Posts mit dem Label Novalis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Novalis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 12. September 2019

Über Mariä Namen und ein Kreuzzugslied von Novalis

Martino Altomonte, Schlacht von Wien, zwischen 1693 - 1695

Am 12. September 1683 hat unter der Führung des polnischen Königs Jan III. Sobieski und dem Banner Mariens ein christliches Heer von 65.000 Mann eine dreimal stärkere türkische Übermacht vernichtend geschlagen und damit die Belagerung Wiens beendet.

 Wien vor 1640, hier gefunden

2. Türkenbelagerung; Laufgräben vor Wien gegen Ravelin, 
die Löbel- und Burgbastei; Kupferstich des kaiserlichen Hauptmanns 
und Ingenieurs Daniel Suttinger, hier gefunden

Der Friede von Karlowitz vom 26. Januar 1699 beendete den Großen Türkenkrieg und brach die Expansion des Osmanischen Reiches

Nach diesem Sieg bestimmte Papst Innozenz XI. die Feier von Mariä Namen als Fest der ganzen Kirche für diesen Tag.

Schutzmantelmadonna, hier gefunden

Papst Benedikt XVI. hielt an eben diesem Tag im Jahre 2006 an der Universität Regensburg eine Vorlesung, die zu tumultuarischer Empörung in der islamischen Welt führte und gern von den „Kritikern“ des Papstes gegen diesen gewendet wird...

Mariä-Namen-Kirche in Novi Sad, Serbien

Spätestens jetzt muß ich wohl einräumen, daß dies ein Selbstzitat war, aber da es um meine vernachlässigbare Person dabei beim besten Willen nicht geht, fühle ich mich gänzlich ohne schlechtes Gewissen, so habe ich eben resolviert. Dem Beitrag von 2012 kann man dort weiter folgen.

Manchmal bin sogar ich in der Lage, all das fast Fertige, an dem ich unzufrieden herumwerkele, einfach beiseite zu schieben und gewissermaßen spontan zu tun. Eben wurde ich an Heinrich von Ofterdingen erinnert, passend zum Tag des Namens Mariens. Warum? Das mag jeder für sich selbst sehen.

Es ist merkwürdig, wie jahrhundertealte Gedenktage ins Vergessen abdriften und schlagartig wieder aktuell werden. In Wien wüteten die Jünger des Anderen gegen das Gedenken an diesen Sieg, in Potsdam gegen das Glockenspiel von "Üb immer Treu und Redlichkeit". In der Tat, beides eine arge Zumutung und gewissermaßen eine angekündigte Kriegserklärung. So fügt sich eben vieles gerade zur Kenntlichkeit.

Moritz von Schwind, Sängersaal im Palas der Wartburg

Friedrich von Hardenbergs Heinrich von Ofterdingen ist ein so merkwürdiges Werk, daß selbst ein Versuch wie, es mit den Worten zu beschreiben, er versuche darin zu zeigen, wodurch die menschliche Existenz durch die Poesie zu ihrer Tiefendimension zurückzufinden vermag, abgeschmackt klingen muß.

Novalis beschreibt im 4. Kapitel des 1. Teils seines Fragment gebliebenen Heinrich von Ofterdingen zunächst eine Reisegesellschaft von Kaufleuten:

„Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt. Der Weg war fest und trocken, die Witterung erquickend und heiter, und die Gegenden, durch die sie kamen, fruchtbar, bewohnt und mannigfaltig. Der furchtbare Thüringer Wald lag im Rücken; die Kaufleute hatten den Weg öfter gemacht, waren überall mit den Leuten bekannt, und erfuhren die gastfreiste Aufnahme. Sie vermieden die abgelegenen und durch Räubereien bekannten Gegenden, und nahmen, wenn sie ja gezwungen waren, solche zu durchreisen, ein hinlängliches Geleite mit.“

Bei den Besuchen am Wege liegender Burgen kommt es zum Austausch von Neuigkeiten und Aufträgen. „Der junge Ofterdingen ward von Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden Betragens gepriesen, und die letztern verweilten gern auf seiner einnehmenden Gestalt, die wie das einfache Wort eines Unbekannten war, das man fast überhört, bis längst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr auftut, und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze dichtverschlungener Blätter zeigt, so daß man es nie vergißt, nicht müde wird, es zu wiederholen, und einen versieglichen, immer gegenwärtigen Schatz daran hat. Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten, und ahndet und ahndet, bis es auf einmal klar wird, daß es ein Bewohner der höhern Welt gewesen sei.“

„Auf einem dieser Schlösser, wo sie gegen Abend hinkamen, ging es fröhlich zu. Der Herr des Schlosses war ein alter Kriegsmann, der die Muße des Friedens und die Einsamkeit seines Aufenthalts mit öftern Gelagen feierte und unterbrach, und außer dem Kriegsgetümmel und der Jagd keinen andern Zeitvertreib kannte, als den gefüllten Becher.

