Montag, 31. Dezember 2018

Rilke, an einem Silvester-Abend

Rainer Maria Rilke, 1904
im Studio al Ponte im Garten der Villa Strohl-Fern in Rom 

Wo die Zeit, die einstmals so fest gegründet schien, zu verschwimmen beginnt, und ich eben aus dem Zeitendämmer auftauche (nur zur Erinnerung, es ist gerade Silvester, wieder einmal!). Rainer Maria Rilke starb an einem 29. Dezember, nämlich 1926. Mir ist das eben zufällig bewußt geworden, wo ich einen Text, mit dem ich mehr als unzufrieden war, noch einmal las. Er ist also in die Zeitlosigkeit eingetreten.

Wenn ihn 1918 nicht entsetzt hätte, wäre er ein Trumm gewesen. Der sehr überlebensfördernde Herr Klonovsky schreibt öfters, seinerseits Frank-Lothar Kroll zitierend: „Seit 1918 ist doch eh alles egal.“ Ja, das ist wahr, aber sollten wir in dieser Einsicht nur versinken wollen?

Das Erinnern der Ereignisse von vor 100 Jahren ist so niederschmetternd, daß einen natürlicherweise ein Widerwille ankommt, überhaupt etwas darüber zu schreiben… Ich sortiere nur eben das ablaufende Jahr.

Das Zitat von Herrn Rilke, das nachfolgt, ist kein verifiziertes, ich hatte es einem Freund - er wird diese Be-Zeichnung ertragen müssen, wie ich auch - einmal einfach hinübergeschickt. Also sei es so:

 "Den Antrieb begreif ich wohl, wer hätte ihn nicht, wer wünschte nicht das Gut-machen, das Anders-machen, den unmittelbarsten und gemeinsamsten Entschluß zur Menschlichkeit? Nun ist er ja aber nicht  gefaßt worden, weder in Rußland noch anderswo, und er konnte ja wohl auch nicht gefaßt werden, weil kein Gott dahinter steht, der ihn hervortriebe. Was sich mit dem Vorwand dieser neuen Brüderlichkeit ausstattet,  ist eigentlich immer noch der Krieg, das zerstörerische, losgelassene und noch lang nicht beruhigte Element." Diese sinnleere Verzweiflung schreie den Slogan der Brüderlichkeit heraus und widerspreche ihm in jedem Moment, denn es sei das Nachwirken des Krieges, die Rache für mißbrauchte und verheerende Macht, die in bloßen Umsturz münde, "als ob ein aus den Schienen springender Zug ein Bild der Freiheit wäre".

Es sei so verständlich, daß die Menschen ungeduldig geworden seien, aber was wäre nötiger als Geduld; Wunden brauchten Zeit und würden nicht davon heilen, daß man Fahnen in sie einpflanzte: "Irgendwie anders muß die Welt 'ein haltbares Bewußtsein' eingehen, und vielleicht wird das Erste, woran sie sich wiederfindet; ein ganz Unscheinbares, jedenfalls ein Unsägliches sein! Mir scheint das Mindeste Aufbauen, das jeder Einzelne an seiner Stelle versucht, der einfach wieder hobelnde Tischler, der wieder hämmernde Schmied, der wieder rechnende und bedenkende Kaufmann: das sind die Fortschreitenden, das sind die reinen Revolutionäre, je mehr, je stiller und tätiger und werkliebender sie sind, jeder an seinem Platze, sich bemühen."  

Rilke an Anni Mewes, 12. 9. 1919, gegen Heinrich Vogeler

Freitag, 28. Dezember 2018

"Taft zum Kragen", eine Geschichte aus Livland nacherzählt III

Hauptgebäude der Universität Tartu zur Weihnachtszeit

Unsere kleine Geschichte, oder sollten wir sagen, unser Weihnachtsmärchen, geht dem Höhepunkt und der Auflösung entgegen. Womit nicht angedeutet werden sollte, daß Märchen etwa unwahr wären, sie zeigen auf, was alles möglich ist.

Um kurz zusammenzufassen, was bisher geschehen ist. Hier begannen wir zu erfahren, wie eine Geschichte im alten Dorpat sich ereignete, in der es äußerlich um den Kauf von Taft für ein Weihnachtskleid ging, genauer dessen Kragen. Die junge Frau eines Pastors muß dann im Fortgang erfahren, wie dieser wegen solcher „weltlichen“ Allüren über sie zu Gericht sitzt. Und wir fahren fort.

Louis Höflinger: Universität Dorpat 1860

3. Akt, erster Teil – ein tränenreicher Kirchgang und das Auftauchen von Herrn Freud während des Gottesdienstes

„Die junge Pastorin hätte sich während des ganzen Weges zur Kirche mit einem feuchten Schwamm übers Gesicht wischen müssen, und auch das hätte kaum etwas geholfen. Auch der eng anliegende Schleier half nichts. Die Tränen quollen unaufhaltsam aus den Augen, sie konnte nichts daran ändern.

'Hör doch auf, die Sache ist das doch gar nicht wert!' flüsterte ihr Mann, als ihnen auf dem Domberg der Professor der Chirurgie mit seinen sechs vorlauten Töchtern entgegenkam.

Ja, daß der Taft diese Tränenströme und diese Erschütterung nicht wer war, wußte die junge Frau auch, und sie hatte bereits auf ihn verzichtet. Etwas völlig anderes preßte die Tränen aus ihrem Herzen. Nur langsam dämmerte es in ihr auf, was das war. Ein Götterbild war in ihr zusammengestürzt. Nicht das Bild Gottes! Das stand unantastbar in ihrer Seele, über jeden Zweifel und über jede Frage des dummen Verstandes erhaben, wie immer in den Seelen der von Natur aus Gläubigen.

Daneben hatte sie sich aber ein zweites Götterbild aufgerichtet, und das rächte sich nun. Der schöne, dunkle Gott war an diesem Vormittag plötzlich in Scherben zerfallen. Es hatte sich gezeigt, daß er doch schließlich nichts anderes war als ein Mensch wie alle anderen. Ja, ein sehr von sich überzeugter, - fast muß man schon sagen, ein eitler Mensch, durch dessen Schale von Liebe und Christlichkeit plötzlich geschliffene Härte und Eigenliebe durchblitzten.

So sah das Götterbild aus, dem man sich mit Haut und Haar anvertraut hatte - und man durfte trotzdem nicht ablassen, es unvermindert weiterzulieben…“

[Das Götterbild weiterlieben müssen? Hm. Davon abgesehen: Man könnte dies auch als Bestreben der jungen Frau verstehen, ein als defizitär empfundenes Ich durch etwas Größeres vollständiger zu machen, darin stecken immerhin Einsicht, Demut und der Wille zur Ganzheit. Auf etwas Greifbares zu blicken, liegt dann nahe. Warum sollte das wohlvertraut Alltägliche auch trügerisch sein. Daß hier auch eine Gefahr ist und gerade das Vertraute trügerisch sein kann, dieses gehört zu den Dingen, die ein jeder lernen muß, auch wenn es ihn vermutlich nicht glücklicher macht.

Und wo wir schon mit unseren Anmerkungen dazwischengehen: Man weiß nicht immer recht, spricht hier die junge Frau oder die Erzählerinnenstimme nimmt schon mal die Einsichten vorweg, die gerade am wachsen sind, das ist schade; und auch die Plötzlichkeit ist etwas unglaubhaft. Daher meine Eingangsbemerkung vom Märchenhaften. Die Autorin will uns wohl zeigen, wie guter Wille und Offenheit und echter Sinn für Religion die Täuschung entlarven, das ist zwar schön gedacht, aber nicht immer kongenial dargestellt, doch wir machen weiter]

Auch dem jungen Pastor war nicht ganz wohl. "Er hatte das undeutliche Gefühl, als sei ihm heute morgen etwas daneben gelungen, und er wußte bloß noch nicht was. Jedenfalls hatte er... seine Frau nicht näher zum großen Gott herangeführt…

Was nun eingestanden werden mußte, trat so schwer über die Schwelle des Bewußtseins, daß es bis zum Eintritt in die Sakristei noch nicht in präzise Gedanken gefaßt werden konnte.“ Aber des Amtes mußte gewaltet werden, und die Ablenkungen hatte zu schweigen.

