Sonntag, 19. Mai 2019

An der Orangerie, nur mehr Bilder














Der Titel hat seine Begründung davon, daß ich an dieser Stelle ursprünglich mit den Bildern vom Sonntag zusammen einige Betrachtungen über Wechsel und Vergänglichkeit der Zeiten anbringen wollte. Ich bin mir unschlüssig, ob ich das noch nachholen werde. Aber jetzt jedenfalls nicht. Die Photos meditieren schon hinreichend über dieses Thema, fand ich, je länger ich Passendes zusammen suchte.

Nur kurze Erläuterungen sollen folgen.

Das Ganze spielt sich rund um die Orangerie ab, die vielleicht schon ab dem nächsten Monat mit Gerüsten verstellt sein könnte, so lag die Wahl nahe. Es ist der glanzvollste Ort, der Neustrelitz geblieben ist, was sich aber mehr auf sein Inneres bezieht. Sie soll grundlegend saniert und weitgehend dem Zustand des 19. Jahrhunderts angenähert werden.

Zunächst sind wir im Hof der Orangerie mit dem Wolffschen Märchenbrunnen von 1844, der ursprünglich im Park Sanssouci stand, von Friedrich Wilhelm IV. dem Großherzog Georg geschenkt wurde und so nach Neustrelitz kam.

Nicht weit entfernt findet man den sog. Orestsarkophag. Ich dachte eigentlich, ich hätte erst neulich darüber geschrieben, tatsächlich war es vor fast 5 Jahren, wen es wirklich interessiert, der folge dem launigen Link - „Über einen Muttermörder im Schloßgarten“.

Wir sind zurück im Hof der Orangerie und blicken zum „Betenden Knaben“ auf. Eine Kopie nach Lysipp. Streng genommen ist es die Kopie einer Kopie, da das Werk des griechischen Bildhauers nur in römischen Nachbildungen auf uns gekommen ist. Darum ist eine Debatte der Autorenschaft ein wenig die über des Kaisers Bart, wie man früher zu sagen pflegte. Das Vorbild steht heute im Alten Museum in Berlin. Die Herbstversion der Aufnahme, die mir mehr zusagt, ist auch schon etwas älter.

Dann kommt ein Nachtrag gewissermaßen zur Ildefonso-Gruppe. Über die Dioskuren Castor und Pollux, die wohl dargestellt sind, habe ich wirklich kürzlich etwas erzählt (man muß nur zum ersten Bild nach dem Bachschen Musikstück springen).

In der Fernansicht wirkt die Mecklenburg-Strelitzsche Hypothekenbank von 1897 noch fast träumerisch schön, ein Eindruck, der sich bei näherer Betrachtung eher auflöst.

Und am Ende sind wir wieder im Hof der Orangerie und blicken zur Schloßkirche hinüber...

nachgetragen am 21. Mai

Sonntag, 12. Mai 2019

Sonntag Jubilate – Bach & unbekleidete Jünglinge

Johann Sebastian Bach, „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“, 
Kantate BWV 12, hier gefunden

Üblicherweise ist sein Programm ja nahezu so auferbauend wie die Predigt einer neu-protestantischen Geistlichen, die zwar nicht an die leibliche Auferstehung unseres Herrn zu glauben vermag, und neben dem meisten anderen auch an sonst nicht viel, dafür aber ganz doll an die Hl. Greta Thunfisch. Das erträgt man rein körperlich nicht viel über eine halbe Stunde. Aber es gibt erfreuliche Ausnahmen, ich spreche über den Deutschlandfunk.

Ohne diesen wäre mir etwa diesen Sonntag völlig entgangen, daß schließlich Johann Sebastian Bach für Jubilate die wunderbare Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ BWV 12, geschrieben hat, zu hören war sie in der Stunde Geistlicher Musik (sie ging bis 7.00 Uhr, der Link lohnt sich, es erweist sich als wahre Fundgrube).


Wir sind beim 2. Teil meiner obigen Ankündigung. Von Neustrelitz‘ vergangener Pracht ist immerhin auch der Schloßgarten übriggeblieben. Dessen Mittelachse nimmt langsam wieder Form an.

Und nun ist die sog. Ildefonso-Gruppe zurückgekehrt, mit Marmorsäulen zur rechten und zur linken Seite, die zur rechten sozusagen als Original, die andere als Kopie. Zurück ist sie zwar schon etwas länger, aber das Umfeld ist inzwischen aufgeräumter, und wenn ich auch halb ins Gegenlicht photographieren mußte, wie um diese Tageszeit hier üblich, war es dennoch irgendwie gnädiger, das Licht. Daher die Bilder.