Er empfing die Ankommenden mit brüderlicher Herzlichkeit, mitten unter lärmenden Genossen...  Das Gespräch lief über ehmalige Kriegsabenteuer hin. Heinrich hörte mit großer Aufmerksamkeit den neuen Erzählungen zu.

Die Ritter sprachen vom Heiligen Lande, von den Wundern des Heiligen Grabes, von den Abenteuern ihres Zuges, und ihrer Seefahrt, von den Sarazenen, in deren Gewalt einige geraten gewesen waren, und dem fröhlichen und wunderbaren Leben im Felde und im Lager. Sie äußerten mit großer Lebhaftigkeit ihren Unwillen, jene himmlische Geburtsstätte der Christenheit noch im frevelhaften Besitz der Ungläubigen zu wissen. Sie erhoben die großen Helden, die sich eine ewige Krone durch ihr tapfres, unermüdliches Bezeigen gegen dieses ruchlose Volk erworben hätten...

Die Ritter sangen mit lauter Stimme den Kreuzgesang, der damals in ganz Europa gesungen wurde:

Das Grab steht unter wilden Heiden;
Das Grab, worin der Heiland lag,
Muß Frevel und Verspottung leiden
Und wird entheiligt jeden Tag.
Es klagt heraus mit dumpfer Stimme:
»Wer rettet mich von diesem Grimme!«

Wo bleiben seine Heldenjünger?
Verschwunden ist die Christenheit!
Wer ist des Glaubens Wiederbringer?
Wer nimmt das Kreuz in dieser Zeit?
Wer bricht die schimpflichsten der Ketten,
Und wird das Heil'ge Grab erretten?

Gewaltig geht auf Land und Meeren
In tiefer Nacht ein heil'ger Sturm;
Die trägen Schläfer aufzustören,
Umbraust er Lager, Stadt und Turm,
Ein Klaggeschrei um alle Zinnen:
»Auf, träge Christen, zieht von hinnen.«

Es lassen Engel aller Orten
Mit ernstem Antlitz stumm sich sehn,
Und Pilger sieht man vor den Pforten
Mit kummervollen Wangen stehn;
Sie klagen mit den bängsten Tönen
Die Grausamkeit der Sarazenen.

Es bricht ein Morgen, rot und trübe,
Im weiten Land der Christen an.
Der Schmerz der Wehmut und der Liebe
Verkündet sich bei jedermann.
Ein jedes greift nach Kreuz und Schwerte
Und zieht entflammt von seinem Herde.

Ein Feuereifer tobt im Heere,
Das Grab des Heilands zu befrein.
Sie eilen fröhlich nach dem Meere,
Um bald auf heil'gem Grund zu sein.
Auch Kinder kommen noch gelaufen
Und mehren den geweihten Haufen.

Hoch weht das Kreuz im Siegspaniere,
Und alte Helden stehn voran.
Des Paradieses sel'ge Türe
Wird frommen Kriegern aufgetan;
Ein jeder will das Glück genießen
Sein Blut für Christus zu vergießen.

Zum Kampf, ihr Christen! Gottes Scharen
Ziehn mit in das Gelobte Land.
Bald wird der Heiden Grimm erfahren
Des Christengottes Schreckenshand.
Wir waschen bald in frohem Mute
Das Heilige Grab mit Heidenblute.

Die Heil'ge Jungfrau schwebt, getragen
Von Engeln, ob der wilden Schlacht,
Wo jeder, den das Schwert geschlagen,
In ihrem Mutterarm erwacht.
Sie neigt sich mit verklärter Wange
Herunter zu dem Waffenklange.

Hinüber zu der heil'gen Stätte!
Des Grabes dumpfe Stimme tönt!
Bald wird mit Sieg und mit Gebete
Die Schuld der Christenheit versöhnt!
Das Reich der Heiden wird sich enden,
Ist erst das Grab in unsern Händen.

Heinrichs ganze Seele war in Aufruhr, das Grab kam ihm wie eine bleiche, edle, jugendliche Gestalt vor, die auf einem großen Stein mitten unter wildem Pöbel säße, und auf eine entsetzliche Weise gemißhandelt würde, als wenn sie mit kummervollem Gesichte nach einem Kreuze blicke, was im Hintergrunde mit lichten Zügen schimmerte, und sich in den bewegten Wellen eines Meeres unendlich vervielfältigte...

Der Abend war heiter; die Sonne begann sich zu neigen, und Heinrich, der sich nach Einsamkeit sehnte, und von der goldenen Ferne gelockt wurde, die durch die engen, tiefen Bogenfenster in das düstre Gemach hineintrat, erhielt leicht die Erlaubnis, sich außerhalb des Schlosses besehen zu dürfen."

Benedetto Bonfigli, "Gonfalone di S. Francesco al prato", 1464

nachgetragen  am 13. September

Montag, 11. März 2019

Über die Großherzogin Anastasia

Großfürstin Anastasia Michailowna Romanowa

Es gab einmal einen mecklenburgischen Großherzog, der sehr leidend war, weshalb er die harschen Winter des Nordens meist im für ihn erträglicheren Süden Frankreichs verbrachte: Friedrich Franz III. Seine Gemahlin war eine Romanow, genauer: Großfürstin Anastasia Michailowna Romanowa. Diese starb am 11. März 1922 und ist in Ludwigslust beigesetzt.

