Sonntag, 28. Februar 2010

Über Perspektiven


Feldhase (Lepus europaeus), hier gefunden

Christian Morgenstern


Ein Hase sitzt
auf einer Wiese

Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch, im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-a-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm.


A rabbit sits
amidst the green

A rabbit sits amidst the green,
believing it can not be seen —

but, being owner of a scope,
a man looks from the other slope

with dedication that endears
upon that furry bag with ears —

while down on him looks in return
a God, aloof and taciturn.


Gestern wies mich Prof. Aue auf eine neue Serie "Von Gott und Göttern" hin, die er seiner weitläufigen Website hinzugefügt hatte, für den Fall, daß ich meine Schubert-Playlist vervollständigen wolle. Tatsächlich gibt es inzwischen eine zweite mit Liedern von Robert Schumann, die entstand, als ich zu meinem Erschrecken bemerkte, daß mein Banausentum enthüllt wurde, mir war nämlich etwas Schumann in die Schubert-Liste gerutscht und da habe ich dann kurzerhand eine 2. begonnen. Ich werde vielleicht beide hier morgen anbringen. Und dort eben, in seiner Serie, findet sich diese launige Übersetzung Christian Morgensterns.

Ich war etwas unschlüssig, ob ich schon heute darauf verweisen sollte, da ich auf den düsteren Unterton, den ich meine, dort überwiegend feststellen zu müssen, im Moment nicht viel Sinnvolles zu antworten weiß, wie auch immer, man lese selbst. Und wen die Bemerkungen Prof. Aues noch nicht hinreichend verwirrt haben, der schaue hier einmal nach, spätestens dann wird ihm schwindlig.

Freitag, 26. Februar 2010

Beobachtungen







Nein, ich leide nicht an Ideenlosigkeit, ich bin mir nur etwa gerade unschlüssig, ob ich meinen Post über Geschichtspolitik von gestern auch veröffentlichen soll, ich mag es nämlich nicht, wenn mein Tonfall zu verbissen wird, das ist so unsouverän, auch wenn ich mich über diesen Tendenzschinken gegen Wilhelm II. gestern im Fernsehen zuerst wirklich erheblich aufgeregt habe.

Wir werden ruhiger, heute. Der Schnee schwindet. Tiere und Menschen werden munterer. Die Kanuten am Tollensesee trainieren emsig und die Schüler des Sportgymnasiums werden eifrig durch die Gegend gescheucht. Zumindest macht es lebhaft Eindruck.





Dienstag, 23. Februar 2010

Über Händel


Anne Sofie von Otter in "Scherza infida" aus "Ariodante"
hier gefunden

Daß Georg Friedrich Händel vor 325 Jahren, also am 23. Februar 1685 geboren wurde, sollte ein hinreichender Anlaß sein, etwas Musik von ihm hier in Erinnerung zu rufen, zumal er neben Bach und Mahler mein Lieblingskomponist ist.


Andreas Scholl aus der "Alcina" "Verdi Prati"
hier gefunden


Joan Sutherland - "Mi restano le lagrime" aus "Alcina"
hier gefunden

Philippe Jaroussky "Chi scopre al mio pensiero" aus "Alcina"
hier gefunden


Cecilia Bartoli in "Lascia ch'io pianga" aus "Rinaldo"
hier gefunden


Flavio Ferri-Benedetti in "Cara Sposa" aus "Rinaldo"
hier gefunden

Montag, 22. Februar 2010

Über die Poesie des Verlorenen &


Schloß Charlottenburg von der Gartenseite
1846, gefunden bei www.zeno.org

Oft wächst im Nachhinein Schöpfungen eine Bedeutung zu, von denen ihr Urheber nichts ahnen konnte. „Prosaisch und präzise“, „nicht überragend, aber immer liebenswürdig“, das sind übliche Urteile über Johann Philipp Eduard Gaertner, der am 22. Februar 1877 starb. Wer es freundlicher mit ihm meint, spricht von der Poesie, die in der Atmosphäre seiner Bilder und in deren Erzählung liegt. Wir sprechen von einem Maler, wie leicht zu vermuten ist, und wer ein Bild von Potsdam und Berlin sucht, davon, wie diese Städte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts darstellten, der ist bei Eduard Gaertner am rechten Platz.


Rittersaal im Königlichen Schloss (Thronsaal)
1844, gefunden bei www.zeno.org

Zu dem Biographischen mag ich wie meist nicht viel sagen (man sehe hier), was mich eher beschäftigt, ist, woher rührt die Faszination dieser Bilder. Nun zunächst, der Künstler schätzt seinen Gegenstand, daher ist er sehr exakt, zum Glück für uns geschah dies zu einer Zeit, in der mustergültige Beispiele schönen Bauens zu bewundern waren, die oft gerade erst erstanden waren. Sein Licht ist meist warm, freundlich geradezu, so daß unmittelbar eine wohlwollende Stimmung entsteht, seine Plastizität erweckt die Bauten, er hat meist diese oder ganze Stadtlandschaften festgehalten, förmlich zum Leben.


Berlin, Ansicht der Rückfront der Häuser an der Schloßfreiheit
1855, gefunden bei www.zeno.org

Friedrich Wilhelm III. hat ihn sehr geschätzt, sein Nachfolger nach 1840, Friedrich Wilhelms IV., weniger, was mich offen gestanden erstaunt, denn ich halte eigentlich eine Menge von dessen Kunstverständnis, angeblich war er ihm nicht romantisch genug. Obwohl Gaertner dem geänderten Geschmack ein wenig gefolgt war, wenn man es so opportunistisch beschreiben will. Ich denke eher, kein Mensch ist eine Insel, ein wenig bewegt er sich immer auch mit der Zeit, in der er lebt, der eine mehr, andere weniger.


Ansicht der Sing-Akademie zu Berlin,
1834, hier gefunden

Was innerlich so sehr zu der freundlich einnehmenden Erscheinung dieser Gemälde kontrastiert, sie beschreiben zu oft Verlorenes und damit zugleich, wie sehr Berlin und Potsdam ihres Wertes beraubt wurden. Das Stadtschloß in Berlin und so auch der Thronsaal sind verloren, die Garnisonkirche, in der Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. begraben waren, von Barbaren zerstört.


Blick vom Belvedere auf dem Pfingstberg auf Potsdam
1865, gefunden bei www.zeno.org

Und doch - abseits der Tatsache, daß vieles von dem, was Gaertner festgehalten hat, auch heute noch leibhaftig zu besichtigen ist - solange eines seiner märkischen Gemälde übriggeblieben sein sollte, wird ein ferner künftiger Betrachter staunen dürfen, was der Gang der Schönheit durch die karge märkische Landschaft einst für Wunder hervorgebracht hat.


Garnisonkirche in Potsdam
1840, gefunden bei www.zeno.org

Sonntag, 21. Februar 2010

Justinus Kerner, vertont


aus „Zwölf Gedichte von Justinus Kerner für Singstimme und Klavier“
op. 35 von Robert Schumann (1840)
hier gefunden

Stille Tränen

Du bist vom Schlaf erstanden
Und wandelst durch die Au‘,
Da liegt ob allen Landen
Der Himmel wunderblau.

Solang du ohne Sorgen
Geschlummert schmerzenlos,
Der Himmel bis zum Morgen
Viel Tränen niedergoß.

In stillen Nächten weinet
Oft mancher aus den Schmerz,
Und morgens dann ihr meinet,
Stets fröhlich sei sein Herz.

