Freitag, 1. März 2019

Ein Gericht in den Lüften

 Eingangshalle des Geschäftsgebäudes für die Zivilabteilungen des Landgerichts Berlin I und des Amtsgerichts Berlin I in der Littenstraße 12–17 in Berlin-Mitte

 Eingangshalle etc. (s.o.)

 Eingangshalle etc. (s.o.)

Gewölbe des Vestibüls im Landgericht Berlin

ehemaliger Gerichtssaal für Agrarsachen im Landgericht Berlin
Nein, das ist nicht das Entrée (im Deutschen wurde das Wort irgendwie neutrisch) zu einem Opernhaus in einem der vielen Feenreiche. Spätestens, wenn man die obigen Bildunterschriften gelesen haben sollte, weiß man das bereits. Ich wußte bis vor kurzem nichts davon. 

Diese feenleichte Eingangshalle von Otto Schmalz regt eher zum Träumen an als zu der Einsicht, daß hier einem preußischen Landgericht zur Gestaltwerdung verholfen werden sollte. Aber ich rede schon wieder von Dingen, von denen ich nichts weiß. Dieser Verweis mag helfen. Von außen macht es nicht viel her, gut, der Eingang, der hinter dieser Halle liegt, wurde in die Neuzeit gerettet.

Die andere imposante Fassade nicht (vom folgenden Bild wird es folglich keine moderne Aufnahme geben, da lagen ein Krieg und eine folgende Barbarenherrschaft dazwischen, eine Straße mußte erweitert werden). Der heutige Eindruck täuscht also (wieder einmal) ein wenig,

Aber wir sollten nicht auf das schauen, was unsere Herzen herabzieht, sondern auf das, was unsere Seele zum Schönen erhebt und tapfer macht. Trotzend aller Vergänglichkeit.

Oder in anderen Worten, wir sollten nicht auf das Vergängliche schauen, sondern es überwinden. Mit Schönheit.

Landgericht I Berlin, Architekten Thoemer, Mönnich & Schmalz


nachgetragen am 9. März

Donnerstag, 28. Februar 2019

Eine geträumte Madonna & Benedikt XVI.

Stefan Lochner: Madonna im Rosenhag, etwa 1448

Oskar Loerke 

GETRÄUMTE MADONNA

Der Abend hat sie ockerrot bestaubt:
Wie Kerzen stehn die bleichen Stauden da.
Zu ihrem Chore senke du dein Haupt.

Im Durchlug zwischen Buchen brennt
In purpurner Dalmatica
Ein Flügelbote, der dich kennt.

Mit Tränen, die kein Mensch noch sah,
Du wäschst mit Tränen ohne Laut,
Wie sie am Weg stehn, sandbegraut:
Lichtnägel, Kreuz- und Sternenkraut.

aus „Atem der Erde“ 

Das Pontifikat Benedikt XVI. endete am 28. Februar 2013. Ich will die unselige Entscheidung des Hl. Vaters nicht weiter kommentieren und meine aufsteigenden Gedanken besser mit diesem wundervollen Mariengedicht Loerkes besänftigen, und darüber hinaus auf die verwaiste Tiara Benedikt XVI. verweisen, zu der man Näheres erfährt, so man diesem Link folgt. 

Tiara Papst Benedikt XVI.

nachgetragen am 4. März

Sonntag, 24. Februar 2019

Über Großherzog Georg und die Ewigkeit der Bäume

in einem Strelitzer Flur gefunden

Unter meinen alten Buchen,
Die wie Himmelssäulen stehn,
Möchte ich Dich, o Ruhe suchen,
Möchte den Himmel wieder sehn,

Wie er durch die dunklen Äste,
Zwiefach schön und her erscheint,
Dann seh' ich gewiß das Beste
Erd und Himmel eng vereint.

Wenn des Mittags glüh'nde Schwüle,
Alles lähmt und schier verdorrt,
Fächelt balsamreiche Kühle
Hier noch unverändert fort.

Nur die Wipfel säumt die Sonne,
Bildet gold´ne Sterne dort.
Schönes Spiel, das ich mit Wonne
Seh´ vom schattenreichen Ort.

Dies Gewölbe mir ersetzen,
Kann nicht Mailands hoher Dom.
Ja, so spricht zu meinem Herzen
Selbst St. Peter nicht zu Rom.

Nichts Vollkommnes kann entspringen
Aus der Sterblichen Verstand,
Dir Natur kann's nur gelingen,
Denn in Dir schafft Gottes Hand.

