Sonntag, 12. Juli 2009

Emily Dickinson &




I'm nobody! Who are you?

I'm Nobody! Who are you?
Are you - Nobody - too?
Then there's a pair of us!
Don't tell! they'd advertise - you know!

How dreary - to be - Somebody!
How public - like a Frog -
To tell one's name - the livelong June -
To an admiring Bog!


Ich bin Niemand! Wer bist Du?

Ich bin Niemand! Wer bist Du?
Zum - Niemand - auch ernannt?
Dann paßt Du gut zu Mir dazu!
Sag' nichts! - sonst wird's - bekannt!

Wie öd, ein - Jemand - so zu sein -
wie öffentlich - wie'n Fröschchen fast,
das Namen quakt - jahraus, jahrein -
dem liebenden Morast!

Translation / Übersetzung
by / von Walter A. Aue

Prof. Aue war vorhin so freundlich, mich dezent darauf hinzuweisen, wie viele religiöse Gefühle ich wohl mit meinem Calvin-Stück verletzt haben dürfte. Autsch. Ich hatte so etwas vermutet, ich war schon so verunsichert, daß ich begonnen hatte, hier Handarbeiten zu veröffentlichen. Ja, wörtlich sozusagen, das Bild unten ist der erste Versuch mit getrockneten Pflanzen aus dem hiesigen Garten. Ich verletze so ungern die Gefühle lebender Menschen, bei den Toten kann ich immer noch auf Matth. 8,22 verweisen, aber leider verletzen Meinungen Menschen, sollte man deshalb auf diese verzichten, die Meinungen meine ich, man kann, denke ich, nur versuchen, sie sorgfältiger auszusprechen.

Ich hatte hier kürzlich etwas über H. Hesse verlauten lassen, in meiner üblichen naßforschen Art, das (es wird noch anderes dazugekommen sein) hatte ihn offenkundig veranlaßt, eine weitere Übersetzung von „Seltsam, im Nebel…“ zu verfassen, die ich nur dringend rekommandieren kann (auch wenn er mich im Kommentar ausführlich zitiert).

Es ist immer mühsam zu unterscheiden zwischen Gestalten der Vergangenheit und Menschen, die in deren Einfluß aufwachsen und leben, dabei mögen sehr unterschiedliche Dinge entstehen. Walter A. Aue verwies mich darauf, daß ohne Calvin womöglich uns eine Emily Dickinson nicht bekannt wäre. Eine Dichterin, die ich bisher komplett übersehen hatte, obwohl er sie sehr schätzt und auch übersetzt hat, ja, ich weiß, ich bin ein Ignorant. Und die Frau ist wirklich grandios. Darum als mehr als nur Abbitte das Gedicht im Eingang.

Dabei hält der Kalender heute 3 Namen bereit, bei denen ich jeweils gedacht hatte, wie schön, daß du heute beschlossen hast, nichts zu schreiben, heute nur Handarbeiten, hah. Da wäre Erasmus von Rotterdam, gewissermaßen der Gegenpol zu Calvin, auch mit allen Schwächen, zusammen wirklich ein hübsches Paar.

Dann hätten wir Fritz Reuter, unseren mecklenburgischen Nationaldichter, der sogar zeitweise in dieser Stadt gelebt hat, bei dem ich mir aber vorgenommen habe, ihn später für mich zu entdecken.

Und dann Stefan George (brrr). Der Ausruf in Klammern bedeutet, dieses ist ein Dichter, den ich, wenn Menschen rational konstruiert wären, eigentlich zutiefst verehren müßte, was mir aber komplett unmöglich ist, vielleicht später, wenn ich irgendwann möglicherweise reifer geworden bin. Wo ich aber sowieso auf seinen Seiten war, fiel mir auf, daß Prof. Aue zu meiner leichten Überraschung ein Gedicht von ihm übersetzt hat, das ich sogar mag. Also wollen wir doch mit George für heute enden:

Stefan George:

Komm in den totgesagten Park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade,
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau,
Die späten rosen welkten noch nicht ganz,
Erlese küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese letzten astern nicht,
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.


