Freitag, 1. Juli 2022

Über Jahreszeiten und die aufschließende Wirklichkeit von Gesten.

 

A Masque for the Four Seasons by Walter Crane, hier gefunden
nachgetragen am 5. August

Samstag, 25. Juni 2022

Ein Neptunbrunnen ohne Gott

Skulptur Kaysa bei Sellin, hier gefunden


Brunnen, Skulpturen und Denkmäler sind weit mehr als Dekoration. Sie sind die Vergegenwärtigung von Gefühl und Erinnerung, Geist und Gedanken, und Absichten natürlich. Sie sind oft nicht frei von einer gewissen magischen Aura, im Guten oder im Anderen. 

Daher die regelmäßigen Denkmalsstürze nach jeder Umwälzung der allgemeinen Verhältnisse. Und auch die Form des Gedenkens zeichnet den Urheber (die Berliner Einheitswippe oder der sowjetische Brutalkitsch seien nur exemplarisch genannt).


Doch wir wollen gar nicht dabei verweilen, sondern in erfreulichere Gegenden wechseln. Eine große Leichtigkeit etwa, die uns von einem Brunnen entgegentritt. Eingeweiht in Warnemünde, auf dem dortigen Kirchplatz am 25. Juni (denke ich). Ein Neptun-Brunnen ohne Gott, aber mit drei Nereiden (wer will, mag sich dazu dort etwas darüber anhören), alle 50 hätten das Budget gesprengt.

Ich will nur den Urheber, daher die drei Eingangsbilder, Thomas Jastram, kurz zitieren. „Ein Neptun-Brunnen ist ja auch eher wie ein Nagel in der Wand, an den man seine Jacke hängt“. Nein, das war es gar nicht, sondern: „Es war mir nicht so furchtbar wichtig, irgendwelche symbolisch-inhaltlichen Dinge da reinzubrummen, sondern es sollte ein Brunnen sein, der zur Beseelung des Ortes beiträgt“. So daß der Pastor das sogar als Taufbecken benutzen könne. Es sei ihm wichtig, daß die Dinge, die er tue, auch tatsächlich an der Wirklichkeit abstoßen, „es sollte schön sein, es sollte Freude machen, vor allem, daß wir auch die Schönheit wieder sehen in der Wirklichkeit, mehr sollte es gar nicht sein.“

Na ja, das ist schon mal eine ganze Menge.

Warnemünde Kurhausgarten, Orpheus, hier gefunden

Und um Herrn Roloff zu erwähnen, der vor einigen Jahren einmal bei einer Ausstellungseröffnung sprach: „Kunst ist nicht Abbildung, um zu erkennen. Kunst zeigt uns, wie wir uns an Dinge und Menschen erinnern sollen. Im Begriff und im Vorgang der Erinnerung verbirgt sich schließlich eine zutiefst vergeistigte Schau auf Mensch und Welt. Unsere Erinnerung offenbart ein verstörendes Vertrauen auf jenes geistige Dasein, dem wir in viel stärkerem Maße angehören als dem leiblichen, weil die geistige Welt eine ewige Welt ist. Die Erinnerung in diesem Sinne ist bereits ganz eine geistige Welt und darin bereits Verheißung der ewigen Welt.“

Und noch ein weiterer Nachtrag. Friedrich Wilhelm Buttel (1796 – 1869). Neustrelitz hat zwar gleich 2 Gelegenheiten, die üblicherweise zum Gedenken genutzt werden, verschlafen. Aber jetzt soll er wenigstens ein Denkmal bekommen. Ein Jan Witte-Kropius lasse den Baumeister auf einer Bank sitzen, den Blick in die Weite gerichtet, lese ich. Wir freuen uns. 

nachgetragen am 31. Juli


Sonntag, 29. Mai 2022

Annäherungen an ein verlorenes Schloß



Einen Nachtrag für ein mehr als 1 ½ Monate zurückliegendes Datum anbringen zu wollen, klingt so absurd, wie es ist. Zum Anlaß will ich gleich kommen. Alles begann als Versammlung von Bildern verschiedener Sonntage. Sie sollten für sich selber stehen. Doch schon zu den Vitrinenbildern wäre besser etwas zu sagen. Man erblickt das im Kulturquartier befindliche Modell des verlorenen Neustrelitzer Residenzschlosses in seiner letzten, intakten Gestalt. 



Darauf folgt eine der Varianten von Ideen, die Stuttgarter Architekturstudenten für einen Neubau des Schlosses am alten Standort entwickelt hatten. Die Ausstellung dazu war in der Schloßkirche und endete eben am 29. Mai. Daher das Datum.

Ich mag nur auf diesen einen Entwurf eingehen. Er fiel heraus, weil er am dichtesten am barocken Ursprungsbau war, gewissermaßen dem Nukleus des Schlosses (wenn man vom Jagdhaus absieht). Das Ganze aber nicht als Nachbau desselben, sondern eher als modern aufgefaßte, konzentrierte Idee davon, jedenfalls, was die Fassaden angeht, die einzelnen Bauglieder bildet er schon getreulich nach.


An die Stelle des Geyerschen Erweiterungsbaus von 1909 setzt er einen typisch barocken Säulentempel, einen Monopteros. Eine pure Erfindung aber keine uncharmante. Man erkennt eine beträchtliche Empathie, aber natürlich auch eine gänzlich architektur – idealische Sicht. 


Andere Entwürfe entfernten sich deutlich weiter vom Barockschloß, alle ignorierten mehr oder weniger den  Geyerschen Bau. Das hat der Ausstellung einen gewissen Mißmut eingebracht, weil hier zwei Sichtweisen ziemlich neben und gegeneinander standen. 

Das Schloß in seiner letzten Gestalt war kein idealtypischer Bau, eher ein Konglomerat, über dessen Stimmigkeit man streiten mag. 