Ildefonso-Gruppe ist natürlich der Name des Originals, das heute im Prado in Madrid zu finden ist. Aus der Zeit des Hadrian stammend, weiß man von ihm wieder seit dem frühen 17. Jahrhundert, bis 1839 stand es im Schloßgarten von La Granja de San Ildefonso bei Segovia, daher der Name.

Wen die Figuren eigentlich darstellen, darüber wurde viel gerätselt. Für Winckelmann war es Orest und Pylades, für Lessing Hypnos und Thanatos, also Schlaf und Tod (man kann das länger hier finden). Originell fand ich die Idee des sich auf seinen Todesdämon lehnenden Antinous und auch interessant, da der linke Jüngling der Figurengruppe seinen Kopf durch den Bildhauer Ippolito Buzzi 1623 wiederbekam, wobei dieser einen antiken Kopf des Antinous verwendete. Das spricht für dessen Stilsicherheit, denn schließlich war dieser der Liebling des Kaisers Hadrian. Wie auch immer. Sollten es die Dioskuren Castor und Pollux sein, wollen wir noch schnell nachliefern, welche Bewandtnis es mit denen auf sich hat.


Kastor und Polydeukes (so die griechische Form des Namen) waren beide Söhne der Leda, nach vorherrschender Meinung Halbbrüder, Kastor hatte zum Vater deren Gatten Tyndareos und war somit ein Sterblicher, während Polydeukes als Sohn des bekannten göttlichen Schwans eben Unsterblichkeit besaß. Die Dioskuren nahmen als Angehörige der Argonauten an der Suche nach dem Goldenen Vlies teil, sie begleiteten Herakles zu den Amazonen. Das ist jetzt nicht gar so aufregend.


Aber die Geschichte um den Tod beider, die ist recht rührend. Kastor starb im Streit mit seinem Cousin Idas, der wurde darauf von Zeus mit einem Blitz erschlagen. Das ist nicht der rührende Teil, sondern: Der trauernde unsterbliche Polydeukes bat darum, die Unsterblichkeit zu verlieren, um bei seinem Bruder Kastor in der Unterwelt sein zu können.

Der gerührte Zeus stellte ihm die Wahl: Ewige Jugend unter den Göttern oder den täglichen Wechsel zwischen Totenreich und Olymp, so daß er einen Tag mit Kastor im Hades und den anderen mit den Göttern im Olymp verbringen würde, dabei aber altern und endlich sterben. Polydeukes wählte den Tod und das Wandern.

Das Kunstwerk war ausgesprochen beliebt, ist daher vielfach kopiert worden, am liebsten als Garten- oder Brunnenfigur. Neustrelitz ist da in bester Gesellschaft etwa mit Charlottenburg, Versailles, Neapel oder Drottningholm.

Schloß Charlottenburg, Belvedere

Die Charlottenburger Variante wirkt etwas derb, die Neustrelitzer ist natürlich auch züchtiger, aber die Nachschöpfung des Briten Joseph Nollekens gibt den Geist des Originals wirklich wundervoll wieder.

Joseph Nollekens, Castor und Pollux

Was sehen wir eigentlich? Nun das Bildprogramm ist wirklich etwas mysteriös. Der eine Jüngling hält mit der rechten Hand eine Fackel zwischen beiden gesenkt und mit der linken eine hinter der Schulter, während der andere, den linken Arm auf dessen Schulter legt und auf eine  Scheibe in seiner rechten Hand schaut. Als Deutung wird angeboten, er gieße ein Trankopfer auf den girlandenumkränzten Altar vor ihnen, auf dem sein Begleiter eben die Fackel löscht, ein Zeichen des Todes.

Neben beiden steht gewissermaßen als Pendant zum Altarstein eine kleine Kore, wahrscheinlich stellt sie Persephone dar.

Wem‘s konveniert, auch noch die rückwärtige Ansicht.

Joseph Nollekens, Castor und Pollux


Die Tristesse, die hier noch mehr vorherrschte, weicht also Tag für Tag der Hoffnung, für den Schloßgarten. Und wenn das nichts ist.

nachgetragen am 14. Mai

Dienstag, 7. Mai 2019

Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau: "Ich bin ja schon in Versailles gestorben."

Ulrich von Brockdorff-Rantzau 1919
von Max Liebermann, hier gefunden

Bei Herrn Klonovsky findet man des öfteren den Satz (womit er seinerseits Frank-Lothar Kroll zitiert): „Seit 1918 ist doch eh alles egal.“ Heute jährt sich zum 100. Mal eines der Ereignisse in der langen Kette der Unerfreulichkeiten, die diesem scheinbar so launig hingeworfenen Bonmot seinen tieferen Ernst gibt.

