Sonntag, 1. Dezember 2019

Zum 223. Geburtstage von Friedrich Wilhelm Buttel

Gustav Kraus: "Die Eröffnung der Walhalla", Lithografie 1842

Dies soll also jetzt der dritte Beitrag in Folge zum Gedenken an Friedrich Wilhelm Buttel werden, der an die „Erinnerungen“ von Jacob Friedrich Roloff anknüpft. Dort findet sich der mehr allgemeine Einstieg, und hier sind wir den vor allem biographischen Passagen nachgefolgt. Da dieser kleine Text unter dem Datum seines Geburtstags erscheinen soll, er wurde am 1. Dezember 1796 geboren, wird es wieder nur ein Nachtrag werden, diesmal aber mit einer freundlicheren Überschrift.

Wir wollen uns weiter seiner Bautätigkeit widmen, aber auch Buttels Ansichten. Der Eingang ist etwas persönlich eingefärbt, das nur als Warnung bzw. Ermunterung, gleich zur nächsten Zwischenüberschrift zu springen. Und ich will mich bemühen, sparsam zu kommentieren:

Wenn man über Schönes schreibt, ist das für die in ihren Augen realistisch-bodenständigen (das ist die Sorte Mensch, die Stahlpylonen zur Erinnerung an ein Stück der Neubrandenburger Stadtmauer in den geprüften Boden rammt), tatsächlich aber eher schlichter Gestalten, auch bekannt als Simpel, etwas Randständiges, Vernachlässigbares. Das Gegenteil ist richtig.

Wer in die Geschichte unseres Volkes, wo sie von einiger Bedeutung ist, wie bei unserem Buttel, tiefer und vor allem mit einer Haltung der Empathie hinuntersteigt, den überkommt irgendwann das Grauen, und ich spreche nicht vom vorgesagten, eingeübten Grauen. Wenn das ganze Bild des Verlustes und der Trauer in einem aufsteigt und überwältigt - wie soll man danach gefällig schreiben?

Die verlorenen Bauten starben nicht ohne Grausamkeiten und Leute standen dabei. Aber daran können wir gar nicht rühren. Uns bleibt nur, in uns das Bild Buttels aufzurufen, woraus er wirkte, was wir von diesem heute für uns gewinnen können aus dem, was davon übrig blieb. Es bleibt, sich zu der Schönheit zu flüchten, von der er Zeuge war.

Walhalla in Donaustauf im bayerischen Landkreis Regensburg

Über deutsches Bauen

Man sagt kaum zuviel, wenn man behauptet, daß ein Bedürfnis nach deutschem Bauen gegenwärtig eher nicht vorhanden ist. Allein die Frage setzt einen sofort Verdächtigungen aus. Nicht daß Zweifelhaftes solcher Art jemanden beeindrucken muß. Für Herrn Hans Müther, er hat die bisher einzige Dissertation über Buttel geschrieben, war das noch anders:

„Wenn seine Werke uns heute auch fremd sind, wie seine Persönlichkeit unbekannt, so verdient er doch wie kein anderer gerade auch in der heutigen Zeit, wo es sich immer wieder um die Erweckung des Nationalen, des Bodenständigen und Völkisch-Deutschen handelt, - in seinen architektonisch-künstlerischen  Absichten jedenfalls Beachtung. Ob sein Weg allerdings der richtige war, das wird das Ergebnis der vorliegenden Arbeit zeigen.“

Wir wollen nicht lange auf die Folter spannen und das Urteil des Autors am Ende seiner Arbeit ebenfalls gleich mitteilen. Sein Wollen sei zu loben, die Form aber nicht:
„Im Gebiet der äußeren Form: Klassisches und Gotisches zu einem ‚Neuen Stil‘ zu führen – das wissen wir heute – konnte zu günstigem Ergebnis nicht führen. Diesen Weg hat Schinkel bald verlassen. Buttel aber ist auf ihm durch sein ganzes Leben gewandelt. Daß dieser Weg falsch war, das war Buttels Tragik.“

Über die Sprache mag mancher gestolpert sein, sie erklärt sich leicht dadurch, daß die Dissertation von 1935 stammt und unter dem Titel „Friedrich Wilhelm Buttels Leben und seine Kirchenbauten“ 1936 in Neubrandenburg erschienen ist. Das war das „Heute“ des Herrn Müther. Ich teile seine Auffassung nicht, aber es gibt halt die wunderlichsten Wege zu irren. Da ist das gegenwärtige „Heute“ vielfach schlicht auch nur anders falsch.

Walhalla bei Donaustauf, Stahlstich, etwa 1845

Lassen wir wieder Roloff mit seinen „Erinnerungen“ zu Wort kommen. Wir folgen den Seiten 15 ff.

"Im September des Jahres 1842 besuchte Buttel die deutsche Architekten-Versammlung in Leipzig und machte von dort eine Reise durch Baiern und nach der Schweiz. Er hat diese Reise in geistvoller Weise beschrieben und von derselben eine reichhaltige Sammlung schönster Skizzen von berühmten Gebäuden und schönen Landschaften heimgebracht. Interessant sind seine in dieser Reisebeschreibung zerstreuten Reflexionen über Bauwerke, Menschen und Zeitverhältnisse.

Nachdem Buttel in diesem Reisebericht von seinem Besuch bei dem Baurath Stüler in Berlin und von den Entwürfen zum Dombau gesprochen, fährt er fort:

‚In allen Gauen Deutschlands hört man Geschrei nach Deutschheit, Deutschthum; nur zum Deutschbauen kann sich die Zeit nicht erheben, und den Baumeistern ist dies eben so recht, als den Finanzmännern. Die Ersteren bewegen sich mit Bequemlichkeit innerhalb der abgeschlossenen antiken Formenwelt, anstatt ihre Schöpfer- und Geisteskräfte am deutschen Werke zu erproben; und den Landes-Kassen ist mit dieser billigen Bauart auch mehr gedient, als wenn die Baumeister sich über ihre Zeit erheben, eine neuere und bessere schaffen, um der Nachwelt zu zeigen, daß deutsche Kraft und deutsche Phantasie noch nicht erstorben ist.‘"

Außenansicht der Walhalla
hier gefunden

Und nein, dieses imposante Bauwerk ist natürlich nicht von Buttel. Wie könnte es? Aber jetzt klärt sich, warum Bilder davon gerade wiederholt auftauchen.

"Ferner sagt Buttel in diesem Bericht über die Walhalla bei Regensburg unter Anderem:

„Mag der Herr von Klenze literarisch schwätzen, so viel er will, die Walhalla ist und bleibt eine Copie des Parthenons, Theseus-Tempels, oder was man sonst noch aus der griechischen Antike zur Vergleichung wählen will; es ist aber kein Ehrendom für große deutsche Geister, denen nach meinem Gefühl auch deutsche Kunst würdiger und angemessener gewesen wäre. ja ihnen von Rechtswegen gebührt hätte."

