Donnerstag, 26. Dezember 2019

Peter Schreier†

Altes Bachdenkmal (Leipzig), hier gefunden

Ein großes Sänger - Leben ist still in die Ewigkeit eingegangen.

Peter Schreier wurde am 29. Juli 1935 geboren. Seit 1943 bereitete er sich auf den Eintritt in den Dresdner Kreuzchor vor, der im Juli 1945 erfolgte. Rudolf Mauersberger erkannte dort den Charakter seines musikalischen Talents, das sich bereits in dieser Aufnahme von ca. 1947 zeigt: Eine geradezu rhetorische Stimmführung und Wachheit sowie ein Modulationsreichtum, der zugleich intensiv und genau zu sein vermag.


Peter Schreier (~1947): "Ich halte treulich still." BWV 466

Ich halte treulich still,
und liebe meinen Gott,
ob mich schon öftermals
drückt Kummer, Angst und Not.
Ich bin mit Gott vergnügt
und halt geduldig aus,
Gott ist mein Schutz und Schirm
um mich und um mein Haus.

Drum dank ich meinem Gott
und halte treulich still,
es gehe in der Welt,
wie es mein Gott nur will.
Ich lege kindlich mich
in seine Vaterhand
und bin mit ihm vergnügt
in meinem Amt und Stand.

Im Osten Deutschlands wuchs er bald vor allem als Bachinterpret in die Rolle einer musikalischen Institution hinein. Wer dort an Bach denkt, gerade mit seinen Kindheitserinnerungen, kommt schnell bei Schreier an. Daß die Partie des Evangelisten in dessen Passionen fast nicht mehr anders als durch ihn interpretierbar erschien, ist vielleicht aus diesem Zusammenfinden von Schreiers musikalischem Charakter und Bachs Ewigkeitsgeneigtheit erklärbar.

Schreiers Evangelist, der einen beträchtlichen Teil seines Ruhms ausmacht, ist bis heute unerreicht in seiner wie überindividuell abgelösten rein menschlichen Expression.

Nach dem Ausscheiden aus dem Kreuzchor studierte er an der Dresdner Musikhochschule, 1959 hatte er sein Operndebüt. Zu Bach trat mit großem Erfolg die Interpretation von Mozart-Partien, danach kam sogar Wagner dazu (1966 in Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen). Internationale Engagements folgten, etwa bei der Mailänder Scala oder der New Yorker Metropolitan Opera.

Später erarbeitet er sich als Sänger das Lied, wenn er auch kaum als der typische lyrische Tenor gelten kann. Man mag seiner Stimme eine technisch brillante Glätte vorwerfen, aber das ginge in die Irre. In dieser Aufnahme der "Mondnacht" von Robert Schumann wird vielleicht deutlich, warum.

Seine Stimme ist nicht kalt, aber auch nie auch nur von der Versuchung zur Sentimentalität gestreift, sie ist nicht perfekt im Sinne der schönsten aller denkbaren Tenor-Stimmen, sondern schön durch Genauigkeit und geistige Wachheit, mit der die Intensität eines Textes zum Leben erweckt wird. Diese Stimme verkörpert und vermittelt die Souveränität eines zutiefst integren und authentischen Charakters.


Mondnacht/Moonlit Night - Eichendorff, Schumann, P. Schreier

Joseph Freiherr von Eichendorff

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Moonlit Night

It was like Heaven's glimmer
caressing Terra's skin,
that in Her blossoms' shimmer
She had to dream of Him.

The breeze was gently walking
through wheatfields near and far;
the woods were softly talking
so bright shone ev'ry star.

And, oh, my soul extended
its wings through skies to roam:
O'er quiet lands suspended,
my soul was flying home.

Translation by Walter A. Aue

Ich wollte gern bei dieser Gelegenheit noch einmal eine der Übersetzungen des Prof. Aue anbringen, die hier zum ersten Mal erschien.

Zurück zu Peter Schreier. Im Juni 2000 hatte er seinen letzten Auftritt auf der Opernbühne als Tamino in der Zauberflöte, und auch hier ist die Begründung für sein Ende als Darsteller bezeichnend – Authentizität! Es sei nicht mehr glaubhaft, wenn er noch etwa als junger Prinz aufträte. Als Sänger trat Peter Schreier letztmals öffentlich am 22. Dezember 2005 in Prag auf, und er endete mit Bach.

Früh war er auch als Dirigent tätig, bei den Berliner Philharmonikern bis hin zum Los Angeles Philharmonic Orchestra. Nach seinem Ende als aktiver Sänger wirkte er noch für einige Zeit als Gesangslehrer, doch die letzten Jahre wurden von Krankheit überschattet.

Am 25. Dezember 2019 starb Peter Schreier im Alter von 84 Jahren in Dresden.

Sein Rolle als Evangelist ist nahezu ikonisch geworden. Die nachfolgenden 4 Stücke sind vom Ende der Matthäuspassion, es ist die Aufnahme Karl Richters mit dem Münchener Bach Orchester von 1971:


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 19/22

Nach Julia Hamari (Alt) beginnt ab 5.40 Min. Peter Schreier als Evangelist. Es ist aus dem Sterbekapitel des Evangeliums, beendet vom Chor mit:

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir,
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt du denn herfür!
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein!


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 20/22

Schreier eröffnet als Evangelist. Doch wenn man sonst nichts hören mag, den Chor von 1.20 bis 2. 15 Min über Matth. 27.54. („Aber der Hauptmann und die bei ihm waren und bewahrten Jesus, da sie sahen das Erdbeben und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen!“) - den muß man gehört haben.


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 21/22


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 22/22

Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!
Ruht, ihr ausgesognen Glieder!
Euer Grab und Leichenstein
Soll dem ängstlichen Gewissen
Ein bequemes Ruhekissen
Und der Seelen Ruhstatt sein.
Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein.

Und mit diesem Schlußchor, in dem das Grab Christi zum Flucht- und Ruheort der menschlichen Seele wird, wollen wir enden.

Von J. S. Bach ist dieser Eintrag in seine Bibel überliefert: „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart.“ Dieser Satz kann auch so gelesen werden, daß Musik über die Macht verfügt, ihn gegenwärtig zu machen, als Zwiegespräch zwischen Gott und der menschlichen Seele.

Peter Schreier aus Sachsen, Du getreuer Diener des Evangeliums und der göttlichen Musik:

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen, und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Predigt zum Hl. Abend in Zepelin

Matthäus Merian, Bütsow, 1653

Herr Roloff, der an diesem Ort hinreichend eingeführt ist, hat gestern in seiner Kindheits- und Jugendregion einen Gottesdienst zum Hl. Abend gehalten; in Zepelin bei Bützow. Die wollte ich gern noch mitteilen.

