Sonntag, 7. Juli 2019

Von dem Verführerischen des Menschlichen und der Wahrheit Gottes - eine Predigt

Marten de Vos, 1601, Die Vision des Hl. Eustachius 
mit anderen Szenen seiner Glaubensprüfungen im Hintergrund

Die Predigt des Herrn Roloff, die sich anschließend findet, bedurfte nach meiner Auffassung einer Vorbemerkung, die ich unter dem Titel Präliminarien zu einer Predigt hier hinterlassen habe. Ich mochte das ewige Wort Gottes nicht mit Zeitgenössischem besudeln, sozusagen.

St. Eustachius und Agathe, Magdeburg-Diesdorf.

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis in St. Eustachius und Agathe, Magdeburg

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Ich danke unserm HERR Christus Jesus, der mich stark gemacht und treu geachtet hat und gesetzt in das Amt, der ich zuvor war ein Lästerer und ein Verfolger und ein Schmäher; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan im Unglauben. Es ist aber desto reicher gewesen die Gnade unsers HERRN samt dem Glauben und der Liebe, die in Christo Jesu ist.
Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, auf daß an mir vornehmlich Jesus Christus erzeigte alle Geduld, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.
1 Tim 1, 12-17

Liebe Gemeinde,

wenn uns die Menschlichkeit verbindet, dann ist ganz egal, was uns trennt. Wer wollte dem nicht zustimmen? Das Menschliche ist so verführerisch. Es lässt uns schließlich nicht nur das Gute befördern, sondern es lässt uns vor allem gut erscheinen. Es ist so schön und wohltuend, zu den Guten zu gehören. Wer das Gute will, der muss unter Umständen auch die sonst für alle geltenden Regeln nicht beachten. Die Regeln dürfen uns doch nicht daran hindern, das Gute zum Durchbruch zu bringen.

Auf dieses Wohlgefühl blickt der Apostel Paulus in unserem Predigttext zurück. Er hat mit Leidenschaft die Irrgläubigen verfolgt, die Andersdenkenden gejagt. Er hat nicht dulden wollen, dass da eine neue Sekte den rechten Glauben zersetzt. Es durfte keine Tabus geben, wenn es darum ging, jene zur Strecke zu bringen, die, anstatt des ewigen Gottes, einen vulgären und anmaßenden Wanderprediger verehrten. Er hatte Wohlgefallen daran, dass Stephanus gesteinigt wurde, weil er sich mutig zum Herrn bekannte. Es war zutiefst menschlich, dass man den Feinden des Glaubens entschlossen entgegentrat.


Heinrich Schütz: Saul, Saul, was verfolgst du mich? (SWV 415)

Dieses menschliche Wüten des Paulus fand sein Ende vor den Toren von Damaskus. Davon berichtet uns der Apostel in unserem Predigttext. Es ist bezeichnend, dass er, sooft er an dieses Geschehen denkt, gleichsam in Dankbarkeit versinkt.

Ich danke unserm HERR Christus Jesus, der mich stark gemacht und treu geachtet hat und gesetzt in das Amt. Er wurde bekehrt vom menschlichen Hochmut zur christlichen Demut.

Dankbarkeit ist der Schlüssel zum rechten Verständnis Gottes. Ich verdanke mich ihm und er verdankt mir nichts. Gott achtet Paulus nicht seiner Stärke wegen, sondern Paulus verdankt seine Stärke der Zuwendung Gottes. Gott wendet sich diesem Menschen nicht zu, weil er ihn als vorbildlich treu befunden hat und ihn darum ehren will. Die Treue erwächst überhaupt erst aus der Hinwendung Gottes. Erst diese von Gott erweckte Treue wirkt in Paulus bittere Erkenntnis: Mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan im Unglauben. Paulus wollte mit rasendem Eifer Gutes tun, aber er kannte den Herrn nicht. Wer aber den Herrn nicht kennt, der hat keinen Maßstab, der hat keine Orientierung, der hat vor allem keinen wahren Glauben. Die Wahrheit des Glaubens ist nämlich an den gebunden, der die Wahrheit ist.

Auch wer ein Lästerer, Verfolger und Frevler war, kann von diesem Herrn ins Amt gesetzt werden. Das ist es, was Paulus überrascht hat und wovon er reden und Zeugnis ablegen muss. Er bekennt, ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Der Unglaube bewirkt Irrtum. Das ist es, was Paulus zu erkennen beginnt, nachdem er dem Herrn vor Damaskus begegnet ist.

Voller Staunen wird er gewahr, dass wegen der Ungeheuerlichkeit seiner vorherigen Sünde, die Gnade Christi umso klarer hervortreten kann. Es ist aber desto reicher gewesen die Gnade unsers HERRN samt dem Glauben und der Liebe, die in Christo Jesu ist, schreibt er an Timotheus. Und dann folgt der zentrale Satz des Textes, es folgt im Grunde der zentrale Satz christlichen Glaubens: Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin.

Christus ist Mensch geworden, er ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen! Das setzt doch zunächst und vor allem voraus, dass ich mich als Sünder erkenne! Ich kann nicht aus mir selbst das Gute finden. Was nennst du mich gut, niemand ist gut als Gott allein, sagt selbst Christus zum reichen Jüngling. Noch entschiedener wendet es sich an Petrus, als der das Leiden seines Meisters verhindern will.