Georg, Großherzog von Mecklenburg-Strelitz
„Bei der Erinnerung des Buchenwaldes bei Lüttenhagen“


Als ich zufällig auf dieses bemerkenswert präsentierte Gedicht des Großherzogs stieß, war ich gewissermaßen doppelt überrascht, ich kannte es nicht. Daß es mit den „Heiligen Hallen“ zu tun haben könnte, ahnte ich zunächst mehr. Ein Ort, den ich aus unerfindlichen Gründen nie bewußt aufgesucht habe (da ich als sehr junger Mensch öfters in der Feldberger Gegend unterwegs war, vielleicht einmal unbewußt).

Inzwischen weiß ich also, sofern man etwas zuverlässig wissen kann, daß es tatsächlich von unserem Großherzog stammt und teilweise durchaus beliebt ist, etwa bei Betreibern von Friedwäldern und anderen Esoterikern, nun, nicht nur, aber wir brechen hier besser ab.

"Heilige Hallen", hier gefunden

Die „Heiligen Hallen“ sind gewissermaßen ein gewesenes Naturdenkmal. Großherzog Georg stieß auf einen Buchenwald, dem er nicht nur die um 1850 entstandenen obigen Verse widmete, sondern den er auch „für alle Zeiten“ unter seinen Schutz stellte. Er muß ihm wie ein Dom aus Bäumen erschienen sein, mehr noch, als ein vollkommenes Bild der Ewigkeit, als ein heiliger Ort.

Aber auch dieses Bild der Ewigkeit hat einen Anfang. Als Folge des 30jährigen Krieges wurde eine Siedlung aufgegeben und an der Stelle entstand ein Buchenwald. Dendrochronologische Untersuchungen datierten die ältesten Bäume auf etwa 1653, lese ich. Daß in dieser Zeit viele Orte aufgegeben werden mußten, kam wenigstens dem Wald wohl öfters zugute. Ich weiß nicht mehr, wo ich es einmal gelesen habe, aber mir hat sich die zeitgenössische Bemerkung eingeprägt, ‚man habe meilenweit keinen Baum gefunden, um jemanden daran aufzuknüpfen‘.

Seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde das Waldgebiet zum Totalreservat, 1993 erweiterte man dieses von 25 auf 65,5 Hektar. Ich lese weiter, die Bäume hätten seit den 50ern ihre Reifephase überschritten und nunmehr herrschten Zerfall und Verjüngung. Mit anderen Worten, die alten Bäume stürzen nach und nach, und so wird aus den „Heiligen Hallen“ ein gewöhnlicher Buchenwald, mit gewissem Urwaldcharakter.

"Heilige Hallen", hier gefunden

Das Gedicht erwähnt zwar das Wort „ewig“ nirgends, beschwört aber doch dessen Bild, einen Ort, in dem Gottesnähe spürbar wird. Und indem er ihn „für alle Zeiten“ unter Schutz stellen will, schleicht sich doch eine gewisse Ewigkeitserwartung ein. Als könne man den Augenblick, der ihn so überwältigte, konservieren. Denn das Wort „Vergänglichkeit“ kommt ebenso wenig vor. Die ewige Natur ist tatsächlich sehr veränderlich.

Hat dieser Wunsch noch eher etwas Unschuldiges (anders als etwa das derzeitige Glaubensgespenst, man könne das Weltklima gewissermaßen einwecken), ist die 2. Pointe schon vertrackter. Wenn man nicht nur an diesem Ort einen Zustand wiederherstellen will, der vermutlich zuletzt vor 700 – 800 Jahre vorherrschend war, man lege mich nicht auf die hundert Jahre fest, sehnt man sich auf andere Art einen Idealzustand herbei. „Sekundäre“ Urwälder, die nachgeholte Konservierung eines „Urzustandes“ (wo vermutlich alles gut und vor allem ohne Menschen war). Und dies alles in einer kurios technokratischen Sprache, die in weitester Spannung zu ihren innersten Intentionen stehen dürfte, auf die ich nicht weiter eingehen mag.

Aber inzwischen glaube ich, der Herr hat uns die Wirrnis dieser Zeiten so exzessiv vor Augen gestellt, damit wir in besonderer Weise weise werden dürfen. Nicht, daß Er uns deswegen gefragt hätte. Aber ich schweife ab.

