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Dienstag, 20. November 2012

Otto von Habsburg


Ankunft des Kronprinzen bei der ungarischen Königskrönung 1916, 
in der Kutsche die Kaiserin Zita;

Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit Franz Joseph Otto Robert Maria Anton Karl Max Heinrich Sixtus Xaver Felix Renatus Ludwig Gaetan Pius Ignatius, Kaiserlicher Prinz, Erzherzog von Österreich, Königlicher Prinz von Ungarn, auch bekannt als Otto von Habsburg, wurde am 20. November 1912 in Reichenau an der Rax geboren. Wenn er nicht im vorigen Jahr gestorben wäre, so würde er heute folglich hundert Jahre alt geworden sein. (Falls man dem 2. Link folgt, findet man ein paar Bemerkungen von mir zu diesem Anlaß und über die Monarchie als solcher. Und auch hier mag man vielleicht noch einmal hinschauen)

Es dürfte selten jemanden gegeben haben, der so sehr die geistigen und moralischen Voraussetzungen im Übermaß dafür mitbrachte, ein Amt auszufüllen, das bald nach seiner Geburt ins Nichts der Geschichte zerstob. Die Ratio, der der Herr der Geschichte sich bedient, ist uns wahrlich undurchschaubar. Wir werden ihn dereinst viel zu fragen haben.
nachgetragen am 21. November

Samstag, 16. Juli 2011

Christus ist die Schönheit



Nun liegt er also in der Kapuzinergruft. Wie zu befürchten, geriet schon die Anklopfzeremonie in manchen Augenblicken fast zur Farce, die Nachgeborenen versprechen nicht viel. Mitunter überrascht uns die Trauer, die uns überfällt, wenn wir sehen, wie etwas zu Ende geht, offenbar hatten wir dann das Maß der Distanz überschätzt. Ich hatte mir in den letzten Tagen einiges über Otto von Habsburg angesehen, auch weil er mir so seltsam ungreifbar erschien, so zugleich in und außer der Zeit. Dabei war ich ihm in einem anderen Leben vor langer Zeit sogar einmal vorgestellt worden, aber das war dann doch auch nur eine Anekdote.

Einiges gab dann eine Ahnung seiner Persönlichkeit, das obige Video "Christus ist die Schönheit" etwa. Wurde hier eine Existenz im Warten verschwendet? Denn von Charakter, Haltung, Bildung her wäre er bestens auf das Amt vorbereitet gewesen, auf das ihn seine Geburt vorbestimmt zu haben schien, ihn, den letzten Kronprinzen Österreich-Ungarns. Wenn er es so empfand, hat er es sich nicht anmerken lassen, er blieb souverän in seiner äußeren Erscheinung.

Sein Nachkriegs Österreich war dies hingegen weniger gegen ihn, selbst im Kleinsten eher kleinlich. Aber vermutlich überfordert eine derart große Idee auch ein nicht gar so großes Land. Wofür es in gewisser Weise nichts kann, schließlich ist es nur ein Restteil vom Heiligen Römischen Reich, soweit es deutschsprachig war, der nicht in diesem größeren deutschen Staat aufging, das hatten die Alliierten nach dem 1. Weltkrieg denn doch zu verhindern gewußt.

„Man muß den Mut haben, ein Anachronismus zu sein, nämlich dann, wenn höhere Interessen wichtiger sind als das eigene Überleben.“

„Der Clipper geht herunter auf Lissabon, und ich sehe wieder eine Stadt, wo in der Mitte eine Kathedrale steht, nicht eine Großbank. Das ist für mich Europa.“

„Wenn ich eine Schlacht zu Pferd nicht gewinnen kann, muß ich hinuntersteigen und zu Fuß weiterkämpfen. Ich muß versuchen, meine Ideen, die sich ja nicht geändert haben, dort zu vertreten, wo sie heute vertretbar sind.“

Es gibt einen Punkt, an dem das Leben so sehr aus den Fahnen und Uniformen gewichen ist, daß sie wie Staffage oder Kostüme zu erscheinen beginnen. Ich fürchte, dieser Punkt ist überschritten, nicht in seiner Person, aber mit dem was zurückblieb. Ich habe auch mit diesen Bemerkungen so gezögert, weil ich nach einem tröstlichen Ausgang suchte. Aber der liegt bei Gott, und darum will ich auch mit den Worten enden die Papst Benedikt an seinen „Nachfolger“, wie immer man ihn jetzt benennen will sandte:

Seiner Kaiserlichen Hoheit
Erzherzog Karl von Österreich

Mit tiefer Anteilnahme habe ich vom Heimgang Ihres Vaters S.k.k.H. Erzherzog Otto von Österreich Kenntnis erhalten. In der Stunde der Trauer über diesen schmerzlichen Verlust verbinde ich mich mit Ihnen und der gesamten kaiserlichen Familie im Gebet für den Verstorbenen. In einem langen und erfüllten Leben ist Erzherzog Otto zum Zeugen der wechselvollen Geschichte Europas geworden. In Verantwortung vor Gott und im Bewusstsein eines bedeutenden Erbes hat er sich als großer Europäer unermüdlich für den Frieden, das Miteinander der Völker und eine gerechte Ordnung auf diesem Kontinent eingesetzt. Gott, der Herr, möge ihm sein vielfältiges Wirken zum Wohle der Menschen reichlich lohnen und schenke ihm das Leben in Fülle in seinem himmlischen Reich. Auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria erteile ich den Angehörigen und allen, die um Erzherzog Otto trauern und für sein ewiges Heil beten, von Herzen den Apostolischen Segen.

Benedictus PP. XVI
zu Ende geschrieben am 20. Juli

Montag, 4. Juli 2011

Otto von Habsburg


Hindenburg hat ihn ganz selbstverständlich mit „Eure Majestät“ angesprochen, da vertraute man noch darauf, daß die Dinge bald wieder in Ordnung geraten würden, es war ja auch noch nicht so lange her, daß alles durcheinander geriet, nun ist dieser lange tot; wir aber warten und warten. Und jetzt ist auch der andere Beteiligte dieser Gespräche dahingeschieden.

Otto von Habsburg, ältester Sohn des letzten regierenden Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn ist gestorben, im 99sten Jahr. Man hatte mir vor 21 Jahren gesagt, „Kaiserliche Hoheit“ wäre angemessen, als ich mit ihm zu Tisch sitzen durfte, ich war jung und weit zu wenig gebildet. Selbstredend ist es unangemessen, in einem solchen Moment von sich selbst zu sprechen, ich ringe einfach mit meinen Gedanken, das ist alles. Sein Vater, der selig gesprochene Kaiser Karl starb am 1. April 1922, es wäre eine unglaubliche lange Regierungszeit gewesen.

„Wir haben unsre Zuflucht dazu genommen, festzuhalten an der angebotenen Hoffnung“, lese ich heute unter der Losung in Hebräer 6,18.

Welches ist die angebotene Hoffnung? Oder haben wir außer unserem Herrn nichts hier?

Ich hatte kürzlich begonnen, ein paar Gedanken über die Monarchie als solcher aufzusuchen, die gehören hier nicht her, ich weiß…, angefangen hatte ich mit Aristoteles, der bei allen Einsichten nicht weiterhalf, denn er schien innerlich so unentschieden:

„Ziel des Staates ist also das edle Leben, und jenes andere ist um dieses Zieles willen da… Man muß also die politischen Gemeinschaften auf die edlen Handlungen hin einrichten und nicht bloß auf das Beisammenleben.“

„Denn alle haben es mit irgendeiner Gerechtigkeit zu tun, aber nur bis zu einem gewissen Grade und nicht mit der ganzen und eigentlichen Gerechtigkeit. So scheint etwa die Gleichheit gerecht zu sein, und sie ist auch, aber nicht unter allen, sondern nur unter den Ebenbürtigen.“
Aristoteles, "Politik", Drittes Buch

Nach Christus sind die Dinge anders, fand ich, immer noch Aristoteles lesend, dann. Das Königtum verlor in der Begegnung mit Christus gewissermaßen das rein Technische, von dem Aristoteles wußte, nur wissen konnte, es bekam sozusagen eine Seele, und daß Monarchie und Religion so oft nahe beieinander zu finden sind, nun, beide bieten seitdem eine Art Transzendenzversprechen an, um es sehr nüchtern zu sagen, wenn auch das eine als der Diener des anderen. Oder anders, daß es in dieser Welt mehr gibt als den profanen Augenschein, und daß wir dies an wirklichen Menschen auch ablesen könnten. Versprechen werden eingelöst mitunter.

