Sonntag, 30. Mai 2010

Trinitatis


Andrei Rubljow, "Heilige Dreieinigkeit"
hier gefunden

„Erstlich wird einträchtiglich gelehrt und gehalten, laut des Beschlusses concilii Nicaeni Konzils, daß ein einig göttlich Wesen sei, welches genannt wird und wahrhaftiglich ist Gott, und sind doch drei Personen in demselbigen einigen göttlichen Wesen, gleich gewaltig, gleich ewig, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiger Geist, alle drei Ein göttlich Wesen , ewig, ohne Stück, ohne End, unermeßlicher Macht, Weisheit und Güte, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Und wird durch das Wort Persona verstanden nicht ein Stück, nicht eine Eigenschaft in einem anderen, sondern das selbst bestehet, wie denn die Väter in dieser Sache dies Wort gebraucht haben. Derhalben werden verworfen alle Ketzereien, so diesem Artikel zuwider sind, als Manichäi, die zween Götter gesetzt haben, einen bösen und einen guten. Item Valentiniani, Ariani, Eunomiani, Mahometisten und alle dergleichen, auch Samosateni, alte und neue, so nur Eine Person setzen und von diesen zweien, Wort und heiligem Geist, Sophisterei machen und sagen, daß es nicht müssen unterschiedene Personen sein, sondern Wort bedeute leiblich Wort oder Stimme, und der heilige Geist sei erschaffene Regung in Kreaturen.“

Dies sagt die Confessio Augustana von 1530, eine der evangelischen Bekenntnisschriften, über die Trinität, nämlich in ihrem 1. Artikel - „Von Gott“. Ich habe das vor zwei Jahren schon einmal zitiert. Heute ist das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, der Trinität. Es ist oft kurios, worin Dinge ihren Ursprung haben, denn dieses Fest wurde gestiftet von „Jakob von Cahors“, wie Kaiser Ludwig IV. der Bayer Johannes XXII., diese in gewissem Sinne tüchtige Kreatur der Anjous genannt hat. Aber verlassen wir schnell wieder die Untiefen der Kirchengeschichte.

Die Trinität gehört zu den Glaubenswahrheiten, die dem menschlichen Geist einiges abverlangen, was zeigt, daß der christliche Glaube nichts für geistig Anspruchslose ist. Bei einem katholischen Blogger, den ich sehr schätze, fand ich heute folgendes dazu (ich übersetze grob aus dem Englischen):

„Gott existiert in Beziehung, Gott ist Beziehung oder wie (der Apostel) Johannes sagt: ‚Gott ist Liebe‘, kein unnahbares, gleichgültiges und entferntes Etwas. Und wir als Gottes Ebenbild, sind geschaffen, um in einer liebenden Beziehung zueinander und zu Gott zu existieren. Und so wie Gottes Liebe und Weisheit fortdauernd schöpferisch ist, sollte auch unsere Liebe schöpferisch sein.“

„… mit anderen Worten, Gott ermutigt uns nicht nur, die Beziehung zu anderen Menschen zu suchen, sondern auch zu ihm, sein Leben zu teilen, was bedeutet, teilzuhaben an seiner ewigen Freude. Also ist die Lehre von der Trinität nicht so sehr eine theologische Abstraktion, so wie alles Reden über Gott nur wenig von seiner Wirklichkeit wiedergeben kann, es ist genauso eine praktische Erinnerung daran, wie wir als sein Ebenbild leben sollen, und ein Versprechen des erfüllten und vollständigen Lebens in und mit Gott.“

Er gab dann noch eine Predigtempfehlung ab, der mich vollständig anschließe, nur daß ich diesmal keine Übersetzung mitliefern werde: “God in Three Persons; Blessed Trinity”.

Freitag, 28. Mai 2010

Mittwoch, 26. Mai 2010

Fin

translated

Rock of Cashel, Ireland
hier gefunden

"Anfangs lieben Kinder ihre Eltern; wenn sie älter werden, halten sie Gericht über sie; manchmal verzeihen sie ihnen."
Das Bildnis des Dorian Gray, Kap. 5

„[Auf dem Lande] steht man so früh auf, weil man so viel zu tun hat, und legt sich so früh zu Bett, weil man so wenig zu denken hat."
Dorian Gray, Kap. 15

"Das ist eines der Geheimnisse des Lebens: Die Seele mit den Mitteln der Sinne und die Sinne mit den Mitteln der Seele zu heilen."
Dorian Gray, Kap. 2

"Das wirkliche Leben war Chaos, aber es lag eine schreckliche Logik in der Phantasie."
Dorian Gray, Kap. 18

"Wir [Engländer] haben nahezu alles mit Amerika gemeinsam, außer natürlich die Sprache."
Das Gespenst von Canterville, Kap. 1

"Die Götter sind seltsam, sie bestrafen uns für das, was gut und menschlich in uns ist, genau so wie für das, was schlecht und böse ist."
De Profundis

„Wir leben im Zeitalter der Überarbeiteten und Untergebildeten: dem Zeitalter, in dem die Menschen so betriebsam sind, dass sie völlig verdummen."
Der Kritiker als Künstler, Szene 2

"Die Gesellschaft verzeiht oft den Verbrechern. Sie verzeiht nie den Träumern."
Der Kritiker als Künstler

"Manchmal bin ich so geistreich, dass ich nicht ein einziges Wort von dem verstehe, was ich sage."
Die bedeutende Rakete

"Wir sind unser eigener Teufel und machen uns diese Welt zur Hölle."
Die Herzogin von Padua, 5. Akt

"Wir liegen alle in der Gosse, aber einige von uns betrachten die Sterne."
Lady Windermeres Fächer, 3. Akt

Sämtliche Zitate von Oscar Wilde

Als ich mit diesem Blog begann, vor nicht ganz 3 Jahren, hatte ich wie alle zuvor eine Profilseite bei Blogger anzulegen (ich habe daran ewig nichts geändert) – ich muß hier nicht großartig erklären, was man dort üblicherweise einträgt, so man denn will, E-Mail-Adresse, Lieblingsmusik, Lieblingsliteratur…, irgendwann hatte ich dort Oscar Wilde eingetragen und entdeckt, daß man über diese Stichworte andere Blogger mit gleichen Vorlieben finden konnte, wenn man das denn wollte.

Ich habe das nur zu Beginn kurz versucht und fand damals also den Blog von Derik, da er Wilde ebenso schätzte. Ein hochempfindsamer, musikalischer und erkennbar gebildeter junger Mann aus South Dakota, der den Ort, an dem er lebte, offensichtlich so haßte, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ich habe hinreichend oft erwähnt, wie unzureichend mein Englisch ist, aber daß er seine Frustration ausgesprochen anspruchsvoll beschreiben konnte, das wurde selbst mir deutlich. Es gab Probleme mit Drogen, mit seinen Eltern, er brach seinen Bildungsweg ab, man mußte erkennen, daß er in diesem Strudel unterzugehen drohte.

Es war oft anstrengend ihn zu lesen, komplex, verstiegen bis zur Verschrobenheit, aber ich bin immer wieder zu ihm zurückgekehrt. Zuletzt hatte ich endlich den Eindruck, er hätte wieder Boden unter den Füßen, nur wurden dabei seine Texte so einfach, daß selbst ich sie verstehen konnte.

Bei meinem letzten Besuch gestern las ich dies:

"Fin

This is my final post. I am a little anxious that I will miss my heart, but I will gladly take a moment of discomfort over a lifetime of misery.

There will be no more at a later time. I hope that I am worth more dead than alive."

Verstört fragte ich jemanden per Mail, was das bedeuten solle und sein Freund antwortete mir, Derik hätte sich unmittelbar nach diesem Post das Leben genommen.

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“Children begin by loving their parents; as they grow older they judge them; sometimes they forgive them.”

“They get up early [on the country], because they have so much to do, and go to bed early, because they have so little to think about.”

“That is one of the great secrets of life – to cure the soul by means of the senses, and the senses by means of the soul.”

“Actual life was chaos, but there was something terribly logical in the imagination.”

The Picture of Dorian Gray

„We have really everything in common with America nowadays, except, of course, language.”

The Canterville Ghost

“The gods are strange, and punish us for what is good and humane in us as much as for what is evil and perverse.”
De Profundis

“We live in the age of the overworked, and the under-educated; the age in which people are so industrious that they become absolutely stupid.”

„Society often forgives the criminal; it never forgives the dreamer.”

The Critic As Artist

“I am so clever that sometimes I don't understand a single word of what I am saying.”

The Remarkable Rocket

“We are each our own devil, and we make this world our hell.”

The Duchess of Padua

“We are all in the gutter, but some of us are looking at the stars.”

Lady Windermere's Fan

All quotes by Oscar Wilde

When I started this blog, still not quite three years ago, I had like all before to create a profile page at Blogger (I haven’t wrote something there for a long time) – There is no need to explain here, what is to enter there usually; if one wants, an e-mail address, favorite music, favorite literature ... at some point I mentioned Oscar Wilde and discovered one could find with these keywords other bloggers with similar preferences, if you wanted to.

I have tried this only for a short time at the beginning and so I found the blog of Derik “Ordinarily uninteresting”, because he appreciated Wilde as well. A highly sensitive, musical and recognizable well educated young man from South Dakota, who obviously hated the place where he lived to an extent, I had never experienced before. I have mentioned often enough how inadequate my English is, but that he could describe his frustration very sophisticated, this was even clear to me. There were problems with drugs, his parents, he broke off his education path, so one had to recognize that he threatened to sink into a maelstrom.

