). Rainer Maria Rilke starb an einem 29. Dezember, nämlich 1926. Mir ist das eben zufällig bewußt geworden, wo ich einen Text, mit dem ich mehr als unzufrieden war, noch einmal las. Er ist also in die Zeitlosigkeit eingetreten.

Wenn ihn 1918 nicht entsetzt hätte, wäre er ein Trumm gewesen. Der sehr überlebensfördernde Herr Klonovsky schreibt öfters, seinerseits Frank-Lothar Kroll zitierend: „Seit 1918 ist doch eh alles egal.“ Ja, das ist wahr, aber sollten wir in dieser Einsicht nur versinken wollen?

Das Erinnern der Ereignisse von vor 100 Jahren ist so niederschmetternd, daß einen natürlicherweise ein Widerwille ankommt, überhaupt etwas darüber zu schreiben… Ich sortiere nur eben das ablaufende Jahr.

Das Zitat von Herrn Rilke, das nachfolgt, ist kein verifiziertes, ich hatte es einem Freund - er wird diese Be-Zeichnung ertragen müssen, wie ich auch - einmal einfach hinübergeschickt. Also sei es so:

 "Den Antrieb begreif ich wohl, wer hätte ihn nicht, wer wünschte nicht das Gut-machen, das Anders-machen, den unmittelbarsten und gemeinsamsten Entschluß zur Menschlichkeit? Nun ist er ja aber nicht  gefaßt worden, weder in Rußland noch anderswo, und er konnte ja wohl auch nicht gefaßt werden, weil kein Gott dahinter steht, der ihn hervortriebe. Was sich mit dem Vorwand dieser neuen Brüderlichkeit ausstattet,  ist eigentlich immer noch der Krieg, das zerstörerische, losgelassene und noch lang nicht beruhigte Element." Diese sinnleere Verzweiflung schreie den Slogan der Brüderlichkeit heraus und widerspreche ihm in jedem Moment, denn es sei das Nachwirken des Krieges, die Rache für mißbrauchte und verheerende Macht, die in bloßen Umsturz münde, "als ob ein aus den Schienen springender Zug ein Bild der Freiheit wäre".

Es sei so verständlich, daß die Menschen ungeduldig geworden seien, aber was wäre nötiger als Geduld; Wunden brauchten Zeit und würden nicht davon heilen, daß man Fahnen in sie einpflanzte: "Irgendwie anders muß die Welt 'ein haltbares Bewußtsein' eingehen, und vielleicht wird das Erste, woran sie sich wiederfindet; ein ganz Unscheinbares, jedenfalls ein Unsägliches sein! Mir scheint das Mindeste Aufbauen, das jeder Einzelne an seiner Stelle versucht, der einfach wieder hobelnde Tischler, der wieder hämmernde Schmied, der wieder rechnende und bedenkende Kaufmann: das sind die Fortschreitenden, das sind die reinen Revolutionäre, je mehr, je stiller und tätiger und werkliebender sie sind, jeder an seinem Platze, sich bemühen."  

Rilke an Anni Mewes, 12. 9. 1919, gegen Heinrich Vogeler

Freitag, 28. Dezember 2018

"Taft zum Kragen", eine Geschichte aus Livland nacherzählt III

Hauptgebäude der Universität Tartu zur Weihnachtszeit

Unsere kleine Geschichte, oder sollten wir sagen, unser Weihnachtsmärchen, geht dem Höhepunkt und der Auflösung entgegen. Womit nicht angedeutet werden sollte, daß Märchen etwa unwahr wären, sie zeigen auf, was alles möglich ist.

Um kurz zusammenzufassen, was bisher geschehen ist. Hier begannen wir zu erfahren, wie eine Geschichte im alten Dorpat sich ereignete, in der es äußerlich um den Kauf von Taft für ein Weihnachtskleid ging, genauer dessen Kragen. Die junge Frau eines Pastors muß dann im Fortgang erfahren, wie dieser wegen solcher „weltlichen“ Allüren über sie zu Gericht sitzt. Und wir fahren fort.

Louis Höflinger: Universität Dorpat 1860

3. Akt, erster Teil – ein tränenreicher Kirchgang und das Auftauchen von Herrn Freud während des Gottesdienstes

„Die junge Pastorin hätte sich während des ganzen Weges zur Kirche mit einem feuchten Schwamm übers Gesicht wischen müssen, und auch das hätte kaum etwas geholfen. Auch der eng anliegende Schleier half nichts. Die Tränen quollen unaufhaltsam aus den Augen, sie konnte nichts daran ändern.

'Hör doch auf, die Sache ist das doch gar nicht wert!' flüsterte ihr Mann, als ihnen auf dem Domberg der Professor der Chirurgie mit seinen sechs vorlauten Töchtern entgegenkam.

Ja, daß der Taft diese Tränenströme und diese Erschütterung nicht wer war, wußte die junge Frau auch, und sie hatte bereits auf ihn verzichtet. Etwas völlig anderes preßte die Tränen aus ihrem Herzen. Nur langsam dämmerte es in ihr auf, was das war. Ein Götterbild war in ihr zusammengestürzt. Nicht das Bild Gottes! Das stand unantastbar in ihrer Seele, über jeden Zweifel und über jede Frage des dummen Verstandes erhaben, wie immer in den Seelen der von Natur aus Gläubigen.

Daneben hatte sie sich aber ein zweites Götterbild aufgerichtet, und das rächte sich nun. Der schöne, dunkle Gott war an diesem Vormittag plötzlich in Scherben zerfallen. Es hatte sich gezeigt, daß er doch schließlich nichts anderes war als ein Mensch wie alle anderen. Ja, ein sehr von sich überzeugter, - fast muß man schon sagen, ein eitler Mensch, durch dessen Schale von Liebe und Christlichkeit plötzlich geschliffene Härte und Eigenliebe durchblitzten.