Herr Foelsch zitiert in seinem höchst verdienstvollen Werk (Torsten Foelsch: Das Residenzschloß zu Neustrelitz - Ein verschwundenes Schloß in Mecklenburg. 2016. S. 310.f.) etwa Konrad Hustaedt, der 1933 schrieb:

„Dem durch mannigfache Reproduktionen auch außerhalb des Landes bekannt gewordenen Neubau, der, durch Nebengebäude eingeengt, für das Städtchen und die anmutige, aber nicht großartige Umgebung fast überwältigend wirkt, war der alte Schloßbau durch seine maßvolle, vornehm gehaltene Architektonik weit überlegen.“ 

Um selbst wenig später gänzlich anders zu urteilen (merkwürdigerweise, ohne auf diesen Umstand einzugehen):

„Albert Geyer ist hier ein maßvolles, architektonisch ansprechendes Verschmelzen zweier unterschiedlicher Baukörper ganz unterschiedlicher Bauphasen in überzeugender Weise gelungen.“ 

Vor allem der dem Charlottenburger Schloßturm nachempfundene Neustrelitzer hielt beide Teile zusammen, und er ist mit den meisten Emotionen besetzt. Das mag unlogisch erscheinen, da er, wenn man noch die Ruine dazu zählt, auf gerade 40 Jahre Lebensdauer kam. Aber seit wann wären Gefühle eine Sache des bloßen Verstandes. Außerdem ist es mehr als das, sie entspringen einem örtlich lebendigen Verbunden-Sein.

Ich denke, daß ein Verlust, wie der des Schlosses, eben die letzte Gestalt schmerzlich in die Erinnerung eingebrannt hat. Und für diese steht nun einmal emblematisch der Turm. Darüber hinaus aber hatte er eine eindrucksvolle, die Stadtsilhouette mitprägende Gestalt. Man vergleiche nur den Gewinn bzw. Verlust für diese zu verschiedenen Zeiten. Hat man die Stadtansicht mit dem vorigen Bild noch im Sinn, erscheint die spätere wie geköpft. Der Turm diente also eben nicht nur dem Schloß, sondern auch dem Bild der Stadt.

Ansicht von hier

Dennoch, der oben erwähnte Entwurf weckt Sympathien, auch wenn ich mir der Gefahr bewußt bin, für diese Bemerkung aus der Gemeinde der Schloßneubau - Verteidiger ausgeschlossen zu werden. Er ist eine rein architektonisch gedachte Annäherung an das Verlorene und macht so die Leere wieder spürbar, die Gewöhnung gewöhnlich gemacht hat.

Stellt man aber das verlorene Schloß dagegen, und sei es als Modell, wird klar, daß weit mehr als Nostalgie im Spiel ist, wenn man seiner letzten Gestalt den Vorzug gibt. War das Neustrelitzer Schloß herausragend schön? Jede Beantwortung der Frage krankt daran, daß wie es heute nur von Abbildungen und Modellen kennen. Was die Bilder aber auch zeigen. Das Interieur war überwältigend, die Säle, die Kunstwerke. Dort auf irgendeine Art von Wiederbringen zu hoffen, erscheint geradezu verstiegen utopisch.

Alles was sich gegen den Verlust stellt, hilft. Der Verlust von Schönem beschädigt immer die Seele und sei es die einer Stadt, die schließlich ein Werk und Ort von Menschen ist. Schönes macht einen Menschen nicht unbedingt gut. Das ist auch nicht seine Bestimmung. Aber das Böse zerstört Schönes. Es gibt also eine innere Verbindung. 

Konrad Hustaedt schrieb 1933, zur gleichen Zeit gibt ein Dr. Müther sein zwiespältiges Urteil über die Schloßkirche ab („verkleideter Klassizismus“, Dissertation von 1935). Manchmal braucht es erst einen Verlust (oder einen Zeitabstand), damit der Wert von Dingen deutlich wird (nicht, daß es dafür eine Garantie gäbe, es ist nur eine Möglichkeit). 

Bei der Schloßkirche ist uns dieser glücklicherweise erspart geblieben. Und dem des Schlosses wird hoffentlich bald auch ein bleibender sichtbarer Widerspruch entgegentreten mit dem Wiederaufbau des Schloßturmes als Anfang und Mahnung für Zukünftiges.

nachgetragen am 23. Juli

Sonntag, 8. Mai 2022

Preußische Predigten II

Nikolkoe, St. Peter und Paul, kolor. Lithographie ca. 1850,

Trauerfeier für IKH Prinzessin Luise von Preußen

„Ganz, aus großer Ferne, trifft uns noch einmal der Schimmer eines fast vergessenen Glanzes.

Ganz, aus größter Ferne, erreicht uns ein Ton, der lange nicht gehört wurde. Wie ein Traumbild steht vor uns der Zug von Generationen einer hochwürdigen Familie, die auf den Königssohn Carl zurückgeht, heldenhafte Generale hervorbrachte, Schönes schuf und in Gottesfurcht lebte. Ganz am Ende dieses Zuges erblicken wir, die wir heute begraben: IKH Prinzessin Luise von Preußen.“

„In zweifacher Weise ist die Prinzessin heimgekehrt. Diese Kirche steht im Garten ihrer Kindheit und Jugend, dieser Ort ist die Ursprungsstätte ihrer Familie, bei den Ihren werden wir anschließend betten, was sterblich an ihr war.

Sie ist aber auch heimgekehrt in den Ursprung allen Lebens, zu dem, der sie im Leben gesegnet hat und sie zum Segen werden ließ.“

„Ohne oder gar gegen ihre eigene oft so tragische Geschichte zu leben, war misslungen. Ihr war im Grunde nur der Name geblieben, den sie nun mit größtem Stolz wie ein Zeichen ehrfurchtgebietend durch eine Zeit trug, die vieles gar nicht mehr verstehen wollte, und für die sie geradezu ein Artefakt fremder Welten war. Aber gerade darum erklärte sie immer wieder geduldig die Wege ihres eigenen Lebens und erzählte aus Zeiten, die uns sagenhaft fern scheinen, durch die sie aber gegangen ist.“

„Sie hatte ein beeindruckendes Empfinden für die Tragik des Jahrhunderts, das wir hinter uns gelassen haben. Bereits ihre bloße Gegenwart machte deutlich, dass die Geschichte nicht das Toben anonymer Mächte über den Köpfen der Völker ist, sondern schlicht das, was Menschen tun.“

„Im Garten ihrer Kindheit und Träume werden wir, was sterblich an ihr war, beisetzen. Auf ihre Weise wird sie nun Glienicke wieder in Besitz nehmen. Und einmal, wenn der Friedhof im Park seinen verwunschenen, stillen Charakter wiedergefunden hat, wird sich vielleicht ein Wanderer dorthin verirren, und ein Kundiger wird ihm erklären: Hier ist sie versammelt, die Familie des Prinzen Carl von Preußen, der ein Sohn der verehrten und sehr geliebten Königin Luise gewesen ist, und die ihrem Lande ein Zeichen war, und die Gott fürchtete.