„Die junge Pastorin saß auf ihrem Stammplatz hinter dem Professorengestühl“, ihr Profil „allen Blicken preisgegeben. Eine „von den guten alten Kanzelschwalben“: „‘Sie sehen schlecht aus, Kindchen, fehlt ihnen etwas?‘“ Eine der vorlauten Pastorentöchter flüstert, ‚Ehekrach, was denn sonst?‘ Schon mehr unter dem anonymen Kirchenvolk sitzt Herr Ploetz und denkt ‚oj, oj‘ als er die junge Frau sieht und vor seinem geistigen Auge erscheint das dunkelblaue Stück Taft, „das er gestern sorgsam beiseite gelegt hatte, falls die junge Frau Pastorin es sich doch noch ‚ieberlejen‘ sollte.“

St. Johanniskirche, Tartu / Dorpat

Der Gottesdienst ist zu aller Zufriedenheit, auch die Predigt. Das Grauen, das der Pastor vorgefühlt hatte, „lief seinen Hörern tatsächlich über den Rücken und sie hörten die Flammen der Hölle unter der Oberfläche brausen.  Die Landrätinnen überlegten sogar, ob sie nicht an der Seide für die Ballkleider ihrer Töchter einige Ellen einsparen könnten.

Nur der Pastor selber fühlte nicht das Glück einer wohlgelungenen Schöpfung. Wenn er mit seiner klingenden Stimme rief: ‚Tut Buße!‘ - dann fühlte er sich in einer gespenstischen Weise selber angerufen. Und wie war es mit der Stimme eines Predigers in der Wüste? Was ging ihn denn die Wüstenei dort unten im Kirchenschiff eigentlich an, solange sein eigenes Herz, das an den Ereignissen des Morgens noch herumknackte, selber einer Wüste so verdammt ähnlich sah?

Ja, ihr Otterngezücht, wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?… Hatte Johannes dieses Wort nicht direkt auf ihn gemünzt, der er seiner eigenen Frau das Himmelreich mit seinen weisen Worten vielleicht eher versperrt als aufgeriegelt hatte? Sie hatte seine Worte ja gar nicht nötig, sie war ja reinen Herzens, sie schaute Gott ohnehin!“

[Sicher, die Autorin wußte das, aber auch hier schon der Pastor? Doch ja, es kommt seine innere Epiphanie]

Die Axt an der Wurzel und die Worfschaufel „bekamen plötzlich ihren echten, tief beängstigenden Sinn. Und schließlich war es der Pfarrer selber, der vielleicht als einziger die Feuer der Tiefe wirklich brausen hörte.

Als er aus dieser sonderbaren Predigt auftauchte“, suchte wie immer nach dem Gesicht seiner Frau, um „Zustimmung oder Ablehnung herauszulesen“. Doch er sah nur „die Zipfel eines winzigen spitzenumrandeten Taschentuchs.  Dem jungen Pastor wären nun fast selber die Tränen gekommen, wenn er nicht eine zornmütige Natur gewesen wäre.“ So flucht er lieber in sich hinein: “‘Oh dieser verdammte Taft zum Kragen!‘“

Louis Höflinger: Die St. Johanniskirche 1860, Tartu / Dorpat

Er verliest die Fürbitten. Und da geschieht es: „‘Herr gib uns Taft zum Kragen...‘ Stille - - ‚Ja, Kraft zum Tragen, gib uns, Herr...‘“ 

[So bricht mitten ins Ritual der Herr Freud mit dem nach ihm benannten Versprecher und das Unbewußte sich seine Bahn.]

„Wie der junge Pastor nach diesem Gebet die Stufen zur Sakristei hinuntergekommen war und wie er nachher das Vaterunser und den Segen gesprochen hatte, das wußte er später nicht. Er wußte nur, daß seine Ohren brausten und sein Kopf glühte.

Er, der seiner Frau die unschuldige Kinderbitte um den Taft untersagt hatte, er, der mit großen Worten um sich geworfen und sie zu den Schwachen und Törichten gezählt, - er hatte selber öffentlich und vor der ganzen Gemeinde um Taft zum Kragen gebetet...“

Es war ein lapsus lingua, tröstet ihn der alte Propst in der Sakristei, aber der junge Pastor sieht „das belustigte Zwinkern in seinen Augen. Dieses Zwinkern würde heute nun an allen sonntäglichen Mittagstischen zu finden sein, in den Konventsquartieren der Studenten, in der Ressource und Bürgermusse, im Getuschel der vorlauten Backfische und in den Kaffeekränzchen der guten Kanzelschwalben. Er kannte doch seine Landsleute! Wie sollte er je wieder diese Kanzel besteigen?

Seine Frau saß unterdessen völlig erstarrt auf ihrem mit Wachstuch bezogenen Kirchenstuhl! Selbst ihre Tränen waren erfroren und das Spitzentüchlein war kraftlos in ihren Schoß geflattert.  Ihr kleines, rosiges Gesichtchen war gar nicht mehr rosig, sondern blaß.“ Sie spürte die unruhige, das Schmunzeln verdeckende Bewegung die durch die Kirchenbänke lief „und plötzlich schlug eine Welle rötesten Blutes in ihre Stirn hinauf.

„‘Wie furchtbar‘, stammelte ihr Herz, ‚Eberhard... wie wird sein Selbstbewußtsein das ertragen? Daß Gott jetzt über ihn lächelt, wird ihm ja nicht so schlimm sein - aber die Menschen.‘“

Auch Herr Ploetz lächelte nicht. Als die Worte des seltsamen Gebets in seine Ohren fielen, stöhnte er diesmal ganz laut „Oj oj oj“ und schaute auf den Boden zu seinen Füßen. „Die Zusammenhänge waren ihm ganz klar. Und er selbst spielte in dieser kleinen Tragödie keine unbedingt vorteilhafte Rolle. Wie war es zum Beispiel mit dem ‚pillicher ablassen‘? Vielleicht hätte die junge Frau Pastorinchen dann heute nicht mit so verheulten Kalbchenaugen vor all den vielen Menschen dasitzen müssen, und der Herr Pastor hätte nicht beim lieben Gottchen um Taft zum Kragen gebetet. Und das Otterngezücht... und das höllische Feuer, das tichtig prennen würde...“ Er „sah das erstarrte rosa Gesichtchen, das nicht mehr rosa war. Danach schaute er nicht mehr auf“.

Dorpat / Tartu, Domkirche

3. Akt, letzter Teil – die Auflösung und ein Deus ex machina in Gestalt eines Stoffhändlers

Der Heimweg verlief schweigsam. „‘Haben es wohl alle ganz deutlich gehört?‘“ „‘Ja alle‘“, flüsterte sie. „Der Sonntagsbraten mit der Schmantsauce schmeckte auch nicht, und die Köchin trug ihn verstört wieder in die Küche zurück.“ Kein Wörtchen fiel.

„Dann klingelte es ganz leise an der Haustür.“ Die junge Pastorin, froh dem Schweigen zu entrinnen, ging selbst. „Vor der Tür stand niemand, nur frische winterliche Luft. Aber auf der Fußmatte lag etwas.“ Kein Findelkind. Es „fühlte sich weich und angenehm an, und auf dem soliden Papier stand in schnörkeliger Schrift: ‚Für Frau Pastorinchen!‘ 

‚Ach‘, hauchte die junge Frau und schlich sich leise ins schweigsame Speisezimmer zurück. Vor seinem Teller mit ‚rosa Manna‘ saß ihr Mann und hatte die Stirn in beide Hände gestützt.

‚Sieh‘, sagte sie und entnahm dem soliden Packpapier den kühlen, knisternden Taft zum Kragen; er war säuberlich auf sein Brettchen gewickelt. ‚Sieh, nun hat der liebe Gott dein Gebet doch erfüllt...‘

Der junge Pastor hob den Kopf. Er sagte nicht, wie er es am Morgen dieses Tages wahrscheinlich noch getan hätte: ‚Bring das sofort zurück, ich will es nicht sehen!‘ Nein, er stand auf, nahm seine Frau in die Arme, preßte sie fest an seine breite Brust, durch die der Atem hörbar strömte, und murmelte: „Verzeih mir, Elsbeth!‘

Womit wir zum Anfang zurückkehren, wo die Behauptung steht, daß Gott selbst unbedeutende Fehlleistungen der Seele gebrauchen kann, um Seinen Kindern aus Seinem Überfluß zu schenken, - nicht nur das Gute, sondern auch das Schöne.“

Solch ehrbar frommen Worten mögen wir nichts mehr hinzufügen. Und so fällt der Vorhang über unserer liebenswürdigen Advents-Märchen-Geschichte, aus Taft natürlich.

