Dienstag, 17. Juli 2018

Zum Gedenken an Nikolaus II. von Rußland

Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra
und den fünf gemeinsamen Kindern (1913), hier gefunden

Manchmal wird ein ganzes Leben aus seinem Tod gerechtfertigt. Heute ist der Gedenktag des Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche Nikolaus II. von Rußland und seiner Familie. In der Nacht auf den 17. Juli 1918 wurden sie mit ihren letzten Getreuen im Keller des Ipatjew-Hauses in Jekaterinburg durch die sog. „Bolschewiki“ hingemordet. Als Nikolaus dessen gewahr wurde, was die Absicht der Mörder war, stellte er sich in einer denkwürdigen Wendung vor seine Gattin Alexandra, die 4 Töchter und den Zarewitsch Alexei, als könne er mit seinem Leib die Kugeln aufhalten, die seiner Familie galten. Erfolglos natürlich. Die Töchter hatten in ihre Kleider Schmuckstücke eingenäht, und als die Kugeln deswegen von ihnen abprallten, wurden sie mit Bajonetten niedergestochen, bis ihr Wimmern erstarb.

Nikolaus II. nach der Abdankung, März 1917

Vor 100 Jahren begann die vollendete Selbstzerstörung Europas ihre dämonischen Folgen auszuspeien und dem sinnlosen Grauen des Krieges folgte ein Jahrhundert des Irrsinns. Die Hinmordung der Zarenfamilie ist darin ein sinnfälliges Ereignis.

„Wir haben eine neue Moral. Unser Humanismus ist absolut, denn er gründet sich auf den Wunsch nach Abschaffung jeder Unterdrückung und Tyrannei. Uns ist alles erlaubt, denn wir sind die ersten in der Welt, die das Schwert nicht erheben, um zu unterdrücken und zu versklaven, sondern im Namen der Freiheit… Wir führen nicht gegen einzelne Krieg, wir wollen die Bourgeoisie als Klasse vernichten.“ („Das Rote Schwert“ 18.8.1919, Zitat hier gefunden)

Aus dem „Roten Schwert“ sprach die Tscheka, das spezielle Terrorinstrument der Bolschewiki. Und die Vernichtung als Klasse ist sehr wörtlich und vor allem physisch zu verstehen. Hinter dem Codewort „Bourgeoisie“ steht alles, was der Gesellschaft Struktur, Kompetenz und Bedeutung gegeben hatte -  Gelehrte, Geistliche, freie Bauern, Offiziere, Kaufleute, Beamte… Diese Menschengruppen wurden umgebracht, ausgehungert, mindestens dezimiert, bis die Gesellschaft soweit atomisiert worden war, daß das Unterste nach oben gekehrt frei lag und man sein großartiges Menschheitsexperiment einer völlig neuen „freien“Gesellschaft beginnen konnte.

Schätzungen gehen von mindestens 20 Millionen Toten der Revolution aus (Die Revolutionäre waren nicht sehr bekannt für eine akkurate Buchführung über ihre Opfer). Alexander Solschenizyn, der Chronist des „Archipel Gulag“, schrieb von vierzig bis fünfzig Millionen Häftlingen, die die späteren Lager bevölkerten oder dort starben. Ab wie viel Millionen ist eine eigentlich “gute Idee” ein wenig diskreditiert?

Allein die Zahlen sind so monströs, daß das Vorige, weswegen dies doch alles angeblich notwendig geworden war, in den schwärzesten Farben gemalt werden mußte Und man war damit erfolgreich. Noch heute wird die historisch desinteressierteste Putzfrau (und warum sollte sie sich interessieren) zumindest von jemandem gehört haben, daß die russischen Zaren etwas sehr Böses waren. Über das danach wird sie eher nichts wissen.

Nun wie böse?  Üblicherweise wurden Straftäter (ob politische Gefangene oder wirkliche Verbrecher) nicht getötet, sondern nach Sibirien verbannt (so Lenin 1897 - 1900 und Stalin 1913 - 1917 in das damalige Gouvernement Jenisseisk). In den zaristischen Straflagern sollen in den 1830er Jahren 8.000, zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu 30.000 Menschen gefangengehalten worden sein (insgesamt, wie gesagt).

Von 1825 bis 1917 - 6360 politisch Verurteilte, davon 3932 hingerichtet. Das mag man alles finden, wie man will, aber es wurden jedenfalls nicht systematisch Menschen umgebracht und die Größenordnungen unterscheiden sich im Verhältnis von vielleicht 1 : 10.000. Diese Zahlen werden aber niemanden beeindrucken, weil sie die „gefühlte“ Wahrheit nicht berühren, allenfalls wird man„moralische“ Empörung über diese Art von Buchhaltung hören (Man tue sich nur einmal den Tort, in die Kommentare zu den wenigen Artikeln zu schauen, die aus Anlaß dieses Datums geschrieben wurden).

Nun galt das Zarenreich in Westeuropa auch vor 1917 durchaus als rückschrittlich, repressiv etc. Beispielsweise hielt man in der Reichsregierung eine formelle Kriegserklärung an Rußland für geboten, weil man damit die öffentliche Meinung einschließlich der Sozialdemokratie auf seiner Seite wußte.

Jekaterinburg, Kathedrale auf dem Blut

Aber wir wollen uns gar nicht in die Frage vertiefen, wie rückschrittlich Rußland am Ende der Zarenherrschaft tatsächlich war und woran sich Fortschritt eigentlich bemißt. Und es geht mir beim besten Willen nicht um eine Apotheose des Zarentums. Was mit weiterem Grausen erfüllt, ist etwas sehr anderes, nämlich, nachdem man sich in die Zeit vor Ausbruch des 1. Weltkrieges vertieft hat.

Und jetzt müßten wir das ganze alte Europa in den Blick nehmen. Es ist eine wirkliche Quälerei. Man hatte einen Höchststand von Kultur und Zivilisation erreicht, Technik und Wissenschaft erblühten, sozialer Fortschritt wie Lebenserwartung, Bildungsstand, die materielle Grundlage des Lebens breitester Schichten verbesserten sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Europa wurde zu einem Leitbild für die Welt (auch wenn diese heute als kolonialistisch herabgesetzt wird).

Doch die Großmächte beäugten sich mißtrauisch und sorgten sich um ihre Einflußzonen! Das Empire neidete dem Deutschen Reich den wirtschaftlichen Aufstieg und das damit einhergehende wachsende politische Gewicht, Frankreich suchte Revanche für 1871, Rußland und Österreich-Ungarn rangen um die Beherrschung des Balkan, Rußland wollte das Osmanische Reich beerben und mindestens die Dardanellen für sich.

Und all diese politischen Planungen, Intrigen und Aktionen gingen mit einer Sorglosigkeit und Ignoranz, Eitel- und Böswilligkeit, mit selbstgefälliger Ahnungslosigkeit gepaart einher, daß es einen eben graust (da man heute die Folgen kennt).

Daß die Briten der erfolgreiche germanische Konkurrent mißmutig machte, ist noch plausibel (man spürte, man hatte seine Kräfte überspannt, und sah sich gleichzeitig mit einem gottgegebenen Recht auf Weltherrschaft versehen), Frankreichs Groll, nun ja. Aber Rußland? Die Motive der politisch bestimmenden Kräfte Rußlands bleiben rätselhaft. Man kann zwar nicht bei der noch herrschenden (west-) deutschen Geschichtswissenschaft, aber doch inzwischen bspw. bei Christopher Clark nachlesen, wie mindestens die politische Führung Serbiens in das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger verwickelt war. Wie Rußland dann Serbien ermunterte und nach der Kriegserklärung der Monarchie an Serbien gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn mobil machte.

Es war eben leider Zar Nikolaus II. der 1914 mit der Generalmobilmachung der russischen Armee die Aktivierung der Bündnisverpflichtungen in Gang setzte, die in den Ersten Weltkrieg münden sollten. Es geht nicht um einseitige Schuldzuweisungen. Die europäischen Mächte hatten gewissermaßen kollektiv den Verstand verloren. Aber Rußland, das mit dem 1905 verlorenen Krieg gegen Japan und den folgenden Unruhen noch hinreichend strapaziert war, sich innerlich erkennbar instabil zeigte - das letzte, was Rußland gebrauchen konnte, war ein weiterer Krieg. Das schwache alte Rußland hat mit seiner Unterstützung Serbiens und dem, was daraus folgte, gewissermaßen eine Art von Selbstmord begangen. Und für was, die Dardanellen?

Was brachte Nikolaus II. zu diesem Schritt? Zunächst, war es wirklich sein ureigenstes Anliegen? Zar Nikolaus wird gemeinhin als geistig wenig interessiert, ja entscheidungsschwach beschrieben, dafür aber ausgeprägt konservativ.

Zu  letzterem. Sein Großvater Alexander II. wurde 1881 Opfer eines Attentats. Der damals zwölfjährige Nikolaus war Zeuge seines Todes. Das dürfte ihn nicht ganz unbeeindruckt gelassen haben. Er galt nicht als unsensibel, und wenn er stark gespürt haben sollte, wie die Dinge wegzubrechen drohen, sich dann an einer Art von Konservativismus festzuhalten, nun ja. Er wuchs nach dem Attentat ziemlich abgeschirmt auf, ebenfalls nachvollziehbar, galt als charakterlich gefestigt, pflichtbewußt, aber eher schüchtern. Sein Vater hielt es nicht für erforderlich, ihn frühzeitig wirklich auf das Zarenamt vorzubereiten, starb aber bereits am 1. November 1894. Das machte Nikolaus mit 26 Jahren (nach gregorianischem Kalender am 18. Mai 1868 geboren) zum Herrscher. Daß jemand unter diesen Umständen Neuerungen gegenüber nicht unbedingt aufgeschlossen ist und von Ratgebern abhängig, was Wunder.

Hinzu kommt, daß seine tief religiöse Gattin, welche er zutiefst verehrte, ihn kaum zu unterstützen vermochte. Als 1904 endlich Thronfolger Alexej zur Welt kam (man befand sich gerade im Krieg mit Japan), erwies es sich, daß er die „Bluter“-Krankheit hatte. Das befeuerte den Aberglauben im Volk (welches bereits voreingenommen war, 1896 etwa hatte sich beim Volksfest auf dem Chodynkafeld anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten eine Massenpanik mit 1389 Opfern ereignet). Die Niederlage machte ein übriges. Man mißtraute der „Deutschen“,  noch gesteigert, als diese verzweifelt Hilfe für den Thronfolger Alexej vom „Wunderheiler“ Rasputin erhoffte (der schließlich im Dezember 1916 von nahen Verwandten des Zaren ermordet wurde). Irritierenderweise gibt es Berichte, daß sich der Gesundheitszustand Alexejs tatsächlich gebessert hatte.

Man kann aber vermuten, daß auch Nikolaus selbst Ziel des Mißtrauens patriotischer und panslawistischerer Kreise wurde, die erheblich Auftrieb hatte, wie ganz Europa vom Furor des Nationalismus geschüttelt wurde (etwas, das besonders die Donaumonarchie bedrohte und woran sie schließlich auch u.a. zerbrechen sollte). Nikolaus‘ Widerwillen gegen den Krieg machte ihn vor diesem Hintergrund förmlich mit dem Vorwurf der Schwäche erpreßbar.

