„Tres luctus causae sunt hoc sub marmore clausae,
Rex, decus ecclesiae, summus honor patriae.
„Drei Gründe der Trauer liegen unter diesem Marmor beschlossen,
er war der König des Reiches, die Würde der Kirche, die höchste Ehre des Vaterlands.“
Dies ist eine Inschrift aus dem Magdeburger Dom, in dem der erste deutsche Kaiser, Otto I. begraben liegt.
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Aber wir wollen eingangs etwas persönlich werden.
Eine meiner merkwürdigsten Erinnerungen rührt ausgerechnet von einer Fernsehreportage her. Damals sah ich solches noch - über die letzten Deutschen im Memelland. Ich versuche, mich getreu zu erinnern: Ein alter Mann, wie sonst, sprach von seiner damaligen Hoffnung, als sich die Front der Reichsgrenze näherte. Dann sei der Krieg endlich vorbei. Denn über diese Grenze könne der Feind doch nicht.
Flüchtende, Vertriebene, Kinder und Frauen, dem ungehemmten Grauen von 1945 und noch später ausgeliefert, beseelte eine Hoffnung: Sie wollten heim ins Reich. Aber es gab kein Reich mehr. Und selbst der Name verschwand innerhalb kürzester Zeit und überlebte nur in Nischen, wie ein skurriles Relikt. Diese Größe, die später nach Kräften zugedeckt, zugenebelt, versteckt, verunglimpft, mit Leichentüchern überzogen wurde, wo doch gar nie nimmer ein Leichnam sein sollte.
Unter uns ist das Grauen. Aber wir müssen darüber hinaus. Doch wie Mythen nur vergehen können, wenn man sie vollständig vergißt, leben sie weiter, wenn auch nur einer sich ihrer erinnert. Also ist dieser nicht vergangen.
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Man kann wahrlich dem Herrgott nicht vorwerfen, daß er nicht auch in kleinen Dingen ein unglaubliches Maß an Humor bewiese. Während nämlich diese gegenwärtige gespenstisch-traurige Gestalt namens „Unsere Republik“ auf Sachsen-Anhalt schaut, blickte das reichstreue Deutschland auf Magdeburg aus einem ganz anderen Grund.
Die Gebeine Kaiser Otto I. wurden, begleitet von einem ökumenischen Gottesdienst und einem staatlichen Festakt, neu beigesetzt. Am Sarg waren Schäden festgestellt worden, und so wurde die ganze Grablege erneuert.
Ein Titansarg, gestaltet von der Künstlerin Silke Trekel, nahm die Gebeine des Kaisers auf und wurde im alten Kalksteinsarkophag im Hohen Chor des Doms eingesenkt. Eine aufsteigende Diagonale teilt den Sargdeckel in zwei gleichwertige Flächen, Sinnbilder von Geistlichem und Weltlichem, so lese ich. Die lateinische Inschrift lautet übersetzt: „Hier ruht Otto, zu seiner Zeit erhabener Kaiser von Gottes Gnaden genannt, durch Gottes wohlwollende Güte König, ein christlicher Fürst. Er starb im Jahr 973, in den Nonen des Mai, am Mittwoch vor Pfingsten. Der Sarkophag wurde im Jahr 2026 wiederhergestellt.“
Müssen wir aus den gehaltenen Reden und Predigten zitieren? Nur wenig. Die Predigt des katholischen Bischofs Feige sei durchaus anhörenswert gewesen, sagte man mir, während die des evangelischen nur ein hingebungsvolles Surfen auf dem Zeitgeist… Wie auch sonst. Ich habe sie danach gar nicht erst gelesen.
Aber zuvor noch ein Bild, ganz rechts zuerst SKKH Georg Friedrich, Prinz von Preußen, der direkte Nachfahre unseres letzten deutschen Kaisers Wilhelm II, rechts neben ihm Prinz Christian Ludwig von Preußen.
Bischof Feige hatte 3 Überschriften gewählt: „Vergänglich – erinnernswert – wegweisend“.
Man kann das alles hier nachlesen. Die Predigt selbst ist hier als PDF etwas versteckt zu finden.
„Vergänglich
Vor dem Tod sind alle gleich. „Sic transit gloria mundi“. [Das Zitat ist eine Abwandlung des Wortes von Thomas von Kempen„O quam cito transit gloria mundi!“ („Oh wie schnell vergeht der Ruhm der Welt!“), das vermutlich auf die Bibelstelle 1 Joh 2,17 zurückgeht: „Die Welt vergeht und ihre Begierde“,Vulgata: „Mundus transit et concupiscentia eius“ (2,17 Vul)].
