Samstag, 3. Oktober 2009

Religiöses zum Tag der Deutschen Einheit

Von MartininBroda
San Apollinare Nuovo, Ravenna, erbaut von Theoderich d. Großen
Der Zug der Hl. Märtyrer
hier gefunden

Nach 555 Posts haben wir heute erneut einen Gastbeitrag. Herr Roloff hielt heute zum Tag der Deutschen Einheit im dazugehörigen Gottesdienst eine sowohl ausführliche wie profunde Ansprache, von der ich dachte, daß sie der eine oder andere über Schönhausen in der Altmark hinaus vielleicht auch kennenlernen möchte:

Ansprache zum 3. Oktober 2009,
„Tag der Deutschen Einheit“ in der Kirche St. Marien und Willebrord Schönhausen/Elbe

Ps 109, 30, Jos 24, 1-18, Joh 15, 13-17

Friede sei mit euch!

Liebe Gemeinde,

der Landtag zu Sichem, von dem wir gehört haben, stand am Ende einer schicksalhaften Reihe von Jahren, nach der für das Volk Israel nichts mehr war wie zuvor. Zwar war es nach scheinbar endloser Irrfahrt ins Land der Väter zurückgekehrt, niemand aber kannte es aus eigenem Erleben. Auf seinem Weg und schon zuvor in Ägypten hatten es Verfolgung und Unterdrückung zu bestehen, und die 40 Jahre währende Wanderung durch die Wüste war eine gewaltige Prüfung für das Volk und seine Führer, Mose, Aaron und Josua.
Der Landtag zu Sichem war ein Moment um innezuhalten und um sich der Grundlagen der Gemeinschaft zu versichern.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man vom Volk Israel jener Jahre bereits als von einer Nation im neueren Sinne reden kann. Sehr wohl aber ist es angemessen an einem Nationalfeiertag wie dem unseren, nach den Grundlagen auch unserer Gemeinschaft zu fragen.

In Sichem geschah diese Suche in drei Schritten:
1. Josua erinnert an die Väter. Er nennt Tharah, Abraham und Nahor, dann Isaak, Jakob und Esau und endlich noch Mose und Aaron. Er verdeutlicht darin den geradezu familiären Zusammenhang aus gemeinsamer Abstammung, der für jene Völker noch ungemein wichtig war. Er mahnt darin aber auch den Respekt vor verbindenden Autoritäten an, ohne den keine Gemeinschaft bestehen kann. In diesem Respekt werden Werte und Maßstäbe gefunden, die eigene Leistung wird relativiert und auch an der Verantwortung gemessen, die sie für das Werk der vorher gewesenen Generationen wahr nimmt.

2. Es erfolgt die gleichsam rituelle Vergegenwärtigung des Verlaufs der Geschichte. Es wird der Bereich vor Augen gerufen, in dem sich das Volk bewährt hat. Es wird an die Plagen erinnert, die über Ägypten kamen, damit das Volk seine Freiheit wieder fände. Es werden aber auch jene Gestalten und Ereignisse nicht verschwiegen, an denen die Menschen gefehlt haben. In eindrucksvoller Weise wird aber in jedem Worte deutlich, daß alle Siege, jede Gnade und die wunderbare Errettung nicht eigener menschlicher Macht entsprungen sind, sondern den Herren der Geschichte fühlbar werden lassen.

3. Darum ist es denn auch nur konsequent, daß im dritten Schritt die alles entscheidende Frage gestellt wird: Wem wollt ihr dienen? Josua ruft direkt zu einer Wahl auf. „Gefällt es euch nicht, dem Herrn zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt.“ Er läßt dem Volke seine Freiheit und verdeutlicht zunächst nur die ganze Dramatik dieser Stunde der Entscheidung. Dann aber tut er, was nur ein wahrer Herrscher, eine wirkliche Autorität tun kann. Er gibt nicht zunächst eine Meinungsumfrage in Auftrag, um sich dann für das eigene Amt die Mehrheit zu sichern, sondern er überzeugt machtvoll durch das eigene Beispiel:

„Ich und mein Haus wollen dem Herren dienen.“

Wo wir Menschen nach dem Gemeinsamen unter uns suchen, da werden wir irgendwann nach dem fragen müssen, dem wir dienen wollen.

