Donnerstag, 26. Dezember 2019

Peter Schreier†

Altes Bachdenkmal (Leipzig), hier gefunden

Ein großes Sänger - Leben ist still in die Ewigkeit eingegangen.

Peter Schreier wurde am 29. Juli 1935 geboren. Seit 1943 bereitete er sich auf den Eintritt in den Dresdner Kreuzchor vor, der im Juli 1945 erfolgte. Rudolf Mauersberger erkannte dort den Charakter seines musikalischen Talents, das sich bereits in dieser Aufnahme von ca. 1947 zeigt: Eine geradezu rhetorische Stimmführung und Wachheit sowie ein Modulationsreichtum, der zugleich intensiv und genau zu sein vermag.


Peter Schreier (~1947): "Ich halte treulich still." BWV 466

Ich halte treulich still,
und liebe meinen Gott,
ob mich schon öftermals
drückt Kummer, Angst und Not.
Ich bin mit Gott vergnügt
und halt geduldig aus,
Gott ist mein Schutz und Schirm
um mich und um mein Haus.

Drum dank ich meinem Gott
und halte treulich still,
es gehe in der Welt,
wie es mein Gott nur will.
Ich lege kindlich mich
in seine Vaterhand
und bin mit ihm vergnügt
in meinem Amt und Stand.

Im Osten Deutschlands wuchs er bald vor allem als Bachinterpret in die Rolle einer musikalischen Institution hinein. Wer dort an Bach denkt, gerade mit seinen Kindheitserinnerungen, kommt schnell bei Schreier an. Daß die Partie des Evangelisten in dessen Passionen fast nicht mehr anders als durch ihn interpretierbar erschien, ist vielleicht aus diesem Zusammenfinden von Schreiers musikalischem Charakter und Bachs Ewigkeitsgeneigtheit erklärbar.

Schreiers Evangelist, der einen beträchtlichen Teil seines Ruhms ausmacht, ist bis heute unerreicht in seiner wie überindividuell abgelösten rein menschlichen Expression.

Nach dem Ausscheiden aus dem Kreuzchor studierte er an der Dresdner Musikhochschule, 1959 hatte er sein Operndebüt. Zu Bach trat mit großem Erfolg die Interpretation von Mozart-Partien, danach kam sogar Wagner dazu (1966 in Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen). Internationale Engagements folgten, etwa bei der Mailänder Scala oder der New Yorker Metropolitan Opera.

Später erarbeitet er sich als Sänger das Lied, wenn er auch kaum als der typische lyrische Tenor gelten kann. Man mag seiner Stimme eine technisch brillante Glätte vorwerfen, aber das ginge in die Irre. In dieser Aufnahme der "Mondnacht" von Robert Schumann wird vielleicht deutlich, warum.

Seine Stimme ist nicht kalt, aber auch nie auch nur von der Versuchung zur Sentimentalität gestreift, sie ist nicht perfekt im Sinne der schönsten aller denkbaren Tenor-Stimmen, sondern schön durch Genauigkeit und geistige Wachheit, mit der die Intensität eines Textes zum Leben erweckt wird. Diese Stimme verkörpert und vermittelt die Souveränität eines zutiefst integren und authentischen Charakters.


Mondnacht/Moonlit Night - Eichendorff, Schumann, P. Schreier

Joseph Freiherr von Eichendorff

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Moonlit Night

It was like Heaven's glimmer
caressing Terra's skin,
that in Her blossoms' shimmer
She had to dream of Him.

The breeze was gently walking
through wheatfields near and far;
the woods were softly talking
so bright shone ev'ry star.

And, oh, my soul extended
its wings through skies to roam:
O'er quiet lands suspended,
my soul was flying home.

Translation by Walter A. Aue

Ich wollte gern bei dieser Gelegenheit noch einmal eine der Übersetzungen des Prof. Aue anbringen, die hier zum ersten Mal erschien.

Zurück zu Peter Schreier. Im Juni 2000 hatte er seinen letzten Auftritt auf der Opernbühne als Tamino in der Zauberflöte, und auch hier ist die Begründung für sein Ende als Darsteller bezeichnend – Authentizität! Es sei nicht mehr glaubhaft, wenn er noch etwa als junger Prinz aufträte. Als Sänger trat Peter Schreier letztmals öffentlich am 22. Dezember 2005 in Prag auf, und er endete mit Bach.

