Mittwoch, 8. April 2020

Zwischendurch


Mat and Savanna Shaw - The Prayer

Da ist viel Tumult in meinem Gemüt, darum wird auch nichts fertig. Von dem, das trotz allem erwähnenswert ist.

Aber dieses rührende Lied mußte ich mitteilen (obwohl sein Styl gar nicht zu meinen Vorlieben paßt). Aus vielen Gründen, einer, der weit hinten rangiert - dieses reine Verhältnis zwischen Vater und Tochter, von dem uns eingeredet wird, ach vergessen wir einfach diese Kreaturen und den Schmutz dieser Welt, die uns tatsächlich nichts anhaben kann.

Die Jungfrau segne uns alle. Und vor allem und allem - Ihr Sohn!

Montag, 30. März 2020

Freitag, 20. März 2020

4 Jahreszeiten mit Hölderlin & mehr ferneren Bildern

Arnold Böcklin, Ackerfluren im Vorfrühling (1884)

Friedrich Hölderlin

Der Gang aufs Land

An Landauer

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng' und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe
Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
Und von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen,
Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.

Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben
Immer einige noch, ehe der Sommer, ins Land.
Nämlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirt;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
Deshalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög' ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch thun,
Wir, so gut es gelang, haben das Unsre gethan.

Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
Aufgegangen das Thal, wenn mit dem Neckar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft…

Singen wollt ich leichten Gesang, doch nimmer gelingt mirs,
Denn es machet mein Glück nimmer die Rede mir leicht.

Ludwig von Hofmann, Idyll (Männlicher und weiblicher Halbakt in der Landschaft) zw. 1894 und 1895, hier gefunden

Der Sommer

Das Erndtefeld erscheint, auf Höhen schimmert
Der hellen Wolke Pracht, indeß am weiten Himmel
In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert,
Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.

Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben,
Es zeiget sich auf Meeren unverborgen,
Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben
Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.

Mit neuen Farben ist geschmükt der Gärten Breite,
Der Mensch verwundert sich, daß sein Bemühn gelinget,
Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,
Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.

Arnold Böcklin, Sommertag

Die Linien des Lebens sind verschieden,
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
mit Harmonien und ewigen Lohn und Frieden.

The lines of life are varied,
as are roads, and as are the boundaries of mountains.
Whatever we are here, a god can complement there
with harmony and perpetual reward and peace.

Übersetzung aus dem Deutschen / 
Translation from German to English © by Emily Ezust

Carl Blechen, Turm des Heidelberger Schlosses
ca. 1830, hier gefunden

Der Herbst

Die Sagen, die der Erde sich entfernen,
Vom Geiste, der gewesen ist und wiederkehret,
Sie kehren zu der Menschheit sich, und vieles lernen
Wir aus der Zeit, die eilends sich verzehret.

Die Bilder der Vergangenheit sind nicht verlassen
Von der Natur, als wie die Tag' verblassen
Im hohen Sommer, kehrt der Herbst zur Erde nieder,
Der Geist der Schauer findet sich am Himmel wieder.

In kurzer Zeit hat vieles sich geendet,
Der Landmann, der am Pfluge sich gezeiget,
Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.

Der Erde Rund mit Felsen ausgezieret
Ist wie die Wolke nicht, die Abends sich verlieret,
Es zeiget sich mit einem goldnen Tage,
Und die Vollkommenheit ist ohne Klage.

Autumn

The fleeing legends, which the Earth narrated
(of essences that were and are returning),
are turning toward humanity, so increased learning
can grow from times that long since dissipated.

What images once were, they were not banished
by Mother Nature, like her days that paled and vanished
amid high summer: When descends the autumn's power
the sky will show it in the spirit's shower.

In not much time so much has terminated:
The peasants, having proudly shown themselves as plowers,
see now that yet another year has joyfully abated -
just as abates the time in which the human flowers.

The Earth whose round with rocky mountains pleases
(so unlike clouds dispersed by evening breezes)
reveals itself amid a day that's golden;
and of perfection; and to no complaint beholden.

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue

Carl Blechen, Landschaft
zw. ca. 1823 und 1828, hier gefunden

Wenn über dem Weinberg es flammt
Und schwarz wie Kohlen
Aussiehet um die Zeit
Des Herbstes der Weinberg, weil 
Die Röhren des Lebens feuriger atmen
In den Schatten des Weinstocks. Aber
Schön ist's, die Seele
Zu entfalten und das kurze Leben.

Carl Blechen, Bäume im Herbst bei Sonnenaufgang

Der Winter

Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Rund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.

Carl Blechen, Landschaft im Winter bei Mondschein

Der Winter 

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

Winter 

When vanished and no longer seen are illustrations
of season, then arrive the winter hours:
the field is empty, mild seem its ablations
and storms blow to and fro with rains and showers.

As if a day for rest, so is this year's cessation
just like a questioning chord requesting consecration:
then Spring's becoming enters the creation
and Nature shines on Earth in glorious elation.