Auch wir heute können und müssen, um bis zu dieser Frage zu gelangen, zunächst nach unseren Vätern fragen. Wir müssen nach diesen Ahnen fragen, um überhaupt gewahr zu werden, daß die Geschichte uns einen Rahmen eröffnet, der viel weiter ist als die inzwischen herrschende Vorstellung von Jahrzehnten oder gerade einmal zwei Jahrhunderten, hinter denen sich dann alles im Nebel verliert, im Nebel verlieren soll.
In der Kirche sind wir noch immer in der glücklichen Situation, anschaulich Martin Luther vergegenwärtigen zu können, der unsere Kirche maßgeblich geprägt, unsere Sprache neu geschaffen und die Art von Glaubensdingen zu reden bis heute bestimmt hat.


Aber daß das Land in dem wir leben Väter hat, die beinahe sogar noch ein weiteres Jahrtausend vor Luther zu suchen sind, ist fast vergessen. Es war Theoderich, der die Reichsidee für unsere Ahnen in Besitz genommen und ihr mit bis heute einzigartigen Bauten in Ravenna Ausdruck gegeben hat, es waren die Kaiser Karl und Otto, die beide zurecht den Beinamen „Der Große“ tragen und die das Wesen vom christlichen Staat in unserem Volk tief eingepflanzt haben. Die Dome in Aachen und Magdeburg zeugen bis in unsere Tage von diesem gewaltigen Tun.

Wie Josua es getan hat können wir auf die 1 ½ Jahrtausende währende Geschichte dieses Landes blicken, uns die Höhen vergegenwärtigen, die sich in den gotischen Kirchen ausdrücken, aber auch an den tiefen Sturz im 30-jährigen Krieg, dem auch dieses Haus zum Opfer fiel, erinnern wir. Vor allem müssen wir immer wieder auf die unheimliche zutiefst erschütternde Begeisterung am Zugrunderichten blicken, wie sie das vergangene Jahrhundert ergriffen und gezeichnet hat. Dennoch hat sich dieses Volk immer wieder erhoben und erneuert. Den meisten von uns ist es noch in ganz lebhafter Erinnerung, wie wir nach Jahrzehnten der Unfreiheit und Teilung wieder zur Einheit in Freiheit fanden, wie Mauern fielen und sich ganz neue Welten öffneten. Wir durften geschichtliche Umbrüche von wahrhaft biblischen Ausmaßen miterleben und mit gestalten. Jedes Jahr an diesem Tag erinnern wir uns daran. Dennoch hat eine eigentümliche Ernüchterung Raum gegriffen. Vielen wird der Sinn der Geschehnisse nicht mehr bewusst. Beinahe ist es so, als wüsste man mit der zur Normalität gewordenen Freiheit nichts mehr anzufangen.

Ich persönlich bin davon überzeugt, daß wir uns an dieser Stelle zunächst deutlich machen müssen, Gemeinsinn ist etwas anderes, als das alle irgendwie zufrieden gestellt werden. Diese Haltung nämlich drängt den Menschen doch in völlige Passivität. Jeder wartet darauf, daß irgendwer ihn zufrieden stellt und verbringt diese Wartezeit damit, möglichst unzufrieden zu sein und immer unzufriedener zu werden. Es ist ein Unglück und wird hoffentlich kein Unheil, daß politische Einflussnahme nur noch auf dem Wege von Umverteilung und Neuverteilung und Besteuerung errungen werden soll. Der Weg der Verteilung erzeugt in der Hauptsache fast immer nur Neid.

Teilen aber hat seinen wesentlichen Sinngehalt in der Teilnahme. Das besagt aber weniger, daß sich jeder seinen Teil nimmt, sondern dass alle etwas beitragen, daß alle teilnehmen. Ein Leben gewinnt dort seine Erfüllung, wo es in guter Weise und zum Wohle anderer zur Geschichte beiträgt. Wo aber ich beitragen kann, ist doch zunächst und vor allem eine Frage, die sich an mich richtet und nicht an andere, und die ich mit meinem ganzen Leben beantworten muß! Dieser Weg der Teilnahme aber erzeugt Gemeinsinn.