It was often exhausting to read him, complex, overstrung to eccentricity, but I'm always returned to him. Finally I had the impression that he would have found again ground under his feet, as a side effect his writing became a bit simpler so that even I could understand it.

On my last visit yesterday, I read this:

“Fin

This is my final post. I am a little anxious that I will miss my heart, but I will gladly take a moment of discomfort over a lifetime of misery.

There will be no more at a later time. I hope that I am worth more dead than alive.”

Bewildered I asked someone via email, what was meant, and his friend replied, Derik would have been taken immediately after this post his life.

Dienstag, 25. Mai 2010

Etwas Barock

Paul Fleming

An sich


Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
weich keinem Glücke nicht, steh' höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht' es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt Alles für erkoren,
nimm dein Verhängnis an, lass' Alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh' man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an,
dies Alles ist in dir. Lass deinen eiteln Wahn,

und eh' du förder gehst, so geh' in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und Alles untertan.

Das obige Gedicht von Paul Fleming soll dafür stehen, daß ich heute an einer literarischen Veranstaltung partizipiert hatte, die sich der Literatur des Barock widmete. Nur soviel, es freut mich natürlich zu beobachten, wenn auch andere ihre Sympathien für diese Zeit entwickeln, und wenn ich dabei ein wenig helfen kann…, wie auch immer.

Vielleicht aber eine kleine Episode am Rande. Von der Innenstadt, wo dieses stattfand, am See entlang hierher ist der Weg nicht so weit, als daß man ihn nicht ohne größere Umstände mit dem Fahrrad in Angriff nehmen könnte. Das letzte Stück muß man dabei den Rand des Waldes durchqueren, der diesem Haus gegenüber liegt. Nach der Veranstaltung ergaben sich noch einige angenehme Gespräche, wie es meist der Fall ist, jedenfalls dürfte es nach 11 Uhr gewesen sein, als vor mir im Schein der Vorderlichts etwas Braungelbes vom Aussehen eines größeren Hundes quer über den Weg schoß, ich fuhr nicht unbedingt langsam und war Sekunden später daran vorbei, wobei ich in dem Moment rechts neben mir ein wütendes Grunzen hörte. Ich war geradewegs durch eine Horde Wildschweine gefahren.

Montag, 24. Mai 2010

Pfingstmontag



"Der größte Irrtum von der Renaissance bis auf unsere Tage war, daß man mit Descartes glaubte, wir lebten von unserem Bewußtsein, von jenem kleinen Teil unseres Wesens, den wir deutlich sehen und in dem unser Wille wirkt. Die Behauptung, daß der Mensch vernünftig und frei sei, scheint mir, so ausgesprochen, einem Irrtum recht nahe zu kommen. Denn wir besitzen wohl Vernunft und Freiheit; aber beide Vermögen bilden nur eine dünne Haut über dem Volum unseres Wesens, dessen Inneres weder vernünftig noch frei ist. Die Ideen sogar, aus denen unsere Vernunft sich aufbaut, kommen uns fertig und bereit aus einem ungeheuren dunklen Grund, der unter unserem Bewußtsein liegt. Ebenso erscheinen die Wünsche auf der Bühne unseres klaren Geistes wie Schauspieler, die schon kostümiert und ihre Rolle hersagend aus der geheimnisvollen Dämmerung der Kulissen treten… In Wahrheit bewegt uns, abgesehen von jenem oberflächlichen Eingreifen unseres Willens, ein irrationales Leben, das in unser Bewußtsein mündet und der verborgenen Höhle, dem unsichtbaren Grunde entstammt, der wir eigentlich sind.“
José Ortega y Gasset, „Betrachtungen über die Liebe“



Sonntag, 23. Mai 2010

Pfingsten



Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.

Es waren aber Juden zu Jerusalem wohnend, die waren gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist. Da nun diese Stimme geschah, kam die Menge zusammen und wurden bestürzt; denn es hörte ein jeglicher, daß sie mit seiner Sprache redeten. Sie entsetzten sich aber alle, verwunderten sich und sprachen untereinander: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?

Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind? Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien und in Judäa und Kappadozien, Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und an den Enden von Lybien bei Kyrene und Ausländer von Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie mit unsern Zungen die großen Taten Gottes reden.

Sie entsetzten sich aber alle und wurden irre und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Die andern aber hatten's ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins. Da trat Petrus auf mit den Elfen, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr zu Jerusalem wohnet, das sei euch kundgetan, und lasset meine Worte zu euren Ohren eingehen.

Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet, sintemal es ist die dritte Stunde am Tage; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist:
"Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben …“. (1-17)

„Und soll geschehen, wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll selig werden." Ihr Männer von Israel, höret diese Worte: Jesum von Nazareth, den Mann, von Gott unter euch mit Taten und Wundern und Zeichen erwiesen, welche Gott durch ihn tat unter euch (wie denn auch ihr selbst wisset), denselben (nachdem er aus bedachtem Rat und Vorsehung Gottes übergeben war) habt ihr genommen durch die Hände der Ungerechten und ihn angeheftet und erwürgt.(21-23)

Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen. Nun er durch die Rechte Gottes erhöht ist und empfangen hat die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater, hat er ausgegossen dies, das ihr sehet und höret. (32f.)

So wisse nun das ganze Haus Israel gewiß, daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christus gemacht hat. Da sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und fragten Petrus und die andern Apostel: Ihr Männer, was sollen wir tun? Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. (36-38)

Apostelgeschichte, Kapitel 2, 1-17, 21-23, 32f., 36-38



Keine Sorge, nach diesem Text soll keine langatmige Predigt folgen, zumal ich mit dem Heiligen Geist seit jeher meine Schwierigkeiten hatte. Er ist von den Personen der Trinität die am schwersten greifbare und hat etwas seltsam Vages. Aber genau das ist wohl sein Wesen, er ist der Beistand und die Zuwendung Gottes in einer überraschenden und irritierenden Weise. Der Mensch spürt die Anwesenheit Gottes und weiß nicht, ob er erschrocken ist oder erfreut oder besser alles zur Illusion erklären soll.

Der moderne Mensch empfindet bei Geschichten wie der obigen vermutlich eher Unbehagen, obwohl das nur mit Einschränkungen gilt. Es gibt den Typus der sogenannten „Pfingstkirchen“, Sekten, die sich gerade dem Wirken des Heiligen Geistes zu öffnen meinen und momentan geradezu rasant wachsen, so in Südamerika.

Aber, um auf etwas anderes zu kommen, an Geschichten wie der obigen sieht man geradezu, wie das Christentum entstand. Mich amüsiert an moderner Bibelkritik immer ein wenig, daß sie etwas von dem Münchhausen hat, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Man erkennt in den Evangelien noch sehr deutlich, daß die Anhänger Jesu nach dessen Kreuzigung völlig verstört waren, sie liefen buchstäblich auseinander, selbst auf seine ersten Erscheinungen nach der Auferstehung reagierten sie eher skeptisch, bis sie dann auf einmal völlig überwältigt waren und von Ereignissen wie dem obigen berichten.

Es ist psychologisch wenig glaubhaft, daß nach tiefster Depression schlagartig fromme Legendenbildung einsetzte, die derartige Wirkungen entfaltete. Nein es muß damals schon etwas geschehen sein, was, wissen wir nicht ganz genau, und die theologische Wissenschaft mag die einzelnen Überlieferungen da auseinanderpflücken, aber im Grunde ist das wie das Stochern in der leeren Puppe, wo der Schmetterling vor den Augen herumflattert, den man vor lauter Rationalismus nicht erkennt.

Es gibt ein amüsantes Moment in der obigen Geschichte: Auf den spöttischen Einwand, die Akteure seien betrunken, gibt es nicht etwa allgemeine moralische Entrüstung, sondern den linkischen Einwand, es sei doch erst früh am Vormittag, hübsch. Wir kennen das Prinzip der „Unerfindlichkeit“, wenn Elemente einer Erzählung so untypisch sind, daß sie stark für deren Echtheit bürgen. Es spricht einiges dafür, daß dieses Pfingstereignis, vielleicht nicht mit all diesen wohlgeordneten Reden, stattgefunden hat.

Aber auch die Bibel ist ja letztlich nur der Versuch des Menschen, das Handeln Gottes in Worte zu fassen, das zu beschreiben, was diese Worte immer übersteigen muß. Daß sich eine Überlieferung mit einer anderen nicht ganz zur Deckung bringen läßt z.B., ist daher keine wirkliche Katastrophe, es sei denn man bestreitet, daß es überhaupt Schmetterlinge gibt

Mir schrieb kürzlich jemand eine sehr ergreifende Beschreibung der Symptome der Sucht. Neben dem Drang nach Drogen, Selbstzentriertheit, Selbstsucht, Leiden, Selbstverurteilung und Verurteilung anderer, sei die Zeit angefüllt mit Sorgen und dem Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Aber ebenso klar seien die Symptome eines spirituellen Erwachens daraus, Anzeichen für spontanes Denken und Handeln, ein Verlust des Interesses, die Handlungen anderer ständig zu beurteilen und zu interpretieren, eine unverwechselbare Fähigkeit, jeden Moment zu genießen, häufige Anfälle von Lächeln.

Dieses spirituelle Erwachen sei ansteckend. Das Beste sei daher, solchen Menschen nahe zu kommen. Wir würden dann auf überwältigende Anlässe der Dankbarkeit stoßen, wir könnten die Zuneigung anderer erkennen und bekämen einen unkontrollierbaren Drang, diese Liebe zu erwidern. Dann würden wir erkennen, daß auch wir ein spirituelles Erwachen hatten. Sein stärkster Wunsch sei es, dieses spirituelle Erwachen zu haben. Er werde auf die Symptome achten und sich freuen, wenn er sie entdecke.