So sah das Götterbild aus, dem man sich mit Haut und Haar anvertraut hatte - und man durfte trotzdem nicht ablassen, es unvermindert weiterzulieben…“

[Das Götterbild weiterlieben müssen? Hm. Davon abgesehen: Man könnte dies auch als Bestreben der jungen Frau verstehen, ein als defizitär empfundenes Ich durch etwas Größeres vollständiger zu machen, darin stecken immerhin Einsicht, Demut und der Wille zur Ganzheit. Auf etwas Greifbares zu blicken, liegt dann nahe. Warum sollte das wohlvertraut Alltägliche auch trügerisch sein. Daß hier auch eine Gefahr ist und gerade das Vertraute trügerisch sein kann, dieses gehört zu den Dingen, die ein jeder lernen muß, auch wenn es ihn vermutlich nicht glücklicher macht.

Und wo wir schon mit unseren Anmerkungen dazwischengehen: Man weiß nicht immer recht, spricht hier die junge Frau oder die Erzählerinnenstimme nimmt schon mal die Einsichten vorweg, die gerade am wachsen sind, das ist schade; und auch die Plötzlichkeit ist etwas unglaubhaft. Daher meine Eingangsbemerkung vom Märchenhaften. Die Autorin will uns wohl zeigen, wie guter Wille und Offenheit und echter Sinn für Religion die Täuschung entlarven, das ist zwar schön gedacht, aber nicht immer kongenial dargestellt, doch wir machen weiter]

Auch dem jungen Pastor war nicht ganz wohl. "Er hatte das undeutliche Gefühl, als sei ihm heute morgen etwas daneben gelungen, und er wußte bloß noch nicht was. Jedenfalls hatte er... seine Frau nicht näher zum großen Gott herangeführt…

Was nun eingestanden werden mußte, trat so schwer über die Schwelle des Bewußtseins, daß es bis zum Eintritt in die Sakristei noch nicht in präzise Gedanken gefaßt werden konnte.“ Aber des Amtes mußte gewaltet werden, und die Ablenkungen hatte zu schweigen.

„Die junge Pastorin saß auf ihrem Stammplatz hinter dem Professorengestühl“, ihr Profil „allen Blicken preisgegeben. Eine „von den guten alten Kanzelschwalben“: „‘Sie sehen schlecht aus, Kindchen, fehlt ihnen etwas?‘“ Eine der vorlauten Pastorentöchter flüstert, ‚Ehekrach, was denn sonst?‘ Schon mehr unter dem anonymen Kirchenvolk sitzt Herr Ploetz und denkt ‚oj, oj‘ als er die junge Frau sieht und vor seinem geistigen Auge erscheint das dunkelblaue Stück Taft, „das er gestern sorgsam beiseite gelegt hatte, falls die junge Frau Pastorin es sich doch noch ‚ieberlejen‘ sollte.“

St. Johanniskirche, Tartu / Dorpat

Der Gottesdienst ist zu aller Zufriedenheit, auch die Predigt. Das Grauen, das der Pastor vorgefühlt hatte, „lief seinen Hörern tatsächlich über den Rücken und sie hörten die Flammen der Hölle unter der Oberfläche brausen.  Die Landrätinnen überlegten sogar, ob sie nicht an der Seide für die Ballkleider ihrer Töchter einige Ellen einsparen könnten.

Nur der Pastor selber fühlte nicht das Glück einer wohlgelungenen Schöpfung. Wenn er mit seiner klingenden Stimme rief: ‚Tut Buße!‘ - dann fühlte er sich in einer gespenstischen Weise selber angerufen. Und wie war es mit der Stimme eines Predigers in der Wüste? Was ging ihn denn die Wüstenei dort unten im Kirchenschiff eigentlich an, solange sein eigenes Herz, das an den Ereignissen des Morgens noch herumknackte, selber einer Wüste so verdammt ähnlich sah?

Ja, ihr Otterngezücht, wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?… Hatte Johannes dieses Wort nicht direkt auf ihn gemünzt, der er seiner eigenen Frau das Himmelreich mit seinen weisen Worten vielleicht eher versperrt als aufgeriegelt hatte? Sie hatte seine Worte ja gar nicht nötig, sie war ja reinen Herzens, sie schaute Gott ohnehin!“

[Sicher, die Autorin wußte das, aber auch hier schon der Pastor? Doch ja, es kommt seine innere Epiphanie]

Die Axt an der Wurzel und die Worfschaufel „bekamen plötzlich ihren echten, tief beängstigenden Sinn. Und schließlich war es der Pfarrer selber, der vielleicht als einziger die Feuer der Tiefe wirklich brausen hörte.

Als er aus dieser sonderbaren Predigt auftauchte“, suchte wie immer nach dem Gesicht seiner Frau, um „Zustimmung oder Ablehnung herauszulesen“. Doch er sah nur „die Zipfel eines winzigen spitzenumrandeten Taschentuchs.  Dem jungen Pastor wären nun fast selber die Tränen gekommen, wenn er nicht eine zornmütige Natur gewesen wäre.“ So flucht er lieber in sich hinein: “‘Oh dieser verdammte Taft zum Kragen!‘“

Louis Höflinger: Die St. Johanniskirche 1860, Tartu / Dorpat

Er verliest die Fürbitten. Und da geschieht es: „‘Herr gib uns Taft zum Kragen...‘ Stille - - ‚Ja, Kraft zum Tragen, gib uns, Herr...‘“ 

[So bricht mitten ins Ritual der Herr Freud mit dem nach ihm benannten Versprecher und das Unbewußte sich seine Bahn.]

„Wie der junge Pastor nach diesem Gebet die Stufen zur Sakristei hinuntergekommen war und wie er nachher das Vaterunser und den Segen gesprochen hatte, das wußte er später nicht. Er wußte nur, daß seine Ohren brausten und sein Kopf glühte.