Innenansicht der Walhalla

Er erklärt sein Mißvergnügen über die gewählte Form des 1842 eröffneten Baus, und man darf durchaus grübeln, ob diese Kritik nicht auch seinen ein Jahr zuvor verstorbenen Lehrmeister Schinkel einschließen müßte. Wir wollen an dieser Stelle erst einmal nur auf seinen Einwurf verweisen.

"Der Ehrenstätte deutscher Geister gebührte um so mehr deutsche Kunst, als wir im Besitze einer solchen sind, die sich mit jeder andern Kunst in die Schranken stellen kann.

Sie ist eine Kunst, die, rein und frei von der Griechen- und Römerkunst, sich in der Blüthe deutscher Kraft auf deutschem Boden und aus deutscher Vegetation entwickelte, die ihnen die Vorbilder zu ihrer Ausschmückung lieh.

Im Formen-Gebiet ist die griechische Kunst vollendet und abgeschlossen, weitere Formen-Entwickelung hat nur zu schlechterer Zeit und Kunst geführt, nicht so abgeschlossen ist deutsche Kunst, sie ist noch mannigfaltiger Ausbildung fähig und würde bei der Walhalla der Phantasie ein schönes und weites Feld geboten haben, besonders bei so großartigen Mitteln, wie sie hier vorhanden waren.

Es hat sich hier abermals der Deutsche als solcher gezeigt, wie er sich einmal nicht anders und nicht selbstständig zeigen kann, wie er sich fortwährend - aber auch unter Geschrei und Getöse nach Deutschheit und Deutschthum - immer zeigt und zeigen wird: selbst da Fremdes nachahmend und nachbetend, wo er Eigenes und Besseres hat, was ihm höher stehen sollte – etc.‘

Bernhard Grueber, Innenansicht der Walhalla, 1842

Von gediegenem einsichtsvollem Kunsturtheil zeugt auch, was Buttel über den Ulmer Dom sagt: ‚Großes, schönes Bauwerk, deine Formen streben aufwärts, den Geist erhebend, zur Andacht stimmend! Es ist schwer, wahrhaft Großes zu erkennen und wahrhaft Großes mit einfachen Mitteln zu schaffen.

Aquatinta der alten (rechts) und neuen Mariahilfkirche von Albert Emil Kirchner,
1839, hier gefunden

Den Meister der Aukirche in München ausgenommen, möchte man sich versucht fühlen, den übrigen Münchener Kirchenbaumeistern zuzurufen, hierher zu kommen und erkennen zu lernen, was wahrhaft groß und edel ist. Aber nur in der Form groß, ohne Prunk, ohne Farbenschmuck, ohne Gold, ohne Hunderte von Fresko- und Enkaustik-Bildern ist dieser Riesenbau dennoch Ehrfurcht gebietender, als die mit Gold, Farben und Bildern übersättigten Münchener Kirchen! etc. etc.‘“

Buttel hatte also, wie nicht überraschen kann, eine sehr deutliche Auffassung von seiner Art zu bauen. In dem, was uns von ihm überliefert ist, können wir sie vermutlich nicht klar ausgesprochen finden, nur andeutungsweise. Also müssen seine Bauten einspringen, und was wäre daran schlimm.

Bei Schinkel ist das freilich anders. Ich hatte mich in diesem Stück etwas an seinen Ansichten abgearbeitet. Warum ist „der Architekt... seinem Begriff nach der Veredler aller menschlichen Verhältnisse“? Das Wesen der schönen Künste sei als „höhere Herrschaft über die Natur“ zu verstehen, „wodurch der widerstrebenden das majestätische Gepräge der Menschheit als Gattung, das der Ideen aufgedrückt wird… Sie ist das Werkzeug der Ewigkeit der Ideen."

Und um mich zu wiederholen. Welche Ideen? Behaupten wir einfach, es sei die verborgene Sinnstruktur des Seins, der der Mensch nicht nur zur Bewußtheit, sondern auch zur Gestalt verhelfen kann, wenn er sich in ihren Dienst stellt. Diese Sinnstruktur vermag, wenn sie erkannt wird, Schönes hervorzubringen und so führt seine Herrschaft zu einer Art von gezähmter Natur.

Mehr davon später.

Buttels späteres Wirken

Roloff nimmt danach wieder die Beschreibung von Buttels Bautätigkeit auf, und wir werden gelegentlich kommentieren (müssen).

Kaserne, circa 1900

„In den Jahren 1843 - 1846 baute Buttel die Kaserne in Neustrelitz. Einen wie ganz anderen und besonderen Charakter hat wieder dieses Bauwerk, durchaus seiner Bestimmung angemessen. Der Ziegelbau, der nach dem Vorgange Schinkels bei der Bau-Akademie in Berlin durch die Verbindung mit der plastischen Decoration in gebranntem Thon, neben dem ihm eigenen Charakter der derben, soliden Tüchtigkeit, doch die Entfaltung eines reichen, edlen und sogar zierlichen Schmuckes gestattet, wurde auch bei dem Kasernenbau gewählt, und auch dieses Gebäude macht bei aller künstlerischen Gliederung, wodurch die Einerleiheit der Formen in gelungener Weise vermieden ist, doch einen großartigen, das Gefühl der Sicherheit überall hervorrufenden Eindruck.

Später baute Buttel auch die Artillerie-Kaserne, das Exercierhaus und den Kanonenschuppen neben der Kaserne, in schönster harmonischer Gestaltung zu derselben.“

Kaserne an der Strelitzer Straße in Neustrelitz

Nicht alles von diesen Bauten hat überlebt, aber man sehe es mir nach, wenn ich nicht en dé­tail in die Neustrelitzer  Kasernengeschichte einsteigen mag, diese beiden Aufnahmen müssen genügen.

"Am 26. December 1848 wurde Buttel Mitglied des Bau-Departements und erhielt das Decernat in Bau-Angelegenheiten.

Im Jahre 1852 baute Buttel das Herzogin-Palais im schönsten Renaissance-Styl."

Marienpalais

Jetzt müssen wir etwas sagen: Wenn ein Gebäude aussieht, als sei es nicht von Buttel, ist es das wahrscheinlich auch nicht. Und Herr Foelsch (Torsten Foelsch: Das Residenzschloss zu Neustrelitz. Ein verschwundenes Schloss in Mecklenburg. Foelsch & Fanselow Verlag, Groß Gottschow 2016) weiß zu vermelden - es handelt sich offenkundig um das Marienpalais - dieses sei „1861 bis 1863 nach den Plänen des Landbaumeisters Pfitzner für die Witwe des 1860 verstorbenen Großherzogs Georg“ als Witwenpalais „in freundlichen Neorenassance-Formen“ erbaut worden. Um 1874 sei es noch einmal bedeutend erweitert worden. Über die Großherzogin Marie kann man hier eine kleine biographische Notiz finden.


