Dienstag, 29. Mai 2018

Gedenken an Konstantinopel

Mutter Gottes zwischen Johannes II. Komnenos und Irene
(Hagia Sophia, Mosaik ) hier gefunden


3D-Simulation der Hagia Sophia (rekonstruierte Außenansicht)


Die Bauten Konstantinopels in byzantinischer Zeit

Vor 565 Jahren, am 29. Mai 1453 starb die Kaiserstadt Konstantinopel.

""O wär‘ ich doch ein Vogel nur, o wär ich eine Schwalbe,
um auf die spitzen, schwarzen Berg‘ Bulgariens zu fliegen!
Um zu erblicken und zu sehn Konstantinopels Hafen.

Ein Griechenmädchen, das rief laut, von einem hohen Turme:
'Tritt vor und sieh, Herr König du, du Herrscher Konstantinos,
Konstantinopel brennen sie, und all die Klöster flammen.
Sieh wie die Türken schlachten hin die Griechen gleich den Lämmern!'
Wie soll der König all dies sehn, der Herrscher Konstantinos,
da er getötet worden ist, beim Schein des Morgens, gestern!“

aus „Konstantin Paläologos' Tod“

Chora-Kirche, Madonna Hodegetria, Mosaik

Es kam ein schönes Vögelein wohl aus der Stadt geflogen,
nicht macht's im Weingelände halt, nicht ruht es in den Gärten;
es flog und flog und hielt erst an in Ili's Festungswällen,
und wie's den einen Flügel hob, war er in Blut getauchet,
und wie's den andern schüttelte war drin ein Brief verborgen,
und wer ihn las, der hat geweint und seine Brust zerschlagen. -
"Oh wehe mir und nochmals weh! Romania ist zerstöret!"
Die Kirchen weinen schmerzerfüllt, es klagen all die Klöster,
Jiannis Chrysostomos selbst weint und weiß sich nicht zu trösten.
"O heiliger Jannis, weine nicht und suche Trost zu fassen!"
"Romania fiel in Feindeshand, Romania ist zerstöret."
"Wenn auch zerstört, blüht sie doch neu und zeitigt neue Früchte."

„Die Einnahme von Trapezunt“

Fresken in der Hagia Sophia von Trapezunt


Peter Tschaikowski, 
Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomus, Op. 41: No. 6

Cherubimhymnus

Die wir die Cherubim
auf mystische Weise abbilden
und der lebenspendenden Dreifaltigkeit
den dreimal heiligen Lobgesang singen,
alle Lebenssorge lasset uns ablegen,
damit wir den König des Alls empfangen,
den von Engelsordnungen
unsichtbar mit Speeren Begleiteten:
Alleluja, alleluja, alleluja.

Überführung der Gebeine des Hl. Chrysostomos in die Apostelkirche


Theotokion, hier gefunden

Theotokion am Sonntag

Dem Unfaßbaren und Grenzenlosen, der mit dem Vater und dem Geiste eines Wesens ist, hast du in deinem Leibe, Gottesgebärerin, geheimnisvoll Raum gegeben. Wir haben erkannt, daß die eine und unvermischte Dreifaltigkeit der Gottheit durch dein Gebären in der Welt verherrlicht wird, deswegen rufen wir dankbar zu dir: Freue dich, Gesegnete.

Theotokion am Dienstag

Durch die strahlenden Blitze, Allunbefleckte, des aus deinem Leibe hervorgegangenen Gottessohnes erleuchte die im Glauben dich besingen und entreiße uns der lichtlosen Finsternis und der ewigen Qual durch deine Fürsprache.

aus den Theotokien zum Morgengottesdienst des russischen Oktoichs


Pammakaristos-Kirche, Kuppelmosaik
hier & hier gefunden


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Konstantinos XI. Palaiologos fiel am 29. Mai 1453 bei der Verteidigung Konstantinopels als der letzte byzantinische Kaiser.

„Konstantin Paläologos' Tod“ / „Die Einnahme von Trapezunt“ Volkslieder übersetzt von Georgios Aridas

Das Reich von Trapezunt als letzter unabhängiger Teil des byzantinischen Reichs fiel am 15. August 1461. „Romania“ - Die Bewohner Ostroms nannten sich selbst nicht Byzantiner (nach dem alten Namen Konstantinopels) sondern Römer - griechisch Ῥωμαῖοι (Rhomaioi), im Deutschen wird dies zur Unterscheidung oft als Rhomäer wiedergegeben.

Johannes von Antiochia mit dem Beinamen Chrysostomos, ist der meist überlieferte östliche Kirchenvater, einflußreich u.a. als Prediger und Reformator der Liturgie. Der Westkirche gilt er als er einer der vier Kirchenlehrer des Ostens. Er starb in der Verbannung. Seine Gebeine wurden 438 nach Konstantinopel überführt und in der Apostelkirche beigesetzt, 1204 beim 4. Kreuzzug geraubt, gab sie Papst Johannes Paul II. dem Patriarchen Bartholomäus I. 2004 zurück. Die  Apostelkirche war die zweitgrößte Kirche der Stadt  und wurde 1461 von den Türken abgerissen. An ihrem Ort entstand darauf die Fatih-Moschee (Eroberer-Moschee), benannt nach Mehmed II., dem Eroberer Konstantinopels.

Neben der Hagia Sophia und der Chora-Kirche sind in Konstantinopel in der Kirche der Theotókos Pammakarístos (der allerseligsten Gottesgebärerin) die meisten Mosaiken erhalten.  Nach dem Abriß der Apostelkirche durfte der Patriarch zunächst (bis 1587) in die Pammakaristos-Kirche ausweichen. Später wurde diese ebenfalls in eine Moschee umgewandelt, Murad III. benannte sie zur Feier seinen Siege Fethiye Camii (türkisch Fetih – Eroberung). Der Sitz des Patriarchats ist gegenwärtig der Vorort Phanar.

Eine byzantinische Fahne in dieser Gestalt ist eine Rekonstruktion und so nicht überliefert. Die Dynastie der Paläologen aber etwa hat offenkundig diese Form benutzt, nur, daß an Stelle des Chi Rho das Familienmonogramm stand. Das Christusmonogramm (griechisch Χ (Chi) und Ρ (Rho) für CHRistos  war aber sei Konstantin ebenfalls in Gebrauch. Diese Zusammenfügung ist daher durchaus sinnvoll und bedacht (hier gefunden).

nachgetragen am 6. Juni

Samstag, 26. Mai 2018

Nachträge zu August Kopisch & Capri

"Capri - Ingresso alla Grotta Azzurra. Carlsbader 'Urania'-Reisen
gefunden auf Goethezeitportal

Wo der Beitrag zu gestern beim Schreiben schon wieder diese Hefeteig-Attitüde annahm, sollen ein paar Nachträge folgen, August Kopisch, um dessen Wiederentdeckung der blauen Grotte auf Capri es vor allem ging, wurde an einen 26. Mai, nämlich 1799 in Breslau geboren. 

Wenn das keine Einladung ist, das Bild des königstreuen Romantikers etwas abzurunden. Der Blogger Jay hat vor einigen Jahren über ihn geschrieben, mehr über die Heinzelmännchen, aber auch über Capri, eher launig, das wäre dann ein schöner Gegensatz zu meinem getragenen Tonfall.

Er verweist dort auch auf die hervorragende Seite auf dem "Goethezeitportal" zu frühen Berichten über die Blaue Grotte und zu August Kopisch. Es ist wirklich erschöpfend, was nicht abschreckend gemeint ist.

Kopisch ist, wie gesagt, auch als Dichter hervorgetreten. Nun ja. Vieles ist romantisch erhebend, oft heiter, und vor allem singbar, wovon in seinem Jahrhundert offenbar gern Gebrauch gemacht wurde. Dann soll also auch noch gesungen werden und anschließend folgt die Ballade, sie ist lang, aber hübsch hintersinnig.

Capri Fischer - Max Raabe & Palast Orchester

Das Krähen

Ein Grobschmied hatt ein Töchterlein,
Das konnte nicht schöner und feiner sein.
Da kam der Hans den einen Tag,
Ein Bursche, wies viele geben mag:

Der warb um die Tochter: sie war ihm gut;
Doch hatte der Vater nicht gleichen Mut
Und sagte: Er hat nicht Gut und Geld
Und will doch freien in dieser Welt? –

Da sprach der Bursch: Geld, Gut ist Dunst;
Viel besser ist eine gute Kunst! –
Was kann er für eine? ich will doch sehn! –
Da sprach der Bursche: ich kann gut krähn! –

Da lachten Mutter und Töchterlein,
Der alte Schmied auch hinterdrein,
Und sprach: So zeig er wie ers kann;
Da fing der Bursch zu krähn an:

Kikeriküh! und kikeriküh!
Recht wie der Hahn und sonder Müh.
Der Alte sprach: Ein Spaß ist das;
Doch sag er an, was hilft so was? –

Gar viel, begann der junge Mann:
Nur sag er, bin ich sein Eidam dann,
Wenn ich dahier auf seinen Sand
Ein Schloß hinschaff und Gartenland

Und wird das andre rings bestellt
Zu einem schönen Weizenfeld? –
Ja, sagte der Schmied, schaffst du den Sand,
Den ich nicht mag, zum Gartenland

Und baust ein schönes Schloß darauf,
So nimm das andre dazu in Kauf! –
Topp! Eltern! und topp! Töchterlein!
Das Schloß, das Feld, die Braut sind mein! –

– Da sahen sich die Leute an;
Doch es begann der junge Mann
Nun allerlei Brimborium –
Und sah sich unterweilen um.