Clark bringt eine interessante Charakterisierung, die wir ausnahmsweise zitieren wollen: „So gut wie alle, die den Zaren kannten..., sind sich einig, dass er zwei Wesenszüge in sich vereinte, die sich schlecht miteinander vertrugen. Das eine war ein überaus verständliches Grauen vor der Aussicht eines Krieges und der damit verbundenen Zerstörung für sein Land; das andere war seine Empfänglichkeit für das hochtrabende Pathos nationalistischer Politiker und Reden, eine Vorliebe für Männer und Maßnahmen, welche die patriotischen Gefühle aufputschten.“ (Die Schlafwandler, S. 654)

Ein dringliches Telegramm Wilhelm II. hielt die Mobilmachung dann auch noch einmal an, für einen Tag. Was immer Nikolaus II. letztlich bewogen haben mag, welche Irrtümer, Illusionen, Schwächen immer. Systematische Bösartigkeit war es nicht. Die blieb anderen Akteuren vorbehalten. Der weitere Fortgang der Dinge läßt sich schnell zusammenfassen. Kurzzeitig gelang es den Russen zwar, in Ostpreußen einzufallen, sie wurden dort aber geschlagen und erlitten danach gegen die deutschen Truppen eine Niederlage nach der anderen. Gegen die Österreicher war man zwar etwas erfolgreicher, aber im ganzen war die Kriegsführung desaströs und mit großen eigenen Opfer verbunden. Die Armee begann zusammenzubrechen, Hungerunruhen Anfang 1917 besiegelten das Ende. Der Zar dankte ab und wurde von der bürgerlichen Regierung, die auf die „Februarrevolution“ gefolgt war, unter Hausarrest gestellt. Nach dem Putsch der Bolschewiki im Herbst 1917 fiel die Familie in deren Hände. Das Ende ist eingangs beschrieben.

Nicht nur auf russischer Seite wurde der Krieg mit selbstzerstörerischer Verbissenheit geführt. Für die „Westfront“ gilt dies mindestens in ebensolcher Weise. Was dabei besonders verstört, ist, daß dieses massenhafte gegenseitige Töten, das beispiellos zur vorigen Geschichte Europas dasteht, um förmlich nichts geführt wurde. Nichts, das irgendeine Art von Sinn ergeben würde.

Wahrscheinlich deshalb mußte man nach Kriegsende alle Schuld auf die Verlierer abwälzen und seitens der Alliierten die monströse Lüge von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands in die Welt setzen und mit dem Versailler „Frieden“ den Krieg gewissermaßen auf andere Art fortführen.

Das Grauen, das uns angesichts dieser Ereignisse entgegentritt, geschieht sozusagen in drei Akten, die Hybris und Verblendung mit der der Krieg begonnen wurde, das furchtbare Ausmaß der auch moralischen Selbstzerstörung in diesem Krieg und wie diese auch geistige Verwüstung  den Dämonen ein Tor geöffnet hat durch das sie eifrig einfielen um das Werk der Zerstörung zu vollenden. Es ist mehr als zynisch, daß die Briten diesen Krieg noch immer „Great War“ nennen, nichts daran war groß.

Das Ausmaß der inneren Selbstzerstörung Europas, das sich in den folgenden Jahrzehnten zeigt, beschreiben zu wollen, würde jeden überfordern. Darum ist es auch so schwierig, über Gedenktage wie diesen zu schrieben. Denn wer deren Tiefe erahnt, gerade als Konservativer, ist vor allem eines, entsetzt.  Und mit nichts macht man sich so lächerlich, als wenn man selbstgefällig über die Geschichte zu Gericht sitzen wollte. Was also bleibt übrig?


Ikone der Zaren-Familie

Sicher kein Versuch einer Gegengeschichtsschreibung. Menschen, die davon überzeugt sind, daß es aus höheren Gesichtspunkten gerechtfertigt ist, Kinder zu töten, sind in ihrem verbohrten Ressentiment nicht mehr erreichbar. Aber einfache Beobachtungen sind hilfreich, so wie etwa gegen den Geschichtsrelativismus spricht, daß man zusehen kann, wie die Lügen vergiften und auflösen, also scheint es doch so etwas wie Wahrheit zu geben.

Mögen die Briten weiter an ihren Großen Krieg erinnern, selbst die Überreste ihres Empire zerbröseln ihnen gerade. Mögen die Apologeten einer deutschen Kollektivschuld sich immer tiefer in der deutsche Seele vorgraben, um dort weitere Schichten der Schuld zu finden, wo sie doch eigentlich weder an Deutsches, noch an die Seele, noch an den Wert überindividueller Gemeinschaften glauben.

Wer mit Absichten an die Geschichte herantritt, hat schon verloren. Aber aber ein Versuch, sie mit interesselosem Bemühen zu sehen, ist vielleicht möglich und entfaltet seine Folgen von selbst. Jetzt mag man mit versteckten Motiven, Perspektiven etc. dagegen anklügeln. Darüber zu räsonieren, lohnt nicht, die Haltung selbst zählt – Kritik, Neugier und Neigung zum Eigenen. Was ist an Neigung interesselos? Nun, wer das Eigene für wertvoll hält, wird es der Wahrheit aussetzen wollen, weil es sich nur in dieser zu erhalten vermag. Und er kann so die Gefährdungen erkennen, die üblicherweise in der Verstellung des Guten, Wohlmeinenden und Vernünftigen daherkommen.

Ganina Jama, Romanov memorial

Mit Pilatus zu reden: Was ist Wahrheit? Wahrheit ist Aufrichtigkeit im Erinnern und das Suchen nach Symbolen der Heilung. Ein Symbol der Heilung ist, daß am 20. August 2000 Nikolaus II. mit seiner Familie unter die Heiligen der Russisch-Orthodoxen Kirche aufgenommen wurde. Die Kirche auf dem Blut in Jekaterinburg, von wo aus hunderttausend Pilger in der Nacht auf den 17. Juli dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Kirill, auf einem 21 Kilometer langen Kreuzweg folgten, in den Wald von Ganina Jama, dem hölzernen Kloster, wo jedem ermordeten Familienmitglied von Hand eine Kirche erbaut wurde. Das ist Wahrheit. Aber das ist Religion, höre ich den Einwand. Was sonst.

Nikolaus II. im Kloster der "Heiligen Zarenmärtyrer"
Ganina Jama gewidmete Kirche, hier gefunden

nachgetragen am 20. Juli

Sonntag, 8. Juli 2018

Glaube, Liebe, Hoffnung & Barmherzigkeit in der Stadtkirche zu Neustrelitz

Stadtkirche, Neustrelitz

Für diesmal konnte ich meine metaphysische Müdigkeit, die mich an Sonntagen derzeit  regelmäßig überfällt, erfreulich überwinden. Ein solch frohes Ereignis will ich dann auch gleich mit den Bildnissen von Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit teilen. Die Figuren, recht anmutig aus Lindenholz geschnitzt, befinden sich in der Neustrelitzer Stadtkirche oberhalb des Altars, auf der Empore darüber. Ich durfte sie, Pf. Feldkamp gilt der Dank, nach dem Gottesdienst näher in Augenschein nehmen.

Geschaffen hat sie der Neustrelitzer Bildhauer Simon Gehle zur Entstehungszeit der weniger alten Kirche (1778 wurde sie geweiht). Und trotz ihres eher jungen Alters sind sie doch schon einige Male in ihr umhergewandert. Ursprünglich standen sie wohl vor dem Altar. Dann wechselten sie auf die Empore, dem Altar gegenüber. Als der Platz dort für die inzwischen wunderbar restaurierte Orgel von 1893 gebraucht wurde, nahmen sie den Ort der kleineren Orgel ein, die sich zuvor über dem Altar befunden hatte und früher aus Wanzka dorthin geschafft worden war.

Die Abbildungen sind, höflich gesagt, etwas „pastos“ geraten. Dafür könnte ich jetzt abwechselnd meine recht begrenzten Photographierfähigkeiten, die Schlichtheit der Kamera, das trübe Tageslicht oder den herzoglichen Leibmedikus Dr. Verpoorten verantwortlich machen. Ich entscheide mich für letztes.

Glaube, Fides

Die Stadtkirche ist, von außen betrachtet, von beeindruckender stiller Würde (Buttel hat bis 1831 den Turm hinzugefügt und die Außenfassade überformt). Sie hat im Innern im einzelnen viele Schönheiten, aber: Ich habe über den Leibmedikus Verpoorten, nach dessen Plänen sie entstanden ist, irgendwo den Begriff eines enthusiastischen Amateurarchitekten gefunden. Das mag sein. Aber Liebe allein genügt nicht immer.

Unterstellen wir einmal, was ich auch irgendwo gelesen habe,  er hätte tatsächlich die Königliche Schloßkapelle von Versailles als Vorbild genommen (nun ja), dieses auf die bescheidenen Neustrelitzer Verhältnisse heruntergebrochen und mit seinem Riß gewissermaßen eine Adaption vorgenommen. Hübsche Idee, und als Riß sah das bestimmt auch nett aus. Aber der begeisterte Architekturliebhaber hat etwa die Lichtverhältnisse nicht bedacht.

Die übermäßigen Emporen verschlucken fast jede Tageshelligkeit (so daß die nicht wenigen Schönheiten der Kirche gewissermaßen im Halbdunkel verdämmern). Zudem erdrücken sie förmlich den Innenraum, das macht, daß die Kirche eher als ein Theater mit Logen erscheint, gewissermaßen eine religiöse Erziehanstalt mit der Predigt als aufgeführtem Erbauungsstück. Das paßt gut zur protestantisch nüchternen Mentalität des 18. Jahrhunderts, und auch der ursprünglich vorhandene typisch evangelische Kanzelaltar fügt sich ins Bild. Die Predigt thront gewissermaßen über dem Sakrament. Doch wir schweifen ab.

Liebe, Caritas 

Kurioserweise gibt es ein Zeugnis vom damaligen Strelitzer Hof und über den Leibmedikus. Einen britischen Reiseautoren namens Nugent verschlug es sogar in diesen Teil Mecklenburgs und dort finden wir folgendes (Thomas Nugents "Reisen durch Deutschland und vorzüglich durch Mecklenburg", aus dem Englischen übersetzt, und mit einigen Anmerkungen und Kupfern versehen... Berlin und Stettin bey Friedrich Nicolai, 1781):

„Er ist mittelmäßiger Statur, von schwärzlichem, aber regelmäßigen Gesicht und ernsthaftem Wesen. Ohngeachtet er ein Hofmann, und wie man sagt, ein Favorit des Herzogs ist, so scheint er doch etwas blöde zu seyn. Sein Vater war Leibmedikus beym Herzog von Coburg, und der Sohn, der eben daher gebürtig ist, ward Leibmedikus beym vorigen Herzog von Strelitz, welchen Posten er auch beym itzt regierenden Herzog behalten hat... Der Doktor zeigte uns auch seine Naturaliensammlung, in welcher viele Seltenheiten vorhanden sind, vorzüglich aber fand ich hier eine ungeheure Menge roher und polirter Steine. Auch ist seine Foßilien- und Muschelsammlung eher nicht zu verachten. In meinem Leben habe ich nicht so viel Ammonshörner auf einem Haufn gesehen, als hier...“


Ich gebe zu, hier stutzte ich. Ein blödes schwärzliches Gesicht inmitten ansonsten höflichen Lobs, das paßte nicht (gut, es mag Milieus geben, in denen das..., doch nein, wir wollen nicht zeitgenössisch werden). Doch wenn man übersetzungshalber ins Original schaut, war er charakterlich eher verlegen, gar schüchtern und von dunkler Gesichtsfarbe. Das ist alles. Das macht ihn als Sonderling nahezu wieder sympathisch. Doch wir schweifen schon wieder ab.