Da wandte sich Jesus um und sprach zu Petrus: Hebe dich, Satan, von mir! du bist mir ärgerlich; denn du meinst nicht was göttlich, sondern was menschlich ist. Es liegt die Gefahr großen Unheils darin, wenn wir aus eigenem Entschluss und aus eigener Einsicht das Gute und Menschliche suchen. Wir können als Menschen aus eigener Einsicht nur Gemeinschaft finden, wenn wir uns als Sünder erkennen. Eine Gemeinschaft aus den selbst erkorenen guten Absichten heraus ist unmöglich. Sie führt immer in die Selbstermächtigung, in den Hochmut der Selbsterlösung.

Paulus hat vor Damaskus erfahren, dass die erste und alles ändernde Entscheidung dann fällt, wenn man Christus begegnet.

Darum ist es so gefahrvoll, wenn sich augenblicklich die Meinung durchsetzt, wenn wir nur im vermeintlich Guten weite Übereinkunft erzielen,  dann ist am Ende ganz egal, woran wir glauben. Dann soll doch jeder in seinem Glauben zum Guten beitragen.

Das ist darum eine verführerische und ganz und gar vergiftete Auffassung, weil sie die Entscheidung über das Verhältnis zum Erlöser der Welt auf den zweiten Platz verweist – erst das Gute und dann die Frage nach dem konkreten Glauben. Eine schamlosere Beleidigung des Herrn der Welt ist kaum denkbar.

Denn die Frage nach Christus wird nun zweitrangig.

Das ist aber vor allem darum auch falsch, weil ohne den christlichen Glauben, ohne die „Überzeugung eines Schöpfergottes, die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln niemals entwickelt worden wären.

Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden.

Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.“ So in etwa hat es Benedikt XVI. vor einigen Jahren im Reichstag auf den Punkt gebracht.

Anderen Überzeugungen und Glaubensauffassungen gegenüber tolerant zu sein bedeutet eben nicht, die eigenen aufzugeben oder auch nur zu relativieren. Tolerieren kann man immer nur das, was man für falsch hält, anderenfalls könnte man ihm beipflichten.

Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! So bekennt sich Paulus und ruft auch Timotheus in dieses Bekenntnis. So bekennt sich die Kirche und gibt darin Zeugnis von dem Herrn, der in Ewigkeit unser rechtmäßiger König ist, der unvergänglich, unsichtbar und alleine Gott ist. Er hat den Menschen zu seinem Bilde geschaffen, er hat der ganzen Schöpfung seine Ordnung eingeschrieben, die wir zu achten haben, weil wir selbst aus dieser Ordnung heraus geboren sind.

Ihn preist die Kirche von Paulus und Timotheus an, in der Gemeinschaft mit der Gottesmutter, mit dem Hl. Eustachius und der Hl. Agathe, den Patronen dieser Kirche, und mit allen Christen, die vor uns gewesen sind. Mit ihnen allen bekennen heute auch wir: Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.

Thomas Roloff

Sebastiano del Piombo, Martyrium der Hl. Agatha, 1520

nachgetragen am 8. Juli

Samstag, 6. Juli 2019

Präliminarien zu einer Predigt


Erik Satie - Gymnopédie No.1

Es ist widerständig, wenn man einer Predigt, die anschließend eingestellt werden soll, etwas hinzufügen muß, das unerfreulich ist. Zumal, wenn man eben aus einem wundervollen Orgelkonzert zurückkommt, veranstaltet von zwei Warener Damen, über französische Orgelmusik vor und nach 1900, eine Musik, einfallsreich, sentimental, gelöst, spielerisch, ohne dabei je flach zu werden, man sich also in gelöster Stimmung befindet, aber doch gern diese Predigt bringen will. Nun ja.

Aber vielleicht kann man über diesen Topos nur angemessen schreiben, wenn man sich in gelöster Stimmung befindet. Warum ist eine Vorbemerkung überhaupt nötig. Nun deswegen:


Es gibt in diesem vor sich hin wesenden Volkskörper besonders Eifernde, die alles für N.zi! halten, was über ihre Kindergarten-Erinnerung zurückreicht, verstört, verhetzt, aber darin eben um so eifriger, das Auszulöschende auszumachen. Ich mag mich weder in die Sprache noch sonst irgendwie in die Nähe dieses Milieus begeben (daher die Abkürzung), sondern einige allgemeine Beobachtungen teilen, woran man das Böse erkenne.

Und um nur noch das zu erklären:


Das geschändete Denkmal steht in Magdeburg und wurde 1877 zum Gedenken an die Gefallenen der Einigungskriege im Park am Fürstenwall errichtet. Eine Inschrift lautet: „Den im Kampfe für Deutschlands Ehre und Einheit gefallenen Kriegern des Stadtkreises Magdeburg“. Man muß davon ausgehen, daß von dem Vorgang in diesen Zeiten öffentlich nicht weiter Notiz genommen werden wird (allenfalls affirmativ).

Kaiserproklamation, Kriegerdenkmal in Magdeburg,
Relief modelliert 1877 von Emil Hundrieser, hier gefunden

In der Predigt des Herrn Roloff wird es u.a. um die Fallstricke des das Gute Wollen gehen. Und es drängte sich ja förmlich auf, auf das Obige einzugehen. Aber er hat sich denn doch dagegen entschieden. Ich will es auch nicht, und wiederum irgendwie doch. Denn solcherlei darf nicht unkommentiert bleiben.

Also, woran erkennt man das Böse? Nun zuerst hilft ein Wort des Herrn aus Matthäus 7, die Verse 15 und 16:

Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? 