Nun wußte niemand wies geschah,
Auf einmal stand ein Teufel da!
Und dem verschrieb sich Hans mit Blut.
– Hm! denkt der Schmied, das wird nicht gut!

– Im Pakt versprach der Teufel: den Zaun,
Das Feld, den Garten, das Schloß zu baun,
Darin den reichsten schönsten Schatz
Und rings umher einen lustgen Platz:

Das alles am selben Abend spat,
Noch vor der ersten Hahnenkrat;
Doch, würd er nicht fertig und fehlt ein Stein,
Sollt Hansens Seele gerettet sein!

Er sollte da wohnen wies ihm gefiel,
Und machen seiner Tage viel. –
– Nun ging die Teufelsarbeit los:
Die Angst der Mutter, der Braut war groß.

Der Grobschmied sprach: welch dummer Streich!
Der Teufel schafft das freilich gleich! –
Ganz lustig ist allein der Hans
Und freut sich an der Geister Tanz:

Die schleppen herzu, ohn Rast und Ruh:
Es wächst da alles in einem Nu!
Flink klappert der Zaun zusammen sich,
Gras, Kraut und Baum sprießt wunderlich,

Und Vögel singen und Schwäne ziehn
Auf den rings umirrenden Wassern hin.
Nun steigt der Palast, das schönste Haus
Auf dem schönsten Platz vom Boden heraus:

Der Keller, die Küche, die Treppe jetzt,
Der zweite Stock wird aufgesetzt,
Der dritte nun, nun kommt das Dach.
Hausrat und Schatz füllt jedes Gemach.

Das Dach wächst höher . . . o Angst, o Pein!
Es fehlt bald nur der letzte Stein!
O Hans, o Hans, nun holt er den,
Und noch will hier kein Hahn nicht krähn!

Da lacht der Hans und ohne Müh
Kräht er beherzt sein: kikeriküh! –
Da sah der Teufel ihn höhnisch an:
Das gilt hier nicht; du bist kein Hahn! –

– So hör doch Teufel! – Kikeriküh!
Ertönts im ganzen Dorfe hie,
Ja selbst auf dem Turm der Wetterhahn
Fängt lustig mit zu krähen an.

Da wirft der Teufel hin den Stein,
Und ruft: verdammte Künstelein!
Aus ist der Pakt, das Schloß ist dein!
Nun macht euch lustig und zieht hinein! –

Da fährt der Teufel zum untersten Grund
Und prügelt vor Wut den Höllenhund. –
Der Grobschmied gibt dem jungen Mann
Sein Töchterchen – weil er krähen kann.

Zwar fehlt am Palaste der letzte Stein,
Und setzt man noch so oft ihn ein,
Er fällt herunter und fällt sich klein;
Doch machts den Leuten keine Pein –

Und auf der Hochzeit sangen sie
Dem Teufel zur Schur nur: kikerikih!

Im ganzen Haus hin: kikerikih!
Im Keller: kikrih! in der Küche: kikrih!

Auf den Treppen und Fluren nur: kikerikih!
In allen Gemächern: kikikerikih!

Beim Essen und Trinken nur: kikerikih!
Drei Tage und Nächte: kikikerikih!

Auf Tischen und Bänken: kikikerikih!
Dem Teufel zur Schur nur: kikikerikih!

aus August Kopisch, "Allerlei Geister", 1848

nachgetragen am 30. Mai

Freitag, 25. Mai 2018

La Grotta Azzurra - Capri


Mitunter ist es seltsam, auf welchen Wegen man auf Bilder stößt. Es begann mit einer Fehlzuschreibung und zwar: „'Blue Grotto' - Jakob Alt, 1835“, ich denke, es war die obige Abbildung. Das klingt als Einstieg zwar etwas uncharmant, denn tatsächlich wurde es, so auf die Spur gebracht, eher interessanter. Es gibt es ein Gemälde von Jakob Alt - „Die Blaue Grotte auf der Insel Capri“, wohl von 1835, nur sieht dies so aus:


Die Herrschaften, die hier, mit Zylinder und Biedermeierhaube versehen, den gerade erst wieder ins Bewußtsein gerückten verrufenen Ort genießen, sind nicht recht im obigen Gemälde vorstellbar, selbst, wenn es eine andere Fassung geben sollte. Jakob Alt (geb. 1789 in Frankfurt am Main, gest. 1872 in Wien) war ein Verfertiger stimmungsvoller Landschaftsbilder und Stadtansichten, dem es offenbar gelang, selbst die Ruinen des Forum Romanum idyllisch geschrumpft aussehen zu lassen. Mitunter übersteigt er seine Betulichkeit, etwa in einem wundervoll-charmanten Luftbild Wiens, aber, soweit ich etwas über ihn herausfinden konnte, war das nicht unbedingt die Regel.


Jakob Alt, Wien aus dem Luftballon gesehen von Südwesten, 1847

Carl Friedrich Seiffert (geb. 1809, gestorben 1891 in Berlin) hat das Bild ganz oben 1860 unter dem Titel „Die Blaue Grotte auf Capri“ in Wirklichkeit geschaffen. Er firmiert als Spätromantiker, manches kam mir fast etwas „böcklin-haft“ vor, nicht unsympathisch, aber ich vermag nur eine solche gefühlsmäßige Wertung anzubringen, denn zum Glück versteh ich von all diesen Dingen ja  nichts.

Es gibt überhaupt eine Reihe von Darstellungen dieser blauen Grotte aus dem vorvorigen Jahrhundert, brechen wir aber ab mit Heinrich Jakob Fried „Die blaue Grotte von Capri“ von 1835.


Woher diese Faszination und warum erst jetzt?  Es war ein deutscher Romantiker, der sie wiederfand, natürlich. Wenn es auch ungewiß ist, ob die blaue Blume in Wirklichkeit je gefunden wurde (was immer Wirklichkeit bedeuten mag), die blaue Grotte wurde es.

Und wo wir gerade auf Novalis anspielen, auch seine Epiphanie fand ja gewissermaßen in einer Grotte statt. Und weil es so schön ist, zitieren wir einfach ein wenig aus seinem Heinrich von Ofterdingen:

„'Die blaue Blume sehn' ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anderes dichten und denken... Ich hörte einst von alten Zeiten reden; wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten. Mir ist gerade so, als wollten sie allaugenblicklich anfangen, und als könnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten.' ...Der Jüngling verlor sich allmählich in süßen Phantasien und entschlummerte. Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Tiere sah er; er lebte mit mannigfaltigen Menschen, bald im Kriege, in wildem Getümmel, in stillen Hütten... Alle Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Höhe in ihm...

Es kam ihm vor, als ginge er in einem dunkeln Walde allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg... Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe, an deren Fuß er eine Öffnung erblickte, die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu sein schien. Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeitlang eben fort, bis zu einer großen Weitung, aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen glänzte.

Wie er hineintrat, ward er einen mächtigen Strahl gewahr, der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg, und oben in unzählige Funken zerstäubte, die sich unten in einem großen Becken sammelten; der Strahl glänzte wie entzündetes Gold; nicht das mindeste Geräusch war zu hören, eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel. Er näherte sich dem Becken, das mit unendlichen Farben wogte und zitterte. Die Wände der Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen, die nicht heiß, sondern kühl war, und an den Wänden nur ein mattes, bläuliches Licht von sich warf.

Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdränge ihn ein geistiger Hauch, und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt. Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden, er entkleidete sich und stieg in das Becken. Es dünkte ihn, als umflösse ihn eine Wolke des Abendrots; eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres; mit inniger Wollust strebten unzählbare Gedanken in ihm sich zu vermischen; neue, niegesehene Bilder entstanden, die auch ineinanderflossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden, und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an ihn…

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß... Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte...

Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte.."

Später dann eine Unterhaltung mit dem Vater, der von der Träumerei nichts hält: 'Damals muß es eine andere Beschaffenheit mit den Träumen gehabt haben, so wie mit den menschlichen Dingen. In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntnis von der überirdischen Welt, soweit wir sie nötig haben, zuteil wird'.