Daher der Kupferstich von 1653. Abgesehen von der fehlenden Wehrmauer, wie sagen wir es höflich, ist dort vieles heute noch so wieder zu erkennen. Was ja aber durchaus auch etwas Tröstliches hat. Das etwas wäre das Schloß (oben ganz links).

Schloß Bützow in Bützow

Allerdings den Ort einer Topographia Saxoniae Inferioris zuzuschlagen, sprich, dem niederen Sachsen!? Nun, zuerst denkt man natürlich, von der Kaiserstadt Frankfurt aus wäre alles nördlich unter diese Rubrik gefallen. Tatsächlich ist aber der niedersächsische Reichskreis gemeint, die gab es seit der Reichsreform Kaiser Maximilians I.

Zepelin ist ein Dorf von wenigen hundert Einwohnern. Aber wer bei dem Namen stutzig geworden ist, hat damit recht.

"Graf Zeppelin" über der Siegessäule, Oktober 1928

Ferdinand Graf von Zeppelin, der Erschaffer der gleichnamigen Zeppeline stammt zwar nicht von dort, doch die Familie hat hier ihren Ursprung. Jedoch muß man dann schon ins 13. Jahrhundert zurück. Damit will ich meine einführenden Belanglosigkeiten auch schließen, und wir kommen zur ernsthafteren -


Predigt am Hl. Abend 

über Jesaja 9, 1-11

Die Gnade und der Frieden des Kindes in der Krippe seien mit Euch allen!

Liebe Gemeinde,

eine der messianischen Weissagungen, die wir vorhin gehört haben, soll im Zentrum dieser Predigt stehen. Jesaja hat uns das Wort überliefert, und seit der Geburt Christi wissen wir, dass sich in ihm eine Ahnung auf den Erlöser der Welt ausgesprochen hat: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

    1. Drei mögliche Deutungen treten hier bereits zueinander und lassen uns die Größe der Verheißung erahnen. Es wird das Volk, und mit ihm auch wir, als verirrte Gemeinschaft begriffen, die vom Untergang bedroht ist und keinen Ausweg mehr findet. Das aufgegangene Licht weist ihm aber nun einen neuen Weg. Es lässt wieder Hoffnung werden, wenn man dem Licht jetzt nur treu folgt. Wem fielen in diesem Zusammenhang nicht die Geschichten vom durch die Wüsten des Sinai irrenden Israel ein, und wem käme nicht der Stern von Bethlehem in den Sinn?

    2. Noch dramatischer wird die Verheißung in ihrem zweiten Teil: „Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das finstere Land, das Schattenland, bezeichnet nichts anderes als das tiefe Tal des Todes. Hier bei Jesaja keimt im Glauben erstmals eine Hoffnung darauf auf, dass unser Leben mit dem Tod nicht besiegt ist. Dem Tode wird seine Endgültigkeit abgesprochen, und er wird zu einem Warten auf das neue Licht, das die Kraft hat, sogar in das Totenreich zu scheinen. Darum ruft die Kirche ihren Toten nach: Herr, lasse sie ruhen im Frieden, und das ewige Licht leuchte ihnen.

3. Die dritte Deutung hängt allein an dem Worte „groß“. Es ist nicht irgendein Licht, es ist das große Licht, das da aufgeht über unserer Welt, und uns wird die Gnade zuteil, es zu sehen. Das Volk, das dem Tode verfallen ist, das doch nichts als den Tod zu erwarten hätte, dieses Volk sieht nun ein großes Licht. Das Volk sieht das aufgegangene Licht, es ist nicht selbst das Licht. Das Volk erhofft und erwartet die Erlösung, es vollbringt sie aber nicht aus eigener Kraft. Das Volk schaut und empfängt, ganz ohne selbst etwas geben zu können.

Kirche in Zepelin, hier gefunden

Liebe Gemeinde,

es gehört zum zauberhaften Charakter dieses Festes, dass es uns zu Beschenkten macht. Die Redner auf den Kanzeln haben es sich vielerorts zur Gewohnheit werden lassen, den Konsumrausch dieser Tage zu geißeln. In der Tat liegt eine Gefahr darin, sich selbst zu sehr in der Rolle des Schenkenden zu gefallen. Dort aber, wo Ihr alle in dieser Nacht zu Beschenkten werdet und Euch daran erinnern lasst, dass alles, was wir uns geben können, ein Abglanz dessen ist, was uns als Menschen an diesem Heiligen Abend geworden ist, da ergeht Euch ruhig in grenzenloser Freude. „Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.“ Es soll überschwänglich zugehen, als würde man Beute austeilen, denn so beschreibt es auch Jesaja.

Wir sind Wesen, die in dieser Nacht alles empfangen werden, was uns wirklich notwendig ist. Wir empfangen, was die Not abwendet. Aber wir wenden sie nicht selbst ab. Wir werden erlöst, aber wir erlösen uns nicht selbst. Wir werden gerettet, aber wir retten uns nicht selbst.

Das ist die Auseinandersetzung, die von Weihnachten, vom Geburtsfest Jesu, her zu allen Zeiten geführt wurde. Glaubt nicht den Vielen, die in allen Zeiten behauptet haben, nur sie könnten die Welt, und die Menschheit retten. In irgendeiner Form sind sie am Ende alle gescheitert, nachdem sie eine kleine Zeit ihre im Rückblick immer eher peinlichen ideologischen Diktaturen aufrechterhalten konnten. Ist Ihnen einmal aufgefallen, wie grotesk und geradezu lächerlich die Herrschaft der Weltenretter nach wenigen Jahren meistens gewirkt hat? Oft gilt das, beklemmender Weise, sogar dann, wenn sie durch unvorstellbare Schrecken überschattet ist.

Wie wird man aber in dieser Hinsicht auf unsere Zeit blicken?

„Ich bin davon überzeugt, dass das Wohlergehen der Menschheit heutzutage nicht vom Staat und der Welt der Politik abhängt; der wirkliche Kampf wird in der Welt des Denkens ausgefochten, wo mit großer Zähigkeit eine todbringende Attacke gegen den größten Schatz der Menschheit geführt wird, den Glauben an Gott und das Evangelium Christi.“

Diese Sätze eines der bedeutendsten englischen Staatsmänner des 19. Jahrhundert gelten ganz offensichtlich unvermindert fort.