Er, der seiner Frau die unschuldige Kinderbitte um den Taft untersagt hatte, er, der mit großen Worten um sich geworfen und sie zu den Schwachen und Törichten gezählt, - er hatte selber öffentlich und vor der ganzen Gemeinde um Taft zum Kragen gebetet...“

Es war ein lapsus lingua, tröstet ihn der alte Propst in der Sakristei, aber der junge Pastor sieht „das belustigte Zwinkern in seinen Augen. Dieses Zwinkern würde heute nun an allen sonntäglichen Mittagstischen zu finden sein, in den Konventsquartieren der Studenten, in der Ressource und Bürgermusse, im Getuschel der vorlauten Backfische und in den Kaffeekränzchen der guten Kanzelschwalben. Er kannte doch seine Landsleute! Wie sollte er je wieder diese Kanzel besteigen?

Seine Frau saß unterdessen völlig erstarrt auf ihrem mit Wachstuch bezogenen Kirchenstuhl! Selbst ihre Tränen waren erfroren und das Spitzentüchlein war kraftlos in ihren Schoß geflattert.  Ihr kleines, rosiges Gesichtchen war gar nicht mehr rosig, sondern blaß.“ Sie spürte die unruhige, das Schmunzeln verdeckende Bewegung die durch die Kirchenbänke lief „und plötzlich schlug eine Welle rötesten Blutes in ihre Stirn hinauf.

„‘Wie furchtbar‘, stammelte ihr Herz, ‚Eberhard... wie wird sein Selbstbewußtsein das ertragen? Daß Gott jetzt über ihn lächelt, wird ihm ja nicht so schlimm sein - aber die Menschen.‘“

Auch Herr Ploetz lächelte nicht. Als die Worte des seltsamen Gebets in seine Ohren fielen, stöhnte er diesmal ganz laut „Oj oj oj“ und schaute auf den Boden zu seinen Füßen. „Die Zusammenhänge waren ihm ganz klar. Und er selbst spielte in dieser kleinen Tragödie keine unbedingt vorteilhafte Rolle. Wie war es zum Beispiel mit dem ‚pillicher ablassen‘? Vielleicht hätte die junge Frau Pastorinchen dann heute nicht mit so verheulten Kalbchenaugen vor all den vielen Menschen dasitzen müssen, und der Herr Pastor hätte nicht beim lieben Gottchen um Taft zum Kragen gebetet. Und das Otterngezücht... und das höllische Feuer, das tichtig prennen würde...“ Er „sah das erstarrte rosa Gesichtchen, das nicht mehr rosa war. Danach schaute er nicht mehr auf“.

Dorpat / Tartu, Domkirche

3. Akt, letzter Teil – die Auflösung und ein Deus ex machina in Gestalt eines Stoffhändlers

Der Heimweg verlief schweigsam. „‘Haben es wohl alle ganz deutlich gehört?‘“ „‘Ja alle‘“, flüsterte sie. „Der Sonntagsbraten mit der Schmantsauce schmeckte auch nicht, und die Köchin trug ihn verstört wieder in die Küche zurück.“ Kein Wörtchen fiel.

„Dann klingelte es ganz leise an der Haustür.“ Die junge Pastorin, froh dem Schweigen zu entrinnen, ging selbst. „Vor der Tür stand niemand, nur frische winterliche Luft. Aber auf der Fußmatte lag etwas.“ Kein Findelkind. Es „fühlte sich weich und angenehm an, und auf dem soliden Papier stand in schnörkeliger Schrift: ‚Für Frau Pastorinchen!‘ 

‚Ach‘, hauchte die junge Frau und schlich sich leise ins schweigsame Speisezimmer zurück. Vor seinem Teller mit ‚rosa Manna‘ saß ihr Mann und hatte die Stirn in beide Hände gestützt.

‚Sieh‘, sagte sie und entnahm dem soliden Packpapier den kühlen, knisternden Taft zum Kragen; er war säuberlich auf sein Brettchen gewickelt. ‚Sieh, nun hat der liebe Gott dein Gebet doch erfüllt...‘

Der junge Pastor hob den Kopf. Er sagte nicht, wie er es am Morgen dieses Tages wahrscheinlich noch getan hätte: ‚Bring das sofort zurück, ich will es nicht sehen!‘ Nein, er stand auf, nahm seine Frau in die Arme, preßte sie fest an seine breite Brust, durch die der Atem hörbar strömte, und murmelte: „Verzeih mir, Elsbeth!‘

Womit wir zum Anfang zurückkehren, wo die Behauptung steht, daß Gott selbst unbedeutende Fehlleistungen der Seele gebrauchen kann, um Seinen Kindern aus Seinem Überfluß zu schenken, - nicht nur das Gute, sondern auch das Schöne.“

Solch ehrbar frommen Worten mögen wir nichts mehr hinzufügen. Und so fällt der Vorhang über unserer liebenswürdigen Advents-Märchen-Geschichte, aus Taft natürlich.

Seiden - Antependium von Giovanna Garzonica, ca. 1640-50 

nachgetragen am 31. Dezember

Donnerstag, 27. Dezember 2018

"Taft zum Kragen" - eine Geschichte aus Livland nacherzählt II

Dorpat, 1860

Wohl jeder kennt das Gefühl, das einen üblicherweise etwa bei Krippenspielen befällt: Alles, was gesagt wird, ist gut und schön und vor allem wahr, aber die Darsteller! So in etwa verhält es sich mit dem Fortgang der Geschichte, in die wir hier eingeführt haben. Wir stellen unsere mäandernden Anmerkungen deshalb gleich an den Anfang.

