Sonntag, 30. August 2009

Darüber, Augustinus zu lesen



Wenn man leichthin über ihn schreiben wollte, könnte man sagen, er ist derjenige, der die Erbsünde erfunden hat.

„Du hast uns geschaffen auf Dich hin, und ruhelos ist unser Herz als bis es ruhet in Dir.“
Confessiones I,1

Aber warum sollte man das wollen. Er ist wie ein Berg, an dem man entlangläuft, um irgendwie ein perfektes Bild zu bekommen, aber mit jedem Schritt ändert sich das Bild, überragend bleibt es immer. Das hat etwas Einschüchterndes, aber nur solange, bis man beginnt, ihn zu lesen, dann stellt sich eine überraschende Vertrautheit ein, meistens.

„Kehre zu dir selbst zurück; im Inneren des Menschen wohnt die Wahrheit; und wenn du entdeckst, daß deine Natur wandelbar ist, gehe über dich selbst hinaus.“
De vera religione 39,72

Um das Biographische nur kurz anzudeuten (es läßt sich besser hier und hier nachlesen, dies mag auch nützlich sein):

Geboren wurde er am 13. November 354 in Thagaste (heute Souk-Ahras in Algerien) als Sohn des Patricius (ein Heide) und der Monica (eine energische Christin). 370 beginnt er in Karthago zu studieren, seine Konkubine gebiert 372 einen Sohn, Adeodatus. Durch die Lektüre des Hortensius von Cicero begeistert er sich für die Philosophie, die Bibel befriedigt ihn wenig, 373 schließt er sich den Manichäern an, 383 wendet er sich von diesen wieder ab. Ab 375 Lehrer für Rhetorik in Thagaste, zieht er 383 nach Rom und wird 384 als Rhetorikprofessor an die kaiserliche Residenz nach Mailand berufen. Im August 386 hat er ein Bekehrungserlebnis und läßt sich in der Osternacht des folgenden Jahres taufen. Nach Monicas Tod kehrt er 388 nach Thagaste zurück, wo 389 sein Sohn stirbt. 391 empfängt er die Priesterweihe und wird 396 Bischof von Hippo Regius. Am 28. August 430 stirbt Augustinus in der von den Vandalen belagerten Stadt.

„Denn obwohl es mir nicht darum zu tun war zu lernen, was er sprach, sondern nur zu hören, wie er sprach - denn nur diese eitle Sorge war nur geblieben, mir, der ich daran verzweifelte, daß den Menschen überhaupt ein Weg zu dir offenstehe -, kam doch in meine Seele zugleich mit den Worten, die ich gern hörte, noch der Inhalt, den ich geringschätzte, denn ich konnte beides nicht voneinander trennen.“
Confessiones V,14

Vom Bischof Ambrosius spricht er hier, dessen rhetorische Fähigkeiten ihn faszinierten und die ihn sich dem Christentum wieder annähern ließen. Augustinus hatte neben einem scharfen Verstand einen starken Sinn für Schönheit. Und doch schreibt er über sie:

„Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit, so alt und doch so neu, spät habe ich dich geliebt! Und siehe, du watest im Innern, und ich war draußen und suchte dich dort; und ich, mißgestaltet, verlor mich leidenschaftlich in die schönen Gestalten, welche du geschaffen. Mit mir warst du und ich war nicht mit dir. Die Außenwelt hielt mich lange von dir fern, und wenn diese nicht in dir gewesen wäre, so wäre sie überhaupt nicht gewesen. Du riefest und schriest und brachst meine Taubheit. Du schillertest, glänztest und schlugst meine Blindheit in die Flucht. Du wehtest und ich schöpfte Atem und atme zu dir auf Ich kostete dich und hungre und dürste. Du berührtest mich und ich entbrannte in deinem Frieden.“
Confessiones X,27



Für solche Sätze hat man ihm vorgeworfen, den Platonismus ins Christentum getragen zu haben. Man könnte aber auch sagen, er hat dem christlichen Denken etwas den Staub der Straße aus den Kleidern geklopft, nicht als erster übrigens, aber sicher als Erfolgreichster. Bei Augustinus hat man bei aller überragenden Größe das Gefühl mit einem Zeitgenossen zu sprechen, jemand, um es etwas hölzern zu sagen, der die gleiche psychologische Konstitution wie wir hat, die gleichen Interessen, Versuchungen, Abwege. Mit dem man sich etwa bei einer Tasse Tee über esoterische Verirrungen unterhalten könnte.