Kann es sein, daß gerade dieser Unterschied in unserer modernen Gesellschaft darum nicht mehr hinreichend deutlich wird, weil wir den dritten Schritt Josuas nicht mehr gehen und nicht mehr fragen, wem wir dienen wollen?

Wo aber diese Frage nicht mehr gestellt wird, da dringt man auch nicht mehr zum eigentlichen Wesen des Menschen vor, dessen Würde doch ein besonders hohes Gut in unserem Lande sein soll. Diese Frage führt uns nämlich auch zu einer Formulierung, die der Hl. Augustinus gefunden hat. Er spricht an einer Stelle vom „homo desiderium dei“. Das bedeutet - der Mensch ist die Sehnsucht Gottes. Das schon ist eine tröstliche, Schöpfung und Menschheit warm und liebevoll beleuchtende Vorstellung. Alles, was geworden ist und in allem der Mensch, machen deutlich und auch verständlich, worin die Sehnsucht Gottes liegt.

Homo desiderium dei läßt sich aber auch noch in anderer Weise übersetzen, das heißt dieser Satz trägt auch noch die Bedeutung in sich: Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott.
Das, was den Menschen erst zum Menschen macht, ist seine Sehnsucht nach Gott, seine geradezu unwillkürliche, dauernde Suche und Hinwendung zu Gott.

Das bedeutet natürlich dann auch, daß ein Gemeinwesen, welches diesen zentralen Aspekt des Menschseins ausblendet, nicht mehr kennen will oder nur zu vergessen beginnt, aufhört in vollständiger Weise menschlich zu sein.

Der Mensch entfernt sich dann von den Wurzeln seines Wesens.
Darin liegt auch die eigentliche Tragödie der Entchristlichung Europas. Die Völker tragen Menschenwürde und Menschenrechte wie eine Monstranz vor sich her, drohen aber zu vergessen, worin beide ihr Fundament haben, nämlich in der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Blendet man diesen Gesichtspunkt aus, dann bleiben die hohen Begriffe nichts als spekulative Thesen, um dem Wüten des Einen gegen den Anderen Einhalt zu gebieten.
Die Väter des Grundgesetzes, dessen Geltungsbereich wir vor 19 Jahren aus freiem Willen beigetreten sind, haben sehr genau gewusst, daß die im Grundrechtskatalog aufgemachte Rechnung nur unter einer Bedingung aufgeht, indem wir uns in die Verantwortung vor Gott stellen.

In Verantwortung vor Gott - diese Vocatio ist für dieses Land genauso grundlegend und unaufgebbar, wie das mutige und ganz Israel bestimmende Bekenntnis Josuas: Ich und mein Haus wollen dem Herren dienen.
Nur als Diener Gottes werden wir Brüder, durch ihn sind wir gleich geschaffen und besitzen und verteidigen vor aller Welt unsere Würde. In diesem Bekenntnis wird aus diesem Volk ein Maß gebendes Glied Europas, das im Ernst dem Frieden dient.

Amen

Der Friede Gottes sei alle Zeit mit euch!

Kommentare:

MartininBroda hat gesagt…

I will try to make a translation maybe in 2 hours.

Pilgrim hat gesagt…

I waited ...and finally took Babelfish, made me grin, but I got it. Your man is wrong in my Dada´s eyes, where the GDR-Counties era still Colonies! Anyway, I´d be happy if you link me back on Twitter. Propz Pilgrim

MartininBroda hat gesagt…

Since I'm following you on twitter from now you will know when I make my damn translations, usually I say it there.

MartininBroda hat gesagt…

Some religious thoughts at the Day of German Unity
Translation

After 555 posts we have today again a guest contribution. Mr. Roloff preaches a sermon today in a service on the occasion of the Day of German Unity which is as detailed as it is profound, so I thought that perhaps others would like to become also acquainted with it who don’t live in Schönhausen (Altmark).