Worte werden also nicht helfen. Das Böse wird immer sagen: „Ich bin das Gute.“ Denn es west in der Lüge. Seine Wirkungen verraten es, denn es will vor allem eines – Vernichtung. Und dafür nutzt es die Schwächen der menschlichen Natur wie Mißgunst, Neid, Rachsucht (selbst für eingebildetes Unrecht), Trägheit, Geistfeindschaft, Gefallsucht, Eitelkeit, Dummstolz, Gier, so wie die übrigen. Und es benutzt sie nicht nur, sondern stachelt sie auf und rechtfertigt sie, es nutzt diese Schwächen und verkleidet sie als Tugenden. So daß der dem Bösen Anheimgefallene seine dunklen Seiten ausleben kann und zugleich als vorbildhaft gelten darf.

Die Lüge hat keinen Bestand, sie erzeugt Spannungen, also muß der ihr Anheimgefallene ständig kämpfen, den Feind ausmachen oder erfinden, er muß die Spannung, die er ja spürt, nach außen kehren und an der Welt abarbeiten. Er ist somit ständig empört und in Bewegung (so wie beim Fahrradfahren, wenn er sich nicht bewegt, wohin immer, fällt er um, es sei denn, er fährt gegen eine Wand, dann fällt er auch um).

Die Lüge haßt die Wirklichkeit, denn in der Wirklichkeit wohnt der Vater der Wahrheit. Also besteht ihr ganzes Nicht-Wesen aus Feindseligkeit. Darum muß denunziert, dekonstruiert, umgedeutet, verdächtig gemacht werden, muß ihre Erkennbarkeit in Zweifel gezogen, nein bestritten werden, denn es gibt gar keine Wahrheit, sondern nurmehr Macht.

Die Lüge zerfrißt den emporsteigenden menschlichen Geist. Sie bekämpft, was in gewachsenen und bewahrten Erfahrungen, in der Tradition von Institutionen, im Band von Gemeinschaften, in der Geschichte von Völkern und vielem mehr zu einem inneren Gerüst geworden ist, an und auf dem eine höhere Kultur erwachsen kann und will.

Wo sie gegen dieses ankämpft, kommt es nicht nur zu dem Offenkundigen, wie Zerstörung und Vernichtung von Leben, auch die Errungenschaften der Geschichte des menschlichen Geistes gehen verloren. Auf die schauerliche Bühne treten Regressionen, Atavismen, ja ein Rückfall ins Magische. So wie bei dem neuerlichen Phänomen, daß, wer sich mit dem als Feind Ausgemachten abgebe, indem er ihm die Hand reiche, ihn grüße, gar spreche, umgehend infiziert sei. Und daher müsse man am besten alle auslöschen, bei denen sich dieses ereigne.

Das soll genügen. Ich wollte nur ein kleinen Wegweiser anbieten durch den Dschungel der Wirklichkeit, die dieser Tage uns alle bedrängt. Also noch etwas Leichteres zum Abscluß:


Erik Satie - Poudre d'Or

Um noch einmal nach Magdeburg zurückzukehren. Ein Denkmal für die Königin Luise, durch Bürgerspenden zustande gekommen, wurde 1963 gestürzt und in eine Baugrube geworfen. 2009 ermöglichten als „Ausdruck des Bürgersinns“ Spendengelder örtlicher Unternehmer ein neues Denkmal am historischen Standort.


nachgetragen am 8. Juli

Dienstag, 2. Juli 2019

Sagrada Família, ein Feldzeichen der Hoffnung und des Schönen


ALMA MATER - Benedikt XVI.

 "Der Glaube ist Liebe und bringt daher Dichtung und Musik hervor. Der Glaube ist Freude, daher bringt er Schönheit hervor."

["Aus diesem Kontakt des Herzens mit der göttlichen Wahrheit, die Liebe ist, entsteht die Kultur, und aus ihm ist die gesamte große christliche Kultur entstanden. Und wenn der Glaube lebendig bleibt, wird auch dieses kulturelle Erbe nicht zu etwas Totem, sondern bleibt lebendig und gegenwärtig. Die Ikonen sprechen auch heute zum Herzen der Gläubigen, sie sind nicht etwas Vergangenes.]

Die Kathedralen sind keine mittelalterlichen Monumente, sondern Wohnstätten des Lebens, wo wir uns 'zu Hause' fühlen: Wir begegnen Gott und wir begegnen einander. Auch die große Musik – der Gregorianische Choral oder Bach oder Mozart – ist keine Sache der Vergangenheit, sondern lebt von der Lebendigkeit der Liturgie und unseres Glaubens. Wenn der Glaube lebendig ist, wird die christliche Kultur nicht zu etwas »Vergangenem«, sondern bleibt lebendig und gegenwärtig. Und wenn der Glaube lebendig ist, können wir auch heute dem Gebot entsprechen, das in den Psalmen immer wieder anklingt: 'Singt dem Herrn ein neues Lied.'"

Diese Worte sprach Benedikt XVI. in der Generalaudienz vom 21. Mai 2008 und (soweit ich sie farbig hervorgehoben habe) sind in dem obigen kleinen Video (auf italienisch) zu hören.

Eigentlich geht es in der Katechese um den geistlichen Dichter Romanus Melodus, der in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts vorwiegend in Konstantinopel gewirkt hat. Seine poetische Gabe habe Romanus von der Muttergottes im Traum empfangen.

Aber die Sätze des Papstes sind von so universaler Gültigkeit, daß ich die Reihe meiner Nachträge, zumal am Tage des Festes Maria Heimsuchung mit ihnen beginnen wollte.

