Sonntag, 13. April 2014

Palmarum


Ich werde vermutlich schon mit dem ersten Satz enttäuschen - leider wird es auch jetzt nicht den üblichen Sonntags-Essensbericht geben, der muß diesmal ausfallen. Denn ich habe nicht gekocht, und das kam so: Der Eigentümer unseres kleinen Palais hatte angeregt, ob wir nicht gemeinsam zu Palmarum außerhalb von Neustrelitz zum Gottesdienst wollten, gewissermaßen als kleine Reise über Land, und so gibt es nun diesen kurzen Reisebericht davon, genauer gesagt, über zwei der Stationen.

Eine Pastorin aus der Gegend, die wir schon lange kennen, würde in einem nicht ganz gewöhnlichen Dorf vormittags den Gottesdienst halten, brachten wir in Erfahrung, und so führte unsere „Seniorenbegleittour“ (ich mit Frau Mutter; er mit seinem 87 Jahre alten Vater, der zu Besuch war) uns am Vormittag nach Alt Rehse.




Das hoch über dem Westufer des Tollensesees gelegene Muster eines gemütvollen Dorfes hat einen idyllischen schilfumrandeten Dorfteich, direkt daneben eine eher bescheidene, aber nette Kirche von 1889 (die Rückwand des Altars stößt tatsächlich an die Decke, ein Prediger sollte auf der Kanzel nicht zu heftig gestikulieren, wenn er denn recht großgewachsen ist), das Dorf besteht sonst fast nur aus überschaubaren, rechtwinklig hübschen, schilfgedeckten Fachwerkhäusern. Anbei gibt es einen ausgedehnten Landschaftspark, der zum tief gelegenen Ufer hinabführt und die Spuren unterschiedlichster Nutzung trägt (in ihm verteilt finden sich neben einem schloßartigen Anwesen nicht wenige, angenehm eingefügte Häuser, anderes auch).



Doch bleiben wir beim Dorf. Inschriften wie diese machen etwas stutzig:


Dieser Ort ist eine Art Neuerfindung, tatsächlich als Musterdorf gedacht; das 3. Jahr ist das nach 1933, soweit so harmlos. Das alte Gutsdorf war weitgehend abgeräumt worden, bis auf Kirche, Pfarrhaus, Schule, eine Kate. Man kann das alles bei diesem engagierten Ortschronisten nachlesen (dies ist keinesfalls herablassend gemeint; ein ehemaliger Bürgermeister des Ortes, Autor mit vielen Interessen, sehr meinungsscharf (man lese nur seinen Beitrag zu Ernst Moritz Arndt, aber ein jeder hat nun einmal seinen persönlichen Stil (vermutlich))).

Selbst ein Portal, das sich höflich als engagiert und weit links beschreiben ließe, verweigert ihm nicht gänzlich seinen Respekt für die Darstellung des eigentlichen Ärgernisses, nämlich der von 1935 bis 1943 bestehenden „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“, eine Art NSDAP-Parteihochschule für Ärzte und andere medizinisch Tätige, die in besagtem Landschaftspark angesiedelt war. Man kann sich leicht zusammenreimen, welche Tugenden hier propagiert wurden. Ich war selbst dabei, wie eine „medial begabte“ damalige Bekannte mir vorraunte, was sonst alles noch Schreckliches stattgefunden und sich ihr vorgestellt habe (was wohl eher Unsinn ist; nicht nur im allgemeinen, sondern auch konkreten Sinne), aber es genügt, sich zu vergegenwärtigen, was dort im Geiste ausgebrütet wurde. Das macht den Ort in der Tat, mir jedenfalls, überraschend klar unheimlich. Vielleicht ist es die Diskrepanz zwischen äußerer Erscheinung und, ja, was eigentlich? Daß er auch noch die Küche des Führerhauptquartiers beliefert hat, nun ja.