Doch der Sohn wendet ein: 'Aber, lieber Vater, aus welchem Grunde seid Ihr so den Träumen entgegen, deren seltsame Verwandlungen und leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewißlich rege machen müssen? Ist nicht jeder, auch der verworrenste Traum, eine sonderliche Erscheinung, die auch ohne noch an göttliche Schickung dabei zu denken, ein bedeutsamer Riß in den geheimnisvollen Vorhang ist, der mit tausend Falten in unser Inneres hereinfällt?'"

Nein, nicht Novalis, sondern der Maler und Dichter August Kopisch ließ sich 1826 voll jugendlichen Übermuts vom Aberglauben der Einheimischen nicht davon abhalten, die bekannte, aber gemiedene Grotte mit einem Freund aufzusuchen. Er hat, wohl als Folge eines gewisses Handikaps, nicht viel gemalt, und von dem wenigen ist auch nicht alles erhalten geblieben, was ein Jammer ist, wenn man etwa sein Gemälde„Die Pontinischen Sümpfe bei Sonnenuntergang“ betrachtet.


Im Gästebuch seines beherbergenden Notars und Helfers Giuseppe Pagano schrieb er unter dem 17. August 1826 als August Kopisch aus Breslau:

„Freunde wunderbarer Naturschönheiten mache ich auf eine von mir nach den Angaben unsers Wirtes Giuseppe Pagano mit ihm und Herrn Fries entdeckte Grotte aufmerksam welche furchtsamer Aberglaube Jahrhunderte lang nicht zu besuchen wagte. Bis jezt ist sie nur für gute Schwimmer zugänglich; wenn das Meer ganz ruhig ist gelingt es auch wohl mit einem kleinen Nachen einzudringen doch ist dies gefährlich weil die geringste sich erhebende Luft das wiederherauskommen unmöglich machen würde. Wir benannten diese Grotte die blaue (la grotta azzurra) weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet. Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen, jede Welle scheint eine Flamme...“ Anschließend wurde der Ort berühmt und gewissermaßen zur romantischen Kultstätte.

Es existiert von ihm ein ganz wunderbarer Bericht über die Entdeckung, der hier zugänglich ist. Er beginnt wie folgt:

„Es war im Sommer des Jahres 1826, als ich mit meinem Freunde Ernst Fries in der schönen Bucht, an der nördlichen Marine von Capri landete. Die Sonne neigte sich dem fernen Ischia zu, als wir in den rasselnden Uferkies hinabsprangen. Capri war die erste Insel, die ich betrat, und nie werde ich den Eindruck vergessen. Einer meiner liebsten Wünsche erfüllte sich. Ich hörte nun das Meer um alle jene wunderbar gestalteten Felsen rauschen, die schon von Neapel aus meinen Sinn zauberisch gefangen genommen. Jede brandende Wellenreihe sang mir zu: ich sei vom Festlande geschieden, auf einer Klippe, wo ein einfaches Volk von Fischern und Gärtnern wohnt, und der Hufschlag der Rosse und das Geroll der Wagen unbekannt ist. Mit ihren Felsen und Höhlen, und hängenden Gärten und alten Trümmern, und neuen Städten und Felsentreppen war mir die Insel schon von fern als eine besondere Welt erschienen, erfüllt von Wundern und umschwebt von grauenvollen und lieblichen Sagen, und nun, da meine Zeit nicht eng beschränkt war, durfte ich hoffen diese Welt in allen ihren Grenzen genau durchforschen zu können. Dieser Gedanke machte mich unbeschreiblich glücklich. – Der Strand erfüllte sich bei unsrer Ankunft mit Leuten aus beiden Städten der Insel, Männern und Jünglingen, Weibern und Mädchen, die wohl im Stande waren an die alte, schöne, griechische Bevölkerung des Eilandes zu erinnern.“

Da hat man den Tonfall, es ist wirklich ganz wunderbar zu lesen. Aber die vermutliche Ursache, warum die Grotte so verrufen war, wollen wir noch anbringen. Möglicherweise hängt sie über die vielen Jahrhunderte hinweg mit den Schauergeschichten zusammen, die von Kaiser Tiberius berichtet wurden und die Herr Kopisch getreulich nacherzählt.

„Als Tiberius zur Regierung kam, erinnerte er sich der frohen Tage, die er mit August auf Capri verlebt, warf die Plagen und Gefahren der Regierung auf Sejanus Schultern und zog sich auf diesen sichern Felsen zurück, wo er sich den abscheuwürdigsten Freuden ergab, während seine schrecklichen Machtsprüche die Welt quälten. Viele Jahre lebte er hier, beständig mißtrauisch um sich spähend von der hohen Klippe, die er, sein Gewissen zu übertäuben, in einen sinnlichen Himmel verwandelte, worin zu schwelgen – er schon zu abgelebt war.

Fahrwege wand der greise Tyrann um steile Zacken, auf alle Gipfel fuhr er mit Rossen. Er veränderte die Gestalt der Insel, schwang ungeheure Bogenreihen über tiefe Täler, und schuf sich künstliche Ebnen, worauf er üppige Gärten erblühen ließ, in deren Grotten, Tempeln und Gebüschen die schändlichen Sklaven seiner Laster als Faunen und Nymphen umherschwärmten. Zwölf Paläste ließ er an verschiednen Stellen der Insel entstehen und weihte sie den zwölf großen Göttern…

Aus seinen Palästen führten überall heimliche Gänge durch die Felsen bis in die See hinab, wobei er die vorgefundnen Höhlen vielfach benutzte. Zu jener Zeit muß die Insel einen wahrhaft einzigen Anblick gewährt haben, da die wildeste, zerrissenste Natur der Baukunst die mannigfaltigsten Motive bot, und die Schätze der Welt verschwenderisch angewendet wurden, jeden phantastischen Einfall schnell zur Wirklichkeit zu gestalten. Aber alle diese Pracht verschwand, einer Sage nach, bald nach Tibers Tode, zerstört vom Haß und Abscheu des römischen Volkes, und überall, auf Höhen, in Klüften und bis ins Meer hinab, liegen die flüchebelasteten Trümmer.“

Rekonstruktion der Villa Jovis, 1900 
aus "Das Schloß des Tiberius und andere Römerbauten auf Capri." von C. Weichardt

Wer unbedingt genauer wissen will, worin diese Laster bestanden haben sollen, mag das bei Sueton nachlesen, es entgeht einem aber auch nichts, wenn man es läßt. Kopisch versucht dann noch, der Ursache der Lichterscheinung auf den Grund zu gehen, deren Wirkung er zuvor so beschreibt:

„Das angenehme Gefühl von einem Phänomen so außerordentlicher Schönheit überrascht worden zu sein, wo ich nur alte Trümmer vermutet, ward dadurch bis zum Überreiz erhöht, daß das zauberisch flammende Blau des Wassers in der Grotte für mich damals ein unerklärbares Rätsel geblieben war. In Gedanken schwankte ich noch beständig auf dem unterirdischen Himmel umher, mit der schwindelnden Empfindung, als müsse ich in die unabsehbare Unendlichkeit fallen, und fortfallen, wie man es wohl im Traum zu tun pflegt, und ich gab mir alle ersinnliche Mühe, irgend einen Grund der wunderbaren Licht-Erscheinung aufzufinden; aber vergeblich.“

Nun, er findet die Ursache. Aber diese hebt nicht die Unendlichkeitserfahrung auf, die ihm in dieser Grotte widerfahren war. Eine Erfahrung von Zeitlosigkeit aufsteigend aus einem Strudel gewußter Geschichten. Man darf nicht vergessen, daß all diese merkwürdigen und auch verstörenden Geschichten und Bilder des Altertums in den Seelen dieser wieder empfindsam gewordenen jungen Menschen ja präsent waren, was immer ihnen davon bewußt war. Faszinierend ist es, wie an einem solchen Ort, der mit verruchter heidnischer Vergangenheit verbunden wurde, sich so neue Regionen der menschlichen Seele offenbarten.

Auch wenn der Ort heute längst grausig profanisiert ist, so hat dort doch vor 192 Jahren eine der abendländischen Epiphanien stattgefunden.

Büste des Tiberius

nachgetragen am 30. Mai

Mittwoch, 23. Mai 2018

Trauergottesdienst für Rosemarie Schuder-Hirsch


Es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und Jesus rief laut: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen die Frauen zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten. Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht. Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern. Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Amen
Lukas 23.44/24.1-6

Der Friede des Auferstandenen sei mit euch!

Liebe Trauerversammlung,

das Buch ist vielleicht die menschlichste Form, um sich dauerhaft mitzuteilen. Jedes Buch ist aber auch immer eine Preisgabe. Der Autor gibt von sich selbst preis und kann nicht wissen, was daraus wird, denn jedes Buch geht irgendwann seinen eigenen Weg. Auf diesem Weg begegnet es dann wieder Menschen und legt vor ihnen Zeugnis ab auch von dem, der es geschrieben hat. Bücher sind Offenbarungen.