Ich muß gestehen, daß ich die Gedichte von Justinus Kerner, der am 21. Februar 1862 gestorben ist, gesungen noch am ehesten genießen kann, vor allem, wenn die Vertonung von Robert Schumann stammt. Man rechnet ihn zur „Schwäbischen Dichterschule“, über die sich Heinrich Heine in seinem Schwabenspiegel ziemlich böse lustig gemacht hat. Er urteilt dort mitunter ein wenig arg, aber immer unterhaltsam, man mag das hier weiter nachlesen. Kerner wird dabei von ihm mit diesen freundlichen Worten bedacht:

„Nach ihm kommt der Doktor Justinus Kerner, welcher Geister und vergiftete Blutwürste sieht und einmal dem Publikum aufs ernsthafteste erzählt hat, daß ein Paar Schuhe, ganz allein, ohne menschliche Hülfe, langsam durch das Zimmer gegangen sind, bis zum Bette der Seherin von Prevorst. Das fehlt noch, daß man seine Stiefel des Abends festbinden muß, damit sie einem nicht des Nachts trapp! trapp! vors Bett kommen und mit lederner Gespensterstimme die Gedichte des Herrn Justinus Kerner vordeklamieren! Letztere sind nicht ganz und gar schlecht, der Mann ist überhaupt nicht ohne Verdienst, und von ihm möchte ich dasselbe sagen, was Napoleon von Murat gesagt hat, nämlich: ‚Er ist ein großer Narr, aber der beste General der Kavallerie.‘ Ich sehe schon, wie sämtliche Insassen von Weinsberg über dieses Urteil den Kopf schütteln und mit Befremden mir entgegnen: ‚Unser teurer Landsmann, Herr Justinus, ist freilich ein großer Narr, aber keineswegs der beste General der Kavallerie!‘ Nun, wie ihr wollt, ich will euch gern einräumen, daß er kein vorzüglicher Kavalleriegeneral ist.“

Wie auch immer, dies ist zweifelsohne ein sehr schönes Lied, hier in einer anderen Interpretation, gesungen von Peter Schreier.

Samstag, 20. Februar 2010

Ein wenig Bismarck & Johann Heinrich Voß



„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet,…“

So beginnt die Odyssee von Homer, genauer, so beginnt sie in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, der am 20. Februar 1751 geboren wurde und zu den nicht ganz so zahlreichen Mecklenburgern zählt, an die unbedingt zu erinnern ist.

Er war ein großer Übersetzer von Geist, Bildung und Witz. Die lebendige Art, in der er Homer und andere Autoren der Antike den Deutschen nahe gebracht hat, vermittelt soviel Bleibendes, daß er auch heute noch überaus lesbar ist. Das Biographische mag man hier nachschlagen, aber von seinen eigenen Werken wollen wir noch ein paar Stücke anbringen.



Zunächst etwas im deutlich entgegengesetzten Tonfall (entstanden 1794. Erstdruck in: Hamburger Musenalmanach für 1795):


Grabschrift unseres Haushahns

An diesem Baume ruht
Der Haushahn, treu und gut.
Er führt' ins achte Jahr
Der lieben Hennen Schar.
Als wackrer Ehemann,
Rührt' er kein Krümchen an,
Was wir ihm vorgebrockt,
Bis er die Fraun gelockt.
Nun strotzet er nicht mehr
Im Hofe stolz umher,
Und jagt aus seinem Ort
Des Nachbars Hühner fort.
Nun schützt er nicht vor Graun
In Sturm und Nacht die Fraun.
Nun wecket uns nicht früh
Sein helles Kikeri.
Vor Alter blind und taub,
Sank er zuletzt in Staub.
Sein Kamm, so schön und rot,
Hing nieder, bleich vom Tod.
Hier gruben wir ihn ein,
Wir Kinder, groß und klein,
Und sagten wehmutsvoll:
Du guter Hahn, schlaf wohl!



Er konnte aber auch sehr bissig sein, wie diese Epigramme zeigen:


Sprachanmerkung


Des Pöbels Einfalt hält Gemahl
Und Mann für einerlei;
Doch manche Dam hat ihren Herrn Gemahl
Und einen Mann dabei.


Würde und Wert

Mein Guter, zwischen Würd und Wert
Ist eine große Kluft.
Dein Ehrenamt nur wird geehrt;
Dich selber nennt man – Schuft.



Und berührend poetisch dieses Epigramm von 1787:


Grabschrift eines Knaben

Rötlich hing die Blüte; da hauchte sie leise der Tod an:
Und an des Himmels Strahl zeitiget schwellende Frucht.



Nur ein Wort zu den Bildern. Ja ich hatte am Sonnabend meinen kleinen Spaziergang mit Bismarck, diesmal durch die nähere Umgebung, fortgesetzt. Ich glaube, es tat seiner Würde keinen Abbruch.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Von Vater Luther


Gedenkstein zum Setzen der Luthereiche in der Dresdner Heide
hier gefunden

Man mag diesen Titel für etwas pathetisch halten, aber tatsächlich, so ist er lange gesehen worden, im Protestantismus natürlich, wie ein innerer Vater, zu dem man seine Zuflucht nahm, von dem man Rat erbat, von dem man sich auch zurechtweisen ließ, was man anderen nie eingeräumt hätte.

Selbstredend habe ich nicht vor, an seinem Todestag, er starb am 18. Februar 1546, mit einer Lebenswürdigung aufzuwarten, das wäre mit dem Wort „unangemessen“ noch nicht hinreichend beschrieben, aber ein paar Zitate will ich anbringen, beginnend mit einer Fabel, die ich schon vor einem Jahr an dieser Stelle zitierte:

Der Hund im Wasser

Es lief ein Hund durch einen Strom und hatte ein Stück Fleisch im Maul; als er aber das Spiegelbild vom Fleisch im Wasser sah, dachte er, es wäre auch Fleisch, und schnappte gierig danach. Als er aber das Maul auftat, entfiel ihm das Stück Fleisch, und das Wasser trug es weg; also verlor er beides: das Fleisch und das Spiegelbild.
Martin Luther


So sahen ihn seine Feinde
hier gefunden
Der Reformator

Luther selbst lag nichts ferner als eine neue Kirche zu gründen, er wollte die, in der lebte, reformieren, ihren verschütteten Ursprung freilegen, um sie aus diesem zu erneuern:

"Aber: Martin Luther ist schließlich in der einen und selben katholischen Kirche geboren und gestorben. 'Er ist gestorben in dem gleichen Glauben, in dem er gelebt und gehandelt hatte. In dem Glauben der einen katholischen Kirche, die es nach seiner Meinung – und nach der des apostolischen Glaubensbekenntnisses – nur gibt und um deren katholische Reform es ihm ging.' Dessen blieb er sich wohl bei aller Polemik bewusst. Luther hat auch nicht daran gedacht, eine neue, zweite Kirche neben der alten zu schaffen."
Predigt von Karl Kardinal Lehmann
Reformationsgottesdienst am 31. 10. 2008, Kreuzkirche, Bonn,
hier zum gesamten Text


Beiläufiges...

Als Übersetzer war er naturgemäß ein scharfer Beobachter nicht nur der Eigenheiten der verschiedenen Völker, sondern auch von deren Sprachen, über die Engländer hatte er das folgende zu sagen:

"Ich glaube, England sei ein Stück Deutschlands, denn sie gebrauchen die sächsische Sprache wie in Westfalen und in den Niederlanden, wiewohl sie sehr korrumpiert ist."