Und der Schimmer fast vergessenen Glanzes trifft ihn ganz. Amen“

Das sind Worte aus der Predigt, die Herr Roloff im Jahre 2009 zur Beisetzung der Prinzessin Luise Viktoria von Preußen gehalten hat (der vollständige Text findet sich hier, wo sich auch Näheres zu ihrem Leben aufsuchen läßt). Es war ein Leben, hin und hergeworfen in den sich überstürzenden Zeitläuften, etwas, was sie mit vielen teilen mußte, voller Verluste, die Eigenes verunmöglichten, so wie es das obige Zitat andeutet.

Haus Lehnitzsee, Bild von hier

Nach einem der Schicksalsschläge bezog ihre Mutter das Haus Lehnitzsee in Neu Fahrland, es ist hierüber abgebildet. Durch den Zugriff des nationalsozialistischen Staates verlor die Familie das Schloß Glienicke, das eigentliche Symbol ihrer Geschichte (über Glienicke und seine Bedeutung für diese Linie des Hauses Preußen kann man Wesentliches im Zusammenhang mit dem vorigen Beitrag zur Trauerrede auf den Prinzen Friedrich Karl finden, mit dem die Linie im Mannesstamm erloschen ist (Preuß. Predigten I).  

Er erwähnt die eigentümliche, durch die Mächtigen jener Jahre belauerte und verdächtigte Stellung, in der die Angehörigen vormals regierender Häuser lebten. Ein Gedanke, der sich dabei unvermittelt einstellt: Wenn es ein Kontinuum in der jüngeren deutschen Geschichte gibt, dann das Mißtrauen gegen die vormals regierenden Häuser. Es hatte in der sog. DDR ungebrochen Bestand und ist häufig selbst in dieser Republik noch lautstark anzutreffen. Und das, wo doch alle genannten Systeme so grundverschieden voneinander sein wollen. Merkwürdig, wie aufschlußreich.

Das Leben-müssen über Brüche hinweg hatte sie mit vielen zu teilen. Aber sie gebot über ein Erbe, dem diese Zeiten nichts anhaben konnten. Ihr blieb, dieses zerbrochene Jahrhundert mit Haltung durchzustehen. 

Auch wir stehen nun gewissenmaßen vor einem Bruch. Denn es ist schwierig zu übergehen, daß ihre Gestalt bei einem bekannten, durchaus nicht unumstrittenen italienischen Schriftsteller erscheint. Aber den Bericht davon wollten wir an das Ende verbannen.

Seine Geschichten sind, sagen wir, wahr erfunden, sie könnten so geschehen sein, weil die berichteten Geschehnnisse so stattgefunden haben, sie sind wahr, weil sie mit greller Schärfe zugespitzt den Charakter und Wert von Personen wahrhaftig beschreiben. Sie erzählen von grausamen Dingen einer traurigen und grausamen Zeit, und sie tun das in einer nichtgefälligen, aber unterhaltsamen Art. Das ist nicht das einzige, was verstört.

Malapartes Stil in seinem Roman „Kaputt“, von ihm reden wir, läßt sich an einem Beispiel am schnellsten illustrieren. Es geht um den kroatischen Anführer während des 2. Weltkriegs Ante Pavelić, der uns zunächst trügerisch wohlwollend geschildert wird, wenn auch auf bereits mißtrauisch machende sperrige und gleichzeitig überziehende Weise. Unser Mißtrauen entstand zurecht.

"Ich beobachtete Ante Pavelić, seine dicken behaarten Hände, seine niedrige, harte, eigensinnige Stirn, die unförmigen Ohren. Eine Art Mitgefühl ergriff mich für diesen schlichten, guten, großzügigen Mann, der mit so einem feinen Empfinden für Menschlichkeit begabt war. Die politische Lage hatte sich in diesen Monaten sehr verschlechtert. Der Partisanenaufstand loderte durch ganz Kroatien... Wie sehr muß er leiden, dachte ich, dies goldene Herz."

"Während des Gesprächs bemerkte ich einen Korb aus Weidengeflecht...'Sind das dalmatinische Austern?' fragte ich den Poglawnik. Ante Pavelić hob den Deckel vom Korb und zeigte die Muscheln und kleinen Meerestiere, diese schleimige und gallertartige Austernmasse und lächelnd sagte er, mit seinem gutmütigen und müden Lächeln: 'Es ist ein Geschenk meiner getreuen Ustaschas: zwanzig Kilo Menschenaugen.'"

Alle seine Geschichten sind von dieser Art: Kannibalismus unter russischen Kriegsgefangenen, dem die deutschen Soldaten freundlich zusehen. Jüdische Zwangsprostituierte, die regelmäßig nach 20 Tagen erschossen werden. Dies und anderes Grausames mehr will Malaparte der Prinzessin in Potsdam erzählt haben.

 Was von diesen Geschichten, die das gesamte 4. Kapitel umfassen, er der Prinzessin tatsächlich zugemutet hat, ja ob überhaupt, darüber ist schwer zu mutmaßen. Er ist ein scharfer Charakterzeichner und seine Beschreibungen wirken auch in dem, was ihre Person betrifft, sehr authentisch. "Don't be so Potsdam, Luise!" ruft ihre Freundin aus, eine sehr überzeugende Szene, wie ich höre. Manches hat er erkennbar dazuerfunden (er macht aus ihr eine Enkelin des letzten Kaisers), aber vorherrschend wirkt vieles stimmig. 

Als Unterhaltung eines Tages ist es natürlich undenkbar. Aber gäbe es einen wirklichen Kern als Begebenheit. Ist es vorstellbar, daß er die Prinzessin mit all diesem traktierte?

