Sonntag, 8. Mai 2022

Preußische Predigten II

Nikolkoe, St. Peter und Paul, kolor. Lithographie ca. 1850,

Trauerfeier für IKH Prinzessin Luise von Preußen

„Ganz, aus großer Ferne, trifft uns noch einmal der Schimmer eines fast vergessenen Glanzes.

Ganz, aus größter Ferne, erreicht uns ein Ton, der lange nicht gehört wurde. Wie ein Traumbild steht vor uns der Zug von Generationen einer hochwürdigen Familie, die auf den Königssohn Carl zurückgeht, heldenhafte Generale hervorbrachte, Schönes schuf und in Gottesfurcht lebte. Ganz am Ende dieses Zuges erblicken wir, die wir heute begraben: IKH Prinzessin Luise von Preußen.“

„In zweifacher Weise ist die Prinzessin heimgekehrt. Diese Kirche steht im Garten ihrer Kindheit und Jugend, dieser Ort ist die Ursprungsstätte ihrer Familie, bei den Ihren werden wir anschließend betten, was sterblich an ihr war.

Sie ist aber auch heimgekehrt in den Ursprung allen Lebens, zu dem, der sie im Leben gesegnet hat und sie zum Segen werden ließ.“

„Ohne oder gar gegen ihre eigene oft so tragische Geschichte zu leben, war misslungen. Ihr war im Grunde nur der Name geblieben, den sie nun mit größtem Stolz wie ein Zeichen ehrfurchtgebietend durch eine Zeit trug, die vieles gar nicht mehr verstehen wollte, und für die sie geradezu ein Artefakt fremder Welten war. Aber gerade darum erklärte sie immer wieder geduldig die Wege ihres eigenen Lebens und erzählte aus Zeiten, die uns sagenhaft fern scheinen, durch die sie aber gegangen ist.“

„Sie hatte ein beeindruckendes Empfinden für die Tragik des Jahrhunderts, das wir hinter uns gelassen haben. Bereits ihre bloße Gegenwart machte deutlich, dass die Geschichte nicht das Toben anonymer Mächte über den Köpfen der Völker ist, sondern schlicht das, was Menschen tun.“

„Im Garten ihrer Kindheit und Träume werden wir, was sterblich an ihr war, beisetzen. Auf ihre Weise wird sie nun Glienicke wieder in Besitz nehmen. Und einmal, wenn der Friedhof im Park seinen verwunschenen, stillen Charakter wiedergefunden hat, wird sich vielleicht ein Wanderer dorthin verirren, und ein Kundiger wird ihm erklären: Hier ist sie versammelt, die Familie des Prinzen Carl von Preußen, der ein Sohn der verehrten und sehr geliebten Königin Luise gewesen ist, und die ihrem Lande ein Zeichen war, und die Gott fürchtete.

Und der Schimmer fast vergessenen Glanzes trifft ihn ganz. Amen“

Das sind Worte aus der Predigt, die Herr Roloff im Jahre 2009 zur Beisetzung der Prinzessin Luise Viktoria von Preußen gehalten hat (der vollständige Text findet sich hier, wo sich auch Näheres zu ihrem Leben aufsuchen läßt). Es war ein Leben, hin und hergeworfen in den sich überstürzenden Zeitläuften, etwas, was sie mit vielen teilen mußte, voller Verluste, die Eigenes verunmöglichten, so wie es das obige Zitat andeutet.

Haus Lehnitzsee, Bild von hier

Nach einem der Schicksalsschläge bezog ihre Mutter das Haus Lehnitzsee in Neu Fahrland, es ist hierüber abgebildet. Durch den Zugriff des nationalsozialistischen Staates verlor die Familie das Schloß Glienicke, das eigentliche Symbol ihrer Geschichte (über Glienicke und seine Bedeutung für diese Linie des Hauses Preußen kann man Wesentliches im Zusammenhang mit dem vorigen Beitrag zur Trauerrede auf den Prinzen Friedrich Karl finden, mit dem die Linie im Mannesstamm erloschen ist (Preuß. Predigten I).  