Von der Musik hielt er viel, von der Vernunft weniger

„Einer sagte, wie der Rottengeister Theologia wäre ein Ursach vieles Übels und Unglück. ‚Ja‘ sprach D. Martin Luther, ‚es ist kein größer Schalk denn die Sonne, denn wenn dieselbe nicht schiene, so geschähen nicht Dieberei, Ehebrecherei, Räuberei und Plackerei. Unser Herr Gott ist die größt Ursach zu sündigen; warum hat er’s also geschaffen? spricht Frau Hulda, die Vernunft.‘“
aus den Tischreden

„Die Schwärmer gefallen mir auch deshalb nicht, weil sie die Musik verdammen. Denn sie ist erstens ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen; zweitens macht sie fröhliche Herzen; drittens verjagt sie den Teufel; viertens bereitet sie unschuldige Freude. Darüber vergehen Zorn, Begierden, Hochmut. Den ersten Platz nach der Theologie gebe ich der Musik.“

„Es ist kein Zweifel: Viele Samen guter Eigenschaften stecken in den Gemütern, die von der Musik ergriffen werden; die aber nicht von ihr ergriffen werden, sind, denke ich, Stümpfen und Steinen gleich. Denn wir wissen, daß die Musik auch den Dämonen verhaßt und unerträglich ist.“

„Ich bin auch nicht der Meinung, daß durchs Evangelium sollten alle Künste zu Boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche falsche Geistliche vorgeben, sondern ich möchte alle Künste, besonders die Musik, gerne sehen im Dienste dessen, der sie gegeben und geschaffen hat.“


Martin Luther als Prediger
Predella des Cranach-Altars, St. Marien, Wittenberg 1547
hier gefunden

Mitten wir im Leben sind
Mit dem Tod umfangen.
Wen suchen wir, der Hilfe tu,
Daß wir Gnad erlangen?
Daß bist du, Herr, alleine.
Uns reuet unser Missetat,
Die dich, Herr, erzürnet hat.
Heiliger Herre Gott,
Heiliger starken Gott,
Heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott,
Laß uns nicht versinken in des bittern Todes Not.
Kyrieleison.

Mitten in dem Tod ansicht
Uns der Höllen Rachen.
Wer will uns aus solcher Not
Frei und ledig machen?
Das tust du, Herr, alleine.
Es jammert dein Barmherzigkeit
Unser Klag und großes Leid.
Heiliger Herre Gott,
Heiliger starker Gott,
Heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott,
Laß uns nicht verzagen vor der tiefen Höllen Glut.
Kyrieleison.

Mitten in der Höllen Angst
Unser Sünd uns treiben.
Wo solln wir denn fliehen hin,
Da wir mögen bleiben?
Zu dir, Herr, alleine.
Vergossen ist dein teures Blut,
Das gnug für die Sünde tut.
Heiliger Herre Gott,
Heiliger starker Gott,
Heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott,
Laß uns nicht entfallen von des rechten Glaubens Trost.
Kyrieleison.

Erfurter Enchiridien, 1524
Strophe 1 nach der Antiphon »Media vita in morte sumus«, 1456
Strophe 2 und 3 von Martin Luther


Choralvorspiel zu "Mitten wir im Leben sind"
Video hier gefunden

Dienstag, 16. Februar 2010

Über Bismarck, den Großen Kurfürsten und einen trunksüchtigen Pfarrer



Johann Klaj

Vorzug des Herbstes

Die Sonne mit Wonne den Tagewachs mindert,
Der Renner, der Brenner, sein Strahlenheiß lindert,
Die Felder die Wälderlust nimmer verhindert.
Die Traube, die reift,
Der Winzer, der pfeift,
Zum Jagen man greift.
Man fället, man stellet den Vögeln der Lüfte,
Man jaget und plaget die Bürger der Klüfte,
Das helle Gebelle durchschrecket die Grüfte.
Der Wäldner, der eilt,
Sich nimmer verweilt,
Rotschwarzes Wild pfeilt.
Da leben und schweben in Freuden die Götter,
In Sausen und Brausen die falbigen Blätter,
Sie spielen, sich kühlen in laulichem Wetter.
Der Monde, der wacht,
Die Freude belacht
Bis mitten zur Nacht.



Insoweit die Literaturkritik des 19. Jahrhunderts Johann Klaj zur Kenntnis nahm, hat sie ihn verachtet, da er ein Musterbeispiel für den gedankenlosen Schwulst und die überbordende Regellosigkeit zu sein schien, die sie an der Barockliteratur so wenig schätzte. Da Dada noch nicht erfunden war, fehlte auch ein Muster für diese Form von Sprachlust, die es wenig schert, wenn sie die Grenze zum Nonsens mehr als nur streift, aus purem Vertrauen in die eigenmächtige Kraft der Sprache. Dabei war er ein durchaus ernsthafter Mann (aus der „Lobrede der Teutschen Poeterey“):

„Die Gesetzgeberin der Völker/ unser in letzten Zügen ligendes Teutschland/ unser durch die zergliederung des Reiches gelähmtes Teutschland/ unser durch die blutigen Mordwaffen ausgemergeltes Teutschland/ ruffet uns/ seinen Hertzgeliebten/ zu: Redet/ Redet/ Redet/ daß ich gelehrter absterbe.“

„Es muß ein Poet ein vielwissender/ in den Sprachen durchtriebener und allerdinge erfahrner Mann seyn: Er hebet die Last seines Leibes von der Erden/ er durchwandert mit seinen Gedanken die Länder der Himmel/die Strassen der Kreise/ die Sitze der Planeten/ die Grentzen der Sterne/ die Stände der Elementen. Ja er schwinget die Flügel seiner Sinne/ und fleucht an die Stellen/ da es regnet und schneiet/ nebelt und hagelt/stürmet und streitet. Er durchkreucht den Bauch der Erden/ er durchwädet die Tiefen/ schöpffet scharffe Gedanken/ geziemende zierliche Worte lebendige Beschreibungen/ nachsinnige Erfindungen/ wolklingende Bindarten/ ungezwungene Einfälle/ meisterliche Ausschmükkungen/ seltene Lieblichkeiten/ und vernünfftige Neurungen.“

Doch leider waren es nicht nur die Grenzen der Sprache, die der Geistliche exzessiv auslebte. Als er am 16. Februar 1656 bereits im 40. Lebensjahr dahinschied, dürfte seine berüchtigte Trunksucht ihren Anteil daran gehabt haben.



Von einem trunksüchtigen Pfarrer zu einem pflichtenstrengen Fürsten. Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der „Große Kurfürst“ wurde am 16. Februar 1620 geboren. Er hat Brandenburg-Preußen nach dem Elend des 30jährigen Krieges wieder emporgehoben und sich dabei weitgehend allein durchkämpfen müssen. 1675 besiegte er die Schweden, die erneut in Brandenburg eingefallen waren, in der Schlacht von Fehrbellin, diesem Sieg ist der Reitermarsch gewidmet, der sich hier ganz am Ende findet, wem also danach ist. Aber an ihn sollten wir dann doch bei nächster Gelegenheit weniger beiläufig erinnern.



Und warum ich die kleine Bismarck-Büste aus meinem Arbeitszimmer heute ein wenig durch den Schnee spazieren geschickt habe? Nun, wie dem Beitrag gestern zu entnehmen war, steht irgendwie die Ermunterung im Raum, zu Otto von Bismarck doch ein wenig kreativ zu werden. Das war dann sozusagen mein erster, etwas einfallsloser Versuch.


Altmärkische Bauernfahne von 1675
hier gefunden


Fehrbelliner Reitermarsch
hier gefunden

Montag, 15. Februar 2010

Post vom Fürsten Bismarck


Bismarck MAIL ART
Nr. 354 "Schöner Wohnen mit Bismarck" von Angela Behrendt,
(Deutschland)
hier zu finden

Bei Dean Grey, einem Künstler aus Chicago (er führt einen Blog namens „Exploding Doughnut“, den ich regelmäßig lese), fand ich soeben etwas höchst Unerwartetes - Post vom Fürsten Bismarck. Das ist wirklich kurios, aber so sind die Wege der Kunst häufig. Es geht nämlich um Kunst, genauer um „Mail-Art“, Kunstwerke als Postsache, also um Post von Künstlern, die ein gemeinsames Thema „besetzen“. In diesem Fall also besser gesagt - Post über Bismark.