Schloßstraße Ecke Promenade, Neustrelitz 1903


Palais der Herzogin Caroline
Aquarell über Federzeichnung, um 1859

Das Carolinenpalais allerdings wurde von Buttel 1847 bis 1850 für die Herzogin Caroline, geschiedene Kronprinzessin von Dänemark, erbaut, doch nach Renaissance sieht es beim besten Willen nicht aus, tatsächlich eher nach Tudorgotik, wenn man so will. Auch hier hätte ich einen Verweis für den, der immer noch nicht genug hat, und während ich dort leicht skeptisch klinge, sieht es für die "Renaissance" des Gebäudes wohl gar nicht so schlecht aus. Auflösen kann ich die von Roloff gestiftete Verwirrung auch nicht, nur sie korrigieren. Doch zurück zu seinem Text:

„Die Umgebung des Großherzoglichen Schlosses, welche durch dieses Palais, wie durch das Collegiengebäude, sowie durch die von Buttel erbauten schönen Logir- und Küchengebäude einerseits, einen das Auge wohltuenden Relex erhalten hatte, sollte nun auch nach der anderen Seite unter dem Hintergrunde des grünbelaubten, den Platz bedeutend überragenden Thiergartens, einen künstlerisch schönen, einen würdigen Abschluß bekommen.


Dorthin wurde nach Buttels Entwurf im Jahre 1858 die neue Schloßkirche in Kreuzform gebaut, das Muster einer protestantischen Kirche im modernen Styl auf gothischer Grundlage. Zu beiden Seiten des Hauptportals stehen die aus Thon gefertigten, von Albert Wolf modellirten Statuen der vier Evangelisten. Wie das Außere, so ist auch das Innere dieser Kirche äußerst geschmackvoll, in würdigster Ausstattung.

Evangelisten Markus und Lukas, links vom Portal
hier & hier gefunden


Evangelisten Johannes und Matthäus, rechts vom Portal
hier & hier gefunden

In Folge dieses wirklich schönen Baues wurde Buttel im Jahre 1860 zum Ober-Baurath ernannt und erhielt den Orden als Guelphen-Ritter.“

Ich gestehe, ich finde Roloffs Lob der Schloßkirche nach seinen euphorischen Worten über die Neubrandenburger Marienkirche doch recht einfallslos schematisch und kann nicht anders, als schon wieder auf einen Beitrag von mir zu verweisen. Was mir darüber hinaus noch eingefallen sein könnte, wollen wir ganz am Schluß anbringen.


"Im September desselben Jahres starb sein fürstlicher Gönner, Großherzog Georg, unter dessen Aufmunterung und freundlicher Anerkennung Buttel so manchen schönen Bau gefördert, - auch der ländliche Aufenthaltsort desselben, das liebliche Schweizerhaus, ist sein Werk. -"


Nun, das Schweizerhaus in Serrahn findet man noch auf alten Postkarten. Ein russischer Soldat war 1945 der Meinung, es anzünden zu müssen.

"Der jetzt regierende Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, Friedrich Wilhelm, der bei eigenen hohen Fürstentugenden von seinem Vater auch den edlen Sinn für Kunst und Verschönerung geerbt, wie auch die kunstsinnige Großherzogin Auguste, übertrugen die fürstliche Gunst, ihre Achtung und Liebe auch auf unsern Buttel, und neue Baupläne wurden entworfen und mit gewohnter Meisterschaft von Buttel ausgeführt.

Bei der 50jährigen Jubelfeier der Leipziger Schlacht im Jahre 1863, bei welcher Gelegenheit die Statuen des füheren Großherzogs Carl, sowie des Herzogs Carl von Mecklenbug–Strelitz - von Wolf gefertigt, und die Umgebung und Postamente von Buttel entworfen - auf dem Platze vor dem Schlosse aufgestellt wurden, erhielt Buttel die erneuerte Kriegsgedenkmünze.

Großherzog Carl


Herzog Karl, hier gefunden

Nachdem im Jahre 1866 das Georgs-Denkmal, welches "die dankbaren Mecklenburger ihrem allgeliebten Landesvater" auf dem Marktplatze zu Neustrelitz errichtet, eingeweiht war, die Bronze-Statue selbst ist von dem berühmten Bildhauer Albert Wolf in Berlin, während die künstlerische Herrichtung des Platzes und seiner Umgebung mit den Springbrunnen und Blumenanlagen unter Buttels Oberaufsicht geschah - erhielt Buttel als Anerkennung seiner vielen Verdienste von dem Großherzoge Friedrich Wihelm den Mecklenburgischen Kronen-Orden.

Von den vielen andern ausgezeichneten Bauwerken Buttels wollen wir hier nur noch erwähnen:

Neustrelitz, Orangerie,
auf diesem älteren Photo ist die Brunnenidee noch nachvollziehbar, 
die "Orangen" sind mittlerweile recht vergraut.

Die Kirchen zu Fürstenberg, Voigtsdorf, Fürstenhagen, Gaartz und zu Zierke; das Orangenhaus in jetziger schöner Gestaltung, den Flügelbau des Schlosses in Neustrelitz, das Schloß zu Ihenfeld, den Erddamm durch den Lutzin-See bei Feldberg, mehrere Kornspeicher, einige der schönsten Wohnhäuser in Neustrelitz, mehrere Schulhäuser, das Louisenstift, den Marstall, Synagogen, viele landwirtschaftliche Gebäude, Herrenhäuser, Zollgebäude, Mühlen etc. Sein letzter Entwurf war der Bau des neuen Husarenstalls und des Hof-Post-Amts in Neustrelitz.

In dem letzten Jahre war ihm auch die Revision der Bundesbauten im hiesigen Lande übertragen; sowie ihm auch die Revision der Chausseen und Wegebauten oblag, -

Eine besondere Sorgfalt widmete Buttel guten Brunnen-Anlagen, der Entwässerung von Brüchern, Wasserleitungen, und überhaupt den Wasserbauten mit Brücken, Schleusen etc. Die Herrichtung des neuen Kanals, sowie des Hafens in Neustrelitz, mit seiner schönen Umgebung, geschah unter seiner Oberleitung.