Wenn ich es richtig beobachte und sehe, hat er die erste Phase hinter sich und steht am Beginn der zweiten. Das ist glaube ich der beste Weg, über den Heiligen Geist zu sprechen, seine Natur mag sich eher entziehen, aber an seinen Wirkungen spüren wir ihn.

Samstag, 22. Mai 2010

Freitag, 21. Mai 2010

golgatamaschine


(c) Reinhard Graefe

Dies ist ein Gemälde von Reinhard Graefe. Es ist das zweite, das ich hier vorstelle, beim ersten Mal habe ich eines seiner Werke eher als Illustration zu einem Beitrag über den 8. Mai mißbraucht, was für ihn Anlaß war, mir dieses Bild zuzuschicken mit der Bemerkung: „schicke dir ein bild zum thema schuld, der titel ist ‚die golgatamaschine‘“. Als nähere Angaben kann ich nur nachliefern: 170 x 120 cm, Öl auf Leinwand. Ich wollte ihn eigentlich heute bei einer Ausstellungseröffnung treffen, was aber leider nicht zustandekam. So will ich wenigstens als gewissen moralischen Ausgleich dieses Bild präsentieren, bei dem ich offen gestanden eine Menge Fragen hätte, abgesehen davon, daß ich es als Kunstwerk schätze.

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golgata machine

(my usual bad translation)

This is a painting by Reinhard Graefe (a local artist). It is the second work I present here; the first time I rather abused one of his works to illustrate some thoughts about the 8th May (not mine), for him a reason to send me this picture with the comment: "sending you a picture about guilt, which is entitled ‘golgata machine’". As further details I can only deliver: 170 x 120 cm, oil on canvas. Actually I wanted to meet him today at an exhibition opening, but unfortunately it doesn’t work. I will at least present as a certain moral satisfaction this picture, which I have about frankly said a lot of questions, apart from that I’m convinced it is a piece of art.

Donnerstag, 20. Mai 2010

Über die Farbe Rosa



Woher kommt es, daß wir die Farbe Rosa als so zweifelhaft ansehen, wo sie in der Natur derart eindrucksvoll auftaucht, als ein Beginn, die Verheißung von Leben; das Leben ist rot wie Blut, also ist Rosa nur eine Ahnung davon und der unschuldige Anfang, die Tröstung, die in allen noch nicht begangenen Irrtümern liegt.



Es ist überraschend, wie sehr man selbst gewinnt, wenn man jemanden schätzt und mag. Ich kämpfe noch etwas mit ein paar Bemerkungen, die diesen vorangehen sollten, und darum nur soviel: Was für eine alberne Vorstellung, man könne sich mit einem anderen Medium eine abgetrennte Existenz schaffen, wir sprechen von diesem Medium, aber erneut, diese meine Gedanken gehören in den vorigen noch ungeschriebenen Beitrag und ich merke gerade, daß dieses Wort „albern“ ungewollt verletzen muß, also besser „trügerisch“.

Ich habe hier Anlässe großen seelischen Gewinns erfahren, empfangen und empfunden. Empfunden etwa, wo ein Mensch, den ich immer noch nicht näher kenne, aber herzerwärmend wertschätze schreibt, warum er die Farbe Gelb verabscheut.



Und auch geradezu märchenhaft empfangen: „Tulips – more than two lips“ lese ich vor ein paar Minuten, bevor sie vergehen, die Tulpen (ich habe genug mit Tulpenbildern gequält, aber leider sind diese (vielleicht noch) nicht auf der Website desjenigen zu finden, der sie schuf).

Und das ist ein Stichwort, an dem ich nicht vorbeigehen kann, ich kenne jemanden, der in Argentinien lebt und Tulpen sehr mag, in einer Existenz, die so aussichtslos erscheint, daß es mir wirklich auf der Seele liegt, weil genau er sich als ein Seelenverwandter erwies, einer, der mir seine alltägliche Existenz gnadenlos vorzeigte. Dabei sind wir nur durch unsere Vorliebe für barocke Musik aneinandergeraten. Es wäre schön, wenn die "frommen" unter meinen Lesern für einen jungen Mann namens „Crindoro“ beten würden. Danke.



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About the colour pink

(a terrible translation)

Why is it that we think of the color pink to be so doubtful, because it occurs in nature so impressive, as a beginning, the promise of life, life is as true as blood is red, so pink is only an idea and the innocent beginning, the consolation which lies in all not happen errors.

It is surprising how much one wins for himself with appreciating someone. I still struggle a bit with a few remarks which should precede this, therefore only: What a silly idea that one could create in another medium a separate existence, we’re speaking of this medium, but again, these are my thoughts in the previous post, still unwritten, and I realize now that this word must be hurt silly unintentionally, so it is better to say "deceptive".

My Soul has experienced great profit here, received and perceived. Felt e.g., where a person I still really don’t know that close, but every time I look at his pictures and thoughts it warms my heart, wrote, why he hates the color yellow.

And almost magically received: "Tulips - more than two lips" (before they disappear), just read this a couple of minutes ago about the tulips from a friend (I tortured enough with tulips pictures myself):

And this is a subject which cannot pass me, I know someone who lives in Argentina who likes tulips a lot, in an existence that seems so futile, it burdens my soul when I’ think about it, he proved to be a soul mate, one who shows off his everyday existence to me without mercy (to himself). We've met in the beginning only by our passion for Baroque music. It would be kind if my fellow Christian readers therefore would pray for a young man named "Crindoro”. Thank you.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Post von einem englischen Freund

Roughly translated


Ich bin sehr spät. Genauer gesagt, verspätet seit dem 19. Mai diesen Jahres. Ein englischer Freund schickte mir den Ausdruck des obigen Photos von einem Strandspaziergang, das mir gefallen hatte, und das er mir deshalb netterweise zusandte, altmodisch per Post (ich hatte zuerst gar nicht verstanden, daß er es wirklich für mich ausdrucken und dann zusenden wollte). Bei der Aufnahme ist er wohl fast ins Wasser gefallen. Die Abbildung oben ist an dem Tag entstanden. Warum ich erst heute darüber schreibe, das ist schwer zu sagen. Wie auch immer.

Zunächst sei vorangestellt, ich schreibe über jemanden, den ich aufrichtig mag und von dem ich mir sicher bin, daß er mich nie grundlos vergessen würde. Das ist weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Er ist von Natur ein sehr freundlicher Mensch, da bin ich mir inzwischen sehr sicher. „Torchy“ teilt sein Leben in 2 Teile, eine Internet-Persönlichkeit und ein zweite „reale“ Person, und er bemüht sich stark, beides sehr genau auseinanderzuhalten, auch wenn natürlich viel von seinem anderen Leben mit der Zeit durchschien. Es ist schwer zu sagen, in welcher er mehr zu Hause ist, wahrscheinlich ist er nur mit beiden vollständig. Ich respektiere seinen Wunsch, sein „reales“ Leben privat zu halten, und will daher nur sagen, daß er von Beruf Programmierer ist, in einer Kleinstadt in der Nähe von London lebt und dort ein offenkundig eher traditionelles Leben führt.

Das Internet ist ein seltsamer Ort, und manchmal hilft es Menschen, das Leben zu führen, das ihnen ansonsten verwehrt bliebe. Man könnte mutmaßen, daß das Internet oft eine Art Fluchtort ist, weil man mit dem anderen Teil nicht ganz zufrieden ist oder sich dort unvollständig fühlt, aber das wäre zuviel der Spekulation.

Was ich von ihm weiß, ist ein Puzzle aus Twitter-Kommentaren, Blogbeiträgen und einigen Mails. Ich habe daher insgesamt ein recht präzises Bild, aber ich bezweifle, daß er gesteigerten Wert darauf legt, daß ich das hier ausbreite, das ist einer der Gründe, warum ich durchaus unsicher bin, während ich dies schreibe und auch der Hauptgrund, warum dieser Beitrag so spät kommt.

Wer ihn ihm in der Realität begegnet, wird ihn wahrscheinlich für einen stillen, zurückhaltenden, fast schüchternen Menschen halten, wer ihn anspricht, die Antwort in einer auf sehr kultivierte Art angenehmen Stimme hören, undenkbar, daß dieser Mensch einen sehr expliziten Blog schreiben könnte, verehrt von jüngeren Bloggern, geistreich auf eine oft sehr drastisch humorvolle Weise, fürsorglich, mit einem feinen Gerechtigkeitssinn, ein sehr melancholischer Mensch von ausgedehntem Musikgeschmack.

Ich verlinke einmal zu seinem Twitter-Profil, das ist noch am Unverfänglichsten. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihn gefunden habe, zumal er eine Leitfigur einer „community“ ist, der ich nur sehr bedingt angehöre, aber das muß hier nicht weiter ausgeführt werden. Warum dieser Post, nun ich wollte etwas Dankbarkeit loswerden, also danke Torchy! Danke für vieles und insbesondere dafür, daß ich jetzt etwas Reales von dir als Erinnerung besitze.



I am very late. More precisely, in this matter I’m late since the 19th of May (this year). An English friend sent me a printout of the above photograph from a beach walk, which I liked and he was so kind to forward it to me, per old-fashioned mail (at first I didn’t understand he really wanted to print it and then send it to me) . While taking the photo he was probably almost fallen into the water. The image above was created on the day when I received it. Why do I write about it only now? That's hard to say. Whatever.