Sagrada Família, Geburtsfassade, September 2008

Um eine dieser „Wohnstätten des Lebens“ soll es noch einmal gehen, nämlich die Sagrada Família. Vor einiger Zeit hatte ich einmal etwas zu dieser ganz eigentümlichen „Basilica minor“ in Barcelona geschrieben. Und nach 4 Jahren ist es vielleicht nicht ganz unangebracht, vom erfreulichen Wohlergehen dieses Feldzeichens der Hoffnung und des Schönen zu berichten.

Sagrada Família (Barcelona) vom Plaça de Gaudí

Sagrada Família bei Nacht vom Plaça de Gaudí, Februar 2015
Baukräne wurden wegretuschiert, hier gefunden

„2019, das Jahr, in dem sich die Silhouette der Sagrada Família zu verändern beginnt.“

 So ist ein Eintrag auf dem offiziellen Blog der Sagrada Família vom 9. Januar 2019 überschrieben. Und da es leider keine deutsche Version gibt, will ich seinen Inhalt zusammenfassen. Es ist gewissermaßen das Bauprogramm für das laufende Jahr.

Die Passionsfassade im Juni 2017

2018 habe man die Passionsfassade fertiggestellt (somit sind zusammen mit der Geburtsfassade, die Jesu Geburt darstellt, zwei der 3 Schaufassaden vollendet) und mit dem Bau des Turms Jesu Christi (dem Hauptturm der Basilika) begonnen.

Geburtsfassade im August 2017

Das weltweit bekannteste Bild der Basilika sei das Profil der (je) vier Glockentürme an den (fertiggestellten) Fassaden, die sich in den Himmel reckten. Aber 2019 werde sich diese Silhouette zu ändern beginnen, da die zentralen Türme die Höhe der Türme erreichen werden, die zuvor für die Besucher im Mittelpunkt standen. Die vier Türme der Evangelisten, welche Ende 2018 bei 92,80 Metern gestanden hätten, würden auf 105,99 Meter anwachsen, um 2022 die endgültige Höhe von 135 Metern zu erreichen. Der Turm der Hl. Jungfrau Maria werde auf 110,65 Meter, bei einer endgültigen Höhe von 138 Metern, wachsen, während der Turm Jesu Christi, der in diesem Jahr bei 90,86 Metern Höhe begonnen worden sei, am Ende des Jahres bei 106,39 Metern stehen würde.

Modell der Sagrada Familia,
braun - errichtet, weiß - noch zu bauen, hier gefunden

604 der 768 Steinplatten, welche die zentralen Türme verkleiden sollen, würden angebracht sein. Bis zum Ende des Jahres würden die zentralen Türme höher sein als die Glockentürme an den Enden der Krippen- und Passionsfassaden mit einer Höhe von 98,5 bzw. 102 Metern. (Mit den Glockentürmen sind die 12 Aposteltürme gemeint; da zweien der Apostel auch Evangelien des Neuen Testaments zugeschrieben sind, behilft man sich dergestalt, nachdem man den an Stelle des Verräters Judas „nachgewählten“ Matthias aufgenommen hat, ebenso auch Barnabas, der laut der Apostelgeschichte den Jüngern besonders nahestand, und den „postumen“ Apostel Paulus aufzunehmen.

Sagrada Família, Juli 2018, mit dem Turm der Hl. Jungfrau

Die Türme der Evangelisten würden mit den vier Figuren bekrönt werden, mit denen das Christentum sie traditionell symbolisiert habe: ein Engel für Matthäus, ein Löwe für Markus, ein Stier für Lukas und ein Adler für Johannes. Gemeißelt würden sie 2019 von Xavier Medina Campeny, obwohl man noch bis zur Anbringung 2022 warten müsse, um sie allgemein in Augenschein nehmen zu können.

2019 würde auch über die Symbolik der Innenwände des Christusturms entschieden werden.

Die Arbeiten zur endgültigen Fertigstellung der Glorienfassade (der Hauptfassade) müßten zwar noch bis 2022 warten, bis die Arbeiten an den zentralen Türmen abgeschlossen seien. 2019 würde jedoch die vorläufige Gestaltung der Fassade abgeschlossen, so daß die Grundformen der Säulen, des Narthex, der Kapellen und der Symbolik der Fassade erkennbar würden.

Und schließlich gäbe es auch weitere Arbeiten im Inneren der Basilika, u.a. an einer Fußbodenheizung und dem endgültigen Fußboden der Kirche.

Das war nach dem hohe Ton Benedikts vom Anfang zwar recht nüchtern, aber für den, dem der Bau am Herzen liegt, vielleicht nicht unteressant. Es gibt viele interessante

Videos zur Sagrada Família, 

über ihre Geschichte, die förmlich die letzten mehr als 130 Jahre spanischer Geschichtespiegelt, über das Leben von Antoni Gaudí, den sein eigenes Werk völlig veränderte, über die technischen Aspekt, die höchst bemerkenswert sind. Aber wir enden besser mit ein paar allgemeinen Empfehlungen.

Und so wird auch diesmal noch nicht ein Video enthalten sein, in dem jemand sehr eindrucksvoll die 3 Quellen der Architektur der Sagrada Família erklärt, nämlich Bibel - Liturgie – Natur (Nachtrag - tatsächlich findet sich eine solche Feststellung auch in diesem der empfohlenen Videos; es fällt nicht schwer, hier den Überblick zu verlieren).

Sagrada Família, Innenraum, Februar 2011




„2017 Construint un somni | Construyendo un sueño“ heißt das obige Video vom September 2017 und gibt einen guten Eindruck von der Baugeschichte bis hin zur virtuellen endgültigen Gestalt.

Die nächsten sollen nur kurz charakterisiert werden:

2019 La Sagrada Família i la tecnologia“, ein kurzes, etwas lärmiges Video, das ansonsten interessante Bilder von den Techniken zeigt und ab 1.30 sieht man den fertigen Bau aufwachsen.