Wenn sich seine gesegnete bauliche Wirksamkeit auch mit auf das Fürstenthum Ratzeburg erstreckte und bis auf das Schweriner Land und auf Vorpommern ausdehnte, wo sein Name und seine auch dort ausgeführten schönen Bauten hoch geschätzt waren, so concentrirte sich doch sein Schöpfungsgeist zumeist auf Mecklenburg-Strelitz und auf die Residenz Neustrelitz und fast keine Straße oder Platz ist hier ohne ein schönes Gebäude oder liebliche Anlage, die Buttels Meisterhand geschaffen.

Man vergleiche nur den jetzigen schönen Anblick der Straßen von Neustrelitz mit dem vor vierzig Jahren, wo noch so viele einstöckige Häuser, Mansardendächer, ja Scheunen kaum ahnen ließen, daß Neustrelitz eine Residenz sei. Es giebt wohl keine Stadt, kein Gut, kein Dorf im Strelitzer Lande, wo nicht Bauten, von Buttels Meisterhand entworfen oder ausgeführt, sich vorfinden.

Auf dem Lande ließ sichs Buttel angelegen sein, zweckmäßige, den Forderungen der Jetztzeit entsprechende Wirthschaftsgebäude herzurichten, Drainirungen zu veranlassen, die Feuerlösch-Geräthschaften zu vermehren und zu verbessern, und durch mannigfache Bohrversuche den Inhalt des Bodens zu erschließen, um das gefundene Material als Kalk, Thon etc. bei den Bauten verwenden zu können."

Wir haben den Weg durch die Schrift Roloffs nun zu 2 Dritteln zurückgelegt und können den letzten Teil wohl mit größeren Schritten durcheilen, da es dort viel um Buttels technische Interessen gehen wird, und das ist etwas, was mir wenig liegt. Das wollen wir aber gesondert tun, und auch ein Schlußresumé soll dort folgen.

Buttels Schaffen war derart prägend für dieses Land und auch ebenso umfassend, daß sich der gute Roloff an dieser Stelle nur noch in Aufzählungen flüchten konnte. Das wollen wir ähnlich halten und mit 3 Bildern von 3 verschiedenen Kirchen enden. Und was zu dem vorigen noch anzumerken ist, wollen wir ebenfalls diesem letzten Teil überlassen, nach dem wir wieder etwas Kraft geschöpft haben, auch dieses noch in Angriff zu nehmen.

Kirche in Dabelow 

Kirche in Fürstenhagen

Stadtkirche in Fürstenberg

nachgetragen am 9. Dezember

Samstag, 30. November 2019

Zum 150. Todestag von Friedrich Wilhelm Buttel, 2. Nachtrag

Wilhelm Unger, Friedrich Wilhelm Buttel, 1830

Warum ich die „Erinnerungen an Friedrich Wilhelm Buttel“ von Jacob Friedrich Roloff bringe, habe ich an jenem Ort näher erklärt, doch während ich dort noch gekürzt hatte, muß ich jetzt doch Erläuterungen beibringen. Ich werde aber suchen, sie kurz halten.

Es handelt sich um den mehr biographischen Mittelteil seiner Erinnerungen, den ich bis in die Orthographie hinein präsentiere. Warum? Des Zeitkolorits wegen natürlich.

Aber ich bringe sie auch deswegen so umfänglich, um in seiner fremd gewordenen Sprache nicht nur die uns mitunter ungewöhnlichen Urteile anzuzeigen (mutmaßliche Irrtümer finden eine Anmerkung), sondern um einen diskreten Hinweis mitzuliefern, wie wechselnd doch stets geläufige Urteile ausfallen können.

Und demjenigen, der meint, Roloff sei seinem Gegenstand nicht immer recht gewachsen gewesen, dem wollen wir sagen, andere, die auch hätten schreiben können, haben es nicht getan. Aber das ist oft so. Und darum wollen wir in ihm einen von denen würdigen, die das Rechte zu tun immerhin versucht haben.

Buttel – Der  frühe Werdegang


Zielenzig heute (St. Nikolai-Kirche) und 1905
hier und hier gefunden

„Friedrich Wilhelm Buttel wurde am 1. Dezember 1796 in dem preußischen Städtchen Zielenzig, wo sein Vater Maurermeister war, geboren. Als bald darauf sein Vater nach Meseritz gezogen war, und unser Buttel dort die weitere Schulbildung genossen hatte, faßte er den Entschluß, zu seinem künftigen Lebensberuf das Baufach zu wählen.

Zu dem Zwecke sollten zunächst die Vorstudien dazu praktisch durchgemacht und durchgelebt werden, um dann später auf der Akademie in Berlin die wissenschaftliche Ausbildung zu vollenden.


Meseritz, Burgruine
hier und hier gefunden

Meseritz, Kirche St. Johannes d. Täufer

ehem. Zisterzienser-Kloster Paradies bei Meseritz, 

Beide Orte liegen heute in Polen.

Buttel wurde Maurerlehrling und am 23. November des Jahres 1813 als Maurergeselle ausgeschrieben. Der Lehr- und Gesellenbrief liegt noch bei seinen Personal-Acten.

Hierauf arbeitete Buttel, nachdem er sich durch Privatstudium die erforderlichen theoretischen Kenntnisse erworben hatte, als praktischer Feldmesser beim Königl. Oberförster König in Birnbaum.

Unterdeß hatte in Deutschland nach einer langen Nacht der Fremdherrschaft der Morgen der Freiheit zu tagen begonnen und auch Buttel wurde von der heiligen Begeisterung für die Befreiung des Vaterlandes ergriffen und vertauschte Zirkel und Winkelmaß mit dem Schwert und der Flinte, um als freiwilliger Jäger im Füsilier-Bataillon des 1. Pommerschen Infanterie-Regiments (Kronprinz von Preußen) die Campagne von 1815 mitzumachen. Kaum war er eingekleidet und nothdürftig einexerciert, so begann der anstrengungsvolle Marsch des Bataillons durch die Mark Brandenburg, Altmark, Braunschweig, Westphalen nach den Feldern von Waterloo.

William Sadler, Schlacht von Waterloo

Thomas Rowlandson, „Blucher the brave extracting the 
groan of abdication from the Corsican blood hound“,
brit. Karrikatur, hier gefunden

Seine Erlebnisse als freiwilliger Jäger hat Buttel in einem von ihm geführten Tagebuche aufgezeichnet, welches in frischen Zügen die Einzelheiten des Feldzuges bis zur Schlacht von Belle-Alliance schildert.

Mit freudigem Muthe hatte Buttel die Mühseligkeiten des Marsches und Feldzuges ertragen, tapfer gekämpft in der Vorschlacht, und mit siegen geholfen in der letzten großen Befreiungsschlacht von Waterloo.

Für seine Tapferkeit erhielt Buttel die Kriegsdenkmünze von 1815, wurde, nach Berlin zurückgekehrt, als Officier verabschiedet, und erhielt am 7. Januar 1816 das Patent als Seconde-Lieutenant.

