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Dienstag, 12. Oktober 2021

Zu einem vorläufig geflickten Topf

Ein Eintrag über eine Petitesse, doch eine nachdenkenswerte. 

Als ich fast gestern einen neuen Topf für die Küchenkräuter kaufte (ja, auch ich lebe in dieser Welt, selbst wenn ich mit ihr zunehmend weniger anfangen kann), stand am bekannten Platz des Wegräumens bald eine ältere, mehr unscheinbare Frau hinter mir. Lassen wir es so. 

Die verbitterte Ungeduld des Alters, die schnell zu mir drang, erzeugte wohl ärgerlicherweise ein schlechtes Gewissen, dazu Hast, sie ließ mich unachtsam werden, der Topf rutschte durch die Finger, fiel zu Boden und, obzwar schon im Behältnis, nahm erwart- und hörbar Schaden. Ein kurzer Fluch von mir...

Und sie blühte auf. Als hätte sie das jahrelang ersehnte und fast schon aufgegebene Kompliment ihres Lebens bekommen.

Die Wut, Unsinn, der Unmut, hat den Schaden auf dem Rückweg sicher vergrößert, aber war das falsch? Man sollte seinen Gefühlen ihr Recht lassen. Und bei der Gelegenheit: Nichts verdirbt so sehr den Charakter, wie immer gut sein zu müssen. 

Mit der Hilfe von Silikon geriet das Ganze dann zu einem Erlebnis herzerwärmend wundersamer Archäologie. Der geflickte Topf wird nicht lange halten, ja, ich weiß Rilke:

"Wir ordnens. Es zerfällt.

Wir ordnens wieder und zerfallen selbst."

Aber. Wir sollten dem Bösen das letzte Wort nie lassen.



Montag, 31. Dezember 2018

Rilke, an einem Silvester-Abend

Rainer Maria Rilke, 1904
im Studio al Ponte im Garten der Villa Strohl-Fern in Rom 

Wo die Zeit, die einstmals so fest gegründet schien, zu verschwimmen beginnt, und ich eben aus dem Zeitendämmer auftauche (nur zur Erinnerung, es ist gerade Silvester, wieder einmal!). Rainer Maria Rilke starb an einem 29. Dezember, nämlich 1926. Mir ist das eben zufällig bewußt geworden, wo ich einen Text, mit dem ich mehr als unzufrieden war, noch einmal las. Er ist also in die Zeitlosigkeit eingetreten.

Wenn ihn 1918 nicht entsetzt hätte, wäre er ein Trumm gewesen. Der sehr überlebensfördernde Herr Klonovsky schreibt öfters, seinerseits Frank-Lothar Kroll zitierend: „Seit 1918 ist doch eh alles egal.“ Ja, das ist wahr, aber sollten wir in dieser Einsicht nur versinken wollen?

Das Erinnern der Ereignisse von vor 100 Jahren ist so niederschmetternd, daß einen natürlicherweise ein Widerwille ankommt, überhaupt etwas darüber zu schreiben… Ich sortiere nur eben das ablaufende Jahr.

Das Zitat von Herrn Rilke, das nachfolgt, ist kein verifiziertes, ich hatte es einem Freund - er wird diese Be-Zeichnung ertragen müssen, wie ich auch - einmal einfach hinübergeschickt. Also sei es so:

 "Den Antrieb begreif ich wohl, wer hätte ihn nicht, wer wünschte nicht das Gut-machen, das Anders-machen, den unmittelbarsten und gemeinsamsten Entschluß zur Menschlichkeit? Nun ist er ja aber nicht  gefaßt worden, weder in Rußland noch anderswo, und er konnte ja wohl auch nicht gefaßt werden, weil kein Gott dahinter steht, der ihn hervortriebe. Was sich mit dem Vorwand dieser neuen Brüderlichkeit ausstattet,  ist eigentlich immer noch der Krieg, das zerstörerische, losgelassene und noch lang nicht beruhigte Element." Diese sinnleere Verzweiflung schreie den Slogan der Brüderlichkeit heraus und widerspreche ihm in jedem Moment, denn es sei das Nachwirken des Krieges, die Rache für mißbrauchte und verheerende Macht, die in bloßen Umsturz münde, "als ob ein aus den Schienen springender Zug ein Bild der Freiheit wäre".

Es sei so verständlich, daß die Menschen ungeduldig geworden seien, aber was wäre nötiger als Geduld; Wunden brauchten Zeit und würden nicht davon heilen, daß man Fahnen in sie einpflanzte: "Irgendwie anders muß die Welt 'ein haltbares Bewußtsein' eingehen, und vielleicht wird das Erste, woran sie sich wiederfindet; ein ganz Unscheinbares, jedenfalls ein Unsägliches sein! Mir scheint das Mindeste Aufbauen, das jeder Einzelne an seiner Stelle versucht, der einfach wieder hobelnde Tischler, der wieder hämmernde Schmied, der wieder rechnende und bedenkende Kaufmann: das sind die Fortschreitenden, das sind die reinen Revolutionäre, je mehr, je stiller und tätiger und werkliebender sie sind, jeder an seinem Platze, sich bemühen."  

Rilke an Anni Mewes, 12. 9. 1919, gegen Heinrich Vogeler

Montag, 17. August 2015

Rilke und das Einhorn

Die Dame mit dem Einhorn, vor 1500 (das Schmecken)

"Es gibt Teppiche hier, Abelone, Wandteppiche. Ich bilde mir ein, du bist da, sechs Teppiche sind's, komm, laß uns langsam vorübergehen. Aber erst tritt zurück und sieh alle zugleich. Wie ruhig sie sind, nicht? Es ist wenig Abwechslung darin. Da ist immer diese ovale blaue Insel, schwebend im zurückhaltend roten Grund, der blumig ist und von kleinen, mit sich beschäftigten Tieren bewohnt.

Nur dort, im letzten Teppich, steigt die Insel ein wenig auf, als ob sie leichter geworden sei. Sie trägt immer eine Gestalt, eine Frau in verschiedener Tracht, aber immer dieselbe. Zuweilen ist eine kleinere Figur neben ihr, eine Dienerin, und immer sind die wappentragenden Tiere da, groß, mit auf der Insel, mit in der Handlung. Links ein Löwe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten die gleichen Banner, die hoch über ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend, in blauer Binde auf rotem Feld. – Hast du gesehen, willst du beim ersten beginnen?

Sie füttert den Falken. Wie herrlich ihr Anzug ist. Der Vogel ist auf der gekleideten Hand und rührt sich. Sie sieht ihm zu und langt dabei in die Schale, die ihr die Dienerin bringt, um ihm etwas zu reichen. Rechts unten auf der Schleppe hält sich ein kleiner, seidenhaariger Hund, der aufsieht und hofft, man werde sich seiner erinnern. Und, hast du bemerkt, ein niederes Rosengitter schließt hinten die Insel ab. Die Wappentiere steigen heraldisch hochmütig. Das Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel umgeben. Eine schöne Agraffe hält es zusammen. Es weht.

