Dienstag, 1. April 2014

Über Bismarck an seinem 199. Geburtstag

Einweihung des Bismarck-Denkmals in Schwerin, 1901

Daß eine der hier quasi adoptierten Katzen zielsicher den Weg von der Terrasse durch die eher verwinkelte Wohnung zu diesem Zimmer fand, um dezent darauf hinzuweisen, sie sei ziemlich hungrig, ist schon rührend, irgendwie. Nur um anzuzeigen, ich grüble durchaus ein wenig, was ich heute schreiben müßte, und habe darüber offenkundig sogar die Katzen vergessen. Da dies ist ein privater Ort ist, darf ich das, glaube ich, erwähnen.

Sich an den Fürsten Bismarck zu erinnern, ist noch immer auch ein Nachdenken über den Zustand unseres, nun ja Vaterlands. Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, der genau heute vor 199 Jahren in Schönhausen (Altmark) geboren wurde, war vor allem (nach den Demütigungen des beginnenden 19. Jahrhunderts) bedeutsam als der erste Reichskanzler des Deutschen Reiches, also Deutschlands in der Wiedervereinigung jenes Jahrhunderts, die er entscheidend mit herbeigeführt hat.

Es gibt heutzutage gewisse Wieselworte wie etwa „kritische Auseinandersetzung“, hinter denen man sich nur allzuoft versteckt, um tatsächlich bestimmte Gestalten oder geschichtliche Ideen zu „dekonstruieren“, wie etwa (vollständig unhistorisch) derzeit vorherrschende Maßstäbe an Personen der Vergangenheit anzulegen, an denen sie dann selbstredend scheitern müssen (im Grunde läuft das z.B. dann darauf hinaus, einem Bismarck vorzuwerfen, nicht auf dem Boden des Grundgesetzes gestanden zu haben, nun ja; das meint nicht, man sei verpflichtet, Bismarck uneingeschränkt zu belobhudeln, aber man lese sich einmal durch die Geschichtsschreibung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und wird da einen Pluralismus der Anschauungsweisen vorfinden, den man im Konformitätsbrei von heute doch sehr wird suchen müssen (da geben sich nämlich alle gegenseitig recht bzw., wenn man sich streitet, geht es allenfalls darum, wer die vorherrschende Tendenz zum Nutzen der eigenen Eitelkeit reiner auszudrücken vermag (und auf welchem Niveau!)). Da haben die Kommunisten anno 1948 wenigstens brutal offen agiert. Denn das obige Denkmal gibt es nicht mehr.

Der Mecklenburger Bildhauer Wilhelm Wandschneider hatte es erschaffen (in diesem aufschlußreichen Artikel kann man Näheres nachlesen), am 1. April 1901 wurde es feierlich auf dem Markt eingeweiht. 1948 machte die SED einen ersten Anlauf, das Bismarck-Denkmal zu entsorgen, der aber erstaunlicherweise noch am Widerstand der anderen Stadtverordneten scheiterte; später wurde es aber doch verschrottet. Nach 1954, so weiß man immerhin, wurde auch der Sockel entfernt und zur Herstellung von Grabsteinen verwendet.

Vergleichbares widerfuhr übrigens auch Bismarcks Geburtsort in Schönhausen. Am 2. August 1958 meinte man, das verhaßte Symbol des preußischen Militarismus sprengen zu müssen; nur ein Seitenflügel blieb vom Haus erhalten.

Bismarcks Geburtsort, Schloß Schönhausen I

Um kurz eine persönliche Note anzubringen - sagen wir einfach, ich habe mir den Respekt für Bismarck eher antrainieren müssen, aber mitunter entsteht so etwas eben bei näherer Betrachtung einer Person (und wächst dann sogar darüber hinaus). Beeindruckt hat mich immer seine innere Souveränität, ach bringen wir einfach ein paar Zitate (sie tauchen hier nicht zum ersten Mal auf, wenn man diesem Link folgen will, findet man so ziemlich alles, was zum Umfeld Bismarcks oder über ihn direkt an diesem Ort bisher angemerkt wurde).