Neustrelitz, Schloßkirche, Empore

Wie entgeht man dem Trügerischen der Vertrautheit. Wie überlebt man den Verlust und die Vergänglichkeit? Wie findet man den archimedischen Punkt, der alles Vorübergehende zurechtweist?   Auch das Holzwerk der Schloßkirche, die vom selben Großherzog erbaut wurde, der den Buchenwald unter Schutz stellte, war einmal Wald. Wo Natur und menschlicher Geist sich begegnen und eine Gestalt erschaffen, die auf Größeres verweist, wachsen Natur und Menschengeist über sich hinaus und gewinnen trotz aller Vergänglichkeit bleibenden Anteil am Ewigen.

Hat unser Großherzog also die Zutraulichkeit im Falschen gesucht. Nein denke ich, er stieß auf die Zeichen der Ewigkeit und beschrieb sie. Alles andere ist Deutung.


nachgetragen am 4. März

Sonntag, 17. Februar 2019

Ein Sonntagsspaziergang mit Bildern

Zierker Kirche, innen



Am Zierker See

Wohnhäuser in der Nähe des Hafens

 Hinweispfeiler Zierke / Hafen

 Hypothekenbank und Turm der Stadtkirche 

Schloßgarten


Schloßberg


Hirschtor zum Tiergarten

"Schwanenteich"



Wildhof

 Katholische Kirche

Kurze entbehrliche Nachträge

(vor allem für Ortsfremde)

Zunächst haben wir die Zierker Kirche von innen. Im „Krüger-Haye“, dem maßgeblichen Inventarwerk der Baudenkmale in Mecklenburg-Strelitz, findet sich die hübsche Bemerkung, unser Buttel habe den Bau nach dem Vorbild Londoner Vorstadtkirchen skizziert. Das Dorf (1364 zuerst urkundlich erwähnt) gehört seit 1756 kirchlich zu Neustrelitz, 1860 gab es einen großen Brand, der auch den Vorgängerbau zerstörte.

Mit den folgenden 3 Bildern befinden wir uns am Zierker See. Da, wo Zierke an den See rührt, reicht dieser Aussichtssteg in diesen hinein.

Wer hier gelegentlich mitliest, kennt meine man fast schon dogmatische Abneigung gegen die moderne Architektur. Dabei gibt es Ausnahmen, etwa diese Häuser in der Nähe des Hafens gefallen durchaus meinem Auge. Der Hinweispfeiler „Zierke/ Hafen“ spricht für sich selbst.

Wir überspringen diverse Menschenansammlungen (dazu am Ende etwas) und sind schon im Schloßgarten. Auf dem Weg durch den winterlich schlafenden Schloßgarten eröffnete sich dieser reizvolle Blick auf die  Mecklenburg-Strelitzsche Hypothekenbank von 1897 mit dem Turm der Stadtkirche dahinter. Das ehemalige Bankgebäude liegt ebenso in einer Art Winterschlaf, und auf einen Frühling kann man nur hoffen.

Der derzeitige Anblick des Schloßgartens ist auf das erste Hinsehen hin zwar eher unerfreulich, bei genauerem Hinschauen erkennt man aber bereits die Konturen der Rekonstruktion. Das wäre dann also tatsächlich eine erfreuliche Geschichte. Wir werden sehen, aber ich werde bereits immer zuversichtlicher.

Der Ausgang der nächsten Geschichte ist noch durchaus ungewiß. Zwar will man wohl nun wirklich allgemein einen Schloßturm, aber was für einen, steht sehr in Frage. Ich habe mich im November einmal näher dazu ausgelassen und will an dieser Stelle gar nicht erst in die Debatte einsteigen. Der Residenzschloßverein jedenfalls zeigt auf dem Schloßberg Flagge (eine unschöne Phrase, ich weiß, aber mir fällt gerade keine bessere ein) und wirbt u.a. für den alten Schloßturm.

Wir lassen das Hirschtor zum Tiergarten hinter uns (bis 1826 nach Plänen von Friedrich Wilhelm Buttel errichtet und bereits seit einiger Zeit wundervoll wiederhergestellt, die beiden Bronzehirsche sind von Christian Daniel Rauch) und gehen zur Abwechslung gleich links empor, um einen Blick auf den Schwanenteich zu erhaschen. Wir hatten gehört, dort gehe es endlich voran.

Nun ja. Zumindest wurde schon mal erkennbar aufgeräumt, und man will ihn offenbar wirklich nicht weiter zum „Biotop“ verkommen lassen. Man darf sich nur nicht alte Aufnahmen davon ansehen, dann schaudert‘s einen. Aber vielleicht widerfährt ja auch dem Schwanenteich eine Wiederauferstehung.

Am Ende des Tiergartens dann erfreut der musterhaft restaurierte Wildhof (1818 von Wolff erbaut). An diesem Stück Klassizismus dürfen sich die Sinne wieder erholen. Und der sinnfällige Kontrast zur Nachbarschaft spricht für sich, das müssen wir nicht auch noch vertiefen.