Die Dame mit dem Einhorn, vor 1500  (das Riechen)

Geht man nicht unwillkürlich leiser zu dem nächsten Teppich hin, sobald man gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine, runde Krone aus Blumen. Nachdenklich wählt sie die Farbe der nächsten Nelke in dem flachen Becken, das ihr die Dienerin hält, während sie die vorige anreiht. Hinten auf einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen, den ein Affe entdeckt hat. Diesmal sollten es Nelken sein. Der Löwe nimmt nicht mehr teil; aber rechts das Einhorn begreift.

Die Dame mit dem Einhorn, vor 1500  (das Hören)

Mußte nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon verhalten da? Schwer und still geschmückt, ist sie (wie langsam, nicht?) an die tragbare Orgel getreten und spielt, stehend, durch das Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin, die jenseits die Bälge bewegt. So schön war sie noch nie. Wunderlich ist das Haar in zwei Flechten nach vorn genommen und über dem Kopfputz oben zusammengefaßt, so daß es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer Helmbusch. Verstimmt erträgt der Löwe die Töne, ungern, Geheul verbeißend. Das Einhorn aber ist schön, wie in Wellen bewegt.

Die Dame mit dem Einhorn, vor 1500  (Sehnsucht / Begehren)

Die Insel wird breit. Ein Zelt ist errichtet. Aus blauem Damast und goldgeflammt. Die Tiere raffen es auf, und schlicht beinah in ihrem fürstlichen Kleid tritt sie vor. Denn was sind ihre Perlen gegen sie selbst. Die Dienerin hat eine kleine Truhe geöffnet, und sie hebt nun eine Kette heraus, ein schweres, herrliches Kleinod, das immer verschlossen war. Der kleine Hund sitzt bei ihr, erhöht, auf bereitetem Platz und sieht es an. Und hast du den Spruch entdeckt auf dem Zeltrand oben? da steht: „A mon seul désir.“

Die Dame mit dem Einhorn, vor 1500  (das Berühren)

Was ist geschehen, warum springt das kleine Kaninchen da unten, warum sieht man gleich, daß es springt? Alles ist so befangen. Der Löwe hat nichts zu tun. Sie selbst hält das Banner. Oder hält sie sich dran? Sie hat mit der anderen Hand nach dem Horn des Einhorns gefaßt. Ist das Trauer, kann Trauer so aufrecht sein, und ein Trauerkleid so verschwiegen wie dieser grünschwarze Samt mit den welken Stellen?

Die Dame mit dem Einhorn, vor 1500  (das Sehen)

Aber es kommt noch ein Fest, niemand ist geladen dazu. Erwartung spielt dabei keine Rolle. Es ist alles da. Alles für immer. Der Löwe sieht sich fast drohend um: es darf niemand kommen. Wir haben sie noch nie müde gesehen; ist sie müde? oder hat sie sich nur niedergelassen, weil sie etwas Schweres hält? Man könnte meinen, eine Monstranz. Aber sie neigt den andern Arm gegen das Einhorn hin, und das Tier bäumt sich geschmeichelt auf und steigt und stützt sich auf ihren Schoß. Es ist ein Spiegel, was sie hält. Siehst du: sie zeigt dem Einhorn sein Bild –. Abelone, ich bilde mir ein, du bist da. Begreifst du, Abelone? Ich denke, du mußt begreifen.

Nun sind auch die Teppiche der Dame à la Licorne nicht mehr in dem alten Schloß von Boussac. Die Zeit ist da, wo alles aus den Häusern fortkommt, sie können nichts mehr behalten. Die Gefahr ist sicherer geworden als die Sicherheit. Niemand aus dem Geschlecht der Delle Viste geht neben einem her und hat das im Blut. Sie sind alle vorbei. Niemand spricht deinen Namen aus, Pierre d'Aubusson, großer Großmeister aus uraltem Hause, auf dessen Willen hin vielleicht diese Bilder gewebt wurden, die alles preisen und nichts preisgeben. (Ach, daß die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben, wörtlicher, wie sie meinten. Es ist sicher, wir durften nichts wissen als das.)

Nun kommt man zufällig davor unter Zufälligen und erschrickt fast, nicht geladen zu sein. Aber da sind andere und gehen vorüber, wenn es auch nie viele sind. Die jungen Leute halten sich kaum auf, es sei denn, daß das irgendwie in ihr Fach gehört, diese Dinge einmal gesehen zu haben, auf die oder jene bestimmte Eigenschaft hin.

Junge Mädchen allerdings findet man zuweilen davor. Denn es gibt eine Menge junger Mädchen in den Museen, die fortgegangen sind irgendwo aus den Häusern, die nichts mehr behalten. Sie finden sich vor diesen Teppichen und vergessen sich ein wenig. Sie haben immer gefühlt, daß es dies gegeben hat, solch ein leises Leben langsamer, nie ganz aufgeklärter Gebärden, und sie erinnern sich dunkel, daß sie sogar eine Zeitlang meinten, es würde ihr Leben sein...

Sie sind aus guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so ergibt sich, daß ihr Kleid hinten nicht zugeknöpft ist oder doch nicht ganz. Es sind da ein paar Knöpfe, die man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, daß sie plötzlich allein weggehen würden. In der Familie ist immer jemand für solche Knöpfe. Aber hier, lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in einer so großen Stadt... Das ist lächerlich und erinnert an die Familie, an die man nicht erinnert sein will...

Der Weg ist irgendwie enger geworden: Familien können nicht mehr zu Gott...
Sie haben schon angefangen, sich umzusehen, zu suchen; sie, deren Stärke immer darin bestanden hat, gefunden zu werden.

Das kommt, glaube ich, weil sie müde sind. Sie haben jahrhundertelang die ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog gespielt, beide Teile. Denn der Mann hat nur nachgesprochen und schlecht. Und hat ihnen das Erlernen schwergemacht mit seiner Zerstreutheit, mit seiner Nachlässigkeit, mit seiner Eifersucht, die auch eine Art Nachlässigkeit war. Und sie haben trotzdem ausgeharrt Tag und Nacht und haben zugenommen an Liebe und Elend. Und aus ihnen sind, unter dem Druck endloser Nöte, die gewaltigen Liebenden hervorgegangen, die, während sie ihn riefen, den Mann überstanden; die über ihn hinauswuchsen, wenn er nicht wiederkam, wie Gaspara Stampa oder wie die Portugiesin, die nicht abließen, bis ihre Qual umschlug in eine herbe, eisige Herrlichkeit, die nicht mehr zu halten war...".