Bismarck MAIL ART
Nr. 349 - "Bismarck von Dali" von Salvatore Fellino, (Italien)
hier zu finden

Roland Halbritter, Kulturwissenschaftler aus Nüdlingen, hatte die Idee, den Reichskanzler per Mail-Art zu beleuchten, und konnte den Leiter des Bismarckmuseums in Bad Kissingen Peter Weidisch davon überzeugen, für 2011 (ich habe mich gerade im Datum korrigieren lassen) eine Ausstellung zu planen, deren Exponate größtenteils erst noch kreiert werden mußten.


Bismarck MAIL ART
Nr. 393 von Ivan Zemtsov, (Rußland)
hier zu finden

Ende Juni 2009 hat Herr Halbritter seinen “mail art call”, seinen Aufruf, Künstlerisches auf postalischem Weg zu verschicken, gestartet, die bisherigen Ergebnisse kann man auf seinem Blog bismarck-mail-art.blogspot.com verfolgen. Er schreibt dort (in der rechten oberen Ecke gibt es einen aufschlußreichen Artikel), es sei für ihn spannend: "Was passiert, wenn man einen Unbekannten bittet, ein Kunstwerk zu fertigen, … in diesem Fall zur Person Otto von Bismarck".


Bismarck MAIL ART
Nr. 401 von Uli Grohmann, (Deutschland)
hier zu finden

Es ist tatsächlich spannend zu sehen, wie Menschen aus unterschiedlichsten Ländern (um die Kommunikation zu erleichtern, ist der Blog auf Englisch), die sich kaum kennen dürften, sich gemeinsam an einem Thema „abarbeiten“ - verspielt, nostalgisch, gewichtig, zynisch, liebevoll, schrill, bissig, umwerfend komisch … Man sehe selbst, ich denke, ich werde noch weiter darauf zurückkommen, zumal die Sammlung ja offensichtlich nicht abgeschlossen ist und jedem nach wie vor zur Teilnahme offensteht.

Sonntag, 14. Februar 2010

Stiller Sonntag


Caspar David Friedrich
"Hünengrab im Schnee"
hier gefunden

Joseph von Eichendorff

Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab' nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft'ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Samstag, 13. Februar 2010

Kleine ungewöhnliche Reise



Ich habe mich heute gefühlt wie jemand, der in ein sehr seltsames fremdes Ritual hineinstolpert. So in etwa wie ein Forschungs- reisender des 19. Jahrhunderts in ein Eingeborenenritual, von dem ihm zwar schon Nachbarstämme erzählt hatten, dessen er nun aber selbst angesichtig wurde.

Dabei war es nur das nach eigenen Angaben „größte Rollerblading Event der Welt“. Wenn nicht die Absicht gewesen wäre, hier einen Blogger zu treffen, der deswegen in Berlin war, hätte ich mich mit Sicherheit nie dorthin verirrt. Dabei war es alles andere als uninteressant, obgleich mein Erscheinen den Altersdurchschnitt massiv durch die Decke getrieben haben dürfte, leider allerdings war meine Kamera denn doch zu schlecht für brauchbare Bilder, hier ein Link zu dem Ereignis und als kleiner Beweis für meine Ausführungen das Armband, das ich dort tragen mußte, oben im Bild.

Wohingegen, wenn mein Freund Arkadij etwas unvorteilhaft in dem Bild unten erscheinen sollte, liegt das nur daran, daß ich ihn einfach ohne Ankündigung „angeknipst“ hatte. Ich bin wirklich dankbar für unser etwas improvisiertes Treffen, denn man vergißt schnell die Freunde, deren man sich sicher wähnt, dabei haben vielleicht genau die einem gerade das zu sagen, was man wirklich braucht.

Ach so, den Blogger habe ich, aus welchen Gründen immer, dann doch nicht getroffen.

Freitag, 12. Februar 2010

Mittwoch, 10. Februar 2010

John William Waterhouse


John William Waterhouse
"Hylas und die Nymphen", 1896
hier gefunden

Da er am 10. Februar 1917 starb und zu meinen Lieblingsmalern zählt, wollte ich heute gern an John William Waterhouse erinnern, ohne mich allzuviel über ihn auszubreiten (hier findet sich eine längere Biographie [Nachtrag: Dieser Link ist offensichtlich dahingeschieden, aber hier war jemand sehr fleißig]), das häufigste Etikett, das man ihm anheftet, ist wohl das des Präraffaeliten. Seine zeitgenössische Beliebtheit ist zunächst mit dem viktorianischen Zeitalter geschwunden, obwohl er auch zu Lebzeiten nicht immer die freundlichsten Bewertungen erfuhr. Nahezu satirisch fand ich seinen Nachruf in der Times vom 16. Februar 1917, aus dem ich zwei Absätze übersetzen möchte.

"Mr. Waterhouse was an eclectic painter. He painted pre-Raphaelite pictures in a more modern manner. He was, in fact, a kind of academic Burne-Jones, like him in his types and his moods, but with less insistence on design and more on atmosphere. His art was always agreeable, for he had taste and learning as well as considerable accomplishments; he was one of those painters whose pictures always seemed to suggest that he must have done better in some other work. This means that he never quite "came off," that he raised expectations in his art which it did not completely satisfy; and a reason of this, no doubt, is to be found in his eclecticism. He never quite found himself or the method which would completely express him."

„Mr. Waterhouse war ein eklektischer Maler. Er malte präraffaelitische Bilder auf eine moderne Weise. Er war in der Tat eine Art akademischer Burne-Jones, ihm gleich in seiner Art und seinen Stimmungen, aber mit weniger Nachdruck auf der Ausführung, dafür mehr auf der Atmosphäre. Seine Kunst war immer angenehm, denn er hatte Geschmack und Bildung sowie bemerkenswerte Fähigkeiten; er war einer jener Maler, deren Bilder immer zu versprechen scheinen, daß er etwas Besseres in einem anderen Werk geleistet haben müsse. Dies bedeutet, daß er nie ganz "fertig“ wurde, daß er in seiner Kunst Erwartungen erweckte, deren sie nie ganz gerecht wurde, und ein Grund dafür, daran besteht kein Zweifel, ist in seinem Eklektizismus zu suchen. Er fand nie ganz sich selbst oder die Methode, mit der er sich vollständig zum Ausdruck bringen konnte.“


John William Waterhouse
"The Lady of Shallot", 1888
hier gefunden

"One feels that his figures are there to make a picture rather than that they are occupied with any business of their own. They do make it very skillfully and prettily, but neither they nor the pictures seem to be quite alive. He was at his best, perhaps, in the "Martyrdom of St. Eulalia", in the Tate Gallery, where he escapes more than usual from the Burne-Jones lethargy, which, though very natural and expressive in Burne-Jones himself, seems to be a mere artistic device in Waterhouse. But he was, at any rate, quite free from that theatricality which is the common vice of academic subject pictures. He painted always like a scholar and a gentleman, though not like a great artist."

"Man spürt, daß seine Figuren eher dazu da sind, ein Bild vorzustellen, anstatt daß sie mit etwas beschäftigt wären, daß aus ihnen selbst käme. Sie machen es sehr geschickt und hübsch, aber weder sie noch die Bilder scheinen recht lebendig zu sein. Er war am besten, vielleicht, in dem "Martyrium der Hl. Eulalia" in der Tate Gallery, wo er mehr als sonst der Burne-Jones Lethargie entkam, welche, obgleich sehr natürlich und ausdrucksvoll bei Burne-Jones selbst, bei Waterhouse eher als ein artistischer Kunstgriff erscheint. Aber auf jeden Fall war er ganz frei von der Theatralik, die als gemeinsames Laster den Bildern aus dem akademischen Fach innewohnt. Er malte immer als ein Gelehrter und Gentleman, obgleich nie wie ein großer Künstler."