Sie steht nahezu symbolhaft für das alte Europa, das vor 100 Jahren zugrunde gegangen ist. Ein Detail mag hindeuten auf das, was ich damit meine.

Zwar wird mir von Stammbaum-Darstellungen üblicherweise schwindlig. Aber hier versuche ich es einmal: Friedrich Franz und Anastasia hatten gemeinsame Vorfahren. Friedrich Franz III. war über seine Urgroßmutter, die Großfürstin Helena Pawlowna, der Ururenkel des Zaren Paul und der Zarin Maria Feodorowna. Anastasia war über ihren Vater deren Urenkelin.

Das Ganze noch einmal ein wenig ausführlicher:

Friedrich Franz III. war der älteste Sohn von Großherzog Friedrich Franz II.; dessen Vater, Großherzog Paul Friedrich, war der Sohn des früh verstorbenen Erbprinzen Friedrich Ludwig und der russischen Großfürstin Helena Pawlowna Romanowa (Helena war die zweite Tochter des Paul I. von Russland und seiner zweiten Ehefrau, Maria Feodorowna, geborene Prinzessin Sophie Dorothee von Württemberg).

Anastasia war die einzige Tochter von Großfürst Michael Nikolajewitsch, vierter Sohn von Zar Nikolaus I. und Charlotte von Preußen. Nikolaus war der dritte Sohn Paul I. und von dessen Ehefrau Maria Fjodorowna.

Warum ist dies von Bedeutung? Nun, es gibt einen ersten Hinweis, wie verflochten die regierenden Häuser Europas waren. Die Gründe dafür lassen wir einmal beiseite, aber die Wirkung war doch, daß eine verbindende kulturell-geistige und persönliche Sphäre entstand, die Europa wesentlich prägte und seine Aus- und Fortgestaltung förderte. Und dennoch half all dies nicht, die Katastrophe von vor 100 Jahren, und was dadurch folgte, zu verhindern.

Das macht es einem etwas schwer, über Biographien zu schreiben, die gerade auf diesem Bruch liegen. Und welche Maßstäbe soll man an ein Leben anlegen, dem selbst die gewohnten schicksalshaft abhanden gekommen waren.

Anastasia war noch sehr jung als ihr Vater 1862 zum Vizekönig des Kaukasus und Georgiens ernannt wurde. Es ist nur natürlich, daß sie sich daher wohl eher in Tiflis als in St. Petersburg zu Hause fühlte.

In letzterem allerdings lernte sie der mecklenburgische Erbprinz kennen als er nach einer Reise durch Kleinasien in der russischen  Hauptstadt Station machte.

Weniger als 3 Jahre später hielt dessen Vater für ihn um ihre Hand an. Alexander II. stimmte zu. Am 24. Januar 1879 wurde das Paar im Winterpalast getraut, am 8. Februar 1879 trafen Anastasia und Friedrich Franz in Schwerin ein.


Großfürstin Anastasia, etwa 1878, hier gefunden

Wenn die Berichte stimmen, hat sie sich dort nicht unbedingt wohlgefühlt. Doch der Gesundheitszustand Friedrich Franz‘ machte sowieso immer wieder längere Aufenthalte in südlicheren Gegenden notwendig. Das änderte sich auch nach dem Tod von Friedrich Franz II. am 15. April 1883 und der dadurch erforderlichen Thronbesteigung nicht. Nach 1887 war der bevorzugte Winteraufenthalt dann Cannes. Friedrich Franz III. ließ dort dafür 1889 die „Villa Wenden“  errichten.

Villa Wenden, Cannes
hier gefunden

Es war offensichtlich nicht nur ein wundervoller Bau mit herrlicher Aussicht. Er war auch im übrigen so eingerichtet, daß er als ein angenehmer Ort für gesellschaftliche Begegnungen dienen konnte. Noch nach dem Tod des Großherzogs feierte die Tochter Alexandrine hier ihre Hochzeit mit dem dänischen Thronfolger und späteren König Christian X.

Weder überrascht die Nachricht, daß der französische Staat die Villa Wenden nach späterem Kriegsausbruch eilig beschlagnahmte, noch ihr heutiger Zustand, der ebenfalls bezeichnend für dieses Zeitalter ist. Die Aussicht dürfte immerhin im wesentlichen die gleiche geblieben sein.

Friedrich Franz III. starb früh. Wenn man nach Zeugnissen seines Regierungshandelns fragt, wird man wenig finden, und im übrigen nur Beschreibungen eines oberflächlich unerhaltsamen Lebensstils in Südfrankreich. Oder schlimmer noch, Mutmaßungen über den Anlaß von kriminellen Anschlagsversuchen auf seine Person, die wenigstens zu Verurteilungen führten.