Come to the Park they said was dead

Come to the park they said was dead. Pursue:
the shimmer of remote and shining harbors,
of purest clouds' quite unexpected blue
illuminating ponds and colored arbours.

Take here the yellow deep, the subtle grey
of birch and box wood. Mild are winds today
and latest roses still your eye will find.
Select them, kiss them, and a garland wind:

Do not forget late asters, and embrace
the crimson round the tendrils of wild vine,
and what remains of verdant life, align
and twine to features of your autumn's face.

Translation / Übersetzung
by / von Walter A. Aue

Sonntag



Dean Grey von “Exploding Doughnut”, ein sehr begabter und liebenswürdiger Künstler aus Chicago (ein Link findet sich auch unter „Orte von Freunden …“), war so freundlich, dieses Bild zu loben. Ich habe das jetzt zwar schon etwas in dem nachfolgenden Post erläutert, aber das hier ist in der Tat mein erster Versuch mit getrockneten Pflanzen aus dem hiesigen Garten, ich hatte vor wenigen Tagen diese merkwürdige Anwandlung. Er meinte, ich solle das erwähnen.

Samstag, 11. Juli 2009

Benedikt von Nursia



Können einzelne eine ganze Kultur retten. Ja, können sie. Gestern habe ich womöglich etwas zu harsch über Askese geurteilt, genauer, zu ausschließlich die destruktive Seite betrachtet, denn heute gedenkt die Kirche des hl. Benedikt von Nursia und es ist schwer, diesen Gründer von Klöstern und Verfasser der einflußreichsten Mönchsregel nicht einen Asketen zu nennen.

Benedikt lebte in einer Zeit der zerfallenden Antike und das erstaunliche ist, indem er sich von dieser Welt in die Einsamkeit des Klosters zurückzog, hat er die Seele dieser antiken Welt zu uns herübergerettet. Wir können nicht wissen, inwieweit ihm das bewußt war, wir wissen überhaupt von ihm im Grunde nur durch Gregor den Großen, aber gemeinsam mit Cassiodor hat er die Klöster zu Stätten nicht nur des Gebets, sondern auch der Gelehrsamkeit und der kulturellen Überlieferung gemacht, zu Zufluchtsstätten des Geistes, in denen dieser die folgenden dunklen Jahrhunderte überstand (wie in einem Rettungsboot in nachtschwarzer See), um sich dann erneut ausbreiten zu können.

Papst Benedikt XVI. hat sehr schöne Worte in einer Generalaudienz über ihn gefunden, die man unbedingt hier nachlesen sollte, dieser Gentleman aus Boston (ursprünglich stand hier peinlicherweise New York) hat mich darauf gebracht. Es ist zutiefst bezeichnend, daß der jetzige Papst diesen Namen für sich gewählt hat. Er hat übrigens auch an eine andere zutiefst bittere Geschichte erinnert.

Mittelpunkt des Wirkens Benedikts war das Kloster Monte Cassino und dieses Kloster wurde über Jahrhunderte gewissermaßen zu einem Felsen abendländischer Kultur. Am 15. Februar 1944 wurde es von alliierten Bombern dem Erdboden gleichgemacht, es gab Versicherungen nicht nur von seiten der Wehrmacht, sondern auch des Vatikans, daß sich dort lediglich Flüchtlinge und Mönche befinden würden, aber das ließ offensichtlich die Verantwortlichen völlig kalt, allein die unwahrscheinliche Möglichkeit, daß es anders sein könnte, ließ sie nicht zögern, eine Ikone abendländischen Geistes zu beseitigen und mit ihr die Unschuldigen, die in ihrem Schatten Zuflucht gesucht hatten.