Die Dame mit dem Einhorn, vor 1500  (Sehnsucht / Begehren)

Soweit also Rainer Maria Rilke in seinen Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Ich wollte ursprünglich gar nichts dazu sagen, und wer sich seine Stimmung erhalten möchte, bricht jetzt besser ab. Rilke war, als er in seinen Roman die sechs bekannten mittelalterlichen Wandteppiche „La Dame à la Licorne“ aufnahm, Sekretär Auguste Rodins in Paris. Seine Deutungen beschreiben mehr und mehr, ich habe den Übergang teilweise mit aufgenommen, vor allem seine Sicht auf "die Frau" in den Verwandlungen der Zeit. Das liest sich mitunter erstaunlich und dann wieder. Und jetzt entlarve ich doch mein Banausentum: Rilkes Prosa (über seine Lyrik wäre derartiges allenfalls zu sagen, wenn man sich unbedingt lächerlich machen wollte, die steht wahrlich für sich) hält für mich oft 2 Pole bereit, atemlose Verblüfftheit und Momente des Fremdschämens.

Letzteres darf jeder finden, wo er will, aber es gibt eben auch Sätze darin wie „Aber es gab natürlich genug, die ihm übelnahmen, daß er an die Vergangenheit nur glaubte, wenn sie in ihm war.“

Ich breche hier besser ab. Nahezu. Die ganze Passage findet sich übrigens hier. Der Bilderzyklus selbst wird nicht nur in oben verlinktem Artikel erklärt, sondern auch sehr nützlich didaktisch, wenn ich das so sagen darf, in diesen beiden Videos (Nr. 1 & Nr. 2).

Der Teil 2 erhob mich (bzw. meine Seele) sogar ein wenig, als er die Haltung des Platoübersetzers und so frommen wie kunstverständigen Philosophen Marsilio Ficino mit den Worten zusammenfaßte: „Die Liebe ist das Verlangen nach Schönheit, und die Schönheit ist Gott.“

Mittwoch, 8. Juli 2015

Wo letzte Ängste leuchten - Gedichte von Maria Wandelt


Mein Gott, welche Schönheit. Durch das geöffnete Erker-Fenster weht der Regen Blätter und Blüten aus dem Schloßgarten. Die größeren Zweige bleiben zum Glück draußen liegen.

Und auf einmal läßt sogar die ramponierte vergessene Spieluhr auf dem Schrank in Form eines Engels wieder Töne hören. Die Bewegung der Luft muß wirklich heftig sein. Vor allem verhilft sie Körper und Gemüt wieder zum Atmen.


Das war gestern. Herr Busse, der u.a. Gedichte von Maria Wandelt herausgegeben hat, überraschte mich diesen Vormittag mit seinem Besuch, an dem ich nicht völlig unschuldig war. Er hat sie quasi als Privatdruck veröffentlicht. Ich konnte ihn nicht erreichen, nur um ihn lediglich zu fragen, ob ich nicht doch ein paar hier bringen könne, besprochen oder unbesprochen. Er stimmte zu meiner Überraschung zu. Offen gestanden, brauchte ich einige Zeit, um einen Zugang zu finden. Aber nachdem ich ihn fand, wollte ich wenigstens etwas davon weitergeben, dies wird folglich keine Besprechung, nur ein Einstieg.

Sein Erinnerungsbuch, zu dem indirekt dieser Link führt, hat ziemlich gewiß klarer, und oft verstörend, das Bild des Menschen hervortreten lassen, der für meine Jugenderinnerungen steht. Sie werden dadurch nicht unwahr, nur das Mosaik der Erinnerung wird größer. Es muß ihn beachtliche Überwindung gekostet haben. Ich habe das dort nur angedeutet.

Es ist nicht verwerflich, wenn Menschen ihr Leben in eine Erzählung verwandeln, wir alle tun das übrigens täglich. Die Frage ist lediglich, wie viel belastbare Substanz in dieser Erzählung enthalten ist. Das war in ihrem Fall verstörend viel, wie aus den nachfolgenden zwei Gedichten deutlich werden kann.

Ich hatte in meinem kleinen  Erinnerungsbeitag angemerkt: „Aber es ist nicht wahr, daß die Dinge von ihrem Ende her gültig sind. Ein Ende kann täuschen und auf Gründen beruhen, die ebenfalls lange zerfallen sind.“


Das ist ein Aspekt. Wichtiger wäre wohl zu sagen, daß sie in den letzten Jahren ihres Verfalls aus ihrem geistigen Leben Worte wie die nachfolgenden entgegenzustellen vermochte.

Und auch, wenn das diesen Gedankengang bricht, unsere Bekanntschaft ist schließlich schon fast vorhistorisch, und wir sind so fremd in vielem gegeneinander, bis heute. Doch in unserer unverhofft 1 ½ stündige Unterhaltung wurde mir deutlich: Er hat das alte Regime aus tiefem Herzen gehaßt. Wenn er aber in so klaren Worten die innere Verworfenheit des Gegenwärtigen, das ich zunächst noch zögernd entschuldigte, mit schlicht logischen Aufzählungen begründen kann: Manchmal muß man wirklich wohl einfach nur weiter im Wald wohnen, um bei Verstand zu bleiben. Es waren diese Prinzipien von präziser Aufmerksamkeit, die ihm damals mutmaßlich zu überleben halfen, und hoffentlich auch heute.

Wir leben noch in diesem Gothic Novel, wo auch solche Einsichten vermutlich nicht weiter helfen. Aber die Poesie, die vermag viel. Auch zu verbinden, rückzubinden. Wem käme bei dem nachfolgenden Gedicht nicht der „Wolken sagenhafte Kampfgestalt“ in den Sinn, die Rilke beschrieben hat. Dabei ist ihr Text keinesfalls epigonal, er ist sogar ganz anders, von anderer Gestimmtheit, Naturerfahrung, doch spürt man die respektierende Kenntnis derjenigen, die vor einem waren.

„Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. Vielleicht kehren wir nächtens immer wieder das Stück zurück, das wir in der fremden Sonne mühsam gewonnen haben? Es kann sein.“

Der Beginn der „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ war, die Häufigkeit des Rezitierens zum Maßstab genommen, wohl ihr Lieblingsstück von ihm.

Eine andere wesentliche Seite lernt man im darauf folgenden Text kennen - ihre tiefe Natureingewobenheit, in der sie dort alles beseelt vorfand, was anderswo, in der pragmatisch-leeren Menschenwelt etwa, ihr zu sehr ermangelte. Das Ächzen und Krachen eines fallenden Baumes erklärte sie mir einmal als letzten Aufschrei des sterbenden Wesens... Selbst Gott scheint sie im Wald noch am ehesten gespürt zu haben:


Maria Wandelt

Regenfall

Der Himmel dicht bedrängt von Wolkentieren.
Sie wachsen riesig, fressen alles Blau,
gebuckelt und gebuchtet, weiß und grau;
Wind treibt sie, daß sie sich im Kampf verlieren,
sich jetzt zerstören, nun sich neu gebären;
nicht länger Tiergestalt, hier Burg und Wall,
die schon verdunkeln, kühler Tropfenfall,
herbstliche Zeiten, die im Sommer währen.