First I have to state, I write about someone I genuinely like and on which I am sure he would never forget me for no reason. This is far away from any matter of course. He is by nature a very friendly person; I am very convinced about this. "Torchy" divides his life into two parts, an Internet personality, and a second "real" person, and he is firmly committed to distinguish both very carefully, although clearly you could recognize much of his other life over time. It is hard to say, in which he is more at home, probably he is complete only with both. I respect his desire to keep his "real" life private, and will therefore only say that he is a professional programmer from a small town near London and is living there an apparently more traditional life.

The Internet is a strange place, and sometimes it helps people to get the life that would otherwise be denied them. One could surmise that the Internet is often a kind of refuge, because you are not completely satisfied with the other part or feel incomplete there, but that would be too much of speculation.

What I know about him is a puzzle of Twitter comments, blog posts and some mail. I have therefore overall a fairly clear picture about him, but I doubt he would enjoy it if I would present this here, this is one of the reasons why I am quite unsure as I write this, and also the main reason why this post so late in coming.

Those who met him in real life will probably see a quiet, reserved, almost shy man in his thirties, who speak to him will hear the answer in a very educated pleasant voice, unthinkable that this man could write a very explicit blog, revered by younger bloggers, witty in a often very dramatically humorous way, caring, with a fine sense of justice, a very melancholy man of spaciously music taste and a good eye for the beautiful and interesting things in this world.

Best thing will be I link to his Twitter profile, which is harmless. I have no idea how I exactly found him, especially since he’s a leading figure of a community I belong to only at a very limited extent, but we don’t have to explain this here. Why this post, well I wanted to show a little gratitude, so thanks Torchy! Thank you for many things, and in particular that I now possess something real from you as a reminder of you.

Dienstag, 18. Mai 2010

Ein Gruß in die Ewigkeit



Der HERR ist mein Licht und mein Heil;
Vor wem sollte ich mich fürchten!
Der HERR ist meines Lebens Kraft;
Vor wem sollte mir grauen!
HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
Sei mir gnädig und erhöre mich!
Mein Herz denkt an dein Wort: "Sucht mein Angesicht."
Darum suche ich auch, HERR, dein Angesicht.
Verbirg dein Angesicht nicht vor mir,
Verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!
Ich aber bin gewiß zu schauen
Die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.
Hoffe auf den HERRN, und sei stark!
Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!

aus dem Psalm 27, Johannes Paul II.,
Pfarrei San Roberto Bellarmino ai Parioli, Rom, 2.März 1980

Ich wurde heute daran erinnert, daß der vorige Papst Johannes Paul II. als Karol Józef Wojtyła vor 90 Jahren geboren wurde. Also sei Ihm damit ein Geburtstagsglückwunsch in die Ewigkeit geschickt. Aus diesem Anlaß diese 2 Videos, beide verwenden Stücke von „Abbà Pater“, einer Produktion über Johannes Paul II. von 1999. Es ist erstaunlich, welche Kraft selbst von diesen Dingen ausgeht.



Mutter aller Völker

Erhab’ne Mutter des Erlösers, du allzeit offene
Pforte des Himmels
und Stern des Meeres.
Komm, hilf deinem Volke,
das sich müht, vom Falle aufzusteh’n.
Du hast geboren, der Natur zum Staunen,
deinen heiligen Schöpfer.

Ein Licht strahlt heute über uns auf…

Unberührte Jungfrau, die du aus Gabriels Mund
nahmst das selige Ave, o erbarme dich der Sünder.

Ein Licht strahlt heute über uns auf…

Laß die Welt aufersteh’n!
Hilf dem Menschen aus der Sünde aufzuersteh‘n!
Du bist jene, die Gott geboren hat!
Du bist jene, die der Welt
den menschgewordenen Gott geschenkt hat.

Marienantiphon aus der Liturgie zum Abendgebet, Rom, 8. Dezember 1982 / Vers aus dem Halleluja der dritten Weihnachtsmesse

Montag, 17. Mai 2010

Dies & Das



Dieser Post hat eigentlich nur den Zweck anzuzeigen, daß ich einmal mehr einen Beitrag nachgeliefert habe. Man mag das albern finden, aber da es sich nicht um etwas Tagesaktuelles handelt, dürfte es unschädlich sein. Es sind ein paar Gedanken zu einem Gemälde von Caspar David Friedrich - "Abtei im Eichwald". Und damit diese Nachricht nicht so dürftig bleibt, habe ich noch ein Bild vom blühenden Boskop-Apfelbaum dazugegeben.

Sonntag, 16. Mai 2010

"Die Gier und das Leben" - ein Gastbeitrag von Th. Roloff



„Die Gier ist immer das Ergebnis innerer Leere.“ So hat es Erich Fromm einmal formuliert. Diese Gier ist es gewesen, die sich eine Finanzwirtschaft schuf, die gegen jede Vernunft inzwischen von der Realwirtschaft weitreichend entkoppelt ist. In ihrer Gier glauben Menschen gerne, dass man wirklichen Reichtum schaffen kann, wenn man nur das Geld vermehrt. Nicht ohne Grund lässt Goethe es Mephisto sein, der in seinem Faust dem Kaiser diesen Glauben einflüstert. Eine Welt, deren einziger verbliebener Wert das Geld ist, wird nun aber erkennen müssen, dass sie bereits lange vor diesem verzweifelten Kampf, in dem sie den Wert des Geldes noch zu verteidigen glaubt, bankrott gegangen ist.

Nun zieht ein Problem das andere nach. Der Euro droht unter den wachsenden Schulden in die Knie zu gehen, auch Aktienkurse gehen manchmal in die Knie, und mancher Mensch wird von der Last der Probleme in die Knie gezwungen. Wenn etwas in die Knie geht, dann hat es die Probe nicht bestanden, die Währung nicht, die Wirtschaft nicht und auch der Mensch nicht. Am Ende sind sie alle die Opfer ihrer eigenen Taten. Der letzte Akt in diesem Spiel ist dann immer die Suche nach den Schuldigen, nach den Sündenböcken.

Aus ganz anderen Gründen geht der Apostel in die Knie. Im Brief des Paulus an die Epheser heißt es in dem Abschnitt, der zum Sonntag Exaudi gehört: „Derhalben beuge ich meine Knie vor dem Vater, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet werdet, auf dass ihr begreifen möget, welches da sei die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe; auch erkennen die Liebe Christi, die doch alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit aller Gottesfülle.“ (Eph 3, 14-19)

Hier geht jemand in die Knie, weil er den gefunden hat, der größer ist als der Mensch, und den wir bitten dürfen, damit er unser Dasein erfüllt. Wer nämlich mit der Liebe Christi und mit aller Gottesfülle erfüllt ist, der kann nicht Opfer innerer Leere werden. Er wird also immer finden, was er anderen Menschen geben kann. Dieser Mensch trachtet nicht ständig gierig darauf, was er sich nehmen könnte, um seine innere Leere zu füllen. Hier geht jemand in die Knie, um in richtiger Weise zu handeln, und nicht, weil er am Ende ist.

Der Sonntag Exaudi hat seinen Namen vom ersten Wort aus dem zur Liturgie gehörenden 27. Psalm: Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te; miserere mei, et exaudi me! (Höre, Herr, meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!) Er verbindet das Himmelfahrtsfest mit Pfingsten, das wir in der nächsten Woche feiern werden. Der auferstandene Christus hat seinen Thron bestiegen und sendet den Heiligen Geist, um die Welt zu regieren.

Weil das so ist, erschöpft sich unser Leben nicht in den Grenzen der Zeit, und es endet nicht im Tod. Weil das so ist, bleibt nicht der Tod das Prinzip dieser Welt, in den am Ende alles verschlungen wird, sondern es ist das Prinzip des Lebens, es ist die Kultur des Lebens aufgerichtet. Das Leben, der Lebendige, gibt allen Dingen seine Ordnung und ihren Sinn. Nur aus diesem Prinzip heraus begreift der Mensch wirklich die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe der Schöpfung, und er begreift sich selbst als ein Ebenbild von Gottes Lebendigkeit. Nur darin wird die Leere bezwungen, deren eigentliche Wirklichkeit der Tod ist.
Thomas Roloff

Samstag, 15. Mai 2010

Monteverdi &



Claudio Monteverdi wurde heute getauft (5. Mai 1567), wenn auch nicht der Erfinder der Oper, so doch einer ihrer ersten Großen. Ist nicht Großartiges aus diesem Mißverständnis der antiken Tragödie entstanden, die sie damals einfach nur wiederbeleben wollten. Oben hatten wir den Beginn "Orfeo" und nachfolgend etwas aus verschiedenen Gründen sehr Unterhaltsames aus "L'incoronazione di Poppea", wobei der nicht gesungene Teil fast das Schönste daran darstellt, aber das ist wahrscheinlich doch zu ungerecht.



Und schließlich der unvermeidliche "Lamento d'Arianna", hier gesungen von Roberta Invernizzi.


Freitag, 14. Mai 2010

Teresa von Avila &

translated (in comments)


Santa Teresa De Ávila

Poem Soneto a Cristo crucificado

No me mueve, mi Dios, para quererte
El cielo que me tienes prometido
Ni me mueve el infierno tan temido
Para dejar por eso de ofenderte.

Tú me mueves, Señor, muéveme el verte
Clavado en una cruz y escarnecido;
Muéveme ver tu cuerpo tan herido,
Mueveme tus afrentas y tu muerte.

Muéveme, en fin, tu amor, y en tal manera,
Que, aunque no hubiera cielo, yo te amara,
Y, aunque no hubiera infierno te temiera.

No tienes que me dar porque te quiera;
Pues, aunque cuanto espero no esperara,
Lo mismo que te quiero te quisiera.


