Sonntag, 28. Juni 2009

Sonntagserbauung


Rembrandt
Rückkehr des verlorenen Sohnes
hier gefunden


Herr Roloff, der hier schon des öfteren mit Gastbeiträgen vertreten war, hatte mir seine heutige Predigt übermittelt, die ich zur sonntäglichen Erbauung gern anbringen will.

Predigt 3. Sonntag nach Trinitatis 2009

Luk 15, 1-3+11b-32

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

wichtig ist bereits die Ausgangssituation, die uns in den ersten Versen geschildert wird.
Es kamen Zöllner und Sünder, um Jesus zuzuhören. Schüchtern und zunächst aus der Ferne werden sie versucht haben, seine Worte zu verstehen. Aus dem Unmut der Pharisäer und Schriftgelehrten, aus dem Unmut der Frommen jener Zeit, erfahren wir, dass Jesus die Sünder offenbar nicht nur an sich heran lässt und ihnen predigt, sondern er isst auch mit ihnen, er hat wirklich mit ihnen Gemeinschaft.

Die Geschichte vom verlorenen Sohn soll nun nichts geringeres leisten als eine Antwort darauf zu geben, warum das so ist. Warum ist Christus scheinbar lieber mit den Sündern zusammen als mit den Frommen seiner Zeit?

Wir, die Frommen der Gegenwart, haben nun ein Problem. Die Geschichte vom verlorenen Sohn ist so vielfältig interpretiert, so oft erzählt, gemalt, verfilmt worden, dass man es schwer hat durch die Fülle vorherrschender Bilder hindurchzudringen.

Darum bitte ich Sie einmal einfach alles zu vergessen, was sie jemals über diese Geschichte gehört haben. Denken sie sich in den Himmel, denken Sie sich in die Vollkommenheit des Paradieses, denken Sie sich in das Heil und das Glück einer Familie, denn hier beginnt unsere Geschichte - im Himmel. Es ist alles heil und gut, und wir begegnen nun einem Menschen, der hatte zwei Söhne. Eine größere Harmonie, als sie uns in dieser himmlischen Dreiheit entgegentritt ist kaum zu denken. Wir aber erleben gerade den Augenblick, in dem sie an ihr Ende gerät. Wir erleben den ungeheuerlichen Moment, in dem ein Mensch wie aus einem tiefen Schlaf, wie aus einem Traum erwacht. Und in diesem Erwachen kann er nicht mehr einfach bleiben in dem, in dem er doch immer war, nämlich in selbstverständlicher Gemeinschaft mit Vater und Bruder, sondern er will nun ganz ein eigenes Wesen sein, er will ganz er selbst sein. Kurz, es erwacht die Vernunft, durch die der Mensch nicht mehr im geradezu träumenden wir bleiben kann, sondern zu unterscheiden lernt zwischen dem ICH und dem DU.

In diesem Augenblick wird der andere Mensch und sei es der eigene Vater von jemandem, mit dem man ganz selbstverständlich war, zu einem der Gegenüber-Steht, an den man sich wendet, von dem man fordert.

Gib mir, Vater das Teil der Güter, das mir gehört.

Das ist nichts, was verurteilt würde, das ist schon gar nicht etwas, was wir zu verurteilen haben. Wir sollen nicht urteilen, sondern hören, denn wir erleben nichts anderes als das „Bewußt-Werden“ des Menschen. Der Mensch wird selbstbewusst.

Keinen liebenden Vater wird das jemals stören oder kränken oder gar ernsthaft verletzen. Darum wird auch nichts dergleichen berichtet. Vielmehr macht sich der Vater auf die Bitte des Sohnes hin sofort ans Werk „und teilt ihnen das Gut“. Wichtig ist es zu hören, dass er nicht nur dem Sohn, der darum gebeten hat, seinen Anteil zumisst, sondern wahrhaft jedem das Seine, so als wäre er selbst vor seiner Zeit gestorben.

Er tut dies offenbar ganz gelassen und sorgfältig und zwar schlicht darum, weil doch alles andere bedeutet hätte, dass er entweder das Gut oder sich selbst wichtiger nähme und mehr lieben würde als seine Söhne.

Nun geht der jüngere Sohn fort. Mit ganz wenigen Worten wird nun der weitere Verlauf geschildert: Er zog ferne über Land; und brachte daselbst sein Gut um mit Prassen.