Die Pflanzen zittern, einsam, seltsam blaß,
kein Falter, keine Biene sucht die Blüten.
Sogar die Schwalben, diese nimmermüden
geliebten Schwätzer schweigen in dem Naß.

3. 7. 1990


Aprilnächte

Ach, daß wir wieder auf die Stille lauschen,
wenn Bäume in den Sternennächten singen;
wortlos, sehr sanft der Hauch, die Winde klingen,
die Traum und Leben schenken selbst den Dingen,
fernferne Melodie wie Muschelrauschen;
die nahe auch in unsre Seele dringen
und letzte Ängste klar zum Leuchten bringen.

In diesen Nächten selbst der Vogel schweigt,
sein zarter Jubel wäre noch zu laut.
Nur Stille ziemt, da neues Leben baut
ER, dem ein jedes Leben ist vertraut
und dem sich SEIN Geschöpf in Demut neigt...
doch auch der Tod großäugig auf IHN schaut;
nichts, das in solcher Nacht sich vor ihm graut.

12. 4. 1992


für beide obigen Texte © Gerhard Busse, Rodenskrug 2014

nachgetragen am 11. Juli

Freitag, 16. Mai 2014

Stein-Spiele


… Wir ordnens. Es zerfällt. 
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst. 

Rilke, Achte Duineser Elegie









Dienstag, 24. April 2012

Am See



Rainer Maria Rilke

Waldteich, weicher, in sich eingekehrter

Waldteich, weicher, in sich eingekehrter -,
draußen ringt das ganze Meer und braust,
aufgeregte Fernen drücken Schwerter
jedem Sturmstoß in die Faust -,
während du aus dunkler unversehrter
Tiefe     Spiele der Libellen schaust.

Was dort jenseits eingebeugter Bäume
Überstürzung ist und Drang und Schwung,
spiegelt sich in deine Innenräume
als verhaltene Verdüsterung;
ungebogen steht um dich der Wald
voll von steigendem Verschweigen.
Oben nur, im Wipfel-Ausblick, zeigen
Wolken sagenhafte Kampfgestalt.

Dann: im teilnahmslosen Zimmer sein,
einer sein, der beides weiß.
O der Kerze kleiner Kreis,
und die Menschennacht bricht ein
und vielleicht ein Schmerz im Körper innen.
Soll ich mich des Sturmmeeres jetzt entsinnen
oder Bild des Teichs in mir behüten
oder, weil mir beide gleich entrinnen,
Blüten denken -, jenes Garten Blüten -?
Ach wer kennt, was in ihm überwiegt.
Mildheit, Schrecken? Blicke, Stimmen, Bücher?
Und das alles nur wie stille Tücher
Schultern einer Kindheit angeschmiegt,
welche schläft in dieses Lebens Wirrn.
Dass mich eines ganz ergreifen möge.
Schauernd berg ich meine Stirn,
denn ich weiß: die Liebe überwöge.

Wo ist einer, der sie kann?
Wenn ich innig mich zusammenfaßte
vor die unvereinlichsten Kontraste:
weiter kam ich nicht: ich schaute an;
blieb das Angeschaute sich entziehend,
schaut ich unbedingter, schaute knieend,
bis ich es in mich gewann.

Fand es in mir Liebe vor?
Tröstung für das aufgegebne Freie,
wenn es sich aus seiner Weltenreihe
wie mit unterdrücktem Schreie
in den ungekannten Geist verlor?

Hab ich das Errungene gekränkt,
nichts bedenkend, als wie ich mirs finge,
und die großgewohnten Dinge
im gedrängten Herzen eingeschränkt?
Fasst ich sie wie dieses Zimmer mich,
dieses fremde Zimmer mich und meine
Seele fasst?
            O hab ich keine Haine
in der Brust? kein Wehen? keine
Stille, atemleicht und frühlinglich?

Bilder, Zeichen, dringend aufgelesen,
hat es euch, in mir zu sein, gereut? -
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Oh, ich habe zu der Welt kein Wesen,
wenn sich nicht da draußen die Erscheinung,
wie in leichter vorgefasster Meinung,
weither heiter in mich freut.

Soweit Rilke, ich hatte nur nach harmlosen See-Gedichten gesucht zunächst, aber dann wurde dieser "Waldteich" und die sagenhafte Gestalt der Wolken immer stärker in meiner Erinnerung. Der nahegelegene See ist sicher kein Teich, aber es wäre vielleicht anzumerken, daß Rilke tatsächlich von einem Teich bei Heiligendamm, also nahe der Ostsee angerührt wurde, als er dies schrieb.

Dienstag, 22. November 2011

Über Dichtung

Da ist ein Riß, den man spürt, wenn man lange genug Trakl liest, und das ist ausgesprochen unkomfortabel; und abhängig davon, inwieweit man im Wort lebt oder daraus lebt, weicht man dann womöglich zurück. Trakl hat auch das Häßliche, Monströse, Verstörende ins Sprechen vom Eigentlichen hineingenommen, und darum ergreift es uns so, daß wir oft kaum Luft bekommen können dabei. Diejenigen, die davon absehen, erkennt man leicht danach als blutleer und enthöhlt. Davon kann hier keine Rede sein. Er ruft uns keine perfekten platonischen Sphären auf, er beschreibt das damit hier irdisch mit vermischte Getrübte und Unstete ebenso.

“Verweilung, auch am Vertrautesten nicht, ist uns gegeben“ eröffnet uns Rainer Maria Rilke in seiner Huldigung an Hölderlin und erklärt so zugleich das Geheimnis der Dichtung - „Dir, du Herrlicher, war, dir war, du Beschwörer, ein ganzes / Leben das dringende Bild, wenn du es aussprachst, / die Zeile schloß sich wie Schicksal, ein Tod war / selbst in der lindesten, und du betratest ihn; aber / der vorgehende Gott führte dich drüben hervor“. Und „Wie sie doch alle / wohnen im warmen Gedicht, häuslich, und lang / bleiben im schmalen Vergleich. Teilnehmende. Du nur / ziehst wie der Mond. Und unten hellt und verdunkelt / deine nächtliche sich, die heilig erschrockene Landschaft…“.

Man kann ausschließlich im Vorläufigen zu leben versuchen und im Zufälligen. Dichtung, wenn sie eine solche im wirklichen Sinne ist, beschreibt eine brüchige Brücke zum Eigentlichen. Das Eigentliche ist aber zuerst kein Paradiesgärtlein oder etwas bequem Genießbares oder sonst etwas vergleichbarer Art. Es ist Spurensuche (Sporensuche der lustige erste Verschreiber) nach dem wesentlich Menschlichen, eine Prüfung, es ist kein angenehmerer Zustand, er ist nur weniger falsch.