Man könnte es auch so sehen und sagen: Malaparte beichtet der Prinzessin das Jahrhundert als einem Gewissen, das über diesem steht. Aber für wen fordert er da dann die Absolution ein? Wir wollen diesen verwirrenden Gedanken entgehen und von einer letzten Szene berichten, die tatsächlich geschehen ist. 

Beim Verlassen der Nikolskoer Kirche St. Peter und Paul neigte sich der Sarg noch einmal leicht Havel und Jungfernsee unten zu, einem Nicken gleich, hinüber zur Pfaueninsel zur Rechten und der Sacrower Heilandskirche zur Linken, als Geste des letzten Abschieds.

nachgetragen am 30. Mai

Sonntag, 1. Mai 2022

Preußische Predigten I

Klein-Glienicke, Greifenfigur am Haupttor, von hier

"Als Friedrich Karl von Preußen am 13. März 1919 in Glienicke geboren wird, ist die Monarchie bereits zerstört. Von Anfang an zeugte also schon sein Name von einer anderen Welt, von vergangener Zeit. Das Oberhaupt der Familie war im Exil, das Land zerrissen, die Gefahren längst nicht gebannt. In allem drückte sich aus, dass diese Welt noch weniger Heimat sein konnte als jemals und auch ein königlicher Prinz nur ein Wanderer ist, ohne bleibende Stadt. Ist dort schon die Ursache zu suchen für das Unbeständige, das sein Leben immer wieder tragisch überschattete?"

"Von dort ist er nun hierher heimgekehrt. Als den letzten Herrn auf Glienicke werden wir ihn anschließend auf dem Prinzenfriedhof beisetzen, auf dem auch schon seine Eltern ruhen. Sein Leben, wie auch sein Leib sind nun zu Asche verbrannt. Mehr wäre also nicht zu sagen, wenn er nicht getauft wäre in Jesus dem Christus, denn dadurch ist er von Gott geboren.

Gott prüft uns in unserem Leben, zuweilen entreißt er uns was wir lieben, zuletzt ruft er uns selbst aus dieser Welt, aber niemals verlässt er uns."

"Die Bedeutung der großen Familien ist doch auch darum gesunken, weil das Bewusstsein von der Einheit, Gemeinsamkeit und von dem Wert der Geschichte geschwunden ist. Wir alle werden diese Gewissheit aber nur wiederfinden in dem Glauben, der Menschen und Völker untereinander verbindet und auch zu dem Gott führt, der in Christus alles niederreißt, was uns trennen will und sei es der Tod."

Diese Worte sind aus der Traueransprache (man findet sie hier), die Herr Roloff am 13. Juli 2006 zur Beisetzung von Friedrich Karl von Preußen in St. Peter und Paul auf Nikolskoe hielt, mit dem eine Linie des Hauses Preußen im Mannesstamm erlosch, die von Carl von Preußen, Sohn des Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise, begründet worden war. 

Wenn man dem Verweis folgt, wird sich zunächst viel über den Begründer der Linie finden, etwa, was ließe sich Überwältigenderes, Bleibenderes, Trostreicheres über jemanden sagen, als daß er Schönheit in die Welt gebracht hätte. 

Doch diese Reihe will vornehmlich an das erinnern, was über das vergangene Preußen samt unserer Geschichte von Herr Roloff aus verschiedensten Anlässen gepredigt worden ist und hier bereits dokumentiert wurde. Sieben Stücke sind noch einmal ausgewählt und werden von mir knapp eingeführt.

Und um kurz abzuschweifen. Bevor am 9. Mai a.c. die Welt schon wieder einmal untergehen soll, wie manche meinen, mag diese kleine Serie von Untergang und Behauptung, die Erinnerung an Preußen ist derzeit wohl am besten so zusammenzufassen, ein schüchternes Weglicht im Nebel der Zeit sein.

nachgetragen am 5. Mai

Dienstag, 26. April 2022

Der Russe hieß Bosinski – über das verlorene Altarbild der Schloßkirche

Im Dezember 2018 schrieb ich über die Großherzogin Marie: "Die Kopie von 1859 des obigen Abbildes der Hl. Familie von Raffael zieht absolut in den Bann. Es hing einst an der Chorwand links neben dem Altar in der Schloßkirche von Neustrelitz (das eigentliche Altarbild – eine Grablegung Christi von Prof. Kannengießer - ist verloren, ich bilde mir ein, irgendwo gelesen zu haben, die Russen hätten es ´45 zerschossen, kann die Stelle aber gerade nicht wiederfinden)."

Die Russen hießen Bosinski und Dziedo. Genauer, als das Altarbild tatsächlich verlorenging, bekleidete (ab 1959) Gerhard Ernst Bosinski das Amt des Landessuperintendenten des Kirchenkreises Stargard (eine Art Teilbischof desselben in der damaligen Ev.-Luth. Landeskirche Mecklenburgs mit Sitz in Neustrelitz) und Hans Hermann Dziedo war von 1956 bis zu seinem Tod 1965 Pastor an der Schloßkirche. Und in beider Amtszeit fanden Renovierungsarbeiten an der Schloßkirche statt, über die ich eben einen längeren Bericht im Carolinum vom Sommer 1965 finde.

Ich brauche also nicht länger nach der besagten Stelle zu suchen. Ich war einem ärgerlichen Irrtum aufgesessen, den ich umgehend klarstellen will, samt der nun unumgänglichen Namensnennung. Stutzig hätte ich eher werden können. Denn schon im August 2020 erinnerte ich angesichts der aktuellen Restaurierungen in der Schloßkirche an einen Kulturfrevel, der vor Jahrzehnten in der Friedhofskapelle stattgefunden hatte:

Friedrich Overbeck - Bildnis des Malers Johann Carl Eggers, etwa 1816/1820, Bild von hier

"Man sollte bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß mit Carl Eggers Neustrelitz einen Maler aus dem Kreis der Nazarener um Friedrich Overbeck hervorgebracht hat. Sein Auferstehungsengel, ein Freskogemälde in der Friedhofskapelle von Neustrelitz wurde in den 50ern übergeschmiert. Wir wollen den Namen des selbstgefälligen Kirchenmannes, der diese Schandtat begangen hat, nicht aus dem verdienten Vergessen reißen. Übergeschmiert geht halt schnell, wieder Freilegen ist mühsam."