Erneut zu den Figuren. Statuen können zwar offenkundig wandern, aber immer noch nicht sprechen, daher hat man ihnen typischerweise Attribute zugesellt. So daß man weiß, woran man ist.  Bei den christlichen Heiligen ist dies oft dasjenige, womit oder woran sie zu Tode gebracht wurden, um den Stand der Heiligkeit zu erlangen. Der Hl. Laurentius († 10. August 258 in Rom) hält einen Rost, die Hl. Agatha († um 250 in Catania) trägt ihre Brüste vor sich her. Wir gehen hier besser nicht ins Detail.

Wir sind ja auch schon sehr fern von diesen Dingen, in aufgeklärteren, luftigeren, abstrakteren, erdferner abgeklärten Zeiten, genauer, in den dort vorherrschenden Auffassungen. Und jetzt versetzen wir uns in die Rolle des unwissenden Besuchers und schauen uns die Statuen näher an. Figurenraten gewissermaßen. Nun sind wir im protestantischen Spätbarock, da sind die Attribute der christlichen Ikonographie schon etwas durcheinander geraten und verwildert. Aber versuchen wir einfach unser Glück.

Spes, Hoffnung

Glaube, Liebe und Hoffnung sind ein beliebter Topos protestantischer Kunst. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“ Heißt es bei Paulus im 1. Korintherbrief (13. 13). Mitunter gesellt man die Barmherzigkeit noch der Liebe zu. Mit den Namen sind wir also schon mal ziemlich auf der sicheren Seite.

Bei den Attributen müssen wir etwas knobeln. Spes, die Hoffnung, kann zahlreich charakterisiert werden - gen Himmel gestreckte Hände, ein aufgerichteter Blick, darüber eine Krone oder die Hand Gottes, ein Vogel im Käfig, Biene, Phönix, Taube, Blütenzweig, Füllhorn...  (wir tappen noch im Dunkeln), aber auch ein gesegneter Leib und, spät, der Anker. Wir haben einen Anker. Das Kreuz bei derselben Figur würde eher auf den Glauben deuten, aber wir haben, denke ich, die Hoffnung gefunden. Also Nr. 3 (von links gezählt).

Glaube, Fides. Das Kreuz ist schon vergeben und auch kein weiteres Mal vorhanden. Ein unterworfener Häretiker z.B. wäre auch ein paar Jahrhunderte zu spät dran, die gibt es jetzt überall, es hätte nicht mehr ganz in die Zeit gepaßt, ein Kelch mit Hostie, Fehlanzeige. Aber es kommen auch Bücher oder Schriftrollen mit einem Glaubensbekenntnis vor. Und wo wir in der Hl. Schrift vor uns hin blättern: "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat (1. Joh. 5.4).  "Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?" (1. Kor. 15.55)  Es wird der Glaube sein (also Nr. 1).

Barmherzigkeit, Misericordia 

Jetzt fehlen uns noch Liebe und Barmherzigkeit.  Die Barmherzigkeit, Misericordia (wörtl. etwa Erbarmen des Herzens) wird gewöhnlich an ihren Werken erkannt. Das spräche für Nr. 4. Unglücklicherweise sieht sie ein wenig aus, als hätte sie die falschen Drogen genommen (was immer das bedeuten mag). Man kann es diesen Abbildungen nicht gut ansehen, aber die Statuen sind im übrigen durchaus eindrucksvoll und künstlerisch überzeugend.

Uns fehlt die Liebe. Es gibt sie in 2 Variationen, als Caritas Dei (Liebe zu Gott) oder Caritas Proximi (zum Nächsten). Alle diese abstrakten Personifikationen tauchen in der christlichen Kunst übrigens eher spät auf (man hat sich zuvor lieber an konkrete Gestalten gehalten). Die Liebe wird gern gekrönt dargestellt, mit Flügeln oder brennendem Herz, mit Kelch, Lanze, Fackel, Füllhorn, Pelikan oder als Mutter mit Kindern, wie auf diesem eher gruseligen Gemälde von Julius Schnorr von Carolsfeld.


Und dann haben wir noch das Lamm. Zum Glück ist nur noch diese Figur übrig, und die Hinwendung zum Nächsten ist mit der Barmherzigkeit bereits hinreichend hervorgehoben. Es wird das Lamm Gottes sein, also Christus, das zu Füßen über der Hl. Schrift wacht. Auch die Liebe fußt wortwörtlich auf derselben, und Herz und Blick weisen gen Himmel.

Mir fiel eben ein. Virtus kommt von Vir (der Mann) und steht bekanntlich für Tapferkeit, Tugend, Tüchtigkeit, Leistung, Mannhaftigkeit, ist aber dem grammatikalischen Geschlecht nach weiblich.  Kein Wunder also, daß sie bildlich ebenso dargestellt wird. Entweder ein böser Trick des systemischen Patriarchats oder eine frühe Reflexion der Anima (i. S. Jungs), das darf man ganz nach Parteizugehörigkeit entscheiden.

Und noch ein letzter schräger Schlenker (der ein wenig an eine launige Bemerkung von vorhin anschließt). Die Vase auf dem abschließenden Bild ist neu, sie ist eine der beiden, die das Gebälk der hinter dem Altar aufragenden Schaufassade bekrönen.

Im Oktober letzten Jahres brach ein offenbar psychisch kranker 29-Jähriger, benebelt von Alkohol und Drogen, in die verschlossene Stadtkirche ein, verwüstete mit einem Feuerlöscher den Innenraum, schlug u.a. Fenster ein und warf benannte Vase nach unten. So entkirchlicht diese Gegend inzwischen ist, kommen Drogen ins Spiel, bricht der Diabolos sich doch wieder Bahn.

Denn warum hat sich der Verwirrte ausgerechnet eine Kirche für sein Toben ausgesucht, zumal das ja mit erheblichen Anstrengungen verbunden war, er mußte schließlich erst einmal hineingelangen. Nun steht diese blumenumkränzte Vase wieder proper an ihrem Ort, nur daß sie jetzt ebenfalls üblicherweise nur noch aus der Ferne bewundert werden kann.

nachgetragen am 10. Juli

Montag, 2. Juli 2018

Über Puritanismus &

Ruinen der St Andrews Cathedral, zerstört ab 1559 
durch Anhänger des schottischen Reformators John Knox

„Jede späte Philosophie enthält den kritischen Protest gegen das unkritische Schauen der Frühzeit. Aber diese Kritik eines seiner Überlegenheit sicheren Geistes trifft auch den Glauben selbst und ruft die einzige große Schöpfung im Religiösen hervor, die Eigentum der Spätzeit ist und zwar jeder: den Puritanismus.

Er erscheint im Heere Cromwells und seiner eisernen, bibelfesten, psalmensingend in die Schlacht ziehenden Independenten, im Kreise der Pythagoräer, die im bittren Ernst ihrer Pflichtenlehre das fröhliche Sybaris zerstörten und ihm für immer den Makel einer sittenlosen Stadt anhängten, im Heere der ersten Kalifen, das nicht nur Staaten, sondern auch die Seelen unterwarf. Miltons Verlorenes Paradies, manche Suren des Koran, das wenige, was sich über pythagoräische Lehren feststellen läßt — das ist alles eins: Begeisterung eines nüchternen Geistes, kalte Glut, trockne Mystik, pedantische Ekstase.

Aber noch einmal lodert doch eine wilde Frömmigkeit darin auf. Was die zur unbedingten Herrschaft über die Seele des Landes gelangte große Stadt an transzendenter Inbrunst aufbringen kann, das ist hier gesammelt, wie mit der Angst, daß es künstlich und vorübergehend ist, und deshalb ungeduldig, ohne Verzeihung, ohne Barmherzigkeit. Dem Puritanismus nicht nur des Abendlandes, sondern aller Kulturen fehlen das Lächeln, das die Religion aller Frühzeiten verklärt hatte, die Augenblicke tiefer Lebensfreude, der Humor.

Nichts von der stillen Glückseligkeit, die in magischer Frühzeit in den Kindheitsgeschichten Jesu oder bei Gregor von Nazianz so oft aufleuchtet, findet sich in den Suren des Koran, nichts von der versonnenen Heiterkeit der Gesänge des heiligen Franz bei Milton. Ein tödlicher Ernst ruht über den jansenistischen Geistern von Port Royal und den Versammlungen der schwarzgekleideten Rundköpfe, die das old merry England Shakespeares, auch ein Sybaris, in wenigen Jahren vernichtet haben.

Sammlung der Predigten des Hl. Gregor von Nazianz, 
Vision des Ezechiel, hier gefunden

Der Kampf gegen den Teufel, dessen leibhafte Nähe sie alle fühlten, wurde erst jetzt mit einer finstren Erbitterung geführt. Im 17. Jahrhundert sind mehr als eine Million Hexen verbrannt worden und nicht nur im protestantischen Norden und katholischen Süden, sondern auch in Amerika und Indien. Freudlos und gallig ist die Pflichtenlehre des Islam (fikh) mit ihrer harten Verständigkeit so gut wie die des Westminsterkatechismus (1643) und die Ethik der Jansenisten (Jansens 'Augustinus' 1640) — denn auch im Reiche Loyolas gab es mit innerer Notwendigkeit eine puritanische Bewegung.

Religion ist erlebte Metaphysik, aber sowohl die Gemeinschaft der Heiligen, wie die Independenten sich nannten, als die Pythagoräer, als die Umgebung Mohameds erlebten sie nicht mit den Sinnen, sondern zuerst als Begriff... Ein zügelloser und doch trockener allegorischer Geist ist in aller puritanischen Dichtung an die Stehe gotischer Visionen getreten. Der Begriff ist die wahre und einzige Macht im Wachsein dieser Asketen. Um Begriffe und nicht wie Meister Eckart um Gestalten ringt Pascal.

Man verbrennt Hexen, weil sie bewiesen sind und nicht, weil man sie nachts in den Lüften sieht; die protestantischen Juristen wenden den Hexenhammer der Dominikaner an, weil er auf Begriffen errichtet ist. Die Madonnen der frühen Gotik waren den Betenden erschienen, die Madonnen Berninis hat niemand gesehen. Sie sind vorhanden, weil sie bewiesen sind, und man begeistert sich für diese Art von Existenz. Cromwells großer Staatssekretär Milton verkleidet Begriffe in Gestalten und Bunyan hat einen ganzen Begriffsmythos in eine ethisch-allegorische Handlung gebracht. Ein Schritt weiter und man steht vor Kant, aus dessen Begriffsethik zuletzt der Teufel als Begriff in Gestalt des Radikal-Bösen herauswuchs.