Warum überhaupt daran erinnern? Einfacher wäre es natürlich, sich den zurechtgemachten Deutungen aus der Gegenwart zu überlassen. Da wird die erlösende Erklärung immer gleich mitgeliefert. Aber das wollen wir anderen überlassen.

Vom Reichsminister des Auswärtigen Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau jedenfalls könnte man lernen, angesichts des Unerträglichen Haltung zu bewahren. Eine andere Art von geistiger Ahnengeschichte, so diese adoptierende Willkür nicht zu anmaßend ist.

Graf Brockdorff-Rantzau hatte am 7. Mai 1919 in Versailles die „Friedensbedingungen“ entgegenzunehmen, die die Sieger des 1. Weltkriegs zuvor untereinander ausgehandelt hatten. Die deutsche Delegation war von den Verhandlungen ausgeschlossen. Nachdem sie die Bedingungen zur Kenntnis bekommen hatte, durfte sie lediglich schriftlich Stellung nehmen, worüber die Sieger dann befinden wollten. Friedensverhandlungen kann man das nicht ernsthaft nennen, ein Diktat trifft es eher, und so ist es damals in Deutschland über sämtliche Parteigrenzen hinweg auch gesehen worden.

Und nur zur Erinnerung, sowohl der Chef des Kabinetts, dem Graf Brockdorff-Rantzau als parteiloser Außenminister angehörte, Philipp Scheidemann, als auch der Reichspräsident Friedrich Ebert waren Sozialdemokraten.

Am Morgen des 7. Mai durfte der Außenminister also endlich den Vertretern der Alliierten begegnen, an der Spitze der britische Premierminister David Lloyd George, der amerikanische Präsident Woodrow Wilson und der französische Premierminister Clemenceau. Letzterer gab mit den Worten - „die Stunde der Abrechnung ist da“ - schon mal die Tonlage vor.

In seiner Antwort entgegnete Graf Brockdorff-Rantzau u.a.: „Es wird von uns verlangt, daß wir uns als die Alleinschuldigen bekennen; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge.“

Ob es nun ein Akt schlechten Gewissens seitens der siegreichen Alliierten war, dem unterlegenen Deutschland die alleinige Kriegsschuld zuzuschieben, ob man nur so die Kriegsschulden, die sowohl Frankreich als auch Großbritannien ja schier erdrückten, meinte loswerden zu können oder ob man einfach Rechtfertigungen brauchte, einen potentiellen Konkurrenten weiter so weit als möglich zu beschädigen, wenn man ihn schon nicht vernichten konnte. All das mag dahinstehen.

Der Versailler „Friedensvertrag“ war jedenfalls nichts anderes als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Warum ihn Deutschland überhaupt unterschrieben hat (wenn auch nicht von Graf Brockdorff-Rantzau, der trat bald mit dem ganzen Kabinett Versailles wegen zurück)? Es wäre anderenfalls besetzt worden, und eine noch größere Hungersnot als die schon bestehende drohte. Um Winston Churchill zu zitieren, aus einer Parlamentsrede am 3. März 1919, vier Monate nachdem das Deutsche Reich das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet hatte:

„Wir erzwingen die Blockade rigoros, und Deutschland steht am Rande einer Hungersnot.“ Deutschland war blockiert, seine Handelsschiffe, selbst die Fischerboote in der Ostsee waren beschlagnahmt. Der Kauf von Lebensmitteln im Ausland wurde verweigert.

Versailles, deutsche Verhandlungdelegation

Bevor ich, und das ist die eigentliche Absicht meines Beitrages, die Rede von Brockdorff-Rantzau in längeren Auszügen bringe, will ich die Reaktionen der Gegenseite nicht vorenthalten: Frankreichs Premier Clemenceau, so liest man, lief krebsrot an, Lloyd George zerbrach beim Zuhören den elfenbeinernen Brieföffner in seiner Hand und erwiderte: „Es ist hart, wenn man den Krieg gewonnen hat und sich so etwas anhören muß.“ Zum ersten Mal habe er Frankreichs Haß auf Deutschland verstanden. Wilson erregte sich: „Was für abscheuliche Manieren... die Deutschen sind wirklich ein dummes Volk und raunt Lloyd George zu: „Ist das nicht typisch für sie?“. Und der nicht gänzlich unbekannte Lord Balfour (genau der, welcher Juden und Arabern zugleich Palästina versprochen hatte) krönt alles mit: „Tiere waren sie und Tiere bleiben sie.“

Anmerkender Einschub

„Beasts they were and beasts they are", heißt es im Original. Ich füge das Englische hinzu, falls jemand nach dem Zitat suchen sollte. Die virtuellen Putzkolonnen müssen da recht gründlich gewesen sein, als ich es nochmal überprüfen wollte, stieß ich auf mich selbst, und das ist immer fatal, aber das Englische liefert wenigstens einige Treffer.

