Sonntag, 13. Oktober 2019

Zum Gedenken an Hans - Jürgen Graf von Blumenthal



Der Abschiedsbrief


Mein innig geliebter Schatz!

Wenn diese Zeilen in Deine lieben guten Hände kommen, dann bin ich nicht mehr auf dieser Welt. Ich bin zum Tode verurteilt, rauche jetzt eine letzte Zigarette und werde in Kurzem hinüber gehen in die Ewigkeit, in der wir uns wiederfinden werden, um niemals mehr getrennt zu werden. Ich nehme mit mir die Dankbarkeit für alles, was Du mir in den vergangenen Jahren gewesen bist und gegeben hast. Sei überzeugt, dass ich unser Glück nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt habe. Gott hat es so gefügt und wir müssen es tragen. Tröste Moi, so gut es geht. Gestern träumte ich, dass Vati in der Tür stände, in Hut und Mantel und sagte: „Komm, mein Junge, es ist Zeit!"

Unseren Trauring wirst Du von hier zugeschickt bekommen, die „Trense“ gab ich in Tegel ab und hoffe, die Zusendung erfolgt von dort aus, bzw. vom Reichssicherheitshauptamt in der Albrechtstraße. Sonstige Verfügungen kann ich nicht treffen, denn mein Vermögen ist dem Staat verfallen.  Über die übrigen Dinge verfüge Du so wie es Dir recht scheint.

Grüße unsere Kinder. Es ist auch für sie ein schweres Schicksal. Verstehen werden sie alles erst sehr viel später. 

In Gedanken schliesse ich Dich noch einmal ganz fest in die Arme. Bald wird das, was an mir unsterblich ist, immer um Dich und unsere Kinder sein, bis auch Ihr eingeht in das Ewige Leben und Du dann aufs Neue untrennbar verbunden bist mit

Deinem Dich innig liebenden
Peter


Der Abschiedsbrief wurde am 13.Oktober 1944 vom Grafen von Blumenthal kurz vor seinem Tod durch Hängen in Plötzensee geschrieben. Am selben Tage war er vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt worden.

Der nachfolgende Beitrag erschien zuerst im "Nordkurier am Wochende" vom 12. / 13. Oktober 2019. Hier erscheint er in ungekürzter und unveränderter Fassung.


Konstantin Graf von Blumenthal über seinen Großvater

Blumenthal im Herbst 1939 am "Westwall"...
© Konstantin Graf von Blumenthal 

Am 13. Oktober 2019 liegt die Hinrichtung des Neustrelitzers, Carolinum-Absolventen, Offiziers und Widerstandskämpfers Hans Jürgen Graf von Blumenthal, meines Großvaters, genau 75 Jahre zurück.

Für seine Beteiligung am gescheiterten Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 wurde er am 13. Oktober 1944 im Alter von 37 Jahren vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode sowie zusätzlichem Vermögensverlust verurteilt und kurz darauf in Berlin-Plötzensee mit einer Drahtschlinge erhängt. Todeszeitpunkt laut Sterbeurkunde: 15.07 Uhr.

Geboren wurde er am 23. Februar 1907 in Potsdam als Sohn des dem Kaiserhaus eng verbundenen Offiziers Grafen Hans von Blumenthal (1869–1944) und seiner Ehefrau Melanie (1875–1953), geb. Gräfin von der Schulenburg. Hans Jürgen hatte eine zwei Jahre jüngere Schwester, Sigrid, seit 1930 verheiratete Prinzessin zu Ysenburg und Büdingen.

Die Grafen von Blumenthal gehen im Mannesstamm auf das mittelalterliche niedersächsische Hochadelsgeschlecht der edelfreien Herren von Diepholz zurück. Ein Zweig dieser Familie erwarb die Herrschaft Blumenthal in der Prignitz, die 1296 namengebend wurde. Hans Jürgens Ururgroßvater, Heinrich Graf von Blumenthal (1765–1830), einer der größten Grundbesitzer Preußens, zählte zu den Vorreitern der Bauernbefreiung. Das Scheitern der gegen die Herrschaft Napoleons gerichteten Befreiungsversuche von 1809 führte 1810 zum Verlust Blumenthals und aller anderen Besitzungen mit Ausnahme einiger im Umland von Neustrelitz gelegener Güter.

