Posts mit dem Label Caspar David Friedrich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Caspar David Friedrich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 17. Februar 2016

Nachtverse

Caspar David Friedrich "Spaziergang in der Abenddämmerung"

Manchmal, wenn ich partout nicht schlafen kann (warum diese französischen Einsprengsel – pure Nostalgie, nein, nicht weil ich die Sprache gern beherrschen würde, bloße Erinnerung an die Gewohnheiten der Vorfahren), kommt etwas zurück. In diesem Fall war es Johann Klaj, verstorben am 16. Februar 1656, ein Dichter des Barock, von dem ich endgültig für mich beschlossen habe, daß er in seinen weltlichen Hervorbringungen unlesbar ist. Monotones, selbstverliebtes, exaltiertes, pedantisches Wortgeklingel, und das bei einem trunksüchtigen Geistlichen. Da hätte wirklich mehr 'rüberkommen müssen; bei all dem Aufwand. Von den geistlichen Dichtungen schweigen wir.

Da ich weiter nicht schlafen konnte, versenkte ich mich in Anthologien des 19. Jahrhunderts (was nach meinem philisterhaften Urteil nahe lag, über vorherige deutsche Dichtung), und das half (ich habe versucht, die erinnerten Stellen, die ich am nächsten Morgen diesmal nicht ganz vorenthalten wollte, kommod zu bebildern; das letzte fällt heraus, es sollte ja alles recht unpersönlich bleiben, aber dieser Hahn sucht tatsächlich Zuflucht hinter dem rechten hiesigen Küchenfenster seit gestern, er ist da immer noch). Aber gegen Wirklichkeitseinbrüche haben wir schließlich bewährte Hausmittel vorrätig.



Joseph von Eichendorff „Nachtzauber"
Rezitation: Fritz Stavenhagen, hier gefunden

Joseph Freiherr von Eichendorff

Nachtzauber

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du's oft im Traum gedacht.
Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen –
Komm, o komm zum stillen Grund!


Jopengasse, Danzig, zwischen 1890 und 1900

In Danzig

Dunkle Giebel, hohe Fenster,
Türme wie aus Nebel sehn.
Bleiche Statuen wie Gespenster
Lautlos an den Türen stehn.

Träumerisch der Mond drauf scheinet,
Dem die Stadt gar wohl gefällt,
Als läg' zauberhaft versteinet
Drunten eine Märchenwelt.

Ringsher durch das tiefe Lauschen,
Über alle Häuser weit,
Nur des Meeres fernes Rauschen.
Wunderbare Einsamkeit!

Und der Türmer wie vor Jahren
Singet ein uraltes Lied:
Wolle Gott den Schiffer wahren,
Der bei Nacht vorüberzieht.



"Täuschung" aus "Die Winterreise" von Franz Schubert,
Thomas Quasthoff & Daniel Barenboim, hier gefunden

Wilhelm Müller

Täuschung

Ein Licht tanzt freundlich vor mir her,
Ich folg' ihm nach die Kreuz und Quer;
Ich folg' ihm gern und seh's ihm an,
Daß es verlockt den Wandersmann.
Ach! wer wie ich so elend ist,
Gibt gern sich hin der bunten List,
Die hinter Eis und Nacht und Graus
Ihm weist ein helles, warmes Haus.
Und eine liebe Seele drin. –
Nur Täuschung ist für mich Gewinn!


Caspar David Friedrich "Meeresküste bei Mondschein"

Franz Grillparzer

Der Halbmond glänzet am Himmel

Der Halbmond glänzet am Himmel,
Und es ist neblicht und kalt.
Gegrüßet sei du Halber dort oben,
Wie du, bin ich einer, der halb.
Halb gut, halb übel geboren,
Und dürftig in beider Gestalt,
Mein Gutes ohne Würde,
Das Böse ohne Gewalt.

Halb schmeckt' ich die Freuden des Lebens,
Nichts ganz als meine Reu;
Die ersten Bissen genossen,
Schien alles mir einerlei.

Halb gab ich mich hin den Musen,
Und sie erhörten mich halb;
Hart auf der Hälfte des Lebens
Entfloh'n sie und ließen mich alt.

Und also sitz ich verdrossen,
Doch läßt die Zersplitterung nach:
Die leere Hälfte der Seele
Verdrängt die noch volle gemach.


Caspar David Friedrich "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes"

Christian Friedrich Hebbel

Nachtlied

Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich's weben,
Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.




Detlev von Liliencron

Für und für

Im ersten matten Dämmer thront
Der blasse, klare Morgenmond.

Den Himmel färbt ein kühles Blau,
Der Wind knipst Perlen ab vom Tau.

Der Friede zittert: ungestüm
Reckt sich der Tag, das Ungetüm,

Und schüttelt sich und brüllt und beißt
Und zeigt uns so, was leben heißt.

Die Sonne hat den Lauf vollbracht,
Und Abendröte, Mitternacht.

Im ersten matten Dämmer thront
Der blasse, klare Morgenmond.

Und langsam frißt und frißt die Zeit
Und frißt sich durch die Ewigkeit.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Beiläufiges zu Caspar David Friedrich

Caspar David Friedrich, "Mönch am Meer", unrestauriert

Verschafft der Firnis des Alterns einem Artefakt eine besondere Würde?  Oder bewegen wir uns in einer Ursprünglichkeitsfalle, weil wir die Zeit besiegen zu können meinen.

"Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegrenzte Wasserwüste hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß man hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum Leben vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Flut, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken, den Einem die Natur tut.

Dies aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz.

...und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlider weggeschnitten wären."

So Heinrich von Kleist, u.a. Worte anderer adaptierend. Ich habe dazu hier auch einmal einigen Quark geschrieben. Jetzt ist das Bild restauriert. Ich sollte dringend in die Reichshauptstadt, wo sie doch sozusagen um die Ecke liegt. Denn, was ich von den dürftigen veröffentlichten Bildern im aufgeregten Feuilleton (das gibt es also doch noch, man sehe etwa dort und dort, und hier ist das Bildbeiwerk am überzeugendsten) sehen kann:

Das ist ja fast Biedermeier. Nun gut es war die Zeit. Aber dazu der obige Text? Sind wir 200 Jahre später schon so verroht, das nur noch irgendwie „nett“ finden zu können. Ich bin fasziniert und eigentlich sprachlos. Und das vor diesen Bildschnipseln.

Der Mönch stehe auf kargem Sand vor einer leeren anstürmenden Unermeßlichkeit ohne Orientierung, ein Mensch standhaltend der Unendlichkeit und dabei zugleich ein Teil dieser Unendlichkeit werdend. Das ungefähr hatte ich geschrieben.