Einem Kaiser ergeht es am Ende nicht anders als dem unbedeutendsten Bewohner seines Reiches. 'Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub'."
„Erinnernswert
Warum setzen wir die Gebeine Kaiser Ottos dann heute so feierlich bei, obwohl er doch schon seit über 1000 Jahren tot ist?“
„Offensichtlich sind wir Menschen – jedenfalls auf Erden – doch nicht alle gleich. Viele leben noch einige Zeit in der Erinnerung ihrer Familien oder auch länger im Gedächtnis eines ganzen Volkes weiter: begeisternd oder abschreckend. Von einigen künden Denkmäler, Berichte oder Geschichten. Manche haben der Menschheit bedeutende Erkenntnisse oder Werke hinterlassen. Zu ihnen gehört auch Otto I. als Wiederbegründer des antiken römischen Kaisertums.
Selbst wenn er nicht zur Ehre der Altäre aufgestiegen ist und als Heiliger verehrt wird, haben christliche Überzeugungen ihn doch in wesentlichen Bereichen herausgefordert und geprägt. Dabei wäre es anachronistisch, ihn nach heutigen Maßstäben zu beurteilen. Dem Geist seiner Zeit entsprechend war er von apokalyptischen Vorstellungen geprägt, verstand sich als Herrscher von Gottes Gnaden und wertete militärische Erfolge als Beweis für dessen Beistand.
In seinem äußerst komplexen Charakter verbanden sich politisches Kalkül und tiefe Frömmigkeit. Auch die Gründung des Erzbistums Magdeburg im Jahr 968 und anderer Bistümer an der östlichen Grenze des Reiches zeugten von der Absicht, seine Macht auszudehnen und die Mission der Slawen voranzutreiben. Stattliche Kirchen wurden gebaut und mit einer Fülle von Reliquien ausgestattet, Klöster gefördert und geistliche Amtsträger mit weltlichen Aufgaben betraut. Zugleich band der christliche Glaube ihn aber auch in seiner Handlungsfreiheit und legte ihm Pflichten auf.
Demütig sollte ein Herrscher sein, sich stets dessen bewusst, als sündiger Mensch nichts aus eigener Kraft bewirken zu können, sondern letztlich immer auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen zu sein. Zudem sei es – wie Psalm 72, den wir vorhin gehört haben und der zum mittelalterlichen Krönungszeremoniell dazugehörte, zum Ausdruck bringt – die wesentliche Aufgabe eines Herrschers, die göttliche Weltordnung durchzusetzen.
Er solle das „Volk in Gerechtigkeit“ regieren und „den Entrechteten zu ihrem Recht verhelfen“, „den Armen“ befreien, „der um Hilfe schreit, den Elenden und den, der keinen Helfer hat. Er habe Mitleid mit dem Geringen und Armen ... Aus Unterdrückung und Gewalt erlöse er ihr Leben.“. Im biblischen Sinn solle ein König also in seinem Volk für Gerechtigkeit und Frieden sorgen, sich für Menschen einsetzen, die sozial oder gesellschaftlich bedroht sind, und dem Leben aller dienen.“
Oder, um es etwas aus dieser Sprache zu befreien, die so auffällig schwankt zwischen dem, was als Wahrheitsgut überliefert ist, und das man ja durchaus kennt, und dem, was der Unterherscher dieser Zeiten als Unterwerfungssprache abverlangt. Um es also zu befreien. Ein Herrscher, ein König ist immer zuerst Sachwalter der Armen, der Elenden, der ohne Schuld in Not Geratenen, um sie seinem Volk als Bewahrte wieder zuzuführen. Den Vergehenden nicht vernichten, den Starken in seinem Mut stärken, aber auch zu erziehen, wie ein wildes Pferd.
Und zum Mythos: Daß das Gute bewahrt oder aufbewahrt werden kann, weil es nicht abgestorben ist. Und dann verbindet sich dieses Gute auch noch mit Tradition, Herkommen, dem, dem man vertraut ist. Als Mythos ist das seelenrettend. Aber wie weit ist dies alles von dieser gespenstischen Gegenwart entfernt.
Wir müssen mit Bf. Feige fertig werden: „Sicher war das sehr ideal gedacht, stellte aber einen Anspruch dar, der mit der Überzeugung korrespondierte, sich eines Tages für all sein Tun vor Gott persönlich verantworten zu müssen.