Wer so schaut, sucht das Interessante und Aufregende dort, wo es naturgemäß nicht zu finden ist. Im Bewußtsein seiner eingeschränkten Möglichkeiten hat Friedrich Franz III. das Regierungshandeln in offenkundig verantwortungsvolle Hände gelegt. Wenn doch jeder seine Beschränkung so weise und uneitel zu nutzen wüßte und dennoch seiner Rolle (hier fehlt im Deutschen ein besseres Wort) gerecht bliebe.

Anastasia mag ihre exzentrischen Neigungen gehabt haben, aber beider Verhältnis blieb bis zuletzt von warmherzigem Charakter. Ergreifend ist das Zeugnis, daß die Kronprinzessin Cecilie ihrem Vater ausstellt: "Wenn ich mir das Bild meines Vaters zurück rufe, so sehe ich vor meinem Auge den liebenswürdigsten und gütigsten Menschen, den es je gegeben hat. Von hoher schlanker Gestalt, mit strahlenden schönen Augen, aus denen sein warmes Herz leuchtete - so steht mein Vater unvergeßlich vor mir. Nichts konnte mir später größere Freude bereiten, als wenn Menschen, die ihn gut gekannt hatten, mir sagten, daß ich ihm ähnliche sähe. Er hat unendlich viel zu leiden gehabt, aber nie ist ein Wort der Klage über seine Lippen gekommen..."

Kronprinzessin Cecilie von Preußen

An einem Aprilmorgen des Jahres 1897 wurde der Großherzog, noch lebend, auf der Straße gefunden. Dies geschah am Vorabend von Palmsonntag. Noch einmal die Kronprinzessin:

"Um 10. Uhr morgens... sah ich den geliebten Vater zum letzten Mal; er saß im Rollstuhl im großen Salon meiner Mutter, sah sehr elend aus, war aber gütig wie immer. Am Abend, während wir oben mit der Umgebung zu Tisch saßen, wurde einer nach dem anderen geholt, nur ich wurde oben gelassen. Ich merkte, daß etwas sehr Trauriges vor sich ging... Da stand plötzlich mit furchtbarer Deutlichkeit die Erkenntnis vor mir, daß ich keinen Vater mehr hatte."

Friedrich Franz III. starb am 10. April 1897. Was wäre noch von ihr zu sagen. Ihre Familie geriet in diesen mörderischen Bruder- und Schwesternzwist, der einer ganz Europas war. Sie wich darauf in die Schweiz aus.

Am Ende ermordeten die tödlich-roten Irrwische ihre Brüder Georgi, Sergei und selbst den hochgelehrten Nikolai. Man scheut sich, weiterzuschreiben, als ob es salvierende Gründe für unterlassene Morde geben könnte. Ihre Tochter Cecilie, eine beschämend charakterstarke Gestalt, war die letzte Kronprinzessin des Reiches, ihr Sohn Friedrich Franz der letzte Großherzog Mecklenburgs...

Da wir ihr Todesdatum bereits früher genannt haben, dürfen wie uns jetzt auch in andere Sphären zurückziehen...
_________________________________________________

Novalis über das Königtum:

"Einem König sollte nichts mehr am Herzen liegen, als so vielseitig, so unterrichtet, orientirt und vorurtheilsfrey, kurz so vollständiger Mensch zu seyn, und zu bleiben, als möglich. Kein Mensch hat mehr Mittel in Händen sich auf eine leichte Art diesen höchsten Styl der Menschheit zu eigen zu machen, als ein König."

"Ein wahrhaftes Königspaar ist für den ganzen Menschen, was eine Constitution für den bloßen Verstand ist."

Aber:

"Ein einstürzender Thron ist, wie ein fallender Berg, der die Ebene zerschmettert und da ein todtes Meer hinterläßt, wo sonst ein fruchtbares Land und lustige Wohnstätte war."

nachgetragen am 21. März

Freitag, 25. Mai 2018

La Grotta Azzurra - Capri


Mitunter ist es seltsam, auf welchen Wegen man auf Bilder stößt. Es begann mit einer Fehlzuschreibung und zwar: „'Blue Grotto' - Jakob Alt, 1835“, ich denke, es war die obige Abbildung. Das klingt als Einstieg zwar etwas uncharmant, denn tatsächlich wurde es, so auf die Spur gebracht, eher interessanter. Es gibt es ein Gemälde von Jakob Alt - „Die Blaue Grotte auf der Insel Capri“, wohl von 1835, nur sieht dies so aus:


Die Herrschaften, die hier, mit Zylinder und Biedermeierhaube versehen, den gerade erst wieder ins Bewußtsein gerückten verrufenen Ort genießen, sind nicht recht im obigen Gemälde vorstellbar, selbst, wenn es eine andere Fassung geben sollte. Jakob Alt (geb. 1789 in Frankfurt am Main, gest. 1872 in Wien) war ein Verfertiger stimmungsvoller Landschaftsbilder und Stadtansichten, dem es offenbar gelang, selbst die Ruinen des Forum Romanum idyllisch geschrumpft aussehen zu lassen. Mitunter übersteigt er seine Betulichkeit, etwa in einem wundervoll-charmanten Luftbild Wiens, aber, soweit ich etwas über ihn herausfinden konnte, war das nicht unbedingt die Regel.