Nur noch ihre Bücher zeugen nun lebendig von der Frau, deren Tod uns heute zusammengeführt hat. Das Gespräch mit ihr selbst ist verstummt. Noch haben wir die Melodie ihrer Stimme im Ohr, und wir, die wir sie kannten, werden diese Melodie lebenslang hören, wenn wir ihre Bücher wieder zur Hand nehmen. Mich trägt und ich verkündige euch die Gewissheit, dass die Welten, in denen ihre Wörter einstmals wohnten, ihrerseits wieder die Worte bewohnen, die sie überleben.

Ich blicke auf einen merkwürdigen und im Leben eines Menschen seltenen Wandel zurück, denn ich kannte die Bücher der Verstorbenen lange, bevor ich sie kennenlernen durfte.

Mit ihren Michelangelo-Romanen unternahm ich meine ersten Italienreisen, bevor ich einen Fuß in das uns damals so unendlich ferne Land setzen konnte. Sie machte mir den Künstler und die großen Päpste der Renaissance vertraut und behandelte doch immer auch die Zeit, in der wir lebten. In diesem besten Zusammenhang schrieb sie historische Romane. Sie eröffnete dem Leser die Geschichte genauso, wie das Verständnis der Gegenwart. Sie belehrte uns für die Zukunft.

Die Bücher waren ihr Leidenschaft und Arbeit. Sie erfüllten dieses lange Leben, das am 24. Juli 1928, dem Tag des Heiligen Christophorus, in Jena begonnen hatte. In und mit den Büchern erwuchs ihr eine parallele geistige Existenz, von der man als Leser geprägt werden konnte, auch ohne sie persönlich zu kennen und in der wir, ihre Leser, nun gleichsam als Waisen zurückbleiben.

Die Bücher wurden ihr zur Wohnung und waren es wohl mehr, als selbst das Haus, welches ihr Ehemann Rudolf Hirsch für sie gebaut hatte, es jemals werden konnte. Vierzig Jahre lebten die beiden gemeinsam in einer Lebens-, Liebes- und Schaffensgemeinschaft. Aus den gemeinsamen Jahren erwuchsen gemeinsame Bücher, von denen der „Gelbe Fleck“ zweifellos das bedeutendste bleiben wird.

Immer wieder zeugen ihre Bücher von verlorenen Welten und von vergessenen Menschen. Gerade dadurch aber gelingt es ihnen, diese verlorenen Welten wieder zu errichten, die vergessenen Menschen in Erinnerung zu rufen, ihnen Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen und ihnen eine geistige Existenz zu verschaffen, die wie ein Nebel unter uns Lebenden weht.

Manche Bücher durchschreiten wir, wie das Leben selbst, und so blieb Rosemarie auch ihrem Rudolf verbunden, nachdem er 1998 gestorben war. Es war bei ihr immer der Schmerz über diesen Verlust spürbar, noch mehr aber bestimmte sie die Gewissheit davon, dass sie in ihren Büchern vereint blieben und der Welt und den Lesern weiter gemeinsam gegenübertraten. Man muss erlebt haben, wie liebevoll sie von Rudolf Hirsch sprach. Das Schreiben wurde ihr nun die Weise, ihm treu zu bleiben.

Gern hätte ich auch ihn persönlich erlebt und wohl am meisten seinen Humor geschätzt. Er war aber schon tot als ich Rosemarie Schuder im Geburtshaus von Novalis das erste Mal begegnete. Hätte es einen zauberhafteren Ort für die Begegnung mit einer Schriftstellerin, deren Bücher man schon lange kannte, geben können, als dieses verwunschene Schloss?

Zu den Büchern trat nun die Frau, die diese Welt erschaffen hatte. Als Letzte trat sie für mich in den Kreis des Naumburger Meisters, Jan van Leydens, Michelangelos, Kepplers, Boschs, Servets und Freiligraths. Auch jetzt hat sie ihn nicht wieder verlassen. In einer gewissen Weise gehört sie ihm nun sogar noch wirklicher an.

Darüber wollen wir heute nachdenken. Noch sind wir in ihrer Gegenwart, geben aber alles, was irdisch war, aus der Hand. Wir werden ihren Leib begraben.

Im Buche Jesus Sirach lesen wir. Gott hat den Menschen geschaffen aus der Erde; und bestimmt ihnen die Zeit ihres Lebens. Er gab ihnen Vernunft, Sprache, Augen, Ohren und Verstand und Erkenntnis.

Rosemarie hat alle diese Gaben wunderbar genutzt. Sie war eine kluge, scharfsinnige und manchmal, aber nur wo es not tat, auch scharfzüngige Frau. Immer war es ihr auch darum zu tun, den Verstand der Zuhörer und der Leser zu schärfen und ihre Erkenntnis zu wecken. Es war ihr ungeheuer wichtig, stets weiter zu arbeiten.

Das sich mit dieser Arbeit dann sogar noch eine späte Heimkehr ereignete, das ist schon wieder eine ganz eigene Geschichte, die mit der geteilten Stadt Guben, der vermögenden Familie Wilke und einem kleinen Stadtwächterstübchen im Zusammenhang steht. Es ist eine eigene Geschichte, aber, mein lieber Andreas Peter, vor allem Dein großes Verdienst um den Lebensweg der Frau, die wir heute betrauern.

Auch darin hat sich die Erwartung von Novalis erfüllt, der auf die Frage: Wohin gehen wir? schlicht zur Antwort gab: Immer nach Hause!

Wo aber sollen wir dieses Zuhause erhoffen? Wie sollen wir die Richtung des Weges wissen, wenn wir nicht in dem lesen, was uns ihr Lebensweg lehrt. Wo doch nun jedes Buch seinen geistigen Ursprung hat und bewahrt, um wie viel mehr sollten wir da nicht auch einen geistigen Ursprung haben, in den wir zurückkehren dürfen? Wir können der tiefen jüdischen Weisheit Jesus Sirachs vertrauen, der uns Gott als unseren Ursprung bezeichnet. Er hat uns unsere Zeit bemessen und uns mit vielerlei Gaben ausgestattet. Nach langem Weg ruft er uns zurück. Der Schöpfer der Welt ist unser Zuhause.

Auf diese Heimkehr hat Rosemarie sich vorbereitet. Wie sie ihre Angelegenheiten geordnet hat, ist ein großes Vermächtnis, das wir bei der Familie Rupp wohl verwahrt wissen. Seit dem Aschermittwoch dieses Jahres ist die Verstorbene sehr bewusst dem folgenden Gedanken nachgegangen und hat sich von ihm leiten lassen:

Der Psalmist betet: Sei mir ein starker Fels. Das Wort war über die Zeit des Sterbens geschrieben, wie über einem Tor, vor dem wir stehen. Die Christenheit begann wie in jedem Jahr ihre Wanderung nach Golgatha, indem den Gläubigen das Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet wurde. Dieses Kreuz dient der Erinnerung an das Kreuz des Herrn aber auch der Erinnerung an das eigene Sterben. „Gedenke Mensch, das Du Staub bist und wieder zu Staub werden wirst.“ Diese Zeit dient so auch nicht nur der Erinnerung an das Leiden und Sterben Christi, sondern schließt unseren eigenen Tod mit ein und vergegenwärtigt diese Wirklichkeit unseres Daseins.

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, daß du mir helfest!

Ist das nicht eine ganz naheliegende Reaktion? Wenn mir ein schwerer Weg bevorsteht, dann will ich mich für ihn rüsten, indem ich nach Kräften suche, die mich diesen Weg bestehen lassen. Der Mensch stimmt seinen Leib und sein ganzes Leben auf eine vor ihm liegende Prüfung ein.

Wir Christen beten:

Sei mir ein starker Fels.

Wir tun das, weil wir nach Stärkung und Halt suchen. Wir spüren unser Menschsein ganz besonders darin, dass wir gerade in solchen Situationen nach Gemeinschaft suchen – nach der Gemeinschaft mit vertrauten Menschen – aber auch nach der Gemeinschaft mit Gott.

Novalis hat gedichtet:

Wenn alle untreu werden,
So bleib’ ich dir doch treu;
Daß Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sei.

Vor ihr lag nicht irgendeine Aufgabe, Prüfung oder schwere Zeit, sondern die Passion unseres Herrn und der Weg in den eigenen Tod.

„Meine Zeit steht in Deinen Händen.“

Da streift auch uns der Hauch der Gewissheit, dass unsere Zeit verrinnt und vergeht.
Wir trösten uns mit den Freuden des Lebens und schauen mit Wohlgefallen auf die Dinge, die wir vielleicht geschaffen haben. Unzweifelhaft aber bleibt, dass wir sterben müssen, und dass wir nicht einfach vor dem Tor stehen bleiben können.