Man muß sich vom Oberflächenbilde der Geschichte befreien und ganz über die künstlichen Grenzen hinwegsetzen können, welche die Methodik abendländischer Einzelwissenschaften gezogen hat, um zu sehen, daß Pythagoras, Mohammed und Cromwell in drei Kulturen ein und dieselbe Bewegung verkörpern.

Pythagoras war kein Philosoph. Nach allen Aussagen der vorsokratischen Denker war er ein Heiliger, Prophet und Stifter eines fanatisch-religiösen Bundes, der seine Wahrheiten mit allen politischen und militärischen Mitteln der Umgebung aufzwang. In der Zerstörung von Sybaris durch Kroton, die sicherlich nur als Höhepunkt eines wilden Religionskrieges in der geschichtlichen Erinnerung haften blieb, entlud sich derselbe Haß, der auch in Karl I. von England und seinen fröhlichen Kavalieren nicht nur eine Irrlehre, sondern auch die weltliche Gesinnung ausrotten wollte.

Ein gereinigter und begrifflich befestigter Mythos mit einer rigorosen Sittenlehre verlieh den Auserwählten des Pythagoräerbundes die Überzeugung, vor allen andern zum Heil zu gelangen. Die in Thurioi und Petelia gefundenen Goldtäfelchen, welche den Leichen der Geweihten in die Hand gegeben wurden, enthielten die Versicherung des Gottes: 'Seliger und Gebenedeiter, du wirst nicht mehr ein Sterblicher, sondern ein Gott sein'.

Es ist dieselbe Überzeugung, die der Koran all denen verlieh, die im heiligen Kriege gegen die Ungläubigen fochten — 'das Mönchtum des Islam ist der Religionskrieg' lautet ein Hadith des Propheten — und mit welcher Cromwells Eisenseiten die 'Philister und Amalekiter' des königlichen Heeres bei Marston Moor und Naseby zersprengten."

aus Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes Kapitel III, III, Puritanismus

Pariser Psalter, Mitte des 10. Jahrhunderts, byzantinisch 
Durchgang durch das Rote Meer, hier gefunden

Das war ein sehr langes Zitat und ein vermutlich ermüdendes. Sei es so. Es ist erstaunlich, welche Umwege manchmal dazu führen, daß man ein Buch wieder in die Hand nimmt, von dem man irgendwann beschlossen hatte, es sei unlesbar. Spenglers Untergang des Abendlandes gehört in diese Kategorie.

Erst einmal will ich ihm zugute halten, er ist immerhin lesbarer als z.B. Heidegger. Und seine Methode ist durchaus interessant. Vergleichbar mit St. Jordan (also Prof. Peterson, dem inzwischen berühmten religiösen Agnostiker aus Toronto, den ich mit sehr leiser Ironie für mich inzwischen derart tituliere) sieht Spengler überall Analogien, Synchronizitäten etc. etc.

Das ist oft verblüffend anregend, nicht selten aber auch anstrengend, um höflich zu bleiben. Der Gesamteindruck mag im Zwiespalt verharren, aber leben wir nicht alle auf einem Zwiespalt, bei diesen zweifellos großen Geistern ist er halt etwas weiter gespannt. Und wenn seine Erklärungsmuster mitunter auch nicht unbedingt überzeugen. Auch falsche Schlüsse können anregen. Die Phänomene sieht er sehr scharf umrissen -  „kalte Glut, trockne Mystik, pedantische Ekstase“. Ich kann mich nicht erinnern, eine präzisere Beschreibung irgendwo gelesen zu haben.

Scheler sieht Kulturen als Lebewesen, das ist weniger absurd als es auf den ersten Blick erscheint. Denn woraus bestehen denn Kulturen. Aus Zahnrädern? Und wenn Menschen über ein Bewußtsein verfügen, was offenkundig regelmäßig der Fall ist, sollte es dann nicht auch kollektives Bewußtsein abgrenzbarer Gruppen geben, mit einer je eigenen Geschichte?

Und können nicht wiederkehrende Konstellationen vergleichbare Muster hervorrufen? Spengler nennt  sein Werk im Untertitel „Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“. Und dieser Ansatz einer Strukturgeschichte der Menschheit, das Aufspüren und Deuten wiederkehrender Muster etc. ist sicher eine enorm notwendige und herausfordernde Angelegenheit. Wobei mir allerdings Schelers Vergleichsmaschine mitunter etwas zu, nun ja mechanisch daherkommt. Und sein Relativismus ist auch eher beschwerlich. Z. B.:

"Gäbe es Wahrheiten abgelöst von den Daseinsströmen, so könnte es keine Geschichte der Wahrheit geben. Gäbe es eine einzige, ewig richtige Religion, so wäre Religionsgeschichte eine unmögliche Vorstellung." III, III, 16

Eine Geschichte der „Wahrheit“ wäre tatsächlich eine Geschichte von Meinungen. Letztlich bedeutungslos. Was aber möglich erscheint, wäre eine Geschichte des Bewußtwerdens der Wahrheit.

Doch zurück zum Puritanismus. Schelers Analogie zum Islam fand ich interessant. Und wenn man darüber nachdenkt, fallen einem in der Tat ständig Parallelen auf: Freudlosigkeit, aggressive Proselytenmacherei, Bilder- und Kulturfeindschaft, eine Klaustrophobie erzeugende Denk- und Glaubenshaltung, noch eine Menge mehr. Aber ich will mich auf die christliche Variante beschränken. Mir war Puritanismus immer instinktiv zuwider.

Und ich habe gelernt, wenn man die falschen Geister aufspüren will, folge man der Spur der Verwüstung. Als ich einmal in Irland war, fiel mir bald auf: Der heilige Krieger Cromwell hatte mehr Kirchen zerstört als drei Heere der Ungläubigen es vermocht hätten. Gewissermaßen eine kriegerische Form des Askese, angemaßte Heiligkeit durch Feindschaft gegen das Lebendige. Doch wir schweifen ab. Zurück zum Calvinismus. Denn dieser radikalisierte Calvinismus hat die Untugenden seines Ursprungs noch verschärft.

Das ist jetzt nicht besonders ökumenisch. Aber ich will kurz aufzählen, welche calvinistischen bzw. reformierten Lehren mir als bloße Irrlehren erscheinen. Die bekannteste ist wohl die sog. „doppelte Prädestination“.  Gott offenbart an einem Teil der Menschheit seine Gnade, an einem anderen seine Gerechtigkeit. Mit anderen Worten, noch vor der Schöpfung hat Gott für jeden künftigen Menschen bestimmt, ob er gerettet oder verworfen werden soll.  Die Auserwählten dürfen Gott erkennen und werden auferstehen, die Nicht-Erwählten bleiben unwissend und dürfen in der Hölle schmoren.

Gründe für diese eher willkürlich erscheinende Entscheidung werden nicht angeboten. Gott tut, was ihm beliebt. Das kann man zwar glauben, aber warum mußte er dann in seinem Sohn sterben. Gut, das war jetzt fast häretisch. Nein, ich bin kein Patripassianer. Die Jungfrau steh mir bei!

Naheliegenderweise ist Jesus Christus dann nur für die Auserwählten am Kreuz gestorben. Die Auserwählten vermögen ihrer Erwählung auch nichts entgegenzusetzen, sie sind ihr hilflos ausgeliefert  und mangeln darin eines freien Willen. Es ist ihnen ebenso unmöglich, Gottes Gnade wieder zu verlieren. Wir brechen  hier besser ab.

Ach vielleicht dies noch: Die Väter des reformierten Glaubens (sprich Calvin und Zwingli) hatten vorgeschrieben, daß nur gelten solle, was in der Hl. Schrift ausdrücklich bestimmt ist, und wollten daher ursprünglich nicht nur die Bilder aus den Kirchen zu schaffen, da diese schließlich in der Bibel verboten sind, sondern auch Glocken und Orgeln, da sie in dieser nicht erwähnt werden…

Man kommt leicht auf den Gedanken, daß sich derartiges nur fromme Sadisten und Zwangsneurotiker ausdenken konnten. Mir ist es immer unbegreiflich geblieben, wie man den christlichen Glauben zu einer derart vergiftenden Sache deformieren kann. Damit meine ich nicht, daß man nur als Lutheraner selig werden kann, beim besten Willen nicht, aber hier ist doch eindeutig eine Grenze überschritten. *Grusel

Pariser Psalter, Mitte des 10. Jahrhunderts, byzantinisch 
Der Prophet Jesaja und Nyx, die Nacht, hier gefunden

Und jetzt will ich endlich aufklären, was mich zu derart eifernden Gedanken trieb. Ein Beitrag in einem konservativen „rechtgläubigen“ Blog aus Amerika (der sinnigerweise daher auch „Orthosphere“ heißt), den ich seit einiger Zeit regelmäßig verfolge und der mich erstens zurück zu Spengler brachte und zweitens eine originelle Linie in die Neuzeit zieht. Meine Haltung zur modernen Kunst deckt sich mit der des Autors zwar nicht so ganz, aber sie ist interessant und ohne weitere Umschweife werden ich den letzten Teil dieses Beitrags daher jetzt einfach, aus dem Englischen von mir dürftig übersetzt, folgen lassen:

„Moderne Häßlichkeit ist ein und dasselbe wie moderner Puritanismus. Eine gotische Marienkirche ist ein Wunder seltener Kunstgriffe, in jedem Detail schön, mit jedem Detail zu einem erhabenen Ganzen beitragend, das die Summe seiner bloßen Teile übersteigt. Eine gotische Kirche ist voller Bilder. Die byzantinische Isaurische Orthodoxie und der Islam waren - und der Islam blieb es - nicht nur anikonisch, sondern willentlich ikonoklastisch…

Die Implikationen der künstlerischen Schönheit, die nicht von spiritueller Schönheit getrennt werden kann, bedrohten diese Regime. Ob Luther und Calvin sie dazu aufforderten oder nicht, frühe Protestanten übten den Ikonoklasmus aus: Die Zerstörung des katholischen Eigentums und der katholischen Kunst in England und Nordeuropa, besonders in Schweden, war weit verbreitet und entsetzlich.

Die moderne liberale Mentalität ist ikonoklastisch und daher auch in vielerlei Hinsicht puritanisch. Sie möchte alle christlichen Bilder aus der Öffentlichkeit verbannen. Sie greift die Schönheit immer und überall an und ersetzt sie durch jede Form von Mißbildung und Häßlichkeit. Es ist ihre Absicht, alles, was sie beleidigt, aus dem Blickfeld zu entfernen, sei es eine Bronzestatue eines konföderierten  Generals oder ein Gemälde von John Waterhouse, das "den männlichen Blick" wiedergibt. Die Tatsache, daß die moderne liberale Mentalität sofort eine Allianz schließt mit dem Islam gegen die Traditionen des Westens deutet darauf hin, dass er psychisch mit dem Islam konvergiert. Die Verflachung des tiefen-getränkten dreidimensionalen Bildes durch die Moderne im Kubismus oder die flachen gegenstandslosen Flecken abstrakter Kunst sind zugleich ikonoklastisch und puritanisch. Es verachtet die Welt.“

St Andrews Cathedral Ruins at dusk, Scotland

nachgetragen am 3. Juli

Sonntag, 24. Juni 2018

Predigt zum Johannisfest

El Greco, St Johannes der Täufer und St. Johannes der Evangelist
ca. 1600 - 1610, hier gefunden

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus! Amen

Liebe Gemeinde,

würden Sie in ein Karussell einsteigen, das sich mit über 100.000 km/h dreht und dessen Gondeln auch noch mit fast 2.000 km/h rotieren? Man erschrickt bei solchen Größenordnungen zunächst, denn das ist so viel schneller als unsere Autos und selbst Verkehrsflugzeuge es sind. Dann aber ahnt man heute am Johannistag vielleicht, worum es sich handelt. Wir brauchen nicht mehr einzusteigen. Wir alle sitzen und leben in diesem Karussell, denn unsere, fast 5 Milliarden Jahre alte, Erde kreist mit 100.000 km/h um die Sonne und mit jenen ca. 2.000 km/h rotiert sie um ihre eigene, leicht geneigte Achse.