Er steht da immer noch in einem kaum faßbaren Raum. Dennoch ist alles so klar geworden. Der Mönch am Strand, das Meer wie eine schmale Brücke zur Unendlichkeit, alle Dissonanzen, Variationen und Harmonien von Blau sind anwesend, die sich um so mehr klären, je mehr man nach oben blickt. Die Sichtbarmachung der Transzendenz.

Der spätere Friedrich Wilhelm IV. konnte als Halbwüchsiger seinen eher schlichten Vater dazu überreden, dieses und das Partnerbild zu erwerben. In der Jugend hat man halt noch manchmal Einsichten. Wie gesagt, ich muß da dringend hin.
nachgetragen am 22. Januar

Kleiner Nachtrag

Eben stolpere ich über einen Beitrag, der die Presse zu diesem Ereignis viel hingebungsvoller abbildet als mir dies jemals vergönnt sein wird; sollte man durchaus lesen, so das Sujet konveniert.
nachgetragen am 30. Januar

Donnerstag, 6. Februar 2014

Gerhard von Kügelgen

Caspar David Friedrich: "Kügelgens Grab"

So ist es oft mit den Sachen, man faßt einen gewissen Entschluß und heraus kommt etwas ganz anderes. Gerhard von Kügelgen war ein naher Freund Caspar David Friedrichs, und ebenfalls Maler dazu, kein übler übrigens, wenn auch heutzutage recht unbekannt, nun ja. Er starb am 27. März 1820, genauer gesagt, wurde er dann ermordet, geboren wurde er am 6. Februar 1772.

Nicht nur, weil ich an diesem Ort dann und wann, unzulänglich natürlich, über Friedrich geschrieben habe, schon seinetwegen wollte ich an ihn erinnern und verlor mich in den herzerwärmenden Jugenderinnerungen seines Sohnes, die lange ungelesen in meinem Bücherschrank verstaubten (übrigens ein Kultbuch der gebildeteren deutschen Stände (ja, das gab es auch einmal) bis in das vergangene Jahrhundert hinein (mein eigenes antiquarisches Exemplar hat eine rührende Widmung von "Weihnachten 1956").

Wer sich in die Mordtat vertiefen will, findet hier einen recht ausführlichen zeitgenössischen Bericht, über besagten Urheber etwa die nachfolgende Aussage:

„Immer schon ein sehr einsilbiger Mensch, wollte man auch etwas Tückisches in seinem Benehmen bemerkt haben. Wenn von den Mordtaten gesprochen wurde, zeigte er sich gleichgültig und unbefangen. Festigkeit des Charakters war ihm nicht abzusprechen, aber er war gefühllos und eitel. Aus einigen seiner sparsamen Äußerungen über sein früheres Leben ließ sich vermuten, daß er die Kunst, seine Umgebung zu täuschen, in hohem Grade verstanden haben muß. Er gewann stets zunächst Zutrauen durch sein einnehmendes Äußeres. 'Das Spiel mochte die Gefühllosigkeit in ihm ausgebildet haben, die das Gräßlichste ruhig vollzieht, wenn nur die augenblickliche Begierde dadurch gestillt wird. Ohne rauh gegen andere zu sein, vielmehr gefällig im Umgange, betrachtete er doch die Menschen mit tierischer Gleichgültigkeit.'“

„Kaltofen war eine harte Natur, die allen moralischen Eindrücken von außen widerstand und eher gewohnt war, durch Täuschung auf andere einzuwirken.“

Von Kügelgens ältester Sohn, so ist anzunehmen, ist mit seinem Leben zum Ende hin nicht wirklich glücklich geworden - wer wird das schon - aber er hat doch sich dabei irgendwie an einen inneren Ort zurückziehen können, der ihm das erwähnte Erinnerungsbuch gestattete, das übrigens genau mit einem noch unsicheren Bericht über die Mordtat endet. Aus Briefen:

"Meine Liebe greift nach dem zurück, was vergangen ist; die Gegenwart ist blutarm und die Zukunft schwarz und finster wie der Tod.“ Und: „Die Jugend, die Vorbereitung zum Leben, erscheint doch immer wie der Kern des Kometen, das eigentliche Leben wie der Schweif, der sich allmählich in Nichts auflöst.“

Fast kommt einem da Lenaus "Herbstgefühl" widerstrebend in den Sinn.

Gerhard von Kügelgen: "Porträt des Caspar David Friedrich"

Ich will doch, ganz vom Anfang seines Buches, zwei Passagen bringen, in denen er sich in gewisser Weise recht gibt und auch heimlich wieder widerspricht, sie sind etwas länger aber es lohnt sich, der „Rest“ findet sich nach diesem Link.

„Wenn wir im Garten spielten, schloß sich uns häufig als Dritter im Bunde noch ein kleiner Barfüßler von unserem Alter, der Sohn des Gärtners, an. Er hieß Fritz Pezold und gewann durch folgenden Vorfall für mich Bedeutung.

Eines schönen Morgens nämlich weiß ich nicht, wo Frau Venus hingekommen war, genug, sie ließ uns ohne Aufsicht; wir aber amüsierten uns mit einigen zugelaufenen Nachbarskindern, welkes Laub aufzulesen und dieses über das Geländer der kleinen Brücke in die Katzbach zu werfen. Dann liefen wir einige dreißig Schritte abwärts, wo zum Behuf des Wasserschöpfens an tiefer Stelle ein schmales Brett über den Bach gelegt war, um, auf diesem kauernd, die kleinen goldenen Schiffchen wieder aufzufangen.

Mit welchem Eifer wir dies trieben, und wie wir dabei schrien und uns erhitzten, wird jeder ermessen können, der auch einmal ein kleiner Junge war. Ich war den anderen vorausgeeilt und hockte bereits jubelnd auf dem schwanken Stege, als dieser umschlug und ich kopfüber ins Wasser schoß. Die erschrockenen Freunde stoben auseinander, verschwanden durch Hecken und Zäune, wo sie hergekommen waren, und ich selbst gab mich sogleich verloren.

Nicht so Fritz Pezold. In dem Augenblicke, als ich versank, sprang er entschlossen auf den Steg, griff in die Tiefe, packte meine Haare und schrie, daß ihm die Lungen bersten wollten, nach seinem Vater. Zwar brachte er mich mit dem Kopfe übers Wasser, doch nicht weiter, und ich dachte jeden Augenblick samt meinem Freunde zu ertrinken, denn das kleine Brettchen schwankte hin und wieder wie eine Schaukel.