Dichtung ist eine Sache auf Leben und Tod. Es gibt ein (apokryphes) Gleichnis, das ich nicht ausstehen kann. Da lobt unser Herr angeblich die schönen Zähne eines verwesenden Hundes. Aber das ist eine der Geschichten, über die man dann dennoch nicht hinwegkommt, wie über Trakl auch...
nachgetragen am 16. Dezember

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Dies & Das


Dies alles gehört noch dem vorigen Tag zu, irgendwie, auch wenn die Bilder von heute sind. Aber die Äpfel wurden gestern gepflückt. Ich denke, es wird diesen Abend einige andere Nachträge geben. Das habe ich schon oft folgenlos versprochen, aber vielleicht ist es diesmal anders.


Conrad Ferdinand Meyer

Fülle

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzu reich beschwerte,
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zur Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
»Genug ist nicht genug!« um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!


Rainer Maria Rilke

Der Apfelgarten

Komm gleich nach dem Sonnenuntergange,
sieh das Abendgrün des Rasengrunds;
ist es nicht, als hätten wir es lange
angesammelt und erspart in uns,

um es jetzt aus Fühlen und Erinnern,
neuer Hoffnung, halbvergeßnem Freun,
noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,
in Gedanken vor uns hinzustreun

unter Bäume wie von Dürer, die
das Gewicht von hundert Arbeitstagen
in den überfüllten Früchten tragen,
dienend, voll Geduld, versuchend, wie

das, was alle Maße übersteigt,
noch zu heben ist und hinzugeben,
wenn man willig, durch ein langes Leben
nur das Eine will und wächst und schweigt.

geschrieben am 13. Oktober

Donnerstag, 29. September 2011

Über den Erzengel Michael und alle Engel

Mont-Saint-Michel, Normandie
hier gefunden

„Michael ist verdolmetschet: ‚Wer ist Gott gleich?‘ Davon schreibt Sanct Gregorius: ‚Also oft großes Wunder soll geschehen, so wird Sanct Michael ausgesandt, daß aus demselben Werk und aus dem Namen offenbar werde, daß niemand so große Werke mag vollbringen als Gott‘. Darum werden Sanct Michael gar viel wunderlich große Werke zugewiesen. Denn er wird zu der Zeit des Antichrist aufstehen, als Daniel schreibt, und wird ein Beschützer und Hüter sein der Auserwählten; er hat mit dem Drachen gekämpft und seinen Engeln und hat sie aus dem Himmel hinabgestoßen und großen Sieg gewonnen. Er hat mit dem Teufel um Moysis Leichnam gestritten, den der Teufel wollte hinstellen, daß ihn die Juden als ihren Gott sollten anbeten. Er empfängt auch die Seelen der Heiligen und führt sie ins Paradies der Freuden. Er war einst der Fürst der Synagoge, nun aber hat ihn der Herr zum Fürsten der Kirche gemacht. Er hat, als man spricht, die Aegypter mit den Plagen geschlagen, das Rote Meer zerteilet, das Volk durch die Wüste geleitet und in das gelobte Land geführt. In der heiligen Engel Heer ist er der Bannerträger Christi. Er wird auf des Herrn Befehl den Antichrist auf dem Ölberge töten mit großer Kraft. Auf seine Stimme werden die Toten erstehen. Er wird am jüngsten Tag herfürtragen das Kreuz und die Nägel, die Lanze und die Dornenkrone.“

aus der "Legenda aurea" des Jacobus de Voragine

Heute ist der Tag des Erzengels Michael und aller Engel. Fast hätte ich versäumt, etwas aus diesem Anlaß zu schreiben, wo ich es doch die vergangenen 3 Jahre zustande brachte (zugestandenermaßen erfolgt der Nachtrag einen Tag später). Letztes Jahr sprach ich von Rilke und daß der Hl. Michael der Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches war, das Jahr zuvor brachte ich einen Beitrag des Herrn Roloff aus diesem Anlaß und davor sinnierte ich ein wenig über die Allerheiligenlitanei.

Josse Lieferinxe
Hl. Michael, den Drachen tötend
hier gefunden

Also des Hl. Michael wurde durchaus gedacht an diesem Ort. Und die Engel? Da retten wir uns mit Rilke:

Rainer Maria Rilke

Der Engel


Mit einem Neigen seiner Stirne weist
er weit von sich was einschränkt und verpflichtet;
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
das ewig Kommende das kreist.

Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,
und jede kann ihm rufen: komm, erkenn -.
Gieb seinen leichten Händen nichts zu halten
aus deinem Lastenden. Sie kämen denn

bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen,
und gingen wie Erzürnte durch das Haus
und griffen dich als ob sie dich erschüfen
und brächen dich aus deiner Form heraus.

zu Ende geschrieben am 30. September

Dienstag, 29. Dezember 2009

Am Todestage Rilkes



Rainer Maria Rilke


Herbsttag


Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Day in Autumn

Lord, it is time! Your summer's reign was grand.
Beshadow now the dials of your sun
and let your winds run rough across the land.

The latest fruits command to fill and shine:
For them, let two more warmer days arrive
to push them to perfection and to drive
the final sweetness in the heavy wine.

The man without a house will build no more,
the man without a mate will sole remain,
will wake, will read, write letters long with pain
and walk the boulevards, restless to the core,
where falling leaves are drifting with the rain.
Translation by Walter A. Aue

Am Todestage Rilkes nicht an ihn zu erinnern, das ist beinahe unmöglich. Ich gestehe, ich hatte eigentlich anderes im Sinn, aber wie ich eben sagte, einiges hat einfach Vorrang. Und dann mußte ich feststellen, daß ich eines der beiden berühmten Herbstgedichte Rilkes hier noch gar nicht gebracht habe, genauer gesagt, nicht verbunden mit einer Übersetzung von Prof. Aue. Wenn man dem Link unter der Übersetzung folgt, gelangt man zu seiner Seite, auf der er nicht nur seine Demut über seine Übersetzungsfähigkeiten ausbreitet, sondern auch zu anderen Übersetzungen hinführt.

Meine eigenen Gedanken sind, der Jahreszeit angemessen, eher winterlich, und das obige Bild ist kaum verkennbar aus dem Sommer, nicht einmal aus dem letzten, sondern aus dem vorigen, so steht Rilkes Gedicht gewissermaßen dazwischen. Ich hatte mich kürzlich schon einmal gebremst, hier zu persönlich zu werden, aber ich werde mir die nächsten Sätze, die hier folgen sollen, morgen etwas wacher noch einmal durchlesen, mag sein, daß dies hier dann noch eine kurze Fortsetzung findet.