Nun, nach einer solchen Kritik kann man sich nur noch erschießen, wenn sie denn stimmt, glücklicherweise war er bereits dahingeschieden; in anderen Worten, der „Rezensent“ schoß dem Leichnam gleichsam ins Grab hinterher. Aber ich habe irgendwo gelesen, das sei sowieso eine britische Tradition gewesen. Bevor ich kurz doch noch meinen Senf hinzufüge, der Times-Nachruf stammt von der eindrucksvollen, John William Waterhouse gewidmeten Seite www.johnwilliamwaterhouse.com, und bei dem unvermeidlichen Wikipedia-Eintrag gibt es einen Verweis zu diesem FAZ-Artikel, der zwar interessant zu lesen ist, aber insgesamt doch einen eher ratlosen Eindruck hinterläßt.


John William Waterhouse,
"Odysseus und die Sirenen", 1891
hier gefunden

Was ich an Waterhouse mag, nun etwa, wenn das Phantastische so unspektakulär auftritt, daß es sich wörtlich anfassen ließe, ein jeder begründete Zweifel an dem Erfunden-Sein seiner Natur erscheint längst überflüssig, es gibt keine spürbare Grenze zwischen dem, was mich, den Betrachter, in diesem belanglosen Augenblick umgibt und dem gefesselten Odysseus, der den Sirenen lauscht. Man vermeint, vor dem Körpergeruch des Meermanns zurückweichen zu müssen. Märtyrerinnen, Imperatoren, Najaden und Ritter bewegen sich durch den einen Raum der angehaltenen Zeit, versammelt zu dem einem Gespräch, das keine Schranken kennt. Als würde jemand am Ende seines Lebens gelassen, doch nicht unbewegt, ein letztes Mal auf alles zurückschauen, und aller Kampf und Schmerz, jede Vergeblichkeit, jede Trauer löst sich auf in das eine Bild der Schönheit.


John William Waterhouse
"Ophelia", 1889
hier gefunden

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I promised to someone to translate this post about John William Waterhouse with my poor English, well:

Since he died on February 10th 1917 and is one of my favorite painters I like to remind you of John William Waterhouse, without talking too much about him (the original link seems to be dead now, but here someone was diligent), the most common label that attaches to him is apparently that of the Pre-Raphaelites. His contemporary popularity initially disappeared with the Victorian era, although he also got not always the friendliest comments at that time. Almost satirically I found his obituary in the Times of February 16th 1917 (from which I would like to translate two paragraphs).

"Mr. Waterhouse was an eclectic painter. He painted pre-Raphaelite pictures in a more modern manner. He was, in fact, a kind of academic Burne-Jones, like him in his types and his moods, but with less insistence on design and more on atmosphere. His art was always agreeable, for he had taste and learning as well as considerable accomplishments; he was one of those painters whose pictures always seemed to suggest that he must have done better in some other work. This means that he never quite "came off," that he raised expectations in his art which it did not completely satisfy; and a reason of this, no doubt, is to be found in his eclecticism. He never quite found himself or the method which would completely express him."

"One feels that his figures are there to make a picture rather than that they are occupied with any business of their own. They do make it very skillfully and prettily, but neither they nor the pictures seem to be quite alive. He was at his best, perhaps, in the "Martyrdom of St. Eulalia", in the Tate Gallery, where he escapes more than usual from the Burne-Jones lethargy, which, though very natural and expressive in Burne-Jones himself, seems to be a mere artistic device in Waterhouse. But he was, at any rate, quite free from that theatricality which is the common vice of academic subject pictures. He painted always like a scholar and a gentleman, though not like a great artist."

Well, after such a verdict one better shoots himself, if it is true, fortunately, he had already passed away, in other words, the "reviewer" more or less shot at the corpse in the grave. But I read somewhere that this is a British tradition anyway. Before I briefly put my two cents in, the Times obituary is from this impressive site www.johnwilliamwaterhouse.com, dedicated to Waterhouse, and the inevitable Wikipedia entry refers to this FAZ article, interesting to read, but gives overall a rather helpless impression.

What I like about Waterhouse: well the fantastic occurs so unspectacular it could be nearly touched, every reasonable doubt about the invented-ness of his nature appears superfluous; there is no tangible boundary between what surrounds me, the viewer, in this trivial moment and the bound Odysseus, listening to the sirens. One feels of having to shrink back from the body odor of the merman. Martyrs, emperors, naiads and knights move through a space of suspended time, gathered for a conversation, which knows no boundaries. As if someone would look back, calm but not unmoved, at the end of his life one last time at everything, and all the struggle and pain, every futility, every sorrow dissolves into this one image of beauty.

Dienstag, 9. Februar 2010

Diotimas Geburtstag



Wenn aus der Ferne ...

Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind,
Ich dir noch kennbar bin, die Vergangenheit,
O du Teilhaber meiner Leiden!
Einiges Gute bezeichnen dir kann,

So sage, wie erwartet die Freundin dich?
In jenen Gärten, da nach entsetzlicher
Und dunkler Zeit wir uns gefunden?
Hier an den Strömen der heilgen Urwelt.

Das muß ich sagen, einiges Gutes war
In deinen Blicken, als in den Fernen du
Dich einmal fröhlich umgesehen,
Immer verschlossener Mensch, mit finstrem

Aussehn. Wie flossen Stunden dahin, wie still
War meine Seele über der Wahrheit, daß
Ich so getrennt gewesen wäre?
Ja! ich gestand es, ich war die deine.

Wahrhaftig! wie du alles Bekannte mir
In mein Gedächtnis bringen und schreiben willst,
Mit Briefen, so ergeht es mir auch,
Daß ich Vergangenes alles sage.

Wars Frühling? war es Sommer? die Nachtigall
Mit süßem Liede lebte mit Vögeln, die
Nicht ferne waren im Gebüsche
Und mit Gerüchen umgaben Bäum uns.

Die klaren Gänge, niedres Gesträuch und Sand,
Auf dem wir traten, machten erfreulicher
Und lieblicher die Hyazinthe
Oder die Tulpe, Viole, Nelke.

Um Wänd und Mauern grünte der Efeu, grünt'
Ein selig Dunkel hoher Alleen. Oft
Des Abends, Morgens waren dort wir,
Redeten manches und sahn uns froh an.

In meinen Armen lebte der Jüngling auf,
Der, noch verlassen, aus den Gefilden kam,
Die er mir wies, mit einer Schwermut,
Aber die Namen der seltnen Orte

Und alles Schöne hatt er behalten, das
An seligen Gestaden, auch mir sehr wert,
Im heimatlichen Lande blühet
Oder verborgen, aus hoher Aussicht,

Allwo das Meer auch einer beschauen kann,
Doch keiner sein will. Nehme vorlieb, und denk
An die, die noch vergnügt ist, darum,
Weil der entzückende Tag uns anschien,

Der mit Geständnis oder der Hände Druck
Anhub, der uns vereinet. Ach! wehe mir!
Es waren schöne Tage. Aber
Traurige Dämmerung folgte nachher.

Du seiest so allein in der schönen Welt,
Behauptest du mir immer, Geliebter! das
Weißt aber du nicht,


Was hier abbricht, ist etwas, das Hölderlin wahrscheinlich 1808 geschrieben hat, also in der Zeit, die seiner „Umnachtung“ zugeschrieben wird. Die Gestalt, die da spricht, erscheint aus dem Totenreich, denn Susette Gontard, nach deren Bild er „Diotima“ geschaffen hatte, war bereits dahingeschieden. Der „umnachtete“ Dichter hatte längst mehr mit Toten Umgang. Überliefert ist aus dieser Zeit der Satz:
„Nun versteh‘ ich den Menschen erst, da ich ferne von ihm und in der Einsamkeit lebe!“

Dieses Gedicht, das eines meiner liebsten ist, auch weil es die Schönheit der deutschen Sprache so wunderbar aufschließt, ist eigentlich zu lang für einen Post, aber ich habe es dann doch gebracht. Es wirkt zuerst so unscheinbar, aber wer es langsam vor sich hin spricht, der ist mit dem Abbruch auch nahezu am Ende. So ist Frau Susette Gontard, geb. Borkenstein, geboren am 9. Februar 1769 in Hamburg, Bankiersgattin aus Frankfurt am Main, also unsterblich geworden. Und wir dürfen jeden belächeln, der die Macht der Dichtung in Frage stellt.