"So geriet ich denn in die Gesellschaft von Menschen voll wahnsinniger Überhebung, allzu irdisch gesinnt und geschwätzig, in deren Munde Schlingen des Teufels waren und ein Vogelleim, bereitet aus einer Mischung toter Buchstaben deines Namens und des Herrn Jesu Christi und unseres Trösters, des heiligen Geistes. Diese Namen wichen nicht von ihren Lippen; aber es war nur leerer Schall und Wortgeklingel, und ihr Herz war ohne die Wahrheit. Und doch war 'Wahrheit' und immer wieder Wahrheit ihr Losungswort und viel sprachen sie nur von ihr, aber Wahrheit war nicht in ihnen."
Confessiones III,6

Er war jemand, dessen Nähe andere suchten und der Nähe stiftete, der zur Freundschaft fähig war, ein uneitler Heiliger vermutlich. Und so war sein Glaube. Für Augustinus gehört der Glaube ins Innerste des Menschen, Glaube ist keine Unterwerfung unter ein äußeres Machtverhältnis, sondern „homo desiderium dei.“ – „Der Mensch ist die Sehnsucht nach Gott" oder „Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes", es läßt sich in beiden Richtungen übersetzen und beides ist wahr.

Darum hat er wie wohl kein anderer seit Paulus auf die Gnade Gottes verwiesen, Gnade als Caritas (Römer 5,5 „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“), und Caritas bedeutet für ihn auch Wille zur Wahrheit und zum rechten und helfenden Handeln.

Und jetzt landen wir doch noch bei der Erbsünde. Eine der heftigsten Auseinandersetzungen, und er konnte ein erbitterter Gegner sein, hatte er mit Pelagius und seinen Anhängern. Kurz gesagt, war Pelagius der Auffassung, daß der Sündenfall zwar ein Makel für die menschliche Natur sei, aber mehr als ein schlechtes Vorbild. Grundsätzlich sei die Sünde überwindbar und daher solle und könne ein Christ ein sündloses Leben anstreben.

In der „Confessio Augustana“, dem „Augsburgischen Bekenntnis“ von 1530 heißt es dazu:

"Der 2. Artikel
Von der Erbsünde

Weiter wird bei uns gelehrt, daß nach Adams Fall alle Menschen, die natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, das ist, daß sie alle von Mutterleibe an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur aus keine wahre Gottesfurcht und keinen wahren Glauben an Gott haben können:

daß auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftig Sünde sei, und alle die unter den ewigen Zorn Gottes verdamme, die nicht durch die Taufe und den heiligen Geist neu geboren werden.

Daneben werden verworfen die Pelagianer und andere, die die Erbsünde nicht für Sünde halten, damit sie die Natur fromm machen durch natürliche Kräfte, zu Schmach dem Leiden und Verdienst Christi.“


Exakt genauso hat es Augustinus gesehen:

„Sie nennen die menschliche Natur frei, um keinen Befreier suchen zu müssen. Sie erklären sie für Heil, um den Heiland als überflüssig zu bezeichnen. Sie behaupten, die menschliche Natur sei so stark, daß sie vermöge der von Anfang an bei ihrer Schöpfung empfangenen Kräfte ohne Hilfe des Schöpfers durch den freien Willen alle Begierden bändigen und austilgen und deren Versuchungen überwinden könne.“
Brief177,1

Er wirft den Pelagianern, die energisch widersprochen haben werden, damit vor, sie würden sich mit ihrer Lehre der Gnade Gottes entgegenstellen und der Hybris menschlicher Selbstermächtgung verfallen. Man könne ohne die Hilfe Gottes aber nicht zum eigentlichen Leben finden. Es ging ihm also nicht darum, das menschliche Gemüt zu knechten, sondern er wollte es schützen und ihm helfen. Also keine so abgelegene oder lange überholte Angelegenheit.