Und so wird auch über Kaiser Otto berichtet, tatsächlich gläubig gewesen zu sein und noch im Alter Latein gelernt zu haben, um selbst die Heilige Schrift und andere geistliche Bücher lesen und verstehen zu können.
Er habe andächtig Gottesdienste mitgefeiert, sich um gute Taten bemüht, damit seine Sünden im Jenseits aufgewogen würden, zudem vor seinem Tod noch die Sterbesakramente empfangen und dafür gesorgt, dass auch weiterhin für sein und seiner Angehörigen Seelenheil gebetet werde.
Wegweisend
In manchem können wir ahnen, was für ein Mensch Otto – genannt der Große – gewesen ist, und doch bleibt er wie jede und jeder von uns ein unauslotbares Geheimnis.
Nur Gott dürfte ihn in- und auswendig kennen und damit gerecht und barmherzig beurteilen können. Als Christen... sehen wir in Kaiser Otto nicht nur eine äußerst markante Person der Vergangenheit mit einer nachhaltigen Wirkungsgeschichte, sondern glauben, dass er auch eine Zukunft hat.
Dankbar erinnern wir uns seines irdischen Wirkens und feiern, dass Gottes Herrschaft auch in seinem Leben aufgestrahlt ist. Zugleich vertrauen wir voller Zuversicht darauf, dass die Toten gleich welchen Standes und dereinst auch wir selbst in Gottes Liebe geborgen bleiben und zur Vollendung finden.
„Denn Gott hat“ – wie es im Buch der Weisheit heißt (2,23) – „den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“. Für Gott ist jeder Mensch – ob reich oder arm, mächtig oder schwach, ohne oder mit Behinderung, binär oder queer, deutscher oder anderer Abstammung – sein Ebenbild und damit einmalig, kostbar und zu einer Lebensfülle berufen, der der Tod nichts anhaben kann.
Und so setzen wir in der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten und das ewige Leben in der Herrlichkeit Gottes die sterblichen Überreste von Kaiser Otto wieder bei, sehen uns davon aber auch inspiriert, vergangenen Zeiten nicht nostalgisch nachzutrauern, sondern unserem christlichen Auftrag folgend die Gegenwart zuversichtlich und tatkräftig mitzugestalten „im Bewusstsein (der) Verantwortung vor Gott und den Menschen“!“
So also sehr ausführlich der Bischof Feige.
Der Staatsminister für Kultur und Medien Weimer fiel noch auf, als er den Kaiser direkt ansprach: „Sehr verehrte Majestät“. „Wir schreiben Ihre Geschichte zu Ende und unsere Geschichte voran.“ Der Kaiser habe europäisch gedacht und gehandelt. Das Reich habe sich von der Nordsee bis zum Mittelmeer erstreckt. „Dieses Reich mit ganz unterschiedlichen Völkern haben Sie geeint.“ „Wenn Sie aus Magdeburg eine Wiege der Deutschen gezimmert haben, so steht diese Wiege von Anfang an im Herzen Europas.“
Das aber ist eben das Wesen der Reichsidee, zu einen, was einem gemeinsamen Ursprung angehört. Dieser Wille, der vom Zentrum Europas ausging und in Treue zur Überlieferung handelte, ist von den Rändern her immer wieder angegriffen worden. Und sei es, um nur ein Beispiel zu nennen, von den Franzosen, die sich lieber mit den Osmanen verbündeten, wenn sie so dem Reich schaden konnten. Aber auch diese haben ihren Lohn lange dahin.
Aber bevor wir weiter in die Grüfte der Geschichte hinabsteigen, noch einige Bilder.

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Otto der Große ist einer der Gründerväter des Reichs. Also unser aller Vater. Kaiser und Reich waren und sind seit Karl dem Großen weit mehr als ein politischer Ordnungsrahmen. Bei allem realpolitischen Elend, das es, weiß Gott, mehr als genug gab und zu häufig bestimmend war, gewann doch beides eine förmlich mythische Kraft und Gewalt und gewährte so einen seelischen Rückhalt.
Wenn sich Goethe über die beiden letzten Kaiserkrönungen, deren Zeuge er war, lustig machte, zeigt das nur, wie sehr er menschlich am Zeitgeist klebte und als eine solche Person auch vernachlässigbar ist. Trotzdem bleibt er ein großer Dichter. Das eine hat mit dem anderen selten viel gemein.