Die Neigung der Erdachse wiederum ist es, die uns den scheinbaren Anstieg des Sonnenlaufs und damit die Jahreszeiten beschert. Das ist es, was wir astronomisch heute feiern, die Sommersonnenwende, den Gipfel der „Lichttreppe“.

Als Christen begehen wir darüber hinaus den Geburtstag von Johannis dem Täufer. Bei Heiligen feiert die Kirche sonst immer das Sterben als Geburt zur Ewigkeit. Nur zwei weitere Geburtstage feiern wir Gläubigen. Denjenigen des Erlösers auf der Wintersonnenwende und den Geburtstag der Gottesmutter Maria am 8. September.

Sommersonnenwende, Wintersonnenwende und die Geburt der Jungfrau unter ihrem eigenen Sternbild. Unter Zuhilfenahme von Versen aus dem 1. Petrusbrief wollen wir darüber nachdenken, wie alles das zusammenhängt, und was es uns erzählt. Der Apostelfürst schreibt:

Jesus Christus, welchen ihr nicht gesehen und doch liebhabt und nun an ihn glaubet, wie wohl ihr ihn nicht sehet, und werdet euch freuen mit herrlicher und unaussprechlicher Freude und das Ende eures Glaubens davonbringen, nämlich der Seelen Seligkeit. Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, so auf euch kommen sollte, und haben geforscht, auf welche und welcherlei Zeit deutete der Geist Christi, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit darnach; welchen es offenbart ist.

Denn sie haben's nicht sich selbst, sondern uns dargetan, was euch nun verkündigt ist durch die, so euch das Evangelium verkündigt haben durch den heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist; was auch die Engel gelüstet zu schauen.

V. 8 - 12

Liebe Gemeinde,

tatsächlich begegnet uns hier ein Zusammenhang, den auch die Engel zu schauen gelüstet. Mit der ganzen Fülle alttestamentlicher Zeichen wird die Geburt des Johannes angekündigt. Am Anfang steht das Leid der unfruchtbaren Frau. So wie bei Sara, Rahel und Hanna ist Elisabeths Leib verschlossen. Dadurch wird die sonst so beglückende Sehnsucht nach einem Kind zur ständigen Qual, und alle Hoffnung wird in das Gefängnis der Aussichtslosigkeit, die verzweifeln lässt, geführt. Erst der ganz und gar verzweifelte Mensch wird zum Ziel von Gottes Verheißung.

Auch Zacharias war gequält, und er vielleicht nicht nur durch den unerfüllten Kinderwunsch, sondern noch mehr durch den Umstand, seine Frau daran täglich leiden zu sehen. Oft wird er im Tempel gebetet haben, denn er war doch ein Priester des Herrn. Wir können nicht sagen, wann seine Gebete zur frommen Formalie geworden sind, mit der man wohl noch Gott Ehre erweist, aber ohne an eine Erfüllung zu glauben.

Denn als der Engel endlich zu ihm spricht, als ihn die Verheißung Gottes trifft, da hat er doch nur noch seine Zweifel und die Macht der Tatsachen, von denen er umgeben ist. „Ich bin ein alter Mann, und auch meine Frau ist im vorgerückten Alter.“ Wenn wir Menschen im Leben aus eigener Kraft etwas anhäufen, dann sind es Zweifel und Unglauben.

Die Verheißung wird dadurch oft als zusätzliche Peinigung, geradezu als Verhöhnung erlebt. Unter der Plage eines stumm Gewordenen muss Zacharias erst lernen, an die Verheißung zu glauben, denn Gott will, dass wir an sie zu glauben lernen, ehe er sie erfüllt.

Johannes wird geboren. Bereits mit seinem Namen verkündet er: Gott ist gnädig! Mit seinem Wort lässt er später die Welt wissen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Johannes ist in die Welt gekommen, um den Erlöser anzukündigen. Er ist der letzte Prophet. Er weist auf Christus hin und tauft Jesus, dessen Name schon die Rettungstat Gottes verheißt. Jesus Christus, den auch wir nicht gesehen und doch liebhaben.

In diesem unwiderstehlichen Zirkel aus ergangener Verheißung, gefasstem Glauben und vollkommener Erfüllung findet das Universum seine Ordnung.

Nur darum wurden die Geschehnisse bereits sehr früh mit dem Lauf der Sonne in Verbindung gebracht. Immer haben die Menschen ihre Gotteserkenntnis gleichsam in den Sternenhimmel projiziert. Aber sie haben auch von Anfang an versucht, die unsichtbare Wirklichkeit Gottes durch die Vernunft an den Werken der Schöpfung wahrzunehmen, wie Paulus es im Römerbrief schreibt.

Es gibt also einen doppelten Zusammenhang. Ein Irrtum über die Schöpfung hat eine falsche Wissenschaft von Gott zur Folge, und der Irrtum von Gott bringt falsches Wissen über die Welt hervor. Welterkenntnis wird darum Gotteserkenntnis, und die Frage nach Gott führt zum tieferen Verständnis des Menschen, wenn sie beide an die Wahrheit gebunden werden.

Ich habe unlängst das Bekenntnis eines Priesters gelesen: „Ich glaube an die Wahrheit dieser Geschichte, weil sie nicht erfunden sein konnte. Ich glaube an ihre Wahrheit, die auf ihrem Höhepunkt unwahrscheinlich ist und keine Kompromisse mit dem Zumutbaren macht. Ich lese die größten Schriftsteller, aber keiner erreicht die Wirkung der Offenbarung. Um sie zu empfangen, genügt das Lesen nicht, man muss von einem Katapult aus Liebe auf sie zugeschleudert werden. In diesem Moment erlebt man auch die größte Angst, denn die Liebe fällt mit der größten Angst zusammen: sie zu verlieren.“

Alles, was hier über die Liebe gesagt wird, das gilt auch für den Glauben. Immer wird er von der Angst begleitet, ihn zu verlieren. Darum ist die erste Botschaft des Erlösers immer und immer wieder: Fürchtet euch nicht!

Das Überwinden der Angst ist die Grundlage dafür, sowohl die Liebe als auch den Glauben leben zu können. Beides wird aufgefressen und es wird falsch, wenn der Mensch sich der Furcht überlässt.

Ein eindringliches Beispiel dafür ist das Weltbild der Menschen. Es wurde im 16. und 17. Jahrhundert durch Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler revolutioniert. Seitdem konnten Menschen wissen und wurde ihnen mathematisch bewiesen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich die Planeten bewegen, welche Kräfte sie treiben und halten und wie man ihren Stand sicher berechnen kann.

Anstatt sich nun dieser Wahrheit mutig entgegenschleudern zu lassen, versuchten viele auch in der Kirche, am Falschen festzuhalten, weil sie fürchteten, anderenfalls auch den Glauben zu verlieren. Was wäre das aber für ein Glauben, der sich vor der Wahrheit fürchten müsste? Macht nicht jede Erkenntnis über die Zusammenhänge der Welt das Staunen über ihren Schöpfer nicht immer nur noch größer?

Welches Leid wäre der Welt und vielen Menschen erspart geblieben, wenn man einen Zusammenhang zwischen Gravitationskraft und der Macht der Liebe erkannt hätte. So wie die Kräfte der Gravitation das Universum lenken, so will Gott, dass die Liebe das Reich des Lebendigen ordnet. Durch die Liebe zu Christus und untereinander sollen wir der Seelen Seligkeit erlangen, wie Petrus schreibt.

Wer nach Wahrheit sucht, der findet überall Liebe. Ist nicht im tiefsten Sinne die Sehnsucht und die Suche nach der Seelen Seligkeit eine Ausprägung dieser Liebe, der Gravitationskraft des Lebendigen?

Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, so auf euch kommen sollte, und haben geforscht, auf welche und welcherlei Zeit deutete der Geist Christi, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit darnach; welchen es offenbart ist.

Alle Propheten und auch Johannes der Täufer haben gesucht und geforscht nach dieser Seligkeit. Es ist schön, dass sich auch hier das Wort des Forschens findet, das wir heute nur noch für die Naturwissenschaftler gelten lassen wollen. Dabei gibt es auch in unserem Seelenleben, in der Heiligen Schrift und in unseren Vorstellungen von Gott so vieles zu ergründen.

In viele Richtungen sind die Menschen, nicht nur die Propheten, vorgedrungen, um diese Seligkeit zu finden. Gesetzestreue, pedantisches Befolgen der Gebote, strengste Askese, Grenzüberschreitungserfahrungen durch Trance und Selbstüberwindung. Kaum etwas haben Menschen unversucht gelassen, um die Seligkeit in sich selbst zu erzeugen, sie gleichsam aus dem eigenen Inneren hervorzubringen. Auch Johannes war alles das nicht fremd. Er war ein Asket, Weltverächter und wurde schließlich sogar zum Märtyrer.

Das entscheidende Ereignis wurde ihm dennoch die Begegnung mit Jesus Christus. In ihm tritt uns das Schöpferwort, der Logos, als Mensch persönlich entgegen. Alle Gebete, Sehnsüchte, das Suchen und Forschen der Menschen aller Zeiten finden in ihm Ziel und Antwort. Das Leben selbst findet in ihm seine ewige Mitte, und seine eigentliche Ordnung erwächst aus der Liebe zu ihm, den wir nicht sehen. Darum wohl entstand sehr bald in der christlichen Lyrik und Bildersprache die Vorstellung vom sol invictus, von der unbesiegten Sonne. Zunächst nur aus der sichtbaren Tatsache, dass der Sonnenstand im Laufe des Jahres zu und dann wieder abnimmt. Es gab also eine siegende und eine besiegte Sonne – Christus aber wurde den Gläubigen die immerwährend unbesiegte und unbesiegbare Sonne.

Ist es aber in der Kraft dieser Vorstellung nicht noch eindringlicher, sie auch in das Weltbild der kopernikanischen Wende hinein zu übersetzen? Dort wurde die Sonne zum Mittelpunkt einer Welt, die man nicht so ohne weiteres aus dem Augenschein erkannte. Man musste suchen und forschen, vor allem musste man sehr viel rechnen. An seinen Rudolfinischen Tafeln hat Johannes Kepler fast sein ganzes Leben gearbeitet.