Blumenthal wuchs in Potsdam im Umfeld des kaiserlichen Hofes auf. Für den Prinzen Wilhelm, ältester Sohn des Kronprinzen, war er zeitlebens wie ein Bruder. Weltkrieg, Revolution und Zusammenbruch erwiesen sich als einschneidende Erlebnisse, der folgenden Weimarer Republik begegnete die gesamte Familie mit Ablehnung.

 Angesichts der katastrophalen Verhältnisse schickten Hans Jürgens Eltern ihren Sohn 1920 nach Schweden zum Grafen Eric von Rosen (1879–1948). Dieser trat als Ethnograph, Archäologe, Gründer der Luftwaffe Finnlands und Vordenker der rechten Kräfte Schwedens in Erscheinung und war Vertrauter des finnischen Heerführers und Staatsmannes Freiherrn Carl Gustaf Emil von Mannerheim. Der schwedische Graf wurde für Blumenthal eine Art „Vizevater“, sein Schloss Rockelstad ein zweites Elternhaus. Das Jahr 1923 machte Rosen zum Schwippschwager Hermann Görings.

Schon als Jugendlicher engagierte sich Blumenthal im „Jungstahlhelm“, Jugendorganisation des nationalkonservativen Wehrverbandes „Stahlhelm“. Dort erhielt er eine militärische Ausbildung und begann parallel seine journalistische Tätigkeit.

Nachdem die Großherzogin-Witwe Elisabeth von Mecklenburg-Strelitz Hans Jürgens Vater zu ihrem Generalbevollmächtigten ernannt hatte, zog die Familie 1927 nach Neustrelitz. Hans Jürgen besuchte das Gymnasium Carolinum, wo er 1928 Abitur machte und am 29. März die Abschiedsrede hielt.

Als Student unternahm er von Oktober bis Dezember 1930 eine Debattenreise durch die USA, besuchte Universitäten in 12 Bundesstaaten, traf Politiker, Schriftsteller, Historiker, Journalisten und Offiziere. In Vorträgen kritisierte er Versailler Vertrag und Young-Plan scharf. Gegen seine von der amerikanischen Öffentlichkeit positiv aufgenommenen Äußerungen protestierte der deutsche Botschafter offiziell über das Auswärtige Amt wegen „nationalistischer Agitation“ Blumenthals und erklärte ihn „für Missionen im Ausland aus Gründen der Gefährdung der Republik für ungeeignet“. Hans Jürgen bemerkte, das empfände er als Anerkennung.

Aus Blumenthals anfänglichem Wohlwollen gegenüber den Nationalsozialisten wurde seit Juli 1930 Feindschaft. Von Adolf Hitler persönlich überbrachte großzügige Angebote wies er rigoros zurück. In den Führern der NSDAP sah er „Perverse“ mit „Freude am Quälen“, ein „Geschwür“, das „ausgedrückt“ werden müsse, bevor es „die ganze nationale Front vereitert“. Am 4. Dezember 1932 unternahm er in „Der Stahlhelm“ einen journalistischen Frontalangriff auf Hitler, der mit folgenden Sätzen endet: „Darum Schluß mit dem Wahn von der Berufenheit der NSDAP, Schluß mit dem Aberglauben an den Wundermann Hitler! Es geht nicht um Parteien und Personen; es geht um Deutschland!“.

Bereits im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934 sollte Blumenthal daher ermordet werden. Nur durch Zufall überlebte er. Seine Mutter schreibt, „Hitler verfolgte meinen Sohn mit glühendem Hass“.

1938 beteiligte sich Hans Jürgen, seit Ende 1935 Berufssoldat, an einer militärischen Verschwörung mit dem Ziel, Hitler zu töten. Das Münchner Abkommen vereitelte dieses Unterfangen jedoch.
Ein Jahr später heiratete er Cornelia von Schnitzler (1905–1977), gesch. von Kries, die aus ihrer ersten Ehe schon zwei Kinder hatte. Sie war Miteigentümerin des Schlosses Klink und der dazugehörigen Güter. Weitere Anteile besaß ihre Mutter Hedwig, wie Cornelia überzeugte Nazigegnerin. Aufgrund seiner Hochzeit und des innigen Verhältnisses zur Schwiegermutter übernahm Hans Jürgen nach seiner schweren Verwundung sogar die Bewirtschaftung des Besitzes.