Carl Eggers (1787-1863), Madonna mit der Nelke, vor 1863, von hier

Jetzt aber zu dem Aufsatz eines Prof. Dr. Friedrich Scheven (der Ausgabe 56/57 vom Herbst 70 ist zu entnehmen, daß der 1890 geborene regelmäßige Autor ein in Kunstgeschichte promovierter Theologieprofessor war) unter dem Titel "Erneuerungsarbeiten an den kirchlichen Bauten in Neustrelitz" im Carolinum Nr. 42, Sommer 1965, S. 54ff.). Er ist neben den enthaltenen Nachrichten auch aus anderen Gründen aufschlußreich, u.a. weil der Autor den damaligen Akteuren offensichtlich nahe gestanden zu haben scheint.

Wir starten mit seiner allgemeinen Bemerkung, auf die wir noch werden zurückkommen müssen, nämlich: "Eine große Zahl von Landkirchen ist gründlich überholt, meist recht ansprechend, gelegentlich freilich scheint die Erneuerungsfreudigkeit etwas zu weit gegangen zu sein auf Kosten alter Formen und Einrichtungsgegenstände. Wenn nicht Achtung vor einem Kunstwerk, so hätte doch Pietät und Ehrfurcht vor dem, was die Väter uns zur frommen Nutzung hinterlassen haben, hier und da zu größerer Zurückhaltung mahnen müssen."

Und jetzt sind wir bei der Schloßkirche, genauer, zunächst bei einer höchst widerstrebenden Würdigung der Leistung unseres Buttel:

"Den Anstoß zu den Erneuerungsarbeiten gab die Erinnerung an das 100jährige Bestehen der Schloßkirche, die 1855-1859 unter Großherzog Georg durch Baurat Buttel erbaut wurde. Friedrich Wilhelm Buttel, in dessen Schaffen die Spätromantik sich voll auslebte, hat dem Strelitzer Lande eine Reihe von beachtlichen Kirchenbauten gegeben... Uns muten diese Bauten in ihrer ausgeklügelten Neugotik meist akademisch trocken an, nicht selten in den Turmbauten und Schmuckformen verspielt (Leppin).“

Akademisch trocken und verspielt zugleich! Das muß man erst einmal hinbekommen. Und die Generalkritik - “Wir vermissen einen Bauwillen, der eigene Formen zu finden sucht. Das gilt auch von der Neustrelitzer Schloßkirche, neben der Kirche in Fürstenberg der größte Buttelsche Bau im Lande. Aber das darf nicht hindern, das Beachtliche an ihr zu sehen. Das hat Erich Brückner in Nr. 33 dieser Zeitschrift (1961, S. 49ff.) herausgestellt. Man wird ihm freilich nicht in allen Wertungen beistimmen können. Wir werden das Ganze nur bejahen können, wenn wir Bauformen und Bildgehalte aus dem Geist der Spätromantik historisch zu verstehen suchen.“

Ein nicht untüchtiger Epigone also wohl. Dann kommt er auf das, glücklicherweise etwas günstigere Schicksal der Kirche zu sprechen:

„Der Krieg und die Zerstörung der nahen Schloßbauten hat die Schloßkirche nicht berührt. Aber die Schäden, die sich an dem hundertjährigen Bau bemerkbar machten... erforderten Instandsetzungsarbeiten. Sie wurden im Innern mit Zurückhaltung vorgenommen.“

Abzeichnung des Altargemäldes "die Grablegung" von Georg Kannengießer, 1859, aus Friedrich Wilhelm Buttel: Die neue Schloßkirche zu Neustrelitz, in: Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus (1860), von hier

ursprüngliche Fassung der Chorapsis

Diese „Zurückhaltung“ sah nämlich folgendermaßen aus, und man gewinnt dabei einen Eindruck von dem Geisteszustand der Zeitgenossen: „Am stärksten waren die Eingriffe bei der Chorapsis. Das von neugotischen Zierformen umrahmte große Altarbild von Prof. Kannengießer, mit seinen Ausdrucksformen noch ganz in der Schule der Nazarener wurzelnd, wurde beseitigt. Es mußte mit Recht weichen, denn es war kein Bild, das den heutigen Beschauer hätte erbauen und sammeln können. Mit ihm mußten die im Sinne der Nazarener lieblich gemalten Engelsköpfchen weichen und die die Gewölbezwickel ausfüllenden Waffeleisenmuster.“

Wie hatten wir noch eben gelesen: „Wenn nicht Achtung vor einem Kunstwerk, so hätte doch Pietät und Ehrfurcht vor dem, was die Väter uns zur frommen Nutzung hinterlassen haben, hier und da zu größerer Zurückhaltung mahnen müssen." Ein kleiner Selbstwiderspruch? Weder Achtung vor dem Kunstwerk noch anderweitige Pietät walteten. Was dem Zeitgeschmack nicht gefällt, muß weg!

„An Stelle des Altarbildes schmückt jetzt ein schlichtes, freischwebendes, schmiedeeisernes Kreuz den Altarraum, dessen Kreuzesarme, in Holz geschnitten, mit leuchtender Vergoldung die Evangelistensymbole tragen. Der Entwurf des Kreuzes stammt von der Dresdener Bildhauerin Frau Grossmann-Lauterbach. Der neue Schmuck des Altars fügt sich in seiner grazilen Schwerelosigkeit gut in die neugotischen Formen der Kirche ein. Frau Grossmann hat sich hier ebenso wie in andern Kirchen des Strelitzer Landes als eine feinempfindende Künstlerin bewährt, die Werke zu schaffen versteht, die modernem Stilempfinden entsprechen, sich aber zugleich in den geschichtlich gewordenen Rahmen einfügen..."