Was hier geschildert wird und demonstrativ jedes Interesse daran vermissen lässt, wohin der Junge gegangen ist und was genau er nun wirklich angestellt hat, ist im Kern eine eigene Sicht auf den Sündenfall.

Der Mensch wird sich seiner selbst bewusst, verlässt die Gemeinschaft, in der er bislang alles hatte, ohne es ermessen und würdigen zu können und muss scheitern, weil er plötzlich ohne Maßstab ist. Das Seine verzehrt sich, eine Teuerung kommt hinzu, und Not stellt sich ein.

Die Worte werden immer sparsamer gesetzt, aber die Entwicklung, die sie beschreiben ist rasant: Er hängt sich an einen Menschen, der ihn zum Schweinehüten schickte. Eine niedrigere Arbeit ist nicht mehr zu denken.

Er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit Trebern, die die Säue aßen.

Der, dessen Begehren ursprünglich auf das Gut des Vaters gerichtet war, den hat sein Begehren nun dahin geführt, den Schweinen ihr Futter zu neiden. Das ist der Weg, auf den man gerät, wenn das Begehren die einzige Stimme ist, die Gehör findet.

Zum Glück aber ist es nicht die einzige Stimme, denn nun schlug er in sich und erinnert sich seines Vaters. Zunächst auch noch nur des Hungers wegen, aber wenigstens dämmert es ihm, das nicht das Gut, sondern der Vater die entscheidende Lebensgrundlage war und ist. Er erkennt, wovon er wirklich die ganze Zeit gelebt hat.

Liebe Gemeinde,

nun kommt der erste dramatische Punkt in unserer Geschichte. Der Sohn beschließt seine Umkehr zum Vater und er selbst ist der erste und auch der einzige, der von Sünde redet: Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir!!!

Die Erkenntnis der Sünde ist nichts, was andere vollbringen, die Sünde ist nichts, worauf im öffentlichen Prozess mit ausgestrecktem Arm gezeigt wird, die Erkenntnis der Sünde ist unverzichtbarer Teil des Erwachens menschlichen Bewusstseins und sie allein ermöglicht wirkliche Umkehr, tatsächlichen Neuanfang. Das kann kein Mensch dem anderen abnehmen.

Der Kern der Sünde nämlich ist die Selbstzerstörung, die ihre eigentliche Ursache darin hat, dass sich der Mensch aus Selbstüberschätzung von den Grundlagen seines Lebens abwendet, sich von den Quellen des Lebens abschneidet, sie verachtet und vergisst.

Diesen Irrtum hat der jüngere Sohn überwunden. Er kehrt verarmt, elend und hungrig aber in reich machender Sehnsucht nach seinem Vater zurück. Falsches Begehren hat ihn ruiniert, die Sehnsucht zum Vater erneuert ihn.

Und der Vater nimmt ihn in Liebe auf.

Das ist der zweite dramatische Punkt: Der Vater erklärt, was wirklich geschehen ist - der Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.

Wer sich von den Grundlagen des Lebens abschneidet, der tötet sich, und auch wenn er noch eine Weile rumläuft und prasst und wichtig tut und im Lärm gespielter Freude seine Bedeutsamkeit herauszustellen versucht - er ist verloren, er ist tot.

Nun aber kommt noch der älteste Sohn. Er kann sich an all dem nicht freuen. Fast könnte man meinen, er würde dem Bruder die Jahre in verschwenderischer Freiheit neiden, denn offensichtlich hat er sich lebhaft Gedanken gemacht über das, was der Bruder getrieben haben könnte mit dem Geld und mit den Dirnen. Das allein ist schon unschön genug, der entscheidende Gesichtspunkt aber kommt zum Ausdruck in dem Satz: So viele Jahre diene ich dir!

Der ältere Sohn meint treu und gehorsam für den Vater zu leben, denn auch er hat noch nicht erfahren, dass er vom Vater lebt. Er ist in derselben Sünde wie sein Bruder gefangen, und die Sünde des Neides und der Missgunst kommen noch hinzu.

Der Vater verurteilt ihn nicht, er bittet ihn nur darum, Freude in seinem Herzen zu finden und sich im Bruder selbst zu erkennen.

Der einzige Weg aus der Sünde wird in der Hinwendung zum Vater gefunden.