Im Grunde war hier ein Universum zu entdecken, dem genauso unwiderstehliche Notwendigkeiten eingeprägt waren, wie alle Propheten, Johannes der Täufer und die Kirche sie immer für die Sphäre unseres Lebens geglaubt und verkündet haben. Die Sonne ist die Mitte unserer Welt, um sie dreht sich alles, ihre Kraft ordnet alles und ihre Strahlen und ihre Wärme lässt das Leben im Frühjahr auferstehen. So auch Christus, unser Herr und Erlöser. Er ist die Mitte. In ihm sind Welt und Gott, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott unlöslich miteinander verbunden. Seine Liebe und Gegenwart ordnen das Universum und durch seine Auferstehung ist alles Leben dem Tod auf ewig entrissen.

Wer sich nicht wieder der Furcht überlässt und dies treu glaubt, der kann sich freuen mit unaussprechlicher Freude. Ihm ist offenbart, wonach die Propheten geforscht und gesucht haben und ihm erschließt sich der Zusammenhang zwischen dem Leiden Christi und der Herrlichkeit danach.

Alle Herrlichkeit der Welt wird ihm Gleichnis und Verheißung von Gottes Ewigkeit.

Ihn allein preisen wir in der Gemeinschaft mit der Gottesmutter und mit dem Täufer Johannes, dessen Geburtstag wir heute fröhlich feiern wollen.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Thomas Roloff
Predigt zum Johannisfest 2018 in Neukirchen/Mecklenburg

Dienstag, 19. Juni 2018

Die Sphinx und der Tod des Ödipus




"Nonn' erubescite, reges" singt Jessye Norman als Iokaste im 2. Akt des „Oedipus Rex“ von Igor Strawinsky. Er hat seine Oper zunächst in Altgriechisch vertonen wollen, entschied sich dann aber letztlich für Latein, es sei „a medium not dead but turned to stone“. Dieses Werk von 1927 gehört zu den erträglicheren Stücken neuerer Musik, außerdem wird es von Frau Norman gesungen, das stimmt zusätzlich milde.

Den alten Griechen wurde über der Gestalt des Ödipus bildmächtig bewußt, wie jemand schuldlos schuldig werden kann. Sie haben überhaupt wie kaum ein anderes Volk für Erscheinungen und Grundstrukturen des Menschlichen Begriffe, Bilder und Prinzipien gefunden, die in das abendländische Gedächtnis eingegangen sind und von denen wir noch jetzt zehren. Besser natürlich wäre es, weiter darauf zu bauen, aber ich will gar nicht grundsätzlich werden.

Am 19. Juni 1792 wurde in Stuttgart Gustav Schwab geboren, mit dessen "schönsten Sagen des klassischen Altertums" auch ich als Kind aufgewachsen bin. Als ich heute in dem Band blätterte, dachte ich, warum nicht aus diesem Anlaß ein Stück daraus bringen. Was nicht ganz so einfach ist, denn die griechischen Mythen sind in etwa so idyllisch wie das Alte Testament der Bibel oder die ursprünglichen Grimmschen Märchen.

Für das, was Herr Schwab über Ödipus zu berichten weiß, habe ich mich also entschieden, einmal ein Stück, das von seiner Begegnung mit der Sphinx erzählt und dann die Schwabsche Erzählung von dessen Tod. Wie schon eingangs zu sehen, will ich es nicht beim bloßen Text belassen, sondern ihn ein wenig „illustrieren“. Als nächstes folgt nach der angemessen ernsthaften Präsentation des Mythos etwas völlig Gegensätzliches: Tom Lehrer gibt mit seinem "Oedipus Rex" einen anderen, eher launigen Einstieg in die mühselige Mythenmaterie (ab 1.52 Min.).  Danach dann die Sphinx.



Ödipus und die Sphinx

Nicht lange Zeit, nachdem dieses geschehen, war vor den Toren der Stadt Theben in Böotien die Sphinx erschienen, ein geflügeltes Ungeheuer, vorn wie eine Jungfrau, hinten wie ein Löwe gestaltet. Sie war eine Tochter des Typhon und der Echidna, der schlangengestalteten Nymphe, der fruchtbaren Mutter vieler Ungeheuer, und eine Schwester des Höllenhundes Kerberos, der Hyder von Lerna und der feuerspeienden Chimära. Dieses Ungeheuer hatte sich auf einen Felsen gelagert und legte dort den Bewohnern von Theben allerlei Rätsel vor, die sie von den Musen erlernt hatte. Erfolgte die Auflösung nicht, so ergriff sie denjenigen, der es übernommen hatte, das Rätsel zu lösen, zerriß ihn und fraß ihn auf.

Dieser Jammer kam über die Stadt, als sie eben um ihren König trauerte, der – niemand wußte, von wem – auf einer Reise erschlagen worden war und an dessen Stelle Kreon, Bruder der Königin Iokaste, die Zügel der Herrschaft ergriffen hatte. Zuletzt kam es, daß dieses Kreon eigener Sohn, dem die Sphinx auch ein Rätsel aufgegeben und der es nicht gelöst hatte, ergriffen und verschlungen worden war.

Franz von Stuck, Der Kuß der Sphinx

Diese Not bewog den Fürsten Kreon, öffentlich bekanntzumachen, daß demjenigen, der die Stadt von der Würgerin befreien würde, das Reich und seine Schwester Iokaste als Gemahlin zuteil werden sollte. Eben als jene Bekanntmachung öffentlich verkündigt wurde, betrat Ödipus an seinem Wanderstabe die Stadt Theben. Die Gefahr wie ihr Preis reizten ihn, zumal da er das Leben wegen der drohenden Weissagung, die über ihm schwebte, nicht hoch anschlug. Er begab sich daher nach dem Felsen, auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen hatte, und ließ sich von ihr ein Rätsel vorlegen. Das Ungeheuer gedachte dem kühnen Fremdling ein recht unauflösliches aufzugeben, und ihr Spruch lautete also: »Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.«

Ödipus lächelte, als er das Rätsel vernahm, das ihm selbst gar nicht schwierig erschien. »Dein Rätsel ist der Mensch«, sagte er, »der am Morgen seines Lebens, solang er ein schwaches und kraftloses Kind ist, auf seinen zween Füßen und seinen zwo Händen geht; ist er erstarkt, so geht er am Mittage seines Lebens nur auf den zween Füßen; ist er endlich am Lebensabend als ein Greis angekommen und der Stütze bedürftig geworden, so nimmt er den Stab als dritten Fuß zu Hilfe.« Das Rätsel war glücklich gelöst, und aus Scham und Verzweiflung stürzte sich die Sphinx selbst vom Felsen und zu Tode. Ödipus trug zum Lohne das Königreich von Theben und die Hand der Witwe, welche seine eigene Mutter war, davon. Iokaste gebar ihm nach und nach vier Kinder, zuerst die männlichen Zwillinge Eteokles und Polyneikes, dann zwei Töchter, die ältere Antigone, die jüngere Ismene. Aber diese vier waren zugleich seine Kinder und seine Geschwister.

Wie inzwischen ins allgemeine Bewußtsein eingedrungen ist, hat der Begründer der Psychoanalyse die Gestalt des Ödipus zur Benennung einer gewissen  unerfreulichen seelischen Konstellation benutzt. Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, hat diesen Freudschen Ödipuskomplex unerreicht geistreich in seinem Film „Ödipussi“ vorgestellt. Der Protagonist, von seiner Mutter mit dem bezeichnend entmännlichenden Spitznamen „Pussi“ gerufen, behält bei aller galligen Skizzierung allerdings letztlich doch eine gewisse Dignität. Das war ja überhaupt die Größe Loriots – er durchleuchtete Charaktere bis auf‘s Knochengerüst, aber vernichtete sie nicht.

Ein Stück daraus und darauf dann die nur noch bebilderte ernsthafte Erzählung vom Tod des Ödipus. Auch diese findet erstaunlicherweise zum Schluß gewissermaßen noch ein versöhnendes Ende.


„Ödipussi: Wie ist doch die Erde so schön!“

Ödipus auf Kolonos

Nach langer Wanderung, bald durch bewohntes, bald durch wüstes Land, waren die beiden eines Abends in einer sehr milden Gegend bei einem anmutigen Dorfe mitten im lieblichsten Haine angekommen. Nachtigallen flatterten durch das Gebüsch und sangen mit süßem Schall; Rebenblüte duftete; mit Oliven- und Lorbeerbäumen waren die rauhen Felsstücke, welche die Gegend viel mehr schmückten als entstellten, überkleidet. Der blinde Ödipus selbst hatte durch seine übrigen Sinne eine Empfindung von der Anmut des Ortes und schloß aus der Schilderung seiner Tochter, daß derselbe ein geheiligter sein müsse. Aus der Ferne stiegen die Türme einer Stadt auf, und ihre Erkundigungen hatten Antigone belehrt, daß sie sich in der Nähe von Athen befänden. Ödipus hatte sich, von dem Wege des Tages müde, auf ein Felsstück gesetzt. Ein Bewohner des Dorfes, der vorüberging, hieß ihn jedoch bald diesen Sitz verlassen, weil der Boden geheiligt sei und keinen Fußtritt dulde. Da erfuhren denn die Wanderer bald, daß sie sich im Flecken Kolonos und auf dem Gebiet und in dem Haine der alleserspähenden Eumeniden niedergelassen, unter welchem Namen die Athener hier die Erinnyen verehrten.

Nun erkannte Ödipus, daß er am Ziele seiner Wanderung angekommen und der friedlichen Lösung seines feindseligen Geschickes nahe sei. Seine Worte machten den Koloneer nachdenklich, und er wagte es jetzt schon nicht mehr, den Fremdling von seinem Sitz zu vertreiben, ehe er den König von dem Vorfall unterrichtet hätte. »Wer gebietet denn in eurem Lande?« fragte Ödipus, dem in seinem langen Elende die Geschichten und Verhältnisse der Welt fremd geworden waren. »Kennst du den gewaltigen und edlen Helden Theseus nicht?« fragte der Dorfbewohner, »ist doch die ganze Welt voll von seinem Ruhme!« »Nun, ist euer Herrscher so hochgesinnt«, erwiderte Ödipus, »so werde du mein Bote zu ihm und bitte ihn, nach dieser Stelle zu kommen; für so kleine Gunst verspreche ich ihm großen Lohn.« »Welche Wohltat könnte unsrem König ein blinder Mann reichen?« sagte der Bauer und warf einen lächelnden, mitleidigen Blick auf den Fremdling. »Doch«, setzte er hinzu, »wäre nicht deine Blindheit, Mann, du hättest ein edles, hohes Aussehen, das mich zwingt, dich zu ehren. Darum will ich dein Verlangen erfüllen und meinen Mitbürgern und dem Könige deine Bitte melden. Bleibe so lange hier sitzen, bis ich deinen Auftrag ausgerichtet habe. Jene mögen dann entscheiden, ob du hier verweilen kannst oder gleich wieder weiterwandern sollst.«

François-Émile Ehrmann, Ödipus und die Sphinx, 1903

Als sich Ödipus mit seiner Tochter wieder allein sah, erhub er sich von seinem Sitze, warf sich zu Boden und ergoß sein Herz in einem brünstigen Gebete zu den Eumeniden, den furchtbaren Töchtern des Dunkels, und der Mutter Erde, die eine so liebliche Wohnung in diesem Haine aufgeschlagen. »Ihr Grauenvollen und doch Gnädigen«, sprach er, »zeiget mir jetzt nach dem Ausspruche Apollos die Entwicklung meines Lebens, wenn anders ich in meinem mühseligen Dasein nicht immer noch zuwenig erduldet habe! Erbarmet euch, ihr Kinder der Nacht; erbarme dich, ehrenwerte Stadt Athenes, über das Schattenbild des Königs Ödipus, der vor euch steht, denn er selbst ist es nicht mehr!« Sie blieben nicht lange allein. Die Kunde, daß ein blinder Mann von Ehrfurcht gebietendem Aussehen sich in dem Furienhaine gelagert, den zu betreten Sterblichen sonst nicht vergönnt ist, hatte bald die Ältesten des Dorfes, welche die Entweihung zu hindern gekommen waren, um ihn versammelt. Noch größerer Schrecken ergriff sie, als der Blinde sich ihnen als einen vom Schicksale verfolgten Mann zu erkennen gab. Sie fürchteten, den Zorn der Gottheit auf sich zu laden, wenn sie einen vom Himmel Gezeichneten länger an diesem heiligen Orte duldeten, und befahlen ihm, auf der Stelle ihre Landschaft zu verlassen.