Das Ding gibt es immer noch, nur hängt es halt mittlerweile in der Zierker Dorfkirche. Und dann doch noch eine gefühlige Wertung des Buttelschen Meisterwerks, die Schloßkirche,„das ausgeklügelte Werk eines theoretisch und praktisch tüchtigen Baumeisters, dem wir die Achtung nicht versagen können, so fern wir auch seinem Kunstempfinden stehen,“ lasse „uns“ „weithin kalt“. Im Gegensatz zur Stadtkirche nämlich. Aber um die soll es hier nicht gehen.

Das Altarbild von Prof. Kannengießer wurzelte mit seinen Ausdrucksformen also noch ganz in der Schule der Nazarener und hatte daher beiseite geschafft zu werden.

Man muß die Nazarener nicht mögen. Ich habe da teilweise selbst meine nicht unerheblichen Schwierigkeiten. Aber seinen persönlichen Geschmack oder den der Zeit so zum unhinterfragten Maßstab und Muster zu machen, da hilft es sicher enorm, wenn man sich nah zum lieben Gott weiß. Oder noch etwas böser: Ich habe gerade bei Leuten aus dem geistlichen Fach nicht selten den Eindruck, daß sie durch den beruflichen Umgang mit dem Ewigen oft nicht mehr recht zu unterscheiden wissen, wo ihre Person aufhört und die des Herrgott anfängt. So wie offenkundig hier.


Probefreilegungen in der Chorapsis mit wieder eingesetztem Fenster des Erzengel Michael (siehe dortigen Beitrag)


Donnerstag, 21. April 2022

Eichendorff über Lessing – eine Lektüre

Anna Rosina de Gasc: Gotthold Ephraim Lessing, ca. 1767-1768, 

„Aber die halb zaghaften Versuche des Pietismus, wo es das Höchste im menschlichen Leben galt, dieses unsichere Umhertasten des bloßen Gefühls nach dem Lichte, konnte zwei mächtigeren Geistern nicht genügen, die schon damals das Saatkorn einer neuen Zeit für die Nachwelt ausgeworfen; wir meinen: Lessing und Hamann.

Lessing ist… hier zuerst zu nennen. Er hatte das zweischneidige Schwert der Kritik, das der Protestantismus in die Welt gelegt, mutig aufgenommen, aber nicht um des Protestantismus willen, sondern um neue Bahnen zu brechen. Denn so lose, falb und ungewiß, das fühlte er tief, durfte das deutsche Wesen nicht länger hängenbleiben; alles Halbe war ihm in den Tod verhaßt. Der Hochwächter seiner Zeit, wie ihn Gervinus nennt, klopfte er an Hütten und Paläste, rüttelte unbarmherzig Unglauben wie Aberglauben, den eigensinnigen Hochmut und die weichlichen Träumer auf und zwang die Welt, in den Dingen sich so oder so zu entscheiden. Und den gemeinen Schwindel kannte er nicht; auf den unwirtbarsten Höhen, wo anderen die Sinne vergehen, atmete er nur um so frischer auf.

Vor allem begann er damit, in der totalen Verwirrung die ungehörig verschwommenen Elemente der Bildung zu scheiden und zu ordnen. So löste er auch die Poesie aus ihren damaligen Banden französischer Altklugheit, sie sollte fernerhin weder der Moral noch dem Verstande dienen, ihre eigene Schönheit sollte ihre einzige Berechtigung sein. Schon damals, der herrschenden Modebegeisterung entgegen, ignorierte er den Ossian und rühmte Shakespeare, den noch niemand kannte.

Es konnte nicht fehlen, ein solcher Mann mußte die tiefste Bewegung der Zeit, die religiöse, auch am mächtigsten erfassen. In dieser Beziehung sind seine »Wolfenbüttler Fragmente« und »die Erziehung des Menschengeschlechts« besonders berühmt geworden. In den Fragmenten wird Christi Leben und Lehre als ein Versuch dargestellt, den Römern zum Trotz ein irdisches Messiasreich zu gründen, welcher Versuch, als er mißglückte, von den Jüngern dann in den Evangelien schlauerweise bloß geistig gedeutet worden sei. – Die andere Schrift dagegen nimmt die Offenbarung nicht für alle Zeiten geschlossen an, sondern als einen stufenweisen Akt der Erziehung Gottes, einstweilen an dem einzelnen Volke der Juden durchgeführt, weiterhin aber unausgesetzt über Christus hinausgehend.

Wir wollen hier kein Gewicht darauf legen, daß Lessing selbst nur Herausgeber der Fragmente und der Erziehung des Menschengeschlechts ist; die ersteren werden nämlich dem Hamburger Reimarus, die anderen sogar von manchen dem bekannten Landwirt Albrecht Thaer zugeschrieben.

[Lessing hatte die Fiktion in die Welt gesetzt, die Erziehungs-Schrift sei von einem „guten Freund“, der sich gern „allerlei Hypothesen und Systeme“ mache, „um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen“ (Brief an H.S. Reimarus, 16. April 1778). Die zweite Schrift ist also von ihm selbst.] 

Postkarte des Eichendorff-Denkmals in Ratibor. Bild von hier

Aber wenn man den ganzen Mann ins Auge faßt, fühlt man jedenfalls, indem er jene Schriften in die Welt sandte, konnte es seine Absicht nicht sein, der Richtung seiner Zeit zu schmeicheln, vielmehr dieser gradezu den Fehdehandschuh hinzuwerfen, um sie, seiner scharfen unverblendeten Natur gemäß, aus aller Schöntuerei und Halbheit kühn bis zu dem Kulminationspunkte zu treiben, wo es Christ oder Nichtchrist gilt; er wollte keine Scheinheiligkeit, er wollte keinen Scheinfrieden zwischen Vernunft und Religion. 

Er tat es – und das unterscheidet ihn himmelweit von seiner Zeit –, er tat es nicht aus eitler, frivoler Lust am Verneinen, sondern mit dem furchtbaren Ernst, der den Zweifel als eine blanke Waffe ergreift, um sich zu positiver Überzeugung durchzubauen. »Ich hungere«, sagte er von sich selbst, »nach Überzeugung so sehr, daß ich wie Erysichthon alles verschlinge, was einem Nahrungsmittel nur ähnlich sieht.