Noch einmal soll Rosemarie Schuder selbst zu Wort kommen. Ihr Roman „Die Erleuchteten“ endet: „Die Handlanger öffnen den Sarg, nehmen den Körper heraus, binden ihn an den Pfahl hoch oben auf dem Scheiterhaufen. Es dauert eine Weile, sie sind gründlich. Vor seine Füße stellen sie das Bild, daneben legen sie die Schriften. Noch ein Handlanger springt hinzu, schlägt vom Kopf des Toten das schwarze Barett. Jetzt schreien die Menschen, weil der Holzstoß entzündet wird. Wer will entscheiden, ob das Böswilligkeit oder Ungeschicklichkeit oder Absicht war. Der Feuersog reißt die Schriften auseinander, der aufsteigende Rauch trägt sie. Es sind zu viele Blätter, die Wächter können sie nicht einfangen. Sie können auch nicht nachprüfen, wer sich unbemerkt eine dieser Schriften unters Hemd gesteckt hat. Sie können es nicht verhindern, daß die Worte des David Joris in der Welt bleiben, Worte vom Pferd und seinen Augen:

„Meine Mutter erklärte mir, wie es kommt, daß ein Pferd einen Reiter erträgt. Mit seinen großen Augen sieht es alle Dinge neunmal größer. Also auch den Reiter. Wüßte es, wie klein der in Wahrheit ist, würde es ihn abschütteln.

Wer verzweifeln will, ob der Übermacht des Feindes, soll nicht kleinmütig werden und die Welt mit Pferdeaugen betrachten. Wer zweifeln will, ob wir es wirklich sind, ausersehen, die Welt zu verändern, der soll verstehen: Wir sind nicht der Anfang und nicht das Ende.“

Trotz alledem hat sich Rosemarie so unendlich schwer getan, ihren Frieden mit Gott zu finden. Nun wird Gott, auf unser Bitten hin, seinen Frieden mit ihr machen.

Begegne Du nun dem, der sich als der offenbart hat, der Anfang und Ende ist. Er ist mit seinen am Kreuz ausgebreiteten Armen die Tür, durch die du nun gehst.

Amen.

Der Friede des Auferstandenen sei alle Zeit mit euch. Amen.

Thomas Roloff

Photo (privat)

So der Herr will, wird Herr Roloff in wenigen Stunden diese Ansprache beim Trauergottesdienst für Rosemarie Schuder-Hirsch halten. Die Trauerfeier findet um 12 Uhr in der Feierhalle auf dem Friedhof der Sozialisten (Zentralfriedhof Friedrichsfelde) statt. Um 13 Uhr wird sie an der Seite ihres 1998 verstorbenen Mannes Rudolf Hirsch unweit der Feierhalle in der Abteilung: „Künstlerweg“ beigesetzt.

Sonntag, 20. Mai 2018

Plato, Schönheit als Dialog mit Gott – Sir Roger Scruton IV


Anselm Feuerbach: Das Gastmahl. Nach Platon (2. Fassung)

Aus „Why Beauty Matters“, von Sir Roger Scruton (Min. 23.52 ff.):

„Plato, der im vierten Jahrhundert v. Chr. in Athen schrieb, argumentierte, daß Schönheit das Zeichen einer anderen und höheren Ordnung sei. Wenn du die Schönheit mit dem Auge des Geistes siehst, wirst du in der Lage sein, wahre Tugend zu erhalten und ein Freund Gottes zu werden.

Plato war Idealist. Er glaubte, daß Menschen Pilger und Reisende in dieser Welt sind, immer danach strebend, darüber hinaus zu gelangen, in das ewige Reich, in dem wir mit Gott vereint sein werden.

Gott existiert in einer transzendenten Welt, der wir Menschen zustreben, die wir aber nicht direkt kennen können. Aber eine Möglichkeit, einen Blick in diese himmlische Sphäre von hier unten zu erhaschen, ist die Erfahrung der Schönheit.

Dies führt zu einem Paradox. Für Plato war Schönheit zuerst und vor allem die Schönheit des menschlichen Gesichts und der menschlichen Form. Die Liebe zur Schönheit, dachte er, entspringt dem Eros, einer Leidenschaft, die wir alle fühlen. Wir können diese Leidenschaft romantische Liebe nennen.

Für Plato war Eros eine kosmische Kraft, die uns in Form von sexuellem Verlangen durchströmt. Aber wenn die menschliche Schönheit Lust und Verlangen erweckt, wie kann sie etwas mit dem Göttlichen zu tun haben?

Verlangen ist für das Individuum, das in dieser Welt lebt. Es ist eine drängende Leidenschaft. Sexuelles Verlangen stellt sich uns dar als eine Wahl:

Verehrung oder Begierde. Liebe oder Lust.

Lust handelt vom Nehmen, aber Liebe besteht im Geben. Lust bringt Häßlichkeit - die Häßlichkeit menschlicher Beziehungen, in denen eine Person die andere als wegwerfbares Mittel behandelt.

Um die Quelle der Schönheit zu erreichen, müssen wir die Lust überwinden. Diese Sehnsucht, frei von Lust, ist das, was wir heute mit platonischer Liebe meinen.

Wenn wir Schönheit in einer jugendlichen Person finden, dann deshalb, weil wir einen flüchtigen Blick erhaschen vom Licht der Ewigkeit, das von diesen Zügen herüber scheint aus einer himmlischen Quelle jenseits der diesseitigen Welt. Die schöne menschliche Form ist eine Einladung, sich geistig, nicht physisch mit ihr zu vereinen. Unser Gefühl für Schönheit ist aus diesem Grund eine religiöse und keine sinnliche Emotion.

Diese Theorie Platons ist erstaunlich. Schönheit ist ein Besucher, dachte er, aus einer anderen Welt. Wir können nichts damit anfangen, ausgenommen, über sein reines Strahlen nachzusinnen. Alles andere verunreinigt und entweiht es und zerstört seine heilige Aura.

Platons Theorie mag den Menschen heute wunderlich erscheinen, aber sie ist eine der einflußreichsten in der Geschichte. Durch unsere ganze Zivilisation hindurch wurden Dichter, Geschichtenerzähler, Maler, Priester und Philosophen inspiriert von Platos Ansichten über Sex und Liebe.“

Scruton zieht einige Bücher (Min 28.07 ff.) aus seinen Regalen, um Autoren zu bennen, die versucht haben, Platos Theorie über die Liebe auszudrücken: Thomas Mallory - Der Tod des Arthur, John Donne, Sir Gawain und der Grüne Ritter, Chaucer, die Gedichte des Pearl Manuskripts, Dante, Spencer - Die Feenkönigin u.a.

Sandro Botticelli: Die Geburt der Venus

„Die Göttin der erotischen Liebe – Venus - blickt von einem Ort jenseits des Verlangens auf die Welt. Sie lädt uns ein, unsere irdische Begierde zu überwinden und sich mit ihr durch die reine Liebe zur Schönheit zu vereinen.“

Botticellis Vorbild für sein Gemälde habe für ihn Platos Ideal repräsentiert - Schönheit ist dazu da, betrachtet zu werden, aber nicht, sie besitzen zu wollen.

"Plato und Botticelli erzählen uns, daß wahre Schönheit jenseits des sexuellen Verlangens liegt, so daß wir Schönheit nicht nur in einem begehrenswerten jungen Menschen finden können, sondern auch in einem altersvollen Gesicht, gezeichnet von Trauer und Weisheit. Solche, wie Rembrandt sie gemalt hat. Die Schönheit eines Gesichts ist ein Symbol für das Leben, das darin ausgedrückt wird. Es ist Fleisch, das Geist wurde.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn
Porträt einer dreiundachtzigjährigen Frau - Aechje Claesdr

Und wenn wir unsere Augen darauf richten, scheinen wir hindurch bis in die Seele sehen zu können. Maler wie Rembrandt sind bedeutsam darin, uns zu zeigen, daß Schönheit ein einfaches und alltägliches Ding sein kann. Es liegt um uns herum. Wir brauchen nur die Augen, um es zu sehen, und das Herz, es zu fühlen.

Das gewöhnlichste Ereignis kann in etwas Schönes verwandelt werden von einem Maler, der in das Herz der Dinge zu sehen vermag.

Solange wie ein Glaube an einen transzendenten Gott fest im Herzen unserer Kultur verankert war, dachten Künstler und Philosophen weiterhin an Schönheit in der Weise Platos. Schönheit war die Offenbarung Gottes im Hier und Jetzt.

Dieser religiöse Zugang zum Schönen dauerte 2000 Jahre an."

El Greco: Ausgießung des Hl. Geistes, hier gefunden

Mit dieser Fortsetzung der vorigen drei Beiträge sind wir zur Hälfte durch Sir Roger Scrutons Film hindurch und gewissermaßen auch ein wenig in Pfingsten angekommen, was die ursprüngliche Absicht dieser Reihe war. Letzteres ist mit einer gewissen Verzögerung gelungen.