Und wo ich bei Belanglosem bin, wie nicht selten hat dieser Beitrag seine Ursache in Zeitartikeln, über die ich mich herzhaft geärgert hatte. Denn natürlich wissen unsere Gegenwartsschreiber, warum der deutsche Delegationsleiter „beim wichtigsten Auftritt seines Lebens“ scheiterte, nämlich: Er habe seine Erwiderung auf Deutsch vorgetragen, obwohl er „selbstverständlich fließend Französisch und Englisch“ beherrschte. Brockdorff-Rantzau wäre bei seiner Rede sitzen geblieben und er habe einen abschreckenden schnarrenden Tonfall besessen. Er habe schlecht über das Zusammentreffen gegenüber der deutschen Presse gesprochen.

Tatsächlich ist der Satz überliefert: „Dieser dicke Wälzer war ziemlich unnötig. Man hätte das auch alles in einem Satz zusammenfassen können: ‚Deutschland gibt alle Ansprüche auf zu existieren.‘“

Ferner wäre er hochnäsig und unbeherrscht gewesen, eine Fehlbesetzung, „ein ebenso schwerer Trinker wie Morphinist“. Und er habe geistlose Scherze gemacht. Vorfahren hätten nämlich „im 17.Jahrhundert unter französischer Flagge gedient“ und wären mit dem französischen Adel gut bekannt gewesen. Ein französischer Offizier, der dem Gerücht nachgehen wollte, ein gewisser Marschall von Rantzau sei der leibliche Vater von König Ludwig XV. gewesen, habe persönlich bei Brockdorff-Rantzau nachgefragt und zur Antwort erhalten: „Gewiß. In meiner Familie betrachtet man die Bourbonen seit 300 Jahren als Rantzau-Bastarde.“

Bevor ich den Minister des Auswärtigen selbst zu Wort kommen lasse, gibt dies doch einen sprechenden Kontrast ab, denke ich. 

Biographisches findet sich hier. Erwähnen will ich nur noch, daß er am 20. Juni 1919 zusammen mit dem übrigen Kabinett zurücktrat, weil er den Versailler Vertrag als „Verbrechen an Deutschland“ ansah. Im November 1922 wurde Brockdorff-Rantzau Botschafter in Sowjet-Rußland.

Am 8. September 1928 starb er mit 59 Jahren überraschend an den Folgen eines Schlaganfalls. Er hatte in Berlin seinen Bruder besucht. Überliefert sind seine Worte: „Ich sterbe gern, ich bin ja schon in Versailles gestorben.“


vermutlich 1920 von Brockdorff-Rantzau nachgesprochen

Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau am 7. Mai 1919 in Versailles

"Meine Herren! Wir sind tief durchdrungen von der erhabenen Aufgabe, die uns mit Ihnen zusammengeführt hat: Der Welt rasch einen dauernden Frieden zu geben. Wir täuschen uns nicht über den Umfang unserer Niederlage, den Grad unserer Ohnmacht.

Wir wissen, daß die Gewalt der deutschen Waffen gebrochen ist; wir kennen die Wucht des Hasses, die uns hier entgegentritt, und wir haben die leidenschaftliche Forderung gehört, daß die Sieger uns zugleich als Überwundene zahlen lassen und als Schuldige bestrafen sollen.

Es wird von uns verlangt, daß wir uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Wir sind fern davon, jede Verantwortung dafür, daß es zu diesem Weltkriege kam, von Deutschland abzuwälzen und daß er so geführt wurde,.

Die Haltung der früheren Deutschen Regierung auf den Haager Friedenskonferenzen, ihre Handlungen und Unterlassungen in den tragischen zwölf Julitagen mögen zu dem Unheil beigetragen haben, aber wir bestreiten nachdrücklich, daß Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet ist…

Die öffentliche Meinung in allen Ländern unserer Gegner hallt wider von den Verbrechen, die Deutschland im Kriege begangen habe. Auch hier sind wir bereit, getanes Unrecht einzugestehen.

Wir sind nicht hierhergekommen, um die Verantwortlichkeit der Männer, die den Krieg politisch und militärisch geführt haben, zu verkleinern und begangene Frevel wider das Völkerrecht abzuleugnen.