Er erwähnt die eigentümliche, durch die Mächtigen jener Jahre belauerte und verdächtigte Stellung, in der die Angehörigen vormals regierender Häuser lebten. Ein Gedanke, der sich dabei unvermittelt einstellt: Wenn es ein Kontinuum in der jüngeren deutschen Geschichte gibt, dann das Mißtrauen gegen die vormals regierenden Häuser. Es hatte in der sog. DDR ungebrochen Bestand und ist häufig selbst in dieser Republik noch lautstark anzutreffen. Und das, wo doch alle genannten Systeme so grundverschieden voneinander sein wollen. Merkwürdig, wie aufschlußreich.

Das Leben-müssen über Brüche hinweg hatte sie mit vielen zu teilen. Aber sie gebot über ein Erbe, dem diese Zeiten nichts anhaben konnten. Ihr blieb, dieses zerbrochene Jahrhundert mit Haltung durchzustehen. 

Auch wir stehen nun gewissenmaßen vor einem Bruch. Denn es ist schwierig zu übergehen, daß ihre Gestalt bei einem bekannten, durchaus nicht unumstrittenen italienischen Schriftsteller erscheint. Aber den Bericht davon wollten wir an das Ende verbannen.

Seine Geschichten sind, sagen wir, wahr erfunden, sie könnten so geschehen sein, weil die berichteten Geschehnnisse so stattgefunden haben, sie sind wahr, weil sie mit greller Schärfe zugespitzt den Charakter und Wert von Personen wahrhaftig beschreiben. Sie erzählen von grausamen Dingen einer traurigen und grausamen Zeit, und sie tun das in einer nichtgefälligen, aber unterhaltsamen Art. Das ist nicht das einzige, was verstört.

Malapartes Stil in seinem Roman „Kaputt“, von ihm reden wir, läßt sich an einem Beispiel am schnellsten illustrieren. Es geht um den kroatischen Anführer während des 2. Weltkriegs Ante Pavelić, der uns zunächst trügerisch wohlwollend geschildert wird, wenn auch auf bereits mißtrauisch machende sperrige und gleichzeitig überziehende Weise. Unser Mißtrauen entstand zurecht.

"Ich beobachtete Ante Pavelić, seine dicken behaarten Hände, seine niedrige, harte, eigensinnige Stirn, die unförmigen Ohren. Eine Art Mitgefühl ergriff mich für diesen schlichten, guten, großzügigen Mann, der mit so einem feinen Empfinden für Menschlichkeit begabt war. Die politische Lage hatte sich in diesen Monaten sehr verschlechtert. Der Partisanenaufstand loderte durch ganz Kroatien... Wie sehr muß er leiden, dachte ich, dies goldene Herz."

"Während des Gesprächs bemerkte ich einen Korb aus Weidengeflecht...'Sind das dalmatinische Austern?' fragte ich den Poglawnik. Ante Pavelić hob den Deckel vom Korb und zeigte die Muscheln und kleinen Meerestiere, diese schleimige und gallertartige Austernmasse und lächelnd sagte er, mit seinem gutmütigen und müden Lächeln: 'Es ist ein Geschenk meiner getreuen Ustaschas: zwanzig Kilo Menschenaugen.'"

Alle seine Geschichten sind von dieser Art: Kannibalismus unter russischen Kriegsgefangenen, dem die deutschen Soldaten freundlich zusehen. Jüdische Zwangsprostituierte, die regelmäßig nach 20 Tagen erschossen werden. Dies und anderes Grausames mehr will Malaparte der Prinzessin in Potsdam erzählt haben.

 Was von diesen Geschichten, die das gesamte 4. Kapitel umfassen, er der Prinzessin tatsächlich zugemutet hat, ja ob überhaupt, darüber ist schwer zu mutmaßen. Er ist ein scharfer Charakterzeichner und seine Beschreibungen wirken auch in dem, was ihre Person betrifft, sehr authentisch. "Don't be so Potsdam, Luise!" ruft ihre Freundin aus, eine sehr überzeugende Szene, wie ich höre. Manches hat er erkennbar dazuerfunden (er macht aus ihr eine Enkelin des letzten Kaisers), aber vorherrschend wirkt vieles stimmig. 