Warum ist es so entscheidend für den Menschen, dass er an Gott glaubt?


Es ist darum so entscheidend, weil nur dieser Glaube dem Menschen sein Menschsein bewahrt. Gibt der Mensch den Glauben auf, dann muss er sich notwendiger Weise selbst zum Gott machen, um in der Welt bestehen zu können. Er bleibt dann nicht mehr ein Teil von Gottes guter Schöpfung, sondern stellt sich ihr selbstmächtig gegenüber und behauptet von seinem Handeln im Guten wie im Bösen hinge nun alles ab. Zunächst will er dann natürlich immer ausschließlich das reine Gute. Dieser Mensch muss an den Fortschritt glauben, um den Menschen zu versichern, dass sie das Universum verändern können und es schaffen werden, es nach Maßgabe ihrer Vorstellungen zu gestalten. Dieses wird ihm dann aber immer schnell, weil es nur noch seinen eigenen Maßstäben unterworfen ist, zum Grauen.

Wir haben es doch alle im eigenen Leben erfahren, es mit eigenen Augen gesehen. Menschen wollten selbst das Paradies aufrichten und bereiteten einander die Hölle, aus der sie sich dann wiederum selbst zu befreien suchen. Eine Vorstellung von der Selbsterlösung wird in immer rascherer Folge von der nur noch leicht variierten nächsten abgelöst. Das Ende ist immer Zerstörung.

Der ernste Glaube an Gott kann vor diesem Wahn bewahren. Der glaubende Mensch ist immer daran gehindert, in sich selbst die letzte Instanz und das verbindliche Maß zu sehen. Der glaubende Mensch weiß sich immer als ein Gebundener, der gerade darin vor Gott Freiheit findet.

Und warum glauben wir als Christen nun an den Mensch gewordenen Gott?

Diese Frage zielt auf das eigentliche und tiefste Geheimnis der Weihnacht. Es offenbart sich in diesem Geschehen ein Gott, dessen Name schon in frühester Zeit etwas angedeutet hat von seinem Wesen: „Ich bin, der ich sein werde“. So sprach Gott am Dornbusch schon zu Moses, dem großen Glaubenszeugen. Hier wird etwas von dem enthüllt, was das Sein selbst ausmacht. Das Sein ist nicht ein abgeschlossenes oder gar verschlossenes Faktum, sondern es ist ein suchendes Sein, das auch im „noch nicht sein“ besteht. Vielleicht ist hier aber auch bereits die unvorstellbare Tatsache angedeutet, dass Gott vor aller Zeit beschlossen hatte, dem Menschen, seinem Geschöpf, in der Weise zu begegnen, dass er selbst in seinem Sohn Mensch würde.  Er schenkt sich als Mensch dem Menschen. Wir dürfen ihm begegnen, und gerade darin wird uns die Rettung zuteil, die wir selbst eben nicht vollbringen können.

Das alles dürfen wir glauben, weil es den Vätern offenbart wurde und von der Kirche bewahrt worden ist. Dieser Glaube an den Mensch gewordenen Gott kann den glaubenden Menschen vom Grunde her verwandeln. Er ist nicht mehr darauf angewiesen atemlos einen scheinbaren Fortschritt herbeizuführen und zu propagieren, sondern er sichert sich den Fortbestand seiner Gemeinschaft mit Gott. Das Verhalten so verschiedener Menschen lässt sich nun vergleichen dem einen, der ein Guthaben hemmungslos ausbeutet, nur um sich selbst täglich neu zu beweisen, dass er lebt, und dem anderen, der eine Kostbarkeit wie ein Heiligtum bewahrt und sie weitergibt an die Generationen, die noch kommen werden. Die Gemeinschaft mit Gott ist der große Schatz, aus dem heraus wir leben.

So lasst euch denn verkünden: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er´s stärke und schütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.“

Nehmt das Kind in Euer Leben auf, denn dazu ist es in dieser Nacht zur Welt geboren.

Amen.

Der Friede dieses Kindes komme über Euch und bleibe bei Euch in dieser kommenden Nacht und alle Zeit.

Amen.

Thomas Roloff


Dienstag, 24. Dezember 2019

In dulci jubilo - Heiligabend


Thomanerchor Leipzig, hier gefunden

In dulci jubilo,
Nun singet und seid froh!
Unsers Herzens Wonne
Liegt in praesepio
Und leuchtet als die Sonne
Matris in gremio
|: Alpha es et O. :|

O Jesu parvule,
Nach Dir ist mir so weh.
Tröst‘ mir mein Gemüte,
O puer optime,
Durch alle Deine Güte,
O princeps gloriae.
|: Trahe me post te. :|

Ubi sunt gaudia?
Nirgend mehr denn da,
Da die Engel singen
Nova cantica,
Und da die Schellen klingen
In regis curia.
|: Eia, wär'n wir da! :

wohl von Heinrich Seuse (†1366)

Die obige Fassung ist die gesungene, die Übersetzung der lateinischen Teile:

In dulci jubilo - in süßem Jubel,
in praesepio - in der Krippe,
Matris in gremio - im Schoß der Mutter,
Alpha es et O - Anfang bist Du und Ende.

Parvule - klein, winzig.
O puer optime - o bestes Kind.
O princeps gloriae - o Fürst der Herrlichkeit.
Trahe me post te - Ziehe mich zu Dir.

Ubi sunt gaudia - wo sind die Freuden.
Nova cantica - neue Lieder,
In regis curia - in der Ratshalle des Königs.

El Greco, Anunciación,
zwischen 1596 - 1600, hier gefunden

Lumen inclitum refulget
Maximo orte sidere,
Quod per omnem splendet orbem
Noctis umbras aufugans.

Dux Iudææ, quem prophetæ
Iam diu prædixerant,
Nobis lætus, ecce, venit,
Bethlem nascens inclita.

Hunc regalis Virgo Mater
Partu gaudens edidit,
Gabriel quem nuntiavit
Salvatorem gentium.

Cum pastores excubantes
Cura morderet gravis,
Ad lætandum clarus ipsos
Est hortatus nuntius.

Concinebat angelorum
Turba læta laudibus,
Terræ pacem prædicantes
Cælo reddunt gloriam.

O mirandum et stupendum
Sacramentum gloriæ,
Cuncta quod supra tonantem
Virgo gestat parvula.

Factor cæli et factor orbis
Clausus alvo est feminæ,
Summus auctor angelorum
Fit præsepe conditus.