Wir wiederholen die Erklärung, die bei Beginn des Krieges im Deutschen Reichstag abgegeben wurde. Belgien ist Unrecht geschehen, und wir wollen es wieder gutmachen.

Aber auch in der Art der Kriegführung hat nicht Deutschland allein gefehlt. Jede europäische Nation kennt Taten und Personen, deren sich die besten Volksgenossen ungern erinnern. Ich will nicht Vorwürfe mit Vorwürfen erwidern, aber wenn man gerade von uns Buße verlangt, so darf man den Waffenstillstand nicht vergessen.

Sechs Wochen dauerte es, bis wir ihn erhielten, sechs Monate, bis wir Ihre Friedensbedingungen erfuhren. Verbrechen im Kriege mögen nicht zu entschuldigen sein, aber sie geschehen im Ringen um den Sieg, in der Sorge um das nationale Dasein, in einer Leidenschaft, die das Gewissen der Völker stumpf macht.

Die Hunderttausende von Nichtkämpfern, die seit dem 11. November an der Blockade zugrunde gingen, wurden mit kalter Überlegung getötet, nachdem für unsere Gegner der Sieg errungen und verbürgt war. Daran denken Sie, wenn Sie von Schuld und Sühne sprechen.

Das Maß der Schuld aller Beteiligten kann nur eine unparteiische Untersuchung feststellen, eine neutrale Kommission, vor der alle Hauptpersonen der Tragödie zu Worte kommen, der alle Archive geöffnet werden. Wir haben eine solche Untersuchung gefordert, und wir wiederholen die Forderung…

Die einzelnen Grundsätze fordern von uns schwere nationale und wirtschaftliche Opfer. Aber die heiligen Grundrechte aller Völker sind durch diesen Vertrag geschützt. Das Gewissen der Welt steht hinter ihm; keine Nation wird ihn ungestraft verletzen dürfen.

Sie werden uns bereit finden, auf dieser Grundlage den Vorfrieden, den Sie uns vorlegen, mit der festen Absicht zu prüfen, in gemeinsamer, Arbeit mit Ihnen Zerstörtes wieder aufzubauen, geschehenes Unrecht, in erster Linie das Unrecht an Belgien, wieder gutzumachen, und der Menschheit neue Ziele politischen und sozialen Fortschritts zu zeigen.

Bei der verwirrenden Fülle von Problemen, die der gemeinsame Zweck aufwirft, sollten wir möglichst bald die einzelnen Hauptaufgaben durch besondere Kommissionen von Sachverständigen auf der Grundlage des von Ihnen vorgelegten Entwurfs erörtern lassen.

Dabei wird es unsere Hauptaufgabe sein, die verwüstete Menschenkraft der beteiligten Völker durch einen internationalen Schutz von Leben, Gesundheit und Freiheit der arbeitenden Klassen wieder aufzurichten…

Unsere beiderseitigen Sachverständigen werden zu prüfen haben, wie das deutsche Volk seiner finanziellen Entschädigungspflicht Genüge leisten kann, ohne unter der schweren Last zusammenzubrechen.

Ein Zusammenbruch würde die Ersatzberechtigten um die Vorteile bringen, auf die sie Anspruch haben, und eine unheilbare Verwirrung des ganzen europäischen Wirtschaftslebens nach sich ziehen.

Gegen diese drohende Gefahr mit ihren unabsehbaren Folgen müssen Sieger wie Besiegte auf der Hut sein. Es gibt nur ein Mittel, um sie zu bannen: das rückhaltlose Bekenntnis zu der wirtschaftlichen und sozialen Solidarität der Völker zu einem freien und umfassenden Völkerbund."

Meine Herren! Der erhabene Gedanke, aus dem furchtbarsten Unheil der Weltgeschichte durch den Völkerbund den größten Fortschritt der Menschheitsentwicklung herzuleiten, ist ausgesprochen und wird sich durchsetzen; nur wenn sich die Tore zum Völkerbund allen Nationen öffnen, die guten Willens sind, wird das Ziel erreicht werden, nur dann sind die Toten des Krieges nicht umsonst gestorben.

Das deutsche Volk ist innerlich bereit, sich mit seinem schweren Los abzufinden, wenn an den vereinbarten Grundlagen des Friedens nicht gerüttelt wird. Ein Friede, der nicht im Namen des Rechts vor der Welt verteidigt werden kann, würde immer neue Widerstände gegen sich aufrufen. Niemand wäre in der Lage, ihn mit gutem Gewissen zu unterzeichnen, denn er wäre unerfüllbar…"

Die Passagen, die sich in obigem Tondokument wiederfinden, sind farbig hervorgehoben.