Ich fürchte, unsere Autorin hat alle ihre wohlbegründeten Ansichten in diesem Kapitel sozusagen auf eine Litfaßsäule geklebt und zusätzlich dick unterstrichen, was der Geschichte weniger gut tat. Oder anders ausgedrückt, sie hat sie alle hineingequetscht, mit demselben Effekt. Wir wollen ihrem Beispiel folgen.

Zunächst gilt mein Einwand mehr dem 2. Teil des 2. Akts, wie ich die Geschichte für mich eingeteilt habe. Der 1. Teil kontrastiert sehr ansprechend den unschuldigen Wunsch der jungen Frau, etwas Schönheit in ihr kleines Leben zu holen, mit dem als Weltverachtung getarnten herrschsüchtigen Wesen des jungen Pastors. Die Autorin beschreibt damit einen Typus, der leider sehr real ist.

Solange es protestantische Geistliche geben wird, dürfte dieser Habitus der ostentativen Moralität bestehen bleiben. Und was heute Regenwald, Klimawandel und Diversität sein müssen, dafür hatte in jener Zeit eine eher lederne bürgerliche Sittlichkeit herzuhalten. Wäre ich Katholik, würde ich womöglich einwenden, daß die Protestanten damit ihren Mangel an Glauben zu überhöhen suchen. Da ich selbst einer davon bin, muß ich mir diesen Schuh dann aber wohl auch anziehen. Also verwerfe ich diesen Gedanken lieber.

Was einen an dieser Moralität immer mißtrauisch stimmen sollte, ist zum einen, daß sie sich zuförderst gegen andere richtet, zum anderen fehlen ihr Wirklichkeitssinn, Empathie und der Wille fürsorgender Hilfe. Und vor allem fehlt die Demut des Glaubens. Daß das unsere Autorin so klar gesehen hat, ist der eigentliche Grund, diese Geschichte weiter vorzustellen. Also fahren wir doch einfach fort.

St. Johanniskirche, Dorpat, Fassadendetail

2. Akt, erster Teil – Glaubenseifer bei Suppenfleisch mit Meerettichsauce

Beim Mittagessen war sie dann so schweigsam, daß es sogar ihrem Mann auffiel, der in Gedanken schon bei seiner Predigt war, die er sich stets für den Sonnabendnachmittag vorbehielt.  

„Es war nämlich ein herrlicher Text…! Ein Text so recht nach seinem Herzen, bei dem man der im Kirchenschiff schweigenden Gemeinde einmal tüchtig die Wahrheit sagen konnte, Wahrheit mit Horn und Schwanz!

Wie hieß es da? ‚Tut Buße!‘ Und dann hatte Johannes in der Wüste ein Kleid von Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel, und nichts von all dem Firlefanz, der heute zur Mode gehörte: Schleppen und hohe Absätze, Spitzenrüschchen und Siegelringe und seidene Krägelchen… Außerdem ist die Axt den Bäumen schon an die Wurzel gelegt, und einer hat die Worfschaufel schon in der Hand und wird seine Tenne fegen…

Ja, es war ein herrlicher Text. Das Grauen konnte einem über den Rücken laufen, und trotz der winterlichen Kälte hörte man die Flammen der Hölle unter der Oberfläche brausen.

Mit einem Lächeln, in dem sich schon die schöpferische Stunde ankündigte, blickte der Pastor auf. Und da sah er seine kleine Frau sich gegenübersitzen, ganz jung, ganz rosig, mit gesenktem Blick und dem unschuldigen Rund ihrer Wangen. Sie stocherte im Suppenfleisch, das mit Meerettichsauce und Kartoffeln, wie jeden Sonnabend, ihren Teller füllte. Immerhin waren es keine Heuschrecken mit Honig wie im herrlichen Text, und - Hand aufs Herz - darüber war der junge Pastor eigentlich ganz froh.

Er sah dieses junge Kind an, das er auf seinen steilen und kompromißlosen Schicksalsweg einfach mitgerissen hatte, weil... er es nicht zurücklassen, weil er es einfach keinem anderen überlassen konnte. Und wie immer, wenn er Elsbeth ansah, füllte sich sein Herz mit einer ganz unvorschriftsmäßigen Wärme.“ So war es immer schon gewesen. Und „jetzt saß dieses Kind seit einem halben Jahr an seinem Mittagstisch und war seine Frau“.

Brunnen mit der Statue „Küssende Studenten“

Ob ihr etwas fehle, sie fährt leicht zusammen, nein. Ob ihr das Suppenfleisch wieder einmal nicht schmecke, dabei habe Johannes in der Wüste immer Heuschrecken mit Honig gegessen.

„‘Die müssen ganz komisch zwischen den Zähnen geknirscht haben‘, flüsterte seine kleine Frau. Aber das hörte er schon nicht mehr.“ Er war bereits wieder die Stimme des Predigers in der Wüste.

Sie schwieg wieder, sie merkte, es fiel ihm nicht mehr auf. "Sie konnte ruhig über den blauen Taft, die drei Rubel und die 'Zukunft' nachdenken. Er war bei seiner Predigt. Er war groß und fern. Das Feuer des Geistes nahm von ihm Besitz. Sein schön geschwungener Mund lächelte, aber er lächelte nicht für sie. Sie kannte das." 

Es hatte keinen Zweck, ihn jetzt mit ihren kleinlichen Sorgen zu behelligen, aber am Sonntagmorgen, da hatte es bestimmt mehr Zweck.

2. Akt, zweiter Teil – ein verdrießliches Kaffeestündchen

Dorpat, Rathaus
Ivo Kruusamägi (Wikipedia), hier gefunden

„In Dorpat begannen alle Gottesdienste erst um elf Uhr“, ob um der Studenten oder der Professoren willen… Wie auch immer. Der Pastor „schlürfte seinen Kaffee und rauchte seine Zigarre. Die Predigt, wohl bedacht und reich formuliert, ruhte in seinem Inneren und brauchte nur hervorgeholt zu werden.“ Alles war vorbereitet.