Auf esoterisch angehauchte Zeitgenossen scheint dieser „Kraftort“ vor allem eine faszinierende Wirkung auszuüben. Denn besagte Propaganda-Schule machte später nach Kriegsende u.a. Karriere als Militärstandort und zuletzt eben als Heim der „Tollense Lebenspark“ - Kommune (die aber, wie ich heute hörte, nur noch bis Jahresende dort geduldet wird), wir wollen darauf nicht näher eingehen, aber um im Zusammenhang mit Alt Rehse zu überraschen, also unterhalb eines Ufo - Landeplatzes wäre alles folgende eher banal.

Und noch eine kleine Anmerkung zu dem erwähnten „engagierten“ Portal, dessen Darstellung ich übrigens mit großem Gewinn gelesen habe und daher nur empfehlen kann: Ich war völlig verblüfft, dort eine, wenn auch in teilweise krauser Begrifflichkeit daherkommende, sehr scharfsichtige Analyse des Unterschiedes von Esoterik und Religion vorzufinden: Esoterische Heilslehren würden etwa mittels „wissenschaftlicher“ Argumentationen nicht nur verheißen, Personen „aufzuwerten“, „sondern sie versprechen die Möglichkeit einer instrumentellen Manipulierbarkeit des Spirituellen“. Dem religiösen Menschen bliebe hingegen nichts anderes, als sich Gottes Ratschluß zu überlassen. Dem ist so, und wir verlassen eilends den schönen Ort Alt Rehse, um kurz vor Neubrandenburg zu landen, in dem Dorf Wulkenzin.


Hier können wir aufatmen, denn wir stehen vor der nüchternen Kirche unseres hochgeschätzten Großherzoglichen Baumeisters Friedrich Wilhelm Buttel. der sie 1832 erbaute. Gerade weil sie durchaus einfach daherkommt, lassen sich viele der Eigentümlichkeiten ablesen, die Buttel im Kirchenbau zu seinem so eigenen Stil finden ließen.

Schauen wir uns zunächst den Turm an. Zwei viereckigen Geschossen, die eine Galerie bekrönt, folgt ein Oktogon (ähnlich sehen wir die Gestalt in Neubrandenburg bei St. Marien, abgewandelter bei der Klosterkirche Malchow, in beiden Fällen natürlich weit imposanter, aber wir erkennen hier die Idee leichter). Buttel hat immer versucht, einen plastisch reichen Eindruck des Gesamtbaus zu erzeugen und dabei eine Balance zwischen den horizontalen und vertikalen Linien zu gewinnen, die eine Art gespannte, lebendige Harmonie bewirkt. Die Turmseite ist mit einem Blendgiebel versehen (von seinen charakteristischen schmalen Türmen zur Seite begrenzt und nach oben mit einer durchbrochenen Galerie abgeschlossen), der das Dach verbirgt. So steigert er mit geringen Mitteln die Plastizität des Baukörpers, den im folgenden klare proportionierte Linien zur Apsis hin bestimmen.




Eigentlich ist alles nur ein Wechselspiel von Mauerflächen, Vorsprüngen, Öffnungen, Rahmungen, ausbalancierten Baugliedern, unmerklich variierten Grundlinien, die ein traumwandlerisch sicheres Gespür für Harmonie verraten, nur eben nicht im klassischen, sondern einem neuen Sinn. Schade, daß unser Buttel für sein Talent letztlich nie eine größere Bühne erhielt als die unseres heimatlichen Großherzogtums. Doch wir wollen versöhnlich enden.


Wenige Meter von der Kirche entfernt gibt es einen Landgasthof, an dem wir schließlich unser Palmsonntags - Essen bekamen, typische Landgasthofküche (im besseren Sinne). Ich hatte ein Rumpstek mit Kräuterbutter, Frau Mutter irgendeine Art Sauerfleisch, der Herr gegenüber einen Grillteller mit Bratkartoffeln. Alle, mich eingeschlossen, machten einen zufriedenen Eindruck, nur die Frau Mutter klagte die ganze Zeit, daß sie das alles nie im Leben aufbekommen würde (nun, wie erwartbar, konnte sie).



nachgetragen am 14. April

Kommentare:

naturgesetz hat gesagt…

Sounds like a good excursion — apart from the unfortunate history of the spot.