Liebe Gemeinde,

im Kern erzählt uns Jesus hier die Geschichte des Sündenfalls und der Menschwerdung neu. Nicht nur aus seiner Perspektive, sondern tatsächlich wird durch IHN, durch Christus, aus dem strafenden, aus dem Paradies vertreibenden Gott, der liebende Vater, der sich seiner verlorenen Söhne erbarmt. Vor allem aber wird gezeigt, dass auch verloren gehen kann, wer im Paradies, beim Vater, geblieben ist.
Darum ist es so wichtig, was wir am Anfang hörten: Jesus nimmt die Sünder an und isset mit ihnen!

Das, was seitens der Pharisäer und Schriftgelehrten als Vorwurf gemeint ist, wurde uns zum Heilswort, weil wir unser eigenes Sündersein erkannt haben. Der Vorzug der Frommen, unser eigener Vorzug, liegt, wenn es ihn überhaupt gibt, nur darin, dass wir unser Sündersein, unsere Gottesferne kennen und in jedem Gottesdienst bekennen durch die Bitte: Vergib uns unsere Schuld!

Liebe Gemeinde,

wir hören also nicht nur eine Geschichte, wir hören vom Wesen des Menschen und vom Wesen Gottes, und wir erkennen, dass Gott uns in Christus in unsere Verlassenheit nachgeht. So wie der Vater in der Geschichte dem heimkehrenden Sohn entgegenläuft, so kommt uns Christus in die Welt, und wir dürfen schon hier um ihn herum lagern, mit ihm essen und ihn hören.
Vor ihm dürfen wir bekennen: Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir;
Und wir werden hören: Sei fröhlich, denn du warst tot und bist wieder lebendig geworden, du warst verloren und bist wiedergefunden.

Amen

Abkündigungen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Kommentare:

MartininBroda hat gesagt…

Sunday edification
translation (in very fractured English) part 1

Mr. Roloff, who was represented with guest contributions here already quite often, had conveyed his current lecture, which I want gladly present as Sunday edification.

Lecture, 3rd Sunday after Trinitatis 2009
Luk 15, 1-3+11b-32

Grace to you, and peace, from God our Father and the Lord Jesus Christ.

Dear congregation,

Already important is the first scene, which is described for us in the initial verses.

Publicans and sinners came, in order to listen to Jesus. Shyly and first from the distance they may have tried to understand his words. The displeasure of the Pharisees and lawyers, the displeasure of the pious of that time tells us, that Jesus obviously does not only let the sinners come near to him and preaches to them, he eats also with them, he has really community with them.

The story of the lost son shall now give nothing less than an answer, why it is like that. Why is Christ apparently rather together with sinners than with the pious ones of his time?

We, the pious ones of the present have now a problem. The story of the lost son was so various interpreted, so often filmed, told, painted, that it’s hard to look through the abundance of predominating pictures.

Therefore please forget once simply everything you have ever heard about this story. Imagine you are in heaven, think yourself into the perfection of the paradise, imagine yourself into the welfare and happiness of a family, because our story begins here - in heaven. It is all safe and good, and now we meet a man with two sons. A greater harmony is hardly to be thought than this heavenly trinity that appears to us. But we experience the moment, in which it comes to its end. We experience the overwhelming moment, in which a man awakes as from a deep sleep, as from a dream. And in this awaking he cannot remain any longer simply in that, in which he always was, i.e. in natural community with father and brother, now he wants to be completely his own person, he wants to be himself. Briefly, reason awakes, wherefore a man cannot remain any more in an almost dreaming we, but learns to differentiate between I and YOU.

In this instant moment the other becomes a counterpart, and may it be the own father of someone, with which one was completely natural together, one to address about something or demand something.

Give me father the portion of goods that belongs to me.

That is not anything that was condemned, at least we have to condemn. We are not to judge but to hear, because we experience nothing else as the awakening of the consciousness of man. Man becomes self-confident.

That will never disturb a loving father or insult or seriously injure him. Therefore also nothing is reported as such a thing. Rather the father goes immediately to the work on the request of the son „and divides them the property “. Importantly it is to be heard that he gives not only the son, who asked for it, his share, but truthfully each to his own, so as if he would have died before his time.

He does this obviously completely gentle and carefully, simply because everything else would have meant that he sees himself or the property more importantly and would love it more than his sons.

Now the younger son goes away. With completely few words the further process is described: He took his journey into a far country, and there wasted his substance with riotous living.

What is described here and demonstratively lets miss each interest in it, where the boy went and what he really has done, is at the core a own view on the Fall of Man.

Man gets conscious of him, leaves the community, in which he had everything, without to be able to appreciate it and must fail, because he is sudden without yardstick. His property consumes itself, a price increase is added, and emergency comes to him.