Ab jetzt folgt wieder die Neuzeit. Nicht, daß wir vor ihr zurückschrecken würden, schließlich müssen wir in ihr leben, aber womöglich werden die Schritte sich etwas beschleunigen. Wir werden sehen.

nachgetragen am 22. Mai 

Samstag, 19. Mai 2018

Über das Göttliche der Schönheit & das Verbrechen der modernen Architektur – Sir Roger Scruton III

Frankfurt am Main, Stadtheilung I
Dom mit (abgerissenem) Technischen Rathaus, hier gefunden

"Schönheit wird aus zwei Richtungen angegriffen: Durch den Kult der Häßlichkeit in den Künsten und durch den Kult der Nützlichkeit im täglichen Leben.

Diese beiden Kulte treffen sich in der Welt der modernen Architektur. An der Wende zum 20. Jahrhundert, fingen Architekten wie Künstler an, unduldsam gegenüber der Schönheit zu werden und ersetzten sie durch Nützlichkeit.

Der amerikanische Architekt Louis Sullivan drückte das Credo der Modernisten aus, als er sagte, daß Form der Funktion folgt. In anderen Worten, hören Sie auf, darüber nachzudenken, wie ein Gebäude aussieht, und denken Sie statt dessen an das, was es tut. Sullivans Doktrin wurde benutzt, um das größte Verbrechen gegen die Schönheit zu rechtfertigen, das die Welt bisher gesehen hat, und das ist das Verbrechen der modernen Architektur.

Ich wuchs auf in der Nähe von Reading, einer viktorianischen Stadt mit terrassierten Straßen und gotischen Kirchen, deren Charme von eleganten öffentlichen Gebäuden und freundlichen Hotels vervollständigt wurde. Aber in den 1960er Jahren begannen sich die Dinge zu ändern. Hier in der Mitte wurden die angenehmen Straßen zerstört, um Platz für Büroblöcke, eine Bushaltestelle und Parkplätze zu schaffen, ohne dabei Schönheit auch nur in Erwägung zu ziehen.

Und die Ergebnisse beweisen, daß, wenn man nur Nützlichkeit berücksichtigt, die Dinge, die man baut, bald nutzlos sein werden. Dieses Gebäude ist verbarrikadiert, weil niemand etwas damit anfangen kann, und niemand kann etwas damit anfangen, weil niemand darin sein will. Niemand möchte darin sein, weil das Ding so verdammt häßlich ist.

Überall, wohin du dich wendest, herrscht Häßlichkeit und Vandalismus. Die Büros und der Busbahnhof wurden aufgegeben. Alles wurde verwüstet. Aber wir sollten nicht die beschuldigen, die dies taten. Dieser Ort wurde von Vandalen erschaffen, und diejenigen, die die Graffiti hinzufügten, haben das Werk bloß vollendet.

Die meisten unserer Städte haben Gebiete wie diese, in denen Gebäude, die nur für ihren Nutzen errichtet wurden, schnell nutzlos geworden sind. Nicht daß Architekten aus dieser Katastrophe gelernt hätten. Als die Öffentlichkeit anfing, sich gegen den brutalen Beton-Stil der 60er Jahre zu wenden, ersetzten die Architekten es einfach durch eine neue Art von Müll.

Glaswände hängen an Stahlrahmen mit absurden Details, die nicht zusammenpassen. Das Ergebnis ist einfach eine andere Art des Scheiterns im Zusammenfügen. Es ist nur da, um abgerissen zu werden.

Frankfurt am Main, Stadtheilung II
Dom-Römer-Projekt-Baustelle. 2012, hier gefunden

Inmitten all dieser Verwüstung finden wir ein Fragment der Straßen, die zerstört wurden. Einst eine Schmiede, jetzt ein Café. Es ist das letzte bißchen Leben, das übrig ist, und das Leben kommt von dem Gebäude.

Noch einmal Oscar Wilde: ‚Alle Kunst ist ganz und gar nutzlos. Stell die Nützlichkeit voran und du verlierst sie. Aber stell‘ Schönheit an die erste Stelle und was immer du tust, wird brauchbar bleiben für immer.‘

Es stellt sich heraus, daß nichts wertvoller ist als das Nutzlose. Wir sehen dies in der traditionellen Architektur mit ihren dekorativen Details. Ornamente befreien uns von der Tyrannei der Nützlichkeit und erfüllen unser Bedürfnis nach Harmonie. Auf eine seltsame Weise fühlen wir uns zu Hause.

Frankfurt am Main, Stadtheilung III
Der Hühnermarkt, 1903, hier gefunden

Frankfurt am Main, Stadtheilung IV
Stoltze-Denkmal, wiederhergestellter Hühnermarkt 
an Stelle des abgerissenen Technischen Rathauses, hier gefunden

Sie erinnern uns daran, daß wir mehr als nur praktische Bedürfnisse haben. Wir werden nicht nur von tierischen Trieben regiert, wie Essen und Schlafen, wir haben dazu auch geistige und moralische Bedürfnisse, und wenn dieses Verlangen nicht befriedigt wird, sind wir im Unfrieden mit uns selbst.

Frankfurt am Main, Stadtheilung V
Markt Blick vom Haus "zu den drei Römern" Richtung Dom

Wir alle wissen, wie es ist, selbst in der Alltagswelt, plötzlich von Dingen hinweggeführt zu werden, die wir sehen. Von der gewöhnlichen Welt unserer Begierden hin zur erleuchteten Sphäre der höheren Betrachtung.

Das Aufleuchten des Sonnenlichts, eine Melodie, die wir erinnern, das Gesicht eines geliebten Menschen, dies geht in uns auf in den abgelenktesten Momenten, und plötzlich ist das Leben wieder lebenswert.

Dies sind die zeitlosen Augenblicke, in denen wir die Gegenwart einer anderen und höheren Welt spüren. Seit dem Beginn unserer westlichen Kultur haben Dichter und Philosophen die Erfahrung der Schönheit gesehen, die uns zum Göttlichen ruft."

Kopf des Platon, römische Kopie


Zitate übersetzt aus „Why Beauty Matters“  – Sir Roger Scruton
wird fortgeführt, 
nachgetragen am 22. Mai als Fortsetzung der vorigen beiden Beiträge

Freitag, 18. Mai 2018

Was Schönheit ausmacht – Sir Roger Scruton II

Marcel Duchamp, Urinal "readymade", Photograph by Alfred Stieglitz

„Das Muster wurde vor fast einem Jahrhundert von dem französischen Künstler Marcel Duchamp geschaffen. Er signierte ein Pissoir mit der fiktiven Unterschrift R. Mutt und reichte es für eine Ausstellung ein (1917). Seine Geste war satirisch, gedacht, um die Welt der Kunst zu verspotten und den Snobismus, der mit ihr einhergeht.

Aber es wurde auf eine andere Weise interpretiert, er würde uns nämlich zeigen, daß alles Kunst sein kann.

1) Wie ein Licht, das an- und ausgeht.
2) Eine Dose Kot.
3) Oder sogar ein Haufen von Ziegelsteinen.

Nicht länger mehr hat Kunst einen heiligen Status, der uns zu einer höheren moralischen oder geistigen Ebene erhebt, sie ist nur eine menschliche Geste unter anderen, nicht bedeutungsvoller als ein Lachen oder Schrei.

‚Ich denke, sie machen sich über uns lustig. Es ist ein Haufen Ziegel!‘ (sagt eine Dame).

Kunst hat einst einen Kult aus Schönheit gemacht. Jetzt haben wir stattdessen einen Kult der Häßlichkeit. Da die Welt beunruhigend ist, sollte Kunst auch verstören.

Diejenigen, die Schönheit in der Kunst suchen, haben mit den modernen Realitäten nichts mehr gemein. Manchmal besteht die Absicht darin, uns zu schockieren. Aber was beim ersten Mal schockierend ist, wird langweilig und leer, wenn es wiederholt wird.

Das macht Kunst nunmehr zu einem ausgeklügelten Witz, der jedoch nicht mehr lustig ist, aber die Kritiker bekräftigen ihn weiter, aus Angst, sonst sagen zu müssen, der Kaiser habe gar keine Kleider an. Kreative Kunst wird nicht erzielt einfach dadurch, daß man eine Idee hat. Natürlich, Ideen können interessant und unterhaltsam sein, aber dies rechtfertigt noch nicht die Beschlagnahme des Begriffes "Kunst".