Als Unterhaltung eines Tages ist es natürlich undenkbar. Aber gäbe es einen wirklichen Kern als Begebenheit. Ist es vorstellbar, daß er die Prinzessin mit all diesem traktierte?

Man könnte es auch so sehen und sagen: Malaparte beichtet der Prinzessin das Jahrhundert als einem Gewissen, das über diesem steht. Aber für wen fordert er da dann die Absolution ein? Wir wollen diesen verwirrenden Gedanken entgehen und von einer letzten Szene berichten, die tatsächlich geschehen ist. 

Beim Verlassen der Nikolskoer Kirche St. Peter und Paul neigte sich der Sarg noch einmal leicht Havel und Jungfernsee unten zu, einem Nicken gleich, hinüber zur Pfaueninsel zur Rechten und der Sacrower Heilandskirche zur Linken, als Geste des letzten Abschieds.

nachgetragen am 30. Mai

Sonntag, 1. Mai 2022

Preußische Predigten I

Klein-Glienicke, Greifenfigur am Haupttor, von hier

"Als Friedrich Karl von Preußen am 13. März 1919 in Glienicke geboren wird, ist die Monarchie bereits zerstört. Von Anfang an zeugte also schon sein Name von einer anderen Welt, von vergangener Zeit. Das Oberhaupt der Familie war im Exil, das Land zerrissen, die Gefahren längst nicht gebannt. In allem drückte sich aus, dass diese Welt noch weniger Heimat sein konnte als jemals und auch ein königlicher Prinz nur ein Wanderer ist, ohne bleibende Stadt. Ist dort schon die Ursache zu suchen für das Unbeständige, das sein Leben immer wieder tragisch überschattete?"

"Von dort ist er nun hierher heimgekehrt. Als den letzten Herrn auf Glienicke werden wir ihn anschließend auf dem Prinzenfriedhof beisetzen, auf dem auch schon seine Eltern ruhen. Sein Leben, wie auch sein Leib sind nun zu Asche verbrannt. Mehr wäre also nicht zu sagen, wenn er nicht getauft wäre in Jesus dem Christus, denn dadurch ist er von Gott geboren.

Gott prüft uns in unserem Leben, zuweilen entreißt er uns was wir lieben, zuletzt ruft er uns selbst aus dieser Welt, aber niemals verlässt er uns."

"Die Bedeutung der großen Familien ist doch auch darum gesunken, weil das Bewusstsein von der Einheit, Gemeinsamkeit und von dem Wert der Geschichte geschwunden ist. Wir alle werden diese Gewissheit aber nur wiederfinden in dem Glauben, der Menschen und Völker untereinander verbindet und auch zu dem Gott führt, der in Christus alles niederreißt, was uns trennen will und sei es der Tod."

Diese Worte sind aus der Traueransprache (man findet sie hier), die Herr Roloff am 13. Juli 2006 zur Beisetzung von Friedrich Karl von Preußen in St. Peter und Paul auf Nikolskoe hielt, mit dem eine Linie des Hauses Preußen im Mannesstamm erlosch, die von Carl von Preußen, Sohn des Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise, begründet worden war. 

Wenn man dem Verweis folgt, wird sich zunächst viel über den Begründer der Linie finden, etwa, was ließe sich Überwältigenderes, Bleibenderes, Trostreicheres über jemanden sagen, als daß er Schönheit in die Welt gebracht hätte. 

Doch diese Reihe will vornehmlich an das erinnern, was über das vergangene Preußen samt unserer Geschichte von Herr Roloff aus verschiedensten Anlässen gepredigt worden ist und hier bereits dokumentiert wurde. Sieben Stücke sind noch einmal ausgewählt und werden von mir knapp eingeführt.