Seiden - Antependium von Giovanna Garzonica, ca. 1640-50 

nachgetragen am 31. Dezember

Donnerstag, 27. Dezember 2018

"Taft zum Kragen" - eine Geschichte aus Livland nacherzählt II

Dorpat, 1860

Wohl jeder kennt das Gefühl, das einen üblicherweise etwa bei Krippenspielen befällt: Alles, was gesagt wird, ist gut und schön und vor allem wahr, aber die Darsteller! So in etwa verhält es sich mit dem Fortgang der Geschichte, in die wir hier eingeführt haben. Wir stellen unsere mäandernden Anmerkungen deshalb gleich an den Anfang.

Ich fürchte, unsere Autorin hat alle ihre wohlbegründeten Ansichten in diesem Kapitel sozusagen auf eine Litfaßsäule geklebt und zusätzlich dick unterstrichen, was der Geschichte weniger gut tat. Oder anders ausgedrückt, sie hat sie alle hineingequetscht, mit demselben Effekt. Wir wollen ihrem Beispiel folgen.

Zunächst gilt mein Einwand mehr dem 2. Teil des 2. Akts, wie ich die Geschichte für mich eingeteilt habe. Der 1. Teil kontrastiert sehr ansprechend den unschuldigen Wunsch der jungen Frau, etwas Schönheit in ihr kleines Leben zu holen, mit dem als Weltverachtung getarnten herrschsüchtigen Wesen des jungen Pastors. Die Autorin beschreibt damit einen Typus, der leider sehr real ist.

Solange es protestantische Geistliche geben wird, dürfte dieser Habitus der ostentativen Moralität bestehen bleiben. Und was heute Regenwald, Klimawandel und Diversität sein müssen, dafür hatte in jener Zeit eine eher lederne bürgerliche Sittlichkeit herzuhalten. Wäre ich Katholik, würde ich womöglich einwenden, daß die Protestanten damit ihren Mangel an Glauben zu überhöhen suchen. Da ich selbst einer davon bin, muß ich mir diesen Schuh dann aber wohl auch anziehen. Also verwerfe ich diesen Gedanken lieber.

Was einen an dieser Moralität immer mißtrauisch stimmen sollte, ist zum einen, daß sie sich zuförderst gegen andere richtet, zum anderen fehlen ihr Wirklichkeitssinn, Empathie und der Wille fürsorgender Hilfe. Und vor allem fehlt die Demut des Glaubens. Daß das unsere Autorin so klar gesehen hat, ist der eigentliche Grund, diese Geschichte weiter vorzustellen. Also fahren wir doch einfach fort.

St. Johanniskirche, Dorpat, Fassadendetail

2. Akt, erster Teil – Glaubenseifer bei Suppenfleisch mit Meerettichsauce

Beim Mittagessen war sie dann so schweigsam, daß es sogar ihrem Mann auffiel, der in Gedanken schon bei seiner Predigt war, die er sich stets für den Sonnabendnachmittag vorbehielt.  

„Es war nämlich ein herrlicher Text…! Ein Text so recht nach seinem Herzen, bei dem man der im Kirchenschiff schweigenden Gemeinde einmal tüchtig die Wahrheit sagen konnte, Wahrheit mit Horn und Schwanz!

Wie hieß es da? ‚Tut Buße!‘ Und dann hatte Johannes in der Wüste ein Kleid von Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel, und nichts von all dem Firlefanz, der heute zur Mode gehörte: Schleppen und hohe Absätze, Spitzenrüschchen und Siegelringe und seidene Krägelchen… Außerdem ist die Axt den Bäumen schon an die Wurzel gelegt, und einer hat die Worfschaufel schon in der Hand und wird seine Tenne fegen…

Ja, es war ein herrlicher Text. Das Grauen konnte einem über den Rücken laufen, und trotz der winterlichen Kälte hörte man die Flammen der Hölle unter der Oberfläche brausen.

Mit einem Lächeln, in dem sich schon die schöpferische Stunde ankündigte, blickte der Pastor auf. Und da sah er seine kleine Frau sich gegenübersitzen, ganz jung, ganz rosig, mit gesenktem Blick und dem unschuldigen Rund ihrer Wangen. Sie stocherte im Suppenfleisch, das mit Meerettichsauce und Kartoffeln, wie jeden Sonnabend, ihren Teller füllte. Immerhin waren es keine Heuschrecken mit Honig wie im herrlichen Text, und - Hand aufs Herz - darüber war der junge Pastor eigentlich ganz froh.

Er sah dieses junge Kind an, das er auf seinen steilen und kompromißlosen Schicksalsweg einfach mitgerissen hatte, weil... er es nicht zurücklassen, weil er es einfach keinem anderen überlassen konnte. Und wie immer, wenn er Elsbeth ansah, füllte sich sein Herz mit einer ganz unvorschriftsmäßigen Wärme.“ So war es immer schon gewesen. Und „jetzt saß dieses Kind seit einem halben Jahr an seinem Mittagstisch und war seine Frau“.

Brunnen mit der Statue „Küssende Studenten“

Ob ihr etwas fehle, sie fährt leicht zusammen, nein. Ob ihr das Suppenfleisch wieder einmal nicht schmecke, dabei habe Johannes in der Wüste immer Heuschrecken mit Honig gegessen.

„‘Die müssen ganz komisch zwischen den Zähnen geknirscht haben‘, flüsterte seine kleine Frau. Aber das hörte er schon nicht mehr.“ Er war bereits wieder die Stimme des Predigers in der Wüste.

Sie schwieg wieder, sie merkte, es fiel ihm nicht mehr auf. "Sie konnte ruhig über den blauen Taft, die drei Rubel und die 'Zukunft' nachdenken. Er war bei seiner Predigt. Er war groß und fern. Das Feuer des Geistes nahm von ihm Besitz. Sein schön geschwungener Mund lächelte, aber er lächelte nicht für sie. Sie kannte das." 

Es hatte keinen Zweck, ihn jetzt mit ihren kleinlichen Sorgen zu behelligen, aber am Sonntagmorgen, da hatte es bestimmt mehr Zweck.

2. Akt, zweiter Teil – ein verdrießliches Kaffeestündchen

Dorpat, Rathaus
Ivo Kruusamägi (Wikipedia), hier gefunden

„In Dorpat begannen alle Gottesdienste erst um elf Uhr“, ob um der Studenten oder der Professoren willen… Wie auch immer. Der Pastor „schlürfte seinen Kaffee und rauchte seine Zigarre. Die Predigt, wohl bedacht und reich formuliert, ruhte in seinem Inneren und brauchte nur hervorgeholt zu werden.“ Alles war vorbereitet.

"Warum sich also des stillen, seltenen Morgenstündchens nicht von Herzen freuen?"

Die junge Pastorin rechnete auf seine Sanftmut. "Denn wenn man binnen kurzem den Segen erteilen und anderen Menschen die Sünden vergeben will, muß man dann nicht so etwas Ähnliches wie Gottes Nachsicht und Barmherzigkeit in seinem Herzen tragen?"

"'Du sagtest mir einmal, wir sollen für die Zukunft sparen.' Der Pastor horchte auf. 'Ja, wieso?' fragte er, während in seinem Kopfe holde Bilder heraufdämmerten. Ob das der Anfang eines zarten Geständnisses werden sollte?"

Sie habe das auch immer getan und jetzt schon heimlich achtzehn Rubel zurückgelegt. 
So sei das nicht gemeint gewesen, dennoch lobte er sie dafür,  fragend.

Sie wisse nicht, ob ihr das diesen Dezember auch gelingen werde. Sie wolle sich für ihr blaues Weihnachtskleid einen seidenen Kragen kaufen, und der wird genau die drei Rubel kosten, die sie sonst zurückgelegt hätte.
"‘Was meinst du dazu? Es ist ein Kragen von Taft…‘"

Der Pastor schwieg, die Stirn umdüsterte sich, nichts von zarten Geständnissen - modischer Firlefanz! "'Hältst du so einen Taftkragen denn wirklich für unbedingt notwendig?' 'Notwendig nicht, aber schön', zwitscherte die junge Frau."