Jetzt kehrte Buttel zunächst zur Feldmeßkunst zurück, um die erforderliche praktische Ausbildung zu vollenden.

Hierauf begann Buttel die streng wissenscaftliche Carriere und studirte vom 15. November 1816 an in Berlin Mathematik. Sein Lehrer war unter Andern der berühmte Mathematiker Lehmus, von welchem ausgestellt noch ein sehr lobenswerthes Zeugniß für "den Kandidaten der Mathematik F. W. Buttel" vorliegt. Buttel bildete sich nun zum Architekten aus und studirte das Baufach in Berlin.

Er besuchte gleichzeitig die Akademie der Künste und hier war es besonders Schadow, dessen Einfluß auf ihn sich auch in seinen späteren Werken kund gab.

Nach den weiteren architektonischen Studien bestand Buttel 1817, nachdem er die ziemlich schweren theoretischen wie praktischen Examen-Arbeiten recht gut gelöst, bei der Königl. Ober-Bau-Deputation in Berlin die Prüfung, und am 13. Februar 1818 wurde der Candidat der Mathematik F. W. Buttel als Feldmesser vereidigt.

Er muß nun abermals sehr fleißig studirt haben, denn schon im Jahre 1819 machte er das Examen als Bau-Conducteur.

Sein deßfallsiges sehr gutes Zeugniß ist unter Andern unterzeichnet von Eitelwein, Schinkel und Crelle.

Carl Joseph Begas: Karl Friedrich Schinkel, 1826

Schinkel, der griechisch denkende Schöpfer der modernen Baukunst, wurde nun sein Ideal und dessen Geist und Richtung bekundete sich in fast allen seinen späteren Bauten.

Wie diese Kunstheroen Schinkel und Schadow auf Buttel bildend gewirkt, unterstützt freilich von einem seltenen plastischen und Kunst-Talent, das beweisen die späteren Leistungen Buttels auch auf dem Gebiete der Kunst überhaupt.

Er war ein vortrefflicher Zeichner und fast spielend warf er manche geistvolle Skizze schnell aufs Papier. Seine Bauzeichnungen und Pläne waren nicht blos höchst correct, sondern auch künstlerisch schön angefertigt. Buttel malte auch vortrefflich in Oel. Außer vielen sehr gelungenen Copien berühmter Meister, sind von ihm wohl zwanzig größere Original-Oelgemälde vorhanden und waren seine Lieblingsgegenstände Landschaften, Ruinen, monumentale Gebäude mit landschaftlicher Staffage. -

Ebenso war Buttel ein wahres musikalisches Genie. Aus einer einmal gehörten Oper wußte er sofort am Klavier die hervorleuchtendsten Musikstücke aus dem Kopfe zu reproduciren. Ja er lente noch fleißig Generalbaß, um wie jede Kunst, so auch die Musik gründlich verstehen zu lernen. -

Doch kehren wir zu seinem eigenen Lebensbilde zurück.

Nachdem Buttel alle erforderlichen Bau-Prüfungen gut bestanden hatte, leitete er in Berlin als Regierungs-Bau-Conducteur unter Schinkels Direction verschiedene Bauten und erhielt unterm 2. April 1821 das Attest, "daß er besonders bei der Ueberbrückung des Opern-Canals, bei der Erbauung der neuen Königswache und bei dem äußern Umbau der Domkirche mit Fleiß, Kenntniß und Umsicht seinem Geschäfte vorgestanden hatte." -

Buttel in Strelitz

Christian Philipp Wolff , „Die Hoffnung tröstet die Trauer“, 1798

Wir betreten jetzt den eigentlichen Schauplatz des thätigen praktischen Lebens, das reich und schön bebaute Arbeitsfeld unsers Buttel, worauf er sich als Ehrensäule seines Namens Werke für die Unsterblichkeit erbauet hat.

Auf Empfehlung des Geh. Ober-Bauraths Schinkel, der sich besonders für ihn interessirte und der sein Genie bald erkannt hatte, erhielt Buttel im Jahre 1820 einen Ruf nach Neustrelitz an Stelle des verstorbenen Hof-Baumeisters Wolf. Nach längerem Ueberlegen und Verhandeln entschied er sich jedoch, diese Stelle vorläufig erst auf ein Jahr zur Probe anzunehmen.“

Der Einwurf kann nur pedantisch klingen, doch Roloffs enthusiatischer Wille, Buttel immer als den souverän Handelnden darzustellen, trug ihn wohl mitunter etwas über das Faktische hinaus. Herr Müther, der über Buttel 1935 dissertiert hat (wir kommen sicher später darauf zurück) zitiert einen Kammerbericht vom 17. März 1821 wie folgt: „B. zeigt an, daß er nicht gerade ein Zeugnis des Geh. Oberbaurates Schinkel wird vorlegen können. Die Briefe des Schinkel enthalten schon ein Zeugnis über den Buttel und das Probejahr wird für uns das praktische Zeugnis sein.“ Dienstantritt war dann der 1. April 1821, die Festanstellung folgte am 18. Januar 1822, auch da müssen wir pedantisch korrigieren. Zurück zu Roloffs Bericht.

Georg, Großherzog von Mecklenburg

„Buttel übersiedelte nach Neustrelitz und befriedigte so sehr durch seine Leistungen, daß er schon am 21. Januar 1821 als Baumeister, und im April desselben Jahres als Hof-Baumeister mit einem jährlichen Gehalt von 500 Thlr. fest angestellt wurde. Es war unserm Buttel durch diese Berufung eine herrliche Gelegenheit gegeben, unter der Anregung und Aegide des damals regierenden Großherzogs Georg und der Großherzogin Marie, welche letztere selbst ausübende Künstlerin - viele vortreffliche Oelgemälde von ihrer Hand, theils Originale, theils Copien berühmter Meister beweisen ihren feinen Kunstsinn und ihre Meisterschaft, - seine Kunstideale und architektonischen Pläne zu verwirklichen.

Georg, Großherzog von Mecklenburg, KPM Berlin 1837-1844

Der Großherzog selbst, fein gebildet, voll edlen Geschmacks und begeisterter Kunstliebe, hatte durch seinen längeren Aufenthalt in Italien, in Rom, durch seinen nähern Verkehr mit den bedeutendsten Größen auf dem Gebiete der Literatur und Kunst, durch seine innigen persönlichen Beziehungen zu Göthe, Schinkel, Rauch, Schadow, Thorwaldson etc. die eingehendste Anschauung und das gediegenste Urtheil über die Kunst und das Bauwesen in weitester Ausdehnung gewonnen. Und dieser schöne Kunstsinn ging über auf die Großherzoglichen Kinder.