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue

Andreas Achenbach, Verschneiter Wald

Anmerkung

Friedrich Hölderlins an dessen 250. Geburtstag (folglich am 20. März 1770 - in Lauffen am Neckar) mit einigen seiner Gedichte zu gedenken, ist nicht so erklärungsbedürftig (allenfalls die Verspätung). Die Auswahl schon eher. Schließlich stammen außer dem ersten und dem Weinbergfragment (wohl nicht vor 1803 entstanden) alle übrigen aus der Zeit seiner sog. Umnachtung.

Für mich ist Hölderlins Dichtung immer ein Mysterium geblieben. Natürlich, man sieht den Anfang, die frühen Gedichte atmen selbstredend Geist und Sprache der Zeit, aber allerspätestens mit den letzten Hymnen wie etwa Patmos entschwindet der Dichter uns in Regionen, wo man sich mit offenem Mund fragt: Ist das noch er oder schon der Genius der Sprache selbst, die zur Brücke ins Eigentliche wird, den Eintritt ins Transzendente gewährt.

Und dann der Absturz in die Umnachtung, die anders rätselhaft bleibt. Denn seine Sprache wird ja nicht sinnlos oder konventionell. Es entstehen diese ganz eigentümlichen, gleichförmig scheinenden „Spieluhrenverse“, die auf einmal davon reden, daß so wie die Sterne erscheinen, erscheine „geistiger das weit gedehnte Leben“. Als wenn in der Nacht plötzlich die Wolken aufreißen und kurz das Mondlicht durchbricht, um sich sogleich wieder zu verhüllen.

Oder der unscheinbare Vierzeiler „Die Linien des Lebens“, wo festgehalten wird, daß dessen Wege verschieden sind „wie der Berge Grenzen“, also unser Ausschnitt der Wirklichkeit, und daß die Disharmonie unserer Existenz in der Ewigkeit zu einem gültig klingenden Akkord vervollständigt werden könne (!)…

Vor so einer Gestalt zu bestehen, ist eine Herausforderung. Und wo ich so einiges von dem beschaute, was aus besagtem Anlaß durch den bundesdeutschen Blätterwald und Äther rauschte, war ich meist über die Skurrilität verblüfft, mit der man erkennen ließ, nicht einmal eine Ahnung von dem zu haben, an was man da rührte. So wie es den Begriff des funktionellen Analphabetismus gibt, bräuchten wir für Derartiges einen im Geistigen.

Man ist versucht, das aufzuspießen, doch wozu? Dann stieß dieses Gespräch mit Rüdiger Safranski buchstäblich auf mich (ich hatte nicht einmal danach gesucht), ich wußte danach, daß ich erst seine Biographie lesen mußte, bevor ich meine Anmerkungen ausbreiten konnte (wenn ich das danach denn noch wollen würde).

Und heute hatte ich dann zwar eine Biographie in der Hand, nur war es eine von einem Klaus Vieweg über Hegel! Ärgerlich, aber reparierbar, nur nicht mehr heute. Also erst einmal diese kleine Leseauswahl. Und die Bilder. Nun ja, sie haben überwiegend auch mit Jahreszeiten zu tun. Aber im Grunde erzählt, davon abgesehen, jedes seine ganz eigene und andere Geschichte. Ich habe meine Zuflucht derzeit ziemlich im 19. Jahrhundert gefunden und befinde mich da auch sehr wohl, aber um mich soll es hier zu allerletzt gehen. Doch daher kommt die Auswahl.

Bevor alles aber so kalt endet, noch eine kleine reizende scheinbare Idylle am Schluß. Und wenn ich die "richtige" Biographie gelesen haben werde, will ich auch die schönsten Stilblüten des Hölderlin–Gedenkens (mit-)teilen.

Wilhelm Kray, Das Locken der Nymphe

nachgetragen am 30. März

Donnerstag, 19. März 2020

Das Urteil des Paris & anderes Antikes

Max Klinger, Das Urteil des Paris, zw. 1885 und 1887,

Bekanntlich haben den Trojanischen Krieg fünf Frauen (davon vier Göttinnen) und ein männlicher Tor ausgelöst, der seine Triebe nicht zu beherrschen vermochte (wobei man ihm zugute halten kann, daß die Aufgabe im Guten unlösbar war). Herr Moritz gibt davon stets die notwendigen und vor allem kurzen Erläuterungen (Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten, 1791), so daß wir ihn umgehend zitieren:

„Als Eris [die Göttin der Zwietracht und des Streites, oft als hinkende, verkümmerte Frau dargestellt, die aber aufblüht, wenn es ihr gelingt, Neid und Haß bei Menschen und Göttern zu erwecken] bei der Vermaͤhlung des Peleus mit der Thetis, in das hochzeitliche Gemach, wo alle Goͤtter und Goͤttinnen verſamlet waren, den goldnen Apfel mit der Inſchrift warf, die ihn der Schoͤnſten zutheilte, ſo wurden Juno, Venus, und Minerva, unter allen Goͤttinnen, um den Preis der Schoͤnheit zu wetteifern, einſtimmig am wuͤrdigſten erkannt.