"'Überleg mal, Elsbeth..., was wollen wir denn lieber sein, gut oder schön?' 'Ich möchte beides sein.'"

"Aber, Elsbeth, kein Mensch kann zween Herren dienen! Wir müssen wählen, ob wir Gott gefallen wollen oder den Menschen.''Ich möchte beiden gefallen.'"

"'Und dafür brauchst du ein Stück Seide für drei ganze Rubel... für drei Rubel Taft zum Kragen... drei Rubel, die wir sonst für die Zukunft zurücklegen könnten!'"
Sie habe doch schon achtzehn Rubel, ganz freiwillig, wendet sie schüchtern ein.

"'Ja... sollen wir uns in Seide kleiden, während ich... heute ausgerechnet davon sprechen will, daß Johannes in der Wüste ein härenes Gewand trug...'" während "'unsere Damen jetzt schon anfangen, sich Seiden und Spitzen und Flitterzeug für die Landtagsbälle in Riga zu kaufen. Ich will den Menschen einen Spiegel über die Nichtigkeit dieser Dinge vorhalten, - und du willst Taft zum Kragen!'" 

Die Gemütlichkeit ist hin. Der Pastor im Raum hin und her wandernd: "'Meinst du nicht, daß du Gott ohne taftenen Kragen besser gefällst?'... 'Ich glaube, Gott ist nicht so kleinlich'", schnellt ihr Kopf empor.

"'Aber erlaube mal, Elsbeth - so kleinlich wie wer?'", bricht die heilige Empörung aus ihm heraus. "'Und was für Worte sprichst du da eigentlich in Verbindung mit Gott? Wie kannst du Seinen Namen überhaupt in Verbindung mit deinen lächerlichen Angelegenheiten nennen? Kleinlich sagst du? Ja, wahrhaftig, kleinlich ist Er nicht, der die Gestirne schuf und über die Ewigkeit herrscht...'" Etc. Etc. 

Hier mußte ich einfach kürzen und springe geradewegs in die Geschichte hinein. Das ist genau der Punkt vor dem ich eingangs warnte. Unser Pastorendarsteller paraphrasiert ziemlich deutlich Gott im Hiobbuch (das für sich schon schwierig ist - das Gescheiteste hat dazu nach meinem Geschmack immer noch C. G. Jung geschrieben, in der Leiste rechts finden sich Hinweise auf meine Versuche, dem etwas gerecht zu werden, nun ja). Mit anderen Worten, der Archetypus Gott inflationiert gerade ziemlich sein Gemüt, oder was auch immer.

Der Leser muß spätestens jetzt einräumen, Dialoge sind nicht immer die stärkste Seite unserer Autorin. Sie hat Einfälle, die Gedanken ihrer Charaktere sind stimmig und lebensecht, aber man gewinnt den Eindruck, daß sie von ihrem Konzept so begeistert war, daß sie ganz vergessen hat, daraus eine hinreichend lebendige Rede zu machen. Es ist mehr eine Lehrerzählung im Holzschnittstil. Und zwar nicht unbedingt dem Dürers. Schade eigentlich. Doch wir mühen uns weiter.

 "'Was weißt du von ihm..., deren Verstand nicht ausreicht, auch nur den Saum seines Gewandes zu erkennen...'" 

Während des gewaltigen Wortregens wurde die junge Frau ganz klein, und erst als er Atem holen mußte, wagt sie zu flüstern: "'Ja, natürlich, du hast recht, ich weiß nichts von Gott und seiner Majestät, außer dem einen: Daß Er mich lieb hat!' 'Lieb hat? Dich? Das Staubkorn?' rief der Pastor und schaute vernichtend in ein Paar aufgerissene Augen, aus denen ratlose Verwirrung geradezu schrie."

Diese Verwirrung ernüchtert ihn, etwas. Ja, Gott liebe sogar die Verbrecher. "'Aber ich wollte nur sagen, daß Schönheit oder Klugheit, Jugend oder eine gute Familie noch lange kein Grund sind, sich zu den Auserwählten zu zählen...'" 

Strohmannalarm! Leider ist das Wort im Deutschen noch nicht hinreichend eingeführt. Aber es ist genau wie im Hiobbuch, der Gott-Pastor tritt Vorstellungen entgegen, die gar nicht erhoben wurden, vermutlich, weil sie sich leichter abwehren lassen. Die Antwort ist also nur zu logisch. 

Das habe sie auch gar nicht behauptet, wendet sie zurecht ein, "aus den Fluten ihrer Demut und Verwirrung auftauchend" und fügt mit sogar abwehrbereiter Stimme hinzu: "'Ich habe nur gesagt, daß Gott mich liebt, und ich liebe ihn auch.'"

Der Pastor, nun wieder bedächtig, "'Ja, aber die rechte Liebe muß es sein, Furcht und Liebe. Man darf Gott nicht verniedlichen, weil man selber niedlich ist. Ihn und ein Stückchen Taft zum Kragen sollte man nicht in einem Atemzug nennen. Man sollte Ihm zuliebe einfach wortlos darauf verzichten.'"

Sie tue Gott mit ihrem Taft doch gar keinen Abbruch, er habe die Seiden wie die Lilien geschaffen, damit man sich an ihnen freue, sie würde nicht einmal Angst haben, wegen des dummen Tafts zu Gott zu beten. 

Das nächste Zitat können wir leider nicht ersparen:

"'So würdest du also ruhig mit dem lieben Gott sozusagen gemeinsame Sache gegen mich machen?' fragte der Pastor dagegen schneidend vor Zorn und Verachtung. 'Eberhard!..." 

Der Pastor spürte jetzt immerhin "etwas wie eine Warnung". Natürlich nähme er das nicht wörtlich, doch erschiene ihm ein solches Gebet wie eine Blasphemie. "'Gott - und Taft zum Kragen! Diese irdischen Dinge sind da, oder sie sind nicht da, - man betet nicht um sie!'" Stehe denn im Vaterunser irgendeine ähnliche Bitte? Es ginge um der Seelen Seligkeit und nicht um Taft. Gott sei kein Magier. Auch unsere Gebete könnten uns den Weg in den Himmel versperren.  

Das Ende der Unterhaltung fassen wir besser zusammen. Sie besteht darauf, mit jeder Kleinigkeit zu Gott, dem liebenden Vater laufen zu können. Er sagt irgendwann: „‘Ja, das hat alles nun nichts mehr mit meiner Auffassung von Gott oder mit irgendeiner Theologie zu tun, - aber für schwache und törichte Seelen mag auch diese Art von Gebet ihren Trost in sich tragen.‘“

Er bemerkt dann erschreckt, daß sie fast zu spät zur Kirche seien. Sie solle sich schnell fertig machen und noch übers Gesicht wischen. Es brauche nicht die ganze Gemeinde zu sehen, daß sie am heiligen Sonntagmorgen geweint habe.

Brunnen der küssenden Studenten bei Nacht

wird fortgesetzt, 
nachgetragen am 29. Dezember

Mittwoch, 26. Dezember 2018

"Taft zum Kragen" - eine Geschichte aus Livland, nacherzählt


...mit mäandernden Anmerkungen

Dorpat / Tartu 1866, Livländische Ansichten, 
gezeichnet und hrsg. von Wilhelm Siegfried Stavenhagen
gestochen und gedruckt von G. G. Lange in Darmstadt, hier gefunden

„Das kleine Ereignis, von dem ich heute berichten möchte, hat, als es geschah, die Welt in keiner Weise bewegt. Aber es hat ein paar Menschenherzen verwandelt. Es hat ihnen gezeigt, daß die Bewegtheit der Herzen, ja sogar deren unbedeutende Fehlleistungen manchmal dazu dienen können, denen, die Gott lieben, zu dem ihren zu verhelfen.“

So liefert uns Else Hueck-Dehio gleich zu Beginn die Moral ihrer nachfolgenden Adventserzählung von 1953 „Taft zum Kragen“. Sie handelt übrigens in ihrer Geburtsstadt Dorpat in Livland, heute als Tartu in Estland bekannt.