Qui polos metitur ungui,
Qui pugilo ambit solum,
Pannis paucis obvolutus
Vagit infans parvulus.

Os præclarum conditoris,
Quod formavit sæculum,
En admotum nunc libenter
Sugit matris ubera.

O Parens beata Christi,
David stirpis femina,
Tu, Regina, laus et orbis,
Lætare, alma Maria.

Voto adesto tu piorum,
Semper servans sæculum,
Patriarchis et prophetis
Tu corona gloriæ.

Nam te, Virgo nupta cælebs,
Sexus omnis appetit,
Tu parentes atque natos
Deprecando protege.

Gaude cælum cum supernis
Angelorum millibus,
Terræ et omnis plenitudo,
Pontus, astra, flumina!


El Greco, Anbetung der Hirten,
zwischen 1596 - 1600, hier gefunden




Aus der Höh ein Stern uns glänzet
In erhabenem Geleucht,
Der dem ganzen Erdkreis schimmert
Und die dunkle Nacht verscheucht.

Judas König, den Propheten
Uns verheißen, seht, er kam!
Bethlehem, uns zu erfreuen,
Er zu seiner Wohnung nahm.

Königliche Jungfraumutter
Ihn gebar mit Freudigkeit,
Den als Heiland aller Völker
Gabriel ihr prophezeit:

Als die Hirten auf dem Felde
Gramvoll ruhten in der Nacht,
Hat ein heller Himmelsherold
Ihnen froh es kundgemacht.

Jubelhymnen ließ erschallen
Die beglückte Engelschar:
Friede komm aus Himmelshallen
Allen Menschen immerdar.

O wie wunderbar und herrlich,
Wie geheimnisvoll es klingt,
Daß der Donnergott dem Schoße
Einer Jungfrau sich entringt.

Daß den Welt- und Himmelschöpfer
Trägt ein zarter Weibesschoß,
Und den höchsten Engelsbildner
Eine Krippe nackt und bloß.

Dessen Hand umspannt des Himmels
Weiten und den Erdenball,
Arm in Windeln liegt er weinend
Als ein Kindlein hier im Stall.

Der erhabne Mund des Schöpfers,
Der die Zeiten zählt und wiegt,
Liegt, die irdische Nahrung saugend,
An die Mutterbrust geschmiegt.

O beglückte Mutter Christi,
Jungfrau du aus Davids Stamm,
Freue dich, Maria, aller
Welten Königin lobesam.

Höre deine Gläubigen bitten,
Schütz die Erde allezeit,
Du Prophetenschmuck und aller
Patriarchen Herrlichkeit.

Jungfrau, ehelose Gattin,
Zu dir flehen Groß und Klein,
Daß den Eltern du und Kindern
Immer wollest gnädig sein.

Freue, Himmel, dich mit deinem
Tausendfachen Engelheer,
Freut euch, weite Erdgebiete,
Sterne, Ströme, Weltenmeer!

Deutsch von Richard Zoozmann (1863- 1934)

Johannes der Evangelist, Krönungsevangeliar (Aachen, kurz vor 800)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.

Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt kannte es nicht.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Evangelium des Johannes, Kap. 1, 1 – 5, 9 – 10, 14

Evangelist Matthäus, Krönungsevangeliar (Aachen, kurz vor 800)


Dresdner Kreuzchor, Quem pastores laudavere

Ludwig Richter; Die Kerze,
Vignette aus der "Stummen Liebe" von Musäus (1842)


Gesegnete Weihnachten!




Sonntag, 22. Dezember 2019

Adventsbilder, innen






Kleine, mir widerstrebende Anmerkung. Ich hätte es lieber so belassen. Die teils skurrilen Bilder oben von der gegenwärtigen Fensterdekoration sind auch ein Platzhalter für die Hoffnung, hier bald wieder mindestens einen langatmigen Beitrag bringen zu können, der auf altmodische Art zu unterhalten vermag. Wir werden sehen.

Da mir lange die Übersicht abhanden gekommen ist, sowohl darüber, was ich hier schon einmal geschrieben habe, als auch auch, wovon ich irrtümlich glaubte, ich hätte, habe ich eine kleine neue Linkliste kreiert namens „Über Bilder & Schönheit“, vor allem für mich selbst, eingestandenermaßen.

Sie sitzt eingeklemmt ziemlich weit unten rechts zwischen der Gotischen Bibliothek und einem korinthischen Kapitell (was irgendwie sogar Sinn ergibt) und enthält vor allem Beiträge zur Malerei (was ich in einem 1. Anlauf so aufzusammeln vermochte).

Noch einmal zu den Bildern. Da uns gerade eine Düsternis heimsucht, die selbst am Tage gelegentlich das Blitzlicht erfordert, wenn man überhaupt etwas erkennen will, ist es doch ein Trost zu wissen, daß ab heute die Nächte wieder kürzer werden und das Licht daher Tag für Tag ein wenig mehr zurückkehrt.


Sonntag, 15. Dezember 2019

Samstag, 14. Dezember 2019

Zitate, zufällig ausgewählt...

welche mir letztens über Zeiten und Völker zugestoßen sind. All dies enthält keine Absichten, nur Beobachtungen, und Erinnerungen natürlich auch. Alles sparsam kommentiert.

Wohnhaus des Gouverneurs in Buea, Kamerun

Außenwelt, Verschiedenes

"Ich nenne Ihnen dazu vier Beispiele von Tatsachen, die so evident sind, daß man sich jede Erklärung sparen muß.
Erstens. Jeder Menschen besitzt seinen individuellen Rang! Der Rang bezeichnet die Persönlichkeit eines Menschen, die Summe seiner Eigenschaften, seinen Charakter, seine Fähigkeiten, seinen Geist, seinen Stolz, seine Standhaftigkeit. Dieser Rang unterscheidet Menschen stärker voneinander, als  es ein Dienstrang jemals könnte.
Zweitens. Auch ethnische Kollektive unterscheiden sich in ihren Eigenschaften, Talenten und Mentalitäten signifikant voneinander.
Drittens. Zwischen den beiden Geschlechtern existieren fundamentale Unterschiede.
Viertens. Es gibt eine Rangordnung der Kulturen.

Jede dieser Feststellungen ist eigentlich eine Binse. Mit jeder bekommen sie heute in der Öffentlichkeit  Ärger. An einer westlichen Universität dürfen sie das nicht einmal denken. Und obwohl unter Hypnose sich wohl kaum ein Mensch zur Gleichheit bekennen würde, ist offiziell alle Welt von ihr überzeugt. Das ist Sozialismus!"