All dieser Hoffnungen wurden wir beraubt seit nahezu 100 Jahren. Und ich weiß, wie unangemessen es ist, jemanden nicht in seinem Versuch zu würdigen, der ein Leben durchkämpft, das eigentlich unlebbar ist (wer des Englischen mächtig ist, findet hier eine weit angemessenere Würdigung). Sagen wir nur, wir sind aus vielfältigen Gründen voll Trauer über das Hinscheiden Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit, bekannt als Otto von Habsburg.
beendet am 6. Juli 2011

Montag, 28. Juni 2010

Über vergangene Schatten


Beisetzung der Kaiserin Zita am 1. April 1989
hier gefunden

Es muß ganz merkwürdig gewesen sein als am 1. April 1989 Zita, die letzte österreichische Kaiserin und Königin von Ungarn, in einer großen Prozession vom Stephansdom zur Kapuzinergruft, der traditionellen Beisetzungsstätte der Habsburger überführt wurde. Denn es geschah in der Form, die zumindest ähnlich über Jahrhunderte in Gebrauch gewesen war, und ein letztes Mal wurde etwas von dem erlebbar, was über jene Jahrhunderten diese Gegend „Österreich“ bedeutsam gemacht hatte, nämlich Kernland eines Reiches gewesen zu sein, das verschiedenste Nationen vereinte.

Zugegebenermaßen blickt ein Norddeutscher ein wenig zwiespältig auf dieses Gebilde, das sich zuerst in und neben dem „Heiligen Römischen Reich“ entwickelte, um dann einen, zeitweise durchaus eindrucksvollen Sonderweg zu nehmen, der letztlich, nachdem die Vereinigung mit dem Deutschen Reich nach dem 1. Weltkrieg von den Siegermächten verweigert wurde, in einer Republik Österreich endete. Diese Republik muß sich als solche an diesem Apriltag sehr schwer mit dem Ereignis des Begräbnisses getan haben, wenn man den Berichten vertrauen will.

Vielleicht war man aber für einen Tag wieder kaiserlich geworden, weil eine Ahnung (viel mehr wird es nicht gewesen sein) des Verlustes die Teilnehmenden befiel, für den Kaiserin Zita stand, der Verlust eines wohlgeordneten, die verschiedensten Völkerschaften integrierenden und von einer hochentwickelten Geisteskultur bestimmten Reiches.


Wilhelm Vita,
Porträt des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand als Kaiser
hier gefunden

Ich erwähne dies, weil 1989 noch einmal kurz etwas lebendig wurde, dessen Untergang am heutigen Tag begann. Der Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Gattin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg wurden von einem serbischen Terroristen am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordet. Wenig später führte dies zur Kriegserklärung an Serbien sowie in der Folge zum Ausbruch des 1. Weltkrieges und schließlich zum Ende Österreich-Ungarns.

Übrigens traf das Attentat interessanterweise genau denjenigen der Habsburger, der nach dem Vorbild des Ausgleichs mit den Ungarn eine bessere staatsrechtliche Repräsentation der slawischen Völker in der Monarchie vorantrieb.

Wenn man ein wenig über das Attentat nachliest, fällt einem auf, wie stark eine Beteiligung der serbischen Regierung heutzutage heruntergespielt wird und wie sehr geradezu der Eindruck erweckt wird, man sei selbst in Österreich nahezu froh gewesen, diesen Thronfolger losgeworden zu sein. Das muß wohl so sein, wenn man Geschichtspropaganda treiben will, nämlich die große Erzählung von der alleinigen Schuld Österreich-Ungarns und mehr noch des Deutschen Reiches am 1. Weltkrieg.

Aber stellen wir uns doch einmal vor, mitten im Kalten Krieg wäre der Vizepräsident der USA mit zumindest nachgewiesener Kenntnis der sowjetischen Regierung erschossen worden, und es hätte keine Atomwaffen gegeben. Aber das ist eben das Problem mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts, es stimmt leider nicht, daß das Zeitalter der Ideologien vorüber ist, man braucht nur auf Daten wie das heutige schauen, um eines schlechteren belehrt zu werden.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Über den Erbauer von Schönbrunn


Kronprinzengarten
hier gefunden

Wäre ich ein fanatischer Protestant, dürfte ich nicht freundlich an Kaiser Leopold I. erinnern, der am 5. Mai 1705 starb. Denn in seiner beachtlich langen Regierungszeit von 1658 bis 1705 als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches hat er sehr energisch die Gegenreformation vorangetrieben und das nicht immer nur mit dem Bau prachtvoller Klöster. Aber mindestens zwei Dinge versöhnen – der Kampf gegen die Türken und der Bau des Schlosses Schönbrunn.