Teresa von Ávila

Sonett an den gekreuzigten Christus

Nicht bewegt mich, mein Gott, Dich zu lieben,
der Himmel, den Du mir hast versprochen,
noch bewegt mich die Hölle, so gefürchtet,
um zu lassen, deshalb, Dich zu beleidigen.

Du bewegst mich, Herr, mich bewegt Dich zu sehen
genagelt an ein Kreuz und zerfleischt,
mich bewegt zu sehen Deinen Leib so verwundet,
mich bewegen Deine Kränkungen und Dein Tod.

Mich bewegt, schließlich, Deine Liebe, und auf solche Weise,
daß, wenngleich es nicht Himmel gäbe, ich Dich liebte,
und wenngleich es nicht Hölle gäbe, Dich fürchtete.

Nicht mußt Du mir geben, damit ich Dich liebe,
denn wenngleich, was ich hoffe, ich nicht hoffte,
ebenso, wie ich Dich liebe, würde ich Dich lieben.

deutsche Übersetzung hier gefunden

Manchmal trifft man jemanden wieder. Etwa einen „verlorenen“ Argentinier, den man in einem anderen früheren Zusammenhang sehr schätzen gelernt hatte. Dieser erzählt einem, dies sei das schönste Sonett in spanischer Sprache. Und dann muß man daraus einen Beitrag machen, auch wenn man anderes im Sinn hatte. Einer der Nachteile, eine Sprache nicht zu beherrschen, besteht darin, daß man diese Schönheit allenfalls erahnen kann.

Die Autorenschaft Teresa von Ávilas ist wohl eher unsicher, aber wie auch immer, irgendwie finde ich in diesem Sonett auch unseren Spanisch sprechenden Freund wieder: Seine tapfere Trauer und seine Einsamkeit und seinen tiefen Glauben, der ihn über beides erhebt, auch wenn er dies mitunter nicht weiß. Ich bin dankbar, ihn wiedergefunden zu haben. Und das ist eben das Wesen des Wunders: Daß es unsere Erwartungen mit einem leichten Lächeln hinter sich läßt.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Himmelfahrt



Ich war etwas in Verlegenheit, zum heutigen Tage etwas zu schreiben. Am 40. Tag nach der Osternacht wird Christus in den Himmel entrückt, sein Wandel auf der Erde ist vollendet. Daran gedenkt die Kirche am Tage Christi Himmelfahrt. In der genannten Verlegenheit griff ich nach etwas Vertrautem, zu Vater Luther nämlich und fand diese Predigt, die man im Ganzen hier nachlesen kann und die mir derart gefiel, daß ich ihr zitateweise folgen will. Übrigens, da der Garten momentan noch etwas monoton aussieht, habe ich dazu alte Rosenbilder von vor etwa 3 Jahren erneut herausgekramt.



Martin Luthers Predigt zu Lukas 24, 50 - 53

Er führte sie aber hinaus gen Bethanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, da er sie segnete, schied er von ihnen, und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an, und kehrten wieder gen Jerusalem mit großer Freude, und waren allewege im Tempel, preisten und lobten Gott.

1. Man begeht heute den Tag der Himmelfahrt unseres Lieben Herrn Christi, um des Artikels willen in unserem Glauben, da wir also sprechen: Ich glaube an Christum, der aufgefahren ist gen Himmel, und sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Dieser Artikel ist eine Ursache, daß wir den heutigen Tag feiern, auf das wir nicht allein lernen, wie solche Himmelfahrt zugegangen ist, sondern auch, was Christus dadurch ausgerichtet und damit anzurichten gemeint hat.

2. Die Geschichte aber beschreibt Lukas eigentlich und fein, daß man den Tag, Ort und Zeit, und danach auch die Personen wissen kann, die dabei gewesen sind, und wie es zugegangen ist…

3. Da ist einmal das Wunderwerk zu bedenken, daß der Herr in so wunderbarer Weise von seinen Jüngern in die Höhe auffährt, wie ein Vogel, und verschwindet in den Lüften, das ist, er fährt so hoch, daß seine Jünger ihn nicht mehr sehen können…

4. Das ist ein Zeichen, an dem wir lernen möchten, was für Leiber wir nach diesem Absterben bekommen sollen. Jetzt ist es um unsere Leiber ein schweres, langsames Ding: aber wenn wir von den Toten auferstehen und neue Leiber bekommen werden, das werden wohl rechte Leiber, von Fleisch und Bein und allen Gliedern sein; aber sie werden nicht mehr so schwer und ungelenk sein, sondern gleichwie wir mit Gedanken jetzt schnell da und dort sind, also wird man es dann mit dem Leibe auch tun können.



5. Nun müssen wir aber auch sehen, was unser lieber Herr Christus mit solcher Himmelfahrt hat ausrichten wollen, und worin wir solcher Himmelfahrt auch hier auf Erden genießen können. Da ist das erste, weil wir sehen, daß Christus über sich in den Himmel fährt, daß wir daraus schließen müssen, Christus wolle mit der Welt und ihrem Reich nichts zu schaffen haben…

6. Denn darum darf und soll niemand ein Christ werden, daß er dadurch zu Geld und Gut, oder großen Ehren kommen wolle. … Es ist um anderes und Höreres zu tun, nämlich, daß uns geholfen werde mit den ewigen Gütern, als da sind, Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und ewiges Leben...

7. ... Denn solches haben nicht unsere guten Werke, heiliges Leben, oder Gehorsam verdient; sondern er selbst, der Herr, der solche Gaben gibt, der hat es verdient damit, daß er vom Himmel hernieder gestiegen, sich seiner Gottheit, wie Paulus an einem anderen Ort sagt, geäußert, und um unseretwillen ist Mensch geworden, und für uns am Kreuz gestorben.

8. Solch eine Wohltat will Paulus mit diesen Worten anzeigen, daß er daran denkt was es bedeutet das Christus vom Himmelsthron herunter gestiegen ist. … "Es ist euch gut, daß ich hingehe; denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster, der Heilige Geist, nicht zu euch. Wenn ich aber hingehe, so will ich ihn zu euch senden ", Johannes 16,7. …

9. …Henoch ist aufgenommen zu Gott. Elias ist auf einem feurigem Wagen gen Himmel gefahren. Aber Christus ist nicht so gen Himmel gefahren; sondern er selbst, aus eigener Kraft, ist über sich gefahren, gleich wie er sich selbst von den Toten, aus eigener Kraft und Macht, ohne eines anderen Hilfe erweckt hat… Denn wir werden uns am jüngsten Tage von den Toten nicht auferwecken, sondern Christus wird uns auferwecken… Solchen Unterschied hat der Heilige Geist lange zuvor angezeigt, und damit uns lehren wollen, daß wir Christum als einen rechten, allmächtigen, ewigen Gott annehmen sollen.

10. Das aber der Psalm weiter sagt: "Du bist aufgefahren in die Höhe", solches ist, wie wir oben auch gesagt haben, nichts anderes, denn das Christus vor Pilatus sagt: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt"…

11. Aber was geschieht? Die meiste Zeit steckt mit Leib und Seele, mit Händen und Herzen allein in diesem vergänglich in Leben, und trachtet, wie man hier genug habe, und nimmt sich nichts oder wenig an, daß Christus in die Höhe gefahren ist. Da möchte der Heilige Geist gern wehren … auf das wir, weil wir mit dem Leibe noch hier unten sind, doch uns mit dem Herzen und Gedanken über sich heben, und unserer Herzen mit Sorgen dieses Lebens nicht beschweren. … das Herz aber soll sich um das Ewige annehmen, wie Paulus spricht Kolosser 3,1. 2.: " Suchet, was droben ist, und nicht nach dem, daß auf Erden ist ".



12. Was tut aber Christus oben? ... Ist er müßig, oder tut er gar etwas? ...

13. … Der Teufel treibt und regiert uns, und der Tod würgt uns; da ist keine Rettung, die wir von uns selbst haben könnten. Aber Christus, als der Stärkere, kommt, erstlich in aller Demut gibt er sich hin und läßt sich am Kreuz würgen. Bezahlt also mit seinem eigenen Tod für der ganzen Welt Sünde, als ein armes, unschuldiges Lamm…

14. Als nun die Sünde durch solchen Tod versöhnt und abgetragen ist, und der arme Christus in dem Grabe liegt, und niemand eine Hoffnung noch Trost seinetwegen hat, da macht er sich in aller Macht und Herrlichkeit wieder aus dem Tode hervor, wie wir diesen Ostern gehört haben, und, wie der Heilige Geist hier sagt, nimmt er das Gefängnis gefangen, das ist, er bricht dem Teufel und Tod seine Macht, und nimmt ihnen das Regiment, daß der Teufel nicht mehr den Christen schaden, und der Tod sie nicht mehr würgen noch die Sünde sie anklagen soll.

15. …Denn dazu ist Christus gen Himmel gefahren, daß er Sünde, Tod und Teufel will gefangen halten, daß sie uns nicht mehr Schaden tun sollen, wie zuvor; sondern wenn sie uns einen Schaden tun, so soll es doch uns zum Besten werden.

16. Die Sünde läßt es nicht, sie reizt und lockt, ob sie uns wider Gottes willen bewegen könnte und ein böses Gewissen machen. Wir aber sind so schwach, daß wir uns oft bewegen und betrügen lassen...