Freitag, 10. Juli 2009

Über Calvin, Taliban und die Ambivalenz der Heiligen



Was mich an Calvin am meisten abstößt, ist sein Lebenswandel. Ich muß das mit einem heiklen Selbstzitat erläutern. Als ich vor einiger Zeit einmal etwas über meinen Namenspatron, den Hl. Martin schrieb, kam ich nicht um folgende Bemerkung herum: „Was mir allerdings, wie ich zugeben muß, ein wenig säuerlich aufstieß, als ich eben etwas in der „Legenda aurea“ herumlas, war, daß ihm besonders nachgerühmt wurde, wie viele alte heidnische Tempel er hätte zerstören können. Denn ich empfinde doch gut fundierte Feindschaft gegen jeglichen talibanesisch-asketischen Irrsinn.“ Calvin war sehr asketisch.Er würde wunderbar in so manche Heiligenlegende passen, dabei war er einer derjenigen, die die Reformation Luthers reformieren wollten.

Johannes Calvin oder Jean Cauvin wurde am 10. Juli 1509 geboren, das sind, wie leicht feststellbar, 500 Jahre, eigentlich mochte ich, eingefleischter vorgestriger Lutheraner, der ich nun einmal bin, nichts über ihn schreiben, aber ich war darüber so unsicher, daß ein einziger Anstoß genügte, und jetzt sitze ich da mit diesem Namen. Wenn mich jemand fragen würde, wem lutherisch geprägtes Christentum näher ist, der katholischen Kirche oder dem reformierten Bekenntnis, würde ich keine Sekunde zögern, der katholischen Kirche natürlich.

Das Asketische ist eine merkwürdige Strömung auch im Christlichen, das die katholische Kirche immer irgendwie zu beherrschen vermochte, sein Konzept: Gottesnähe durch Lebensfeindlichkeit, also Tanzen verbieten, Bilder zerstören, aufreizende Freuden ersticken und Macht absorbieren, am besten tödliche Macht. Seine Selbstverleugnung wirkt meist bestechend demütig, die scheinheilige Bescheidenheit der Frommen, das Gegenteil der Demut. Um das zu verstehen muß man sich nur den Lebenswandel unseres Herrn anschauen, der Wasser zu Wein verwandelte und mit Sündern lebhaften Umgang hatte, sollte er dabei nicht irgendwann wenigstens etwas angetrunken gewesen sein.

Ich sage nicht, daß Calvin genauso wie diese Asketen oder nur so war, der "Taliban aus Genf", im Grunde weiß ich viel zu wenig von ihm. Aber wenn mir eines wichtig ist, dann nuancierte Kultur, Geist, Farbenfreude, Reichtum von Formen, von Vergnügungen, von Musik, von Gestalten, von Überlieferungen, imponierende Standbilder, tausendfache Schattierungen von Gefühlen. Wer aber Tanzen als "Einladung an den Teufel" verbietet und junge Menschen für die Übertretung dieses Verbots bestrafen läßt, kann mein Freund nicht sein.

Diese Art von Askese ist dann nur eines, der Feind. Andere haben diese Feindschaft angenommen und sehr intensiv ausgelebt, Stefan Zweig zum Beispiel in seinem "Castellio gegen Calvin", man möge Näheres dazu hier nachlesen.

Die erste Hürde bei einer Annäherung an Calvin wäre also seine Person selbst. Dazu kommt die reformierte Theologie, die alles auf das zurückschneiden will, was in der Bibel belegbar ist oder zumindest ihr als solches erscheint. Ich gestehe, daß da jetzt einiges durcheinandergeht, wenn ich Calvin mit reformierter Theologie in eins setze. Aber diese Vergröberungen kann ich im Moment nicht ersparen.

Es gibt ein hübsches Büchlein aus dem 19. Jahrhundert: „Unterscheidungslehren“ von Karl Graul und da man im 19. Jahrhundert in vielem noch nicht recht zimperlich war, wenn es darum ging, das Eigene auszusprechen, wollen wir ihn zu Wort kommen lassen, wo er die Dinge lutherisch kernig in seiner Weise zurechtgerückt hat.