Man sollte sich bewußt machen, daß Leopold noch während des Dreißigjährigen Krieges mit seinen unsäglichen Verwüstungen geboren wurde. Als man mit dem Neubau des Schlosses begann, lag dieser noch keine 40 Jahre zurück. Man wird heutzutage schnell auf sogenannte Meinungen stoßen, die eine solche kulturelle Großtat von den Motiven her in Zweifel ziehen wollen, es sei schließlich nur um Repräsentation gegangen. In der Tat, um die Repräsentation von etwas von bleibender Gültigkeit, Schönheit etwa. Aber für derlei Dinge ist der Geist vieler heutzutage schon zu sehr verwirrt. Immerhin spricht das Werk immer noch für sich und gefällt wohl zumindest. Wir wollen es bei dem obigen Bild belassen, wer dem Link folgt, wird schnell auf weitere Bilder stoßen.

Was leicht vergessen wird, ist, daß es Leopold I. war, der die Türken entscheidend aus Europa herausdrängte und ihnen den Mut und die Mittel nahm, ihre Eroberungsversuche gegen das christliche Abendland fortzusetzen. Zu den Propagandaerzählungen einer gewissen Geisteshaltung gehört es, die Verworfenheit der Kreuzzüge gegen den so kultiviert, wie toleranten Islam zu stellen. Dabei wird willentlich unterschlagen, daß der aggressive Part die meiste Zeit auf der muslimischen Seite lag und etwa die Ungarn nicht danach lechzten, türkische Untertanen zu werden, wie auch immer.

Leopold hatte sehr fähige Feldherren und Verbündete, aber zu diesen kam er nicht von allein, es war also sein Hauptverdienst, Kräfte zu sammeln, wirksame Bündnisse zu schließen und befähigte Personen zu binden. 1683 scheitert die 2. Belagerung Wiens durch die Türken, 1686 wird Ofen, das spätere Budapest zurückerobert, 1687 wiederholt sich die Schlacht von Mohács, in der 1526 Ungarn untergegangen war, nur daß diesmal Karl von Lothringen einen glänzenden Sieg erringt. Die Ungarn akzeptierten daraufhin die Habsburger als Träger der Stephanskrone. Belgrad fällt 1688, wird allerdings 1690 von den Osmanen zurückgewonnen, da inzwischen der allerchristlichste französische König Ludwig XIV. in das Rheinland eingefallen war und den Pfälzischen Erbfolgekrieg begonnen hatte, der diesen Teil Deutschlands übrigens erheblich verwüstete (Mannheim und Worms gebrandschatzt, das Schloß in Heidelberg zerstört, Speyer verwüstet und die Kaisergräber im Dom nach Schätzen durchwühlt, aber das ist ein anderes Thema).

Nach dem Ende dieses Krieges schlägt Prinz Eugen in der Schlacht bei Zenta am 11. September 1697 die Türken vollständig. Im Frieden von Karlowitz 1699 wurde das mit Siebenbürgen wiedervereinigte Ungarn den Habsburgern zugesprochen. Der Einfluß des osmanischen Reiches war entschieden zurückgedrängt und das spätere Österreich-Ungarn nahm seinen Anfang. Keine schlechte Bilanz für einen eher vorsichtigen Herrscher, nur im Westen gegen Frankreich war er leider weniger erfolgreich.



Und um aus den hehren Höhen der Geschichte ins Prosaische der Gegenwart abzustürzen, zwei aktuelle Gartenbilder zur Illustration der Jahreszeit.

Donnerstag, 4. Februar 2010

Österreichische Hausnachrichten


Veste Heldburg, 1872
hier gefunden

Gäbe es noch die österreichische Monarchie, wäre gestern eine Kaiserin gestorben. Regina von Habsburg, Gattin des Thronfolgers Otto von Habsburg, verschied am Mittwoch in Pöcking am Starnberger See.

Das Video unten zeigt einen Bericht von der Hochzeit des Paares in Nancy am 10. Mai 1951. Man vergißt leicht, daß die Habsburger von der Republik Österreich lange Zeit mit kleinlichen Einreiseverboten u.dgl. drangsaliert wurden. Selbst als Otto von Habsburg 1961 auf seine Thronansprüche verzichtete, gab man nicht gleich Ruhe. Ich erwähne das deswegen, weil kürzlich die Frage aufgeworfen wurde, wie man jemanden ansprechen solle, der einen derartigen Verzicht geleistet hat. Nun ich denke, wie man mit allen Entscheidungen umgehen sollte, die abgepreßt wurden. Wilhelm II. blieb auch im Exil „Seine Majestät“.