Dennoch erinnere ich mich sehr deutlich, daß ich keine Angst empfand, mich vielmehr freute, nun alsogleich in den Himmel einzugehen und mit meiner lieblichen Schwester Maria vereint zu werden. Fast glaube ich, daß ich bereits Wasser geschluckt hatte und halb tot war, denn ich verhielt mich völlig leidend und tat selbst nicht das geringste zu meiner Rettung. Aber das weiß ich, daß mir's zumute war wie Kindern, die am Weihnachtsabend in dunkler Kammer an der Türe drängen: gleich wird sie aufgehen und der Baum in seinem Glanze stehen.

Indessen sollten mir die Paradiesespforten noch verschlossen bleiben, und der Cherub, der den Eintritt wehrte, war Fritz Pezold. Sein Mark und Bein durchdringendes Zetergeschrei hatte endlich das Ohr des Vaters erreicht, der nun wie ein angeschossener Kater mit weiten Sätzen über seine Gemüsebeete herbeiflog und mich herauszog. Triefend und mit schwarzem Schlamm überzogen, hing ich wie ein erschlagener kleiner Maulwurf in seinen Händen, als er mich den Eltern brachte.“

„Ein zweiter, ebenfalls literarischer Hausgenosse, den meine Eltern schon von Petersburg her kannten, wo er sich früher als Erzieher aufgehalten, hieß Onkel Lais. Obgleich noch ein junger Mann, lebte Lais kränklichkeitshalber doch sehr zurückgezogen. In seinem Dachstübchen war er immer anzutreffen, studierend oder für Journale schreibend, in Mußestunden aber oder des Abends suchte er Aufheiterung in unserem Familienkreise und gab sich dann namentlich gern mit mir ab. Er machte Feuerwerk, Papierlaternen, Drachen, lehrte mich Kartenschlösser bauen, mit der Armbrust schießen und dergleichen Kurzweil mehr. Das Beste entstand jedoch an traulichen Winterabenden. Während meine Mutter vorlas und mein Vater kleine Götter- und Heroengestalten aus Wachs modellierte, pappte Lais für mich eine elegante Ritterrüstung, die er mit Silberpapier beklebte, und welche sehr viel schöner ausfiel als alles, was man damals für Geld kaufen konnte. Dazu wurden Schwert und Lanze und ein ausgelassenes Steckenpferd gefertigt, das nur mit Mühe zu regieren war.

So ausgerüstet pflegte Onkel Lais den jungen Ritter des Abends durch dunkle Zimmer und Gänge nach den entferntesten Regionen der Wohnung auszusenden, um gewisse Ungeheuer, die sich dort aufhalten sollten, zu erlegen. Dann freute er sich an den lebendig dargestellten Erlebnissen des allezeit siegreich Zurückkehrenden und war unerschöpflich in neuen Aufträgen und Erfindungen.“

Gerhard von Kügelgen: "Allegorie der Trauer"
beendet am 7. Februar

Donnerstag, 5. September 2013

Caspar David Friedrich, Prosit!

Caspar David Friedrich, "Das Große Gehege bei Dresden"

„Der Knabe, den es aus der Enge zu Hause in den Wald hinaustrieb, um, wie er glaubte, zu träumen und allein zu sein, erlebte dort die Aufnahme ins Heer voraus. Im Wald standen schon die anderen bereit, die treu und wahr und aufrecht waren, wie er sein wollte, einer wie der andere, weil jeder gerade wächst, und doch ganz verschieden an Höhe und an Stärke.“

Ich gestehe, es ist selten, daß mich ein alter Beitrag in die Rührung treibt, hier aber war es so, es ging eigentlich um den Mangel an See-Gedichten im Deutschen und wie Elias Canetti unsere Seele im Wald fand. Ich bin mir jetzt auch fast sicher, wohin ich diesen Blog umbenennen muß. Ist es beckmesserisch anzumerken, daß der deutsche Wald, von dem Canetti so fasziniert ist, eine Schöpfung ungefähr des 18. Jahrhunderts darstellt? Und eben lese ich, daß etwa ein Drittel Deutschlands (anwachsend) von Wald bedeckt wird. Man fühlt sich gleich besser.

Caspar David Friedrich, "Hünengrab im Schnee"

Recht eigentlich geht es um Caspar David Friedrich, der am 5. September 1774 in Greifswald geboren wurde (ich schaute ein wenig nach dem Unsinn, den ich bisher über ihn geschrieben hatte). Die Herren Storm und Fontane mögen mir verzeihen, bitte, aber einen überragenden Dichter des deutschen Nordens hatten wir bisher nicht, einen Maler schon. Gemeint ist, jemand stößt mal eben an die Grenzen des Himmels und reklamiert so sein Eigentum, und ist so eins geworden mit einer Landschaft, daß man deren Grammatik besser nach ihm benennen müßte, so ist Caspar David Friedrich.

Caspar David Friedrich, "Meeresküste bei Mondschein"

Und ist es frivol, Dahingeschiedenen einen verspäteten Geburtstags-Glückwunsch hinterherzuschicken? Da wir alle unter der Ewigkeit stehen, denke ich, nein. Ewigkeit. Ich wüßte niemanden der sie so exakt erfaßt und beschrieben hätte, wie unser CDF. Man braucht sich nur vor eines seiner Bilder zu setzen und lernt, lernt darüber für sein ganzes verbleibendes Leben.

Caspar David Friedrich, "Nacht in einem Hafen" (Schwestern)

nachgetragen am 6. September

Samstag, 10. November 2012

Greifswald



Wir sind in Pommern, in Vorpommern genauer gesagt, noch genauer in der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, eine der wenigen Städte, die den 2. Weltkrieg zunächst überstanden hatte und erst in den Zeiten danach in einen Zustand versetzt wurde, als hätte sie es nicht, zum Glück nur teilweise. Aber auch Nicht-Kommunisten sind durchaus zu Barbarismen fähig, das nur am Rande (gern auch mit dem Mitgliedsbuch einer vorgeblich christlichen Partei).

Eigentlich wollte ich lediglich die Bilder sprechen lassen, aber ich muß doch unbedingt loswerden, daß, wie ich höre, hier das einzige Denkmal für Caspar David Friedrich zu finden ist. Ich war dort eingeladen, ein paar nichtssagende Worte vorzutragen, und Menschen waren so höflich zuzuhören, aber dazu vielleicht später mehr.











Mittwoch, 5. September 2012

See - Stücke II


Theodor Storm

Meeresstrand

Ans Haff nun fliegt die Möwe
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton;
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Die letzten beiden Zeilen sind im Grunde unübersetzbar und zeigen uns, wie man mit 9 Worten ein ganzes Zauberreich von Bedeutungen in die Luft werfen kann, und dieses sinkt nun langsam herunter, und wir laufen dem Eindruck noch hinterher, bis er ganz verschwunden ist. Nun, ganz verschwunden wird er nie sein.