Michael Klonovsky am 6. November 2019 zu der Frage, warum die Linke ewig ist.


Bismarck-Brunnen in Buea, 1899 errichtet, hier gefunden
von Kamerun gingen nach 1918 mehrere Petitionen 
zum Verbleib im Deutschen Reich aus

„Wie verrechnen Sie versklavte und ausgebeutete Menschen mit gegrabenen Brunnen? Tote mit erbauten Eisenbahnkilometern? Das ist keine wissenschaftlich zu beantwortende Frage. Sie macht nur Sinn, wenn man die Axiome eines eurozentrischen Fortschrittsglaubens teilt, der selbst die Grundlage der Kolonialideologien bildete. Nur aus der Logik des Kolonialismus könnte man diese Frage sinnvoll stellen.“

Leuchtturm, Swakopmund, hier gefunden

„Wer bestimmt eigentlich, welche Lasten noch erträglich wären für welchen Nutzen? Schon diese Frage atmet den Geist kolonialer Zivilisationsmission. Und sie ist nur vor dem Hintergrund einer Fortschrittsideologie überhaupt zu stellen. Letztere ist aber im 20. Jahrhundert etwa durch den Holocaust und die beiden Weltkriege zutiefst erschüttert worden. Und auch im 21. Jahrhundert, in dem die aus diesem ‚Fortschritt‘ entstandenen Probleme wie etwa der Klimawandel immer deutlicher werden, kommt das Wort nur noch schwer über die Lippen.“

Sven Felix Kellerhoff, Leitender Redakteur Geschichte (Die Welt) im Gespräch mit Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte an der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“.

Hohenzollernhaus, Swakopmund, 2014

"Aber in dem von diesen Grenzregelungen umschlossenen Gebiet bestanden nur zum Teil 'Schutzverträge'; so lehnte der überwiegende Teil der Nama-Stämme Vertragsabschlüsse ab, weil das deutsche Landfriedensgebot diesen kriegerischen Halbnomaden ihre Existenzgrundlage beschnitt…"

Abschnitt „Deutsch-Südwestafrika“ S. 111 in: Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 2. Auflage, Paderborn etc. 1991

Swakopmund, ev.-luth. Kirche

„ Nun wollen wir in Schiffen über das Meer fahren, da und dort ein junges Deutschland gründen, es mit den Ergebnissen unseres Ringens und Strebens befruchten, die edelsten, gottähnlichen Kinder zeugen und erziehen: wir wollen es besser machen als die Spanier, denen die neue Welt ein pfäffisches Schlächterhaus, anders als die Engländer, denen sie ein Krämerkasten wurde. Wir wollen es deutsch und herrlich machen: vom Aufgang bis zum Niedergang soll die Sonne ein schönes, freies Deutschland sehen und an den Grenzen der Tochterlande soll, wie an denen des Mutterlandes, kein zertretenes, unfreies Volk wohnen, die Strahlen deutscher Freiheit und deutscher Milde sollen den Kosaken und Franzosen, den Buschmann und Chinesen erwärmen und verklären.“

Richard Wagner am 15. Juni 1848 im demokratischen Vaterlandsverein zu Dresden

Alter Bahnhof, Swakopmund, Hotel

Der Berg ist zu groß, ich breche hier vorerst ab (obwohl ich noch etwa ein wunderschönes Gemälde von John Everett Millais hätte - „The Romans leaving Britain“),


denn, wenn es einem schon selbst zu viel wird, sollte man besser aufhören.

Zum Ende aber noch ein paar angenehm frostige Bilder aus dem

Winter 2010







Sonntag, 1. Dezember 2019

Zum 223. Geburtstage von Friedrich Wilhelm Buttel

Gustav Kraus: "Die Eröffnung der Walhalla", Lithografie 1842

Dies soll also jetzt der dritte Beitrag in Folge zum Gedenken an Friedrich Wilhelm Buttel werden, der an die „Erinnerungen“ von Jacob Friedrich Roloff anknüpft. Dort findet sich der mehr allgemeine Einstieg, und hier sind wir den vor allem biographischen Passagen nachgefolgt. Da dieser kleine Text unter dem Datum seines Geburtstags erscheinen soll, er wurde am 1. Dezember 1796 geboren, wird es wieder nur ein Nachtrag werden, diesmal aber mit einer freundlicheren Überschrift.

Wir wollen uns weiter seiner Bautätigkeit widmen, aber auch Buttels Ansichten. Der Eingang ist etwas persönlich eingefärbt, das nur als Warnung bzw. Ermunterung, gleich zur nächsten Zwischenüberschrift zu springen. Und ich will mich bemühen, sparsam zu kommentieren:

Wenn man über Schönes schreibt, ist das für die in ihren Augen realistisch-bodenständigen (das ist die Sorte Mensch, die Stahlpylonen zur Erinnerung an ein Stück der Neubrandenburger Stadtmauer in den geprüften Boden rammt), tatsächlich aber eher schlichter Gestalten, auch bekannt als Simpel, etwas Randständiges, Vernachlässigbares. Das Gegenteil ist richtig.

Wer in die Geschichte unseres Volkes, wo sie von einiger Bedeutung ist, wie bei unserem Buttel, tiefer und vor allem mit einer Haltung der Empathie hinuntersteigt, den überkommt irgendwann das Grauen, und ich spreche nicht vom vorgesagten, eingeübten Grauen. Wenn das ganze Bild des Verlustes und der Trauer in einem aufsteigt und überwältigt - wie soll man danach gefällig schreiben?

Die verlorenen Bauten starben nicht ohne Grausamkeiten und Leute standen dabei. Aber daran können wir gar nicht rühren. Uns bleibt nur, in uns das Bild Buttels aufzurufen, woraus er wirkte, was wir von diesem heute für uns gewinnen können aus dem, was davon übrig blieb. Es bleibt, sich zu der Schönheit zu flüchten, von der er Zeuge war.