SAGRADA FAMILIA - BARCELONA SPAIN [ HD]“ - ein stimmunngsvolles musikalisch unterlegtes Übersichtsvideo vom September 2017, das um, über und durch die Basilika führt.

Sagrada Familia - Barcelona Spain - February 2019 - 137 years of construction“ - ebenfalls nur musikalisch unterlegt, allerdings mit einigen erläuternden Kommentaren.

Basilica of the Sagrada Família. Welcome to the Temple“ - ein (englisch) kommentierendes Video von April 2014, das kurz und prägnant den Bau und seinen Charakter beschreibt.

The Passion façade: key moments in its history“ vom Oktober 2018 von der offiziellen Seite der Sagrada Família zeigt die Stationen des Baus der Passionsfassade.

Completing La Sagrada Familia, a talk by Tristram Carfrae“ - im Gegensatz zu den bisherigen Stücken von wenigen Minuten haben wir hier ein fast einstündiges (englischsprachiges) Video aus einer vor allem bautechnischen Perspektive, faszinierend, aber mehr für den „Hardcore-Fan“ sozusagen.

Sagrada Família, Barmherzigkeitsportal



In meinem eingangs erwähnten Beitrag von vor 4 Jahren nannte ich die Basilka eine offene Provokation, das ist sie natürlich auch, die einer monotonen geistleeren Moderne, ein ziemlich groß geratener Widerspruch zum „Zeitgeist“. Aber mehr noch provoziert sie mit ihrer religiösen Selbstgewißheit, als Monument eines unglaublich gesteigerten religiösen Erfahrens, in dem die Darstellung der ganzen Bilderwelt des Neuen Testaments etwa zur modernen Ikone wird. Und jetzt zitiere ich mich engültig selbst:

„Ein Zeichen, dem widersprochen werden muß, natürlich. Selbst nicht im geringsten resignativ, obwohl die Sagrada Familia auch die ‚letzte Kathedrale‘ genannt worden ist, gewissermaßen das Abendleuchten des Christentums. Das wird sich weisen.“

Damals konnte man nicht ahnen, was jüngst mit der Kathedrale Notre-Dame de Paris geschehen sollte. Erstaunlich ruhig ist es übrigens zu den Brandursachen geworden, ohne daß ich das weiter kommentieren will. Aber doch stehen diese beiden Bilder vor dem inneren Auge – das brennende Fanal von Paris und das Zeichen der Hoffnung von Barcelona. Dies sind die Zeichen des Dramas, das unsere Gegenwart bestimmt.

Sagrada Família, Apsisfenster

Sagrada Família, Geburtsfassade, Engel

nachgetragen am 5. Juli

Samstag, 22. Juni 2019

Feldberger Bilder









Ein paar Aufnahmen, die in Feldberg vor dem dortigen Konzert des Gospelchores entstanden sind. Die Photos von der Kirche im Gegenlicht sind irgendwie originell mißlungen, während die letzten beiden von der Probe sozusagen nur mehr dokumentarischen Charakter haben.

nachgetragen am 24. Juni 

Samstag, 15. Juni 2019

Konzert Neubrandenurg - 20 Jahre Gospel Union




Ich bin mir relativ sicher, daß ich diesen Ort noch nicht für Werbung in eigener Sache genutzt habe. Das mit der eigenen Sache stimmt auch nur bedingt, denn schließlich spielt meine bescheidene Person hier - fast - nur eine Statistenrolle, jedenfalls eine sehr am Rand.

Der Chor, der mich seit inzwischen einer Reihe von Jahren trägt und erträgt, wird 20 Jahre alt. Dazu gibt es heute in Neubrandenburg ein Konzert. Alles weitere mag man der folgenden Ankündigung entnehmen.

Das Bild ist bei der gestrigen Generalprobe entstanden. Linda Psaute, die uns den Rücken zuwendet, dafür aber ihre ganze Aufmerksamkeit dem jungen Mann vor ihr - übrigens zur Unterstützung des Chors aus den "Colonies" angereist, wie die Briten sagen würden - gibt ihm erkennbar gerade Anweisungen, wie er den Chor zu begleiten habe.

Ich hoffe sehr, daß die gegenwärtige Schwüle mich nicht vom Podest werfen wird, aber zumindest bei der Generalprobe war es doch erträglich in den Mauern der Johanniskirche.



Dienstag, 11. Juni 2019

Gedanken-Späne

Olivier-Stanislas Perrin, L'atelier du menuisier

Wo gehobelt wird, daher so auch beim Nachdenken, fallen Späne. Gedanken-Späne gewissermaßen -  davon kann man sich sogar ein bequemes Lager machen, auf dem Gedanken-Abfall:


Misogynistisches

Gefühlte Wahrheiten bauen keine Brücken, auf denen man sich leidlich seines Lebens sicher sein könnte.

Die Idee der Wahrheit sei etwas, das sich Männer ausgedacht hätten, um Frauen zu demütigen.


Jean Philippe Rameau, Tristes Apprets Pales Flambeaux


Vom Angehen gegen das Schöne

Zu dem eher abgegriffenen Einwand, ein jeder empfände eben etwas anderes als schön: Auch Gefühle können irren, und tun dies sogar gewöhnlich. Eine Sache, mit bebender Stimme vorgetragen, wird davon nicht notwendig wahrer. Eher gilt der Verdacht des Gegenteils.

Die zeitgenössische Fürsorge für Denkmäler will sie dekontaminieren und einsargen. Eine „Kultur“ des Todes.