Es ist ein großes Gedicht. Wie ich auf das Stichwort „Übersetzung“ komme? Herr Prof. Aue hat auch dieses ins Englische übersetzt, es findet sich schon länger in der Liste meiner Übersetzungen.

Die Zahl bedeutenderer deutscher See-Gedichte ist, wenn ich es recht sehe, überschaubar. Und ein Gedicht, das dem „Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich an die Seite zustellen wäre (siehe oben), gibt es im Deutschen, soweit ich weiß, bisher nicht. Es gibt Interessantes bei Brockes (bringe ich im Anschluß), natürlich Storm, Heine (nun ja), „Böhmen liegt am Meer“ von Frau Bachmann. Und noch ein wenig mehr.

Man mag einwenden, Deutschland sei ein Binnenland, und sein Gesicht war nicht nach Norden gerichtet, die Sehnsucht ging eher nach Süden. Vielleicht. Natürlich formt auch der Ort, an dem jemand lebt, seine geistige Physiognomie, wie dessen Geschichte, die Verletzungen und Abgründe der Vergangenheit. Der Strom des Lebendigen, der jemanden trägt, der in dunklen, schmutzigen und hell-glänzenden Farben erscheint und dabei so unendlich Verschiedenes mit sich führt. Aber alles in allem, gibt es eher ergreifende Gedichte über den Wald als über das Meer.

Elias Canetti hat bekanntlich darauf eine ganze Völkerpsychologie gegründet (in „Masse und Macht“): „In keinem modernen Land ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland.“ Das Heer, in dem sich der Deutsche geborgen wähnte, sein „Massensymbol“, sei der marschierende Wald. „Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit Bäumen.

Ihre Sauberkeit und Abgegrenztheit gegeneinander, die Betonung der Vertikalen, unterscheidet diesen Wald von dem tropischen, wo Schlinggewächse in jeder Richtung durcheinanderwachsen. Im tropischen Wald verliert sich das Auge in der Nähe, es ist eine chaotische, ungegliederte Masse, auf eine bunteste Weise belebt, die jedes Gefühl von Regel und gleichmäßiger Wiederholung ausschließt. Der Wald der gemäßigten Zone hat seinen anschaulichen Rhythmus. Das Auge verliert sich, an sichtbaren Stämmen entlang, in eine immer gleiche Ferne. Der einzelne Baum aber ist größer als der einzelne Mensch und wächst immer weiter ins Reckenhafte. Seine Standhaftigkeit hat viel von derselben Tugend des Kriegers...

Der Knabe, den es aus der Enge zu Hause in den Wald hinaustrieb, um, wie er glaubte, zu träumen und allein zu sein, erlebte dort die Aufnahme ins Heer voraus. Im Wald standen schon die anderen bereit, die treu und wahr und aufrecht waren, wie er sein wollte, einer wie der andere, weil jeder gerade wächst, und doch ganz verschieden an Höhe und an Stärke.“

Ich habe kürzlich gelesen, eine neue Statistik könne die behauptete Neigung der Deutschen zum Wald widerlegen, denn nur ein geringer Prozentsatz würde ihn demnach tatsächlich aufsuchen. Nun, es heiratet auch nicht jeder seinen Jugendschwarm. Es gibt zuviel Unsinn, der einem täglich zugemutet wird, vom Politischen vollständig zu schweigen. Aber weg davon.

Canetti endet mit der erstaunlichen Conclusio:

„Der Engländer sah sich gern auf dem Meer; der Deutsche sah sich gern im Wald; knapper ist, was sie in ihrem nationalen Gefühl trennte, schwerlich auszudrücken.“ Von den Engländern wollen wir diesmal schweigen. Obwohl, wo ich Ingeborg Bachmann erwähnte, „Abschied von England“ ist auch ein großes Gedicht, und fast ein See-Gedicht.
nachgetragen am 7. September

Dienstag, 6. September 2011

C. D. Friedrich & andere Nachträge

Caspar David Friedrich, "Meeresstrand im Nebel"
um 1807, hier gefunden

„Wird gerade geschrieben, wieder einmal“ hatte ich hier kürzlich versprochen, wenn es dann nicht zustande kommt, ist es meist ein Mix aus äußeren und inneren Hinderungsgründen. Es ist vielleicht nicht ganz leicht zu finden, aber ich hatte einmal eine Serie zu Caspar David Friedrich versucht, durchwachsen das Ganze, aber manches mag nicht völlig sinnlos sein (Die Abtei im Eichwald, Über Orte und Zeiten, Über das Göttliche, Über Abgründe, Einmal mehr über den Mond, Der Unendlichkeit standzuhalten).

Caspar David Friedrich wurde am 5. September 1774 geboren, aber der Montag war schon so unglücklich vollgestopft. Und dann hoffte ich, mit würde noch etwas Mitteilenswertes zu ihm einfallen, tat es aber nicht. Immerhin stieß mich der Blogger Jay mit seinem Beitrag über „La clemenza di Tito“ auf diese Arie von Hasse:



Aber unter dem heutigen Datum wurde auch 1686 Jean-Baptiste Lullys „Acis et Galatée“ uraufgeführt, es mag überraschen, aber ich mag ihn wirklich, seine federnde Leichtigkeit etwa, und natürlich die Eleganz, was sonst.



Und damit wir uns nicht völlig im Angenehmen verlieren, ich meine natürlich die Variante, die uns unangetastet läßt; und da der Kontrast gemeinhin erfreut, an einem 6. September (1998) ist auch noch ein grandioser Filmemacher gestorben - Akira Kurosawa, das nachfolgende Stück gibt einen Geschmack davon, wie verwirrend der Dschungel des Moralischen sein kann, mitunter.



zu Ende geschrieben am 8. September

Montag, 17. Mai 2010

Dies & Das



Dieser Post hat eigentlich nur den Zweck anzuzeigen, daß ich einmal mehr einen Beitrag nachgeliefert habe. Man mag das albern finden, aber da es sich nicht um etwas Tagesaktuelles handelt, dürfte es unschädlich sein. Es sind ein paar Gedanken zu einem Gemälde von Caspar David Friedrich - "Abtei im Eichwald". Und damit diese Nachricht nicht so dürftig bleibt, habe ich noch ein Bild vom blühenden Boskop-Apfelbaum dazugegeben.