Freitag, 11. Dezember 2009

Ruhiger Moment


Rainer Maria Rilke

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird;

Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin - bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Freitag, 4. Dezember 2009

Erinnerung an Rilke


(c) Walter A. Aue

Rainer Maria Rilke

Sonett an Orpheus,
Zweiter Teil, XIII

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

Sei immer tot in Eurydike -, singender steige,
preisender steige zurück in den reinen Bezug.
Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige,
sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug.

Sei - und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung,
den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,
dass du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.

Zu dem gebrauchten sowohl, wie zum dumpfen und stummen
Vorrat der vollen Natur, den unsäglichen Summen,
zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl.



Sonnet to Orpheus,
Second Part, XIII

Be ahead of all leaving, as if you already
had left, much like the winter now leaving for sure.
For, among winters, there's one so winterly steady
that, having braved it, your heart will forever endure.

Be always dead in Eurydice - full of elation,
fuller of singing return to pure reference ground.
Here, midst the fading, be, in the world of cessation,
be the chalice of song that cracks in the sound.

Be, and concurrently know the terms of non-being,
know the basis supreme of your innermost seeing:
that you realize it fully, if only this time.

To the used-up, and to numbers that, torpid and dumb,
Nature still holds in reserve - to that infinite sum
add in rapture yourself and extinguish the prime.

Übersetzung / Translation von / by Walter A. Aue

Da Rainer Maria Rilke am 4. Dezember 1875 geboren wurde, konnte ich nicht umhin, mit einer der verdienstvollen Übertragungen Professor Aues an ihn zu erinnern, so daß meine geschätzten englischsprachigen Leser auch endlich wieder einmal etwas Erfreuliches zu lesen haben. Und um den Mißbrauch fremder geistiger Güter vollständig zu machen, habe ich eingangs auch noch eines seiner Photos benutzt - "Three Horizons".

Montag, 19. Oktober 2009

Post zur Nacht



Eigentlich wollte ich mich heute nüchtern über ein historisches Thema ergehen, angeregt von einer Fernsehsendung letzte Nacht, ja selbst das kommt vor, selten allerdings, und wahrscheinlich bin ich dann einer von 500 Menschen, die so etwas sehen, aber Herr Kluge wird warten müssen.

Ich bin an diesem Tag über ein paar Nachrichten von Menschen gestolpert, die u.a. dies hier lesen, und da selbst mir mitunter die Worte ausgehen, wollte ich dann doch lieber etwas Versöhnliches zur Nacht zusammenstellen, es wird nicht ganz leicht sein, dabei nicht ins Seichte abzugleiten, wir wollen es versuchen und mit Rilke beginnen.



Rainer Maria Rilke

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Aus: Das Buch der Bilder



Und noch einmal Rilke. Die Tagesbilder sind übrigens von heute und hier.



Rainer Maria Rilke

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte -
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinen Armen schlafen Wälder ein, -
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

Aus: Die frühen Gedichte (Gebet der Mädchen zur Maria)



Und ein letztes Mal Rilke, nein, enden wollen wir mit ihm heute nicht, das wäre dann am Ende wohl doch zuviel Ungewißheit und Versprechen zur Nacht.



Rainer Maria Rilke

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Aus: Frühe Gedichte



Ich war noch etwas von Kathleen Ferrier schuldig, ich denke das wäre hier dafür ein recht passender Ort. Hat es doch etwas von einem Nachtgesang an sich, denn sie singt: "Ich bin der Welt abhanden gekommen" von Gustav Mahler. Die Nacht hat viele Winkel und Spalten, und so sehr es freuen wird, wenn sie etwas von dem bereithält, was Rilke verspricht, oft wird es eher das sein, was Mahler ausspricht.



Und ich, und für wen sonst sollte ich denn sprechen, finde letztlich, nicht immer, aber zum Glück oft genug, Halt und Besänftigung dann am Ende nur in Worten wie den folgenden, ein Sterbelied auf den ersten Blick, für mich aber jedoch nicht.


Sonntag, 27. September 2009

Literatur & Antike


"Dornauszieher", Kapitolinische Museen, Rom
hier gefunden

Als mich die Nachrichten des heutigen Abends endlich genug gelangweilt hatten, widmete ich mich wieder meiner gegenwärtigen Lektüre („Der Blick des Dichters, Antike Kunst in der Weltliteratur“, Hrsg. und kommentiert von Detlev Wannagat). Wie der Name schon nahelegt, geht es um das Zusammentreffen von Gestalten und Werken der Antike mit jüngerer Literatur, sehr angenehm zu lesen und jedesmal anregend kommentiert. Nun will ich diese Kommentare hier nicht ausbreiten (das wäre zumal auch nur eine Art von Abschreiben), aber zwei Beispiele daraus hier vorstellen. Da hätten wir zum ersten einen Passus aus dem berühmten Aufsatz über das Marionettentheater von Heinrich von Kleist, den man hier in Gänze nachlesen kann.

Das andere Beispiel ein nicht minder bekanntes Gedicht Rilkes. Wobei ich zugestehe, daß beide Figuren äußerst Interessantes zu erzählen haben, aber ich kann gegebenenfalls ja immer noch Nachträge machen.

Heinrich von Kleist

Über das Marionettentheater

„…Ich sagte, daß ich gar wohl wüßte, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewußtsein anrichtet. Ein junger Mann von meiner Bekanntschaft hätte, durch eine bloße Bemerkung, gleichsam vor meinen Augen, seine Unschuld verloren, und das Paradies derselben, trotz aller ersinnlichen Bemühungen, nachher niemals wieder gefunden. - Doch, welche Folgerungen, setzte ich hinzu, können Sie daraus ziehen?

Er fragte mich, welch einen Vorfall ich meine?

Ich badete mich, erzählte ich, vor etwa drei Jahren, mit einem jungen Mann, über dessen Bildung damals eine wunderbare Anmut verbreitet war. Er mochte ohngefähr in seinem sechszehnten Jahre stehn, und nur ganz von fern ließen sich, von der Gunst der Frauen herbeigerufen, die ersten Spuren von Eitelkeit erblicken. Es traf sich, daß wir grade kurz zuvor in Paris den Jüngling gesehen hatten, der sich einen Splitter aus dem Fuße zieht; der Abguß der Statue ist bekannt und befindet sich in den meisten deutschen Sammlungen. Ein Blick, den er in dem Augenblick, da er den Fuß auf den Schemel setzte, um ihn abzutrocknen, in einen großen Spiegel warf, erinnerte ihn daran; er lächelte und sagte mir, welch eine Entdeckung er gemacht habe. In der Tat hatte ich, in eben diesem Augenblick, dieselbe gemacht; doch sei es, um die Sicherheit der Grazie, die ihm beiwohnte, zu prüfen, sei es, um seiner Eitelkeit ein wenig heilsam zu begegnen: ich lachte und erwiderte - er sähe wohl Geister! Er errötete, und hob den Fuß zum zweitenmal, um es mir zu zeigen; doch der Versuch, wie sich leicht hätte voraussehen lassen, mißglückte. Er hob verwirrt den Fuß zum dritten und vierten, er hob ihn wohl noch zehnmal: umsonst er war außerstande dieselbe Bewegung wieder hervorzubringen - was sag ich? die Bewegungen, die er machte, hatten ein so komisches Element, daß ich Mühe hatte, das Gelächter zurückzuhalten: -