Ein unbefangner Hirt, der auf dem Ida weidete, ſollte den Ausſpruch thun. Dieſer Hirt war Paris, ein Sohn des Priamus, der uͤber Troja herrſchte. Als die Goͤttinnen vor ihm erſchienen, und den entſcheidenden Ausſpruch von ihm verlangten, mußten ſie ſich entkleiden; — eine jede von ihnen verſprach ihm heimlich eine Belohnung, wenn er den Apfel ihr zutheilte; Juno verſprach ihm Macht und Reichthuͤmer, Minerva Weisheit, Venus das ſchoͤnſte Weib auf Erden, — und Paris theilte den goldnen Apfel der Venus zu.

Von dieſer Zeit an hegten Juno und Minerva nicht nur gegen den Paris, ſondern gegen das ganze Haus des Priamus einen tiefen Groll im Buſen; waͤhrend daß Venus darauf dachte, ihr Verſprechen dem Paris zu erfuͤllen.

Das ſchoͤnſte Weib auf Erden war Helena, welche Jupiter in der Geſtalt des Schwans mit der Leda erzeugte; die vom Theſeus in ihrer Kindheit ſchon einmal entfuͤhrt, von ihren Bruͤdern Kaſtor und Pollux aber wieder nach Sparta zuruͤckgebracht ward, wo ſie mit dem Menelaus des Agamemnons Bruder ſich vermaͤhlte.

Paris ſchifte nach Griechenland, und ward vom Menelaus gaſtfreundlich aufgenommen; waͤhrend deſſen Abweſenheit es durch die Veranſtaltung der Venus ihm gelang, die Helena zu entfuͤhren. Als er nach Troja zuruͤckſegelte, und die Winde ſchwiegen, prophezeihte der wahrſagende Meergott Nereus ihm alles Ungluͤck, was fuͤr Troja aus dieſer Entfuͤhrung erwachſen wuͤrde; und nicht lange blieb die Erfuͤllung aus.“

Wo dieses also erinnert wäre, zurück zum Bild, das ein großartiges ist. Der ausladend theatralische Rahmen mit den bemalten Figuren mag verwirren und hat es auch. Klinger hatte eine Neigung zum Gesamtkunstwerk. Beschreiben wir den also zuerst:

Links unten lacht uns übermütig ein hellhäutiger Satyr an, darüber ist eine weibliche Herme gemalt, rechts kämpft ein mehr dunkler Gigant mit der Zwietrachtshydra, deren Schwanzende in das Gemälde hineinragt und ein Gorgonenhaupt umschlingt, und wo wir da schon sind, es ist Amor, der sich etwas wegbeugt und dem Geschehen zu. Unten inmitten - die Ursache des Übels - Eris, die Göttin der Zwietracht mit dem Zankapfel.

Doch halt, Herr Kühn (Max Klinger von Paul Kühn, Leipzig 1907, S. 295 ff.) hat das so wunderbar beschrieben, daß wir das jetzt in allen Details ausbreiten werden, wem die Geduld dafür fehlt, der springe zum übernächsten Bild.

„In dem schmalen linken Flügel erhebt sich vor dem abenddämmernden, feierlich-stillen Hain eine schlanke weibliche Herme. Das Haar ist brünett; die Augen glühen dunkel wie Bernstein, und das bunte Licht des Nachmittags leuchtet in tausend Reflexen. Die Stimmung eines geweihten antiken Haines liegt darüber, wie ja über dem Ganzen eine griechische Schönheit glänzt, wie sie Goethe, an der Iphigenie dichtend, in Sizilien empfand. Wie ein farbiges Postament zu dieser farbigen Herme wirkt der faunisch lachende Satyrkopf der Predella mit hellglänzendem Gesicht, vollem dunklen Bart und Haar, in dem weiße Seerosen leuchten, ein unglaublich neu belebtes, pompejanisches Dekorationselement.

Diesem plastischen Rahmensockel entspricht auf der rechten Seite ein dunkelfarbener Gigant, der im Kampfe mit der Zwietrachtshydra den einen ihrer Köpfe niederdrückt, so daß ihr nicht plastisch ausgeführter, sondern gemalter Delphinenleib im rechten Flügelbild emporschnellt. Am Schwanzende streckt sich ein schmerzverzerrtes Gorgonenhaupt, von Schlangen umzüngelt, in die Luft. Hinter diesem dunkel aufragenden Fabeltier lauscht der geflügelte Amor, auf seinen Bogen gestützt, träumerisch-nachdenklich in das Hauptbild hinein. Sein mächtiges, helles Flügelpaar verschwebt, ganz zart in den hellen Farben des Prismas gemalt, in der Abendluft. Das versonnene Lauschen in diesem nackten Jüngling, die leise Schwermut der Farben, die phantasievolle Schönheit der Erfindung verleihen schon allein diesem schmalen Flügelbild einen unvergleichlichen Zauber. Die Schwermut reifen Glückes ist darüber gebreitet.