Freitag, 7. Mai 2010

Die "Abtei im Eichwald" nebst einigen Bemerkungen


Caspar David Friedrich
Abtei im Eichwald, 1809/10
hier gefunden

„Es ist ein Jammer, wieviel herrliche Menschen dem erbärmlichen Sinn der sogenannten Aufklärung und Philosophie haben erliegen müssen und wie elend und auf welch schlechtem Grund die ganze Kunst heutigen Tages steht. Diesem Elende nun abzuhelfen und mein ganzes Leben daranzusetzen, um zu erforschen, ob wir auf unsre geoffenbarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan.“ So Philipp Otto Runge in einem Brief (um 1801 herum) und so der Maler an anderer Stelle: „Ich wollte, ich könnte Dich einmal vor die Madonna von Raffael und zugleich vor den Jupiterskopf der Alten stellen, ich wollte Dir deutlich zeigen, wie die Liebe und das Leben allein durch Christum in die Welt gekommen ist.“

Diese ist eine schauerliche Reproduktion von C. D. Friedrichs „Abtei im Eichwald“, sie gibt allenfalls eine grobe Ahnung von dem Bild, ich kann das deshalb sagen, weil ich glücklicherweise das Original direkt anschauen durfte. Und ich gebe zu, ich sage das etwas mit schlechtem Gewissen, da ich schließlich die Reproduktion von jemand anderem benutze und zudem eine Ahnung habe, wie schwer dieses Bild wiederzugeben ist. Aber ich mußte es loswerden, weil sonst unverständlich bleiben wird, warum man soviel Aufhebens davon macht

Ich habe vor einiger Zeit einmal eine Serie mit (eher dürftigen) Bemerkungen zu Werken Caspar David Friedrichs begonnen (man findet die Verweise auf der rechten Seite) und wollte wenigstens noch dieses Bild hinzufügen. Die "Abtei im Eichwald" ist das Gegenstück zum „Mönch am Meer“, geschaffen für die Berliner Akademie-Ausstellung 1810, wo beide Werke von König Friedrich Wilhelm III. auf Wunsch des Kronprinzen erworben wurden.

Ich habe eingangs Runge zitiert, weil beide von verwandter Geisteshaltung waren, aber von Runge prägnantere Äußerungen überliefert sind (leider ist er früh verstorben), bei Friedrich hat man sich eher an die Bilder zu halten. Nicht daß es von ihm nicht auch Erhellendes gäbe, etwa: „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht.“ „Ein Bild muß nicht erfunden, sondern empfunden sein.“

Carl Gustav Carus hat dieses Gemälde „vielleicht das tiefsinnigste poetische Kunstwerk aller neueren Landschaftsmalerei“ genannt. Was sehen wir: Eine Kirchenruine inmitten von kahlen Eichen, die in statuarischer Symmetrie bizarr aufragen, ein Leichenzug geht an dem offenen Grab vorbei und durchschreitet das Portal eines Raumes, der lange vergangen ist, hin zu einem Kruzifix, das im Eingang sichtbar wird. Es ist der Leichenzug des Mönches vom Meer. Wir werden förmlich hineingezogen in dieses Bild, in diesen Raum von unendlicher Weite, als ob wir uns eben diesem Zug anschließen müßten.

Hebräer 13,14 kommt einem in den Sinn: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Die Ruine der Kirche erinnert an die Klosterruine Eldena bei Greifswald, die nahe am Meer liegt, also wieder das Motiv des Meeres, wenn auch verborgen. Zusammen mit den Eichen steht sie vor dem diffus leuchtenden Hintergrund, nicht wie eine Schranke, sondern sie markieren den Durchgang zu etwas, das sich nur in der Andeutung darstellen läßt. Das Maßwerk der Ruine läßt sich wohl als Sinnbild der Ordnung interpretieren, während die Eichen für heidnische Wildheit stehen. Aber hier kommt mehr zusammen, ein von Menschen geschaffener schöner Bau, der wieder in die Natur zurückfällt, das Zusammenfinden von Natur und menschlicher Schöpfung, eine Kirche, die noch als Fragment auf ihren Ursprung verweist, wie eine Chiffre. Das ganze Bild ist eine solche, die Natur wird zur Chiffre Gottes, so wie der zunehmende Mond auf Christus verweist.

Es ist dies kein düsteres Bild, keines über Erstarrung, Tod, Vergängnis. Es ist eines über den Durchgang, Transition, über das Streben nach Erleuchtung, denn der Zug geht in dies Leuchten, das hinter dem Portal aufscheint. Und in diesem Leuchten wohnt Christus. Man könnte es auch als eine Meditation über die Meditation betrachten. Im Mönch am Meer begegnete uns die statische Kontemplation, nur der Geist des Menschen greift in die Unendlichkeit, im zweiten Bild hingegen ist eine Art Tod eingetreten und der ganze Mensch wird in diese Unendlichkeit getragen, deren Aussehen sich völlig verwandelt hat.

Caspar David Friedrich ist ein großer metaphysischer Maler, einer dem die Natur nicht nur Staffage oder trockenes Sinnbild ist, sondern einer, der die Natur in die Unendlichkeit mit hineinnimmt. Man bezeichnet ihn gern als Pantheisten. Ich bezweifle das, ich glaube, dies Etikett bleibt weit hinter Friedrich zurück. Es genügt dieses eine Bild, um ihn besser kennenzulernen.

Sonntag, 14. Februar 2010

Stiller Sonntag


Caspar David Friedrich
"Hünengrab im Schnee"
hier gefunden

Joseph von Eichendorff

Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab' nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft'ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Samstag, 28. November 2009

Die beiläufige Erfindung eines poetischen Orts - Kosegartens Rügen


Rügen, Stubbenkammer
hier gefunden


Der Titel ist etwas unordentlich, ich gestehe es. Denn ich bin es, der gerade beiläufig auf etwas gestoßen ist: Einen äußerst interessanten Beitrag in einem Blog, den ich gelegentlich lese („Arkona glows in the gleam of the deep-sunken sun” in „Some landscapes“). Der Autor Andrew Ray verweist auf Ludwig Gotthard Kosegarten (1758 – 1818), Pastor von Altenkirchen auf Rügen, Dichter und Professor an der Universität Greifswald, ein einflußreicher und berühmter Mann, er wirkte etwa auf Philipp Otto Runge oder Ernst Moritz Arndt, mit Caspar David Friedrich war er gut bekannt (eine umfängliche Biographie findet sich hier, einige seiner Gedichte kann man an diesem Ort aufsuchen, persönlich finde ich sie allerdings überwiegend unlesbar).

Es spricht nun tatsächlich einiges dafür, daß Kosegarten eine starke Mit-„Schuld“ an der poetischen, gar mythischen Bedeutungssteigerung hat, die Rügen um diese Zeit erfuhr. Herr Ray selbst stützt sich dabei auf einen noch wesentlich interessanteren Artikel, nämlich von Roswitha Schieb: „The Island of Rügen as Mythic Site of Germany”. Sie beschreibt dort sehr detailliert, wie Rügen zu einem immer komplexeren Ort aufwächst, der Königsstuhl gewissermaßen im Geist noch einmal ersteht für den Blick in das Ewige, als Heimat der romantischen Seele, als Heiligtum nationaler Erinnerung und Erneuerung. Das sind meine dürren Worte. Man lese dort besser selbst nach.