Ödipus bat sie inständig, ihn von dem Ziele seiner Wanderschaft, das ihm die Stimme der Gottheit selbst angewiesen habe, nicht zu verstoßen; Antigone vereinigte ihre Flehen mit dem seinen. »Wenn ihr euch der grauen Haare meines Vaters nicht erbarmen wollet«, sprach die Jungfrau, »so nehmet ihn doch um meiner, der Verlassenen, willen auf; denn auf mir lastet ja keine Schuld. Eilet, bewilliget uns eure Gunst unverhofft!«

Während sie solche Zwiesprache pflegten und die Einwohner zwischen Mitleid und Furcht von den Erinnyen in ihrem Entschlusse zweifelhaft hin und her schwankten, sah Antigone ein Mädchen, auf einem kleinen Rosse sitzend, das Angesicht mit einem Reisehut vor der Sonne geschützt, heraneilen. Ein Diener, gleichfalls zu Rosse, folgte ihr. »Es ist meine Ismene«, sagte sie in freudigem Schrecken, »schon glänzt mir ihr liebes, helles Auge! Gewiß bringt sie uns neue Kunde aus der Heimat!« Bald war die Jungfrau, das jüngste Kind des verstoßenen Königs, bei ihnen angelangt und vom Saumrosse gesprungen. Mit einem einzigen Knechte, den sie allein treu befunden, hatte sie sich von Theben aufgemacht, um dem Vater Nachricht von dem Stande der dortigen Angelegenheiten zu bringen.

Dort waren seine Söhne von großer, selbstverschuldeter Not bedrängt. Anfangs hatten sie die Absicht, ihrem Oheime Kreon den Thron ganz zu überlassen; denn der Fluch ihres Stammes schwebte ihnen drohend vor Augen. Allmählich aber, je mehr ihres Vaters Bild in die Ferne trat, verlor sich diese Regung; das Verlangen nach Herrschaft und Königswürde und mit ihm die Zwietracht erwachte bei ihnen. Polyneikes, der das Recht der Erstgeburt auf seiner Seite hatte, setzte sich zuerst auf den Thron. Aber Eteokles, der jüngere, nicht zufrieden, abwechslungsweise mit ihm zu herrschen, wie der Bruder vorschlug, verführte das Volk und stieß den älteren Bruder aus dem Lande fort. Dieser, so ging in Theben das Gerücht, war nach Argos im Peloponnes entflohen, wurde dort der Schwiegersohn des Königes Adrastos, verschaffte sich Freunde und Bundesgenossen und bedrohte seine Vaterstadt mit Eroberung und Rache. Zugleich aber war ein neuer Götterspruch ruchbar geworden, welcher dahin lautete, daß die Söhne des Ödipus ohne ihn selbst nichts vermögen; daß sie ihn suchen müßten, tot oder lebendig, wenn ihr eigenes Heil ihnen lieb wäre.

Dies waren die Nachrichten, welche Ismene ihrem Vater brachte. Die Koloneer horchten staunend, und Ödipus hub sich hoch empor von seinem Sitze: »Also steht es mit mir«, sprach er, und königliche Hoheit strahlte von dem blinden Angesichte; »bei dem Verbannten, bei dem Bettler sucht man Hilfe? Nun, da ich nichts bin, werde ich erst ein rechter Mann?« »So ist es«, fuhr Ismene in ihren Nachrichten fort. »Auch wisse, Vater, daß eben deswegen unser Oheim Kreon in ganz kurzer Zeit hierherkommen wird und daß ich mich sehr beeilt habe, ihm zuvorzukommen. Denn er will dich überreden oder fangen, wegführen und an die Grenzen des thebanischen Gebietes stellen, damit der Orakelspruch sich zu seinen und unsers Bruders Eteokles Gunsten erfülle und deine Gegenwart die Stadt doch nicht entweihe.« »Von wem weißt du alles dieses?« fragte der Vater. »Von Opferpilgern, die nach Delphi ziehen.« »Und wenn ich dort sterbe«, fragte Ödipus weiter, »werden sie mich in thebischer Erde begraben?« »Nein«, erwiderte die Jungfrau, »das duldet deine Blutschuld nicht.«

»Nun«, rief der alte König entrüstet, »so sollen sie auch meiner niemals mächtig werden! Wenn bei meinen beiden Söhnen die Herrschsucht stärker ist als die kindliche Liebe, so soll ihnen auch der Himmel nie ihre verhängnisvolle Zwietracht löschen; und wenn auf mir die Entscheidung ihres Streites beruht, so soll weder der, welcher jetzt den Zepter in Händen hat, auf dem Throne sitzen bleiben noch der Verjagte je sein Vaterland wiedersehen! Nur diese Töchter sind meine wahren Kinder! In ihnen ersterbe meine Schuld, für sie erflehe ich den Segen des Himmels, für sie bitte ich euch um euren Schutz, mitleidige Freunde! Gewähret ihnen und mir euren tätigen Beistand; und ihr erwerbet dadurch eurer Stadt eine mächtige Brustwehr!«

François-Xavier Fabre, Ödipus und die Sphinx, um 1806 / 1808

Ödipus und Theseus

Die Koloneer hatte große Ehrfurcht vor dem blinden Ödipus erfüllt, der in seiner Verbannung noch so gewaltig erschien; sie rieten ihm, durch ein Trankopfer die Entweihung des Furienhaines zu sühnen. Erst jetzt erfuhren auch die Greise den Namen und die unverschuldete Schuld des Königs Ödipus, und wer weiß, ob das Grauen vor seiner Tat sie nicht aufs neue gegen ihn verhärtet hätte, wenn nicht ihr König Theseus, den die Botschaft herbeigerufen hatte, jetzt eben in ihren Kreis getreten wäre. Dieser ging freundlich und ehrerbietig auf den blinden Fremdling zu und redete ihn mit liebreichen Worten an:

»Armer Ödipus, mir ist dein Geschick nicht unbekannt, und schon deine gewaltsam geblendeten Augen sagen mir, wen ich vor mir habe. Dein Unglück rührt mich tief in der Seele. Sage mir, was du bei der Stadt und mir suchest. Die Tat, zu der du meine Beihilfe verlangst, müßte eine schreckliche sein, wenn ich mich von dir abwenden könnte. Ich hab es nicht vergessen, daß auch ich gleich dir in fremden Landen herangewachsen bin und viele Fährlichkeiten ausgestanden habe.«

»Ich erkenne deinen Seelenadel in dieser kurzen Rede«, antwortete Ödipus, »ich komme, dir eine Bitte vorzutragen, die eigentlich eine Gabe ist. Ich schenke dir diesen meinen leidensmüden Leib, freilich ein sehr unscheinbares Gut, aber doch ein großes Gut. Du sollst mich begraben und reichen Segen von deiner Mildigkeit ernten!«

»Fürwahr«, sagte Theseus erstaunt, »die Gunst, um welche du flehst, ist klein. Verlange etwas Besseres, etwas Höheres, und es soll dir alles von mir gewährt sein.« »Die Gunst ist nicht so leicht, als du glaubst«, fuhr Ödipus fort; »du wirst einen Streit um diesen meinen elenden Leib zu bestehen haben.« Nun erzählte er ihm seine Verjagung und das späte und eigennützige Verlangen seiner Verwandten, ihn wieder zu besitzen; dann bat er ihn flehentlich um seinen Heldenbeistand.

Theseus hörte aufmerksam zu und sprach dann feierlich: »Schon weil jedem Gastfreunde mein Haus offensteht, darf ich meine Hand nicht von dir abziehen; wie sollte ich es tun, da du noch dazu mir und meinem Lande soviel Heil versprichst und von der Hand der Götter an meinen Herd geleitet worden bist!« Er ließ dem Ödipus hierauf die Wahl, mit ihm nach Athen zu gehen oder hier in Kolonos als Gast zu bleiben. Dieser wählte das zweite, weil ihm vom Schicksale bestimmt sei, an der Stelle, wo er jetzt eben sich befinde, den Sieg über seine Feinde davonzutragen und sein Leben rühmlich zu beschließen. Der Athenerkönig versprach ihm den kräftigsten Schutz und kehrte in die Stadt zurück.

Gustave Moreau, Ödipus und die Sphinx, 1864

Ödipus und Kreon

Bald darauf drang der König Kreon von Theben mit Bewaffneten in Kolonos ein und eilte auf Ödipus zu. »Ihr seid von meinem Eintritt ins attische Gebiet überrascht«, sprach er zu den noch immer versammelten Dorfbewohnern gewendet; »doch sorget und zürnet nicht! Ich bin nicht so jung, im Übermute gegen die stärkste Stadt Griechenlands einen Kampf zu unternehmen. Ich bin ein Greis, den seine Mitbürger nur abgesandt haben, diesen Mann hier durch gütliche Überredung zu bewegen, mit mir nach Theben zurückzukehren.«

Dann kehrte er sich zu Ödipus und drückte in den ausgesuchtesten Worten eine erheuchelte Teilnahme an seinem und seiner Töchter Elend aus. Aber Ödipus erhob seinen Stab und streckte ihn aus, zum Zeichen, daß Kreon ihm nicht näher kommen sollte. »Schamlosester Betrüger«, rief er, »das fehlte noch zu meiner Pein, daß du kämest und mich gefangen mit dir fortführtest! Hoffe nicht, durch mich deine Stadt von der Züchtigung zu befreien, die ihr bevorsteht. Nicht ich werde zu euch kommen, sondern nur den Dämon der Rache werde ich euch senden, und meine beiden lieblosen Söhne sollen nur so viel von thebanischem Boden besitzen, als sie brauchen, um sterbend darauf zu liegen!«

Kreon wollte nun versuchen, den blinden König mit Gewalt hinwegzuführen; aber die Bürger von Kolonos erhoben sich dagegen, stützten sich auf Theseus' Wort und duldeten es nicht. Inzwischen hatten in dem Getümmel auf einen Wink ihres Herrn die Thebaner Ismene und Antigone ergriffen und von der Seite ihres Vaters weggerissen. Diese schleppten sie fort und trieben den Widerstand der Koloneer ab. Kreon aber sprach höhnend: »Deine Stäbe wenigstens habe ich dir entrissen. Versuch es jetzt, Blinder, und wandre weiter!«

Und durch diesen Erfolg kühner gemacht, ging er aufs neue auf Ödipus los und legte schon Hand an ihn, als Theseus, den die Nachricht vom bewaffneten Einfalle in Kolonos zurückgerufen hatte, auftrat. Sobald dieser hörte und sah, was geschehen und noch im Werke sei, entsandte er Diener zu Fuß und zu Rosse auf der Straße hin, auf der die Töchter von den Thebanern als Raub fortgeführt wurden; dem Kreon aber erklärte er, ihn nicht eher freilassen zu wollen, als bis er dem Ödipus die Töchter zurückgegeben.