Unter den erbaulichen Büchern, die mir lebensumständehalber in die Hände fielen, findet sich auch diese kleine Erzählung. Wer erbaulich schreibt, hat gute Absichten, und die verderben für gewöhnlich den Stil. Denn da der Autor ständig will, daß er verstanden wird, erklärt er zumeist seine Figuren und bringt sie so gewissermaßen systematisch zur Strecke. Das nehmen dann nicht nur die Figuren zurecht übel, sondern auch der gutwillige Leser. Literatur entsteht so eher nicht.  Aber wir lassen uns davon nicht erschrecken und lesen weiter. Wir werden sehen, wie weit wir kommen.

„Dieses kleine Ereignis geschah in Livland, in jener fast schon sagenhaft gewordenen Zeit, als die Damen noch lange Röcke und hohe Stiefelchen trugen, als die Männer noch vom ‚schwachen Geschlecht‘ sprachen, als die estnischen Dienstboten der Herrschaft noch den Ärmel küßten und als es noch geschehen konnte, daß ein Kutscher für treue Dienste zur Hochzeit ein ganzes Gesinde [einen Bauernhof] geschenkt bekam.“

Nun, der von Nostalgie genährte Enthusiasmus der heutigen Esten über den Umstand, daß ihre Vorfahren der Herrschaft den Ärmel küßten, dürfte eingeschränkt sein. Aber diese Beschreibung verweist auf etwas, das wir wohl näher erklären müssen, wenn einem die Szenerie nicht gänzlich fremd bleiben soll.

Karte des alten Livland, Teil von Theatrum Orbis Terrarum 
des Abraham Ortelius, Antwerpen zwischen 1573 und 1598

Was war Livland? Und jetzt muß ein Haufen Zahlen folgen. Ein Gebiet, in das sich heute Estland und Lettland teilen. Der Schwertbrüderorden, der es früh errang, ging 1237 als Livländischer im Deutschen Orden auf.  Anderseits war er gewissermaßen zunächst das erfolgreichere Preußen, denn auch nach der für den Deutschen Orden verheerenden Schlacht von Tannenberg (1410) blieb man von Polen unabhängig, 1558, inzwischen hatte die Reformation Einzug gehalten, suchten die Russen, Livland zu erobern, und man mußte sich zur Abwehr nun doch unter polnische Oberhoheit stellen. 1561 wurde der letzte Landmeister Gotthard Kettler mit dem Herzogtum Kurland und Semgallen belehnt.

Gotthard Kettler, ab 1561 erster Herzog von Kurland und Semgallen

1629 erroberte der Schwedenkönig Gustav II. Adolf den größten Teil Livlands. Und 1721 jagte Peter der Große Livland den Schweden ab, nur ein kleiner Teil blieb, vorerst, bei Polen. Bis 1919 bestand dann das Gouvernement Livland, welches nur einen Teil der historischen Landschaft umfaßte, mit Riga und Dorpat.

Was es bei diesem Wechselspiel von Eroberungen und Herrschaftswechseln zu bedenken gilt: Sie fanden sicher nicht nur an der Oberfläche statt, doch sie veränderten weniger als zunächst zu vermuten wäre. Der Schwertbrüderorden war ein deutscher Orden, der seine Mitglieder aus dem Hl. Reich rekrutierte. Mit der Reformation – und jetzt fehlt ein Begriff, der den Vorgang angemessen beschreibt – bildete sich eine gesellschaftlich prägende Schicht aus, die weiter vorwiegend deutschsprachig blieb.

Man mag sich daran ärgern, aber so unvergleichbar ist das gar nicht. Als die (französischsprachigen) Normannen 1066 England eroberten, stellten sie danach auch eher robust den Adel und höheren Klerus und blieben überwiegend unter sich, gut, irgendwann wechselte ihr Französisch, nein nicht ins Angelsächsische, aber es veränderte sich in einen Misch-Masch, der uns heute als Englisch quält.

Unter dieser Oberfläche hat es noch sehr lange eine bestimmte Exklusivität gegeben. Mir sind aber keine Bestrebungen bekannt, den „normannischen“ Adel zurück über den Teich nach Frankreich zu scheuchen (das Thema hat sich mittlerweile sowieso, nur anders, erledigt). Jemand könnte  einwenden, das wäre vor ziemlich 1000 Jahren gewesen. Nun, es hat dann begonnen, und das hat es hier auch (es war nur früher zu Ende).

Zur Zeit unserer Erzählung (ja, wir kommen langsam zu ihr zurück) mochte Russen die politische Herrschaft innehaben, landbesitzender Adel, Bürgertum und Geistlichkeit aber sprachen Deutsch. Man darf das jedoch nicht nach der heutigen Elle messen, entscheidend waren Herkommen und Stand. Auf der anderen Hand hatten viele russische Generäle deutsche Namen und dürften sich nichtsdestotrotz zuerst als Untertanen des Zaren und insofern auch als Russen angesehen haben. Es war ein sehr anderes Empfinden von Nation und Zugehörigkeit, obwohl sich das in dem vermutbaren Handlungszeitraum der erzählten Geschehnisse gerade langsam ändert.

Wir sind bereits mitten im

1. Akt - Herr Ploetz & der dunkelblaue Taft

Tartu / Dorpat zwischen 1926 und 1941

Es schneite, Weihnachten stand bevor.

"Die junge Frau Pastorin, die im schwarzen Samtmäntelchen und mit rundem Muff über den großen Markt trippelte, hörte die Fuhrmannsschlitten mit vielstimmigem Schellengeklimper vorübergleiten…"

Die Fußgänger verkrochen sich vor der Kälte in ihre hohen Pelzkrägen, die Kinder mit ihren Schlitten hatten knallrote Backen, die Studenten rieben sich die Ohren unter ihren bunten Mützen. Frau Pastor  blieb vor einer Stoffhandlung stehen, ging aber nicht hinein. Popow hatte zwar die größere Auswahl, aber im vergangenen Frühling hatten Studenten das „w“ vom Namensschild weggeschlagen, und dort einzutreten, genierte sie natürlich als junge Pastorin! 

„Sie ging also die wenigen Schritte bis zur Ploetz‘schen Bude weiter“, klopfte den Schnee von den Sachen und die Schelle über der Tür klingelte, als sie eintrat. Herr Ploetz tauchte unter mehreren Verbeugungen diensteifrig „mit seinem altbekannten, schmantigen Lächeln“ auf.

"'Kuten Morjen, knädijes Frau Patorinchen', sagte er dabei, 'kalt heute, und wiehl Schnee...'
'Ja, guten Morgen, Herr Ploetz', antwortete die junge Frau und schlug den Schleier, der schmal um die Fellkappe gebunden war, von ihrem Gesicht zurück.

'... Oj, oj' dachte Herr Ploetz, 'so ein scheenes rosa Jesichtchen und dabei so jung'... 'Womit terf ich tienen?' fragte er laut.“

Die junge Frau Pastor ließ ihre Augen über die Stoffballen von dicker dunkler Wolle für Mäntel, von dünnerer in freundlicheren Schattierungen für Kleider und die „zarten Gespinste für Blusen“ wandern. Und dann die Seiden!

"Da lagen sie alle, Crêpe de Chine und Charmeuse, Chiffon und Popeline, Atlas und Taft. Ja, der Taft war es, auf den sie es diesmal abgesehen hatte. Der Taft für den Kragen des längst ersehnten und endlich ersparten Weihnachtskleides. Und so sagte sie: 'Ich brauche etwas Taft, dunkelblauen Taft zum Kragen.'"

Herr Ploetz antwortet eilfertig: "'Haber natierlich, scheenen plauen Taft, kann ich tienen, kann ich tienen, Frau Pastorinchen...' Er zog, flink und schwungvoll, die säuberlich auf ein Brettchen gewickelten Seiden aus dem Regal hervor und ließ sie, eine nach der andern, knisternd und glänzend über seine Hand entrollen.

'Scheene, schwere Seide', murmelte er mit gespitzten Lippen, 'kanz plank, pricht nicht, schleißt nicht, macht nur so vornehm schurr-schurr…'"

Er schaute, wie er die Seide sprechen ließ, seiner Kundin direkt ins Gesicht, aber die sieht nur die Seiden. Ihre "kleine, neugierige Mädchenhand" streicht über den Stoff: "Wie kühl er sich anfühlte! Wirklich vornehm! Und dabei wärmte er doch, das wußte man, Seide wärmt immer. Aber sie sticht nicht am Halse wie diese dumme Wolle."