"Warum sich also des stillen, seltenen Morgenstündchens nicht von Herzen freuen?"

Die junge Pastorin rechnete auf seine Sanftmut. "Denn wenn man binnen kurzem den Segen erteilen und anderen Menschen die Sünden vergeben will, muß man dann nicht so etwas Ähnliches wie Gottes Nachsicht und Barmherzigkeit in seinem Herzen tragen?"

"'Du sagtest mir einmal, wir sollen für die Zukunft sparen.' Der Pastor horchte auf. 'Ja, wieso?' fragte er, während in seinem Kopfe holde Bilder heraufdämmerten. Ob das der Anfang eines zarten Geständnisses werden sollte?"

Sie habe das auch immer getan und jetzt schon heimlich achtzehn Rubel zurückgelegt. 
So sei das nicht gemeint gewesen, dennoch lobte er sie dafür,  fragend.

Sie wisse nicht, ob ihr das diesen Dezember auch gelingen werde. Sie wolle sich für ihr blaues Weihnachtskleid einen seidenen Kragen kaufen, und der wird genau die drei Rubel kosten, die sie sonst zurückgelegt hätte.
"‘Was meinst du dazu? Es ist ein Kragen von Taft…‘"

Der Pastor schwieg, die Stirn umdüsterte sich, nichts von zarten Geständnissen - modischer Firlefanz! "'Hältst du so einen Taftkragen denn wirklich für unbedingt notwendig?' 'Notwendig nicht, aber schön', zwitscherte die junge Frau."

"'Überleg mal, Elsbeth..., was wollen wir denn lieber sein, gut oder schön?' 'Ich möchte beides sein.'"

"Aber, Elsbeth, kein Mensch kann zween Herren dienen! Wir müssen wählen, ob wir Gott gefallen wollen oder den Menschen.''Ich möchte beiden gefallen.'"

"'Und dafür brauchst du ein Stück Seide für drei ganze Rubel... für drei Rubel Taft zum Kragen... drei Rubel, die wir sonst für die Zukunft zurücklegen könnten!'"
Sie habe doch schon achtzehn Rubel, ganz freiwillig, wendet sie schüchtern ein.

"'Ja... sollen wir uns in Seide kleiden, während ich... heute ausgerechnet davon sprechen will, daß Johannes in der Wüste ein härenes Gewand trug...'" während "'unsere Damen jetzt schon anfangen, sich Seiden und Spitzen und Flitterzeug für die Landtagsbälle in Riga zu kaufen. Ich will den Menschen einen Spiegel über die Nichtigkeit dieser Dinge vorhalten, - und du willst Taft zum Kragen!'" 

Die Gemütlichkeit ist hin. Der Pastor im Raum hin und her wandernd: "'Meinst du nicht, daß du Gott ohne taftenen Kragen besser gefällst?'... 'Ich glaube, Gott ist nicht so kleinlich'", schnellt ihr Kopf empor.

"'Aber erlaube mal, Elsbeth - so kleinlich wie wer?'", bricht die heilige Empörung aus ihm heraus. "'Und was für Worte sprichst du da eigentlich in Verbindung mit Gott? Wie kannst du Seinen Namen überhaupt in Verbindung mit deinen lächerlichen Angelegenheiten nennen? Kleinlich sagst du? Ja, wahrhaftig, kleinlich ist Er nicht, der die Gestirne schuf und über die Ewigkeit herrscht...'" Etc. Etc. 

Hier mußte ich einfach kürzen und springe geradewegs in die Geschichte hinein. Das ist genau der Punkt vor dem ich eingangs warnte. Unser Pastorendarsteller paraphrasiert ziemlich deutlich Gott im Hiobbuch (das für sich schon schwierig ist - das Gescheiteste hat dazu nach meinem Geschmack immer noch C. G. Jung geschrieben, in der Leiste rechts finden sich Hinweise auf meine Versuche, dem etwas gerecht zu werden, nun ja). Mit anderen Worten, der Archetypus Gott inflationiert gerade ziemlich sein Gemüt, oder was auch immer.

Der Leser muß spätestens jetzt einräumen, Dialoge sind nicht immer die stärkste Seite unserer Autorin. Sie hat Einfälle, die Gedanken ihrer Charaktere sind stimmig und lebensecht, aber man gewinnt den Eindruck, daß sie von ihrem Konzept so begeistert war, daß sie ganz vergessen hat, daraus eine hinreichend lebendige Rede zu machen. Es ist mehr eine Lehrerzählung im Holzschnittstil. Und zwar nicht unbedingt dem Dürers. Schade eigentlich. Doch wir mühen uns weiter.

 "'Was weißt du von ihm..., deren Verstand nicht ausreicht, auch nur den Saum seines Gewandes zu erkennen...'" 

Während des gewaltigen Wortregens wurde die junge Frau ganz klein, und erst als er Atem holen mußte, wagt sie zu flüstern: "'Ja, natürlich, du hast recht, ich weiß nichts von Gott und seiner Majestät, außer dem einen: Daß Er mich lieb hat!' 'Lieb hat? Dich? Das Staubkorn?' rief der Pastor und schaute vernichtend in ein Paar aufgerissene Augen, aus denen ratlose Verwirrung geradezu schrie."

Diese Verwirrung ernüchtert ihn, etwas. Ja, Gott liebe sogar die Verbrecher. "'Aber ich wollte nur sagen, daß Schönheit oder Klugheit, Jugend oder eine gute Familie noch lange kein Grund sind, sich zu den Auserwählten zu zählen...'" 

Strohmannalarm! Leider ist das Wort im Deutschen noch nicht hinreichend eingeführt. Aber es ist genau wie im Hiobbuch, der Gott-Pastor tritt Vorstellungen entgegen, die gar nicht erhoben wurden, vermutlich, weil sie sich leichter abwehren lassen. Die Antwort ist also nur zu logisch. 