„Doch blieb mein deutsches Nationalgefühl so stark, daß ich im Anfang der Universitätszeit zunächst zur Burschenschaft in Beziehung geriet, welche die Pflege des nationalen Gefühls als ihren Zweck bezeichnete. Aber bei persönlicher Bekanntschaft mit ihren Mitgliedern mißfielen mir ihre Weigerung, Satisfaction zu geben, und ihr Mangel an äußerlicher Erziehung und an Formen der guten Gesellschaft, bei näherer Bekanntschaft auch die Extravaganz ihrer politischen Auffassungen, die auf einem Mangel an Bildung und an Kenntnis der vorhandnen, historisch gewordnen Lebensverhältnisse beruhte, von denen ich bei meinen siebzehn Jahren mehr zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte als die meisten jener durchschnittlich ältern Studenten. Ich hatte den Eindruck einer Verbindung von Utopie und Mangel an Erziehung. Gleichwohl bewahrte ich innerlich meine nationalen Empfindungen und den Glauben, daß die Entwicklung der nächsten Zukunft uns zur deutschen Einheit führen werde...“

„Wenn es keine Sozialdemokratie gäbe, und wenn nicht die Menge Leute sich vor ihr fürchteten, würden die mäßigen Fortschritte, die wir überhaupt in der Sozialreform bisher gemacht haben, auch nicht existieren (sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), und insofern ist die Furcht vor der Sozialdemokratie in bezug auf denjenigen, der sonst kein Herz für seine armen Mitbürger hat, ein ganz nützliches Element (Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Ja sehen Sie, in etwas sind wir doch einverstanden."

"Die Politik ist eben an sich keine logische und keine exakte Wissenschaft, sondern sie ist die Fähigkeit, in jedem wechselnden Moment der Situation das am wenigsten Schädliche oder das Zweckmäßigste zu wählen.“

„20 Redner schelten einander mit der größten Heftigkeit, als ob jeder den andern umbringen wollte; sie sind über die Motive nicht einig, aus denen sie übereinstimmen, darum der Zank; echt deutsch leider.“

„Ich habe die Kaiserin Augusta in dem letzten Jahrzehnt ihres Lebens nie so schön gesehn wie in diesem Augenblicke; ihre Haltung richtete sich auf, ihr Auge belebte sich zu einem Feuer, wie ich es weder vorher noch nachher erlebt habe. Sie brach ab, ließ mich stehn und hat, wie ich von einem befreundeten Hofmanne erfuhr, gesagt: 'Unser allergnädigster Reichskanzler ist heut sehr ungnädig.'“

„Das preußische Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes zu bilden, noch nicht reif, als ein toter Maschinenteil dem Mechanismus des parlamentarischen Regiments eingefügt zu werden.“

Von Kaiser Wilhelm I., einem der Söhne unserer verehrten Königin Luise, wird das Bonmot überliefert, es sei nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein. Nun er hat es immerhin wacker versucht und ist dabei, auch dank der Dignität seines Charakters, erheblich über sich und seine ererbten Prägungen hinausgewachsen (ich spreche vom Kaiser).

Eben das ist das Merkwürdige an Bismarck, er selbst ist aus seinen Voraussetzungen heraus überhaupt nicht erklärbar, sein Ego ist mitunter nur mit Geduld zu ertragen, aber er ruft Perspektiven auf, verbunden mit einer Weltklugheit, die immer noch Staunen machen - wenn man die Charakterprüfung bestanden hat. Denn in der Tat ist seine Person eine Art Scheidewasser, bis heute, und um abschließend eine überraschende Volte zu bringen: Der Kommunist Ernst Engelberg hat sie mit seiner Bismarck – Biographie bestanden, andere eher nicht.

Und um am Ende erneut auf die Schweriner Geschichte zurückzukommen. Der oben erwähnte Artikel zitiert dazu erfreulicherweise einen erstaunlichen Kommentar der „Norddeutschen Zeitung“ vom 2. November 1948, den wir seinerseits unkommentiert wiedergeben wollen:

„Der bei der letzten Stadtverordnetensitzung gestellte Antrag der SED, die Bismarck-Straße in "Straße der Einheit" und den Bismarck-Platz in "Platz der Republik" umzubenennen, wurde am Sonnabend auf der erneut einberufenen Stadtverordnetenversammlung durch geheime Wahl mit 26 gegen 24 Stimmen abgelehnt... Mit der Ablehnung des SED-Antrages haben die Abgeordneten der LDP- und CDU-Fraktion einmal klar und eindeutig zum Ausdruck gebracht, daß es nicht gut ist, wenn ein Volk gewissermaßen seine ganze Tradition mit Knüppeln totschlagen will. Man mag zu Bismarck stehen wie man will, niemals kann abgeleugnet werden, daß er eine der markantesten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte war. Man sollte sich in dieser Beziehung an anderen Nationen ein Beispiel nehmen; nirgends in der Welt findet man soviel Würdelosigkeit der Vergangenheit seines Volkes gegenüber, wie gerade bei den Deutschen. Es wäre besser, aus der Geschichte seines Volkes Lehren zu ziehen, anstatt sie mit Gewalt aus dem Gedächtnis der Zeitgenossen streichen zu wollen. Man erweist seinem Volke keinen guten Dienst damit, daß man seine Geschichte einfach negiert...“

beendet am 2. April

1 Kommentar:

Brettenbacher hat gesagt…

Das labt !