Abschließend begrüßt uns die Katholische Kirche von 1875. Sie hat zwar einen grottenhäßlichen Anbau, aber die Kirche selbst ist recht annehmbar. Die beiden Figuren am Westgiebel sind übrigens die Heiligen Petrus und Bonifatius.

Was eigentlich nur als kleiner Bilderrückweg nach dem nachmittäglichen Kirchgang geplant war, bekam so unter Hand eine merkwürdige Bedeutung - dieser Wechsel von vor sich hin dämmernden Bauten, begonnenen und noch unentschiedenen Projekten, den Spuren des Verlustes, bereits Gelungenem und den Mahnmalen des Häßlichen. Es ist  übrigens erstaunlich, fast physisch zu erfahren, wie das Schöne das Häßliche erst wirklich sichtbar macht. Das gilt nicht nur für Bauwerke.

Warum keine Menschen, war die Stadt so verlassen und leer? Ganz im Gegenteil. Entlang des Weges mußte man die Momente suchen, wo niemand im Bild war. Es wimmelte förmlich. Wahrscheinlich hatte alle den Wetterbericht für die kommenden Tage gesehen oder gelesen. Warum also sind die Bilder so leergefegt?

Etwas in mir sträubt sich da. Erstens müßte man erst einmal fragen und dabei in die Sphäre anderer eindringen. Ich habe dazu wenig Neigung, nicht aus Scheu, sondern aus einer bestimmten Haltung, und es wären dann auch andere Bilder. Es ist also keine Misanthropie im Spiel.

Wobei man beim genauen Schauen auf Dinge sich innerlich schon ein wenig abschirmen muß. Und ich sollte gestehen. Da habe ich eine sehr schwache Stelle: Ich bin sehr empfindlich gegen Stimmen. Vor allem solchen, die mehr von sich offenbaren als den Betreffenden sicherlich bewußt ist. Mir ist neben einigem Erfreulichen nachmittags nur ein einziges Gegenteil solcher Art widerfahren. Es war keiner der Spaziergänger, und wenn man sich sieht, kann man sich ja auch zivilisiert aus dem Weg gehen. Das war alles sehr, wie gesagt, zivilisiert.

Nur einmal stand ich am Ufer, kämpfte mit dem Gegenlicht und konnte nicht gleich zuordnen, woher eine bestimmte Stimme kam. Die Richtung war klar, aber es war nichts zu sehen, merkwürdig.

Ich gebe jetzt einmal eine abstrakte Beschreibung: Man stelle sich z.B. eine leiernd nölige Jungmännerstimme vor, bei der man den Eindruck gewinnen kann, daß irgendwelche Substanzen bereits mehr als eine Gehirnzelle verflüchtigt haben. Das ist wie eine Bohrmaschine ins Unterbewußte, und dabei will man dann seine friedvollen Bilder machen...

Daher bleiben sie eigentlich auch besser unkommentiert. Aber wo ich das nun schon alles aufgeschrieben habe. Und jetzt sind wir endlich wirklich am Schluß.

Sonntag, 10. Februar 2019

"Der Glanz der Kirche wächst, wenn man sie schmäht und verfolgt." - eine Predigt

Nicolaikirche in Magdeburg-Neue Neustadt, Westseite

Während ich noch zwischen einigen unveröffentlichten Texten sitze, ich sollte besser sagen, sinnvollerweise zurückgehaltenen, nur als ein Beispiel - Jeder Liebhaber der Schönheit erfährt verstört deren Vergänglichkeit (ja, ich habe tatsächlich weiter ein wenig über Schinkel etc. nachgedacht) - kam mir Herr Roloff mit einer Predigt dazwischen, die er heute in Magdeburg halten wird. Und die kann man dann nachfolgend schon jetzt lesen. 

Nicolaikirche in Magdeburg-Neue Neustadt, Südseite

Predigt zum 4. Sonntag vor der Passionszeit

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen

Und an demselben Tage des Abends sprach er zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn, wie er im Schiff war; und es waren mehr Schiffe bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel und warf Wellen in das Schiff, also daß das Schiff voll ward. Und er war hinten auf dem Schiff und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts darnach, daß wir verderben? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? denn Wind und Meer sind ihm gehorsam.
Mk 4, 35-41

Liebe Gemeinde,

die Natur ist eine alles überwältigende Macht. Das beweist sie uns immer wieder, zuweilen auch in großer Schrecklichkeit. Der Mensch ist der Natur nicht gewachsen. Stürme, Fluten, Vulkane und Erdbeben zerstören unsere Welt. Sie entfalten unvorstellbare Gewalt. Sie sind ein Teil unserer Wirklichkeit.