Grabstätte von Graf Ulrich von Brockdorff-Rantzau

nachgetragen am 9. Mai

Samstag, 4. Mai 2019

Volkmar Kühns Fabelwesen in der Schloßkirche
















Nachträgliche Anmerkungen

Der Laudator hatte dann auch einen Satz, der mich wieder hoffnungsfroh stimmte, er lautete, er komme jetzt zum Schluß. Abgeschreckt davon, wollte ich eigentlich zunächst gar nichts den Abbildungen beifügen. Aber wenn man von etwas angetan ist, sollte man vielleicht doch ein paar Anmerkungen machen.

Die Plastikgalerie in der Schloßkirche ist in den Frühling gestartet, so heißt wohl eine der dafür üblichen Floskeln. Der Bildhauer Volkmar Kühn aus Thüringen hat unter der Überschrift „Aus dem Leben” dort einige Skulpturen versammelt, von denen man mit den obigen Bildern einen Eindruck gewinnen kann. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Juli (außer montags) von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen.

Dieser Artikel unserer Ortszeitung schreibt dazu Näheres, das ich dann nicht anbringen muß (außerdem informiert er über die Bauarbeiten in der Kirche und um sie herum).

Warum habe ich so garstig begonnen? Nun, ich habe schon schlimmere Phrasentrommeln rattern hören, und er hatte durchaus einiges Bedenkenswertes und Aufschlußreiches zu erzählen, neben Sätzen von der Art, bei Orten wie der Schloßkirche spüre er einen ganz besonderen „Spirit“...

Aber ich bin dann doch lieber hinter den höflicheren Menschen entlanggetigert und habe mir im Rücken der Zuhörenden schon einiges angeschaut.

Obwohl, der Laudator zitierte (natürlich) etwa auch Wilhelm Lehmbruck, und das Zitat wollen wir doch gern etwas länger anbringen: „Die Skulptur, wie jede Kunst, ist der höchste Ausdruck der Zeit. Ein jedes Kunstwerk muß etwas von den ersten Schöpfungstagen haben, von Erdgeruch, man könnte sagen: etwas Animalisches. Alle Kunst ist Maß. Maß gegen Maß, das ist alles. Die Maße, oder bei Figuren die Proportionen, bestimmen den Eindruck, bestimmen die Wirkung, bestimmen den körperlichen Ausdruck, bestimmen die Linie, die Silhouette und alles… Skulptur ist das Wesen der Dinge, das Wesen der Natur, das, was ewig menschlich ist.“

Nach solchen Worten kann man sich natürlich allenfalls noch lächerlich machen, darum will ich nur weniges anfügen. Mein Eindruck war in der Tat, daß Herr Kühn mit seinen Werken, wo sie etwa die Grenzen von Tierischem und Menschlichem übersteigen, geradezu in archetypische Tiefen vordringt. Nicht von ungefähr wirken seine „ägyptischen“ Gottheiten, die natürlich keine sind, so authentisch.

Auf meine kurze Frage, woher die Androgynität vieler seiner Skulpuren rühre, sagte er, er habe dort den Menschen an sich darstellen wollen, nicht getrennt in Mann und Frau, und ähnlich sei es bei der Trennung von Mensch und Tier. Seine Skulpturen beschreiben in der Tat eine Menschheitsgeschichte, bevölkert von Zentauren und Schlangenbändigern, und selbst der Mensch, der seine Beute fortträgt, hat einen Schuppenkörper, wenn man genauer hinschaut.

Man sehe mir bitte nach, wenn ich keine Titel anbringe. Die Ausstellungsmacher waren so zuvorkommend, die Beschreibungs-Täfelchen zu Füßen der Podeste anzubringen. Herunter wäre ich wohl noch gekommen, aber hoch hätte ich mich an den Stangen emporziehen müssen, was einen zu verdrießlichen Eindruck hinterlassen hätte, zurecht.

Aber wenn ich es noch nicht deutlich genug ausgesprochen haben sollte, die Ausstellung sollte man sich unbedingt trotzdem anschauen.

nachgetragen am 6. Mai

Mittwoch, 1. Mai 2019

Keats wiedergelesen


John Keats

Endymion

A thing of beauty is a joy for ever:
Its loveliness increases; it will never
Pass into nothingness; but still will keep
A bower quiet for us, and a sleep
Full of sweet dreams, and health, and quiet breathing.
Therefore, on every morrow, are we wreathing
A flowery band to bind us to the earth.
Spite of despondence, of the inhuman dearth
Of noble natures, of the gloomy days,
Of all the unhealthy and o'er-darkened ways
Made for our searching: yes, in spite of all,
Some shape of beauty moves away the pall
From our dark spirits...