Im Krieg kämpfte er zunächst in Frankreich und wurde dabei mehrfach ausgezeichnet. Danach in Polen stationiert, schrieb er unter Pseudonymen Bücher. Zugleich kam sein einziges Kind, der Sohn Hubertus (1941–1991), auf die Welt. Auf dem Russlandfeldzug zerfetzte dann am 30. Juli 1941 ein Dumdum-Geschoss Hans Jürgens rechten Arm. Nach monatelangen Lazarettaufenthalten folgte seine Versetzung ins Oberkommando des Heeres.

Bald wieder im Kontakt zum Widerstand, war er aktiv in die Vorbereitungen für den Umsturz des 20. Juli 1944 eingebunden. Neben seiner Tätigkeit als Verbindungsoffizier für den Wehrkreis II (Stettin) hatte er auch einen „Erlaß über die vorläufige Kriegsspitzengliederung“ ausgearbeitet. Durch diesen sollten nach erfolgtem Umsturz die Fronten stabilisiert werden. In den letzten Wochen vor dem Attentat kam es zu zahlreichen konspirativen Treffen Blumenthals mit dem Grafen Stauffenberg.

Der Umsturzversuch scheiterte.

... und während des Prozesses, Stunden vor seiner Hinrichtung
© Konstantin Graf von Blumenthal 

Die letzten Stunden des Zusammenbruchs der Widerstandbewegung erlebte Blumenthal vom frühen Abend an im Bendlerblock unmittelbar mit. Seiner Frau beschrieb er entsetzliche Szenen mit vielen menschlichen Enttäuschungen. Eine Fluchtmöglichkeit nach Schweden lehnte er ab, denn „der preußische Offizier steht zu seiner Tat“. Am 23. Juli wurde er von der Gestapo verhaftet. Seiner Bitte entsprechend vernichtete daraufhin seine ebenfalls im Widerstand aktive Mutter alle auf ihre illegale Tätigkeit hinweisenden Dokumente. In der Haft wurde Blumenthal schwer gefoltert. Zeugen zufolge dadurch „entstellt“, habe er der Folter dennoch standgehalten.

Für seine Hinrichtung war Blumenthal geistlicher Beistand verweigert worden. Auf dem Weg zur Richtstätte kam es aber zufällig zu einem kurzen unbemerkten Blickkontakt Hans Jürgens mit dem Domkapitular Peter Buchholz. Dieser berichtete 1946 „über das Ende des tapferen Grafen Blumenthal“, der „ungebrochen und in aufrechter Haltung seinem Schicksal entgegengegangen ist“.

Konstantin Graf von Blumenthal

Konstantin Graf von Blumenthal ist der Enkel und einzige lebende Nachfahre von Hans - Jürgen Graf von Blumenthal.




Am Sonntag fand in Neustrelitz aus Anlaß seines 75. Todestages eine Gedenkstunde für Hans Jürgen Graf von Blumenthal statt. Vor dem damaligen Wohnhaus der Familie wurde anschließend ein Kranz niedergelegt und der oben dokumentierte Abschiedsbrief verlesen.

Auf dem Grabstein seines Vaters Hans Adam Oskar Karl Fritz Graf von Blumenthal, der auf dem Neuen Friedhof der Residenzstadt bestattet ist, findet sich eine Gedenkinschrift für den Sohn. Über den Verbleib von dessen Leichnam ist nichts bekannt.



© Konstantin Graf von Blumenthal 

nachgetragen am 18. Oktober

Samstag, 12. Oktober 2019

Bei Land - Baumeister Buttel II


Friedhöfe sind ein Gedächtnis des Ortes. Weniger der Namen, die allgemein schnell unverständlich werden, aber woran die Bewohner Gefallen fanden, was dem Gestalt gab, das ihnen bedeutend schien, was sie tröstete, ihnen Halt gab, worauf sie hofften. An der Hohenzieritzer Straße findet sich der dem Neustrelitzer bekannte Friedhof, den man vielleicht nur den Neuen nennen sollte, um wenigstens im Namen noch an den alten zu erinnern.