Montag, 8. Februar 2010

Prinz Charles und die Aufklärung


Der Prince of Wales in Toronto
hier gefunden

Am Wochenende las ich einer der „Qualitätszeitungen“ dieses Landes einen Kurzkommentar, der wohl vor allem eines zum Ausdruck bringen sollte, daß nämlich Prinz Charles eher beschränkt sei und der Zeitungsjournalist, nun, 3 mal geraten und dann doch verfehlt, so ziemlich das komplette Gegenteil. Kein Mensch von Verstand nimmt Zeitungen heutzutage noch übermäßig ernst, aber der Beitrag hatte mich immerhin dazu gebracht, mir die erwähnte Rede einmal näher anzuschauen bzw. nach einem Bericht zu suchen. Hier habe ich einen gefunden, in der Daily Mail. Und das fand ich dann darüber hinaus so unterhaltsam, daß ich es hier erwähnen wollte.

Ich weiß, das bricht etwas aus dem üblichen Schema aus, üblicherweise geht es hier um Schmetterlinge, Lieder und Historien, die mindestens 100 Jahre zurückliegen, und dann auch noch Prinz Charles. Aber ich gestehe, daß ich schon mehr als einmal von seinen Ansichten gerade zur Architektur begeistert war. Er dürfte einiges an Häßlichkeiten in London verhindert haben, daß er dafür die innige Abneigung der sog. modernen Architekten auf sich gezogen hat, nun ja, ich erspare mir dazu einen bissigen Kommentar, da ich im Moment in so friedlicher Stimmung bin.

Zu seiner Rede also. Zunächst sprach er offenbar über seinen Stolz, immer wieder wie ein Stachel gegenüber den vorherrschenden Meinungen über Umwelt, Architektur und Planung zu wirken.

Um dann zu bemerken, er sei stolz, ein “Feind der Aufklärung” genannt worden zu sein:

„He told the annual conference of The Prince's Foundation for the Built Environment at St James's Palace, London … 'I was accused once of being the enemy of the Enlightenment,' … 'I felt rather proud. I thought hang on a moment, the Enlightenment started over 200 years ago.

It might be time to think again and review it and question whether it is really effective in today's conditions, faced as we are with huge challenges all over the world. … We cannot go on like this, just imagining that the principles of Enlightenment laid down in the 18th century still apply. I do not think that they do but if you challenge people who hold the Enlightenment as the ultimate answer to everything you really upset them.'”

Mit anderen Worten rief er dazu auf, doch einmal darüber nachzudenken, ob denn diese über 200 Jahre alte Idee heute immer noch so gänzlich ausreiche. Die Empörung darüber sei übrigens die gleiche, die er erfahre, wenn er verlange, daß die Architektur natürlichen Bedingungen entsprechen müsse.

Der ganze Artikel - "Why I love being a stirrer, by Prince Charles".

Sonntag, 7. Februar 2010

Predigt von Herrn Roloff zum Sonntag Sexagesimae

"Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer denn kein zweischneidig Schwert, und dringt durch, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und keine Kreatur ist vor ihm unsichtbar, es ist aber alles bloß und entdeckt vor seinen Augen. Von dem reden wir."
Hebr 4, 12-13

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herren Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

das Wort steht im Zentrum jedes Gottesdienstes, in diesem, am Sonntag Sexagesimae, also 60 Tage vor Ostern, wird seine Bedeutung aber noch einmal durch alle drei Lesungen unterstrichen.
Auf einem Dorf wie dem unseren, das noch weitreichend von der Landwirtschaft bestimmt wird, ist das Gleichnis vom vierfachen Acker immer noch ohne weiteres verständlich. Wir haben den Sämann noch bildlich vor Augen, der mit schwerem Schritt über den Acker schreitet, mit der einen Hand die Saatmolle vor dem Leib hält und mit der anderen Hand den Samen in gleichmäßigen Würfen auf das Feld streut.

Eindrucksvoll und ganz und gar der Natur abgelauscht ist das Bild des Jesaja, in dem das Wort mit Schnee und Regen verglichen wird, die vom Himmel fallen, die Erde feuchten und ihr Fruchtbarkeit und Wachstum geben.

Der Predigt liegt aber der Abschnitt des Hebräerbriefs zu Grunde, den wir als Epistel gehört haben. Ich lese ihn noch einmal in der Übersetzung meines Lehrers Hans-Friedrich Weiß, wie er sie uns mit seinem großen Kommentar geschenkt hat. Dort überschreibt er die beiden Verse: „Die Wirkungsmacht Gottes“.

• 12 Denn lebendig ist das Wort Gottes und wirkungskräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, Gelenken und Mark, und urteilend über Gedanken und Gesinnungen des Herzens.
• 13 Und kein Geschöpf ist verborgen vor ihm; alles vielmehr ist unverhüllt und preisgegeben vor den Augen dessen, demgegenüber wir Rechenschaft schuldig sind.

Wir gehen also der Wirkungsmacht Gottes nach, wenn wir über das Wort nachdenken. Sprachwissenschaftler sind der Überzeugung, dass das griechische Wort „LOGOS“ die Urbedeutung des Sammelns, des Zusammenfassens in sich trägt. Die Bedeutung des Wortes nahm also ihren Ausgang in einer vagen fast nur geahnten Vorstellung davon, daß im Wort Dinge gefasst oder wieder gesammelt werden, die verstreut waren, die verloren zu gehen drohten, die vielleicht bereits verloren waren.

Der Italiener Leopardi ging sogar so weit zu behaupten, daß die Welten, in denen unsere Wörter einstmals wohnten, ihrerseits die Wörter bewohnen, die sie überlebten.

Es gibt dieser Ansicht nach einen verborgenen Zusammenklang zwischen dem Wort und dem Leben an sich.

Folgerichtig unterscheidet Leopardi denn auch im Italienischen zwischen parole, dem eigentlichen Wort, und termini, dem bloßen Begriff und stellt dann fest: Termini bezeichnen etwas, erwecken es aber nicht.

Der Wesensgehalt des Wortes ist es, dass es zu erwecken versteht, dass es zum Leben erweckt.

Der Hebräerbrief nun beantwortet uns, warum das Wort dieses vermag, wenn er davon spricht, dass das Wort Gottes lebendig ist. Das Wort ist selbst lebendig. Es ist also keineswegs in dem Sinne ein Zauberwort, das etwas anderes hervorbringen würde als das was es selbst ist. Das Wort selbst ist lebendig, es feuchtet wie Wasser und Schnee die Erde und bringt Leben und Wachstum hervor. Es leuchtet darum auch ein, warum das Wort Mensch wurde. Im Mensch gewordenen Wort, in Jesus Christus, wurde uns etwas zum Bruder und Herrn geschenkt, das schon immer im Wort unter den Menschen war, was jeden Menschen ins Leben ruft. Das Wort ist der einzige Grund dafür, warum es uns so wahr erscheint, das alles ins Leben gerufen wird.

So wie das Wasser in der Atmosphäre und dann auch in der Pflanze, so zirkuliert das Blut im Menschen. So zirkuliert auch das Wort Gottes in seinen Geschöpfen, denn aus ihm, aus dem Wort Gottes sind sie ja. In diesem Zusammenhang wird mir auch klar, worin der tiefe Sinn davon liegt, dass wir im Sakrament das Blut Christi trinken und seinen Leib essen.