17. Also ist es mit dem Tode auch: der kann es nicht lassen, er muß die Zähne gegen uns zeigen, und sich stellen, als wenn er uns fressen wollte… Darum, wenn er am meisten tobt und wütet, und sich am schrecklichsten stellt, richtet er doch bei den Christen nicht mehr aus, denn daß er sie zu Gottes Wort treibt, daß sie dieses desto fleißiger üben, in sich bilden und damit sich trösten; da sonst, wo die Schrecken des Todes nicht wären, sie das Wort nicht so fleißig annehmen würden.

18. Eben also geht es mit dem Teufel auch: der ist ein böser Feind, schleicht Tag und Nacht den Christen nach, ob er sie fällen und ihnen den Schatz des ewigen Lebens nehmen könnte…

19. Also dienen den Christen solche Anfechtungen, Schrecken und Gefahr nicht darum, als wäre nichts Schädliches an ihnen. Ihrer Natur und Eigenschaft wegen sind sie sehr schädlich, wie man an der Welt sieht. Aber da ist die Himmelfahrt unseres Herrn Christi in ihrem rechten Brauch und Übung, daß solche Feinde gefangen sind, und an den Christen das nicht ausrichten sollen, daß sie sonst nicht lassen könnten. Die Sünde würde verdammen, der Tod würgen und der Teufel in alle Not und Jammer werfen; aber es sind gefangene Feinde. Darum, ob sie es gleich böse meinen, soll es doch nicht schaden. Das ist nun eine herrliche und große Frucht der Himmelfahrt Christi, daß die großen Feinde Sünde, Tod und Teufel, die uns gefangen hielten, vom Herrn Christus gefangen, und wir der von erlöst sind; denn darum ist er gen Himmel aufgefahren und sitzt zur rechten Gottes, daß er vor solchen Feinden seine Christen schützen will.

20. Bei dem allein will er es aber nicht bleiben lassen… Christus sagt in Johannes 16,7. 8. Da er spricht: " So ich hingehe, will ich den Tröster zu euch senden. Und wenn derselbige kommt, wird er die Welt Strafen um die Sünde, und um die Gerechtigkeit, und um das Gericht "…

21. Nun aber richtet der Heilige Geist zweierlei aus: erstens bringt der uns durch das Evangelium zur Erkenntnis Christi, daß wir in seinem Namen Vergebung der Sünden glauben: zum anderen, das wir unser Leben bessern, der Sünde widerstehen und sie töten, und uns an einem herzlichen Gehorsam gegen Gott begeben. Das heißt Seele und Leib, Herz und alles an uns fromm machen. Denn wenn wir nie hier auf Erden, um unseres sündigen Fleisches willen, dahin kommen können, daß wir ganz rein und ohne alle Sünde werden; so wird doch solche anklebende Sünde, durch den Glauben an Christum, uns nicht zugerechnet, kann uns auch nicht verdammen. Das ist das erste, daß der Heilige Geist in uns ausrichtet.

22. Zum anderen braucht der Heilige Geist uns auch dazu, das wir durch das Wort und das Predigtamt andere auch zu solcher Gnade und Erkenntnis bringen...

23. Danach heißen auch das Gaben, daß Gott durchaus seine Kirche regiert und führt, in Anfechtung tröstet, in Verfolgung rettet, in der Wahrheit wieder Irrtum leitet und erhält, und besonders sie zum Gebet erweckt; wie der Herr im nächsten Evangelium sagt: " Am selben Tage werdet ihr beten in meinem Namen "; denn solches kann man ohne Hilfe des Heiligen Geistes nicht tun. In der Summe, was wir haben und empfangen, sind lauter Gaben Christi, und die rechte Frucht seiner fröhlichen Himmelfahrt; denn darum ist er aufgefahren, daß er dadurch sein Reich fördern, und sich eine christliche Kirche durch das Wort und den Heiligen Geist erhalten will.

24. Solches zeigt auch sehr schön Lukas in dem Text an, welchen wir am Anfang gehört haben. Denn er sagt: Da Christus habe wollen denn Himmel auffahren, habe er seine Hände aufgehoben und seine Jünger gesegnet…

25. Wo nun das Heilige Evangelium gepredigt würde, da geht solches aufheben der Hände und Segen des Herrn Christi noch, daß es Frucht schaffen und nicht umsonst gepredigt werden soll…



26. Darin sehen wir, was für ein tröstliches und freudenreiches Fest wir an der Himmelfahrt haben, und wie in vielen Wegen wir dieses genießen: das künftig, weil unser Fleisch und Blut, der Sohn Gottes, zur Rechten seines Vaters sitzt, der Sünde, dem Tode und Teufel alle Macht genommen, daß sie uns nicht schaden sollen. Wenn auch sie gleich unsere Todfeinde sind und sich immer wieder gegen uns stellen; so sind es doch gebundene und gefangene Feinde. Dazu schenkt uns Christus seinen Geist, daß derselbe uns in aller Wahrheit leiten, wieder allen Irrtum erhalten, in Anfechtungen trösten, mit uns beten und uns zum Beten ermahnen soll, und danach mit allerlei Gaben und Gnaden zieren. Denn wegen solcher Ursache ist Christus gen Himmel aufgefahren und sitzt zur Rechten Gottes, daß, wie Paulus sagt, er alles erfülle, das ist, uns alles gebe und schenke, daß wir zur Seligkeit und ewigen Leben bedürfen. Darum sollen wir der lieben Apostel Beispiele folgen und, wie Lukas hier sagt, mit ihnen den Herrn Jesum Christum anbeten, fröhlich und guter Dinge sein; und daneben Gott, unserem gnädigen Vater im Himmel, danken, ihn loben und preisen, und beten, daß er uns in solcher Gnade weiter erhalten, und endlich um Christi Jesu, seines Sohnes, willen wolle selig machen. Das verleihe uns Gott allen, Amen.

Montag, 10. Mai 2010

Hebel lesen

Ich hatte kürzlich einem befreundeten Blogger versprochen, etwas über Johann Peter Hebel zu schreiben, der am 10. Mai 1760 in Basel geboren wurde. Dies war etwas vorwitzig (und wird am heutigen Donnerstag auch nur mit ärgerlicher Verspätung nachgeholt), denn ich hatte ziemlich wenig von ihm gelesen, zu meinem Nachteil, wie ich zugebe. Gut, daß er ein bedeutender alemannischer Mundartdichter ist, wird man interessant finden, wenn man Alemanne ist, aber er ist in der Tat außerdem ein grandioser Erzähler. Was ich durch eigene Lektüre inzwischen nur bestätigen kann, denn ich habe mich mittlerweile durch einen Band Erzählungen und Anekdoten gekämpft, der kürzlich nach dem Tod eines befreundeten Pastors den Weg in meine Büchersammlung fand, leider nur war der gute Mann ein starker Raucher, so daß mir von jeder neuaufgeschlagenen Seite der Tabakgeruch mit der Kraft einer Pestilenz entgegenschlug (und zwar wörtlich).

Ich will hier keine Biographie Hebels wiedergeben, nur soviel, daß er, der in seinem Leben kleinste Verhältnisse und große Häuser gleichermaßen kennengelernt hatte, sich stets eine Sehnsucht nach einem überschaubaren Glück erhalten hatte, so schrieb er mit 52 nach Hausen bei Schopfheim im badischen Wiesental, wo das elterliche Haus seiner Mutter stand: „O wie schön muß es jetzt bei Euch sein, wo es immer so schön ist, und wie ahndungs- und koseselig für den auswendigen und inwendigen Menschen in dem schönen, einzigen Tal voll Schnielen und Kettenblumen, lustigen Bächlein und Sommervögeln, wo es immer duftet wie aus einem unsichtbaren Tempel herausgeweht, und immer tönt wie letzte Klänge ausgelüttener Festtagsglocken mit beginnenden Präludien mangeliert und verschmolzen, und wo jeder Vogel oberländisch pfeift und jeder, selbst der schlechteste Spatz ein Pfarrer und heiliger Evangelist ist, und jeder Sommervogel ein gemutztes Chorbüblein, und das Weihwasser träufelt unaufhörlich und glitzert an jedem Halm…“

Die nachfolgende Erzählung ist wohl seine bekannteste, vielleicht hätte ich daher etwas anderes bringen sollen, aber was frappiert, ist, wie ganz erstaunlich konzentriert und in ihrer Knappheit eindringlich sie erscheint. Ich erinnere mich dunkel an eine Besprechung, die ich aber jetzt nicht wiederfinde, in der vor allem die Beschreibung, wie 50 Jahre vergehen, gerühmt wird. Nicht allein die Auswahl der Ereignisse angesichts der französischen Besetzung (als diese Erzählung erschien) ist aufschlußreich, auch dieser Refrain des Todes, der dort geradezu beiläufig auftaucht.


Unverhofftes Wiedersehen
hier gefunden

Unverhofftes Wiedersehen

In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut und sagte zu ihr: „Auf Sankt Luciä wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib, und bauen uns ein eigenes Nestlein.“ – „Und Friede und Liebe soll darin wohnen“, sagte die schöne Braut mit holdem Lächeln, „denn du bist mein einziges und alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab sein, als an einem andern Ort.“ Als sie aber vor St. Luciä der Pfarrer zum zweitenmal in der Kirche ausgerufen hatte: „So nun jemand Hindernis wüßte anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammenkommen“ – da meldete sich der Tod. Denn als der Jüngling den andern Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster, und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr. Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie saumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand für ihn zum Hochzeittag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg, und weinte um ihn und vergaß ihn nie. Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schlossen den General Stein in der Veteraner Höhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die Französische Revolution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt. Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Schachten eine Öffnung durchgraben wollten, gute dreihundert Ehlen tief unter dem Boden gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverändert war; also daß man seine Gesichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig eingeschlafen wäre, an der Arbeit. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreundte und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüts erholt hatte, „es ist mein Verlobter“, sagte sie endlich, „um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte, und den mich Gott noch einmal sehen läßt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen und nimmer heraufgekommen.“ Da wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach 50 Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen ließ, als die einzige, die ihm angehöre, und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof. Den andern Tag, als das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloß sie ein Kästlein auf, legte sie ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um, und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeittag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: „Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehen im kühlen Hochzeitbett, und laß dir die Zeit nicht lange werden. Ich habe nur noch wenig zu tun, und komme bald, und bald wird's wieder Tag. – Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweitenmal auch nicht behalten“, sagte sie, als sie fortging, und noch einmal umschaute.