Marie von Hessen-Kassel, Großherzogin von Mecklenburg

Buttel war nun das hohe Glück beschieden, an einem so kunstsinnigen Hofe, theils selbst noch zu lernen, theils in Gemeinschaft mit seinen hohen Gönnern, Baupläne für die Verschönerung der Stadt und des Landes entwerfen und zur Ausführung bringen zu können.

Im Mai 1823 wurde Buttel ins Hof-Marschallamt berufen und am 7. März 1832 zum Baurath ernannt.

Großherzog-Georg-Denkmal, 1911
im Hintergrund das 1843 eingeweihte Rathaus von Neustrelitz 

Im Jahre 1840 ff. erbaute er das Rathhaus in Neustrelitz, 1841 die Wasserleitung in Friedland, in den Jahren 1844-1848 die Klosterkirche in Malchow mit dem 184 Fuß hohen Thurm, und 1845 den Erddamm bei Malchow, später auch den Erddamm durch die Müritz bei Vipperow.

Die Klosterkirche in Malchow ist im Basilikenstyle erbaut, stellt sich als Kreuzkirche dar, und enthält im Innern die schönste Ornamentik, an den Seitenwänden auf Goldgrund die Bilder der Evangelisten und als Altargemälde den Erlöser mit erhobenen Händen, die Gemeinde segnend. -"

 Malchow, Kloster, hier gefunden

Kloster Malchow, hier gefunden

Die Klosterkirche wurde bis 1849 errichtet, nach einem Brand 1888 wurde Buttels Fassung im wesentlichen wiederhergestellt. Das ehem. Kloster beherbergt eine bedeutsame Ausstellung zur Geschichte des mecklenburgischen Orgelbaus.

"Ja wohl, es sind wahr geworden die an unsern Buttel bei der Einweihung dieser Kirche gerichteten Dankesworte: "Dem Baumeister, der mit der Meisterhand seiner berühmten Kunst den Plan zu diesem Bau entworfen, möge der Herr geben, daß er noch viele Kirchen erbaue zu seines Namens Ehre und mit jedem Kirchenbau immer mehr selbst erbauet werde zu einem Tempel Gottes, darin des Herrn Friede wohne, der seine Seele selig mache." - In der That hat wohl selten ein Baumeister so viele würdige, schöne Werke der heiligen Kunst, so viele Gotteshäuser erbauet, wie unser Buttel.

Marienkirche in der deutschen Stadt Neubrandenburg, Mecklenburg,
etwa 1860, hier gefunden

Vorher schon hatte Buttel sein größtes und schönstes Bauwerk, die restaurirte Marienkirche in Neubrandenburg vollendet.

Die Kirche war erbauet in den Jahren 1248 - 1287; im Jahre 1655 wurde der Thurm derselben vom Blitz zerstört und im Jahre 1832 die Wiederherstellung beschlossen, welche, wie es in der archivalischen Urkunde heißt, durch den "ausgezeichneten Baurath Buttel" ausgeführt wurde. Als die Marienkirche am 12. August 1841 eingeweiht wurde, bezeichnete der damalige Großherzog Georg, gewiß ein Kenner und Verehrer schöner Bauten, in einem Dankschreiben an Buttel diesen Bau "als eure bedeutendste Leistung, welche euch wahrhaft zur Ehre gereicht."

Wahrlich, und wenn Buttel weiter Nichts erbauet hätte, als diese Kirche, so hätte er sich schon dadurch den schönsten Ehrentempel seines Namens für alle Zeiten geschaffen. Diese Kirche ist das hervorragendste Beispiel eines auch im Aeußern vollständig durchgeführten Spitzbogenbaues in Mecklenburg und liefert den Beweis, daß auch beim Ziegelbau eine durchgehends durchbrochene Arbeit in den Verzierungen möglich ist. Ausnehmend schön ist die Ornamentik an den Fenstern, sowie an dem mit fünf kleinen Thürmchen versehenen, besonders kunstreichen östlichen Giebel der Kirche.

Sowohl im Äußern, wie im Innern ist die Neubrandenburger Marienkirche mit ihrem wunderbar schönen, majestätisch ansteigendem Thurme, mit den vielen gen Himmel strebenden und nach Oben hinauf weisenden Thürmchen und Spitzen, ein wahrhaftes Musterwerk reinster Gothik, und findet der dem Norden eigenthümliche Rohbau in derselben die schönste Würdigung.

In der That gilt auch die durch Buttel restaurirte Marienkirche bei Sach- und Kunstverständigen, was Reinheit und Vollendung des Baustyls und correcte Bauausführung betrifft, wohl für die bedeutendste und schönste Kirche in ganz Norddeutschland, ist weithin also solche bekannt, und findet man wohl die Ansichten davon als Musterzeichnungen in vielen architektonischen Sammlungen.

Der Fremde ist überrascht, in Mecklenburg-Strelitz solch‘ großartiges Prachtbauwerk anzutreffen; und ragt dieser protestantische Dom aus der schönen landschaftlichen Umgebung Neubrandenburgs, an dem Tollenser See, dem herrlichen Belvedère gegenüber, als das schönste Monument der bauenden Kunst in der Gegenwart auf nordisch alterthümlicher Grundlage, weithin sichtbar, gar herrlich und imposant aus der lieblichen Ebene hervor.

„Mit der Natur steht der Genius im Bunde,
Was die Eine verspricht, leistet der Andere gewiß.“"

Ich fürchte, ich muß wohl einen dritten Teil folgen lassen, da das Ganze doch etwas überdehnt geworden ist. Auch der Enthusiasmus des Herrn Roloff erscheint überdehnt. Sicher, wir haben hier ein Musterbeispiel einer Wiederherstellung, wo man über das bereits bedeutsame Original (besonders gilt dies für den Ostgiebel) hinaus mit einer Neuerfindung dessen Wirkung nicht verfälscht, sondern sogar sinngetreu und kongenial gesteigert hat. Etwas, was heute nicht auch nur denkbar wäre. Aber er hat die Kirche eben nicht komplett neu erbaut, wie man den euphorischen Worten entnehmen könnte, obwohl man es bei ihm selbst vorher anders gelesen hat.

Wobei ich alles Verständnis der Welt habe, wenn jemand sich zu begeistern vermag, ähnliches ist mir bei der Schloßkirche in Neustrelitz zugestoßen, wir kommen später darauf zurück und enden vorerst mit einigen Bildern der Marienkirche.  Das Kurioseste gleich zu Beginn. Es ist von 1818 und von Caspar David Friedrich. Man könne es als Gedächtnisbild für Franz Christian Boll deuten, lese ich, „das Boll und seine Frau Friederike in der Laube des eigenen Gartens zeigt, mit Blick auf die Vision der Marienkirche mit einer gotischen Turmspitze“. Die gab es da bekanntlich noch nicht und die verwirklichte Vision ist eine andere geworden. Und von dem Gemälde existieren auch andere Deutungen, aber diese ist hübsch, also wollen wir sie gelten lassen.