In der Mitte des Predellensockels, direkt unter der Gestalt der Hera, erblicken wir in einer reichen barocken Umrahmung den Kopf der Eris. Diese drei Skulpturenteile sind aus bemaltem Gips. Die dunkle, volle Bemalung ist mit den reichen Farben des Hauptbildes und der Flügel so zusammengestimmt, daß die tiefen Farbenakkorde und vollen, dunklen Grundtöne der Basis die helleren des Gemäldes tragen und diesem Raumkunstwerk die wunderbare Abgeschlossenheit geben.“

Wer nun ob der Sprache das Bedürfnis verspürte, das Fenster zu öffnen, um etwas kalte Luft hineinzulassen, sei vor einem gewissen Fehlschluß gewarnt - die Hauptfiguren des Gemäldes werden von Kühn im gleichen Tonfall gewürdigt. Nur ein Satz diesmal:

„Wie die antike Plastik in ihrem unvergleichlichen Formensinn es verstanden hat, in drei Knabenstatuen die Unterschiede von Liebe, Liebreiz und Verlangen deutlich zu machen, versucht auch Klinger, alle äußeren Attribute verschmähend, rein durch den nackten Körper die drei besonderen Arten von Frauenschönheit dem Auge zu frohem Genüsse zu vergegenwärtigen.“


Doch da Rahmen und „Rahmenhandlung“ nunmehr hinreichend beschrieben sind, wenden wir uns dem Hauptgeschehen zu. Wir wollen nur die Akteure etwas sortieren.

Vor einer berückenden elysischen Landschaft vollzieht sich erhaben feierlich das Geschehen auf einer „Bühne“, die vom Kontrast des kühl grauen Grundes und der Goldtöne des Mosaiks bestimmt ist: Links die sonnengebräunten Gestalten von Paris und Hermes. Der Götterbote hatte seine Mission erfüllt und uns den Rücken zuwendend schaut er gelassen auf das Geschehen, genauer, Hera, die Königin der Götter, die selbstbewußt und siegesgewiß ihren Körper vorzeigt.

Als nächste nach rechts hin sehen wir die schon halb entblößte und ganz ungeduldige jungfräuliche und wehrhafte Weisheits-Göttin Athene, die den Triumph ihrer keuschen Schönheit kaum erwarten kann.

Überraschend zurückgenommen, doch genau beobachtend steht ganz am rechten Rand die Göttin Aphrodite, von allen drei am natürlichsten und sinnlich weiblichsten wirkend, und sich der Macht ihrer gefälligen Gestalt nur zu bewußt. Man könnte sagen, Klinger habe 3 Grundtypen psychologisch erfaßt, aber damit würden wir schon in die Deutung des Bildes einsteigen, was ich ersparen will. Jeder kann selbst sehen und deuten, nur der Rahmen war halt etwas unübersichtlich.

Doch halt, Herrn Kühns Beschreibung der Landschaft, die soll uns nicht fehlen:

„Die nackten sonnengebräunten Körper stehen in einer vom zarten stillen Licht der Spätnachmittagssonne buntfarben erglänzenden Landschaft. Zu beiden Seiten des Hintergrundes hebt sie sich empor. Links zu einer waldigen Anhöhe; in tiefen Farben glüht das Buschwerk, ein Hain mit buntem Laubwerk; das feine helle Grau der Baumstämme steht köstlich in den tiefen Farben; zwischendurch verglüht  in der Ferne das Abendrot. Rechts blicken wir auf felsiges Gebirge, das sich in feiner Abstufung von Wald, Halden, schroffen Hängen, nackten Felsen nach hinten aufsteigend aus Violett und Blau lichter und lichter in die Ferne und in die Tiefe verliert; vorn steigt dunkleres Buschwerk auf. Zwischen diesen Höhenzügen und Tiefen wird in heiterem Blau das Meer sichtbar; fern und leise rauscht es heran an das felsige Gestade. Ein idyllisch-heiterer Spätnachmittag, eine unendliche Weite, das sehnsüchtige Ferngefühle weckt, ein fernes Anrauschen des Meeres, das träumen macht. Ein Glück des Südens, ein griechisches Inselglück in reiner Luft zwischen Gebirge, Wald und Meer.“

„Das ganze wunderbare Malerwerk“ atme den „Geist attischer Anmut, das schwermütige, heitere Glück der antiken Welt.“

Haben die Zeitgenossen dieses Wunderwerk zu schätzen gewußt? Überwiegend eher nicht, um es milde zu sagen. Im Juli 1887 wurde es dem Berliner Publikum vorgestellt und hier nun wiederum ist Cornelius Gurlitt hilfreich ("Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts" Berlin 1899 (S.611 ff.)).