Walhalla in Donaustauf im bayerischen Landkreis Regensburg

Über deutsches Bauen

Man sagt kaum zuviel, wenn man behauptet, daß ein Bedürfnis nach deutschem Bauen gegenwärtig eher nicht vorhanden ist. Allein die Frage setzt einen sofort Verdächtigungen aus. Nicht daß Zweifelhaftes solcher Art jemanden beeindrucken muß. Für Herrn Hans Müther, er hat die bisher einzige Dissertation über Buttel geschrieben, war das noch anders:

„Wenn seine Werke uns heute auch fremd sind, wie seine Persönlichkeit unbekannt, so verdient er doch wie kein anderer gerade auch in der heutigen Zeit, wo es sich immer wieder um die Erweckung des Nationalen, des Bodenständigen und Völkisch-Deutschen handelt, - in seinen architektonisch-künstlerischen  Absichten jedenfalls Beachtung. Ob sein Weg allerdings der richtige war, das wird das Ergebnis der vorliegenden Arbeit zeigen.“

Wir wollen nicht lange auf die Folter spannen und das Urteil des Autors am Ende seiner Arbeit ebenfalls gleich mitteilen. Sein Wollen sei zu loben, die Form aber nicht:
„Im Gebiet der äußeren Form: Klassisches und Gotisches zu einem ‚Neuen Stil‘ zu führen – das wissen wir heute – konnte zu günstigem Ergebnis nicht führen. Diesen Weg hat Schinkel bald verlassen. Buttel aber ist auf ihm durch sein ganzes Leben gewandelt. Daß dieser Weg falsch war, das war Buttels Tragik.“

Über die Sprache mag mancher gestolpert sein, sie erklärt sich leicht dadurch, daß die Dissertation von 1935 stammt und unter dem Titel „Friedrich Wilhelm Buttels Leben und seine Kirchenbauten“ 1936 in Neubrandenburg erschienen ist. Das war das „Heute“ des Herrn Müther. Ich teile seine Auffassung nicht, aber es gibt halt die wunderlichsten Wege zu irren. Da ist das gegenwärtige „Heute“ vielfach schlicht auch nur anders falsch.

Walhalla bei Donaustauf, Stahlstich, etwa 1845

Lassen wir wieder Roloff mit seinen „Erinnerungen“ zu Wort kommen. Wir folgen den Seiten 15 ff.

"Im September des Jahres 1842 besuchte Buttel die deutsche Architekten-Versammlung in Leipzig und machte von dort eine Reise durch Baiern und nach der Schweiz. Er hat diese Reise in geistvoller Weise beschrieben und von derselben eine reichhaltige Sammlung schönster Skizzen von berühmten Gebäuden und schönen Landschaften heimgebracht. Interessant sind seine in dieser Reisebeschreibung zerstreuten Reflexionen über Bauwerke, Menschen und Zeitverhältnisse.

Nachdem Buttel in diesem Reisebericht von seinem Besuch bei dem Baurath Stüler in Berlin und von den Entwürfen zum Dombau gesprochen, fährt er fort:

‚In allen Gauen Deutschlands hört man Geschrei nach Deutschheit, Deutschthum; nur zum Deutschbauen kann sich die Zeit nicht erheben, und den Baumeistern ist dies eben so recht, als den Finanzmännern. Die Ersteren bewegen sich mit Bequemlichkeit innerhalb der abgeschlossenen antiken Formenwelt, anstatt ihre Schöpfer- und Geisteskräfte am deutschen Werke zu erproben; und den Landes-Kassen ist mit dieser billigen Bauart auch mehr gedient, als wenn die Baumeister sich über ihre Zeit erheben, eine neuere und bessere schaffen, um der Nachwelt zu zeigen, daß deutsche Kraft und deutsche Phantasie noch nicht erstorben ist.‘"

Außenansicht der Walhalla
hier gefunden

Und nein, dieses imposante Bauwerk ist natürlich nicht von Buttel. Wie könnte es? Aber jetzt klärt sich, warum Bilder davon gerade wiederholt auftauchen.

"Ferner sagt Buttel in diesem Bericht über die Walhalla bei Regensburg unter Anderem:

„Mag der Herr von Klenze literarisch schwätzen, so viel er will, die Walhalla ist und bleibt eine Copie des Parthenons, Theseus-Tempels, oder was man sonst noch aus der griechischen Antike zur Vergleichung wählen will; es ist aber kein Ehrendom für große deutsche Geister, denen nach meinem Gefühl auch deutsche Kunst würdiger und angemessener gewesen wäre. ja ihnen von Rechtswegen gebührt hätte."

Innenansicht der Walhalla

Er erklärt sein Mißvergnügen über die gewählte Form des 1842 eröffneten Baus, und man darf durchaus grübeln, ob diese Kritik nicht auch seinen ein Jahr zuvor verstorbenen Lehrmeister Schinkel einschließen müßte. Wir wollen an dieser Stelle erst einmal nur auf seinen Einwurf verweisen.

"Der Ehrenstätte deutscher Geister gebührte um so mehr deutsche Kunst, als wir im Besitze einer solchen sind, die sich mit jeder andern Kunst in die Schranken stellen kann.

Sie ist eine Kunst, die, rein und frei von der Griechen- und Römerkunst, sich in der Blüthe deutscher Kraft auf deutschem Boden und aus deutscher Vegetation entwickelte, die ihnen die Vorbilder zu ihrer Ausschmückung lieh.

Im Formen-Gebiet ist die griechische Kunst vollendet und abgeschlossen, weitere Formen-Entwickelung hat nur zu schlechterer Zeit und Kunst geführt, nicht so abgeschlossen ist deutsche Kunst, sie ist noch mannigfaltiger Ausbildung fähig und würde bei der Walhalla der Phantasie ein schönes und weites Feld geboten haben, besonders bei so großartigen Mitteln, wie sie hier vorhanden waren.

Es hat sich hier abermals der Deutsche als solcher gezeigt, wie er sich einmal nicht anders und nicht selbstständig zeigen kann, wie er sich fortwährend - aber auch unter Geschrei und Getöse nach Deutschheit und Deutschthum - immer zeigt und zeigen wird: selbst da Fremdes nachahmend und nachbetend, wo er Eigenes und Besseres hat, was ihm höher stehen sollte – etc.‘

Bernhard Grueber, Innenansicht der Walhalla, 1842

Von gediegenem einsichtsvollem Kunsturtheil zeugt auch, was Buttel über den Ulmer Dom sagt: ‚Großes, schönes Bauwerk, deine Formen streben aufwärts, den Geist erhebend, zur Andacht stimmend! Es ist schwer, wahrhaft Großes zu erkennen und wahrhaft Großes mit einfachen Mitteln zu schaffen.