Was niedere Geister gegen das Schöne und insonderheit gegen die Kunst aufbringt, ist, was in beidem an das Transzendente rührt. Es würfe sie auf sich selbst zurück, würden sie sich stellen. Der niedrig Gesonnene will etwas besitzen, um es zerstören zu können. Allein dessen Dasein beleidigt seine Existenz.

Wenn das Böse meint, das Auslöschen der Dinge verleihe ihm Macht, dann scheint es zwar äußerlich richtig, aber es ist nicht wahr. Denn, der die Dinge ins Leben ruft, kennt sie und ihre gute und rechte Bestimmung und in Ihm bestehen sie fort.

Puritanismus, das ist die Blindheit des Fanatismus, als ob man sich erst die Augen ausstechen müßte, wenn man Gott recht dienen wolle, darum diese Feindschaft gegen alles Schöne, Bildwerke, Kathedralen, Theaterstücke, ja alles Sinnliche... Es ist die Verachtung von Gottes Schöpfung in dessen Namen.


John Keats: Endymion, A Thing of Beauty, read by Tom O'Bedlam,
hier gefunden, der Anfang findet sich hier übersetzt


Reaktionäres

Wirklichkeit ist ein rechtes Vorurteil und das Ausbleiben des Weltuntergangs eine weitere perfide Verschwörung.

Das Progressive ist eine Art von aggressiv fortschreitender Bewußtseinsstörung. Es existiert, um zu verfolgen.

Es ist es ein hilf- und sinnloses Unterfangen, jemandem mit Vernunftgründen kommen zu wollen, der Wahrheit für ein repressives Konstrukt hält.

Dem Linksverlorenen wird angesichts von Räuber- und Mörderbanden gewöhnlich ganz sentimental ums Herz.

Die Französische Revolution war das Laboratorium, in dem herausgeklügelt wurde, wie man das große Morden systematisch mit moralischem Hochgefühl amalgamieren könne.


Jean-Philippe Rameau, Les Indes Galantes


Gegenwarts-Belästigung

Was ein olfaktorischer Notstand ist, das ist mir aufdringlich einsichtig. Dagegen hilft Kernseife, oder nötigstenfalls etwas chemisch Erfreuliches aus der Sprühdose. Aber ein Klimanotstand? Davon will sich mir kein Begriff einstellen. Stehen die Bewohner solcher Gegenden in Gefahr, sich urplötzlich in Luft aufzulösen? Ist es von der Art, wie den Himmel wegen des amerikanischen Präsidenten (er lebe lang und gedeihlich) anzuschreien? Wir bleiben ratlos zurück.

Die Dinge sind zerstört und durcheinander geraten. Valle de los Caídos.

Eine auf Widerspruch zur Wirklichkeit hin angelegte Existenz kann diesen immer nur noch mehr eskalieren.

Sie haben sich so komfortabel in der Schuld der anderen eingerichtet. Doch die Toten erziehen zu wollen, wirkt leicht anachronistisch. Aber, daß etwas anachronistisch ist, allein, macht es natürlich noch nicht unwahr.

Der Widerwille gegen das Wieder-Erstehende ist der Haß gegen die Heilung.

Bei Mißdeutungen an Mißverständnisse zu denken, setzt den guten Willen des anderen voraus. Woher noch immer dieses Urvertrauen?

Kultur bedarf einer gewissen Anstrengungsbereitschaft. Eine rein biologisch anwachsende Masse garantiert noch keine Weisheit. Bildung, eine neue Bosheit, die sie aus ihren gewohnten Verhältnissen riß.

Die Springteufel des neuzeitlich Dahinplazierten.


Jessye Norman: "Im Abendrot" - Richard Strauss


Sentimentales

Leben ist etwas, das einem mitgespielt wird. Am wahrsten bleiben die Erinnerungen an das, was es nie gegeben hat.

Wenn ein Mecklenburger Visionen hat, betrinkt er sich und hofft, daß der Spuk bald wieder vorbei ist.

Wer kennt das nicht? Man ist klüger als man selbst, weiß aber keinen Gebrauch davon zu machen.

Man denkt leicht, daß die verwandte Sorge, das gleiche Interesse eine besondere Verbindung stiften müßten. Natürlich nicht. Eher gibt es dem Ressentiment einen neuen Spielboden.

Die Varianten des Unmöglichen genießen.

Was für ein Kehrrichthaufen unsere Gedanken sind.


Jessye Norman: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“,
G. Mahler/ F. Rückert, hier gefunden


Fremd-Kluges

"Einem König sollte nichts mehr am Herzen liegen, als so vielseitig, so unterrichtet, orientirt und vorurtheilsfrey, kurz so vollständiger Mensch zu seyn, und zu bleiben, als möglich. Kein Mensch hat mehr Mittel in Händen sich auf eine leichte Art diesen höchsten Styl der Menschheit zu eigen zu machen, als ein König."

"Ein wahrhaftes Königspaar ist für den ganzen Menschen, was eine Constitution für den bloßen Verstand ist."

Aber:

"Ein einstürzender Thron ist, wie ein fallender Berg, der die Ebene zerschmettert und da ein todtes Meer hinterläßt, wo sonst ein fruchtbares Land und lustige Wohnstätte war."

Georg Philipp Friedrich von Hardenberg

Hans-Dietrich Sander habe dies die "Tribunalstruktur" der marxistischen Kritik genannt. Und ich lese Tribalstruktur. Hm.

Ein junger Einwohner Kinshasas bei David Van Reybrouck: „Wie lange wird diese Unabhängigkeit noch dauern? Wann kommen die Belgier zurück?'“ Und das den Belgiern!