Caspar David Friedrich, Gartenlaube, 1818






nachgetragen am 6. Dezember

Mittwoch, 20. November 2019

Zum Buß- und Bettag

Nicolaikirche in Magdeburg-Neue Neustadt, Westseite

Üblicherweise kommen die Predigten des Herrn Roloff, die ich hier gelegentlich bringe, gut ohne meine Vorbemerkungen aus.

Aber ich muß es einmal sagen: Wenn aus der Religion das Religiöse gewichen und nur ein innerweltlicher Zeitgeist-Moralismus noch übriggeblieben ist, von der Klimakatastrophe bis..., ach, schweigen wir davon und überlassen die Protagonisten ihrem freudlosen selbstgewählten Fegefeuer.

Man fühlt sich gemahnt an eine flackernde Glühbirne. Mal ist Licht und dann wieder nicht. Und man ahnt, gleich wird sie ihren Geist aufgeben. Und dann bleibt bloß noch die Abwesenheit Gottes.

Jedenfalls, und das wollte ich eigentlich lediglich anmerken. Welche Wohltat dann, eine Predigt zu lesen, die so auch vor 100 Jahren hätte gehalten werden können und hoffentlich auch wiederum in 100 Jahre in solcher Weise gehalten werden wird, wo auch immer. Zur Predigt:

Magdeburg, Nicolaikirche, 1952

Predigt zum Buß- und Bettag 2019 

in St. Nicolai, Magdeburg

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext ist die Epistel des heutigen Tages.

Liebe Gemeinde,

erlauben Sie mir zwei kurze Vorbemerkungen, die ich darum für erforderlich halte, weil der Begriff der Buße im Zentrum des heutigen Tages steht, viele Menschen mit ihm aber fast nur noch negative, geradezu Vorstellungen von Demütigung  verbinden. Wenn ich etwas büßen soll, dann steht mir vermeintlich nichts Gutes bevor.

Darum will ich zunächst auf eine Stelle im Nehemiabuch hinweisen, in der es um den Wiederaufbau Jerusalems geht. Luther konnte sie noch wie folgt übersetzen: „Da aber Saneballat und Tobia und die Araber und Ammoniter und Asdoditer hörten, daß die Mauern zu Jerusalem zugemacht wurden und daß sie die Lücken angefangen hatten zu büßen, wurden sie sehr zornig.“

Plötzlich erinnern wir uns, dass Buße mit Wiederaufbau, Erfüllung und Heilung zu tun hat. Die Buße eröffnet einen Weg der Wiederherstellung.

Die zweite Vorbemerkung soll darauf hinweisen, wenn Menschen lange in Unfreiheit waren, sich im Dunkel des Verlieses befanden, es muss nicht immer eine Gefängniszelle sein, es kann auch die Finsternis sein, in die wir uns selbst eingeschlossen haben, dann erschrickt sie plötzliche Freiheit und strahlendes Licht.

Mit diesen Gedanken vor Augen will ich mich unserem Text nähern.

Der Maßstab des göttlichen Gerichts

Röm 2, 1-11

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der da richtet. Denn worin du einen andern richtest, verdammst du dich selbst; sintemal du eben dasselbe tust, was du richtest. 2 Denn wir wissen, daß Gottes Urteil ist recht über die, so solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du richtest die, die solches tun, und tust auch dasselbe, daß du dem Urteil Gottes entrinnen werdest? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet? 5 Du aber nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufest dir selbst den Zorn auf den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 welcher geben wird einem jeglichen nach seinen Werken: 7 Preis und Ehre und unvergängliches Wesen denen, die mit Geduld in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben; 8 aber denen, die da zänkisch sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit, Ungnade, und Zorn; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die da Böses tun, vornehmlich der Juden und auch der Griechen; 10 Preis aber und Ehre und Friede allen denen, die da Gutes tun, vornehmlich den Juden und auch den Griechen.    11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott. Amen.

Rigoros und konsequent entwickelt Paulus seine Überzeugung vom Richten. Die Frage nach der Sünde ruft nach Selbsterkenntnis und nicht nach dem Urteil über andere Menschen. Erkannt werden können in richtiger Weise immer nur die eigenen Sünden. Wer dies tut, der wird schnell gewahr, wie sehr er sich selbst verdammen würde, wenn er sich anmaßte einen anderen zu richten. Nichts verbindet uns Menschen untereinander fester als die Sündhaftigkeit unseres Wesens. Diese Erkenntnis sollte darum in uns zunächst und vor allem Barmherzigkeit gegenüber unseren Mitmenschen entzünden.

Unwillkürlich erscheinen vor meinem inneren Auge Pharisäer und Zöllner, von deren Tempelgang Jesus erzählt.

Der Pharisäer resümiert seine guten Werke und dankt Gott dafür, nicht so zu sein, wie der sündige Zöllner. Der Zöllner bekennt seine Unwürdigkeit und geht gerechtfertigt von dannen.

Der tiefere Sinn des Bußtages liegt nun genau darin, dass wir begreifen sollen, wie wenig wir vom tieferen Sinn der Buße verstanden haben, wenn wir uns nur auf die Seite des Zöllners stellen und nun dafür danken, keine Pharisäer zu sein. Dann erheben wir uns nämlich auch nur auf eine fromme Höhe, von der aus es so angenehm ist, sich wohlgefällig zu beschauen.

Festgottesdienst am 28.3. 1954 zur In-Dienst-Nahme der wiederhergestellten St. Nicolai-Kirche, hier gefunden

Wer die uns durch Paulus im Römerbrief vorgelegten Zusammenhänge ganz erfassen will, der muss sich an Paulus als den Juden und Pharisäer erinnern, der er ganz und gar gewesen ist, ehe es ihn vor Damaskus vom Pferd gerissen hat.

Paulus kennt die ganze religiöse Selbstgerechtigkeit, die daraus erwächst, dass der Anblick fremder Sünde uns stets dazu verleitet, das Richteramt einzunehmen. Gottes Gericht über die anderen ist immer so gerecht. Mit großem Eifer hat Saulus noch selbst daran mitgewirkt, dieses zu vollstrecken. Wenn er nun schreibt, „Das Urteil, das du gegen den anderen aussprichst, verdammt dich selbst“, dann hätte er auch schreiben können, ich war selbst ein Verdammter.

Verdammt zu sein, das heißt in Aussichtslosigkeit zu leben. Auf diese Verbindung kommt es dem Apostel an. Aus dieser Verbindung heraus entwickelt Paulus seine Auffassung von der Funktion des Gesetzes.