Darum ist auch nichts vor Gott verborgen, sondern das Wort Gottes ist inwendig im Menschen. Plötzlich strahlt etwas von dem auf, was der Herr meinte, wenn er sagte: Das Himmelreich ist inwendig in euch!

Eindrucksvoll ist aber auch das unseren Predigttext beherrschende Bild vom zweischneidigen Schwert, das durchdringt bis zur Scheidung von Seele und Geist, Gelenken und Mark und urteilend über Gedanken und Gesinnungen des Herzens.

Dieses Bild ist eindrucksvoll und verstörend, weil es vor allem Dinge benennt, die nach menschlichem Ermessen doch gar nicht zu trennen sind. Wie wollte man einen Baum von seinem Holze, einen Fluss von seinem Wasser, einen Menschen von seinem Leibe scheiden?

Hans-Friedrich Weiß macht in dem bereits erwähnten Kommentar darauf aufmerksam, dass hier ein außergewöhnlich beinahe möchte ich wiederum sagen scharfer kritischer Akzent gesetzt wird.

Weiß wörtlich: „Nicht der heilstiftende Charakter des Wortes Gottes wird hier betont, sondern sein kritisch-bloßlegender Charakter - und dem entsprechend auch die Verantwortung, die dem Hörer dieses Wortes auferlegt ist.“

Wir haben es lieber, wenn vom zudecken, vom vergessen machen, vom alles - wieder - gut - werden die rede ist. Natürlich ist dieser Charakter dem Worte Gottes auch eigen. Dazu muss es aber Gehör finden. Der Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes ist für den Menschen genau das, was für den Acker die Aufnahme des Samens, was die Aufnahme des Wassers, das die Erde feuchtete, für die Pflanze ist.

Wir leben vom Lebendigen! Der Mensch wird erst durch das Wort zum Menschen erweckt. Der Mensch wird durch den Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes zum Menschen erweckt. In einer gewissen Weise kann man sagen, dass das Schreien des Neugeborenen nach der Geburt seine Antwort auf diesen Ruf ins Leben ist, sein erstes Gebet.

So sind es denn drei Dinge in denen uns deutlich entgegentritt wovon wir heute zu reden hatten:

1. Wir lesen im Gottesdienst nicht alte Geschichten, weil wir der Ansicht wären, Gottes Wort könnte auf Papier gefasst werden. Vielmehr sind die Geschichten und ihre Überlieferung untrügliches Zeichen für die lebendige Wirkmächtigkeit des Wortes.
2. Wir glauben dem Wort nicht aus der bloßen Feststellung heraus, dass etwas geschrieben steht, sondern weil es uns in dem Menschen Jesus Christus zum Bruder und Herren geworden ist. Die Wirklichkeit des Mensch gewordenen Gottes, der sein Leiden annimmt, ans Kreuz geht und stirbt, gibt dem Wort erst, ich sage nicht seine Bedeutung, als wäre Christus etwas oder jemand, der zum Wort hinzuträte, sondern er ist das Wort und gibt ihm seine Gestalt.
3. Es formt sich eine Ahnung davon, was Leben eigentlich ist. Das Leben verwirklicht sich im Glauben. Das Leben verwirklicht sich im Gehorsam gegenüber dem lebendigen Wort. Darum ist das Wort das scheidende, das entscheidende Schwert, das durch Mark und Bein dringt. Wer sich nämlich vom Wort trennt, das Wort nicht hört, dem Worte nicht gehorcht, der trennt sich vom Leben ab.

Darum, liebe Gemeinde, ist es nicht richtig, sich darauf einzulassen, wenn gesagt wird: Lasst uns zunächst nur menschlich als Menschen leben und dann erst soll auch noch jeder seinen Glauben haben, möglichst ohne dem Anderen zu nahe zu treten. Die Menschlichkeit, von der wir zu reden haben, entfaltet sich erst und überhaupt aus dem Glauben und aus dem gehorsam gegen Gott. Der 95 Psalm bietet uns einen großen Aufruf zur Anbetung und zum Gehorsam. In ihm heißt es:
Kommt, laßt uns anbeten und knien und niederfallen vor unserem Herrn, der uns gemacht hat.

Denn er ist unser Gott, und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.

Wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet:

„Verstocket eure Herzen nicht,“

Im Zusammenhang mit diesem Psalm, und hier will ich dann noch einmal meinen Lehrer Hans-Friedrich Weiß zitieren, „geht es“ also in unserem Abschnitt „nicht um das Gerichtswort Gottes schlechthin, sondern um die zur rechten Entscheidung, zur rechten Einstellung (und zum rechten Handeln) rufende Funktion des Wortes Gottes - und gerade so um eine Funktion des Wortes Gottes, die seinen heilstiftenden Charakter nicht etwa außer Betracht läßt, sondern gerade unterstreicht. Die ´Theologie des Wortes Gottes´ im Hebräerbrief hat durchaus diese beiden Seiten: Wort Gottes, d.i. sowohl das heilbegründende, heilstiftende Wort, wie Gott es ´im Sohn` ein für allemal gesprochen hat, als auch das bis in die Tiefen menschlicher Existenz eindringende, das alles offen- und bloßlegende Wort, dem der Hörer Gehorsam zu leisten schuldig ist - nicht um des Gehorsams willen, sondern um seines Heiles willen.“

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Thomas Roloff

Freitag, 5. Februar 2010

Dies & Das





Nein, es besteht kein Anlaß zur Sorge, daß ich wieder langweilige Bilder anbringen oder über Rezepte posten werde. Die oberen beiden Bilder sind von heute, ein Tag, an dem es angenehm sonnig war und einiges von unserer Winterpracht dahingeschmolzen ist, die unteren beiden zeigen einen Standardzustand der letzten Zeit. Irgendwie scheint mein Gemüt zwischendrin ähnlich zugeschneit zu sein, jedenfalls gibt es drei Beiträge, die halbfertig herumliegen und längst veröffentlicht sein sollten.

Wie spätestens jetzt klar wird, man hat eher besorgt zu sein, daß ich etwas persönlich werden könnte. Ich hatte heute eine Nachricht, die mir wieder klar machte, worin der Sinn eines solchen Blogs auch liegen kann. Er ist vielleicht so eine Art kleiner Leuchtturm, und wenn man die Verbindung zu jemandem verloren hatte, sendet er immer noch unscheinbare Nachrichten hinaus, hier bin ich, unverändert, immer noch. Und wenn man Glück hat, findet jemand dieses schwache Licht erneut.

Zwei andere Dinge, über die ich eher noch nachdenke. Was tut man, wenn man sieht, wie die Verbindung zu jemandem langsam verlorengeht, den man wirklich schätzt und man weiß, es liegt an einem selbst. Das andere, wie geht man mit Erwartungen um, die man vielleicht unbewußt geweckt hat und die einen nun eher erschrecken. Nun ja, Nachtgedanken eben.



Donnerstag, 4. Februar 2010

Österreichische Hausnachrichten


Veste Heldburg, 1872
hier gefunden

Gäbe es noch die österreichische Monarchie, wäre gestern eine Kaiserin gestorben. Regina von Habsburg, Gattin des Thronfolgers Otto von Habsburg, verschied am Mittwoch in Pöcking am Starnberger See.