Ein Ding des Schönen ist ein Glück auf immer:
Sein Wundersam-Sein wächset an; und es wird nimmer
Ins Nichts eingehn, sondern erhält
Den stillen Rückzug uns, wo Schlaf befällt
Von Süße voll und gutem Atem hier.
Derhalben jeden Morgen binden wir
Ein Blumenband zur Erde hin, welches bewahrt
Vor Trübsinn und dem bitt'ren Mangel edler Art
Der Seelen und den düst'ren Tagen,
Verderblichem und Dunklem nachzujagen,
Das uns gelegen ist, ja, diesem gegenan
Nimmt eine schöne Form des Sargtuchs Bann
Von unserm dunklen Sinn...


Kürzlich stolperte ich über einen alten Beitrag hier, dem wohl die Übersetzung abhanden gekommen war. Die Bilder sind anschließend an diesen aus jenem lange vergangenen Garten. Aber die Verse rücken ja sowieso alles wieder ins rechte Licht...

Und bevor ich mich des Plagiats schuldig machte, habe ich lieber selber nachgedichtet, tut mir leid, besser kann ich es nicht.

Sonntag, 28. April 2019

Österliche Nachbetrachtungen


Daß der junge Herzog Borwin die Ehre seiner Schwester und die der Familie zu verteidigen suchte, hat uns dieses Fenster beschert, und ihm den Tod. Von daher nahm es jedenfalls seinen Anfang.

Das Fenster findet sich über Altar und Orgel im Borwinheim zu Neustrelitz (ich werde unten ein Situationsphoto anfügen, gewissermaßen, damit man sich eine Vorstellung machen kann). Carl Borwin, jüngerer Bruder des letzten mecklenburg-strelitzschen Großherzogs Adolf Friedrich VI., starb 1908 mit 20 Jahren. Seine Mutter Großherzogin Elisabeth gründete darauf 1910 die „Herzog-Carl-Borwin-Gedächtnis-Stiftung“ für den "Dienst der christlichen Liebestätigkeit im Lande Mecklenburg-Strelitz".


Bis in die 30er Jahre diente es u.a. als Heim für elternlose Kinder; der Saal, gedacht für „Festversammlungen des Jungfrauen- und Jünglingvereins, für Spiel- und Turnaufführungen...“, wurde dann bald von der Stadtkirchengemeinde für Gottesdienste etc. genutzt, und auch die 1840 gegründete und noch immer bestehende Singakademie gewann in ihm einen Ort für Proben und Konzerte.

Dies und weiteres mag man auf dieser ausführlichen Seite nachlesen oder auch hier. Nur, daß Carl Borwin an einer schweren Krankheit starb, ist eine milde Legende, die auch von Hofprediger Horn in seiner Trauerpredigt bemüht wurde. Unter dem 10. Oktober 2013 kann man sie finden, als Dokument damaliger Mentalitäten und Überzeugungen erscheint sie mir recht bemerkenswert.

Ich zitiere mich nunmehr selbst: „Vor 125 Jahren wurde ein Prinz... geboren, dessen Charakter resp. Ehrgefühl ihm früh den Tod schickten. Herzog Carl Borwin starb übrigens an den Folgen eines Duells.“ Seine Schwester, Herzogin Marie war offenkundig von einem Kammerdiener namens Hecht schwanger geworden und hatte danach nur einen französischen Grafen Jametel heiraten können, dessen päpstlicher Adel, zurückhaltend formuliert, leicht zweifelhaft war. Die Ehe war schwierig und wurde auch noch in demselben Jahr 1908 geschieden. Zuvor allerdings hatte besagter Graf seine Noch-Ehefrau in der Gegenwart ihres Bruders wohl so schwer beleidig, daß dieser sich gezwungen sah, ihre Ehre im Duell zu verteidigen, mit bekanntem Ausgang.


Übrigens, falls doch jemand den genannten Beitrag aufsuchen sollte, meide er einen gewissen Link, die Stiftung hat es offenkundig noch zu geben (sie wurde 1928 neu begründet), nur die Seite offensichtlich nicht, da konnte man das letzte Mal eventuell irgendwelche Damenkleidchen erwerben, wenn ich bin mich recht erinnere, ich habe die Domain dann schnell wieder verlassen.