Der alte lag am Ende der Strelitzer Straße, begrenzt des weiteren von der Friedrich-Wilhelm- und der Augustastraße, und so sehr sich in dem jetzigen Kultur-, Lebens- und Geistesgeschichte der Bewohner dieser Stadt vielfältig ablesen lassen - es fehlen uns gute 100 Jahre. Denn geweiht wurde dieser 1769 (es war schon der 2.), genutzt wegen Platzmangels nicht viel über die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts hinaus, zuletzt in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts als Urnenfriedhof.

Er kam nach dem Bau (ab 1843) und der Erweiterung (ab 1859) der Infanteriekaserne in der Strelitzer Straße auch zunehmend in Bedrängnis, verblieb aber in zurückgenommener Form als Park mit alten Monumenten und barocken Grabdenkmalen und vor allem der Zesterfleth-Kapelle ein stimmungsvoller und geschichtsversunkener Ort. Bis 1945 dann das andere kam und der Ort verschwand.

In der Nr. 89 des Carolinums kann man in einem Aufsatz von Annalise Wagner nachlesen, was dort verloren gegangen ist. Und das übrig gebliebene letzte lädierte Mausoleum sieht man unten im Bild.

Zesterfleth-Kapelle (1945 abgerissen)




Jetzt wären wir auch schon auf dem neuen Friedhof. Annalise Wagner, von der eben die Rede war und deren Name in Neustrelitz noch des öfteren fällt, ist dort begraben. Dieser Friedhof wurde angelegt, als, wie schon erwähnt, der alte zu klein wurde. 1849 erwarb die Kirchenökonomie ein Stück Land von der Forstverwaltung, das von Kiefernwald bestanden war.

Großherzog Georg gab die Mittel, um das Gelände einzuebnen und mit einer filigranen Backsteinmauer einzufrieden und von der damaligen Neubrandenburger Chaussee abzugrenzen. Im 4. Bild des vorigen Beitrages (ich hatte dort erläuternde Nachträge versprochen, es hat etwas gedauert) kann man sie im Hintergrund finden. Die Mauer, wie die 1852 vollendete und ebenfalls vom Großherzog gestiftete Friedhofskapelle, stammen von Buttel, geweiht wurde der Ort bereits 1851.

Auch zu diesem Friedhof hat Frau Wagner selbstredend etwas geschrieben, in der 80. Nr. des Carolinums ab Seite 18 nachzulesen.


Diese beiden Bilder erinnern an zwei bedeutende Neustrelitzer Gestalten, die sich um die Bewahrung des Strelitzer Erbes Verdienste erworben haben. Einmal Walter Karbe, der große Erforscher der Geschichte dieser Region, dessen letzter, vergeblicher Kampf der um den Erhalt der Mecklenburg-Strelitzschen Landesbibliothek war († 25. Oktober 1956).

Der zweite Name ist der des Konrad Hustaedt († 17. Oktober 1948) Autor, Forscher, Kunsthistoriker und Konservator des Mecklenburg-Strelitzschen Landesmuseums.


Geht man durch die langgezogenen Alleen des Friedhofs, wandert man wie durch ein Geschichtsbuch. Und wem die hiesige Geschichte etwas sagt, der stößt immer wieder auf bekannte Namen, und kann sich an unbekannten Familiengräbern aus den Inschriften doch wenigstens ein wenig an Geschichten erschließen. Er stößt auf die Trauer um Gefallene oder die Verzweifelten von 1945 und ganz am Ende auf einen Gefallenenfriedhof, der sich mit seinem zentralen Monument etwas merkwürdig ausnimmt.

Nicht des Namens von Großherzog Adolf Friedrich VI. wegen natürlich - das Denkmal wurde also noch im Kriege angelegt - oder überhaupt der Inschrift wegen, sondern diese Form eines gewissermaßen gesprengten und wieder zusammengefügten großen Findlings wirkt auf mich etwas gespenstisch. Wie auch immer. Auch Soldaten nichtdeutscher Herkunft sind dort übrigens beigesetzt.






Auf dem Weg zurück zum Eingang und zur von Friedrich Wilhelm Buttel erbauten Friedhofskapelle kommen wir an seinem eigenen bescheidenen Mausoleum vorbei. Das auf dem nachfolgenden Bild, am Ende der Allee, ist übrigens das seines Sohnes, des Bürgermeisters Hermann Buttel.