Erzherzogin Regina wurde als Prinzessin von Sachsen-Meiningen geboren und wuchs auf der Veste Heldburg auf, wo sie nun auch begraben werden soll. Sie trat vor allem karitativ hervor. Ihr ältester Sohn, Karl von Habsburg, gegenwärtiger Chef des Hauses Habsburg-Lothringen, erklärte, er verliere in seiner Mutter einen großartigen Menschen, der durch „unerschütterlichen Glauben“ und „positive Lebenseinstellung“ geprägt habe. Die Familie trauere um eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die durch ihre große Religiosität und ihre tätige Nächstenliebe tief beeindruckt habe.


Mittwoch, 24. Juni 2009

Solferino

Heute vor 150 Jahren, also am 24. Juni 1859, fand die Schlacht von Solferino statt, die Piemont-Sardinien mit seinem Verbündeten Frankreich gegen Österreich gewann. Warum das von Interesse ist, weil sie wesentlich für die Einigung Italiens war? Nun das wäre wohl nicht der Grund, warum sie noch in den heutigen Zeitungen erwähnt wird. Sie war die blutigste Schlacht seit Waterloo, Zehntausende von Verletzten wurden nach ihr mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen. Auch das würde wohl keine besondere Erwähnung hervorrufen, danach ist weit Schlimmeres geschehen.

Aber die Erschütterung eines Mannes, nämlich von Henry Dunant, hat damals bewirkt, daß er einmal die Energie aufbrachte, die Bevölkerung der Gegend dazu zu bringen, den Verletzten ohne Ansehen der Nation zu helfen, und dann führte sie schließlich zur Gründung des Roten Kreuzes und zur Genfer Konvention. Da sage noch jemand, die Erschütterung eines einzelnen vermöge nichts zu bewirken. Die Geschichte dieses Mannes hat viele weitere überraschende Facetten, man mag das hier weiter nachlesen.

Aber so verdienstvoll das unzweifelhaft ist, beim Namen dieses Ortes taucht in mir eine andere Assoziation auf, die des „Helden von Solferino“. Joseph Roth erzählt von ihm im „Radetzkymarsch“, der Geschichte der fiktiven Familie Trotta. Ich habe davon hier schon einmal gesprochen. Ein Trotta, Joseph, Leutnant der Infanterie, rettet danach in der Schlacht von Solferino Kaiser Franz Joseph I. das Leben, wird als „Joseph Trotta von Sipolje“ in den Adelsstand erhoben und so „zum Ahnherrn eines neuen Geschlechtes“. Ein Geschlecht, das bald verlöschen wird, so wie die k. u. k. Monarchie.

„‘Es war damals anders‘, erwiderte Skowronnek. ‚Nicht einmal der Kaiser trägt heute die Verantwortung für seine Monarchie. Ja, es scheint, daß Gott selbst die Verantwortung für die Welt nicht mehr tragen will. Es war damals leichter! Alles war gesichert. Jeder Stein lag auf seinem Platz. Die Straßen des Lebens waren wohl gepflastert. Die sicheren Dächer lagen über den Mauern der Häuser. Aber heute, Herr Bezirkshauptmann, heute liegen die Steine auf den Straßen quer und verworren und in gefährlichen Haufen, und die Dächer haben Löcher, und in die Häuser regnet es, und jeder muß selber wissen, welche Straße er geht und in was für ein Haus er zieht.‘“

Dienstag, 5. Mai 2009

Über jemanden, der nicht Kaiser sein wollte &



Es war ein sehr regnerischer Tag und ich mußte heute viel über jemanden nachdenken, der hier gelegentlich kommentiert hat und den ich zu schätzen gelernt habe, nur daß er wohl betrunken einen Autounfall herbeiführte und jetzt am Boden zerstört ist, was nicht bedeutet, daß ich ihn deshalb weniger mag. Ich will das nicht weiter ausführen, sondern nur andeuten, daß dieses Rühren in der Geschichte keiner pedantischen Neigung entspringt, sondern mehr meiner Überzeugung, daß es sinnvoll ist, nicht zu sehr an sich selbst zu kleben, sondern etwa in der Geschichte nach Mustern zu suchen, Vergleichen, Vorbildern, Korrekturen …

Es gibt heute zwei Sterbedaten, einen vermutlichen Protestanten und einen Anti-Protestanten, die beide bemerkenswert sind, daß letzterer den Protestantismus unterdrückt hat, sollte ihn uns weniger sympathisch machen, aber über die Jahrhunderte läßt der Eifer manchmal auch etwas nach.