Sie holte eine dunkelblaue Wollprobe hervor: "Ja, diese! Wie schön würde doch ein breiter Kragen auf der ernsten Wolle aussehen!

Eine Pastorin durfte natürlich keine auffallenden Kleider mehr tragen… Zwischen braun, blau und schwarz lag jetzt ihre Farbenskala, und höchstens noch weiße Blusen mit hohen englischen Stehkragen auf Fischbein… weder singen noch schlucken konnte man mit diesen Dingern… Aber hier – ein weicher Kragen, der bis auf die Schultern fiel und glänzte und knisterte...“

Fast würde sie sich darin wieder als junges Mädchen fühlen, das den Studenten gefallen wolle. „Jetzt war es nur noch einer, dem man zu gefallen hatte, der Ernste, Große, Dunkle und furchtbar Schöne, der unentwegt auf dem steinigen Pfad zum Reiche Gottes voranging und der sich entschlossen hatte, so ein kleines und eitles Wesen, wie man selber eines war, auf diesem steinigen Wege hilfreich mitzunehmen.“

Diesem wollte man gefallen, sonst keinem, aber man durfte und sollte es auch, es war eheliche Pflicht! Nur leider antwortete er auf ihr Bemühen gewöhnlich: “‘Aber Kind, wozu das? Auf solche Dinge sehe ich doch gar nicht! Es kommt mir nur auf dein Gesicht an. Meinetwegen könntest du in Sack und Asche gehen - oder überhaupt nichts anhaben.' Aber das hatte er bestimmt nicht so gemeint!"

"'Wieviel würde das denn kosten?' fragte sie. Herr Ploetz wurde sogleich traurig und seine Stimme ganz leise. 'Zwei Rubelchen die Elle', antwortete er und hob die Schultern, um anzudeuten, daß er an diesem hohen Preis unschuldig sei."

Sie erschrak, anderthalb Ellen würde sie sicher brauchen, 3 Rubel war die Summe, die sie jeden Monat vom Haushaltsgeld für die Zukunft zurücklegte. „‘Wir müssen für die Zukunft sparen‘, hatte ihr Mann gesagt, als er ihr vor einem halben Jahr das erste gemeinsame Haushaltungsgeld aushändigte.“

Zwar war ihr die genaue Art dieser Zukunft unklar. Kinder, Krankheit, Alter? Von allem war für‘s erste noch nichts zu merken. „...nicht ein einziges Kind schien die Absicht zu haben, sich in die Arme der jungen Pastorin zu begeben, um von ihr gewiegt, geküßt, geliebt – und nur unzureichend erzogen zu werden, wie ihr Mann schon jetzt befürchtete.“

3 Rubel hatte sie bisher pünktlich für "die Zukunft" zurückgelegt, "und nun sollte sie für einen dummen Taftkragen ebensoviel ausgeben?"

"'Herr Ploetz', sagte die junge Pastorin und hob ihre Augen, die gar - gar niemandem mehr gefallen sollten, in einem plötzlichen Entschluß zu dessen mondgleichem Angesicht.
'... Oj, oj, dachte Herr Ploetz zum zweitenmal an diesem Vormittag, 'so scheene Augens - wie bei Kalbchen!'

 'Herr Ploetz', sagte sie also. 'Dies ist ja doch eigentlich nur sehr wenig Taft... nur noch ein Rest... können sie ihn mir nicht etwas billiger abgeben?'" 

„Das gerührte Wohlgefallen an dem anmutigen Geschöpf vor ihm kämpfte mit der oft erprobten und stets vorteilhaft bewährten kaufmännischen Anlage des Ploetz‘schen Wesens, und nach einigen Augenblicken hatte die kaufmännische Anlage gesiegt.

'Knädijes Frau Pastorinchen', flüsterte er mit niedergeschlagenen Augenlidern, 'altes Ploetz ist ein armer Mann - altes Ploetz ist pillich; pillicher als pillich kann altes Ploetz nicht sein.'"

Er sah, wie ihr das Blut ins schöne Gesicht schoß. "'Natürlich, ich hätte Sie nicht fragen sollen...', flüsterte die junge Frau. 'Ich muß es mir noch überlegen. Auf Wiedersehen, Herr Ploetz..." Dieser sah noch, trotz des schnell herabgezogenen Schleiers, wie ihre Augen feucht wurden.

"'Knädijes Frau Pastorinchen türfen nicht zu lange ieberlejen, Stoffchen ist nur wenig!' rief er hinter ihr her", während die Glastür schellenbellend ins Schloß fiel.

"Solches geschah am Sonnabendvormittag vor dem zweiten Advent."

Wir unterbrechen hier. Dies war der charmanteste Teil, und da meine eigene Aufmerksamkeitsspanne eher kurz ist, habe ich den Beitrag nachträglich in 3 Stücke geschnitten. Die anderen beiden Teile sollen denn auch in Kürze folgen.

„Woman's Robe à la Francaise, France, 1760s“

nachgetragen am 28. Dezember

Dienstag, 25. Dezember 2018

Vier Dichter zur Weihnacht


Mathias Grünewald, Isenheimer Altar, Christi Geburt

Rainer Maria Rilke 

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte, 
drin alle Dinge Silber sind. 
Da schimmert mancher Stern so lind, 
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind. 

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut, 
und in die Herzen, traumgemut, 
steigt ein kapellenloser Glaube, 
der leise seine Wunder tut. 


Rainer Maria Rilke: "Es gibt so wunderweiße Nächte"
Rezitation: Fritz Stavenhagen, hier gefunden

Theodor Storm

Weihnachtslied

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimathlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.


Theodor Storm: „Weihnachtslied“
Rezitation: Fritz Stavenhagen, hier gefunden

Ernst von Wildenbruch

Weihnacht

Die Welt wird kalt, die Welt wird stumm,
der Winter-Tod zieht schweigend um;
er zieht das Leilach weiß und dicht
der Erde übers Angesicht.
Schlafe - schlafe!

Du breitgewölbte Erdenbrust,
du Stätte aller Lebenslust,
hast Duft genug im Lenz gesprüht,
im Sommer heiß genug geglüht,
nun komme ich, nun bist du mein,
gefesselt nun im engen Schrein.
Schlafe - schlafe!

Die Winternacht hängt schwarz und schwer,
ihr Mantel fegt die Erde leer;
die Erde wird ein schweigend Grab,
ein Ton geht zitternd auf und ab:
Sterben - sterben!

Da horch - im totenstillen Wald,
was für ein süßer Ton erschallt?
Da sieh - in tiefer dunkler Nacht,
was für ein süßes Licht erwacht?
Als wie von Kinderlippen klingt's,
von Ast zu Ast wie Flammen springt's,
vom Himmel kommt's wie Engelsang,
ein Flöten- und Schalmeienklang:
Weihnacht! Weihnacht!

Und siehe - welch ein Wundertraum:
Es wird lebendig Baum an Baum,
der Wald steht auf, der ganze Hain
zieht wandelnd in die Stadt hinein.
Mit grünen Zweigen pocht es an:
"Tut auf, die sel'ge Zeit begann,
Weihnacht! Weihnacht!"

Da gehen Tür und Tore auf,
da kommt der Kinder Jubelhauf;
aus Türen und aus Fenstern bricht
der Kerzen warmes Lebenslicht.
Bezwungen ist die tote Nacht,
zum Leben ist die Lieb' erwacht,
der alte Gott blickt lächelnd drein,
des laßt uns froh und fröhlich sein!
Weihnacht! Weihnacht!


Ernst von Wildenbruch: "Christkind im Walde"
Rezitation: Florian Friedrich, hier gefunden

Christian Morgenstern

Ein Weihnachtslied

Wintersonnenwende!
Nacht ist nun zu Ende!
Schenkest, göttliches Gestirn,
neu dein Herz an Tal und Firn!

O der teuren Brände!
Hebet hoch die Hände!
Lasset uns die Gute loben!
Liebe, Liebe, Dir da droben!

Wintersonnenwende!
Nacht hat nun ein Ende!
Tag hebt an, goldgoldner Tag,
Blühn und Glühn und Lerchenschlag!