Das Lebensende des für unser Land so prägenden Baumeisters ist von seinem Freitod überschattet. Am Ende war er der Bürde seines Lebens nicht mehr gewachsen - Arbeitsüberlastung, gleichzeitige gesundheitlichen Einbußen (er war deutlich über 70 und hätte längst pensioniert werden müssen), familiäre Belastungen, der Verlust seiner Frau nach langer Krankheit, an seinem großen Werk, der Schloßkirche, waren die von ihm befürchteten Bauschäden aufgetreten – so warf er diese Bürde selbst ab.

Aber wie viel Schönes hat er uns bleibend hinterlassen, in Neustrelitz die Schloßkirche vor allem, aber auch die von ihm umgebaute Orangerie, Fürstenberg, die Klosterkirche in Malchow, die Dorfkirche in Liepen, viele andere Dorfkirchen... Allein eine Liste seiner Bauten würde hier nur unnötig ermüden.

Ich habe erneut nachgelesen, was ich vor Jahren einmal zur Schloßkirche und zu Buttel selbst geschrieben hatte (ich muß damals einen meiner lichteren Momente gehabt haben), und jetzt mache ich etwas, das man eigentlich nicht tut - ein Selbstzitat.

Ich hatte die Schloßkirche einen Ort von transzendenter Schönheit genannt und gemeint, Buttel gehöre zu den wenigen, "die beides vermochten, die Idee einer irdischen Schönheit aufzuzeigen, die mit jedem Ziegelstein über sich hinaus wächst, und zugleich das Bild einer spannungsvollen Ruhe vorzustellen...

Oder um die nüchterneren Worte seines Freundes Roloff zu zitieren, der ihm eine kurze Gedächtnisschrift nach seinem Tode hatte drucken lassen: ‚Andererseits sind aber auch die Baukünstler wieder die Schöpfer und Urheber eines sich allgemeiner verbreitenden und durch den steten Anblick des Schönen und Großartigen sich nach und nach einlebenden bessern Geistes und edlern Geschmackes, und groß ist deshalb ihr Verdienst...‘"

Und noch einmal ein böses Selbstzitat: „Es ist nicht zwangsläufig der Wirkungskreis, der einen Mann bedeutend macht, im Grunde ist es immer der Mann, der dem Ort seines Wirkens Bedeutung verschafft.“




Buttel wird, wie man leicht nachrechnen kann, am 4. November seinen 150. Todestag haben. Wenn ich es recht überschaue, wird es ein eher stilles Gedenken an diesem Ort werden. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch. Und wenn, seine Bauten übernehmen diese Aufgabe ganz gut selbst.


nachgetragen am 15. Oktober 

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Freitag, 4. Oktober 2019

Jessye Norman - Im Abendrot


Richard Strauss - Vier letzte Lieder, IV., „Im Abendrot“ 
Jessye Norman & Gewandhausorchester Leipzig mit Kurt Masur,
 1982, hier gefunden 

Joseph von Eichendorff

Im Abendrot

Wir sind durch Not und Freude
gegangen Hand in Hand;
vom Wandern ruhen wir [beide]
nun überm stillen Land.

Rings sich die Täler neigen,
es dunkelt schon die Luft.
Zwei Lerchen nur noch steigen
nachträumend in den Duft.

Tritt her und laß sie schwirren,
bald ist es Schlafenszeit.
Daß wir uns nicht verirren
in dieser Einsamkeit.

O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendrot.
Wie sind wir wandermüde--
Ist dies etwa der Tod?

At sunset

We have through sorrow and joy
gone hand in hand;
From our wanderings, let's now rest
in this quiet land.

Around us, the valleys bow
as the sun goes down.
Two larks soar upwards
dreamily into the light air.

Come close, and let them fly.
Soon it will be time for sleep.
Let's not lose our way
in this solitude.

O vast, tranquil peace,
so deep in the evening's glow!
How weary we are of wandering---
Is this perhaps death?

Übersetzung hier gefunden

Da Jessye Norman davon ausging, eine Amerikanerin zu sein, wollen wir gelegentlich englische Übersetzungen beifügen. Sie selbst bedurfte solcherlei nicht, wie man aus diesem wunderbaren Gespräch leicht ersehen kann (Jessye Norman interviewed by Patrick Watson). Allein nur, in welcher Weise sie dort über das nachfolgende Lied spricht (ab etwa 5.44), zeigt, wie tief sie wußte, was sie sang. Musik solcher Art ist wie ein Haus für die Seele, zugleich in und außer dieser Welt.