Das habe sie auch gar nicht behauptet, wendet sie zurecht ein, "aus den Fluten ihrer Demut und Verwirrung auftauchend" und fügt mit sogar abwehrbereiter Stimme hinzu: "'Ich habe nur gesagt, daß Gott mich liebt, und ich liebe ihn auch.'"

Der Pastor, nun wieder bedächtig, "'Ja, aber die rechte Liebe muß es sein, Furcht und Liebe. Man darf Gott nicht verniedlichen, weil man selber niedlich ist. Ihn und ein Stückchen Taft zum Kragen sollte man nicht in einem Atemzug nennen. Man sollte Ihm zuliebe einfach wortlos darauf verzichten.'"

Sie tue Gott mit ihrem Taft doch gar keinen Abbruch, er habe die Seiden wie die Lilien geschaffen, damit man sich an ihnen freue, sie würde nicht einmal Angst haben, wegen des dummen Tafts zu Gott zu beten. 

Das nächste Zitat können wir leider nicht ersparen:

"'So würdest du also ruhig mit dem lieben Gott sozusagen gemeinsame Sache gegen mich machen?' fragte der Pastor dagegen schneidend vor Zorn und Verachtung. 'Eberhard!..." 

Der Pastor spürte jetzt immerhin "etwas wie eine Warnung". Natürlich nähme er das nicht wörtlich, doch erschiene ihm ein solches Gebet wie eine Blasphemie. "'Gott - und Taft zum Kragen! Diese irdischen Dinge sind da, oder sie sind nicht da, - man betet nicht um sie!'" Stehe denn im Vaterunser irgendeine ähnliche Bitte? Es ginge um der Seelen Seligkeit und nicht um Taft. Gott sei kein Magier. Auch unsere Gebete könnten uns den Weg in den Himmel versperren.  

Das Ende der Unterhaltung fassen wir besser zusammen. Sie besteht darauf, mit jeder Kleinigkeit zu Gott, dem liebenden Vater laufen zu können. Er sagt irgendwann: „‘Ja, das hat alles nun nichts mehr mit meiner Auffassung von Gott oder mit irgendeiner Theologie zu tun, - aber für schwache und törichte Seelen mag auch diese Art von Gebet ihren Trost in sich tragen.‘“

Er bemerkt dann erschreckt, daß sie fast zu spät zur Kirche seien. Sie solle sich schnell fertig machen und noch übers Gesicht wischen. Es brauche nicht die ganze Gemeinde zu sehen, daß sie am heiligen Sonntagmorgen geweint habe.

Brunnen der küssenden Studenten bei Nacht

wird fortgesetzt, 
nachgetragen am 29. Dezember

Mittwoch, 26. Dezember 2018

"Taft zum Kragen" - eine Geschichte aus Livland, nacherzählt


...mit mäandernden Anmerkungen

Dorpat / Tartu 1866, Livländische Ansichten, 
gezeichnet und hrsg. von Wilhelm Siegfried Stavenhagen
gestochen und gedruckt von G. G. Lange in Darmstadt, hier gefunden

„Das kleine Ereignis, von dem ich heute berichten möchte, hat, als es geschah, die Welt in keiner Weise bewegt. Aber es hat ein paar Menschenherzen verwandelt. Es hat ihnen gezeigt, daß die Bewegtheit der Herzen, ja sogar deren unbedeutende Fehlleistungen manchmal dazu dienen können, denen, die Gott lieben, zu dem ihren zu verhelfen.“

So liefert uns Else Hueck-Dehio gleich zu Beginn die Moral ihrer nachfolgenden Adventserzählung von 1953 „Taft zum Kragen“. Sie handelt übrigens in ihrer Geburtsstadt Dorpat in Livland, heute als Tartu in Estland bekannt.

Unter den erbaulichen Büchern, die mir lebensumständehalber in die Hände fielen, findet sich auch diese kleine Erzählung. Wer erbaulich schreibt, hat gute Absichten, und die verderben für gewöhnlich den Stil. Denn da der Autor ständig will, daß er verstanden wird, erklärt er zumeist seine Figuren und bringt sie so gewissermaßen systematisch zur Strecke. Das nehmen dann nicht nur die Figuren zurecht übel, sondern auch der gutwillige Leser. Literatur entsteht so eher nicht.  Aber wir lassen uns davon nicht erschrecken und lesen weiter. Wir werden sehen, wie weit wir kommen.

„Dieses kleine Ereignis geschah in Livland, in jener fast schon sagenhaft gewordenen Zeit, als die Damen noch lange Röcke und hohe Stiefelchen trugen, als die Männer noch vom ‚schwachen Geschlecht‘ sprachen, als die estnischen Dienstboten der Herrschaft noch den Ärmel küßten und als es noch geschehen konnte, daß ein Kutscher für treue Dienste zur Hochzeit ein ganzes Gesinde [einen Bauernhof] geschenkt bekam.“

Nun, der von Nostalgie genährte Enthusiasmus der heutigen Esten über den Umstand, daß ihre Vorfahren der Herrschaft den Ärmel küßten, dürfte eingeschränkt sein. Aber diese Beschreibung verweist auf etwas, das wir wohl näher erklären müssen, wenn einem die Szenerie nicht gänzlich fremd bleiben soll.