MartininBroda hat gesagt…

part 2

The words become fewer, but the development they describe is rapid: He joined himself to a citizen of that country; and he sent him into his fields to feed swine. A lower work is not to be thought no more.

And he would fain have filled his belly with the husks that the swine did eat.

He, whose desiring was directed originally on the property of the father, was led from the desiring now to grudge the pigs their fodder. That is the way, on which one comes, if desiring is the only voice, which finds hearing.

Fortunately however it is not the only voice, because now he is engage in serious soul-searching and remembers his father. First only because of the hunger, but at least it dawns him, not the property, but the father was the crucial base of his life. He recognizes, what gives him live the whole time.

Beloved congregation,

Now the first dramatic point comes in our story. The son decides his reversal to the father and he is the first and also the only one, who talks about sin: I have sinned against heaven, and before thee!!!

The realization of sin is not anything that others achieve, the sin is nothing, on which in the public process one shows with stretched arm, the realization of the sin is an indispensable part of the awaking of human consciousness and it alone makes possible real reversal, an actual new beginning. That cannot make a man for another man.

The core of the sin is self destruction, which has its actual cause therein, that humans from self over-estimation turn away from the bases of their life, cuts themselves off from the sources of life, despised them and forgets them.

The younger son overcame this mistake. He comes back impoverished, miserably and hungry but in richly making longing after his father. Wrong desiring has ruined him; the longing to the father renews him.

And the father accepts him with love.

MartininBroda hat gesagt…

part 3

That is the second dramatic point: The father explains, what actual happened, the son was really dead and is alive again

Who cuts himself off from the bases of life, kills himself, and even if he is still running around and splurge and plays to be important with noise of hollow joy - he is lost actually, he is dead.

But now the oldest son arrives. He cannot be pleased at all. Nearly one could mean he becomes envious to his brother’s years of exiting freedom, because obviously he has made a lot of thoughts about his brother’s live with all the money and wantons. That’s already unpleasantly, but the crucial criterion comes to expression with the sentence: These many years do I serve thee.

The older son means to live faithfully and obediently for the father, because he also did not experience yet that he lives of the father. He is imprisoned in the same sin as his brother, and the sin of the envy and the disfavour are still added.

The father does not condemn him, he only asks him to finding joy in his heart and recognize himself in his brother.

The only way from the sin is found in the turn to the father.

Dear congregation,

In the core Jesus tells us here the history of the Fall of Man and his creating again. Not only from his view but actual by HIM, by Christ, the punishing God who drives out from the paradise becomes the loving father, who pities his lost sons. Above all it is shown that also one can get lost who remains in paradise, with the father.

Therefore it is so important, which we heard at the beginning: Jesus accepts the sinners and eats with them!

What from the Pharisees and lawyers was meant as a reproach, became to us a word of salvation, because we recognized our own sinner being. The advantage of the pious, our own advantage, if there is one at all, lies only in the fact that we know our sinfulness and our God distance and in each service admit it by the request: Forgive us our debts!

Beloved congregation,

We do not thus only hear a story, we hear about the nature of Man and about the nature of God, and we recognize that God follows us in Christ into our lonesomeness. As the father in the story runs toward the returning son, Christ comes to us into the world, and we may live with him, eat with him and hear him.

Before him we may admit: I have sinned against heaven, and before thee.

And we will hear: Be merry, for you were dead and became alive again, you were lost and are found now.

Amen

Announcements

And the peace of God, which passeth all understanding, shall keep our hearts and minds through Christ Jesus.

Amen.

gomad.ch hat gesagt…

Danke Martin. Ich habe mir das als Bettmümpfeli gegönnt (um einen alemannischen Begriff zu benutzen) und es war beruhigend zu erfahren, dass es doch noch Hoffnung für mich gibt. Ich hoffe, Herr Roloff versorgt dich weiterhin mit seinen Beiträgen.

MartininBroda hat gesagt…

Tja, ich hab ihm schon gesagt, daß es dann wohl mindestens 2 Leuten gefallen hat (mich eingeschlossen), nur das mit der Übersetzung war eine nicht so kluge Idee, er und ich kennen uns schon ziemlich lange, und da er Pastor im Nebenamt ist (sein Tagesgeschäft ist die Kultusbürokratie), präsentiere ich ab und zu eine seiner Predigten, damit sie nicht nur an seine Dörfler "verschwendet" sind. :-)