Wenn ein Kunstwerk nichts anderes als ein Einfall ist, kann jeder ein Künstler sein. Und jedes Objekt kann ein Kunstwerk sein. Es gibt nicht länger irgendein Verlangen nach Geschick, Geschmack oder Kreativität.“

Ein Gespräch

Moderator: „Was Sie auch versucht haben, so wie ich es verstehe, war, die Kunst als Objekt zu entwerten, einfach, indem Sie sagen, wenn ich behaupte, daß es ein Kunstwerk ist, dann ist es ein Kunstwerk.“

Duchamp: „Ja, das Wort Kunstwerk ist mir nicht so wichtig. Ich interessiere mich nicht für das Wort ‚Kunst‘, weil es so diskreditiert wurde.“

Moderator: „Aber tatsächlich haben Sie zur Diskreditierung absichtsvoll beigetragen.“
Duchamp: „Mit Absicht, ja! Ich möchte sie genauso loswerden in der Weise, wie viele Menschen heute Religion aufgegeben haben.“

Scruton kommentiert: „Die Leute akzeptierten Duchamps eigene Wertungen. Aber ich glaube, er ist nicht die Kunst losgeworden, sondern nur die Kreativität. Wie auch immer, Duchamps Arbeiten beeinflussen noch immer die Richtung der heutigen Kunst.“

Pieta, Michelangelo Buonarroti, hier gefunden

Ein anderes Gespräch: Eine Eiche - Michael Craig-Martin

„Der Künstler Michael Craig-Martin, der einige der jungen britischen Künstler unterrichtete, deren Werke die Kunstwelt beherrschen, folgte Duchamps Beispiel mit seinem eigenen wegweisenden Werk, das er ‚Ein Eichbaum‘ benannte. Dieses besteht aus einem Glas Wasser auf einem Regal mit einem Text, der erklärt, warum es ein Eichbaum ist.“

Scruton: „Als ich St. Peter zum ersten Mal betrat und mich mit Michelangelos Pieta konfrontiert sah, wurde das für mich zu einer verändernden Erfahrung. Mein Leben wurde dadurch verändert. Denken Sie, daß jemand die gleiche Erfahrung mit Duchamps Urinal oder Ihrem Eichbaum erleben könnte, der im Grunde eine ähnliche Sache ist?“

Michael Craig-Martin: „Ich weiß, als ich ein Teenager war und zum ersten Mal auf Duchamp stieß und zum ersten Mal auf die Ready-Mades, war ich absolut erstaunt. Ich denke nicht, daß Leute von einem Gefühl der Schönheit überwältigt werden, wenn sie das Urinal sehen, es soll nicht schön sein, aber das bedeutet nicht, daß es daran nichts gibt, das nicht die Vorstellungskraft fesseln könnte.

Und ich denke, daß die Phantasie gefangen zu nehmen, der Schlüssel zu dem ist, was ein Kunstwerk zu tun versucht. Duchamp fühlte, daß Kunst zu sehr an Techniken interessiert geworden war, zu interessiert an der äußeren Erscheinung. Er fühlte, daß sie intellektuell und moralisch korrupt geworden war.

Sein Beweggrund, ein Kunstwerk zu machen, das nicht zum System paßte, war nicht Zynismus, es war, um zu sagen, ich versuche, eine Kunst zu machen, die all die Dinge verleugnet, von denen die Leute sagen, Kunst müsse sie haben, weil ich versuche zu sagen Sie, daß die zentrale Frage der Kunst woanders liegt.“

Scruton: „Ich sehe den Punkt, daß die Dinge sich ändern mußten. Aber zu was wollte Duchamp sie ändern?“

Michael Craig-Martin: „Ich bin mir sicher, er hatte keine Ahnung, wie zentral das Ding war, über das er gestolpert ist - im Wesentlichen, daß ein Kunstwerk ein Kunstwerk ist, weil wir es als solches ansehen.“

"Ich denke auch, daß es wichtig ist zu sagen, daß der Begriff der Schönheit erweitert wurde. Ein Teil der Aufgabe des Künstlers besteht darin, jemanden dazu zu bewegen, etwas als schön anzusehen, von dem bisher noch niemand dachte es sei schön."

Scruton sarkastisch:  „Etwa wie eine Dose Scheiße?“

Michael Craig-Martin, lachend: "Nun, ich bin mir nicht sicher, ob es schön ist: Aber Sie sehen, wenn Sie ein Beispiel von etwas nehmen, das nicht versucht, schön zu erscheinen, wenn Sie Jeff Koons nehmen, Jeff Koons hat einige Dinge getan, die wirklich verblüffend schön sind."

Scruton: "Es sieht für mich so kitschig aus, Kitsch mit Zucker darauf."

Michael Craig-Martin: "Dies ist der Gegenstand seiner Arbeiten, nicht die Substanz seines Werks."

Scruton: "Was nutzt diese Kunst? Wozu verhilft sie Menschen?“

Michael Craig-Martin: "Ich denke, hoffentlich, diese Art von Kunst ermöglicht es Menschen, die Welt, in der sie leben, so zu sehen, daß sie ihnen mehr Bedeutung gibt. Es ist keine ideale Welt, irgendein anderer Ort, ein besserer Platz. Aber im Hier und Jetzt - in der Welt, in der sie sind, und in der sie versuchen zu leben - gelassener leben zu können, in der Welt, die ihnen gegeben ist."

Es ist mir gelungen, mich bisher mit Kommentaren zurückzuhalten. Aber mir fallen Begriffe auf, die ich vormerken will, „Substanz“, „schön“, ein gewisser Utilitarismus, Kunst mache die Existenz erträglicher indem sie sie gewissermaßen affirmiert. Immerhin eine Antwort. Übrigens muß ich um Nachsicht dafür bitten, daß ich nur den Kommentar des Films nachzeichne, nicht den Film als solchen, das erste ist schon mühsam genug. Eine Ausnahme: Mit den nächsten Bildern (und Worten natürlich) konterkariert Scruton ein wenig, nun ja, sagen wir sarkastisch, das eben Behauptete.

„Die Welt von heute zeigt uns also die Welt wie sie ist - das Hier und Jetzt mit all seinen Unvollkommenheiten. Aber ist das Ergebnis wirklich Kunst? Sicherlich wird etwas nicht zu einem Kunstwerk, nur weil es uns ein Stück Realität anbietet, Häßlichkeit eingeschlossen, und sich selbst Kunst nennt.“

„Kunst braucht Kreativität und Kreativität handelt vom Teil-Haben. Es ist ein Ruf an andere, die Welt so zu sehen, wie der Künstler sie sieht. Darum finden wir Schönheit in der naiven Kunst der Kinder. Kinder geben uns keine Ideen anstelle von kreativen Bildern, noch suhlen sie sich in Häßlichkeit.

Sie versuchen, die Welt so zu bestätigen, wie sie sie sehen, und zu teilen, was sie fühlen. Etwas von der reinen Freude des Kindes beim Erschaffen überlebt in jedem wahren Kunstwerk. Aber Kreativität ist nicht genug. Die Kunst des wahren Künstlers besteht darin, das Wirkliche im Lichte des Ideals zu zeigen und es so zu verwandeln.

David von Michelangelo, hier gefunden

Das ist es, was Michelangelo in seiner großartigen Darstellung des David gelang. Aber ein Betonabguß des David ist nicht im geringsten schön, denn es fehlt der wesentliche Bestandteil der Kreativität.

Diskussionen wie diese werden oft als gefährlich angesehen. In unserer demokratischen Kultur denken Menschen oft, es sei bedrohlich, den Geschmack einer anderen Person zu beurteilen.

Einige sind sogar durch die Vorstellung beleidigt, daß es einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Geschmack gäbe. Oder daß es zählt, worauf jemand sieht, was er liest oder hört. Aber das hilft niemandem. Es gibt Maßstäbe von Schönheit, die eine feste Grundlage in der menschlichen Natur haben und wir müssen nach ihnen suchen und sie in unser Leben einbringen.

Vielleicht haben die Menschen ihren Glauben an die Schönheit verloren, weil sie ihren Glauben an Ideale verloren haben. Alles, was es noch gibt, sind sie versucht zu denken, ist die Welt des Appetits. Es gibt keine anderen Werte als die nützlichen. Etwas hat einen Wert, wenn man es benutzen kann. Was der Nutzen von Schönheit?“

Oscar Wilde, 1889, hier gefunden

„Oscar Wilde schrieb: ‚Alle Kunst ist ganz und gar nutzlos.‘ Dem, der diese Bemerkung für einen Lobpreis hält. Für Wilde war Schönheit ein Wert, der höher steht als Nützlichkeit. Menschen brauchen nutzlose Dinge, genau so sehr, ja sogar mehr als Dinge mit einem Nutzen. Was ist der Gebrauchswert von

Liebe

Freundschaft

Verehrung.

Überhaupt keiner. Und dasselbe gilt für Schönheit. Unsere Konsumgesellschaft stellt den Nutzen an die erste Stelle, und Schönheit ist allenfalls ein Nebeneffekt. Und da Kunst nutzlos ist, ist es gleichgültig, was du liest, worauf du schaust, wem du zuhörst.

Wir werden belagert von Botschaften auf jeder Seite, angenehm erregend, verlockt vom Appetit, nie an etwas gerichtet, und das ist ein Grund, warum Schönheit aus unserer Welt verschwindet.

‚Dinge gewinnend und zurückgebend verschwenden wir unsere Kräfte,‘ schrieb Wordsworth. In unserer heutigen Kultur ist Werbung wichtiger als ein Werk der Kunst. Und Kunstwerke versuchen oft, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, so wie es Werbung sucht, indem sie frech oder unverschämt ist. Zum Beispiel Damien Hurst - Aus Liebe zu Gott. Wie Werbung zielen die heutigen Kunstwerke darauf ab, eine Marke zu schaffen. Selbst wenn sie außer sich nichts zu verkaufen haben.