Im Gesetz dokumentiert sich einerseits der Wille Gottes, der Welt eine gute Ordnung zu geben. Für den Menschen unter dem Gesetz hat aber genau das andererseits zur Folge, dass er gewahr wird, dieser Ordnung nicht gerecht zu werden. Gleichzeitig bleibt seine einzige Heilshoffnung die Erfüllung des Gesetzes. Das Erleben eigener Sündhaftigkeit, eigenen Versagens treibt ihn in die Unaufrichtigkeit, Unwahrhaftigkeit und in die Lüge.

Erinnern wir uns an den ersten Rechtsfall der Menschheitsgeschichte, der aufzuklären war. Gott hatte dem Garten Eden eine gute Ordnung gegeben. Nur vom Baum der Erkenntnis zu essen war den Menschen verboten. Es hätte ein herrliches Leben sein können, wenn nicht die Versuchung, das Gebot zu durchbrechen, zu groß gewesen wäre.

Magdeburg, St. Nicolai

Gott tritt selbst als Ermittler in der Sache auf und befragt die Verdächtigen.  Adam greift zu der seitdem bewährten Ausflucht: Das Weib ist schuld. Das Weib wiederum legt dar, die Schlange hätte sie betrogen.

Wenn die Heilshoffnung ihren Grund ausschließlich in der Erfüllung des Gesetzes hat, dann führt das den Menschen in die Aussichtslosigkeit. Er kann nach dem Fall nur noch leugnen, andere beschuldigen oder sich verbergen. Ungeschehen machen kann er es nicht.

Der Unterschied zwischen Sündern und Gerechten, wenn wir uns anmaßen, ihn zu machen, bleibt nichts als selbstgerechte, fromme Heuchelei. Wer wüsste das besser als Paulus? Diese Unterscheidung ist unaufrichtig und treibt gerade darum die Menschen auseinander. Je stärker man um Selbstheiligung bemüht ist, desto mehr muss man sich von den Verworfenen abgrenzen und ihre Verworfenheit sogar noch herausstellen.

Paulus aber bricht nun der Wahrheit Bahn und führt dadurch den Sünder aus der Lüge heraus zum Geständnis, dass er gesündigt hat. Er kann dies tun, weil er der Gnade begegnet ist, die im Evangelium ausgegossen wurde.

Erst durch die in Christus erschienene Güte Gottes gibt es eine tatsächliche Möglichkeit zur Buße.

Buße bedeutet aber gerade nicht, die Ordnung Gottes aufzulösen und vergessen zu machen.

Wenn wir nämlich die Güte Gottes als Erlaubnis zur Sünde deuten und bei der Geduld und Langmut Gottes Ermunterung und Schutz für unsere Bosheit suchen, so verwandelt sich unser Vertrauen auf Gottes Güte in ihre Verachtung.

Magdeburg, St. Nicolai 

Der Glaube an die Gnade Gottes eröffnet erst eigentlich den Weg zum Tun des Guten, denn erst im Glauben kann der Mensch Gutes tun, ohne eigennützige Ziele zu verfolgen. Der Glaube an die Gnade Gottes befreit recht eigentlich zum guten Werk. Der glaubende Mensch hört eben auch ganz auf, mit seinem Tun Gott etwas geben zu wollen. Unser gutes Werk besteht nur noch darin, dass wir Anteil nehmen am Werk Gottes.

Der Glaubende begehrt das gute Werk mit ganzem Herzen. Aber er sucht es nicht bei sich selbst, sondern sucht und findet es bei Gott, und das erste und wichtigste, was er hierzu bedarf und bekommt, ist, dass er im Anblick der göttlichen Gnade Gott glauben lernt.

So war denn auch die Verkündigung der göttlichen Gnade durch unseren Herrn wie das gleißende Licht, das denjenigen erschrickt, der im Dunkeln gesessen hat. Die ganze Vergeblichkeit der nur behaupteten Gesetzestreue, die verlogene Anstrengung der Selbstheiligung und das ewige Richten der Sünder, nur damit man sich von ihnen unterscheidet, waren im wahrsten Sinne bloß gestellt.

Sie hatten den Menschen versklavt und nur immer weiter von Gott entfernt, und Gottesferne ist das Wesen der Sünde.

Buße ist nichts anderes als das unbedingte und nicht zu erschütternde Vertrauen in die Gnade Gottes, durch die wir frei werden, ihm und einander im Guten zu dienen.

Damit treten wir auch fest jenen entgegen, die behaupten, Gott habe den Glauben an die Stelle der guten Werke gesetzt, gleichsam als bequemeren Weg zum Heil. Dieses Missverständnis gründet in der Annahme, der Glaube würde das Gesetz und die Gebote überwinden – er erfüllt sie aber.

So lesen wir auch schon in den Sprüchen Salomos: Wer sein Ohr abwendet, das Gesetz zu hören, dessen Gebet ist ein Greuel. (Spr 28, 9)

Antiquities of the Orient unveiled, 
Solomon, King of Israel, 1875, hier gefunden

Überhaupt gibt es natürlich auch schon im Alten Testament eine Hoffnung, die Gnade in der vertieften Gotteserkenntnis sucht. Im Buche der Weisheit Salomo heißt es: „Und wenn wir gleich sündigen, sind wir doch dein, und kennen deine Macht. Denn dich kennen ist eine vollkommene Gerechtigkeit; und deine Macht wissen, ist eine Wurzel des ewigen Lebens.“ (Weisheit 15, 2/3)

Die Gotteserkenntnis der Weisheit ahnt und fiebert geradezu schon herbei, was mit Christus Wirklichkeit geworden ist. Gott wurde Mensch und unser Bruder. In ihm sind Gnade und Wahrheit geworden.

Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet?

So sei nun fleißig und tue Buße!

Das bedeutet - ändere deinen Sinn, ändere die Richtung, in die du gehst. Dieser Prozess aber beginnt immer dort am wirkungsvollsten, wo wir Menschen uns schlicht der Wahrheit stellen – auch und besonders der Wahrheit unseres Wesens.

Wir müssen erkennen, dass wir verführbar sind, dass wir eitel sind und Menschen brauchen, die uns die Wahrheit sagen. Wir sollen uns zu Gott hin wenden und seine Hilfe erwarten und uns nicht durch die falschen Propheten verführen lassen, die uns stets glauben machen wollen, wir könnten uns selbst retten.

Und darum ist Buße für uns Christen ein Tor zur Befreiung. Der Bußtag ist ein Fest der Freiheit.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Amen

Thomas Roloff 

Weltliche Schatzkammer Wien, Reichskrone, 
König Salomon (Rex Salomon), hier gefunden