Warum dieser Beitrag. Nun, durch die zurückliegenden hohen Feiertage, war ich etwas öfter an besagtem Ort. Sagen wir es so, die Regelmäßigkeit meiner Gottesdienstbesuche hat gelitten. Und dabei mäanderten meine Gedanken so vor sich hin, während sie sich an der Orgel und der Liturgie erfreuten. Und ja, mehrfach blieben sie an dem Fensterbild über der Orgel hängen.

Während einer Probe des Chores, der mich ertragen muß und sich ebenfalls dort regelmäßig äufhält, hörte ich den Einwand, das Fenster habe schöne Farben, sei hübsch, aber ausdruckslos, leblos, so ungefähr.

In der Tat ist es nicht der leidende Christus, der dort abgebildet wird. Es ist der Christus triumphans, der über den Tod triumphierende Christus und Weltherrscher. In unseren Breiten ist dies der älteste Typus einer Christusdarstellung. Nun reicht das Bild sicher nicht an Vorläufer wie das Triumphkreuz aus der Kathedrale Sant’Evasio in Casale Monferrato

Bildausschnitt, hier gefunden

heran oder das berühmte romanische Mindener Kreuz. 

Kopie des Mindener Kreuzes im Dom zu Minden

Aber es ist auch nicht Paula Jordan:


Nur zur Erklärung, Frau Jordan war einmal, genauer in den zurückliegenden Jahrzehnten eine sehr beliebte Illustratorin im evangelischen Milieu. Daher halte ich auch voller Nostalgie dieses Weihnachtstransparent in Ehren, man bekommt davon einen Eindruck.

Und wo ich bei Erläuterungen bin – auf der oben abgebildeten Kopie des Mindener Kreuzes kann man sehr schön die lateinische Inschrift erkennen:

HOC REPARAT XPC DEUS IN LIGNO CRUCIFIXUS QUOD DESTRUXIT ADAM DECEPTUS IN ARBORE QUADAM

zu Deutsch: „Das stellt Christus, der am Holze gekreuzigte Gott, wieder her, was der am Baum getäuschte Adam zerstört hat.“

Und das nicht minder bedeutende Kruzifix aus dem Piemont war im 19. Jahrhundert in die Sakristei verbannt worden und sollte an einen Antiquitätenhändler verkauft werden, habe ich irgendwo gelesen, ein Kanoniker bewahrte es davor und ließ es recht hoch in der Kirche aufhängen, offenbar rechnete er mir der Trägheit seiner Kollegen, erfolgreich.

Doch zurück zum triumphierenden Christus aus dem Borwinheim. Das Glasfenster ist voller Symbolik, es ist auch eine Darstellung der Trinität, nur daß Gott der Vater, von dem der Heilige Geist ausgeht, im symbolischen Dreieck gestaltlos bleibt. Die Sichel des abnehmenden Mondes im Westen, die von Christus erleuchtete Sonne, man kann sich schon in all dem verlieren.

Und wenn man dann zur Osterliturgie, in der der Glaube von Jahrtausenden gleichsam gespeichert ist, den Christus triumphans hinter dem leeren Kreuz des abwesenden Gottes sieht. Auch Formen und Formeln vermögen zu predigen. Womit ich nicht sagen will, daß nicht auch vom Wort Gottes zu hören war.

Doch 2 Dinge fand ich dann noch einmal hervorhebenswert. Großherzogin Elisabeth (gest. 20. Juli 1933 in Neustrelitz) verlor beide Söhne auf tragische, man muß sagen, letztlich sinnlose Weise (der letzte mecklenburg-strelitzschen Großherzogs Adolf Friedrich VI. nahm sich selbst das Leben). Nicht allein bewahrte sie auch nach dem Ende von 1918 ihre Haltung, wie man zudem einen sinnlosen Verlust zum Anlaß für Bleibendes zu gewinnen vermag, bleibt bewundernswürdig.


Und noch etwas stimmt denn doch froh. Das Borwinheim ist vor 10 Jahren mustergültig saniert worden. Dieser Bericht beschreibt das eindrucksvoll. Man nimmt das gewohnt Gewordene halt zu selbstverständlich und vergißt leicht, mit welcher Liebe zum Detail, mit welcher Sorgfalt und Achtsamkeit in der Gewinnung neuer schöner Formen etwa vorgegangen wurde.


Ich muß für meine Person gestehen, daß meine Skepsis gegenüber der Moderne mir mitunter die Augen davor verschließt, welche überzeugenden Hervorbringungen es durchaus gibt. Und die Möglichkeiten modernen Bauens können Altes eben auch in einer Weise erstrahlen lassen, die seine Präsenz in unerwarteter Weise steigert.

Und das Fenster, nun ja, es fügt sich hier ein.


nachgetragen am 29. April