Christus erweist sich als Mensch auch darin, dass er sich mit den Menschen dieser Wirklichkeit aussetzt. Genau das erzählt uns die Geschichte, die der heutigen Predigt zugrunde liegt. Es ist der Abend eines Tages, an dem der Herr den Menschen, die ihm und seinen Jüngern gefolgt waren, viele Gleichnisse erzählt hatte, um sie zu unterrichten. Der Zusammenhang lässt uns darauf schließen, dass Jesus vom Boot aus zu den Leuten gesprochen hatte und nun, nachdem es Abend und er müde geworden war, ein Quartier aufsuchen wollte.

Mit mehreren Booten trat man die Fahrt über das Galiläische Meer an. Dieser große See im Norden des Heiligen Landes, der oft auch nach der an seinem Ufer gelegenen Stadt Tiberias benannt wird, ist von hohen Gebirgen umsäumt  und für überraschende Fallwinde, die sich zu schweren Stürmen verstärken können, berüchtigt.

Ein solches Ereignis sucht die Reisegesellschaft nun heim.
Panik erfasst die Jünger, denn schnell strömt schon Wasser in den Rumpf. Man droht zu versinken. Es ist nicht viel Zeit. Etwas muss geschehen – irgendetwas,

Jesus aber schläft tief und fest auf seinen Kissen. Nun geschieht etwas Sonderbares. Die Jünger wecken ihren Meister. Nichts deutet darauf hin, dass sie der Ansicht sind, man müsse sich nun gemeinsam in Sicherheit bringen. Wie sollte man auch dem Sturm und den Wellen entfliehen? Nein, ganz offenkundig wecken sie ihn, weil sie sich unbewusst von ihm Hilfe erwarten. Immerhin hatte er in ihrem Beisein bereits Wunder gewirkt, Kranke geheilt, Besessene frei gemacht. Was aber sollte sich hier ereignen?

Die Jünger wissen es nicht. Aber sie sind sich sicher, dass sie sich in ihrer Not an keinen anderen wenden können als an Jesus allein. Bange wecken sie den Herrn.

Jeder Jude, zumal, wenn er sich im Norden des Heiligen Landes befindet und den Karmel vor Augen hat, dieses Gebirge befindet sich zwischen dem See Tiberias und Haifa, hat eine verstörende Geschichte in seinem religiösen Gedächtnis. Auf dem Karmel hat Elia sein Gottesurteil über die Baalspriester vollzogen. Ein für alle Mal sollte sich der wahre Gott erweisen. Zwei Altäre wurden auf dem Berg errichtet, zweimal wurde Holz aufgeschichtet und ein Stier als Opfer dargebracht.

Das Feuer aber sollte auf das Bitten der Priester bzw. auf das Bitten Elias vom Himmel fallen. Die vierhundertfünfzig Baalspriester lassen sich darauf ein. Sie rufen und tanzen und singen und ritzen sich die Haut blutig vom Morgen bis zum Abend, bleiben aber ohne Antwort.

Elia verspottete sie daraufhin: Ruft lauter! Er ist doch Gott. Er könnte beschäftigt sein, könnte beiseite gegangen oder verreist sein. Vielleicht schläft er und wacht dann auf. Aber nein, von einem Gott, den es nicht gibt, kann keine Hilfe kommen.

Auf Elias Bitte hin fällt dann aber verzehrendes Feuer vom Himmel. Die Baalspriester sind religiös überwunden und werden vertilgt. Gewaltig, gewalttätig, vollständig!

Die Jünger kennen diese Geschichte und sie ahnen, dass ihr Meister ihnen helfen kann. Sie wissen nicht wie, aber sie wissen, dass sie sich an ihn wenden müssen und haben darum den Mut, ihn zu wecken.

Der Herr erhebt sich, bedroht Sturm und Wellen und es wird still.

Nun werden die Jünger aber nicht gelobt. Christus tadelt vielmehr ihre Furcht und ihren Unglauben. Ist es denn nicht richtig, sich in Not und Gefahr an ihn zu wenden?

Sehen wir nochmal genau hin, womit die Jünger sich an den Herrn gewandt haben. Nachdem er erwachte, hatten sie da eine Bitte an ihn gerichtet? Haben sie ihn um Hilfe angefleht? Keineswegs.