Die Inspiration der Evangelien ist der breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand herüber helfen, der tue es; ich bitte ihn, ich beschwöre ihn, er verdient einen Gotteslohn an mir.« Hiernach war er auch – wiederum ganz verschieden von seiner Zeit – weit davon entfernt, seine Zweifel für maßgebend oder für mehr als redliche Bestrebung auszugeben. »Ich besorge nicht erst seit gestern«, gesteht er schon im Jahre 1771, »daß, indem ich gewisse Vorurteile weggeworfen, ich ein wenig zuviel weggeworfen habe. Es ist unendlich schwer zu wissen, wenn und wo man bleiben soll.«

Unsäglich aber haßte er insbesondere den flachen Rationalismus der »neumodischen Theologen«. »Man macht uns«, schreibt er an seinen Bruder, »unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte als an ihm (dem alten Religionssystem). 

Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, das man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßte. Und doch verdenkst Du es mir, daß ich das alte verteidige? – Ich bin von solchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, daß, wenn man sie aufkommen läßt, sie mit der Zeit mehr tyrannisieren werden, als die Orthodoxen jemals getan haben.« 

E. Eichens: Joseph von Eichendorff, Stahlstich aus Werke, Berlin, Simion, 1842, Bild von hier

Das sind Worte, die heute noch ebenso schneidend treffen wie dazumal, und wie viele, die sich jetzt auf Lessing stützen, weil sie ihn nicht kennen, würden wieder das: kreuzigt ihn! über ihn ausrufen. Denn er dringt unerschrocken noch unmittelbarer vor, indem er ferner sagt: »Eine gewisse Gefangennehmung der Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens beruht auf dem wesentlichen Begriff einer Offenbarung. 

Oder vielmehr die Vernunft gibt sich gefangen; ihre Ergebung ist nichts als das Bekenntnis ihrer Grenzen, sobald sie von der Wirklichkeit der Offenbarung versichert ist. Dies also, dies ist der Posten, in welchem man sich schlechterdings behaupten muß; und es verrät entweder armselige Eitelkeit, wenn man sich durch hämische Spötter hinauslachen läßt, oder Verzweiflung an den Beweisen der Offenbarung, wenn man sich in der Meinung hinauszieht, daß man es alsdann mit den Beweisen nicht mehr so streng nehmen werde.«

So ist es durchaus eine ernste tiefe Sehnsucht, die durch sein unruhiges Leben wie durch seine Schriften geht. Er ist ohne Zweifel der tragischeste Charakter unserer Literatur: wie er überall treu, offen und gewaltig nach der Wahrheit ringt und dennoch vom Dämon des Scharfsinns (wie Hamann es nennt) endlich überwältiget wird und an der Schwelle des Allerheiligsten unbefriedigt untergeht; aber sein großartiger Untergang ist für alle Zeiten eine belehrende Mahnung an alle, die da ehrlich suchen wollen.

Eine gleich hohe Erscheinung der deutschen Literatur war Hamann (1730–1788), wenngleich auf sehr verschiedenem Standpunkt. Wenn Lessing das religiöse Bewußtsein durch Kritik zu erobern suchte und von Zweifel zu Zweifel langsam, aber sicher vordrang, so war bei Hamann die Erleuchtung wie ein Wetterstrahl, der den Verirrten mitten in der Nacht eines fast verlorenen Lebens getroffen…“

[An späterer Stelle, nachdem Eichendorff Christoph Friedrich Nicolai als rationalistischen Eiferer von zweifelhaftem Charakter gezeichnet hatte, vergleicht er dazu Lessing.]

Daniel Chodowiecki: Profilbildnis von Friedrich Nicolai, Bild von hier

„Lessing, sagt man, war ein Freund von Nicolai. Eine gewisse Kriegskameradschaft hat allerdings zwischen ihnen bestanden, wie überall bei Kampfgenossen, die unter einer Fahne streiten. Aber nicht alle Kameraden sind Helden; es kommt eben nur darauf an, wie sie kämpfen; und beide haben sehr verschieden gefochten. 

Lessing, der, nie sich selber genügend, immer weiter und weiter bis ins Unendliche sich seine Ziele steckte, suchte erst, was Nicolai, in seinem bornierten Gesichtskreise, bereits gefunden und erobert zu haben und daher hartnäckig behaupten zu müssen glaubte. Wir haben oben gesehen, mit welchem tiefen Ernste Lessing auf dem religiösen Gebiete alle schneidenden Waffen des Zweifels gegen das Christentum wandte, damit die Welt ihn widerlege und belehre und sich und ihn endlich aus dem schwankenden Halbwesen zur vollen Klarheit hindurchschlage.

Ebenso gab er seine dramatischen Versuche keinesweges etwa als endgültige Muster…, sondern um andere anzuregen und auf die Bahn zu weisen, auf der sie aus der allgemeinen französischen Lüge auch hier vielleicht zur Wahrheit gelangen könnten. Auch Lessing gehört… wesentlich der Verstandespoesie an. 

Wir statuieren freilich keinen Dichter ohne, wo möglich, recht großen Verstand, aber wir müssen ihm durchaus etwas vindizieren, das über dem Verstande liegt oder vielmehr diesen in einem weiteren Umkreise mit umfaßt; und eben dieses fehlte Lessing.

Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti - Titelblatt der Erstausgabe, 1772, Bild von hier

Seine »Miß Sara Sampson«, sowie »Emilie Galotti« sind eben nur ein tief durchdachtes Schachspiel scharfumrissener Charaktere gegeneinander: Exposition, Szenenfolge, Handlung, alles notwendig Zug um Zug, kein Auftritt kann herausgenommen oder verschoben werden, ohne den ganzen Organismus zu zerstören; die geistvollsten und lehrreichsten Skizzen zu künftigen Tragödien. 

Aber man vermißt die schöpferische Wärme des Gefühls, jene wunderbare Zauberei der Phantasie, welche die Figuren erst lebendig macht; der Dialog ist epigrammatisch oder »lakonisch«, wie ihn Goethe nennt, und beiden Tragödien fehlt der versöhnende Schluß einer durchblickenden höheren Leitung, den auch die geistreichst kombinierte Wirklichkeit niemals zu geben vermag…

Lessing, G. E.: Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück. Zweite Auflage. Berlin: C. F. Voß 1770, Wikimedia: Foto H.-P.Haack

Mit »Minna von Barnhelm« dagegen trat Lessing unmittelbar seinem Ziele näher, ja gewissermaßen schon über dasselbe hinaus. Was er vorhatte, war nämlich nichts Geringeres, als das Schauspiel aus der ganz konventionellen Unnatur des französischen Hoftheaters zur Naturwahrheit einer nationalen Bühne zurückzuführen. 