Kopf des David von Michelangelo, hier gefunden

wird fortgesetzt, 
nachgetragen am 21. Mai als Fortführung des gestrigen Beitrages

Donnerstag, 17. Mai 2018

Was Schönheit ausmacht – Sir Roger Scruton


„Why Beauty Matters“  – Sir Roger Scruton

„Why Beauty Matters“ ist ein Film der BBC von 2009, den Roger Scruton geschrieben hat und durch den er selbst führt. Um gleich zu Beginn mit einem Bekenntnis peinlich aufzufallen: Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon gesehen habe, aber jedes Mal versetzen mich diese 59 Minuten in eine  gleichzeitig aufwühlende als auch getröstete Stimmung. Mit anderen Worten, ich gerate in einen Zustand der Andacht.

Ich hatte schon länger vor, diesen Film vorzustellen, bin aber immer wieder vor der Aufgabe zurückgeschreckt. Überraschend fand ich jetzt Hilfe durch Richard Cocks vom Blog „The Orthosphere“, wofür ich nochmals danken will. Nachdem ich dort etwas näher umherlas, bin ich gleichzeitig auch reichlich eingeschüchtert (Nicht nur kennt er Plato, er ist ausgerechnet auch noch Mathematiker).

Dieses Dilemma gedenke ich, wie folgt zu lösen, ich werde einfach eine fan-artige Nacherzählung des Films abliefern (sub conditione Jacobaea) – zu mehr bin ich sowieso nicht fähig. Schon gar nicht werde ich Scruton selbst zu würdigen versuchen. Er hat eine wundervolle Seite, von der ausgehend darf sich jeder gern an ihm abarbeiten. Und sollte ich zu sehr versucht sein, doch zu kommentieren, werde ich das optisch kenntlich machen. Man überspringe diese Passagen dann einfach.

Zum Film

Wäre der Film ein Buch, dürfte man ihn wohl eine anti-moderne Kampschrift nennen. Ein Kritiker des „Guardian“, ein britisches Blatt, das völlig unverdächtig ist, Symathien für eine konservative Weltsicht aufzubringen, schrieb auch prompt: Wenn er von Häßlichkeit spreche, meine er Dinge, die nicht seinem Geschmack entsprächen. Und er würde genau die Beispiele anbringen, die erwartbar wären - Tracey Emins Bett, eine Skulptur der Chapman Brüder und einige heruntergekommene Nachkriegsgebäude etwa.

Dann fällt der bezeichnende Satz: „There's a reason people don't think of the world as ‚intrinsically meaningful‘ any more: because it isn't.“ Es gäbe einen Grund, warum Menschen die Welt nicht mehr als in sich sinnvoll ansehen würden – sie sei es nicht.

Damit bestätigt er zwar indirekt Scrutons Diagnose, die Welt würde in die Häßlichkeit stolpern, weil sie das Gespür für Sinn verloren habe, aber belassen wir es dabei. 2 Bilder sollen allerdings illustrieren, für welche Schönheiten sich Sir Scruton nicht erwärmen konnte. Im Fall von Reading greifen wir etwas vor, aber es paßt gerade so gut:

„Ich wuchs in der Nähe von Reading auf, einer viktorianischen Stadt mit terrassierten Straßen und gotischen Kirchen, deren Charme von eleganten öffentlichen Gebäuden und freundlichen Hotels vervollständigt wurde. Aber in den 1960er Jahren begannen sich die Dinge zu ändern.

Hier in der Mitte wurden die angenehmen Straßen zerstört, um Platz für Büroblöcke, eine Bushaltestelle und Parkplätze zu schaffen, ohne dabei Schönheit auch nur in Erwägung zu ziehen.“

„View of Reading from Caversham by Joseph Farington, 1793“, 

„The site of the Reading Civic Offices within the Reading Civic Centre 
after completion of demolition“, hier gefunden

Und einen Blick auf Tracey Emins ungemachtes Bett, eine „Installation“, nominiert für den „Turner-Preis“ darf man gern hier werfen. 2002 kommentierte der zuständige Minister Kim Howells den Preis übrigens derart wohlwollend: "Wenn dies das Beste ist, was britische Künstler hervorbringen können, dann ist die britische Kunst verloren.“ Es sei kalter mechanischer, konzeptueller „Scheiß“, der besonders pathetisch sei und symptomatisch für einen Mangel an Überzeugung. Das klingt doch nicht so nett. Aber zum Glück verstehe ich von diesen Dingen nichts.

Zurück zu Sir Scruton und zum Anfang seines Films:

Hätte man bis 1930 gebildete Menschen befragt - so beginnt er - was das Ziel von Poesie, Kunst oder Musik sei, so hätten sie geantwortet „Schönheit“. Und hätten sie diese nach dem Sinn dessen gefragt, würden sie erfahren haben, daß Schönheit einen Wert an sich hat, so bedeutsam wie Wahrheit und Tugend. Dann, mit dem 20. Jahrhundert, hätte die Schönheit aufgehört, wichtig zu sein.

„Die Kunst zielte zunehmend darauf, zu verstören und moralische Tabus zu brechen. Es war nicht Schönheit, sondern Originalität, wie auch immer erreicht und gleichgültig zu welchem moralischen Preis, die die Preise gewann. Doch nicht nur die Kunst wurde zu einem Kult der Häßlichkeit, auch die Architektur wurde seelenlos und steril. Und nicht nur unsere physische Umgebung nahm eine häßliche Gestalt an. Unsere Sprache, unsere Musik und unser Benehmen wurden zunehmend lärmend, egozentrisch und beleidigend, als hätten Schönheit und guter Geschmack keinen Platz mehr in unserem Leben.“

Ein Wort sei groß geschrieben über all diese häßlichen Dinge, und dieses Wort sei "ich". Mein Gewinn, meine Begehrlichkeiten, meine Vergnügungen. Und die Kunst habe als Antwort darauf nichts anderes zu sagen außer: "Tu es!"

„Ich denke, wir verlieren die Schönheit und darin besteht gleichzeitig die Gefahr, daß wir den Sinn des Lebens verlieren.“

Soweit die Eingangsbemerkung, die in eine förmliche Vorstellung einmündet:

„Ich bin Roger Scruton, Philosoph und Schriftsteller. Mein Beruf ist es, Fragen zu stellen. Während der letzten Jahre habe ich Fragen über Schönheit gestellt. Schönheit liegt seit über zweitausend Jahren  im Zentrum unserer Zivilisation. Von ihren Anfängen im antiken Griechenland an hat die Philosophie über die Stellung der Schönheit in Kunst, Poesie, Musik, Architektur und Alltag reflektiert.

Philosophen haben argumentiert, daß durch das Streben nach Schönheit wir die Welt in eine Heimat umgestalten. Wir gelangten dazu, das geistige Wesen unserer eigenen Natur zu verstehen. Aber unsere Welt hat der Schönheit den Rücken zugekehrt. Und darum finden wir uns umgeben von Häßlichkeit und Entfremdung.

Ich möchte Sie davon überzeugen, daß Schönheit wichtig ist. Das ist nicht einfach nur eine subjektive Sache. Es ist ein universelles Bedürfnis menschlicher Wesen. Wenn wir dieses Bedürfnis ignorieren, befinden wir uns in einer geistigen Wüste. Ich möchte Ihnen einen Weg zeigen, der aus dieser Wüste herausführt. Es ist ein Weg nach Hause.“

Die großen Künstler der Vergangenheit wären sich dessen bewußt gewesen, daß das menschliche Leben voll von Chaos und Leiden sei. „Aber sie hatten ein Heilmittel dafür, und sein Name war Schönheit. Das schön erschaffene Werk der Kunst bringt Trost in Trauer und Bekräftigung im Glück.“

Die Verzückung der heiligen Theresa, Santa Maria della Vittoria, Rom
von Giovanni Lorenzo Bernini, hier gefunden

Es zeige, daß das menschliche Leben wertvoll ist. Vielen modernen Künstlern sei dieser heilige Auftrag lästig geworden. Die Zufälligkeit des modernen Lebens könne nicht erlöst werden durch Kunst. Stattdessen solle sie herausgestellt werden.

Darauf folgt als Exempel Marcel Duchamp mit seinem berühmt-berüchtigten Urinal.

Zu meinem Bedauern muß ich hier abbrechen. Offenbar läßt meine Wachheit gerade doch zu sehr nach, ich will es also morgen fortsetzen (tatsächlich haben wir schon die Nacht auf Pfingstmontag), aber wie eingangs erwähnt, alles unter dem Vorbehalt „sub conditione Jacobaea“ (Brief des Jakobus 4, 13 - 15 „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen, und wißt nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“).

nachgetragen am 20. Mai