Von diesem Tage, gleichsam von diesem Augenblick an, ging eine unbegreifliche Veränderung mit dem jungen Menschen vor. Er fing an, tagelang vor dem Spiegel zu stehen; und immer ein Reiz nach dem anderen verließ ihn. Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz, um das freie Spiel seiner Gebärden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken, die die Augen der Menschen sonst, die ihn umringten, ergötzt hatte…“


"Torso aus Milet", Louvre, Paris
hier gefunden

Rainer Maria Rilke

Archaischer Torso Apollos


WIR kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Samstag, 19. September 2009

Über Orte & Zeiten - Caspar David Friedrich & Rilke


Neubrandenburg im Morgennebel
hier gefunden

Rainer Maria Rilke

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Day in Autumn

Lord, it is time! Your summer's reign was grand.
Beshadow now the dials of your sun
and let your winds run rough across the land.

The latest fruits command to fill and shine:
For them, let two more warmer days arrive
to push them to perfection and to drive
the final sweetness in the heavy wine.

The man without a house will build no more,
the man without a mate will sole remain,
will wake, will read, write letters long with pain
and walk the boulevards, restless to the core,
where falling leaves are drifting with the rain.

Translation/ Übersetzung
by / von Walter A. Aue

Dies ist eines von Rilkes zu Tode geliebten Gedichten, vielleicht, weil es so einfach und nachvollziehbar wirkt, was es nicht ist. Prof. Aue, der diese Fassung übersetzt hat, muß es ähnlich empfunden haben und hat seinen Hals aus der Schlinge gezogen, indem er sich in die Demut rettete. Er hat Orte benannt, an denen sich ungezählte weitere Übersetzungen finden lassen. Und um sich dieser Demut irgendwie anzuschließen, sie finden sich hier und hier und hier.

Ich gebe zu, das klingt kryptisch, und will eigentlich nur andeuten, man wird hier heute keinen tiefschürfenden Deutungsversuch zu diesem Gedicht finden. In dem müßten etwa Worte auftauchen wie Lebensort, Leben nach der versäumten Entscheidung, Leben mit der verfehlten Erwartung, Leben in der nichterfüllten Zeit.

Abgesehen davon ist es wunderbar zu hören. Das Vergnügen am Lebendigen. Die leichte Erinnerung an Gott, sein fast gelungenes Werk zu vollenden. Was diesem nicht mißfallen haben kann, hat er doch den Menschen geschaffen, weil er ein Gegenüber brauchte, das ihn mit einer Antwort aus dem Alleinsein erlöst (die „Gottesebenbildlichkeit“ des Menschen hat viele Seiten)...

Und jetzt haben wir immer noch nichts zu diesem Bild gesagt. Kurioserweise stellt es den Ort dar, an dem ich gerade meine Tage zubringe. Nahezu. C. D. Friedrich hat ein Werk über die Heimatstadt seiner Großeltern gemalt, das diese Stadt merkbar näher an den Himmel heranrückt und vielleicht etwas der Erdenschwere entzieht. Neubrandenburg hat zwar Berge um sich herum, aber nicht diese Berge, und der Himmel des Bildes ist eher ein überirdischer.

Und um noch kurz bei den Details zu verweilen: Das heidnische Hünengrab verdeckt zwar dem Betrachter den Fortgang des Wegs, aber die Wanderer im Bild sind sich ihres Ziels sehr gewiß. So wird das Vorläufige zum Gleichnis des Ewigen und zu einem Anlaß der Übung, das Ewige zu erlernen. "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesichte. Jetzt erkenne ich‘s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin." Erster Brief des Paulus an die Korinther, 13. Kapitel, Vers 12. Bekannt? Gewiß.

Und wo ich gestern an Pink Floyd erinnert hatte, sollte ich wohl doch erwähnen, daß Richard Wright, der Schöpfer des nachfolgenden Stückes, vor wenig mehr als einem Jahr, am 15. September 2008 verstorben ist.


Donnerstag, 18. Juni 2009

Rilke oder Dichtung als Selbsttherapie


Grab von Rainer Maria Rilke, Raron, Kanton Wallis, Schweiz
Photograph: Peter Berger, hier gefunden

Ich bin vor einiger Zeit einmal gefragt worden, ob ich etwas Erhellendes zu einigen von Rilkes Duineser Elegien schreiben könnte. Offen gestanden, lag mir die Antwort nahe, nein kann ich nicht. Aber ihn zu lesen und dann zu sagen, ich habe nichts zu ihm zu sagen, wäre auch wiederum ein unangenehmes Eingeständnis, ja wovon eigentlich gewesen. Daß Rilke oft dunkel ist, schwierig, vieldeutig, verworren ist wie ein keltisches Flechtornament? Er hat kaum, denke ich, aus Eitelkeit so geschrieben, sondern weil er etwas Dunkles, Tiefes sagbar machen wollte, es in die Sprache heben und ihm dabei Gestalt geben. Und man kann nicht etwas Wesentliches aussagen und davon unverwandelt bleiben.

Rilke hat selbst behauptet, seine Dichtung sei „eigentlich nichts anderes als eine … Selbstbehandlung“. Sie ist sicher auch noch einiges darüber hinaus, aber gerade für die 3. Duineser Elegie gilt dies schon sehr stark. Interessanterweise stand er in engem Kontakt mit den Pionieren der Psychoanalyse, ohne sich selbst je behandeln zu lassen.

„Aber daß für mich nichts verhängnisvoller, tödlicher wäre, als mich den Einflüssen einer solchen Behandlung … auszusetzen: das war mir da, zum Glück, schon völlig klar geworden. Jemehr ich von den Absichten, Erfolgen und Fortschritten der Analyse erfuhr, desto besser mußte ich einsehen, daß sie geradezu wie Zersetzung wirken müßte in einem Dasein, das ja doch seine stärksten Antriebe eben darin hatte, daß es sich nicht kannte, daß es durch sein eigenes schweres und seeliges Geheimnis mit allen Geheimnissen der Welt ja mit Gott selber, unerschöpflich zusammenhing und von dorther geheim und großmüthig erhalten wurde.“ (Brief vom 21. 2. 1914)

Stattdessen hat er die 3. Duineser Elegie geschrieben: Zunächst wird in der Abwehr jeder Romantik in ihr der verborgene schuldige „Fluß-Gott des Bluts“ angesprochen, die triebhafte, sexuelle, unbewußte, tiefere Natur des Menschen, um dann davon zu reden, wie diese Natur vertraut gemacht werden kann, nicht verdrängt, nicht abgetötet, nicht sublimiert. In der Antike konnte dies der Mythos leisten, heute ruft er die Kunst an, es zu beschwören.