Gustav Mahler / Friedrich Rückert: 
"Ich bin der Welt abhanden gekommen"
Jessye Norman mit Zubin Mehta 
und den New Yorker Philharmonikern, hier gefunden

Friedrich Rückert

Ich bin der Welt abhanden gekommen

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!

I am lost to the world…


Jessye Norman (2014)

Jessye Norman, geboren am 15. September 1945 in Augusta (Georgia), starb am 30. September in New York. Ich hätte gern ein Photo der Kirche (Mount Calvary Baptist Church) eingefügt, in der sie bereits als Vierjährige sang. Doch nicht nur in Leipzig kann man häßliche Kirchenneubauten errichten. Daher nehme ich stattdessen lieber eines der First Baptist Church, ebenfalls Augusta. Die Stadt wurde übrigens nach Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg benannt, der Mutter König Georgs III. 

First Baptist Church, Augusta, Georgia

In der Begegnung mit herausragenden Gestalten zeigen Menschen oft mehr von sich, als ihnen offenkundig bewußt ist. So in diesem Gespräch der „berühmte“ BBC Journalist Stephen Sackur, der in schwer erträglicher Weise seine Beschränkungen herausstellt und im Grunde nur in verschiedenen Variationen über Rassismus reden will. Und dabei nicht den Eindruck erweckt, an ihren geistig-musikalischen Einsichten wirklich Anteil zu nehmen. ("You almost suggest positive discrimination", jauchzt er einmal auf, und sie widerspricht heftig (21.50) - der Unterschied zwischen selbstgefälliger Attitüde und wissender Anteilnahme. Das hat zu genügen.) Nur ihrer souveränen Antworten wegen sollte man sich das Ganze antun. Denn dann hört man etwa von ihrem Vorbild Marian Anderson.


Marian Anderson; J. S. Bach: Johannespassion,"Es ist vollbracht"
(englisch), hier gefunden

Und ausgerechnet der verquere Herr Biolek läßt sie (auf Deutsch!) mit seinen verschusselten Fragen in dieser Sendung von 1993 so authentisch und persönlich erscheinen, wie dies nur tatsächlicher Respekt und aufrichtige Verehrung möglich machen.

„Königin der Oper, Kaiserin des Konzerts, Göttin des Lieds“ überschreibt Herr Manuel Brug seinen Nachruf, der trotz dieses Fanfarenstoßes sehr nuanciert und kenntnisreich ausfällt.

Und Herr Klonovsky schreibt in seinem mehr persönlichen Beitrag: "Die Norman hatte etwas Majestätisches." Und ihr Strahlen nach jedem Lied sei fast noch überwältigender gewesen als ihre Stimme selbst. Und auch in dem, was er sonst zu vermelden hat, tritt der Enthüllungsfaktor auf, den ich oben erwähnte.

Ich selbst möchte mich (auch beim Blick auf mein nächtliches Geschreibsel) von solchem lieber ausnehmen. Ja, sie hatte eine überwältigende Hoheit, mit der sie selbst ihre wundeste Empfindsamkeit der Welt stolz ins Gesicht schleuderte.

Und wie deutsch sie war, wenn sie Wagner oder Mahler sang. (Oder auch französisch. Wenn man viel Zeit hat - "Poème de l'Amour et de la Mer"; op. 19; Ernest Chausson.) Eine königliche Seele, die, durch die Reiche der Musik wandernd, diese singend in Besitz nahm.

Jessye Mae Norman ist jetzt in den Händen der Engel.

Herr schenke ihr Deinen Frieden.
Und das ewige Licht leuchte ihr.

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten und die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen und durch Christus, der für dich gestorben ist, soll ewiges Leben dich erfreuen.


Jessye Norman "Give Me Jesus", 1990

Give me Jesus

Oh when I come to die
Oh when I come to die
Oh when I come to die
Give me Jesus
Give me Jesus
Give me Jesus
You can have all this world
Give me Jesus!

Dark midnight was my cry...
Give me Jesus...
You can have all this world
Give me Jesus!
You can have all this world
Give me Jesus!