„Die Hierarchien sind himmlisch. In der Hölle sind alle gleich.“

Nicolás Gómez Dávila


Camille Saint-Saëns, Ave Verum, Motette zu 4 Stimmen

Sonntag, 9. Juni 2019

Pfingsten – Hymnen & Bilder

Stundenbuch des Herzogs von Berry, Les Très Riches Heures
Pfingsten, hier gefunden


Gregorian chant notation from the Liber Usualis (1961), p. 885.
Latin lyrics sung by the Schola Cantorum of Amsterdam Students,

Veni creator Spiritus,
Mentes tuorum visita:
Imple superna gratia,
Quae tu creasti pectora.

Qui diceris Paraclitus,
Altissimi donum Dei,
Fons vivus, ignis, caritas
Et spiritalis unctio.

Tu septiformis munere,
Digitus paternae dexterae.
Tu rite promissum Patris,
Sermone ditans guttura. 

Accende lumen sensibus
Infunde amorem cordibus,
Infirma nostri corporis
Virtute firmans perpeti. 

Hostem repellas longius
Pacemque dones protinus;
Ductore sic te praevio
Vitemus omne noxium. 

Per te sciamus da Patrem,
Noscamus atque Filium;
Teque utriusque Spiritum
Credamus omni tempore. 

Deo Patri sit gloria,
Et Filio, qui a mortuis
Surrexit, ac Paraclito
In saeculorum saecula. Amen

Amen

Loquebantur variis linguis Apostoli. Alleluia, alleluia. 
Magnalia Dei, alleluia. 

Stundenbuch des Herzogs von Berry, Les Très Riches Heures
Pfingsten, hier gefunden

Der Hymnus Veni creator Spiritus des Hrabanus Maurus ist nicht nur einer der ältesten, sondern ebenso einer der wirkmächtigsten unseres geistigen Erbes. Hier kann man u.a. die These finden, daß er anläßlich des Aachener Konzils von 809 verfaßt worden ist, um auf den Auftrag Kaiser Karls d. Gr. einzustimmen, das Filioque ins Glaubensbekenntnis einzufügen.

Damit war zwar erst ein sehr später Nachfolger im dogmatischen Sinne erfolgreich, nämlich Kaiser Heinrich II.  (etwa 1013), der Papst Benedikt VIII. dazu bewegte, lehramtlich festzuhalten, daß der Heilige Geist aus dem Vater und dem Sohne hervorgehe.

Ich will dies aber nicht vertiefen, man bleibe unbesorgt. Mir geht es hier gewissermaßen immer nur um Anmerkungen zu den Sachen, auf die ich verweisen will.

Bemerkenswert ist es aber schon, daß einer der beiden Hauptpunkte, die Ost- und Westkirche zuverlässig bis heute voneinander trennen, zweien unserer Kaiser zu verdanken ist.

Ich finde, obige Interpretation (ich habe die englische Beschreibung dort belassen) wird durch die  Amsterdamer Studenten der Schola Cantorum auf erfrischende Art vorgetragen. Das gibt einen schönen Zug zur Dignität des Textes hinzu, den ich ebenfalls oben angebracht habe (die obige Version ist jene, die gesungen wird).

Auf der Seite, zu der ich verlinkt habe, kann man eine Liste von Goethe zu Mahler etc. einsehen, die bestätigt, wie folgenreich, gerade musikalisch, der Hymnus über mehr als ein Jahrtausend blieb. Damit man, falls man sich versucht sieht, in den Gesang der Amsterdamer Stundenten mit einzustimmen, auch weiß, was man da singt, folgt die Übersetzung von unserem Vater Luther (es mußten nur zwei Verse umgestellt werden, dann entsprechen sich beide Versionen).

1. Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist,
besuch das Herz der Menschen dein,
mit Gnaden sie füll, denn du weißt,
daß sie dein Geschöpfe sein.

2. Denn du bist der Tröster genannt,
des Allerhöchsten Gabe teu'r,
ein geistlich Salb an uns gewandt,
ein lebend Brunn, Lieb und Feu'r.

4. Du bist mit Gaben siebenfalt
der Finger an Gotts rechter Hand;
des Vaters Wort gibst du gar bald
mit Zungen in alle Land.

3. Zünd uns ein Licht an im Verstand,
gib uns ins Herz der Liebe Brunst,
das schwach Fleisch in uns, dir bekannt,
erhalt fest dein Kraft und Gunst.

5. Des Feindes List treib von uns fern,
den Fried schaff bei uns deine Gnad,
daß wir deim Leiten folgen gern
und meiden der Seelen Schad.

6. Lehr uns den Vater kennen wohl,
dazu Jesum Christ, seinen Sohn,
daß wir des Glaubens werden voll,
dich, beider Geist, zu verstahn.

7. Gott Vater sei Lob und dem Sohn,
der von den Toten auferstand;
dem Tröster sei dasselb getan
in Ewigkeit alle Stund.

Soweit die wunderbare Übersetzung Martin Luthers. Damit keine Verwirrung ensteht - oben schließt sich noch ein Responsorium an, das sich so übersetzen läßt:

Die Apostel redeten in mancherlei Sprachen, Halleluja, Halleluja.
Die Wundertaten Gottes. Halleluja.


John Dunstable, Veni Creator Spiritus

Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.

Es waren aber Juden zu Jerusalem wohnend, die waren gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist. Da nun diese Stimme geschah, kam die Menge zusammen und wurden bestürzt; denn es hörte ein jeglicher, daß sie mit seiner Sprache redeten.