Meister, fragst du nichts darnach, daß wir verderben? Sie richten einen Vorwurf an ihn. Das ist so unfassbar, so unerfindlich menschlich, dass man spätestens nach diesem Satz an dem Wahrheitsgehalt der ganzen Geschichte nicht mehr zweifeln möchte, gar nicht mehr zweifeln kann.

Es jagt uns Menschen wieder und wieder Ströme des Wohlgefühls durch den Körper, wenn wir in Bedrängnis anderen Vorwürfe machen können, um die eigene Unschuld und moralische Gesittung ins Licht zu stellen.

Die glaubens- und kirchenfeindliche Grundstimmung aller Zeiten speist sich aus dem Vorwurf an Gott: Wie kannst du alles das zulassen! Fragst du nichts darnach, daß wir verderben?

In schönster Anmaßung setzen Vorwurf und Frage natürlich voraus, dass wir selbst viel besser wissen, wie dem Unheil beizukommen ist. Gott soll gleichsam nur noch unseren Willen vollstrecken.
Da er dazu offenkundig nicht bereit ist, verwirft man ihn ganz. Der Mensch verliert den Glauben, der gar kein Glaube war. Der Anmaßung folgt dann die Selbstermächtigung: „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“ Und so nimmt dann das Verhängnis unter wechselnden Vorzeichen und veränderten Bedingungen jedes Mal neu seinen Verlauf.

Darum ist diese Geschichte für uns heute so wichtig, denn sie ist selbst wieder zum Gleichnis geworden. Christus hat keineswegs nur Gleichnisse erzählt. Sein ganzes Leben wurde der Kirche zum Gleichnis, und die Kirche selbst ist immer auch gleichnishafte und tatsächliche Gegenwart Gottes.

Das auf den Wellen durch Zeit und Raum getriebene Boot kann für die Kirche und auch für die gesamte Menschheit stehen. Umlauert von Gefahr suchen sie ihren Weg, ihre Bestimmung und am Ende den rettenden Hafen.

Was bedeutet uns da die Gewissheit, dass er mitten unter uns ist?

Sie bedeutet uns zunächst und vor allem die Zusage: Fürchtet euch nicht! Wir verkünden einen allmächtigen Gott, der alles geschaffen hat und der die Welt erhält. Ihm haben wir zu vertrauen und zu folgen.

Ist es dann aber egal, was wir in unserem Boot, in unserem Leben tun? Dürfen wir mutwillig die Segel zerreißen, Löcher in den Bootsrumpf schlagen und den Proviant verschwenden?

Wir werden erleben, dass Menschen genau das immer wieder tun. Menschen tun das Falsche, sie tun das Böse, sie ergeben sich der Sünde. Und auch wir Christen sind Sünder, die Kirche eine Gemeinschaft von Sündern.

Worin liegt aber die gewaltige Umwälzung, die Christus vollbracht hat? Er hat das Böse und alle Sünde überwunden. Was heißt das genau? Oder ist das nicht nur so eine typische fromme Phrase, wie sie jeden Sonntag gedroschen werden?

Christus hat, indem er, der allmächtige Gott, sich aus freiem Willen dem Bösen unterwarf, diesem endgültig die Möglichkeit genommen zu siegen. Die Sünde und das Böse können nicht mehr siegen. Natürlich können Menschen bis an das Ende der Welt Böses tun. Sie machen damit aber nur den Ruhm desjenigen größer, der das Böse überwunden hat.

Menschen können Menschen zuweilen sogar Kinder quälen oder gar töten, sie werden mit ihnen nur die Schar der Heiligen vergrößern. Der Glanz der Kirche wächst, wenn man sie schmäht und verfolgt. Menschen können weiterhin Böses tun, aber seit dem Gang des Herrn an das Kreuz, kann das Böse nicht mehr siegen. Der Sünder schadet und zerstört am Ende immer nur sich selbst. Sünde ist Selbstzerstörung.

Wenn aber das Böse nun nicht mehr an sein Ziel kommen kann, dann bedeutet das in der Konsequenz, dass auch die reine Vernunft es gebietet, Gutes zu tun. Das Christentum verbindet den Glauben der menschlichen Vernunft. Nur das Christentum gibt dem Menschen vernünftige Gründe an die Hand, das Gute zu tun, seinen Nächsten zu lieben und den Schöpfer der Welt zu ehren. So werden wir mit unserem Tun, mit unserer Liebe und mit unserem Gebet zu Zeugen seiner Gegenwart.

Niemals aber bedarf der allmächtige Gott unseres Beistandes, unserer Anstrengung und einer Selbsterlösung des Menschen.