Zu diesem Zwecke wollte er Stoff und Form zugleich reformieren, er wollte einerseits den Heroismus von dem Kothurn eines angeblich klassischen Altertums möglichst auf den realen Boden der Gegenwart stellen, andrerseits das aufgeblasene Pathos wieder dem natürlichen Konversationstone zu nähern suchen. Beides gelang ihm vollkommen in dem genannten Lustspiel, das eine außerordentliche Wirkung machte und bei vornehm und gering populär wurde, weil hier dem modernen Heldenleben in der bewegten Zeit des Siebenjährigen Krieges ein großer nationaler Hintergrund gegeben war. 

Anders verhält es sich, wo dieser Boden künstlich erst geschaffen werden mußte, wie in Miß Sara Sampson, oder, wie in Emilie Galotti, die alte rauhe Römertugend willkürlich mitten in die neuen Verhältnisse verpflanzt werden sollte. Jedenfalls aber war der Weg, den Lessing zur Lösung seiner kühnen Aufgabe eingeschlagen, keineswegs der richtige und wenigstens für die Tragödie ein sehr bedenklicher Umweg. 

Denn die Tragödie bedarf, wie das Epos, eines weiten Horizonts, einer poetischen Ferne, wo die Phantasie ihre blauen Berge und großen Konturen fein und ungehindert ziehen kann, während das Heldenbild von dem Rahmen der unmittelbaren Gegenwart fast jederzeit erdrückt wird, gleich wie es keinen Helden für seinen Kammerdiener gibt, weil ihn dieser nur in dem kleinlichen Kreise der gewöhnlichen Alltäglichkeit erblickt. Ja, auf diesem Gebiet üben in so unmittelbarer Nähe selbst die zudringlichen Kapricen der geselligen Konvention und des Kostüms eine störende und doch nicht zu beseitigende Gewalt aus…

Auch die von Lessing versuchte, im Nathan jedoch wieder aufgegebene Herabstimmung der Tragödie vom Verse zu Prosa können wir ebensowenig… als einen Fortschritt anerkennen. Die Rede wurde freilich dadurch natürlicher, aber das Natürliche darum nicht poetischer. 

Wir wissen recht wohl…, wie leicht sich aus Jamben hohle Phrasen drechseln lassen; allein der bloße Mißbrauch kann doch nirgend das an sich Rechte unrecht machen… Und so hat denn Lessing, überall verkannt, mißverstanden und kläglich nachgeahmt, in der Tat durch seinen reformatorischen Vorgang allmählich auf ein Heldentum im häuslichen Schlafrock, zu der bürgerlichen Tragödie geführt, die im Grunde doch nur ein lederner Schleifstein ist.“

Lessing und Johann Caspar Lavater zu Gast bei Moses Mendelssohn, Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1856), Bild von hier

[Nachdem Eichendorff einige recht verschiedenrangige Literaten des ausgehenden 18. Jahrhunderts beschrieben hat, um den Zeitgeist vorzustellen, kommt er noch einmal auf Lessing zu sprechen.]

„Es ist aus allen diesen Vorgängen leicht ersichtlich: das positive Christentum war, unter den Gebildeten wenigstens, so gut wie abgetan. Die ebenso wissensreichen als glaubensarmen Geister mußten daher auf eine Restauration in anderem Wege, auf eine Surrogatreligion, Bedacht nehmen. 

So erfand man die Humanität, d.h. das in allen anarchischen Übergangszeiten geltende Recht der Selbsthülfe, wonach die Menschheit, ohne höhere Autorität, sich aus sich selber durch die bloße Kraft der eigenen Vernunft selig machen sollte…

Auch hier, wie bei allen tiefgreifenden geistigen Bewegungen, sehen wir Lessing abermals im Vordertreffen. In seinem »Nathan der Weise« wirft er ein vorläufiges Probestück dieser modernen Religion ohne Religion, gleichsam als einen Zankapfel, der orthodoxen Borniertheit mutig ins Angesicht. 

Es ist keineswegs etwa der gewöhnliche Indifferentismus; mit der größten Entschiedenheit vielmehr wird hier aller Nachdruck eines übermächtigen Geistes auf die sittliche Kraft im Menschen gelegt und an dieser allein die Bedeutung aller Religionen gemessen; denn die göttliche Abstammung aller positiven Religionen lasse sich nur an ihren Früchten erkennen: »ob sie vor Gott und Menschen angenehm machen«.

Daher sind in dem eingeflochtenen Gleichnis von den drei Ringen Judentum, Islam und Christentum völlig gleichberechtigte Offenbarungen der Menschennatur. Ja, das Christentum mit seinen etwas verblaßten Vertretern wird hier von den leuchtenden Heldengestalten Saladins, Nathans, von dem aufgeklärten Tempelherrn und der wunderlieblichen Recha sehr fühlbar in den Hintergrund gedrängt. Eben diese geständlich polemische Färbung aber stört einigermaßen den vollen künstlerischen Eindruck dieses Meisterwerks...

War nun einmal auf solche Weise alle positive Glaubensbasis weggenommen, so blieb auch in der Tat nichts anderes übrig, als an die menschliche Perfektibilität zu appellieren, an den Glauben, daß die Menschheit auch ohne übernatürliche Hülfe sich selbst erlösen, mithin zu diesem Zwecke alle ihre natürlichen Gaben und Kräfte selbständig bis ins Unendliche herausbilden könne und müsse. Und dies ist der eigentliche Grundgedanke der Humanität und dessen nähere Begründung die Lebensaufgabe Herders...“

aus Joseph von Eichendorff, Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, Paderborn 1857

Schloß Lubowitz 1788, Bild von hier

Ruine des Schlosses Lubowitz mit Porträt und Zitat Joseph von Eichendorffs, Bild von hier