Karte des alten Livland, Teil von Theatrum Orbis Terrarum 
des Abraham Ortelius, Antwerpen zwischen 1573 und 1598

Was war Livland? Und jetzt muß ein Haufen Zahlen folgen. Ein Gebiet, in das sich heute Estland und Lettland teilen. Der Schwertbrüderorden, der es früh errang, ging 1237 als Livländischer im Deutschen Orden auf.  Anderseits war er gewissermaßen zunächst das erfolgreichere Preußen, denn auch nach der für den Deutschen Orden verheerenden Schlacht von Tannenberg (1410) blieb man von Polen unabhängig, 1558, inzwischen hatte die Reformation Einzug gehalten, suchten die Russen, Livland zu erobern, und man mußte sich zur Abwehr nun doch unter polnische Oberhoheit stellen. 1561 wurde der letzte Landmeister Gotthard Kettler mit dem Herzogtum Kurland und Semgallen belehnt.

Gotthard Kettler, ab 1561 erster Herzog von Kurland und Semgallen

1629 erroberte der Schwedenkönig Gustav II. Adolf den größten Teil Livlands. Und 1721 jagte Peter der Große Livland den Schweden ab, nur ein kleiner Teil blieb, vorerst, bei Polen. Bis 1919 bestand dann das Gouvernement Livland, welches nur einen Teil der historischen Landschaft umfaßte, mit Riga und Dorpat.

Was es bei diesem Wechselspiel von Eroberungen und Herrschaftswechseln zu bedenken gilt: Sie fanden sicher nicht nur an der Oberfläche statt, doch sie veränderten weniger als zunächst zu vermuten wäre. Der Schwertbrüderorden war ein deutscher Orden, der seine Mitglieder aus dem Hl. Reich rekrutierte. Mit der Reformation – und jetzt fehlt ein Begriff, der den Vorgang angemessen beschreibt – bildete sich eine gesellschaftlich prägende Schicht aus, die weiter vorwiegend deutschsprachig blieb.

Man mag sich daran ärgern, aber so unvergleichbar ist das gar nicht. Als die (französischsprachigen) Normannen 1066 England eroberten, stellten sie danach auch eher robust den Adel und höheren Klerus und blieben überwiegend unter sich, gut, irgendwann wechselte ihr Französisch, nein nicht ins Angelsächsische, aber es veränderte sich in einen Misch-Masch, der uns heute als Englisch quält.

Unter dieser Oberfläche hat es noch sehr lange eine bestimmte Exklusivität gegeben. Mir sind aber keine Bestrebungen bekannt, den „normannischen“ Adel zurück über den Teich nach Frankreich zu scheuchen (das Thema hat sich mittlerweile sowieso, nur anders, erledigt). Jemand könnte  einwenden, das wäre vor ziemlich 1000 Jahren gewesen. Nun, es hat dann begonnen, und das hat es hier auch (es war nur früher zu Ende).

Zur Zeit unserer Erzählung (ja, wir kommen langsam zu ihr zurück) mochte Russen die politische Herrschaft innehaben, landbesitzender Adel, Bürgertum und Geistlichkeit aber sprachen Deutsch. Man darf das jedoch nicht nach der heutigen Elle messen, entscheidend waren Herkommen und Stand. Auf der anderen Hand hatten viele russische Generäle deutsche Namen und dürften sich nichtsdestotrotz zuerst als Untertanen des Zaren und insofern auch als Russen angesehen haben. Es war ein sehr anderes Empfinden von Nation und Zugehörigkeit, obwohl sich das in dem vermutbaren Handlungszeitraum der erzählten Geschehnisse gerade langsam ändert.

Wir sind bereits mitten im

1. Akt - Herr Ploetz & der dunkelblaue Taft

Tartu / Dorpat zwischen 1926 und 1941

Es schneite, Weihnachten stand bevor.

"Die junge Frau Pastorin, die im schwarzen Samtmäntelchen und mit rundem Muff über den großen Markt trippelte, hörte die Fuhrmannsschlitten mit vielstimmigem Schellengeklimper vorübergleiten…"

Die Fußgänger verkrochen sich vor der Kälte in ihre hohen Pelzkrägen, die Kinder mit ihren Schlitten hatten knallrote Backen, die Studenten rieben sich die Ohren unter ihren bunten Mützen. Frau Pastor  blieb vor einer Stoffhandlung stehen, ging aber nicht hinein. Popow hatte zwar die größere Auswahl, aber im vergangenen Frühling hatten Studenten das „w“ vom Namensschild weggeschlagen, und dort einzutreten, genierte sie natürlich als junge Pastorin! 

„Sie ging also die wenigen Schritte bis zur Ploetz‘schen Bude weiter“, klopfte den Schnee von den Sachen und die Schelle über der Tür klingelte, als sie eintrat. Herr Ploetz tauchte unter mehreren Verbeugungen diensteifrig „mit seinem altbekannten, schmantigen Lächeln“ auf.

"'Kuten Morjen, knädijes Frau Patorinchen', sagte er dabei, 'kalt heute, und wiehl Schnee...'
'Ja, guten Morgen, Herr Ploetz', antwortete die junge Frau und schlug den Schleier, der schmal um die Fellkappe gebunden war, von ihrem Gesicht zurück.

'... Oj, oj' dachte Herr Ploetz, 'so ein scheenes rosa Jesichtchen und dabei so jung'... 'Womit terf ich tienen?' fragte er laut.“

Die junge Frau Pastor ließ ihre Augen über die Stoffballen von dicker dunkler Wolle für Mäntel, von dünnerer in freundlicheren Schattierungen für Kleider und die „zarten Gespinste für Blusen“ wandern. Und dann die Seiden!

"Da lagen sie alle, Crêpe de Chine und Charmeuse, Chiffon und Popeline, Atlas und Taft. Ja, der Taft war es, auf den sie es diesmal abgesehen hatte. Der Taft für den Kragen des längst ersehnten und endlich ersparten Weihnachtskleides. Und so sagte sie: 'Ich brauche etwas Taft, dunkelblauen Taft zum Kragen.'"