Sie entsetzten sich aber alle, verwunderten sich und sprachen untereinander: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind? Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien und in Judäa und Kappadozien, Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und an den Enden von Lybien bei Kyrene und Ausländer von Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie mit unsern Zungen die großen Taten Gottes reden.

Sie entsetzten sich aber alle und wurden irre und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Die andern aber hatten's ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.


Da trat Petrus auf mit den Elfen, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr zu Jerusalem wohnet, das sei euch kundgetan, und lasset meine Worte zu euren Ohren eingehen. Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet, sintemal es ist die dritte Stunde am Tage; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist:

"Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselben Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

Und ich will Wunder tun oben im Himmel und Zeichen unten auf Erden: Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll sich verkehren in Finsternis und der Mond in Blut, ehe denn der große und offenbare Tag des Herrn kommt. Und soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll selig werden."

Ihr Männer von Israel, höret diese Worte: Jesum von Nazareth, den Mann, von Gott unter euch mit Taten und Wundern und Zeichen erwiesen, welche Gott durch ihn tat unter euch (wie denn auch ihr selbst wisset), denselben (nachdem er aus bedachtem Rat und Vorsehung Gottes übergeben war) habt ihr genommen durch die Hände der Ungerechten und ihn angeheftet und erwürgt. Den hat Gott auferweckt, und aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, daß er sollte von ihm gehalten werden.

Denn David spricht von ihm: "Ich habe den Herrn allezeit vorgesetzt vor mein Angesicht; denn er ist an meiner Rechten, auf daß ich nicht bewegt werde. Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge freuet sich; denn auch mein Fleisch wird ruhen in der Hoffnung. Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen, auch nicht zugeben, daß dein Heiliger die Verwesung sehe. Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freuden vor deinem Angesicht."


Ihr Männer, liebe Brüder, lasset mich frei reden zu euch von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. Da er nun ein Prophet war und wußte, daß ihm Gott verheißen hatte mit einem Eide, daß die Frucht seiner Lenden sollte auf seinem Stuhl sitzen, hat er's zuvor gesehen und geredet von der Auferstehung Christi, daß seine Seele nicht dem Tode gelassen ist und sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen.

Nun er durch die Rechte Gottes erhöht ist und empfangen hat die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater, hat er ausgegossen dies, das ihr sehet und höret. Denn David ist nicht gen Himmel gefahren. Er spricht aber: "Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße." So wisse nun das ganze Haus Israel gewiß, daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und Christus gemacht hat.

Da sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und fragten Petrus und die andern Apostel: Ihr Männer, was sollen wir tun? Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.

Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung und aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird. Auch mit vielen anderen Worten bezeugte und ermahnte er: Lasset euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht!

Die nun sein Wort gern annahmen, ließen sich taufen; und wurden hinzugetan an dem Tage bei dreitausend Seelen.


Apostelgeschichte 2,1 – 41

St. Petersburg, Erlöser-Kirche auf dem Blut
leicht bearbeit und hier gefunden

Soweit die Apostelgeschichte. Ja es sind 41 Verse, aber wo hätte man kürzen können? Zwei Bilder von heute sollten den steinigen Weg etwas untermalen. Schließlich ist es Gründungsdokument der Kirche. Und selbst in diesem schweren Text gibt es die humorige Stelle, wo Petrus dem Vorwurf entgegentritt, die Jünger seien alle nur betrunken: Dafür sei es doch wohl reichlich früh am Vormittag…

St. Petersburg, Erlöser-Kirche auf dem Blut
leicht bearbeit und hier gefunden

Bei dem sehr würdigen Mosaik aus der Erlöser-Kirche auf dem Blut in St. Petersburg, das die Allersel. Jungfrau inmitten der Pfingtserscheinung zeigt, käme jemand ob seiner auratischen Würde gar nicht auf derlei Gedanken. Man braucht gar nicht zu suchen, sie findet sich nicht im Text der Apostelgeschichte, aber mir erscheint das Bild höchst authentisch.

Ein bemerkenswerter Bau, der seiner Vernichtung in der Zeit der Verirrung Rußlands durch ein Wunder entging, auch wenn er dabei etwa zum Gemüselager herabgewürdigt wurde. Der Name erklärt sich daraus, daß er an der Stelle errichte wurde, wo Zar Alexander II. einem Attentat zum Opfer fiel.

Jetzt folgt nur noch Musik. Zunächst eine Kantate von Johann Sebastian Bach: „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten“ (BWV 59). Er hat sie für den 1. Pfingsttag komponiert. Ich mag es ja eher, wenn Bachs Barock-Trompeten mehr, wie soll ich es sagen, angriffslustiger erschallen, aber bei den Thomanern ist alles recht moderat. Diese Interpretation ist zwar recht lebendig, aber die Trompeten eben.

Und ganz zum Abschluß ein anderer Pfingsthymnus: Veni Sancte Spiritus. Sollte man es durch die Werbung geschafft haben (die sich bei diesen Videos gern mal sinnfrei vordrängt), hört man einmal die Benediktiner von Santo Domingo de Silos und zum anderen die Mönche der Abtei von Rouen.

Ach und überhaupt. Sollte es noch ernstlich jemand bis hier geschafft haben, dem seien späte

Frohe Pfingsten 

gewünscht.


Johann Sebastian Bach: „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten“
 (BWV 59), hier gefunden


Veni Sancte Spiritus, Benedictine monks of Santo Domingo de Silos


Veni Sancte Spiritus, The Monks of the Abbey of Rouen

nachgetragen am 10. Juni