Nicola Perscheid, Portrait des Künstlers Max Klinger, 1915

"Klinger galt damals bei den Berlinern für einen Mystiker und Genialitätshascher. Beides war unbequem und paßte nicht in den Rahmen der Weltstadt." Er gibt darauf die Erzählung seines Bruders Ludwig Gurlitt wieder: "... das Werk war nur sich selbst ähnlich; ein neuer, mir unbekannter Geist sprach hier zu mir und ich stand lange in stummem Staunen. Neben mir aber machte sich die erbarmungsloseste Kritik laut, und plumpe Witze wirkten auf mich wie Peitschenknall in der Kirche."

Fritz Gurlitt, der Kunsthändler: "Eben war Klinger bei mir im Bureau, ganz zerschlagen und vernichtet. Er hatte eine halbe Stunde vor seinem Bilde gestanden, seinem ersten großen Ölgemälde, an das er alle Kraft, auf das er alle Hoffnung gesetzt hatte, und mußte nun die Urteile des Berliner Publikums hören. Herrjeh! von wem ist denn das?! Der muß nach Dalldorf, den darf man nicht frei rumlaufen lassen? [In Dalldorf (heute Wittenau) befand sich die größte Berliner Nervenklinik.] In der Tonart war es fast unausgesetzt gegangen."

Gurlitt (der Autor) kann im Grunde auch nur mutmaßen, warum die Erregung so heftig war (die Nackheit nicht hinreichend idealisiert und daher unmoralisch erscheinend?). Bisher wäre sie "durch den Idealismus zu einer höheren, die Sinne bändigenden Schönheit erhoben" worden. "Die Schönheit heiligte dort das Nackte."

Der teils bildnerische und farbig gefaßte Rahmen wäre als Geschmacklosigkeit aufgefaßt worden? Stieß der "eigentümlich harte Ton" der Körperauffassung ab. Er liefert ein Resümee, das nur bedingt überzeugt:

"Die geistige Zumutung, sich umzubilden, der Vorwurf, der in diesem Bilde steckt, daß man allzu lang bequemem Idealismus angehangen habe, und daß es Zeit sei, der neuen Zeit angemessene neue Ziele auszustecken: Das war es, was den Haß erzeugte. Aufgeschreckte Denkfaulheit, die tobend nach Ruhe schrie."

Vielleicht wäre diese Machart besser angekommen? Ich weiß nicht.

Albert von Keller, Das Urteil des Paris, um 1891

Das zu Klinger und einem seiner Hauptwerke. Ursprünglich sollte dies mehr eine antike Bildergeschichte werden, aber wie es halt so kommt. Also kehren wir wenigstens zum Ende zur Ursprungsabsicht zurück und bringen nur das Bild von dem leider recht vergessenen Herrn Abel (am bekanntesten vielleicht noch sein „Klopstock im Elysium“ – wir werden es einfach an den Schluß hängen) und die dazugehörige Erzählung. Offen gestanden begann die ganze Idee mit diesem Bild, das mir zuvor unbekannt war.

Josef Abel, Andromache in Ohnmacht
etwa 1818, hier gefunden

Auf diesem Gemälde ist das Verhängnis schon weit fortgeschritten. Die Gattin Hektors fällt in Ohnmacht, nachvollziehbarerweise, so man genauer hinschaut.

Der Heerführer Agamemnon und der große Held Achill hatten sich verzankt, über eine weibliche Kriegsbeute, so daß Achill das Kämpfen verweigerte. Hektor, der Sohn des Priamus focht derart tapfer, es gelingt den Trojanern, die Achäer bis zu ihren Schiffen zurückzudrängen und Feuer an sie zu legen. Da gestattet es Achill seinem Vertrauten Patroklos, seine eigenen Rüstung anzulegen und gewissermaßen unter dem Schein, er sei es selbst, seine Gefolgsleute in die Schlacht zu führen. Die Trojaner unterliegen, aber Patroklos fällt von der Hand des Hektor, der glauben muß, Achill getötet zu haben.

Dieser greift nun selbst ein und tötet Hektor mit der Hilfe der Göttin Athene. Es ist überhaupt eine Art Stellvertreterkrieg, den die Götter hier führen. Achill schleift den Leichnam zwölf Tage um das Grab seines innig geliebten Patroklos. Apoll mildert das Grauen, so Homer im XXIV. Gesang seiner Ilias (in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß):

Schnell, nachdem er ins Joch die hurtigen Rosse gespannet,
Hektor drauf zum Schleifen befestiget hinten am Sessel,
Zog er ihn dreimal ums Grab des Menötiaden Patroklos,
Ging dann zurück ins Gezelt, und ruhete; jenen verließ er
Dort im Staube gestreckt auf sein Antlitz. Aber Apollon
Schützte den schönen Leib vor Entstellungen, weil ihn des Mannes
Jammerte, selbst im Tod', und deckt' ihn ganz mit der Ägis
Goldenem Schirm, daß schleifend auch nicht er die Haut ihm verletzte.
Also frevelte jener im Zorn an dem göttlichen Hektor.

Endlich beauftragt Zeus die Göttin Thetis, die Mutter des Achill, ihren Sohn zur Vernunft zu bringen. König Priamos, der sich als Bittsteller nächtens ins Lager der Griechen schleicht, vermag ihn zu erweichen und erhält dessen Leichnam zur Bestattung.