Eine der zahlreichen Legenden über Augustinus erzählt, er sei am Ufer des Meeres entlanggehend aus seinem Nachdenken durch einen kleinen Jungen aufgeschreckt worden, der mit einem Löffel Wasser aus dem Meer schöpfte und es in eine Sandgrube goß. Als er ihn fragte, was er da tue, antwortete der: "Dasselbe, was du tust! Du willst die Unergründlichkeit Gottes mit deinen Gedanken aussschöpfen - ich versuche, das Meer auszuschöpfen!" Ein wenig ist es so mit ihm selbst.

Wohl einer der Gründe, warum dieser Beitrag so lange gedauert hat und nicht schon vergangenen Freitag hier stand. Aber wenn selbst Papst Johannes Paul II. feststellt -

„Es ist schwer, sich einen Weg durch das Meer des augustinischen Denkens zu bahnen; noch schwieriger aber – wenn nicht überhaupt unmöglich – ist es, dieses Denken kurz zusammenzufassen.“

- dann ist das wohl nicht so ungewöhnlich.

Kommentare:

Pilgrim hat gesagt…

Does the beach volleyball net mean you did that post while playing ball?*g* Propz Pilgrim

MartininBroda hat gesagt…

It’s just a pic from the day as always, I could have used a pic from my Sunday cooking at the post, but that seems not really appropriate. And since one joke is worth another, you know Titus, 1, 15.

:-)

MartininBroda hat gesagt…

Reading Augustine
Translation

If someone wants to write about him airily, he could say, he is the man, who invented the original sin.

“Thou hast prompted him, that he should delight to praise thee, for thou hast made us for thyself and restless is our heart until it comes to rest in thee.”
Confessions I, 1

But why one should want that. He is like a mountain, at which one runs along, in order to get somehow a perfect picture, but with each step the picture changes, it remains always outstandingly. That has something intimidating, but just so long, until one begins to read, then he feels a surprising intimacy, mostly.

„Turn back to yourself, inside humans lives the truth, and if you discover that your nature is changeable, go beyond you. “
De vera religione 39,72

To have a brief look at his biography (you better look here http://en.wikipedia.org/wiki/Augustine_of_Hippo):

He was born on November 13th 354 in the city of Thagaste (today Souk Ahras in Algeria) as a son of Patricius (a pagan) and Monica (a devout Catholic Christian). He begins to study in 370 in Carthage; his concubine bears a son in 372, Adeodatus. The reading of “Hortensius” from Cicero inspires him for philosophy, the Bible satisfies him not that much, in 373 he became a Manichean, in 383 he broke with them. Since 375 a rhetoric teacher in Thagaste, he moves 383 to Rome and became in 384 a professor of rhetoric for the imperial court at Milan. In August of 386 he experiences an awakening and epiphany. Ambrose baptized Augustine on Easter Vigil in 387, and soon after Monica’s death in 388 he returns to Thagaste, where in 389 his son dies. In 391 he was ordained a priest and becomes in 396 bishop of Hippo Regius. On August 28th 430 Augustine dies during the siege of Hippo by the Vandals.

MartininBroda hat gesagt…

Translation - part 2

„For, although I took no trouble to learn what he said, but only to hear how he said it—for this empty concern remained foremost with me as long as I despaired of finding a clear path from man to thee--yet, along with the eloquence I prized, there also came into my mind the ideas which I ignored; for I could not separate them.“
Confessions V, 14

He speaks here about Bishop Ambrose, whose rhetorical abilities fascinated him and they caused he came nearer to Christianity again. Augustine had apart from a keen mind a strong sense of beauty. Nevertheless he writes about it:

„Belatedly I loved thee, O Beauty so ancient and so new, belatedly I loved thee. For see, thou wast within and I was without, and I sought thee out there. Unlovely, I rushed heedlessly among the lovely things thou hast made. Thou wast with me, but I was not with thee. These things kept me far from thee; even though they were not at all unless they were in thee. Thou didst call and cry aloud, and didst force open my deafness. Thou didst gleam and shine, and didst chase away my blindness. Thou didst breathe fragrant odors and I drew in my breath; and now I pant for thee. I tasted, and now I hunger and thirst. Thou didst touch me, and I burned for thy peace.“
Confessiones X, 27

For such sentences he was accused to have carried Platonism into the Christian faith. But one could also say he knocked a bit the dust of the road from the dresses of Christian thinking, not as the first by the way, but surely as the most successful one. At Augustine one has the feeling - besides all the outstanding greatness - to speak with a contemporary, someone, to say it a bit clumsy, we have the same psychological constitution with, the same interests, temptations, and wrong ways. With one it’s possible to have a nice conversation with a cup of tea about esoteric nonsense.