»Sohn des Aigeus«, hub dieser beschämt an, »ich bin wahrlich nicht gekommen, dich und deine Stadt zu bekriegen. Wußte ich doch nicht, daß deine Mitbürger ein solcher Eifer für diesen meinen blinden Verwandten, dem ich Gutes tun wollte, befallen habe, daß sie den Vatermörder, den Gatten seiner Mutter, lieber bei sich hegen würden als ihn in sein Vaterland entlassen!« Theseus befahl ihm zu schweigen, ohne Verzug mit ihm zu gehen und den Aufenthalt der Jungfrauen anzugeben; und in kurzem führte er die geretteten Töchter dem tiefgerührten Ödipus in die Arme. Kreon und die Diener waren abgezogen.

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Ödipus und die Sphinx, 1808

Ödipus und Polyneikes

Aber noch sollte der arme Ödipus keine Ruhe haben. Theseus brachte von dem kurzen Zuge die Nachricht mit, daß ein naher Blutsverwandter desselben, jedoch nicht aus Theben kommend, Kolonos betreten und sich an dem Altar des benachbarten Poseidontempels, wo Theseus eben geopfert hatte, als Schutzflehender niedergelassen habe.

»Das ist mein hassenswerter Sohn Polyneikes«, rief Ödipus zürnend aus. »Es wäre mir unerträglich, ihn anhören zu müssen!« Doch Antigone, die diesen Bruder als den sanfteren und besseren liebte, wußte die Zornaufwallung des Vaters zu dämpfen und dem Unglücklichen wenigstens Gehör zu verschaffen. Nachdem sich Ödipus auch gegen diesen den Arm seines Beschützers ausgebeten hatte, falls er ihn mit Gewalt hinwegführen wollte, ließ er den Sohn vor sich.

Polyneikes zeigte schon durch sein Auftreten eine ganz andere Gemütsart als sein Oheim Kreon, und Antigone versäumte nicht, ihren blinden Vater darauf aufmerksam zu machen. »Ich sehe jenen Fremdling«, rief sie, »ohne Begleiter herschreiten! Ihm strömen die Tränen aus den Augen.« »Ist er es?« fragte Ödipus und wendete sein Haupt ab. »Ja, Vater«, erwiderte die gute Schwester, »dein Sohn Polyneikes steht vor dir.«

Polyneikes warf sich vor dem Vater nieder und umschlang seine Knie. An ihm hinaufblickend, betrachtete er jammernd seine Bettlerkleidung, seine hohlen Augen, sein ungekämmt in der Luft flatterndes Greisenhaar. »Ach, zu spät erfahre ich alles dieses«, rief er, »ja ich selbst muß es bezeugen, ich habe meines Vaters vergessen! Was wäre er ohne die Fürsorge meiner Schwester! Ich habe mich schwer an dir versündigt, Vater! Kannst du mir nicht vergeben? Du schweigst? Sprich doch etwas, Vater! Zürne nicht so unerbittlich hinweggewandt!

O ihr lieben Schwestern, versucht ihr es, den abgekehrten Mund meines Erzeugers zu rühren!« »Sage du selbst zuvor, Bruder, was dich hergeführt hat«, sprach die milde Antigone; »vielleicht öffnet deine Rede auch seine Lippen!« Polyneikes erzählte nun seine Verjagung durch den Bruder, seine Aufnahme beim König Adrastos in Argos, der ihm die Tochter zur Gemahlin gab, und wie er dort sieben Fürsten mit siebenfacher Schar für seine gerechte Sache geworben habe und diese Bundesgenossen das thebanische Gebiet bereits umringt hätten.

Dann bat er den Vater unter Tränen, sich mit ihm aufzumachen, und nachdem durch seine Hilfe der übermütige Bruder gestürzt sei, die Krone von Theben aus Sohnes Händen zum zweitenmal zu empfahen. Doch die Reue des Sohnes vermochte den harten Sinn des gekränkten Vaters nicht zu erweichen. »Du Verruchter!« sprach er und hob den Niedergeworfenen nicht vom Boden auf, »als Thron und Zepter noch in deinem Besitze war, hast du den Vater selbst aus der Heimat verstoßen und in dieses Bettlerkleid eingehüllt, das du jetzt an ihm bemitleidest, wo gleiche Not über dich gekommen ist!

Du und dein Bruder, ihr seid nicht meine wahren Kinder; hinge es von euch ab, so wäre ich längst tot. Nur durch meine Töchter lebe ich. Auch harrt euer schon der Götter Rache. Du wirst deine Vaterstadt nicht vertilgen; in deinem Blute wirst du liegen, und dein Bruder in dem seinen. Dies ist die Antwort, die du deinen Bundesfürsten bringen magst!« Antigone nahte sich jetzt ihrem Bruder, der bei dem Fluche des Vaters entsetzt vom Boden aufgesprungen und einige Schritte rückwärts gewichen war.

»Höre mein inbrünstiges Flehen, Polyneikes«, sprach sie ihn umfassend, »kehre mit deinem Heere nach Argos zurück, bekriege deine Vaterstadt nicht!« »Es ist unmöglich«, erwiderte zögernd der Bruder; »die Flucht brächte mir Schmach, ja Verderben! Und wenn wir Brüder beide zugrunde gehen müssen, dennoch können wir nicht Freunde sein!« So sprach er, wand sich aus der Schwester Armen und stürzte verzweifelnd davon.

So hatte Ödipus den Versuchungen seiner Verwandten nach beiden Seiten hin widerstanden und sie dem Rachegott preisgegeben. Jetzt war sein eigenes Geschick vollendet. Donnerschlag auf Donnerschlag erscholl vom Himmel. Der Greis verstand diese Stimme und verlangte sehnlich nach Theseus. Die ganze Gegend hüllte sich in Gewitterfinsternis. Eine große Angst bemächtigte sich des blinden Königes; er fürchtete, von seinem Gastfreunde nicht mehr lebend oder nicht mehr unverstörten Sinnes getroffen zu werden und ihm den vollen Dank für so viele Wohltaten nicht mehr bezahlen zu können.

Endlich erschien Theseus, und nun sprach Ödipus seinen feierlichen Segen über die Stadt Athen. Dann forderte er den König auf, dem Heroldrufe der Götter zu folgen und ihn allein an die Stelle zu begleiten, wo er, von keiner sterblichen Hand berührt und nur vom Auge des Theseus geschaut, enden sollte. Keinem Menschen dürfe er sagen, wo Ödipus die Erde verlassen. Bleibe das heilige Grab, das ihn verschlingen würde, verborgen, so werde es mehr als Speer und Schild und alle Bundesgenossen eine Schutzwehr gegen alle Feinde Athens sein.

Seinen Töchtern und den Bewohnern von Kolonos erlaubte er dann, ihn eine Strecke weit zu begleiten, und so vertiefte sich der ganze Zug in die schauerlichen Schatten des Furienhaines. Keines durfte an Ödipus rühren; er, der Blinde, bisher von der Tochter Hand geleitet, schien auf einmal ein Sehender geworden, ging wunderbar gestärkt und aufgerichtet allen andern voran und zeigte ihnen den Weg zu dem vom Schicksal ihm bestimmten Ziele.

Mitten in dem Haine der Erinnyen sah man einen geborstenen Erdschlund, dessen Öffnung mit einer ehernen Schwelle versehen war und zu welchem mehrere Kreuzwege führten. Von dieser Höhle ging von uralter Zeit her die Sage, daß sie einer der Eingänge in die Unterwelt sei. Jener Kreuzwege einen betrat nun Ödipus, doch ließ er sich von dem Gefolge nicht bis zu der Grotte selbst begleiten, sondern unter einem hohlen Baume machte er halt, setzte sich auf einen Stein nieder und löste den Gürtel seines schmutzigen Bettlerkleides. Dann rief er nach einer Spende fließenden Wassers, wusch sich von aller Unreinigkeit der langen Wanderung und zog ein schmuckes Gewand an, das ihm durch seine Töchter aus einer nahen Wohnung herbeigebracht wurde.

Als er nun völlig umgekleidet und wie erneuert dastand, tönte unterirdischer Donner vom Boden herauf. Bebend warfen sich die Jungfrauen, die bisher um ihren Vater bemüht gewesen waren, in seinen Schoß; Ödipus aber schlang seinen Arm um sie, küßte sie und sprach: »Kinder, lebet wohl, von diesem Tag an habt ihr keinen Vater mehr!«

Aus dieser Umarmung weckte sie eine donnergleiche Stimme, von der man nicht wußte, ob sie vom Himmel herab- oder aus der Unterwelt herauftönte: »Was säumest du, Ödipus? Was zögern wir zu gehen?« Als der blinde König die Stimme vernahm und wußte, daß der Gott ihn abfordere, machte er sich aus den Armen seiner Kinder los, rief den König Theseus zu sich und legte seiner Töchter Hände in die Hand desselben, zum Zeichen seiner Verpflichtung, sie nimmermehr zu lassen.

Dann befahl er allen andern, umgewendet sich zu entfernen. Nur Theseus an seiner Seite durfte auf die offene Schwelle mit ihm zuschreiten. Seine Töchter und das Gefolge waren dem Winke gefolgt und schauten sich erst um, als sie eine gute Strecke rückwärtsgegangen waren. Da hatte sich ein großes Wunder ereignet. Von dem Könige Ödipus war keine Spur mehr zu erblicken. Kein Blitz war zu sehen, kein Donner zu hören, kein Wirbelwind zu spüren; die tiefste Stille herrschte in der Luft. Die dunkle Schwelle der Unterwelt schien sich sanft und lautlos für ihn aufgetan zu haben, und durch den Erdspalt war der entsündigte Greis ohne Stöhnen und Pein sachte wie auf Geisterflügeln zur Tiefe hinabgetragen worden.

Den Theseus aber erblickten sie allein, mit der Hand die Augen sich überschattend, als hätte er ein göttliches, überwältigendes Gesicht gehabt. Dann sahen sie, wie er, die Hände hoch gen Himmel gehoben, zu den Olympiern, und wieder, demütig auf den Boden niedergeworfen, zu den Göttern der Unterwelt flehte. Nach kurzem Gebete kehrte der König zu den Jungfrauen zurück, versicherte sie seines väterlichen Schutzes und schritt mit ihnen, in heiliges Schweigen versunken, nach Athen zurück.

Theseus der Befreier, Fresko aus Herculaneum, vor 79