Jakob Alt, Wien aus dem Luftballon gesehen von Südwesten, 1847

Carl Friedrich Seiffert (geb. 1809, gestorben 1891 in Berlin) hat das Bild ganz oben 1860 unter dem Titel „Die Blaue Grotte auf Capri“ in Wirklichkeit geschaffen. Er firmiert als Spätromantiker, manches kam mir fast etwas „böcklin-haft“ vor, nicht unsympathisch, aber ich vermag nur eine solche gefühlsmäßige Wertung anzubringen, denn zum Glück versteh ich von all diesen Dingen ja  nichts.

Es gibt überhaupt eine Reihe von Darstellungen dieser blauen Grotte aus dem vorvorigen Jahrhundert, brechen wir aber ab mit Heinrich Jakob Fried „Die blaue Grotte von Capri“ von 1835.


Woher diese Faszination und warum erst jetzt?  Es war ein deutscher Romantiker, der sie wiederfand, natürlich. Wenn es auch ungewiß ist, ob die blaue Blume in Wirklichkeit je gefunden wurde (was immer Wirklichkeit bedeuten mag), die blaue Grotte wurde es.

Und wo wir gerade auf Novalis anspielen, auch seine Epiphanie fand ja gewissermaßen in einer Grotte statt. Und weil es so schön ist, zitieren wir einfach ein wenig aus seinem Heinrich von Ofterdingen:

„'Die blaue Blume sehn' ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anderes dichten und denken... Ich hörte einst von alten Zeiten reden; wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten. Mir ist gerade so, als wollten sie allaugenblicklich anfangen, und als könnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten.' ...Der Jüngling verlor sich allmählich in süßen Phantasien und entschlummerte. Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Tiere sah er; er lebte mit mannigfaltigen Menschen, bald im Kriege, in wildem Getümmel, in stillen Hütten... Alle Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Höhe in ihm...

Es kam ihm vor, als ginge er in einem dunkeln Walde allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg... Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe, an deren Fuß er eine Öffnung erblickte, die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu sein schien. Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeitlang eben fort, bis zu einer großen Weitung, aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen glänzte.

Wie er hineintrat, ward er einen mächtigen Strahl gewahr, der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg, und oben in unzählige Funken zerstäubte, die sich unten in einem großen Becken sammelten; der Strahl glänzte wie entzündetes Gold; nicht das mindeste Geräusch war zu hören, eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel. Er näherte sich dem Becken, das mit unendlichen Farben wogte und zitterte. Die Wände der Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen, die nicht heiß, sondern kühl war, und an den Wänden nur ein mattes, bläuliches Licht von sich warf.

Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdränge ihn ein geistiger Hauch, und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt. Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden, er entkleidete sich und stieg in das Becken. Es dünkte ihn, als umflösse ihn eine Wolke des Abendrots; eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres; mit inniger Wollust strebten unzählbare Gedanken in ihm sich zu vermischen; neue, niegesehene Bilder entstanden, die auch ineinanderflossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden, und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an ihn…

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß... Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte...

Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte.."

Später dann eine Unterhaltung mit dem Vater, der von der Träumerei nichts hält: 'Damals muß es eine andere Beschaffenheit mit den Träumen gehabt haben, so wie mit den menschlichen Dingen. In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntnis von der überirdischen Welt, soweit wir sie nötig haben, zuteil wird'.

Doch der Sohn wendet ein: 'Aber, lieber Vater, aus welchem Grunde seid Ihr so den Träumen entgegen, deren seltsame Verwandlungen und leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewißlich rege machen müssen? Ist nicht jeder, auch der verworrenste Traum, eine sonderliche Erscheinung, die auch ohne noch an göttliche Schickung dabei zu denken, ein bedeutsamer Riß in den geheimnisvollen Vorhang ist, der mit tausend Falten in unser Inneres hereinfällt?'"

Nein, nicht Novalis, sondern der Maler und Dichter August Kopisch ließ sich 1826 voll jugendlichen Übermuts vom Aberglauben der Einheimischen nicht davon abhalten, die bekannte, aber gemiedene Grotte mit einem Freund aufzusuchen. Er hat, wohl als Folge eines gewisses Handikaps, nicht viel gemalt, und von dem wenigen ist auch nicht alles erhalten geblieben, was ein Jammer ist, wenn man etwa sein Gemälde„Die Pontinischen Sümpfe bei Sonnenuntergang“ betrachtet.


Im Gästebuch seines beherbergenden Notars und Helfers Giuseppe Pagano schrieb er unter dem 17. August 1826 als August Kopisch aus Breslau:

„Freunde wunderbarer Naturschönheiten mache ich auf eine von mir nach den Angaben unsers Wirtes Giuseppe Pagano mit ihm und Herrn Fries entdeckte Grotte aufmerksam welche furchtsamer Aberglaube Jahrhunderte lang nicht zu besuchen wagte. Bis jezt ist sie nur für gute Schwimmer zugänglich; wenn das Meer ganz ruhig ist gelingt es auch wohl mit einem kleinen Nachen einzudringen doch ist dies gefährlich weil die geringste sich erhebende Luft das wiederherauskommen unmöglich machen würde. Wir benannten diese Grotte die blaue (la grotta azzurra) weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet. Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen, jede Welle scheint eine Flamme...“ Anschließend wurde der Ort berühmt und gewissermaßen zur romantischen Kultstätte.