“Thus I fell among men, delirious in their pride, carnal and voluble, whose mouths were the snares of the devil--a trap made out of a mixture of the syllables of thy name and the names of our Lord Jesus Christ and of the Paraclete. These names were never out of their mouths, but only as sound and the clatter of tongues, for their heart was empty of truth. Still they cried, “Truth, Truth,” and were forever speaking the word to me. But the thing itself was not in them.”
Confessions III, 6

MartininBroda hat gesagt…

Translation- part 3

He was someone, whose company other were looking for and he could give company, someone who was capable for friendship, an unpretentious saint probably. And like that was his faith. For Augustine the faith does belong to the most inside of a man, faith is not subjecting under an exterior power, but „homo desiderium dei“ - „a man is the longing after God” or „man is the longing of God”, you can translate it into both directions and both are true.

Therefore he probably referred like no one since St. Paul to the grace of God, grace as caritas (Romans 5.5 „And hope maketh not ashamed; because the love of God is shed abroad in our hearts by the Holy Ghost which is given unto us“), and caritas means for him also will to the truth and for right and helping acting.

And now we’re nevertheless at the original sin again. One of the most violent arguments - and he could be an embittered opponent - he had with Pelagius and his supporters. Briefly said, Pelagius had the opinion the Fall of Man was a fault for human nature, but more as a bad model. In principle the sin is superable and from there a Christian should and can aim a life without sin.

In the “Confessio Augustana“, the “Augsburg Confession“ of 1530 (http://en.wikipedia.org/wiki/Augsburg_Confession or http://www.ctsfw.edu/etext/boc/ac) we hear:

"Article II: Of Original Sin.

Also they teach that since the fall of Adam all men begotten in the natural way are born with sin, that is, without the fear of God, without trust in God, and with concupiscence; and that this disease, or vice of origin, is truly sin, even now condemning and bringing eternal death upon those not born again through Baptism and the Holy Ghost.
They Condemn the Pelagians and others who deny that original depravity is sin, and who, to obscure the glory of Christ's merit and benefits, argue that man can be justified before God by his own strength and reason."

MartininBroda hat gesagt…

Translation - part 4

That’s exactly the way Augustine saw it:

„They say that human nature is free so that they do not seek a deliverer to set it free; they say that human nature is saved so that they judge a saviour unnecessary. For they say that it has such a great capability that, once it received its own powers in the beginning when it was created , it could by free choice, with no further help from the grace of him who created it, subdue and extinguish all desires and overcome all temptations.“
Letter 177,1

Thus he accuses the Pelagians, who have certainly resolute contradicted, with their theory of the grace of God they would oppose to them and were addicted to the hubris of human self empowerment. One cannot find without the assistance of God to true life. Thus he doesn’t want to oppress the human mind, but he wanted to protect and help it. So certainly not a for a long time outdated affair.

One of the numerous legends about Augustine told, he was wandering along on the banks of the sea and startled of his thinking because of a little boy, who scooped water with a spoon from the sea and poured it into a sand pit. When he asked him, what he was doing there, he answered: “The same that you do! You want to exploit the unfathomableness of God with your thoughts - I try to exhaust the sea!” It’s a bit like that with him.

Probably one of the reasons why this contribution lasted for such a long time and not already was to read past Friday here. But if even Pope John Paul II determines (http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/apost_letters/documents/hf_jp-ii_apl_26081986_augustinum-hipponensem_en.html) -

„It is difficult to venture forth upon the sea of Augustine's thought, and even more difficult to summarize it-this indeed is almost impossible.“

- then this is probably not that strange.