„Vieles verbargst du ihm so; das nächtlich-verdächtige Zimmer
machtest du harmlos, aus deinem Herzen voll Zuflucht
mischtest du menschlichern Raum seinem Nacht-Raum hinzu…
Nirgends ein Knistern, das du nicht lächelnd erklärtest,
so als wüßtest du längst, wann sich die Diele benimmt . . .
Und er horchte und linderte sich…“

Hier ist es das Kind, dem über das Grauen, auch das innere Grauen, durch die Mutter hinweggeholfen wird (von der es aber auch heißt, „du machtest ihn klein“). Das Kind, dem sich dann sein Inneres aufschließt, und es betrachtet fasziniert, was es sieht:

„Wie er sich hingab -. Liebte.
Liebte sein Inneres, seines Inneren Wildnis,
diesen Urwald in ihm, auf dessen stummem Gestürztsein
lichtgrün sein Herz stand. Liebte. Verließ es, ging die
eigenen Wurzeln hinaus in gewaltigen Ursprung,
wo seine kleine Geburt schon überlebt war. Liebend
stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten,
wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern. Und jedes
Schreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt.
Ja, das Entsetzliche lächelte . . .
… Wie sollte
er es nicht lieben, da es ihm lächelte.“

Die Liebe gehört ganz in diesen alten Bereich hinein, sie wühlt dessen Tiefen auf und sie macht, wo sie besteht, das Fremde vertraut. Darum auch werden Menschen in der Liebe bedeutsam, weil sie an das Tiefere rühren (und werden gewöhnlich, wenn sie wieder versandet). Darum fordert die Elegie schließlich das „Mädchen“ auf, diese auch gewaltsamen Tiefen zu besänftigen.

…. O leise, leise,
tu ein liebes vor ihm, ein verläßliches Tagwerk, - führ ihn
nah an den Garten heran, gieb ihm der Nächte
Übergewicht . . . . . .
Verhalt ihn . . . . . .“

Warum aber „Elegie“, also Klagegesang? Nun es ist eine Klage. Die Klage über die Unfähigkeit, so zu lieben, daß das, was im Innern angelegt ist, zu wahrhafter Erfüllung und Entfaltung gelangt, eine Klage über das Scheitern daran, sich ganz dem eigenen Fühlen hinzugeben, das Innere aufzuschließen und ihm zu vertrauen.

Soweit mein Versuch, es gibt unzählige bessere Deutungen, aber vielleicht hat diese Rilke ein wenig lesbarer gemacht, für wen auch immer, der Text der 3. Duineser Elegie findet sich hier.

Montag, 29. Dezember 2008

Über dies und das

Es muß eine Art olfaktorisches Unbewußtes geben. Kaum erwirbt man ungewohnterweise ein paar an Weihrauch erinnernde Duftöle und schläft bei deren Ausprobieren im Arbeitszimmer ungeplant ein - wovon hat man geträumt, nachdem man sich aufgewacht in aufgeräumtester Stimmung wiederfindet – von geglückten Dämonenaustreibungen.

Einer merkwürdigen Laune folgend habe ich heute mein Mittag in einem Lokal eingenommen, bei dem die mir bekannte Inhaberin zwar reizend, deren Publikum aber zum großen Teil anstrengend ist. Prompt mußte ich das Schwadronieren eines gestrandeten frühverrenteten 68ers ertragen, der seine vergangenen Heldentaten aufzählte und sich bitter beklagte, daß das alles wieder zerstört würde, wenn es denn so wäre, sollten wir wirklich auf so etwas wie historische Gerechtigkeit hoffen.

Rilke starb am 29. Dezember 1926. Wir überleben im Schutz der Sprache, hoffe ich, und darum kann ich nicht umhin, widerstrebenderweise nochmals die Bemühungen eines anderen zu mißbrauchen, nachfolgend zwei Übersetzungen von Prof. Aue, viel mehr als nur die entsprechenden Übersetzungen findet sich hier und hier.

Rainer Maria Rilke

Sonett an Orpheus,
Zweiter Teil, XIII

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

Sei immer tot in Eurydike -, singender steige,
preisender steige zurück in den reinen Bezug.
Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige,
sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug.

Sei - und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung,
den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,
dass du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.

Zu dem gebrauchten sowohl, wie zum dumpfen und stummen
Vorrat der vollen Natur, den unsäglichen Summen,
zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl.

Sonnet to Orpheus,
Second Part, XIII

Be ahead of all leaving, as if you already
had left, much like the winter now leaving for sure.
For, among winters, there's one so winterly steady
that, having braved it, your heart will forever endure.

Be always dead in Eurydice - full of elation,
fuller of singing return to pure reference ground.
Here, midst the fading, be, in the world of cessation,
be the chalice of song that cracks in the sound.

Be, and concurrently know the terms of non-being,
know the basis supreme of your innermost seeing:
that you realize it fully, if only this time.

To the used-up, and to numbers that, torpid and dumb,
Nature still holds in reserve - to that infinite sum
add in rapture yourself and extinguish the prime.


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

I'm living my life in spiraling gyres

I'm living my life in spiraling gyres
that move o'er the choirs nearby.
I may never reach the top of the spires,
but still my resolve is to try.

I circle round God, the ancient expanse -
for thousands of years, pray to tell -
and still I don't know: what shall I be thence?
A falcon? A storm? A chorale?

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue

Montag, 22. September 2008

miscellanea




Rainer Maria Rilke:

Eingang

Wer du auch seist:
am Abend tritt hinaus
aus deiner Stube, drin du alles weißt;
als letztes vor der Ferne liegt dein Haus
wer du auch seist.
Mit deinen Augen, welche müde kaum
von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß
und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
lassen sie deine Augen zärtlich los...



Rainer Maria Rilke:

Entry

Whoever you may be:
Leave well before the night
your room where but familars you see;
last leave your home, which bars the far from sight
whoever you may be.
Then use your eyes that, weak, can barely free
themselves from looking down your worn-off sill -
and raise, extremely slowly, an endarkened tree
all up the sky: alone and slim and still.
And you have made a world. And it is grand
and like a word that may in silence grow.
And as your will its mind shall understand,
your eyes, with slow caress, shall let it go...



Noch einmal wollte ich die freundliche Genehmigung des Prof. Aue, seine Übersetzungen deutscher Gedichte benutzen zu dürfen, mißbrauchen, das Original findet sich hier.