Über das Bilderverbot etwa: „Das Wort ist auch ein Bild, nämlich ein hörbares; dagegen ist das Bild auch ein Wort, nämlich ein sichtbares, und also keineswegs etwas Stummes (am allerwenigsten „ein stummer Götze“); jenes macht einen mehr deutlichen, dieses einen mehr lebendigen Eindruck.“

Bei der doppelten Prädestinationslehre gerät er so richtig in Fahrt, ich hoffe, daß meine Bildauszüge lesbar bleiben:


Von MartininBroda

Von MartininBroda

Von MartininBroda

Von MartininBroda

Von MartininBroda

Damit wäre dann die doppelte Prädestination durch. In der Leuenberger Konkordie übrigens, mit der im vorigen Jahrhundert lutherische und reformierte Kirchen ihren Frieden geschlossen hatten, heißt es dazu:

„Der Glaube macht zwar die Erfahrung, daß die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluß Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.“

Ich bezweifle ernsthaft, daß Calvin, dem zugestimmt hätte.

Der Gerechtigkeit halber (und angesichts meines stark ermüdeten Gemüts) muß ich kurz zwei Dinge anfügen. Calvin vertritt ein quasi rationalisiertes und dadurch auch sehr erfolgreiches Christentum, frei von symbolhaften Verwirrungen, er ist modern, wofür immer das gut sein mag.

Und, um es Menschen zu erleichtern, ein anderes Urteil als meines zu gewinnen, schulde ich noch ein paar Links zu Seiten, deren Autoren ihm offenkundig deutlich näher sind als ich es bin:

calvin.efb.ch,

www.johannes-calvin.ch,

an Louis Richebourg, (1540), Zum Tode des Sohnes eines Freundes,

Brief an Farel. Straßburg, 21. Oktober 1540.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Abend









Franz Fühmann – die Kunst des Scheiterns

Gern hätte ich gestern etwas über den am 8. Juli 1984 verstorbenen Franz Fühmann geschrieben, ein interessanter Mensch mit starken Entwicklungsbrüchen, großer Stilist und heute schon wieder fast vergessener bedeutender Autor, der sich selbst am Ende als gescheitert ansah, aber es war schwierig. Längere Textauszüge passen hier nicht hin, für eine Gesamtwürdigung fühlte ich mich nicht kompetent genug, also habe ich es seinlassen.

Heute lese ich, daß gerade eine Biographie über ihn erschienen ist: Gunnar Decker: "Franz Fühmann – Die Kunst des Scheitern, eine Biographie", Hinstorff-Verlag, Rostock 2009, 455 Seiten

Auf diese wollte ich dann doch gern verwiesen haben und natürlich auf diese Besprechung in Deutschlandradio Kultur, wenn man übrigens dort auf die Überschrift klickt, öffnet sich ein interessantes Interview mit der Rezensentin Sigried Wesener.

Wenn ich ein Buch von ihm empfehlen sollte, dann wäre es zuerst sicherlich „Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht“, erschienen 1984“.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Corpus Christi Carol


interpretiert von Jeff Buckley
Komponist: Benjamin Britten
Text vor 1504, anonym


Lulley, lully, lulley, lully,
The faucon hath born my mak away.

He bare hym up, he bare hym down,
He bare hym into an orchard brown.

In that orchard ther was an hall,
That was hanged with purpill and pall.

And in that hall ther was a bede,
Hit was hangid with gold so rede.

And yn that bed ther lythe a knyght,
His wowndes bledyng day and nyght.

By that bedes side ther kneleth a may,
And she wepeth both nyght and day.

And by that bedes side ther stondith a ston,
"Corpus Christi" wretyn theron.


Widerstrebender Kommentar

Ich wollte einmal etwas ohne einen entbehrlichen Kommentar belassen, aber es geht wohl nicht, also: Warum dies? Ich bin einfach darüber gestolpert, ein begnadet begabter Sänger, der mir bis vor kurzem völlig unbekannt war, der vermutliche Grund, er ist schon vor einiger Zeit sehr jung gestorben. Der Tod scheint sehr stumpfsinnig zu sein, er tötet die Vielversprechenden und läßt uns Mittelmäßige am Leben.

Dieses Lied ist wie ein Irrgarten, aber es ist ein Irrgarten, in dem man sein Leben verbringen möchte, weil einen das Gefühl ergreift, es wäre ein wahrer Ort.