Aquatinta der alten (rechts) und neuen Mariahilfkirche von Albert Emil Kirchner,
1839, hier gefunden

Den Meister der Aukirche in München ausgenommen, möchte man sich versucht fühlen, den übrigen Münchener Kirchenbaumeistern zuzurufen, hierher zu kommen und erkennen zu lernen, was wahrhaft groß und edel ist. Aber nur in der Form groß, ohne Prunk, ohne Farbenschmuck, ohne Gold, ohne Hunderte von Fresko- und Enkaustik-Bildern ist dieser Riesenbau dennoch Ehrfurcht gebietender, als die mit Gold, Farben und Bildern übersättigten Münchener Kirchen! etc. etc.‘“

Buttel hatte also, wie nicht überraschen kann, eine sehr deutliche Auffassung von seiner Art zu bauen. In dem, was uns von ihm überliefert ist, können wir sie vermutlich nicht klar ausgesprochen finden, nur andeutungsweise. Also müssen seine Bauten einspringen, und was wäre daran schlimm.

Bei Schinkel ist das freilich anders. Ich hatte mich in diesem Stück etwas an seinen Ansichten abgearbeitet. Warum ist „der Architekt... seinem Begriff nach der Veredler aller menschlichen Verhältnisse“? Das Wesen der schönen Künste sei als „höhere Herrschaft über die Natur“ zu verstehen, „wodurch der widerstrebenden das majestätische Gepräge der Menschheit als Gattung, das der Ideen aufgedrückt wird… Sie ist das Werkzeug der Ewigkeit der Ideen."

Und um mich zu wiederholen. Welche Ideen? Behaupten wir einfach, es sei die verborgene Sinnstruktur des Seins, der der Mensch nicht nur zur Bewußtheit, sondern auch zur Gestalt verhelfen kann, wenn er sich in ihren Dienst stellt. Diese Sinnstruktur vermag, wenn sie erkannt wird, Schönes hervorzubringen und so führt seine Herrschaft zu einer Art von gezähmter Natur.

Mehr davon später.

Buttels späteres Wirken

Roloff nimmt danach wieder die Beschreibung von Buttels Bautätigkeit auf, und wir werden gelegentlich kommentieren (müssen).

Kaserne, circa 1900

„In den Jahren 1843 - 1846 baute Buttel die Kaserne in Neustrelitz. Einen wie ganz anderen und besonderen Charakter hat wieder dieses Bauwerk, durchaus seiner Bestimmung angemessen. Der Ziegelbau, der nach dem Vorgange Schinkels bei der Bau-Akademie in Berlin durch die Verbindung mit der plastischen Decoration in gebranntem Thon, neben dem ihm eigenen Charakter der derben, soliden Tüchtigkeit, doch die Entfaltung eines reichen, edlen und sogar zierlichen Schmuckes gestattet, wurde auch bei dem Kasernenbau gewählt, und auch dieses Gebäude macht bei aller künstlerischen Gliederung, wodurch die Einerleiheit der Formen in gelungener Weise vermieden ist, doch einen großartigen, das Gefühl der Sicherheit überall hervorrufenden Eindruck.

Später baute Buttel auch die Artillerie-Kaserne, das Exercierhaus und den Kanonenschuppen neben der Kaserne, in schönster harmonischer Gestaltung zu derselben.“

Kaserne an der Strelitzer Straße in Neustrelitz

Nicht alles von diesen Bauten hat überlebt, aber man sehe es mir nach, wenn ich nicht en dé­tail in die Neustrelitzer  Kasernengeschichte einsteigen mag, diese beiden Aufnahmen müssen genügen.

"Am 26. December 1848 wurde Buttel Mitglied des Bau-Departements und erhielt das Decernat in Bau-Angelegenheiten.

Im Jahre 1852 baute Buttel das Herzogin-Palais im schönsten Renaissance-Styl."

Marienpalais

Jetzt müssen wir etwas sagen: Wenn ein Gebäude aussieht, als sei es nicht von Buttel, ist es das wahrscheinlich auch nicht. Und Herr Foelsch (Torsten Foelsch: Das Residenzschloss zu Neustrelitz. Ein verschwundenes Schloss in Mecklenburg. Foelsch & Fanselow Verlag, Groß Gottschow 2016) weiß zu vermelden - es handelt sich offenkundig um das Marienpalais - dieses sei „1861 bis 1863 nach den Plänen des Landbaumeisters Pfitzner für die Witwe des 1860 verstorbenen Großherzogs Georg“ als Witwenpalais „in freundlichen Neorenassance-Formen“ erbaut worden. Um 1874 sei es noch einmal bedeutend erweitert worden. Über die Großherzogin Marie kann man hier eine kleine biographische Notiz finden.


Schloßstraße Ecke Promenade, Neustrelitz 1903


Palais der Herzogin Caroline
Aquarell über Federzeichnung, um 1859

Das Carolinenpalais allerdings wurde von Buttel 1847 bis 1850 für die Herzogin Caroline, geschiedene Kronprinzessin von Dänemark, erbaut, doch nach Renaissance sieht es beim besten Willen nicht aus, tatsächlich eher nach Tudorgotik, wenn man so will. Auch hier hätte ich einen Verweis für den, der immer noch nicht genug hat, und während ich dort leicht skeptisch klinge, sieht es für die "Renaissance" des Gebäudes wohl gar nicht so schlecht aus. Auflösen kann ich die von Roloff gestiftete Verwirrung auch nicht, nur sie korrigieren. Doch zurück zu seinem Text:

„Die Umgebung des Großherzoglichen Schlosses, welche durch dieses Palais, wie durch das Collegiengebäude, sowie durch die von Buttel erbauten schönen Logir- und Küchengebäude einerseits, einen das Auge wohltuenden Relex erhalten hatte, sollte nun auch nach der anderen Seite unter dem Hintergrunde des grünbelaubten, den Platz bedeutend überragenden Thiergartens, einen künstlerisch schönen, einen würdigen Abschluß bekommen.


Dorthin wurde nach Buttels Entwurf im Jahre 1858 die neue Schloßkirche in Kreuzform gebaut, das Muster einer protestantischen Kirche im modernen Styl auf gothischer Grundlage. Zu beiden Seiten des Hauptportals stehen die aus Thon gefertigten, von Albert Wolf modellirten Statuen der vier Evangelisten. Wie das Außere, so ist auch das Innere dieser Kirche äußerst geschmackvoll, in würdigster Ausstattung.

Evangelisten Markus und Lukas, links vom Portal
hier & hier gefunden


Evangelisten Johannes und Matthäus, rechts vom Portal
hier & hier gefunden

In Folge dieses wirklich schönen Baues wurde Buttel im Jahre 1860 zum Ober-Baurath ernannt und erhielt den Orden als Guelphen-Ritter.“

Ich gestehe, ich finde Roloffs Lob der Schloßkirche nach seinen euphorischen Worten über die Neubrandenburger Marienkirche doch recht einfallslos schematisch und kann nicht anders, als schon wieder auf einen Beitrag von mir zu verweisen. Was mir darüber hinaus noch eingefallen sein könnte, wollen wir ganz am Schluß anbringen.