Kurfürst Friedrich III. (der Weise) von Sachsen starb am 5. Mai 1525 und Leopold I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, starb am 5. Mai 1705.



Albrecht Dürer, Porträt Friedrichs des Weisen, Kurfürst von Sachsen
hier gefunden

Friedrich der Weise wird wohl auf immer eine rätselhafte Person bleiben. Es ist viel gemutmaßt worden, warum er Luther und damit die Reformation unterstützt hat und zugleich so deutlich den alten Traditionen angehörte. Es ist schon kurios, daß der stärkste Förderer der Reformation eine hohe Auszeichnung des Papstes erhielt (wohl nur noch vergleichbar mit dem „Fidei defensor“ bei Heinrich VIII. von England), aber dabei spricht vieles dafür, daß dies nur ein taktischer Versuch des Papstes war, ihn auf seine Seite zu ziehen. Mutmaßlich stimmt es, daß er selbst hätte Kaiser werden können, daß er dies ablehnte, mag einer der Gründe gewesen sein, warum man ihn irgendwann „den Weisen“ nannte.


Leopold I.
hier gefunden

Leopold I. ist auf andere Weise auffällig (das obige Bild ist übrigens eine ungarische Reverenz an den König von Ungarn, zu Recht wie wir gleich sehen werden). Zunächst war für ihn gar nicht absehbar, daß er einmal Kaiser werden würde, der frühe Tod seines älteren Bruders öffnete diesen Weg. Dann stand er vor den Trümmern, zu denen der 30jährige Krieg (er wurde 1658 Kaiser) auch das Ansehen seines Amtes hatte verkommen lassen.

Es gelang ihm, der Reichsverfassung und dem Kaisertum trotz der konfessionellen Spaltung wieder eine gewisse Geltung zu verschaffen. Und er warf die Türken aus Ungarn hinaus (daher das teilweise Ansehen dort), 1683–1699 konnte er ganz Ungarn von den Osmanen zurückerobern, genauer taten dies der Markgraf Ludwig Wilhelm I. von Baden und vor allem Prinz Eugen von Savoyen für ihn. Selbst die Bemühungen des „allerchristlichsten“ (mit den Türken verbündeten) Königs Ludwig XIV. von Frankreich konnten dagegen nicht viel ausrichten.

Er hat also einiges vorzuweisen, daß er dabei auch noch ein starker Vertreter der Gegenreformation war und die Protestanten, jedenfalls in seinen Stammlanden, energisch bekämpfte, wollen wir dem obigen Eingangssatz hinreichend kommentiert sein lassen.

Und was bringt uns all das, aufs Kurze gesehen nichts. Es ist mehr so, wenn wir ständig auf einen Gegenstand starren, vergessen wir die Welt, und alles schrumpft darauf hin zusammen, wenn wir uns aber an Geschichten wie die obigen erinnern, dann hat unser Gemüt immerhin die Chance, sich mit diesen gegen die Zufälligkeiten des Lebens zu behaupten.

Donnerstag, 27. November 2008

Radetzkymarsch



Es ist eigentümlich, wie ich in den letzten Tagen an gänzlich unterschiedlichen Orten von Joseph Roth und seinem „Radetzkymarsch“ verfolgt wurde, und ich mag jetzt nicht nach irgendwelchen biographischen Anlässen o. ä. weiter suchen, gerade eben wurde dieses noch abgewechselt vom „Herrn der Ringe“, dieser im Innersten verzweifelten Sehnsucht nach dem „guten König“, aber zurück zu Joseph Roth.

Es gibt wenige Romane, die das Potential haben, einem das Herz zu brechen, wie der soeben genannte Roman, man muß das nicht zulassen, aber sie könnten es. Es gibt ein anderes Buch namens „Die Kapuzinergruft“ von ihm:

„Die Kapuzinergruft, wo meine Kaiser liegen, begraben in steinernen Särgen, war geschlossen. Der Bruder Kapuziner kam mir entgegen und fragte: ‚Was wünschen Sie?‘
„Ich will den Sarg meines Kaisers Franz Joseph besuchen‘ – erwiderte ich.
‚Gott segne Sie!‘ sagte der Bruder, und er schlug das Kreuz über mich.
‚Gott erhalte!‘ rief ich.
‚Pst!‘ sagte der Bruder.
Wohin soll ich, ich jetzt, ein Trotta? …‘“.

zitiert aus:
Joseph Roth, Die Kapuzinergruft, Berlin 1984, Verlag der Nation