Sonntag, 9. Mai 2010

Samstag, 8. Mai 2010

Zum Kriegsende


(c) Reinhard Graefe
"die wirklichkeit ist immer unterwegs"

Natürlich bewegen einen in diesen Tagen Gedanken an das Kriegsende 1945, den „Zusammenbruch“, den „Tag der Befreiung“, was auch immer. Bekanntlich werde ich immer recht, sagen wir befangen, sobald ich etwas über die letzten 80 Jahre schreiben soll, die wenigen Anläufe dazu kürzlich sind schnell wieder irgendwie steckengeblieben. Dabei ist es nicht selten wirklich bestürzend nah, was einem aus Originalzeugnissen da entgegentritt, so daß man fast versucht ist… Herr Roloff hat mir aus der Bredouille geholfen, indem er mir die Gelegenheit gibt, aus Anlaß dieses Tages seine heute gehaltene Ansprache zu bringen, sie lautet wie folgt:

Ansprache zum 65. Jahrestag des Kriegsendes in Europa am 8. Mai 2010 in der Evangelischen Kirche St. Marien und Willebrord zu Schönhausen

1. Mose 11, 1-9 und Luk 14, 11-14

Der Friede des Auferstandenen sei mit euch!

An diesem Abend blicken wir weit zurück. 65 Jahre sind vergangen, seit der II. Weltkrieg in Europa sein Ende gefunden hat. In Asien sollte noch ein Vierteljahr vergehen, ehe nach den grauenhaften Atombombenabwürfen die Waffen schwiegen.

Wie konnte geschehen, worauf wir heute schauen?

Unser Kontinent stand am Ende zweier Kriege, deren Geschichte unlöslich miteinander verbunden ist, und die weit zurückreicht in die vergangenen Jahrhunderte.

In diesen beiden Kriegen hat sich die Geschichte der Selbstermächtigung des Menschen erfüllt. Gott wurde zwar noch viel im Munde geführt, aber man hatte aufgehört, sich ihm zu unterwerfen. Das war zunächst keineswegs nur ein Makel der einen oder der anderen Nation, sondern es war der Irrtum aller Nationen, die sich selbst zum Maßstab machten, und die daran glaubten, nur sie selbst wären erwählt.

Dabei ist es doch so einfach zu erkennen, dass Gott nicht das eine oder das andere Volk erwählt, sondern sein Volk aus allen Völkern ruft. Lasst uns immer daran denken und davon künden, dass wir im Glauben an den auferstandenen Christus Gemeinschaft mit allen Völkern finden.

Das erste Opfer eines jeden Krieges ist immer die Wahrheit. Die Menschen glauben, dass sie die Wahrheit selbst erfinden können und sind dann stolz auf ihre eigenen Lehren und hängen ihnen fanatisch an und merken gar nicht, dass sie bestenfalls ihrer Selbstsucht einen Namen geben.

Dabei ist es doch leicht zu erkennen, dass wir die Wahrheit nur bei dem finden können, der selbst die Wahrheit ist, und der uns zum Frieden ruft und zur Demut.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Lasst uns entschieden danach trachten zu ihnen zu gehören, indem wir auf Christus hören.

Ist denn das Zeitalter der Selbsterhöhung des Menschen nun vorbei?

Wir wollen hoffen und wir wollen beten, dass dem so ist. Das ist die Aufgabe der christlichen Kirche, immer wieder zu mahnen: Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.

Zum 8. Mai 1985 hat der damalige Bischof von Berlin im Angesicht der Teilung unserer Hauptstadt und des ganzen Landes festgestellt: „Das trostlose Ergebnis der Sünde ist immer die Trennung, die Trennung von Gott und die Trennung der Menschen.“

Seitdem ist uns Deutschen ein wunderbares Geschenk zuteil geworden, das wir mit den Völkern Europas gemeinsam haben und ihnen in wichtigen Teilen sogar verdanken. Wir haben Freiheit und Einheit wiedererlangt. Wir leben im Frieden.

Es wäre eine große Mission gewesen, von der Macht der Hoffnung und der Gewaltlosigkeit vor dem Hintergrund unserer Geschichte von nun an auch in der Welt zu künden und zu wirken.

Es waren ausgerechnet als pazifistisch gegründete, politische Kräfte, die diese Möglichkeit in den Balkankriegen aufgaben und wieder deutsche Soldaten in Kriege schickten. Heute stehen sie in vielen Teilen der Welt.

Es waren und sind legitime deutsche Regierungen, es ist die Mehrheit des Deutschen Bundestages, die diese Entscheidungen getroffen haben. Darum beten wir für den Dienst unserer Soldaten und um ihre Heimkehr. Ist nicht aber allein schon der Umgang der Verantwortlichen mit dem Begriff des „Krieges“ ein sichtbares und beunruhigendes Zeichen dafür, mit wieviel schlechtem Gewissen die Entscheidungen getroffen wurden, und wie sehr auch dort bereits die Wahrheit ein Opfer des Handelns geworden ist.

Aber wir dürfen, ja als Christen müssen wir, dieser Wahrheit vertrauend, anderes hoffen, denn nichts wird besser durch die Gefallenenanzeigen in unseren Zeitungen, an die ich mich nicht gewöhnen will und niemals gewöhnen werde.

An diesem Abend richte ich an sie alle den dringenden Appell, im Gebet nicht nachzulassen, im Glauben nicht nachzulassen und dem Frieden zu dienen.

Amen

Friede sei mit euch!
Thomas Roloff

Anmerkung

Das obige Bild stammt von einem hiesigen Maler, er hat mir die Abbildung soeben geschickt und ich will in den nächsten Tagen gern noch ein paar weitere Erläuterungen dazu abgeben. Es hat mich tatsächlich beeindruckt, aber ich dachte eben, ich zeige es schon einmal hier, denn es scheint zum Thema mehr als nur zu passen.

Freitag, 7. Mai 2010

Die "Abtei im Eichwald" nebst einigen Bemerkungen


Caspar David Friedrich
Abtei im Eichwald, 1809/10
hier gefunden

„Es ist ein Jammer, wieviel herrliche Menschen dem erbärmlichen Sinn der sogenannten Aufklärung und Philosophie haben erliegen müssen und wie elend und auf welch schlechtem Grund die ganze Kunst heutigen Tages steht. Diesem Elende nun abzuhelfen und mein ganzes Leben daranzusetzen, um zu erforschen, ob wir auf unsre geoffenbarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan.“ So Philipp Otto Runge in einem Brief (um 1801 herum) und so der Maler an anderer Stelle: „Ich wollte, ich könnte Dich einmal vor die Madonna von Raffael und zugleich vor den Jupiterskopf der Alten stellen, ich wollte Dir deutlich zeigen, wie die Liebe und das Leben allein durch Christum in die Welt gekommen ist.“

Diese ist eine schauerliche Reproduktion von C. D. Friedrichs „Abtei im Eichwald“, sie gibt allenfalls eine grobe Ahnung von dem Bild, ich kann das deshalb sagen, weil ich glücklicherweise das Original direkt anschauen durfte. Und ich gebe zu, ich sage das etwas mit schlechtem Gewissen, da ich schließlich die Reproduktion von jemand anderem benutze und zudem eine Ahnung habe, wie schwer dieses Bild wiederzugeben ist. Aber ich mußte es loswerden, weil sonst unverständlich bleiben wird, warum man soviel Aufhebens davon macht

Ich habe vor einiger Zeit einmal eine Serie mit (eher dürftigen) Bemerkungen zu Werken Caspar David Friedrichs begonnen (man findet die Verweise auf der rechten Seite) und wollte wenigstens noch dieses Bild hinzufügen. Die "Abtei im Eichwald" ist das Gegenstück zum „Mönch am Meer“, geschaffen für die Berliner Akademie-Ausstellung 1810, wo beide Werke von König Friedrich Wilhelm III. auf Wunsch des Kronprinzen erworben wurden.

Ich habe eingangs Runge zitiert, weil beide von verwandter Geisteshaltung waren, aber von Runge prägnantere Äußerungen überliefert sind (leider ist er früh verstorben), bei Friedrich hat man sich eher an die Bilder zu halten. Nicht daß es von ihm nicht auch Erhellendes gäbe, etwa: „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht.“ „Ein Bild muß nicht erfunden, sondern empfunden sein.“

Carl Gustav Carus hat dieses Gemälde „vielleicht das tiefsinnigste poetische Kunstwerk aller neueren Landschaftsmalerei“ genannt. Was sehen wir: Eine Kirchenruine inmitten von kahlen Eichen, die in statuarischer Symmetrie bizarr aufragen, ein Leichenzug geht an dem offenen Grab vorbei und durchschreitet das Portal eines Raumes, der lange vergangen ist, hin zu einem Kruzifix, das im Eingang sichtbar wird. Es ist der Leichenzug des Mönches vom Meer. Wir werden förmlich hineingezogen in dieses Bild, in diesen Raum von unendlicher Weite, als ob wir uns eben diesem Zug anschließen müßten.