Nur noch zu den Bildern. Ich wollte es etwas prosaischer ausklingen lassen. Es ist noch einiges zu sehen, das blüht, das ist erfreulich. Auch wenn ich heute schon die ersten Adventsdekorationen angebracht habe und das einen kuriosen Kontrast ergibt. Der letzte Sturm hat die Rosen ziemlich gerupft, einige Blüten liegen im Gras,



aber andere haben sich halten können.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Beiläufiges


Hünengrab im Winter
hier gefunden

Ich habe diesen Post bedauerlicherweise vernachlässigt, dabei hat eine Reproduktion des obigen Gemäldes "Hünengrab im Winter" lange Jahre auf meinem Schreibtisch gestanden. Es stammt von Johan Christian Clausen Dahl einem norwegischen Malerfreund Caspar David Friedrichs. Da er am 14. Oktober 1857 starb, wollte ich ihn heute nicht gänzlich unerwähnt lassen. Es ist merkwürdig, aber die Artikel über ihn sind eher knapp, selbst die norwegischen; nicht, daß ich diese Sprache beherrschen würde, aber ich dachte zunächst, vielleicht spricht sich da ein nationales Desinteresse aus, denn ich kann ihn so epigonal gar nicht finden. Nun einiges läßt sich noch hier nachlesen.

Übrigens habe ich zum letzten Gemälde Friedrichs, das ich hier vorstellte, die beiden Männer in Betrachtung des Mondes, einige hilfreiche Hinweise erhalten, z.B. den, daß die Beleuchtung ganz unmöglich ist, zumindest so nicht vom Mond herstammen kann, vielleicht sollten wir uns das Bild doch noch einmal genauer anschauen.

Freitag, 9. Oktober 2009

Einmal mehr über den Mond



Ein äußerst liebenswürdiger Gentleman aus dem Staate Washington ist schuld an diesem Anfang, „Butch“, wie er sich dort nennt, von „Butch's Banter“ erinnerte mich an ein Werk vom Anfang der Filmgeschichte von Georges Méliès aus dem Jahre 1902 – „Die Reise zum Mond“ bzw. „Le Voyage dans la Lune“. Dieser Film hat wirklich ganz erstaunliche Bilderfindungen, aber abgesehen davon ist es natürlich auch kurios, wenn man sieht, wie die Darsteller etwa ständig mit ihren Armen wedeln. Aber, wenn man keinen Ton hat, muß man eben mehr in Gebärden machen. Um einen bösen Vergleich zu ziehen, das ist wie heute, wenn man nichts zu sagen hat, muß man umso mehr Staub aufwirbeln.



Das ist überhaupt das Stichwort, seine Bemerkung bezog sich eigentlich auf ein Experiment der NASA von heute, durch den Aufschlag von zwei Flugkörpern auf dem Mond sollten aus der Trümmerwolke Daten erhoben werden, um Beweise für Wasser dort zu finden. Das hat inzwischen stattgefunden, wir wollen hoffen, daß es auch erfolgreich war. Ich glaube, ich habe hier noch nie erwähnt, daß ich ein hoffnungsloser SF- und Naturwissenschafts-Fan bin.


Caspar David Friedrich,
Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, 1819
hier gefunden

Darum sollte es heute nicht unbedingt gehen. Das wäre dann der ursprüngliche Anlaß dieser Bemerkungen, ein Gemälde von Caspar David Friedrich, „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“, von 1819. Es ist so eine Art nationaler Ikone, falls es in diesem übriggebliebenen Land so etwas gibt.

Natürlich geht es bei C. D. Friedrich immer um die allerletzten Dinge: Tod, die Ewigkeit, Gott; aber ist jemandem gerade aufgefallen, daß diese beiden Männer sich umfassen, obwohl sie auf ein Gleichnis des Ewigen schauen. Es ist also kein in Erz gegossenes Naturgesetz, daß das Schauen auf das Ewige in die Vereinzelung treiben muß. Um es mit einem kindlichen Gedanken zu sagen, C.D. Friedrich scheint mitunter wie ein älterer Onkel, der einen fragt, ob er einen bei der Hand nehmen dürfe, um etwas Interessantes zu zeigen.

Diese Bemerkung ist weniger absurd, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag, denn laut Friedrichs Freund Wilhelm Wegener hat er hier sich und seinen 1822 verstorbenen Schüler August Heinrich dargestellt, beide übrigens in altdeutscher Tracht, eine in den Befreiungskriegen aufgekommene patriotische Mode, die sich bewußt auch historischer Reminiszenzen bediente und später zum Zeichen der oppositionellen Studenten wurde. Die ironische Antwort Friedrichs auf die Frage, was es denn mit diesen Männern auf sich habe: "Die machen demagogische Umtriebe", war also durchaus hintergründig.

Diese beiden Männer stehen ersichtlich an einem Hünengrab, auch das ein Hinweis auf, ja was eigentlich? Eine heroische Vergangenheit, die Vergänglichkeit menschlicher Erinnerung, die Last des Gedächtnisses? Wenn etwas wirkliche Kunst ist, läßt es sich nicht auf eine Bedeutung festlegen. Ich hätte jetzt fast geschrieben, wer wollte bestreiten, daß dies große Kunst sei, aber doch, das hat es gegeben, bis noch vor gar nicht so langer Zeit.

Aber die beiden schauen nicht auf das Hünengrab, das liegt hinter ihnen. Sie schauen vorbei an einem halb entwurzelten und verdorrten Baum auf den Mond. Und auch wenn sie vielleicht noch nicht wußten, daß dieser einmal von uns beschossen werden würde, so wird man doch sagen dürfen, daß ihnen dieser Mond eher ein Anlaß ist, ein Zeichen, etwas, das da ist, damit man durch es hindurch in viel weitere Regionen sehen kann, vor denen die Sprache verstummt, die nur das Schweigen erreicht, ein gemeinsames Schweigen.

Zwei Männer, sich zu Nation und Herkommen bekennend, suchen etwas, das über dieses hinausführt.

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Hebr. 13,14

Manche sagen, der Mond stehe hier für das Licht Christi, warum nicht.

Samstag, 19. September 2009

Über Orte & Zeiten - Caspar David Friedrich & Rilke


Neubrandenburg im Morgennebel
hier gefunden

Rainer Maria Rilke

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Day in Autumn

Lord, it is time! Your summer's reign was grand.
Beshadow now the dials of your sun
and let your winds run rough across the land.

The latest fruits command to fill and shine:
For them, let two more warmer days arrive
to push them to perfection and to drive
the final sweetness in the heavy wine.