Herr Ploetz antwortet eilfertig: "'Haber natierlich, scheenen plauen Taft, kann ich tienen, kann ich tienen, Frau Pastorinchen...' Er zog, flink und schwungvoll, die säuberlich auf ein Brettchen gewickelten Seiden aus dem Regal hervor und ließ sie, eine nach der andern, knisternd und glänzend über seine Hand entrollen.

'Scheene, schwere Seide', murmelte er mit gespitzten Lippen, 'kanz plank, pricht nicht, schleißt nicht, macht nur so vornehm schurr-schurr…'"

Er schaute, wie er die Seide sprechen ließ, seiner Kundin direkt ins Gesicht, aber die sieht nur die Seiden. Ihre "kleine, neugierige Mädchenhand" streicht über den Stoff: "Wie kühl er sich anfühlte! Wirklich vornehm! Und dabei wärmte er doch, das wußte man, Seide wärmt immer. Aber sie sticht nicht am Halse wie diese dumme Wolle."

Sie holte eine dunkelblaue Wollprobe hervor: "Ja, diese! Wie schön würde doch ein breiter Kragen auf der ernsten Wolle aussehen!

Eine Pastorin durfte natürlich keine auffallenden Kleider mehr tragen… Zwischen braun, blau und schwarz lag jetzt ihre Farbenskala, und höchstens noch weiße Blusen mit hohen englischen Stehkragen auf Fischbein… weder singen noch schlucken konnte man mit diesen Dingern… Aber hier – ein weicher Kragen, der bis auf die Schultern fiel und glänzte und knisterte...“

Fast würde sie sich darin wieder als junges Mädchen fühlen, das den Studenten gefallen wolle. „Jetzt war es nur noch einer, dem man zu gefallen hatte, der Ernste, Große, Dunkle und furchtbar Schöne, der unentwegt auf dem steinigen Pfad zum Reiche Gottes voranging und der sich entschlossen hatte, so ein kleines und eitles Wesen, wie man selber eines war, auf diesem steinigen Wege hilfreich mitzunehmen.“

Diesem wollte man gefallen, sonst keinem, aber man durfte und sollte es auch, es war eheliche Pflicht! Nur leider antwortete er auf ihr Bemühen gewöhnlich: “‘Aber Kind, wozu das? Auf solche Dinge sehe ich doch gar nicht! Es kommt mir nur auf dein Gesicht an. Meinetwegen könntest du in Sack und Asche gehen - oder überhaupt nichts anhaben.' Aber das hatte er bestimmt nicht so gemeint!"

"'Wieviel würde das denn kosten?' fragte sie. Herr Ploetz wurde sogleich traurig und seine Stimme ganz leise. 'Zwei Rubelchen die Elle', antwortete er und hob die Schultern, um anzudeuten, daß er an diesem hohen Preis unschuldig sei."

Sie erschrak, anderthalb Ellen würde sie sicher brauchen, 3 Rubel war die Summe, die sie jeden Monat vom Haushaltsgeld für die Zukunft zurücklegte. „‘Wir müssen für die Zukunft sparen‘, hatte ihr Mann gesagt, als er ihr vor einem halben Jahr das erste gemeinsame Haushaltungsgeld aushändigte.“

Zwar war ihr die genaue Art dieser Zukunft unklar. Kinder, Krankheit, Alter? Von allem war für‘s erste noch nichts zu merken. „...nicht ein einziges Kind schien die Absicht zu haben, sich in die Arme der jungen Pastorin zu begeben, um von ihr gewiegt, geküßt, geliebt – und nur unzureichend erzogen zu werden, wie ihr Mann schon jetzt befürchtete.“

3 Rubel hatte sie bisher pünktlich für "die Zukunft" zurückgelegt, "und nun sollte sie für einen dummen Taftkragen ebensoviel ausgeben?"

"'Herr Ploetz', sagte die junge Pastorin und hob ihre Augen, die gar - gar niemandem mehr gefallen sollten, in einem plötzlichen Entschluß zu dessen mondgleichem Angesicht.
'... Oj, oj, dachte Herr Ploetz zum zweitenmal an diesem Vormittag, 'so scheene Augens - wie bei Kalbchen!'

 'Herr Ploetz', sagte sie also. 'Dies ist ja doch eigentlich nur sehr wenig Taft... nur noch ein Rest... können sie ihn mir nicht etwas billiger abgeben?'" 

„Das gerührte Wohlgefallen an dem anmutigen Geschöpf vor ihm kämpfte mit der oft erprobten und stets vorteilhaft bewährten kaufmännischen Anlage des Ploetz‘schen Wesens, und nach einigen Augenblicken hatte die kaufmännische Anlage gesiegt.

'Knädijes Frau Pastorinchen', flüsterte er mit niedergeschlagenen Augenlidern, 'altes Ploetz ist ein armer Mann - altes Ploetz ist pillich; pillicher als pillich kann altes Ploetz nicht sein.'"

Er sah, wie ihr das Blut ins schöne Gesicht schoß. "'Natürlich, ich hätte Sie nicht fragen sollen...', flüsterte die junge Frau. 'Ich muß es mir noch überlegen. Auf Wiedersehen, Herr Ploetz..." Dieser sah noch, trotz des schnell herabgezogenen Schleiers, wie ihre Augen feucht wurden.

"'Knädijes Frau Pastorinchen türfen nicht zu lange ieberlejen, Stoffchen ist nur wenig!' rief er hinter ihr her", während die Glastür schellenbellend ins Schloß fiel.

"Solches geschah am Sonnabendvormittag vor dem zweiten Advent."

Wir unterbrechen hier. Dies war der charmanteste Teil, und da meine eigene Aufmerksamkeitsspanne eher kurz ist, habe ich den Beitrag nachträglich in 3 Stücke geschnitten. Die anderen beiden Teile sollen denn auch in Kürze folgen.

„Woman's Robe à la Francaise, France, 1760s“

nachgetragen am 28. Dezember