Hebräer 13,14 kommt einem in den Sinn: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Die Ruine der Kirche erinnert an die Klosterruine Eldena bei Greifswald, die nahe am Meer liegt, also wieder das Motiv des Meeres, wenn auch verborgen. Zusammen mit den Eichen steht sie vor dem diffus leuchtenden Hintergrund, nicht wie eine Schranke, sondern sie markieren den Durchgang zu etwas, das sich nur in der Andeutung darstellen läßt. Das Maßwerk der Ruine läßt sich wohl als Sinnbild der Ordnung interpretieren, während die Eichen für heidnische Wildheit stehen. Aber hier kommt mehr zusammen, ein von Menschen geschaffener schöner Bau, der wieder in die Natur zurückfällt, das Zusammenfinden von Natur und menschlicher Schöpfung, eine Kirche, die noch als Fragment auf ihren Ursprung verweist, wie eine Chiffre. Das ganze Bild ist eine solche, die Natur wird zur Chiffre Gottes, so wie der zunehmende Mond auf Christus verweist.

Es ist dies kein düsteres Bild, keines über Erstarrung, Tod, Vergängnis. Es ist eines über den Durchgang, Transition, über das Streben nach Erleuchtung, denn der Zug geht in dies Leuchten, das hinter dem Portal aufscheint. Und in diesem Leuchten wohnt Christus. Man könnte es auch als eine Meditation über die Meditation betrachten. Im Mönch am Meer begegnete uns die statische Kontemplation, nur der Geist des Menschen greift in die Unendlichkeit, im zweiten Bild hingegen ist eine Art Tod eingetreten und der ganze Mensch wird in diese Unendlichkeit getragen, deren Aussehen sich völlig verwandelt hat.

Caspar David Friedrich ist ein großer metaphysischer Maler, einer dem die Natur nicht nur Staffage oder trockenes Sinnbild ist, sondern einer, der die Natur in die Unendlichkeit mit hineinnimmt. Man bezeichnet ihn gern als Pantheisten. Ich bezweifle das, ich glaube, dies Etikett bleibt weit hinter Friedrich zurück. Es genügt dieses eine Bild, um ihn besser kennenzulernen.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Über eine Kronprinzessin und gehobenen Unsinn


Kronprinzessin Cecilie von Preußen
1908 gemalt von Caspar Ritter
hier gefunden

Die englischen Wahlen sind schuld an diesem verspäteten Post, der eigentlich seit gestern abend hier stehen sollte (tatsächlich ist heute schon Freitag), ich weiß auch nicht, warum ein Interesse an der Politik ausgerechnet daran aufflackerte. Im Ergebnis bin ich jedenfalls über der Berichterstattung eingeschlafen...

Keinesfalls wollte ich aber diesen Tag übergehen, da am 6. Mai 1954 die letzte Kronprinzessin des Deutschen Reichs Cecilie Auguste Marie Herzogin zu Mecklenburg verstorben ist. Herr Roloff hat über sie eine einfühlsame Gedenkrede gehalten, die vor einem Jahr an diesem Ort veröffentlicht wurde, daran wollte ich doch wenigstens noch einmal erinnern. Allerdings diesmal mit einem anderen Bild. Ich muß gestehen, wenn ich im Nachhinein manchmal auf den letztjährigen Post blickte, hatte ich immer wieder das Gefühl, sie sähe dort aus, als habe man sie an die Wand gestellt.



Und da wir gerade ins Humorige abzurutschen beginnen, Christian Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 geboren. Er ist durch seine skurrilen Dichtungen bestens bekannt, sein übriges Werk darf man wohl als vergessen betrachten. Ich habe versucht, mich ein wenig durch das Vergessene zu kämpfen und muß sagen, es gibt Gründe. Bei dem wenigen jedenfalls, in das ich hineinschaute, erreicht er nach meinem Geschmack nicht den Rang, den der grandiose Tiefsinn seines absurden Wortwitzes verkörpert. Aber um ihn daraus doch wenigstens mit einem Aphorismus zu Wort kommen zu lassen.

„Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann.“

Folgen wir dieser Erkenntnis und bringen doch lieber etwas von dieser Art Gedichten, beginnend mit dem allbekannten, dessen letzte 2 Verse längst im allgemeinen Sprachgebrauch gelandet sind.

Christian Morgenstern

Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

"Wie war" (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
"möglich, wie dies Unglück, ja -:
daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, - kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht -?"

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:
"Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil", so schließt er messerscharf,
"nicht sein kann, was nicht sein darf."


Der Sperling und das Känguruh

In seinem Zaun das Känguruh -
es hockt und guckt dem Sperling zu.

Der Sperling sitzt auf dem Gebäude -
doch ohne sonderliche Freude.

Vielmehr, er fühlt, den Kopf geduckt,
wie ihn das Känguruh beguckt.

Der Sperling sträubt den Federflaus -
die Sache ist auch gar zu kraus.

Ihm ist, als ob er kaum noch säße . . .
Wenn nun das Känguruh ihn fräße?!

Doch dieses dreht nach einer Stunde
den Kopf aus irgend einem Grunde,

vielleicht auch ohne tiefern Sinn,
nach einer andern Richtung hin.


Täuschung

Menschen stehn vor einem Haus, --
nein, nicht Menschen, - Bäume.
Menschen, folgert Otto draus,
sind drum nichts als - Träume.

Alles ist vielleicht nicht klar,
nichts vielleicht erklärlich,
und somit, was ist, wird, war,
schlimmstenfalls entbehrlich.


Die Trichter

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
U. S.
W.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Über den Erbauer von Schönbrunn


Kronprinzengarten
hier gefunden

Wäre ich ein fanatischer Protestant, dürfte ich nicht freundlich an Kaiser Leopold I. erinnern, der am 5. Mai 1705 starb. Denn in seiner beachtlich langen Regierungszeit von 1658 bis 1705 als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches hat er sehr energisch die Gegenreformation vorangetrieben und das nicht immer nur mit dem Bau prachtvoller Klöster. Aber mindestens zwei Dinge versöhnen – der Kampf gegen die Türken und der Bau des Schlosses Schönbrunn.

Man sollte sich bewußt machen, daß Leopold noch während des Dreißigjährigen Krieges mit seinen unsäglichen Verwüstungen geboren wurde. Als man mit dem Neubau des Schlosses begann, lag dieser noch keine 40 Jahre zurück. Man wird heutzutage schnell auf sogenannte Meinungen stoßen, die eine solche kulturelle Großtat von den Motiven her in Zweifel ziehen wollen, es sei schließlich nur um Repräsentation gegangen. In der Tat, um die Repräsentation von etwas von bleibender Gültigkeit, Schönheit etwa. Aber für derlei Dinge ist der Geist vieler heutzutage schon zu sehr verwirrt. Immerhin spricht das Werk immer noch für sich und gefällt wohl zumindest. Wir wollen es bei dem obigen Bild belassen, wer dem Link folgt, wird schnell auf weitere Bilder stoßen.

Was leicht vergessen wird, ist, daß es Leopold I. war, der die Türken entscheidend aus Europa herausdrängte und ihnen den Mut und die Mittel nahm, ihre Eroberungsversuche gegen das christliche Abendland fortzusetzen. Zu den Propagandaerzählungen einer gewissen Geisteshaltung gehört es, die Verworfenheit der Kreuzzüge gegen den so kultiviert, wie toleranten Islam zu stellen. Dabei wird willentlich unterschlagen, daß der aggressive Part die meiste Zeit auf der muslimischen Seite lag und etwa die Ungarn nicht danach lechzten, türkische Untertanen zu werden, wie auch immer.

Leopold hatte sehr fähige Feldherren und Verbündete, aber zu diesen kam er nicht von allein, es war also sein Hauptverdienst, Kräfte zu sammeln, wirksame Bündnisse zu schließen und befähigte Personen zu binden. 1683 scheitert die 2. Belagerung Wiens durch die Türken, 1686 wird Ofen, das spätere Budapest zurückerobert, 1687 wiederholt sich die Schlacht von Mohács, in der 1526 Ungarn untergegangen war, nur daß diesmal Karl von Lothringen einen glänzenden Sieg erringt. Die Ungarn akzeptierten daraufhin die Habsburger als Träger der Stephanskrone. Belgrad fällt 1688, wird allerdings 1690 von den Osmanen zurückgewonnen, da inzwischen der allerchristlichste französische König Ludwig XIV. in das Rheinland eingefallen war und den Pfälzischen Erbfolgekrieg begonnen hatte, der diesen Teil Deutschlands übrigens erheblich verwüstete (Mannheim und Worms gebrandschatzt, das Schloß in Heidelberg zerstört, Speyer verwüstet und die Kaisergräber im Dom nach Schätzen durchwühlt, aber das ist ein anderes Thema).

Nach dem Ende dieses Krieges schlägt Prinz Eugen in der Schlacht bei Zenta am 11. September 1697 die Türken vollständig. Im Frieden von Karlowitz 1699 wurde das mit Siebenbürgen wiedervereinigte Ungarn den Habsburgern zugesprochen. Der Einfluß des osmanischen Reiches war entschieden zurückgedrängt und das spätere Österreich-Ungarn nahm seinen Anfang. Keine schlechte Bilanz für einen eher vorsichtigen Herrscher, nur im Westen gegen Frankreich war er leider weniger erfolgreich.



Und um aus den hehren Höhen der Geschichte ins Prosaische der Gegenwart abzustürzen, zwei aktuelle Gartenbilder zur Illustration der Jahreszeit.