"Im September desselben Jahres starb sein fürstlicher Gönner, Großherzog Georg, unter dessen Aufmunterung und freundlicher Anerkennung Buttel so manchen schönen Bau gefördert, - auch der ländliche Aufenthaltsort desselben, das liebliche Schweizerhaus, ist sein Werk. -"


Nun, das Schweizerhaus in Serrahn findet man noch auf alten Postkarten. Ein russischer Soldat war 1945 der Meinung, es anzünden zu müssen.

"Der jetzt regierende Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, Friedrich Wilhelm, der bei eigenen hohen Fürstentugenden von seinem Vater auch den edlen Sinn für Kunst und Verschönerung geerbt, wie auch die kunstsinnige Großherzogin Auguste, übertrugen die fürstliche Gunst, ihre Achtung und Liebe auch auf unsern Buttel, und neue Baupläne wurden entworfen und mit gewohnter Meisterschaft von Buttel ausgeführt.

Bei der 50jährigen Jubelfeier der Leipziger Schlacht im Jahre 1863, bei welcher Gelegenheit die Statuen des füheren Großherzogs Carl, sowie des Herzogs Carl von Mecklenbug–Strelitz - von Wolf gefertigt, und die Umgebung und Postamente von Buttel entworfen - auf dem Platze vor dem Schlosse aufgestellt wurden, erhielt Buttel die erneuerte Kriegsgedenkmünze.

Großherzog Carl


Herzog Karl, hier gefunden

Nachdem im Jahre 1866 das Georgs-Denkmal, welches "die dankbaren Mecklenburger ihrem allgeliebten Landesvater" auf dem Marktplatze zu Neustrelitz errichtet, eingeweiht war, die Bronze-Statue selbst ist von dem berühmten Bildhauer Albert Wolf in Berlin, während die künstlerische Herrichtung des Platzes und seiner Umgebung mit den Springbrunnen und Blumenanlagen unter Buttels Oberaufsicht geschah - erhielt Buttel als Anerkennung seiner vielen Verdienste von dem Großherzoge Friedrich Wihelm den Mecklenburgischen Kronen-Orden.

Von den vielen andern ausgezeichneten Bauwerken Buttels wollen wir hier nur noch erwähnen:

Neustrelitz, Orangerie,
auf diesem älteren Photo ist die Brunnenidee noch nachvollziehbar, 
die "Orangen" sind mittlerweile recht vergraut.

Die Kirchen zu Fürstenberg, Voigtsdorf, Fürstenhagen, Gaartz und zu Zierke; das Orangenhaus in jetziger schöner Gestaltung, den Flügelbau des Schlosses in Neustrelitz, das Schloß zu Ihenfeld, den Erddamm durch den Lutzin-See bei Feldberg, mehrere Kornspeicher, einige der schönsten Wohnhäuser in Neustrelitz, mehrere Schulhäuser, das Louisenstift, den Marstall, Synagogen, viele landwirtschaftliche Gebäude, Herrenhäuser, Zollgebäude, Mühlen etc. Sein letzter Entwurf war der Bau des neuen Husarenstalls und des Hof-Post-Amts in Neustrelitz.

In dem letzten Jahre war ihm auch die Revision der Bundesbauten im hiesigen Lande übertragen; sowie ihm auch die Revision der Chausseen und Wegebauten oblag, -

Eine besondere Sorgfalt widmete Buttel guten Brunnen-Anlagen, der Entwässerung von Brüchern, Wasserleitungen, und überhaupt den Wasserbauten mit Brücken, Schleusen etc. Die Herrichtung des neuen Kanals, sowie des Hafens in Neustrelitz, mit seiner schönen Umgebung, geschah unter seiner Oberleitung.

Wenn sich seine gesegnete bauliche Wirksamkeit auch mit auf das Fürstenthum Ratzeburg erstreckte und bis auf das Schweriner Land und auf Vorpommern ausdehnte, wo sein Name und seine auch dort ausgeführten schönen Bauten hoch geschätzt waren, so concentrirte sich doch sein Schöpfungsgeist zumeist auf Mecklenburg-Strelitz und auf die Residenz Neustrelitz und fast keine Straße oder Platz ist hier ohne ein schönes Gebäude oder liebliche Anlage, die Buttels Meisterhand geschaffen.

Man vergleiche nur den jetzigen schönen Anblick der Straßen von Neustrelitz mit dem vor vierzig Jahren, wo noch so viele einstöckige Häuser, Mansardendächer, ja Scheunen kaum ahnen ließen, daß Neustrelitz eine Residenz sei. Es giebt wohl keine Stadt, kein Gut, kein Dorf im Strelitzer Lande, wo nicht Bauten, von Buttels Meisterhand entworfen oder ausgeführt, sich vorfinden.

Auf dem Lande ließ sichs Buttel angelegen sein, zweckmäßige, den Forderungen der Jetztzeit entsprechende Wirthschaftsgebäude herzurichten, Drainirungen zu veranlassen, die Feuerlösch-Geräthschaften zu vermehren und zu verbessern, und durch mannigfache Bohrversuche den Inhalt des Bodens zu erschließen, um das gefundene Material als Kalk, Thon etc. bei den Bauten verwenden zu können."

Wir haben den Weg durch die Schrift Roloffs nun zu 2 Dritteln zurückgelegt und können den letzten Teil wohl mit größeren Schritten durcheilen, da es dort viel um Buttels technische Interessen gehen wird, und das ist etwas, was mir wenig liegt. Das wollen wir aber gesondert tun, und auch ein Schlußresumé soll dort folgen.

Buttels Schaffen war derart prägend für dieses Land und auch ebenso umfassend, daß sich der gute Roloff an dieser Stelle nur noch in Aufzählungen flüchten konnte. Das wollen wir ähnlich halten und mit 3 Bildern von 3 verschiedenen Kirchen enden. Und was zu dem vorigen noch anzumerken ist, wollen wir ebenfalls diesem letzten Teil überlassen, nach dem wir wieder etwas Kraft geschöpft haben, auch dieses noch in Angriff zu nehmen.

Kirche in Dabelow 

Kirche in Fürstenhagen

Stadtkirche in Fürstenberg

nachgetragen am 9. Dezember