Es existiert von ihm ein ganz wunderbarer Bericht über die Entdeckung, der hier zugänglich ist. Er beginnt wie folgt:

„Es war im Sommer des Jahres 1826, als ich mit meinem Freunde Ernst Fries in der schönen Bucht, an der nördlichen Marine von Capri landete. Die Sonne neigte sich dem fernen Ischia zu, als wir in den rasselnden Uferkies hinabsprangen. Capri war die erste Insel, die ich betrat, und nie werde ich den Eindruck vergessen. Einer meiner liebsten Wünsche erfüllte sich. Ich hörte nun das Meer um alle jene wunderbar gestalteten Felsen rauschen, die schon von Neapel aus meinen Sinn zauberisch gefangen genommen. Jede brandende Wellenreihe sang mir zu: ich sei vom Festlande geschieden, auf einer Klippe, wo ein einfaches Volk von Fischern und Gärtnern wohnt, und der Hufschlag der Rosse und das Geroll der Wagen unbekannt ist. Mit ihren Felsen und Höhlen, und hängenden Gärten und alten Trümmern, und neuen Städten und Felsentreppen war mir die Insel schon von fern als eine besondere Welt erschienen, erfüllt von Wundern und umschwebt von grauenvollen und lieblichen Sagen, und nun, da meine Zeit nicht eng beschränkt war, durfte ich hoffen diese Welt in allen ihren Grenzen genau durchforschen zu können. Dieser Gedanke machte mich unbeschreiblich glücklich. – Der Strand erfüllte sich bei unsrer Ankunft mit Leuten aus beiden Städten der Insel, Männern und Jünglingen, Weibern und Mädchen, die wohl im Stande waren an die alte, schöne, griechische Bevölkerung des Eilandes zu erinnern.“

Da hat man den Tonfall, es ist wirklich ganz wunderbar zu lesen. Aber die vermutliche Ursache, warum die Grotte so verrufen war, wollen wir noch anbringen. Möglicherweise hängt sie über die vielen Jahrhunderte hinweg mit den Schauergeschichten zusammen, die von Kaiser Tiberius berichtet wurden und die Herr Kopisch getreulich nacherzählt.

„Als Tiberius zur Regierung kam, erinnerte er sich der frohen Tage, die er mit August auf Capri verlebt, warf die Plagen und Gefahren der Regierung auf Sejanus Schultern und zog sich auf diesen sichern Felsen zurück, wo er sich den abscheuwürdigsten Freuden ergab, während seine schrecklichen Machtsprüche die Welt quälten. Viele Jahre lebte er hier, beständig mißtrauisch um sich spähend von der hohen Klippe, die er, sein Gewissen zu übertäuben, in einen sinnlichen Himmel verwandelte, worin zu schwelgen – er schon zu abgelebt war.

Fahrwege wand der greise Tyrann um steile Zacken, auf alle Gipfel fuhr er mit Rossen. Er veränderte die Gestalt der Insel, schwang ungeheure Bogenreihen über tiefe Täler, und schuf sich künstliche Ebnen, worauf er üppige Gärten erblühen ließ, in deren Grotten, Tempeln und Gebüschen die schändlichen Sklaven seiner Laster als Faunen und Nymphen umherschwärmten. Zwölf Paläste ließ er an verschiednen Stellen der Insel entstehen und weihte sie den zwölf großen Göttern…

Aus seinen Palästen führten überall heimliche Gänge durch die Felsen bis in die See hinab, wobei er die vorgefundnen Höhlen vielfach benutzte. Zu jener Zeit muß die Insel einen wahrhaft einzigen Anblick gewährt haben, da die wildeste, zerrissenste Natur der Baukunst die mannigfaltigsten Motive bot, und die Schätze der Welt verschwenderisch angewendet wurden, jeden phantastischen Einfall schnell zur Wirklichkeit zu gestalten. Aber alle diese Pracht verschwand, einer Sage nach, bald nach Tibers Tode, zerstört vom Haß und Abscheu des römischen Volkes, und überall, auf Höhen, in Klüften und bis ins Meer hinab, liegen die flüchebelasteten Trümmer.“

Rekonstruktion der Villa Jovis, 1900 
aus "Das Schloß des Tiberius und andere Römerbauten auf Capri." von C. Weichardt

Wer unbedingt genauer wissen will, worin diese Laster bestanden haben sollen, mag das bei Sueton nachlesen, es entgeht einem aber auch nichts, wenn man es läßt. Kopisch versucht dann noch, der Ursache der Lichterscheinung auf den Grund zu gehen, deren Wirkung er zuvor so beschreibt:

„Das angenehme Gefühl von einem Phänomen so außerordentlicher Schönheit überrascht worden zu sein, wo ich nur alte Trümmer vermutet, ward dadurch bis zum Überreiz erhöht, daß das zauberisch flammende Blau des Wassers in der Grotte für mich damals ein unerklärbares Rätsel geblieben war. In Gedanken schwankte ich noch beständig auf dem unterirdischen Himmel umher, mit der schwindelnden Empfindung, als müsse ich in die unabsehbare Unendlichkeit fallen, und fortfallen, wie man es wohl im Traum zu tun pflegt, und ich gab mir alle ersinnliche Mühe, irgend einen Grund der wunderbaren Licht-Erscheinung aufzufinden; aber vergeblich.“

Nun, er findet die Ursache. Aber diese hebt nicht die Unendlichkeitserfahrung auf, die ihm in dieser Grotte widerfahren war. Eine Erfahrung von Zeitlosigkeit aufsteigend aus einem Strudel gewußter Geschichten. Man darf nicht vergessen, daß all diese merkwürdigen und auch verstörenden Geschichten und Bilder des Altertums in den Seelen dieser wieder empfindsam gewordenen jungen Menschen ja präsent waren, was immer ihnen davon bewußt war. Faszinierend ist es, wie an einem solchen Ort, der mit verruchter heidnischer Vergangenheit verbunden wurde, sich so neue Regionen der menschlichen Seele offenbarten.

Auch wenn der Ort heute längst grausig profanisiert ist, so hat dort doch vor 192 Jahren eine der abendländischen Epiphanien stattgefunden.

Büste des Tiberius

nachgetragen am 30. Mai

Sonntag, 2. Mai 2010

Novalis

Novalis (Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg)

2. Mai 1772 - 25. März 1801

Es färbte sich die Wiese grün

Es färbte sich die Wiese grün
Und um die Hecken sah ich blühn,
Tagtäglich sah ich neue Kräuter,
Mild war die Luft, der Himmel heiter.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Und immer dunkler ward der Wald
Auch bunter Sänger Aufenthalt,
Es drang mir bald auf allen Wegen
Ihr Klang in süßen Duft entgegen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Es quoll und trieb nun überall
Mit Leben, Farben, Duft und Schall,
Sie schienen gern sich zu vereinen,
Daß alles möchte lieblich scheinen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

So dacht ich: ist ein Geist erwacht,
Der alles so lebendig macht
Und der mit tausend schönen Waren
Und Blüten sich will offenbaren?
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Vielleicht beginnt ein neues Reich –
Der lockre Staub wird zum Gesträuch
Der Baum nimmt tierische Gebärden
Das Tier soll gar zum Menschen werden.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Wie ich so stand und bei mir sann,
Ein mächtger Trieb in mir begann.
Ein freundlich Mädchen kam gegangen
Und nahm mir jeden Sinn gefangen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Sie ging vorbei, ich grüßte sie,
Sie dankte, das vergeß ich nie –
Ich mußte ihre Hand erfassen
Und Sie schien gern sie mir zu lassen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Uns barg der Wald vor Sonnenschein
Das ist der Frühling fiel mir ein.
Kurzum, ich sah, daß jetzt auf Erden
Die Menschen sollten Götter werden.
Nun wußt ich wohl, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Sonntag, 3. Mai 2009

Novalis-Nachtrag



Das Novalis-Gedicht gestern war lang genug, darum heute nun ein kurzer Nachtrag. Als ich las: Novalis – und es ist schließlich mein stetes Bemühen, dies hier nicht so sehr ins Persönliche abgleiten zu lassen – dachte ich, großartig, „Hymnen an die Nacht“, „Die Christenheit oder Europa“, Texte für die ich schon als 17jähriger geschwärmt hatte, aber exakt das stellte sich als Problem heraus. Meine Sympathie für Novalis war so sehr in diesen Kokon von Jugenderinnerungen eingeschlossen – Sentimentalität und Transzendenz, Realitätsverweisung und luminöse Hoffnung:

„Wie ich da nach Hülfe umherschaute, Vorwärts nicht könnte und rückwärts nicht – und am fliehenden, verlöschten Leben mit unendlicher Sehnsucht hing – da kam aus blauen Fernen, Von den Höhen meiner alten Seligkeit ein Dämmrungs Schauer – Und mit einem male riß das Band der Geburt, des Lichtes Fessel – Hin floh die irdische Herrlichkeit und meine Trauer mit ihr. Zusammen floß die Wehmuth in eine neue unergründliche Welt – Du Nachtbegeisterung, Schlummer des Himmels kamst über mich.“

Daß Wiederlesen ernüchtern muß, ist nicht zwangsläufig, es macht nur manchmal die Entfernung zwischen dem inneren Bild und der gegenwärtigen Geistesverfassung deutlich und daß man manches offenkundig jahrelang nicht gelesen zu haben scheint, obwohl es ständig vor der eigene Nase im Bücherschrank stand. Ob das nun die Desillusionierung des Alters oder was auch immer ist. Wir müssen das einmal später gründlicher mit uns erörtern.