DirkNB hat gesagt…

Ist es zwar nicht selbst gekocht, ist es aber doch zu essen. ;-)
Die klagenden Worte kenne ich wohl, allein: Die einzige logische Schlussfolgerung wird nie gezogen. Und so lernen die Wirte nie, dass sie zu volle Teller verkaufen und demzufolge nie eine vernünftige Dessertkultur aufbauen können, weil die dann sowieso keiner mehr schafft. Aber an dem Thema schreib' ich mir ja schon seit einiger Zeit die Finger blutig.
Vermutlich war das preisliche Niveau des Essens nicht so hoch, als dass die Portion guten Gewissens auch kleiner hätte sein können, ohne den Preis ändern zu müssen. Die Wirte scheinen es nicht sehen zu wollen, dass ihnen mit kleineren Portionen und einer gepflegten Dessertkarte Einnahmen verloren gehen, die sonst gut generierbar wären.

Walter A. Aue hat gesagt…

Ihre Bilder sehen diesmal so, wie soll ich sagen, anheimelnd und warm aus. Ich koennte mir vorstellen, in dieser Gegend leben zu koennen [was fuer Oesterreicher und Preussen natuerlich gegenseitig unmoeglich ist, ueber diesen Gengraben springt mal keiner drueber :-) ].

Was ich daher zu diesen Bildern hinzuzufuegen wage: Ihnen und ihrer geehrten Frau Mutter ein gesegnetes und frohes Osterfest und (wie wir in Wien sagen wuerden) ein gutes Papperl! Aber das ist sowieso selbstverstaendlich...

MartininBroda hat gesagt…

@Walter A. Aue Lieber Herr Prof., es freut mich natürlich, wenn Sie das sagen, tatsächlich war das behauptete Unbehagen keine Attitüde (im zweifelhaften Sinne), andererseits leben wir auf Gräbern, sowieso immer (es sei dann man befände sich z.Z. in der Antarktis), der Ort ist äußerlich tatsächlich verblüffend idyllisch.

Auch Ihnen wünsche ich selbstredend ein gesegnetes Osterfest, da Ostern zuverlässig auch dieses Jahr eintreten wird, denke ich, danke!

Im Moment versuche ich gerade nicht ans Essen zu denken, denn ich kämpfe mit meiner Übellaunigkeit (ich habe als Halbwüchsiger sozusagen ein Gelübde abgelegt, Karfreitag nichts zu essen, und das über die (vielen) Jahrzehnte auch durchgehalten. Ich fürchte, ich hatte auch schon geistreichere Ideen.

MartininBroda hat gesagt…

@Naturgesetz It was interesting, that's the least one can say indeed.

MartininBroda hat gesagt…

@DirkNB Nun muß ich bei Desserts ja eher passen (ich sag immer, Zucker hab ich selbst), aber die klagenden Worte darf man auch nicht zu wörtlich nehmen. Es gibt, glaube ich, den Begriff des begeisterten Entsetzens, wo die Worte der Konvention Genüge tun sollen, aber von Augen und Mundwinkeln Lügen gestraft werden (so in etwa, wie wenn der Lieblingsfeindin ein Mißgeschick passiert...). Davon abgesehen, haben die sich dort wirklich Mühe gegeben, und in der Tat, es war eher recht erschwinglich.

DirkNB hat gesagt…

Das "begeisterte Entsetzen" muss ich mir merken. Es zielt zumindest in die richtige Richtung und ist besser als jede Formulierung, die mir bisher einfiel. "Kapitulierendes Erstaunen" war meine bisher höchste Form.

MartininBroda hat gesagt…

@DirkNB Wo ich gerade mein Postfach aufräume (und zu viele unbeantwortete Kommentare wiederfinde), ja ich glaube, den Spruch mit dem "begeisterten Entsetzen" habe ich mir selbst ausgedacht bzw. der Wirklichkeit abgeschaut.
Das wird eigentlich nur noch davon übertroffen, wenn ein Voyeur bei best. Meldungen optisch nicht auf seine Kosten kommt, was ich gern mit "Und wo bleiben die betroffen machenden Bilder?" kommentiere.