Das Video unten zeigt einen Bericht von der Hochzeit des Paares in Nancy am 10. Mai 1951. Man vergißt leicht, daß die Habsburger von der Republik Österreich lange Zeit mit kleinlichen Einreiseverboten u.dgl. drangsaliert wurden. Selbst als Otto von Habsburg 1961 auf seine Thronansprüche verzichtete, gab man nicht gleich Ruhe. Ich erwähne das deswegen, weil kürzlich die Frage aufgeworfen wurde, wie man jemanden ansprechen solle, der einen derartigen Verzicht geleistet hat. Nun ich denke, wie man mit allen Entscheidungen umgehen sollte, die abgepreßt wurden. Wilhelm II. blieb auch im Exil „Seine Majestät“.

Erzherzogin Regina wurde als Prinzessin von Sachsen-Meiningen geboren und wuchs auf der Veste Heldburg auf, wo sie nun auch begraben werden soll. Sie trat vor allem karitativ hervor. Ihr ältester Sohn, Karl von Habsburg, gegenwärtiger Chef des Hauses Habsburg-Lothringen, erklärte, er verliere in seiner Mutter einen großartigen Menschen, der durch „unerschütterlichen Glauben“ und „positive Lebenseinstellung“ geprägt habe. Die Familie trauere um eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die durch ihre große Religiosität und ihre tätige Nächstenliebe tief beeindruckt habe.


Mittwoch, 3. Februar 2010

noch einmal Schubert


"Du bist die Ruh" von Franz Schubert
Text: Friedrich Rückert, gesungen von Gundula Janowitz
hier gefunden

Friedrich Rückert

Du bist die Ruh

Du bist die Ruh,
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du
Und was sie stillt.

Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz
Zur Wohnung hier
Mein Aug und Herz.

Kehr ein bei mir,
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu.

Treib andern Schmerz
Aus dieser Brust!
Voll sei dies Herz
Von deiner Lust.

Dies Augenzelt
Von deinem Glanz
Allein erhellt,
0 füll es ganz!


You Are My Rest

You are my rest,
my calm and peace:
my longing's best
that makes it cease.

To you I give
for laugh or cry
as place to live
my heart and eye.

Come in to find
and quiet close
the doors behind
your kind repose.

All other grief
drive from my breast:
my heart reprieve
and fill with zest.

My eye's whole sight,
so much in thrall
to your own light,
oh, fill it all!

Translation by Walter A. Aue

Ich hatte mich kürzlich etwas unzusammenhängend über Schubert ausgelassen. Da Prof. Aue der „Schuldige“ daran ist, daß ich diese kleine Playlist zusammengestellt habe, die hier am Ende noch einmal auftaucht, und ich wenigstens eine seiner Übersetzungen eines Schubert - Liedes anbringen wollte, dieser Nachtrag.

Dienstag, 2. Februar 2010

Über das Heilige Römische Reich



Der Staat, in dem die Deutschen bis 1806 lebten, hieß das „Heilige Römische Reich“. Sein Ende war nicht sehr eindrucksvoll, der Kaiser in Wien löste es aus Furcht vor Napoleon kurzerhand auf und nannte sich fortan österreichischer Kaiser, was eher albern war. Aber schon Samuel von Pufendorf beschrieb es als einen „irregulären und einem Monstrum ähnlichen Körper“ („irregulare aliquod corpus et monstro simile“) in „De statu imperii Germanici“ von 1667, Voltaire griff zu dem naheliegenden Spott, es sei „...weder heilig, noch römisch, noch ein Reich“.

Ach übrigens, das Bild oben zeigt ein Mosaik aus dem Jahre 1903 von Otto I., das man in Berlin besichtigen kann, im U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz, ursprünglich befand es sich im Hotel "Bayernhof" in der Potsdamer Straße und wurde 1975 hierher umgesetzt. Ein Kaiser, der erste deutsche Kaiser, der jetzt von der U-Bahn aus zu besichtigen ist. Ich fand, das trifft es irgendwie. In den Eingeweiden der Erinnerung ruht die Spur davon, daß am 2. Februar 962 der ostfränkische König Otto von Papst Johannes XII. zum Kaiser gekrönt wurde. Und unter den Ideen von Renovatio und Translatio imperii wurde der römische Name weitergetragen.

wird fortgesetzt (Nachtrag, am 6. August 2010)

Montag, 1. Februar 2010

Hofmannsthal & über Stimmen &



Ich hatte kürzlich einfach so aus dem Blauen heraus auch an Hugo von Hofmannsthal erinnert, nun, heute wäre sein Geburtstag, er wurde geboren in Wien am 1. Februar 1874.

Hugo von Hofmannsthal

Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

***

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
wo Weinen war,
und hat sich geschmiegt
in zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
und kühlte die Glieder,
die atmend glühten.

Lippen im Lachen
hat er berührt,
die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
als schluchzender Schrei,
an dämmernder Röte
flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
durch flüsternde Zimmer
und löschte im Neigen
der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Durch die glatten
kahlen Alleen
treibt sein Wehn
blasse Schatten

und den Duft,
den er gebracht,
von wo er gekommen
seit gestern nacht.



Aber da ich heute noch einiges anderes erwähnen wollte, soll es bei diesen beiden Gedichten bleiben.

Daß hier scheinbar zusammenhanglos 2 Videos zu Schuberts „Du bist die Ruh“ erscheinen, hat einen ganz bestimmten Grund. Jemand, der hier nicht unbekannt ist, hat sich die Mühe gemacht, einiges an Schubert-Liedern auf seiner Website zusammenzutragen und ich war so unverschämt, mir daraus eine Playlist zu basteln, sie heißt „Schubert nach Aue“ und findet sich eben dort hinter dem Link.

Es fasziniert mich immer aufs Neue, wie unterschiedlich dasselbe Lied von verschiedenen Sängern vorgetragen entgegengetreten kann. Mit oberflächlicher oder begeisternder Brillianz, selbstverliebtes Dahingeknödel gegenüber tiefem Ausdruck, fortreißende oder flache Dramatik, asketische Hingabe an das Wort oder nachlässigste Sprache, seltsam. Ganz zu schweigen von Tempo, Phrasierung oder der Art der Begleitung. Oft denkt man, es seien gänzlich unterschiedliche Stücke. Das ist nicht unbedingt ein Kommentar zu den versammelten Liedern, eher ein genereller. Lieder sind wirklich ein Spiegel der Seele des Vortragenden, solange er denn des technischen Handwerks mächtig ist. Natürlich ändert sich auch der Zeitgeschmack, gerade das Stück ganz oben von Elisabeth Schumann spiegelt durchaus vergangene Vorlieben wieder. Aber um etwas emotional zu enden, gerade bei dieser Interpretation hatte ich bei den Zeilen „Dies Augenzelt / Von deinem Glanz / Allein erhellt, / 0 füll es ganz!“ das Gefühl einer Begegnung mit überirdischer Schönheit.


Heiligendamm um 1841 Salon und Badehaus
hier gefunden

Noch etwas Mecklenburgica, wo ich schließlich derzeit in Mecklenburg lebe und dort auch geboren wurde: Friedrich Franz I., ab 1785 Herzog und seit 1815 Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, starb am 1. Februar 1837 in Ludwigslust. Zu seinen Verdiensten zählt, daß er 1803 Wismar, Poel und Neukloster für Mecklenburg von Schweden zurückgewann (eine Spätlast des 30jährigen Krieges). Erst spät trat er dem Rheinbund bei, diesem „Bund“, mit dem sich deutsche Fürsten von Napoleon dienstbar machen ließen, dafür trat er als erster am 14. März 1813 wieder aus, als die Chance bestand, wieder etwas gegen diesen ausrichten zu können. Und dann gründete er mit Heiligendamm das älteste Seebad Deutschlands im Jahre 1793.

Und endlich sollte ich demnächst unbedingt etwas zu Sophie Charlotte, der ersten der preußischen Königinnen und vermutlich von diesen die gebildetste, schreiben, sie war eng mit Leibniz befreundet und starb am 1. Februar 1705. Das Schloß Charlottenburg in Berlin ist nach ihr benannt.