The man without a house will build no more,
the man without a mate will sole remain,
will wake, will read, write letters long with pain
and walk the boulevards, restless to the core,
where falling leaves are drifting with the rain.

Translation/ Übersetzung
by / von Walter A. Aue

Dies ist eines von Rilkes zu Tode geliebten Gedichten, vielleicht, weil es so einfach und nachvollziehbar wirkt, was es nicht ist. Prof. Aue, der diese Fassung übersetzt hat, muß es ähnlich empfunden haben und hat seinen Hals aus der Schlinge gezogen, indem er sich in die Demut rettete. Er hat Orte benannt, an denen sich ungezählte weitere Übersetzungen finden lassen. Und um sich dieser Demut irgendwie anzuschließen, sie finden sich hier und hier und hier.

Ich gebe zu, das klingt kryptisch, und will eigentlich nur andeuten, man wird hier heute keinen tiefschürfenden Deutungsversuch zu diesem Gedicht finden. In dem müßten etwa Worte auftauchen wie Lebensort, Leben nach der versäumten Entscheidung, Leben mit der verfehlten Erwartung, Leben in der nichterfüllten Zeit.

Abgesehen davon ist es wunderbar zu hören. Das Vergnügen am Lebendigen. Die leichte Erinnerung an Gott, sein fast gelungenes Werk zu vollenden. Was diesem nicht mißfallen haben kann, hat er doch den Menschen geschaffen, weil er ein Gegenüber brauchte, das ihn mit einer Antwort aus dem Alleinsein erlöst (die „Gottesebenbildlichkeit“ des Menschen hat viele Seiten)...

Und jetzt haben wir immer noch nichts zu diesem Bild gesagt. Kurioserweise stellt es den Ort dar, an dem ich gerade meine Tage zubringe. Nahezu. C. D. Friedrich hat ein Werk über die Heimatstadt seiner Großeltern gemalt, das diese Stadt merkbar näher an den Himmel heranrückt und vielleicht etwas der Erdenschwere entzieht. Neubrandenburg hat zwar Berge um sich herum, aber nicht diese Berge, und der Himmel des Bildes ist eher ein überirdischer.

Und um noch kurz bei den Details zu verweilen: Das heidnische Hünengrab verdeckt zwar dem Betrachter den Fortgang des Wegs, aber die Wanderer im Bild sind sich ihres Ziels sehr gewiß. So wird das Vorläufige zum Gleichnis des Ewigen und zu einem Anlaß der Übung, das Ewige zu erlernen. "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesichte. Jetzt erkenne ich‘s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin." Erster Brief des Paulus an die Korinther, 13. Kapitel, Vers 12. Bekannt? Gewiß.

Und wo ich gestern an Pink Floyd erinnert hatte, sollte ich wohl doch erwähnen, daß Richard Wright, der Schöpfer des nachfolgenden Stückes, vor wenig mehr als einem Jahr, am 15. September 2008 verstorben ist.


Sonntag, 13. September 2009

Über das Göttliche - Caspar David Friedrich - 2 Bilder


Schwäne im Schilf
hier gefunden

Es ist vielleicht nicht gänzlich unangemessen, an einem Sonntag an das Göttliche zu erinnern. Jemand könnte einwenden, er sähe aber bloß Schwäne. Nun: „Das Göttliche ist überall, auch im Sandkorn, da habe ich es einmal im Schilfe dargestellt.“ Das sagte Friedrich selbst dazu.

Man sehe mir bitte nach, daß es heute nur einige sparsame Bemerkungen im Fortgang unserer kleinen C. D. Friedrich – Besichtigung gibt. Finden Sie mich denn auch so einförmig?“, fragte einmal Caspar David Friedrich den Dichter Friedrich de la Motte Fouqué, als dieser ihn im Atelier besuchte: „Man sagt, ich könne durchaus nichts malen als Mondschein, Abendrot, Morgenrot, Meer und Meeresstrand, Schneelandschaften, Kirchhöfe, wüste Heiden, Waldströme, Klippentäler und Ähnliches.“ Dieser revanchierte sich mit einem Sonett, in dem er über eben dieses Schilf von „kühn verschlungenen Domeshallen“ schrieb.

Vielleicht war Friedrich in diesem Moment seiner eigenen Bedeutungsschwere etwas überdrüssig geworden, weil er nie einfach nur flache Szenerien abmalen konnte, sondern mit seinen Landschaften immer zugleich etwas erzählen mußte über Verzweiflung und Vergänglichkeit, Vergebliches und Einsamkeit, Todeserwartung und Hoffnung auf Erlösung, weil er durch die Dinge hindurchsah, nein genauer, weil er in den Dingen keine Kulisse sah, sondern weil er wußte, daß die Dinge in einer Tiefe ruhen und aus ihr erwachsen, die uns zugänglich ist, die er zugänglich zu machen in der Lage ist.

Es gibt ja diese simplen Erklärungen, daß er halt ein wenig depressiv war, weil er als 13järiger mit ansehen mußte, wie sein Lieblingsbruder Christoffer ertrank, nachdem dieser ihn gerettet hatte. Natürlich ist derart Biographisches von der Art, mit der jemand sein Leben lang zu ringen hat. Man übersieht dabei, daß in all seinen leeren Landschaften, seinen totenstillen Winterstücken, seinen sterbensmelancholischen Herbstbildern das Göttliche anwesend ist.

So erinnert das Schilf an eine gotische Kirche, das unwirkliche Dickicht weist auf das Jenseitige, zu dem Schwänen eine besondere Beziehung nachgesagt wird, der Abendstern, der zugleich der Morgenstern ist, erscheint, über allem aber als letzter Fingerzeig der zunehmende Mond, ein Zeichen anwachsender Hoffnung.

Und während bei diesem Bild gewissermaßen die Natur zur Architektur wird, sinkt bei dem zweiten das von Menschen Gebaute längst wieder in die Natur zurück, es wohnt mit ihr im Einverständnis und schließt sich um den Sonnenuntergang wie ein Rahmen, der darauf hinweist, daß hier Bedeutendes vor sich geht, und gelehnt an diesen Rahmen sucht der Mensch, lauscht, schaut.


Klosterruine Oybin (Der Träumer)
hier gefunden

Mittwoch, 9. September 2009

Über Abgründe - Caspar David Friedrich - Bild 2


Wissower Klinken, April 2004
hier gefunden

Am 24. Februar 2005 stürzten die Wissower Klinken ins Meer und die Insel Rügen verlor eines ihrer Wahrzeichen, bei einem nachfolgenden Abbruch wurde sogar eine junge Frau erschlagen. Vor 69 Millionen Jahren aus den Überresten winziger Tiere wie etwa Kalkalgen entstanden, wurden die Kreideschichten mit dem Ende der letzten Eiszeit emporgehoben. Seitdem nagt die Erosion daran und es kommt immer wieder zu Abbrüchen, vor allem, wenn in Winter und Frühjahr Schnee- und Regenwasser gefriert und auf die Kreide drückt, die dann bei Tauwetter herabstürzt. Diese beiden Bilder zeigen jeweils den Zustand vor und nach diesem Ereignis.