Sermon at October 3rd 2009,
„Day of German Unity“ in the church St. Mary and Willibrord Schönhausen/Elbe

Psalm 109, 30, Joshua 24, 1-18, John 15, 13-17

Peace to you!

Dear congregation,

The assembly of Shechem, of which we’ve heard, stood at the end of a fateful row of years, after which for the people of Israel nothing was more like before. Although they had returned to the land of the fathers after an endless seeming odyssey, nobody knows it from own experiencing. On their way and already before in Egypt they had to bear persecution and suppression, and the 40 years lasting peregrination through the desert was an enormous test for the people and their leaders, Moses, Aaron and Joshua.
The assembly of Shechem was a moment of considering and to remembering the foundation of the community. I am not completely sure whether we can call the people of Israel of those years already as a nation in newer sense. But it is indeed most appropriate at a national remembering day like ours to ask for the foundations of our community also.

In Shechem this search happened in three steps:

1. Joshua reminds of the fathers. He calls by name Terah, Abraham and Nachor, then Isaac, Jacob and Esau and finally Moses and Aaron. He clarifies therein the almost family connection from common descent, which was for those peoples still enormously important. He reminds therein in addition on the respect for connecting authorities, without which no community can exists. In this respect values and patterns are found, the own achievement will be qualified and also quantified on the responsibility, which she takes for the work of the former existing generations.

2. It takes place quasi a ritual realisation of the process of history. It is called before eyes were the people gave prove of value. It is reminded at the troubles, which came over Egypt, so that the people would find freedom again. But those figures and events are not concealed where men failed. In an impressive way it becomes however clear in each word that all victories, each grace and the marvellous saving did not rise from own human power, but makes the Lord of history palpable.

3. Therefore it is also just consistent that in the third step the all-important question is asked: Whom want you serve? Joshua calls directly for a choice: “And if it seem evil unto you to serve the LORD, choose you this day whom ye will serve; whether the gods which your fathers served that were on the other side of the flood, or the gods of the Amorites, in whose land ye dwell.” He does not take freedom from the people and clarifies first only the whole drama of this hour of decision. Then however he does what only a true ruler, a real authority can do. He doesn’t conduct a survey, in order to secure then for his own office the majority, but he convinces powerfully by his own example:

„ But as for me and my house, we will serve the LORD.“

(End of part 1, part 2 will follow in a few hours)

MartininBroda hat gesagt…

Translation - Part 2

Where we as humans are searching for the common among us, we have to ask sometime, whom we want to serve.

Also we today can, in order to arrive to this question, and have to ask first for our fathers. We have to ask for these ancestors to become at all aware of that history opens us a frame, which is much broader as the in the meantime dominant conception of decades or just two centuries, behind which everything disappears in the fog, or shall disappear in the fog.
In church we are still in the good situation to be able to realise vivid Martin Luther, who our church considerably shaped, created our language and formed the kind to talk about faith until today.

But that the country in which we live has fathers, who, if we want looking for them, are almost even a millennium before Luther, this is nearly forgotten. It was Theoderich, who takes the idea of the empire for our ancestor in possession and gaves expression of it with until today singular buildings in Ravenna, it were the emperors Karl and Otto, which both by right have the surname „the Great“ and which deep have implanted the nature of a Christian state in our people. The cathedrals in Aachen and Magdeburg are witnesses until our days of this enormous doing.

How Joshua did we can look on the 1 ½ thousands of years lasting history of this country, we can realise the heights, which are expressed in the Gothic churches, but we also remind the deep fall into the Thirty Years' War, in which also this house suffered. Above all we have to look again and again at the sinister deeply upsetting enthusiasm at ruining, which captured and scared the past century. But this nation nevertheless roses again and again and renewed themselve. To most of us it is still in completely vivid memory, as we found after decades of deprivation and division again to the unity in freedom, how walls fell and opened completely new worlds. We were allowed to see and we participate on radical historical changes of really Biblical extents. Each year we remember at this day on it. Nevertheless a strange disillusion is grown. The sense of the events becomes no longer conscious of many. It is nearly so that freedom almost lost its value after becoming normality.

(I need a bit of fresh air, the rest will follow in a few hours, but today)