Als mir beim Nachlesen die Worte der Hymnen an die Nacht etwas mehltauig wurden und ich ein wenig nach Novalis-Übersetzungen herumsuchte (es gibt ein paar englischspechende Mensche, die mir versichern, sie würden das hier lesen, na ja, oder sich die Bilder angucken; ich brauchte also wieder einmal eine Übersetzung und wurde bei Leon Malinofsky fündig. Zumal das von ihm übersetzte Gedicht die Leichtigkeit hatte, die dem Vorigen irgendwie abging).

Die Übersetzung des „Frühlingslieds“ benutzen zu dürfen, wurde mir noch innerhalb desselben Tages gestattet, das ist in der Tat generös, ich würde regelmäßig viel länger trödeln, was ich aber noch bemerkenswerter finde: Ich bin bei dieser Gelegenheit auf eine private Homepage getroffen (und eine äußerst interessante zumal), die 17 Jahre alt ist!

Das ist gewissermaßen die Urzeit des Internets, darauf stößt man nicht alle Tage, als ob einem ein lebender Archaeopteryx über den Weg laufen würde (das war jetzt sprachlicher Unsinn, wie sollte ein toter Vogel über den Weg laufen). Chapeau!

Samstag, 2. Mai 2009

Novalis



Novalis (Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg)
*2. Mai 1772 - † 25. März 1801


Frühlingslied

Es färbte sich die Wiese grün,
Und um die Hecken sah ichs blühn,
Tagtäglich sah ich neue Kräuter
Mild war die Luft der Himmel heiter.
Ich wußte nicht wie mir geschah
Und wie das wurde was ich sah.

Und immer dunkler ward der Wald,
Auch bunter Sänger Aufenthalt,
Es drang mir bald auf allen Wegen
Ihr Klang im süßen Duft entgegen
Ich wußte nicht wie mir geschah
Und wie das wurde was ich sah.

Es quoll und trieb nun überall
Mit Leben, Farben, Duft und Schall;
Sie schienen gern sich zu vereinen,
Das alles möchte lieblich scheinen.
Ich wußte nicht wie mir geschah
Und wie das wurde was ich sah.

So dacht' ich ist ein Geist erwacht
Der alles so lebendig macht
Und der mit tausend schönen Waaren
Und blüten sich will offenbaren?
Ich wußte nicht wie mir geschah
Und wie das wurde was ich sah.

Vielleicht beginnt ein neues Reich
Der lockre Staub wird zum Gesträuch
Der Baum nimmt tierische Gebärden
Das Tier soll gar zum Menschen werden.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Wie ich so stand und bei mir sann
Ein mächt'ger Trieb in mir begann,
Ein freundlich Mädchen kam gegangen
Und nahm mir jeden Sinn gefangen.
Ich wußte nicht wie mir geschah
Und wie das wurde was ich sah.

Sie ging vorbei, ich grüßte sie,
Sie dankte, das vergeß ich nie
Ich mußte ihre Hand erfassen
Und Sie schien gern sie mir zu lassen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Uns barg der Wald vor Sonnenschein
Das ist der Frühling! fiel mir ein
Und kurz ich sah daß jetzt auf Erden
Die Menschen sollten Gotter werden.
Nun wußt' ich wohl wie mir geschah
Und wie das wurde was ich sah.


With color blooms the meadow green

With color blooms the meadow green;
Upon the hedgerows buds are seen,
And daily I remarked new flow'rings
On soft bright days of heavenly show'rings.
I knew not, how it came to me,
Nor how all this had come to be.

And ever darker the wood grew,
The realm of merry warblers, too--
Their carols drew me down the ways
Where tuneful sound in sweet mist plays.
I knew not, how it came to me,
Nor how all this had come to be.

It stirred and flowered all around
With color, life, and scent, and sound--
They seemed all gladly to combine
That lovely visions might be mine.
I knew not, how it came to me,
Nor how all this had come to be.

I thought then: doth a ghost awake,
Who all things so alive doth make
And with a thousand blooming wares
His very soul before us bares?
I knew not, how it came to me,
Nor how all this had come to be.

Is this then a new empire's birth?
The bushes spring from crumbly earth;
The trees in turn take creatures' guise,
And man from creatures doth arise.
I knew not, how it came to me,
Nor how all this had come to be.

And as I stood and wondered so,
I felt a mighty stirring grow.
A friendly maid came wandering hence
And overwhelmed my every sense.
I knew not, how it came to me,
Nor how all this had come to be.

I greeted her when there we met;
She thanked me, I can ne'er forget.
I had to hold her hand then too
Which she seemed glad to let me do.
I knew not, how it came to me,
Nor how all this had come to be.

The wood from daylight kept us free.
It is the Spring, it seemed to me.
In short, on Earth I came to learn
Men rise to gods in their own turn.
Well knew I, how it came to me
And how all this had come to be.

Übersetzung / Translation
von / by Leon Malinofsky