Wissower Klinken, August 2005
hier gefunden

Es wurde damals allgemein beklagt, daß damit das Vorbild für Caspar David Friedrichs Gemälde "Kreidefelsen auf Rügen" untergegangen und der Ort gewissermaßen nur noch in der Kunst erhalten geblieben sei. Wenden wir uns doch etwas näher diesem berühmten Bild zu, schließlich ist das der Anlaß dieser Bemerkungen.



Vor uns tritt die fröhliche Farbigkeit eines Hochzeitsbildes, hätten wir ein Bild wählen wollen, das dem kürzlich gezeigten nahesteht, hätten wir ein anderes aufsuchen müssen, aber wir mochten noch nicht. Denn hier ist alles licht und klar, unbeschwert und entspannt und atemberaubend, die Aussicht meine ich.

Ein Hochzeitsbild? Nun, es ist nach einer Hochzeitsreise entstanden, die ihn und seine Frau Caroline Bommer 1818 über Greifswald, Wolgast und Stralsund nach Rügen brachte, es befindet sich heute im Museum Oskar Reinhart in Winterthur. Die Farben leuchten, die Landschaft ist spektakulär, die Gesellschaft gelöst, so heiter gelöst, daß sie sich einen kleinen Nervenkitzel gönnt. So könnte man meinen.

Ich glaube, Friedrich wollte ein Bild malen, das einen freundlichen ersten Blick bereithält, vielleicht für die vielen, die Kunst nur als Dekoration auffassen können und die alles weitere verschrecken würde.

In der Kunst sind bekanntlich 2 Dinge ganz hilfreich, Wissen und Sehen können. Nicht leidlich hinreichend zu wissen, also wurstige Ignoranz, ist schon recht fatal, aber nicht sehen zu können, macht die Sache aussichtslos. Und da gestehe ich, dankbar zu sein, mir von jemandem wie Helmut Börsch-Supan Dinge zeigen lassen zu dürfen.

Also schauen wir genauer hin, eine Frau in Rot (wohl seine Gattin, in einer Farbe, die in seiner Farbsymbolik für die Liebe steht), sie hat einen halbwegs sicheren Platz eingenommen und hält sich an einem nahezu verdorrten Strauch fest, aber sie zeigt auf etwas mit einer mitteilsamen Geste, sucht also nach einem Gespräch.

Die mittlere Gestalt, wohl Friedrich selbst, ist über den Abgrund gebeugt und schaut gefangen in die Tiefe, klammert sich dabei ans Gras, den Hut demütig neben sich, sein Rock im Blau des Glaubens, das ihn mit Himmel und Meer verbindet.

Die dritte Gestalt sucht keinen Halt, gegen einen Baumstumpf gelehnt, einen Fuß hinter dem Abgrund, von ein paar dürren Zweigen gestützt, blickt er über den Abgrund hinweg in die Ferne, vielleicht zu den Schiffen, vielleicht in den Himmel, eher noch durch dieses hindurch ins Unbestimmte. Sieht er in den Schiffen ein Sinnbild der Seele, die ins Ewige aufbricht. Diese Zweige könnten jederzeit brechen.

Die Ausflugsgesellschaft hat sich also nahe am Abgrund angesiedelt, die heitere Farbigkeit läßt daran zunächst gar nicht denken, vielleicht auch, weil das Gras am Rande eine Vertrautheit vortäuscht, die keinerlei Sicherheit bietet, im Gegenteil, nackter Fels wäre sicherer.



Zum vertrauenerweckenden Gras fällt mir etwas Kurioses ein:



Als ich vor Jahren einmal auf den „Cliffs of Moher“ stand, die sich an der irischen Westküste befinden und um einiges eindrucksvoller sind als unsere Rügen’sche Kreideküste, tat ich das, was alle taten, ich ging vor und nicht hinter der Begrenzungsmauer entlang, die sich über einige Entfernung dort oben entlangzieht.



Dieses Bild gibt einen noch sehr geschmeichelten Eindruck von dem Abstand zur Abbruchkante wieder, zumal man ja auch gelegentlich Entgegenkommenden ausweichen mußte. Es gab auf dem Weg durchaus Stellen, wo dieser schmale Streifen bis zur kniehohen Mauer weggebrochen war, da mußte man dann wohl oder übel über diese zurücksteigen. Allerdings dort, wo keine Grasnarbe war und man trotzdem in die Tiefe schauen wollte, da kroch man, was heißt man, ich auf dem Bauch bis an den Abgrund. Und ich muß dazu sagen, daß ich üblicherweise beträchtliche Höhenangst habe.



Ich bin abgeschweift, vielleicht.
Unser heiteres Bild scheint uns etwas Tieferes sagen zu wollen, nicht daß dies jedem auffallen würde, für eine Verfasserin von Artikeln war er der „traurigste, schwermütigste, kindlichste deutsche Künstler“, vermutlich so kindlich wie Hölderlin. Die Begegnung mit Friedrich ist mitunter wirklich mühsam, aber da mußte ich schallend lachen.

Es gibt einen Hymnus, der diesem Bild kongenial ist, ein sehr hintergründiger und auch umstrittener, wie könnte es anders sein:

Media vita in morte sumus,
Quem quaerimus, adiutorem nisi te, Domine?
Qui pro peccatis nostris iuste irasceris.

Sancte Deus, sancte fortis,
Sancte misericors Salvator,
Amarae morti ne tradas nos.

In te speraverunt patres nostri,
Speraverunt et liberasti eos.

Sancte Deus, Sancte fortis…

Ad te clamaverunt patres nostri,
Clamaverunt et non sunt confusi.

Sancte Deus, Sancte fortis…

Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto.

Sancte Deus, Sancte fortis…

Zu Deutsch: „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen…“



Der Tod, der Abgrund ist immer einen halben Fußbreit vor uns. Vielleicht wollte uns C. D. Friedrich auch einfach nur 3 Arten zeigen, wie darauf geantwortet werden kann, zumal in einer sehr heiteren Weise.

Übrigens sind die Wissower Klinken wahrscheinlich erst nach seinem Gemälde in ähnlicher Form entstanden, der Ausgangspunkt dafür existiert noch wenige Kilometer nördlich an der sogenannten Victoria-Sicht, aber er hat wie immer natürlich einiges dazuphantasiert.