Wir sollen, wenn wir alles Gute getan haben, sprechen: Wir sind unnütze Knechte und vertrauen allein auf deine Gegenwart, auf dein Wort und auf dein Kreuz, an das wir ziehen. Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn.

Amen
Thomas Roloff


Samstag, 26. Januar 2019

Über die Veredelung aller menschlichen Verhältnisse

Neubau des Berliner Schlosses, der neue Schlüterhof

Wen der letzte Beitrag hier ein wenig befremdet haben sollte - nun, befremdet war auch ich, und zwar in einem Maße, daß ich über die von mir gewöhnlich traktierten Gemeinplätze einfach hinaus mußte. Übrigens lag mein Instinkt da wohl recht richtig (gesagt, eine Reihe von Lektüre- und Hörerlebnissen später) - das war ein Wetterleuchten von einem Unwetter, das sich hoffentlich nicht so auswächst, wie zu befürchten.

Doch noch haben wir unsere eigenen Gruseligkeiten. Der Ort, wo einmal das Berliner Stadtschloß stand und sich heute ein Humboldt-Forum der Vollendung entgegenstreckt, gewinnt neue Kontur. Manches erfreut, schmerzlich, denn nur das Vergegenwärtigen läßt den Schmerz nicht vergessen, anderes gerät zur Demaskierung der Gegenwart.

Viele erfreuen sich an Schönheit, Formenreichtum und Wohlgestalt der trotz allem wieder erstehenden Fassaden, andere sehen auf den Widerspruch, ich scheine mich in letzteres einzureihen. Aber nur auf den ersten Blick. Mir fällt zweierlei auf. Zum einen:

Die Vergangenheit wird lebendig, genauer, der Hauch, der sie erstarren lassen sollte, schwindet. Ich habe hier in einer Kommentarantwort kürzlich versucht zu erklären, wie mir die Abwehrhaltung der Gegenwart erscheint, nämlich als negativer Exorzismus, gewissermaßen. Wenn Vergangenes nicht umgangen werden kann, muß es dekontaminiert und steril versiegelt werden, und sei es unsere arme Königin Luise. Wovon und wozu muß man das Gedenken an die Königin dekontaminieren und steril verpacken? Daß sie wiederkehrt?

Diese Grundmuster treffen wir überall an: Im Vergangenen wohnt immer das Grauen und glücklich ist man nur in der ewigen Gegenwart.

Eduard Gaertner: Rittersaal 
im 2. Obergeschoss hinter dem Schlossportal V

Alles, wonach wir aber suchen wollen, ist eine Verbindung, ein Band zum Vergangenen, das lange noch nicht vergangen ist. Ein Band, das gewaltsam zerschnitten wurde. In der Natur stirbt ein Baum, der von seinen Wurzeln getrennt wurde. Vielleicht vermag es menschliche Kunstfertigkeit für eine Gesellschaft dieses Bild außer Kraft zu setzen, indem sie beides wieder zu verbinden vermag. Denn der Eiseshauch verliert seine Macht, doch er kämpft noch, und der Kampf ist auch keinesfalls schon entschieden.

Ich werde jetzt in keine Suada gegen den Architekten Franco Stella ausbrechen. Wozu? Abstrakt logisch klingt das alles ja auch nur folgerichtig: Das Neue schließt an das Alte an und führt es verändert (und hoffentlich bereichernd) fort. All das wäre wahr, wenn unsere Moderne nicht so wesensverkehrt wäre. Man hat in das Andenken an das Stadtschloß die Moderne hineinzupressen gesucht (auch mir fallen für den Vorgang degoutierte Bilder ein, aber sie sind nicht nötig), vermutlich als ein Akt der Selbstbehauptung, nicht nur der Moderne, sondern der herrschenden Gegenwart überhaupt.

Und das ist das Berückende, womit wir bei Punkt 2 wären, in ihrer verblendeten Selbsteinschätzung überschätzen sich die Gegenwart und ihre Gefolgsleute. Es genügt das Hinschauen, und für den, der noch zu sehen vermag, ist die Debatte damit beendet.

Süd- und Ostfassade des Neubaus des Berliner Schlosses
(3. November 2018, leicht veränderter Ausschnitt) 
Original hier gefunden

Wir wollen sie auch hier deshalb nicht weiterführen. Aber dieser „Native American“, der dem tapferen Jungen vor dem Lincoln Memorial so fanatisch vor dem Gesicht herumtrommelte, brachte mich auf eine Idee (übrigens war es, wie zu erwarten, schlicht ein Aktivist, und man muß offenbar schon sehr suchen, bevor man einen Gegenstand findet, über den er nicht gelogen hätte, aber bekanntlich brauchen Aktivisten kein Gewissen, dafür haben sie recht). Es wäre nicht überraschend, wenn sein Kriegsgeheul ebenfalls völlig unauthentisch und frei erfunden wäre, aber er trommelte.