Doch auch das Schicksal des Achill war längst beschlossen, noch einmal Herr Moritz:

„Auch war das Verhaͤngniß des Achilles nun nicht mehr weit entfernt; nachdem er noch einige ruhmvolle Thaten vollbracht, traf vom Apollo gelenkt, des Paris toͤdtlicher Pfeil ihm in die Ferſe, wo er allein verwundbar war. Um ſeine Waffen entſtand ein trauriger Streit; die Griechen ſprachen ſie dem Ulyſſes zu; woruͤber Ajax, welcher nach dem Achill der tapferſte unter den Griechen war, aus Mißmuth ſich ſelbſt entleibte.

Paris ward bald nachher vom Philoktet mit einem der Pfeile getoͤdtet, die in das Blut der Lernaͤiſchen Schlange getaucht, vom Herkules ihm hinterlaſſen waren. Auch war der Fall von Troja nun beſchloſſen, das nach ſo viel Blutver gießen, dennoch am Ende nicht mit Macht, ſondern mit Liſt erobert werden mußte.“

Keine schönen Geschichten sind dies, aber offenkundig inspirierende. Enden wollen wir mit diesen zwei Bildern. Noch vor dem versprochenen Klopstock ein Gemälde von Karl Friedrich Deckler - Hektor, sich von Andromache und Astyanax verabschiedend. Auch nach den übrigen Erzählungen über ihn war er wohl der nettere Kerl.

Carl Friedrich Deckler, 
vor 1918, hier gefunden


Josef Abel, Klopstock unter den Dichtern im Elysium,
zw. 1803 und 1807, hier gefunden

nachgetragen am 29. März

Montag, 16. März 2020

Von der Kunst, eine Brücke zu bauen &

Rakotzbrücke im Azaleen- und Rhododendronpark Kromlau

Johann Gaudenz Freiherr von Salis-Seewis

Lied zu singen bei einer Wasserfahrt

Wir ruhen vom Wasser gewiegt,
Im Kreise vertraulich und enge;
Durch Eintracht wie Blumengehänge
Verknüpft und in Reihen gefügt:
Uns sondert von lästiger Menge
Die Fluth, die den Nachen umschmiegt.

So gleiten, im Raume vereint,
Wir auf der Vergänglichkeit Wellen,
Wo Freunde sich innig gesellen
Zum Freunde, der redlich es meint!
Getrost, weil die dunkelsten Stellen
Ein Glanz aus der Höhe bescheint.

Ach! trüg’ uns die fährliche Flut
Des Lebens so friedlich und leise!
O drohte nie Trennung dem Kreise,
Der sorglos um Zukunft hier ruht!
O nähm’ uns am Ziele der Reise
Elysiums Busen in Hut!

Verhallen mag unser Gesang,
Wie Flöthenhauch schwinden das Leben;
Mit Jubel und Seufzern verschweben
Des Daseyns zerfließender Klang!
Der Geist wird verklärt sich erheben,
Wenn Lethe sein Fahrzeug verschlang.


Rakotzbrücke, hier gefunden

Nachrangige Nachbemerkung

Diese beiden Dinge stehen in keiner Beziehung zueinander, außer vielleicht der gleichen Stimmung, die behutsam an das Grenzenlose rührt; aber wie wollte man das fassen. Das Gedicht des Schweizer Freiherrn ist von 1782.

Und erst ab 1844 begann der Eigentümer des Gutes Kromlau (Görlitz gibt ein wenig die Richtung an), mit aus verschiedenen Steinbrüchen herangekarrten Basaltsteinen vor allem, einen Landschaftsgarten anzulegen, den wir einfach einmal sehr romantisch nennen.

Doch wir sollen kurz innehalten. Vermögende Leute verbrauchten einst ihr Vermögen, um etwas wunderbar Schönes zu erschaffen, einfach so. Ich weiß nicht warum. (In diesem Falle wüßte ich immerhin jemanden, den ich danach fragen kann. Ich will es später tun.)

Und wenn Dinge aus dem rechten Geist erschaffen werden, gelingen sie auch, wenn nicht, nicht (ich erspare uns dafür die Muster der Gegenwart). Ein Nacheigentümer vollendete dann bis 1882 die obig abgebildete sog. Rakotz- (oder Krebs- oder Teufels-) Brücke. 1952 stürzte die dortige Grotte ein (wie bald anderswo anderes auch), die aber inzwischen wiederhergestellt sein dürfte. Heute nennt sich das Ganze Azaleen- und Rhododendronpark Kromlau und ist offenbar beliebt.

Und dabei ist das Ding (ich spreche von See und Brücke) nicht einmal groß. Aber wenn Größe recht gefaßt ist, stellt sie sich von allein ein und zeigt uns, welche Wunder Landschaftsarchitektur hervorbringen kann. Keine Natur also, sondern alles künstlich? Künstlich wie jeder Garten und die meisten unserer Wälder, durch menschliche Überlegung angelegt.