O du Schlummers Wende!
O du Kummers Ende!

Christian Morgenstern als Kind

nachgetragen am 26. Dezember

Montag, 24. Dezember 2018

Eine gesegnete Weihnacht


Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein. jeglicher in seine Stadt.

Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.


"Maria durch ein' Dornwald ging", Lautten Compagney Berlin
hier gefunden (& so man dem Link folgt, kann man es sogar anhören)

Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe des HErrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des HErrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr.

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HErr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.


Thomanerchor Leipzig: ''Den die Hirten lobeten sehre'',
Dresdner Kreuzchor: ''Vom Himmel hoch da komm' ich her''

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten GOtt und sprachen:

Ehre sei GOtt in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HErr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten.

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegete sie in ihrem Herzen.

Evangelium nach Lukas 2, 1 - 19

Aachener Lotharkreuz mit Augustus-Kameo, 
gestiftet wohl von Kaiser Otto III.

Sonntag, 16. Dezember 2018

Dem 3. Advent nachgetragen




Wiener Singverein, Herbert von Karajan etc.
Messe in h-moll, BWV 232, Sanctus, hier gefunden

nachgetragen am 22. Dezember

Freitag, 14. Dezember 2018

Kleines Nostalgie - Bad



nachgetragen am 17. Dezember 2018

Bilder aus dem Mai 2012

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Überraschendes von Großherzogin Marie

Großherzogin Marie vor Schloß Rumpenheim, ihrem Geburtsort,
Gemälde von Hofmaler Prof. Georg Kannengießer 

Man kann gegenwärtig in Neustrelitz der Großherzogin Marie an 2 ganz unterschiedlichen Orten und in jeweils anders erstaunlicher Weise neu begegnen. In der Stadtkirche und im Kulturquartier. Aber ich will etwas weiter ausholen.

Beginnen wir mit einem Eintrag aus dem „Damen Conversations Lexikon“, Band 7 von 1836:

„Maria Wilhelmine Friederike, Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz, Gemahlin des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz, eine Tochter des Landgrafen Friedrich von Hessen-Kassel und der Prinzessin Karoline Polixene von Nassau-Usingen wurde in Rumpenheim, dem nicht weit von Frankfurt, dicht an den Ufern des Mains liegenden Landsitz ihrer Eltern, am 21. Januar 1796 geb. Die ersten Zeiten ihres Lebens brachte sie abwechselnd in der freundlichen Heimath, theils in Frankfurt, theils in dem am Rheine prachtvoll gelegenen Schloße ihrer Großeltern, Biberich, zu, wo ihre Großmutter, die Fürstin von Nassau-Usingen, eine nach alter Weise in strengen Formen erzogene Prinzessin, sich nicht wenig Einfluß auf die Erziehung und das Benehmen ihrer munteren Enkelschaar aneignete, aber doch, bestochen durch die Liebenswürdigkeit derselben, zu mildern Grundsätzen gelangte, als ihr selbst in ihrer Jugend zu Statten gekommen waren.

So entfalteten sich, größtentheils in ländlicher Stille, aber umgeben von liebenden Eltern und Geschwistern, die persönliche Anmuth und die glücklichen Anlagen der Prinzessin. Es konnte daher an fürstlichen Bewerbern nicht fehlen, und am 12. August 1817 schlang sich die bräutliche Myrthe ihre Locken, indem sie dem Großherzoge von Mecklenburg-Strelitz ihre Hand zum ehelichen Bunde reichte.“

Damit hätten wir schon einmal einiges an Biographischem beisammen. Marie Wilhelmine Friederike Prinzessin von Hessen-Kassel wurde durch die Heirat von Georg von Mecklenburg-Strelitz Großherzogin. Sie hatte vier Kinder aus dieser Ehe, nämlich Luise (1818-1842), Friedrich Wilhelm (1819-1904), späterer Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, Karoline Charlotte Marianne (1821-1876), Georg (1824-1876).

Um an ihre früh verstorbene Tochter zu erinnern, rief sie einen der ältesten Kindergärten Deutschlands ins Leben, 1842 die „Kleinkinderbewahranstalt Luisenstiftung“, sie wollte sich den Widrigkeiten des Lebens offenkundig nicht so widerstandslos geschlagen geben; doch hatte sie generell eine Neigung zum Fürsorglichen.

Nach 45 Regierungsjahren verstarb am 6. September 1860 ihr Gatte, Großherzog Georg in Serrahn (seinem gewöhnlichen Sommeraufenthalt). Die Großherzogin folgte ihm erst mehr als zwanzig Jahre später am 30. Dezember 1880, in Neustrelitz. Beide sind in Mirow beigesetzt.

Großherzogin Marie war eine kunstsinnige Frau und begabte Malerin und fand vor allem in Prof. Georg Kannengießer einen sinnverwandten Förderer und Lehrer. Offenkundig war sie auch von ausgeprägtem Realismus, etwa, was die Originalität ihres Könnens betraf, also schuf sie vor allem Nachschöpfungen von Gemälden aus und nach der Renaissance, aber diese eben mit zunehmender Meisterschaft.

Davon ist manches erhalten, vieles ist verschollen oder eher wohl vernichtet; so verbrannte ihre Dürer-Version von „Christus am Kreuz“ in der Johanniterkirche zu Mirow 1945. Dasselbe dürfte von ihren Bildern im Neustrelitzer Schloß, der Orangerie oder im Marienpalais (ihrem Witwensitz) gelten.

Und hier kommt jetzt das Kulturquartier ins Spiel. Dort gibt es nämlich noch bis zum 20. Januar 2019 die Weihnachtsausstellung - „Schenkungen und Leihgaben“.  Darin finden sich als neue Dauerleihgaben des Großherzoglichen Hauses Mecklenburg-Strelitz Porträts von Familienmitgliedern (2 Gemälde der Königin Charlotte fallen besonders auf, genauer gesagt, ist das eine davon ein ganz rührendes Kinderporträt) und eben mehrere Gemälde, geschaffen von Großherzogin Marie.

Raffael, Hl. Familie, 1518

Die Kopie von 1859 des obigen Abbildes der Hl. Familie von Raffael zieht absolut in den Bann. Es hing einst an der Chorwand links neben dem Altar in der Schloßkirche von Neustrelitz (das eigentliche Altarbild – eine Grablegung Christi von Prof. Kannengießer - ist verloren, ich bilde mir ein, irgendwo gelesen zu haben, die Russen hätten es ´45 zerschossen, kann die Stelle aber gerade nicht wiederfinden). Das Gemälde ist eine Leihgabe der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Strelitzer Land und wird gerahmt von zwei Mariendarstellungen aus dem Besitz des Museums, gleichfalls von der Hand der Großherzogin.

Das Merkwürdige an Kopien ist, sie altern. Oft sieht man ihnen die Entstehungszeit an, was den Zeitgenossen vermutlich nicht auffiel, sehen wir heute sofort. Hinzu kommt, daß ihnen nicht selten etwas uninspiriert Pedantisches anhaftet. Und höflich gesagt, wenn man sich die Datierungen bei den Werken der Großherzogin anschaut, spürt man doch auch eine gewisse Entwicklung.

Und bei der Hl. Familie ist das dann überraschend anders, man scheut sich fast, das Bild noch eine bloße Kopie zu nennen. Eher ist es eine wundersam lebendige Nachschöpfung. Denn nicht nur ist diese handwerklich exzellent und keinesfalls konventionell, aus keinem Winkel erscheint sie medioker, sondern aus jedem geradezu alterslos lebendig. Respekt. Und dazu muß man wissen, daß das Bild in einem beklagenswerten Zustand ist, und wir reden nicht von nachgedunkeltem Firnis. Die Abbildung oben steht für das Original aus dem Louvre, bei unserem Bild ist die Leinwand an 3 Stellen aufgerissen, einer geht durch das Gesicht des Johannes-Knaben. Das Bild erscheint aber rettbar, und wir können nur hoffen, daß es dazu, auch ggf. durch Spenden, kommen wird.

Eine dringende Empfehlung also, diese Sonderausstellung zu besuchen, wie gesagt, bis zum 20. Januar 2019 kann sie täglich besichtigt werden.