Früh war er auch als Dirigent tätig, bei den Berliner Philharmonikern bis hin zum Los Angeles Philharmonic Orchestra. Nach seinem Ende als aktiver Sänger wirkte er noch für einige Zeit als Gesangslehrer, doch die letzten Jahre wurden von Krankheit überschattet.

Am 25. Dezember 2019 starb Peter Schreier im Alter von 84 Jahren in Dresden.

Sein Rolle als Evangelist ist nahezu ikonisch geworden. Die nachfolgenden 4 Stücke sind vom Ende der Matthäuspassion, es ist die Aufnahme Karl Richters mit dem Münchener Bach Orchester von 1971:


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 19/22

Nach Julia Hamari (Alt) beginnt ab 5.40 Min. Peter Schreier als Evangelist. Es ist aus dem Sterbekapitel des Evangeliums, beendet vom Chor mit:

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir,
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt du denn herfür!
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein!


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 20/22

Schreier eröffnet als Evangelist. Doch wenn man sonst nichts hören mag, den Chor von 1.20 bis 2. 15 Min über Matth. 27.54. („Aber der Hauptmann und die bei ihm waren und bewahrten Jesus, da sie sahen das Erdbeben und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen!“) - den muß man gehört haben.


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 21/22


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 22/22

Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!
Ruht, ihr ausgesognen Glieder!
Euer Grab und Leichenstein
Soll dem ängstlichen Gewissen
Ein bequemes Ruhekissen
Und der Seelen Ruhstatt sein.
Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein.

Und mit diesem Schlußchor, in dem das Grab Christi zum Flucht- und Ruheort der menschlichen Seele wird, wollen wir enden.

Von J. S. Bach ist dieser Eintrag in seine Bibel überliefert: „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart.“ Dieser Satz kann auch so gelesen werden, daß Musik über die Macht verfügt, ihn gegenwärtig zu machen, als Zwiegespräch zwischen Gott und der menschlichen Seele.

Peter Schreier aus Sachsen, Du getreuer Diener des Evangeliums und der göttlichen Musik:

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen, und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.

Kommentare:

naturgesetz hat gesagt…

Thanks for posting this. Peter Schreier was the outstanding Bach Evangelist. It's amazing to hear how good he was as a boy alto. May he rest in peace.

MartininBroda hat gesagt…

Ja, ich muß gestehen, daß ich von der Nachricht überraschend überwältigt war, doch ich fürchte, das merkt man. Ich erinnerte mich sehr dunkel, daß ich einmal etwas eher Flapsiges über Schreier geschrieben hatte, und siehe da, hier war es. Es ist allerdings auch schon über 9 Jahre her
https://martininbroda.blogspot.com/2010/07/uber-den-seelenfrieden.html

Immerhin zeichnet sich bereits ein einsetzender Nachdenkprozeß ab. Bei dieser Gelegenheit stieß ich auf einen Kommentar, den ich gern zitieren möchte:

" … wenn ein Dialekt für das Erhabene denkbar ungeeignet ist, dieser gehört unzweifelhaft dazu." LOL

I must say, if you hadn't alerted me, I would not have noticed anything unusual in Schreier's "Es Ist Vollbracht." The only thing I could detect that sounded unusual to these untutored ears was in "Der Held aus Juda siegt mit Macht, und schließt den Kampf." There the a's seemed to tend toward ä's. I suppose there is more that is noticeable to a non-Saxon, just as a northern American can detect southern regionalisms which would sound normal to a foreigner.

For many years WGBH had a morning host named Robert J. Lurtsema, who played a Bach Cantata everySunday morning. (He played them numerically following the Schmieder catalogue, not liturgically, so that all would get equal time, and he included the secular cantatas.) Often, he used performances in which Peter Schrier was the tenor, and I can still hear him singing, "Ergieße dich reichlich, du göttliche Quelle." The St. Matthew Passion from which you have given excerpts was broadcast on television a number of years ago. It was my first experience of the whole work, I think, and it was astounding (in a good way).

I understand what you mean about Schreier's voice seeming too cold, but he is still my image of the Bach tenor because of the long-standing familiarity."

naturgesetz hat gesagt…

I've listened several more times to "Ich halte treilich still, because Peter Schreier's alto voice is so rich, full, and warm. It's a joy to hear.