Es ist fast übermenschlich, sich gegen den Zeitgeist zu stemmen und hat auch seine Gefahren (man mag etwa zur Wunderlichkeit entarten, von anderem zu schweigen). Aber manchmal sind die Dinge eben einfach grundsätzlich falsch und die Dinge des Mißlingens liegen überall im Weg herum. Und es braucht viel Volksaufklärung, sie in der Wahrnehmung vieler unsichtbar zu machen.

Doch wir schweifen bereits zu sehr ab. Also genug davon.

nachgetragen am 19. März

Sonntag, 15. März 2020

Zum Sonntage Okuli

Dem HErrn wust Davids Geist, auf seiner Harfe Saiten,
so manchen schönen Psalm kunstmässig zu bereiten.
Was in uns GOttes Gnad und Gaben mehren kan,
ist, wann zu seinem Preis, wir solche wenden kan.

Der dritte Sonntag der Passionszeit ist benannt nach dem 25. Psalm, Vers 15:

Meine Augen sehen stets auf den Herrn.


Heinrich Schütz: Musikalische Exequien,
II - Mottete "Herr, wenn ich nur dich habe", hier gefunden



Psalm 91

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.
Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz.
Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittage verderbt.
Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.
Ja du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.
Denn der Herr ist deine Zuversicht; der Höchste ist deine Zuflucht.
Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen.
Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Auf Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf junge Löwen und Drachen.
"Er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
Er ruft mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil."



aus Martin Luthers Vorrede auf den Psalter

Es ist ja ein stummer Mensch gegen einen redenden, schier als ein halb-todter Mensch zu achten. Und kein kräftiger noch edler Werk am Menschen ist, denn reden, sintemal der Mensch durchs Reden von anderen Thieren am meisten geschieden wird, mehr denn durch die Gestalt oder andere Werke, weil auch wol ein Holz kan eines Menschen Gestalt durch Schnitzer- Kunst haben, und ein Thier so wol sehen, hören, riechen, singen, gehen, stehen, essen, trinken, fasten, dürsten, Hunger, Frost, und hart Lager leiden kan, als ein Mensch.

Zu dem thut der Psalter noch mehr, daß er nicht schlechte gemeine Rede der Heiligen uns vorbildet, sondern die allerbesten, so sie mit großem Ernst in den allertreflichsten Sachen mit GOtt selber geredt haben. Damit er nicht allein ihr Wort über ihr Werk, sondern auch ihr Herz und gründlichen Schatz ihrer Seelen uns vorlegt, daß wir in den Grund und Quell ihrer Worte und Werke, das ist, ins Herz sehen können, was sie für Gedanken gehabt haben, wie sich ihr Herz gestellt und gehalten hat, in allerley Sachen, Fahr und Noth. Welches nicht so thun, noch thun können, die Legenden oder Exempel, so allein von der Heiligen Werk oder Wunder rühmen. Denn ich kan nicht wissen, wie sein Herz steht, ob ich gleich viel trefflicher Werke von einem sehe oder höre.

Und gleich wie ich gar viel lieber einen Heiligen hören reden, denn seine Werk sehen: Also wollt ich noch viel lieber sein Herz, und den Schatz in seiner Seelen sehen, denn sein Wort hören. Das gibet aber uns der Psalter auf's allerreichlichste an den Heiligen, daß wir gewiß seyn können, wie ihr Herz gestanden, und ihre Worte gelautet haben, gegen GOtt und Jedermann. Denn ein menschlich Herz ist wie ein Schiff auf einem wilden Meer, welches die Sturmwinde von den vier Orten der Welt treiben. Hier stößt her Furcht und Sorg vor zukünftigem Unfall, dort fähret Grämen her und Traurigkeit von gegenwärtigem Übel. Hie webt Hofnung und Vermessenheit von zukünftigen Glück, dort bläset her Sicherheit und Freud in gegenwärtigen Gütern.

Solche Sturm-Winde aber lehren mit Ernst reden, und das Herz öffnen, und den Grund heraus schütten. Denn wer in Furcht und Not stecket, redet viel anderst von Unfall, denn der in Freuden schwebet. Und der in Freuden schwebet, redet und singet viel anderst, von Freuden, denn der in Furcht stecket. Es geht nicht von Herzen (spricht man,) wenn ein Trauriger lachen, oder ein Frölicher weinen soll, das ist: Seines Herzens Grund stehet nicht offen und ist nicht heraus.

Was ist aber das meiste im Psalter denn solch ernstlich Reden, in allerley solchen Sturm- Winden? Wo findet man feinere Worte von Freuden, denn die Lob-Psalmen oder Dank-Psalmen haben? Da siehest du allen Heiligen ins Herz, wie in schöne lustige Gärten, ja wie in den Himmel, wie feine herzliche lustige Blumen darinnen aufgehen, von allerley schönen frölichen Gedanken gegen GOtt, um seine Wohlthaten.