Raffaello Sanzio da Urbino, Kreuztragung Christi, ca. 1516
Museo del Prado, hier gefunden

Wie eine solche Rettung ausfallen kann, läßt sich jetzt in der Stadtkirche bestaunen. Als ich im Juli diesen Jahres 4 Statuen aus der Stadtkirche etwas näher beleuchtete („Glaube, Liebe, Hoffnung & Barmherzigkeit in der Stadtkirche zu Neustrelitz“), mußte ich kurz erwähnen, wie ein offenbar psychisch kranker 29-Jähriger, benebelt von Alkohol und Drogen, dort gehaust hatte.

Die Schäden sind inzwischen behoben, und es kommt einem wieder einmal 1. Mose 50 Vers 20 in den Sinn, nämlich wie sich böse Absichten gegen die Intentionen des Bösewichts richten können („Ihr gedachtet's böse mit mir zu machen; aber Gott gedachte es gut zu machen.“). Auch das Altargemälde hatte Schaden genommen, ebenfalls eine Arbeit der Großherzogin Marie, und jetzt hängt es, wunderbar restauriert, an seinem alten Platz. Und hier können wir froh ausrufen: So wie das Original, das oben abgebildet ist, ganz so stelle man sich jetzt die „Kopie“ vor, nur den prächtigen Goldrahmen muß man sich noch hinzudenken.

Am 22. Dezember werden in der Stadtkirche ab 17.00 Uhr die Kantaten I - III des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach aufgeführt. Das wäre dann die nächste Gelegenheit, sich von dem oben Genannten selbst zu überzeugen.

Sonntag, 25. November 2018

Über den Trost der Dinge und auch die Ewigkeit

Busto ritratto di Antinoo. Galleria Estense, Modena.


Der November drängt so sehr das Gedenken der Toten auf und es ist ein wahrlich zwiespältiges Erinnern. Denn wie eindrückliche Menschen sind einem begegnet und wieder verhüllt worden, daß man ihr Andenken nicht mit Worten verunstalten mag. Aber vielleicht werde ich in der Ewigkeit Nicolás Rackiewicz aus Argentinien, einem Ort, den er vom Innersten haßte, mit Maria Wandelt bekannt machen können. Das wäre schon was.


G.F Händel, Allor ch'io dissi addio, Roberta Invernizzi

Seit jenem Sonntag also, der jetzt Ewigkeitssonntag heißt, kreisen meine inneren Gedanken um dieses Thema, und ja, wie sagt man es, sie „behinderten“, das ist falsch, sie hielten anderes zurück. Und auch das sollte irgendwann enden. Warum nicht jetzt? Als Abbreviatur.

Die Dinge also. Es ist ein verbreitetes Vorurteil gegen sie, daß sie vergehen würden, wieso so? Die Verächtlichung-Machung der Schöpfung ist der Kern des Bösen. Gewalttätig gegen ihre Ratio, also die Ordnung, ihre Wahrheit; die Wirklichkeit überhaupt. Ein Beispiel davon im Sing-Sang der Bedeutungslosigkeit. Denn man kann vom Schönen nur sorglos reden, solange man abwehrt, was einen nicht beflecken darf:

"Aber diese Leere empfinde ich als Versprechen. Also ich denke mir, jede Form von Aufladung dieser Leere ist heute zum Scheitern verurteilt, eben weil die Gesellschaft so pluralisiert ist. Die einzige Hoffnung, die wir haben, ist, daß wir auf ein Wir rekurrieren können, das leer bleibt. Weil nämlich diese Leere die einzige Hoffnung ist, unter der wir uns in unserer Vielfalt so versammeln können, ohne diese Vielfalt aufgeben zu müssen."

Das Schöne ist die Ewigkeit, jedes Stück davon. Die Dinge von Schönheit sind… Charlatanhafte Charaktere werden davon angezogen und werfen sie sich in ihrer Dürftigkeit gern über als genialischen Mantel.

Das ist das andere also. Genug davon.

Man begegnet oft dem triumphierend (worüber eigentlich?), zumindest betulich affirmierend vorgetragenen Urteil: ‚Alles sei vergänglich‘. Die Dinge sind immer in Gefahr, aber sie trösten auch. Denn sie sind Teil der Ewigkeit, sie sind die wundervollste Frucht des Leidens an der Vergänglichkeit. Da sie in die Ewigkeit hineinragen.

Auch Fortschritte im Religiösen sind mit Opfern erkauft: Als den alten Juden eingebläut wurde, daß das Göttliche nicht hinreichend in der lebendigen Natur zu finden sei, geriet ihnen das alberne Bilderverbot zupaß und später kam irgendwann dann davon die Askese auf und noch später schlug man Venus-Statuen die Köpfe ab.

Eine der Quellen meines Mißtrauens war immer, daß die größten Eiferer, ob ägyptische Mönche oder calvinistische Bilderstürmer gerne Dinge zerstörten. Da gibt es einen kleinen Webfehler in der Tradition. Einer der nebenher laufenden Grundsätze christlichen Denkens ist, daß Gott aus seiner Schöpfung erkannt werden könne, nur als Anfang, aber immerhin.

Wenn er sich aber inkarniert hat, dann hat er auch die Schönheit der Dinge hervorgerufen, sich dieser Schönheit ausgeliefert, ist ihr Wesen. Man kann sich nicht inkarnieren, sprich ausliefern, und anschließend fröhlich den eigenen Untergang feiern. Wie kann man dann den Satz tröstlich finden, daß eh alles vergänglich sei. Wie kann sich Gott in etwas hinein offenbaren, das er für wertlos hält, auch nach seiner Inkarnation, mit dem er sich gewissermaßen gemein gemacht hat. Das Vergehen der Dinge müßte ihn dann doch persönlich angehen.

Gott aber zerstört nicht seine Schöpfung, er stellt sie wieder her. In jedem unbegrenzten Augenblick von Schönheit wohnt die Präsenz des Ewigen. Darum kehrt auch im Verfall die Schönheit in die Ewigkeit zurück, sie mag vergehen, aber nur für uns. Wir aber können, wenn wir uns über den Verlust von schönen Dingen grämen - und wie viel hat unsere Heimat, dieses alte Reich nicht verloren – uns nur in diesen Strom stellen, der uns zur Quelle der Schönheit zurückträgt, in dem alle Dinge geborgen sind, zu Gott.

Und da das hier ja eine persönliche Ecke der Welt und keine Tageszeitung ist oder so etwas Schreckliches...


Als ich jemandem vorklagte, ich wüßte nicht, was schlimmer sei, die Schlaflosigkeit, die unvorbereitet einfallenden Müdigkeits-Attacken oder die reichlich illuminierten Albträume, wenn es denn doch zum Schlaf kam, und er mir vorschlug, so etwas Interessantes müsse ich doch aufschreiben. Nein. Ich bin schlicht froh, wenn es vorbei ist.

Eine Ausnahme, weil es so rührend banal daherkommt. Man muß Neustrelitzer sein, um das mit dem inneren Auge sehen zu können: Also wenige Schritte von der Tiergartenstraße entfernt (im Rücken das ehemalige Amtsgericht), weiter hinten ragte die Seitenfront der Schloßkirche empor, erhob sich ein runder Tempel, der einen Brunnen umfing. Als ich aufwachte, fing ich pedantisch an, die Säulen zu zählen, waren es acht oder waren es 12? Mein Gott, es war ein Traum.

Unter der Kuppel eine aufrechte Frauengestalt, von der man sofort wußte, daß es die Hl. Jungfrau war, obwohl keinerlei Attribute beigegeben. Unter ihr 4 Engel, damit beschäftigt, 4 Drachen zu beherrschen, aus deren bedrohlich aufgerissenen Mäulern das Wasser ins Brunnenbecken floß. Die Jungfrau war in Verbindung mit allem, sie streckte ihre Hände ermutigend den Engeln entgegen, die ihrerseits mit Blicken und Gesten auf sie achteten.

Um den Tempel war ein kleiner Rosengarten.


So jetzt habe ich das einmal aufgeschrieben und kann künftig zur Abschreckung darauf verweisen. Eine gesegnete Nacht und einen ebensolchen Tag.

Starnberg, Marienbrunnen. 1912 
vom Apotheker Vinzenz Gresbek gestiftet, hier gefunden

nachgetragen am 6. Dezember