Trommeln wir Liebhaber des Schönen genug? Ich meine nicht anderen vor der Nase, und der Begriff, wo ich ihn gerade gebrauche, widerstrebt mir schon wieder. Aber klagen wir vielleicht nicht zu viel, anstatt auf das hinzuweisen und an das zu erinnern, was die Klage verstummen läßt? Diesen unangreifbaren Raum des Geistigen zu imaginieren, wäre das nicht eine lohnendere Aufgabe? Und wenn man dafür unzutreffenden Motive unterstellt bekommt – mein Gott.

Berlin, Stadtschloß, Apotheken-Flügel, 1928 

Also fangen wir fröhlich an. Zunächst ein Zitat von von Ruskin „Es gibt nur zwei starke Überwinder der Vergeßlichkeit der Menschen, die Dichtkunst und die Baukunst, und die letztere schließt in gewisser Weise die erstere ein und ist noch mächtiger in ihrer Wirklichkeit. Gut ist es, zu besitzen, nicht nur, was Menschen dachten und fühlten, sondern auch, was sie mit ihren Händen anfaßten, was ihre Stärke hervorbrachte, was ihre Augen an allen Tagen ihres Lebens sahen. Das Zeitalter Homers ist von Dunkel, seine Persönlichkeit von Zweifel umgeben. Anders das Zeitalter des Perikles: der Tag kommt, an dem wir eingestehen, daß wir über Griechenland aus den zerbröckelten Überbleibseln seiner Bildhauerei mehr gelernt haben, als von seinen süßen Sängern und heroischen Geschichtsschreibern.

Wenn unsere Kenntnis der Vergangenheit irgendwelchen Nutzen gewährt, wenn der Gedanke an das Gedächtnis der Nachwelt uns erfreut und die gegenwärtige Anstrengung stark, gegenwärtiges Leiden geduldig  machen kann, so gibt es zwei Pflichten hinsichtlich der nationalen Baukunst, deren Bedeutung unmöglich überschätzt werden kann: erstlich, die Baukunst des Tages geschichtlich zu gestalten und zweitens, die Vergangenheit als kostbarstes Erbteil zu bewahren.“

Eduard Gaertner, Schlüterhof des Berliner Schlosses, 1830

Man mag erahnen, warum ich diese lange Zitat Ruskins angebracht habe, natürlich vor allem des Schlusses wegen, über den Rest ließe sich streiten, aber da er lange tot ist, wäre das eher müßig. Ruskin ist eine ausgesprochen sperrige Figur, auf die sich die unterschiedlichsten Leute berufen haben. Es lohnt aber auch nicht, Gestalten wie ihn gewissermaßen kindisch als Säulenheilige anzupreisen. Selbst Heilige dürften einen vor allem schwierigen Charakter gehabt haben. Und nur als Nebenbemerkung, Ruskin hat unbestritten seine Verdienste als Kunstkritiker und Kunstförderer, aber seine eigene Frau lief zum Maler Millais über, den er ebenfalls gefördert hatte, und während dieser den Kontakt zu Ruskin abbrach, äußerte sich jener nichtsdestotrotz weiterhin freundlich über Millais. Also doch ein Heiliger? Nun ja.

Der große William Turner wollte u.a. Ruskin als Vollstrecker seines Testaments haben. Dieser lehnte nach dessen Tod zwar ab, erklärte sich jedoch bereit, dessen Zeichnungen und Skizzen zu sortieren, was er auch ziemlich rabiat tat. Er verpackte sie in Kisten, deren Bennungen von „Mist/rubbish“ bis „fürchterlich/horrible“ reichten. Und als er entgeistert auf dessen erotische Zeichnungen stieß, verbrannte er einiges davon. Also ein wenig zu viel Heiliger. Man sollte seine Gewährmänner aber auch nicht zu unkritisch betrachten.

Wie aus der Überschrift leicht zu ersehen, sollte es hier eigentlich um Schinkel gehen, das sind dann nun also die Vorbemerkungen geworden (mit Schinkel ist es halt so, wie bei allen großen Geistern,  schnell wird einem das, was man da zusammenträgt und unbedingt zitieren will, wie Hefeteig).


soll fortgesetzt werden
nachgetragen am 28. Januar