WIederum, wo findest du tieffere, kläglichere, jämmerlichere Worte von Traurigkeit, denn die Klag-Psalmen haben? Da siehest du abermals allen Heiligen ins Herz, wie in den Tod, ja, wie in die Hölle! Wie finster und dunkel ists da, von allerley betrübtem Anblick des Zorns GOttes! Also auch, wo sie von Furcht und Hofnung reden, brauchen sie solche Worte, daß dir kein Mahler also könte die Furcht oder Hoffnung abmahlen, und kein Cicero oder Redkundiger so vorbilden.

Und (gesagt,) ist das das allerbeste, daß sie solche Wort gegen GOtt und mit GOtt reden, welches macht, daß zweydittiger [zwiefältiger] Ernst und Leben in den Worten sind. Denn wo man sonst gegen Menschen in solchen Sachen redet, gehet es nicht so stark von Herzen,  brennt, lebt und dringet nicht so fast.

Daher kommts' auch, daß der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein Jeglicher, in waserley Sachen er ist, Psalmen und Worte, darinnen findet, die sich auf seine Sache reimen, und ihm also eben sind, als wären sie allein um seinet willen also gesetzt, Daß er sie auch selbst nicht besser setzen noch finden kan, noch wünschen mag.

Welches denn auch darzu gut ist, daß, wenn einem solche Wort gefallen, und sich mit ihm reimen, daß er gewiß wird, er sey in der Gemeinschaft der Heiligen, und hab allen Heiligen gegangen, wie es ihm gehet, weil sie ein Liedlein alle mit ihm singen. Sonderlich, so er sie auch also kan gegen GOtt reden, wie sie gethan haben, welches im Glauben geschehen muß, denn einem gottlosen Menschen schmecken sie nicht.

Zu letzt ist im Psalter die Sicherheit und ein wolverwahrtes Geleit, daß man allen Heiligen ohne Fahr darinnen nachfolgen kan.


Heinrich Schütz: Musikalische Exequien,
II - Mottete "Herr, wenn ich nur dich habe", hier gefunden

Wir Deutschen haben in Luthers Sprache eine Heimat, die uns nichts nehmen kann. Ich habe die Worte aus seiner Vorrede nach dem Wortlaut wiedergegeben, wie sie meine obig abgebildete Bibel enthält. Und welcher Wohlklang und Rhythmus, und wie wenig Fremdheit. Von dem übrigen zu schweigen.

nachgetragen am 17. März

Mittwoch, 4. März 2020

Krudes vom Krankenlager


I

Man komme mir nicht mit den Verwicklungen christlicher Prädestinations-Lehrversuche.
Ein C-Christ mag viele dubiose Vorstellungen über Bilder und Orgeln haben, aber merkwürdigerweise spornt ihn seine zweifelhafte Vorstellung von der Vorherbestimmung dazu an, herausbekommen zu wollen, ob er zu den Verdammten gehöre oder nicht. Und so entstehen Handelshäuser, Kolonien, irgendwann sogar diese merkwürdigen Vereinigten Staaten in Nordamerika.

Ein süd-östlich Erleuchteter denkt, wenn er Flöhe hat, daß sein A-Gott das so will, also wäre es doch Gotteslästerung, daran etwas ändern zu wollen. Selbst schräge Ideen können das tiefer Angelegte in Menschen aufrufen, wie auch immer, andere töten es ab. Eine traurige Sache.

II

Wo ich ein von der Apothekerin empfohlenes Gesundheitsbad nahm – kein Vorwurf – das Wasser abgelassen war und ich erkennen durfte, daß eine zu kleine Kraft keinen weit zu schweren Körper zu bewegen vermag (ja, selbst Badewannen können zu Fast-Todesfallen werden, aber ist das das Leben nicht sowieso), hatte ich zwischen meinen Befreiungsversuchen in der leeren Wanne ausreichend Zeit zum Nachdenken. Nun immerhin würde die Entsorgung (im Falle von) einfacher werden, aber wäre der Anblick nicht trotzdem zu unhöflich. So vermag Oberflächlichkeit zu motivieren.

III

Ernesto Cardenal ist tot. Diese Dinge geschehen regelmäßig. Bei Che Guevara kann man das romantische Gefühl beobachten, das vor allem Frauen zu Mördern hinzieht. Nun, Herr Cardenal hat niemanden persönlich umgebracht, das spricht für ihn, Aber mit seinem großen Talent die Wahrheit verdunkelt. Eine weitere irregeleitete Seele, von der nichts bleiben würde, wenn nicht die Sprache größer wäre als der Mensch. Der Hl Vater hat versucht, ihm ins Gewissen zu reden (nicht der aus dem Heutigen).

Und wo wir eben dort angekommen sind


Johannes Paul II - Abbà Pater
10 Madre di tutte le genti – hier gefunden

Erhab'ne Mutter des Erlösers, 
Du allzeit offene Pforte des Himmels
Und Stern des Meeres.
Komm, hilf deinem Volke, das sich müht, vom Falle aufzusteh'n.
Du hast geboren, der Natur zum Staunen, deinen heiligen Schöpfer...