Der erste deutsche Kaiser, Otto I. aus dem Geschlecht der Liudolfinger wurde am 23. November 912 AD geboren. Wenn es stimmt, und warum sollte es das nicht, daß im Magdeburger Reiter einiges von seinen Zügen überliefert ist, bleibt uns nur, in diesen Zügen zu forschen. Wir können auch die überlieferten Chroniken zur Hand nehmen und aus seinem Verhalten auf seinen Charakter schließen. Wie auch immer, was sehen wir: Großmut, Menschenkenntnis, Beherrschtheit, die Fähigkeit zu vergeben, solange dies irgend vertretbar war, Wachheit. Kühnheit, Tapferkeit, Offenheit, Frömmigkeit.
Er hatte die typische Erziehung eines germanischen Adligen erfahren, wozu Lesen und Schreiben nicht zählten. Mit etwa 35 Jahren, nach dem Tod seiner ersten Gemahlin, erzählt der Chronist Widukind, „lernte er die ihm vorher unbekannten Buchstaben so gut, daß er Bücher vollkommen lesen und verstehen kann“. Man mag das amüsant finden, kann aber darin ebenso die Fähigkeit entdecken, die Grenzen der Herkunft zu überschreiten.
Menschen können auch mit einem großartigen Charakter scheitern, und wenn etwas derart exemplarisch behauptet wird, handelt es sich wahrscheinlich um eine propagandistische Lüge, denkt man schnell. Beides ist offenkundig bei ihm aber nicht der Fall. Er ist nicht gescheitert, er hat Entscheidungen getroffen, die folgende Jahrhunderte geprägt haben, und er war einer der bedeutendsten Herrscher, die uns Deutschen gegeben wurden.
Wie er seine Herrschaft bewahrte, die Einzelheiten seines Ringens, die Deutschen an eine gemeinsame Autorität zu gewöhnen, das mag man anderswo nachlesen. Otto d. Große fügte nicht nur dieses fragile, fast zufällige ostfränkische Reich zu einer festeren Gestalt, er hat den Staat der Deutschen, wie immer sie sich damals genannt oder gefühlt haben mögen, mit der schon halb abgesunkenen Idee des (west)-römischen Kaisertums verbunden. Viele haben ihm dies übelgenommen, später. Den Zeitgenossen erschien es das Natürlichste, von der Pflicht Gebotene.
Heutigen Menschen fällt es schwer, sich vorzustellen, daß jemand tatsächlich aus Ideen und Glaubensvorstellungen heraus handelte, die ihnen komplett und abweisend fremd sind. Sie vermuten dann eine Art von Zynismus, denn damit sind sie vertraut. Ja, es gab vor mehr als 1000 Jahren ebenfalls viel Grausamkeit, Eidbrüche, Verrat und Niedertracht. Aber eben nicht nur.
Die Erneuerung des Kaisertums galt den Zeitgenossen als Pflicht und Recht. Als Pflicht, weil man das 7. Kapitel des Propheten Daniel so verstand, daß das römische Reich bis zum Ende der Zeiten von Weltgericht und dem Anbruch des Reiches Gottes nicht untergehen durfte, da es das 4. und letzte der großen Reiche der Menschen sei, ein seit Konstantin christlich Gewordenes zumal. Manche glaubten, daß sein Bestand das Weltende sogar hinauszögern würde. Derjenige, der die Möglichkeit zu seiner Wiederherstellung besaß, hatte also nicht nur die Pflicht, sondern auch das Recht zu diesem gottgefälligen Werk.
Kaiser Otto war ein frommer Mann, der die Missionierung Skandinaviens und des Ostens nach Kräften vorantrieb. Man darf davon ausgehen, daß er das Kaiseramt mit ganzem Ernst und nicht aus schlichtem Machtkalkül anstrebte. Es hat sich über tausend Jahre mit Deutschland dauerhaft verbunden und seinem Geschick sehr eigentümliche Wendungen beschert.
Ein Land und Reich stand über tausend Jahre im Dienste einer Idee, nach menschlicher Art, also meist unzulänglich, beschämend kleinlich, selbstvergessen, am Ende zunehmend als Farce, aber nicht nur. Und der Anfang aber war stark und überwältigend, wie Anfänge zuweilen eben sind.
Hoffen wir, daß der Zauber dieses Anfangs nie enden wird.
Gott segne unser Heiliges Römisches Reich.

















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