Und um kurz abzuschweifen. Bevor am 9. Mai a.c. die Welt schon wieder einmal untergehen soll, wie manche meinen, mag diese kleine Serie von Untergang und Behauptung, die Erinnerung an Preußen ist derzeit wohl am besten so zusammenzufassen, ein schüchternes Weglicht im Nebel der Zeit sein.

nachgetragen am 5. Mai

Dienstag, 26. April 2022

Der Russe hieß Bosinski – über das verlorene Altarbild der Schloßkirche

Im Dezember 2018 schrieb ich über die Großherzogin Marie: "Die Kopie von 1859 des obigen Abbildes der Hl. Familie von Raffael zieht absolut in den Bann. Es hing einst an der Chorwand links neben dem Altar in der Schloßkirche von Neustrelitz (das eigentliche Altarbild – eine Grablegung Christi von Prof. Kannengießer - ist verloren, ich bilde mir ein, irgendwo gelesen zu haben, die Russen hätten es ´45 zerschossen, kann die Stelle aber gerade nicht wiederfinden)."

Die Russen hießen Bosinski und Dziedo. Genauer, als das Altarbild tatsächlich verlorenging, bekleidete (ab 1959) Gerhard Ernst Bosinski das Amt des Landessuperintendenten des Kirchenkreises Stargard (eine Art Teilbischof desselben in der damaligen Ev.-Luth. Landeskirche Mecklenburgs mit Sitz in Neustrelitz) und Hans Hermann Dziedo war von 1956 bis zu seinem Tod 1965 Pastor an der Schloßkirche. Und in beider Amtszeit fanden Renovierungsarbeiten an der Schloßkirche statt, über die ich eben einen längeren Bericht im Carolinum vom Sommer 1965 finde.

Ich brauche also nicht länger nach der besagten Stelle zu suchen. Ich war einem ärgerlichen Irrtum aufgesessen, den ich umgehend klarstellen will, samt der nun unumgänglichen Namensnennung. Stutzig hätte ich eher werden können. Denn schon im August 2020 erinnerte ich angesichts der aktuellen Restaurierungen in der Schloßkirche an einen Kulturfrevel, der vor Jahrzehnten in der Friedhofskapelle stattgefunden hatte:

Friedrich Overbeck - Bildnis des Malers Johann Carl Eggers, etwa 1816/1820, Bild von hier

"Man sollte bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß mit Carl Eggers Neustrelitz einen Maler aus dem Kreis der Nazarener um Friedrich Overbeck hervorgebracht hat. Sein Auferstehungsengel, ein Freskogemälde in der Friedhofskapelle von Neustrelitz wurde in den 50ern übergeschmiert. Wir wollen den Namen des selbstgefälligen Kirchenmannes, der diese Schandtat begangen hat, nicht aus dem verdienten Vergessen reißen. Übergeschmiert geht halt schnell, wieder Freilegen ist mühsam."

Carl Eggers (1787-1863), Madonna mit der Nelke, vor 1863, von hier

Jetzt aber zu dem Aufsatz eines Prof. Dr. Friedrich Scheven (der Ausgabe 56/57 vom Herbst 70 ist zu entnehmen, daß der 1890 geborene regelmäßige Autor ein in Kunstgeschichte promovierter Theologieprofessor war) unter dem Titel "Erneuerungsarbeiten an den kirchlichen Bauten in Neustrelitz" im Carolinum Nr. 42, Sommer 1965, S. 54ff.). Er ist neben den enthaltenen Nachrichten auch aus anderen Gründen aufschlußreich, u.a. weil der Autor den damaligen Akteuren offensichtlich nahe gestanden zu haben scheint.

Wir starten mit seiner allgemeinen Bemerkung, auf die wir noch werden zurückkommen müssen, nämlich: "Eine große Zahl von Landkirchen ist gründlich überholt, meist recht ansprechend, gelegentlich freilich scheint die Erneuerungsfreudigkeit etwas zu weit gegangen zu sein auf Kosten alter Formen und Einrichtungsgegenstände. Wenn nicht Achtung vor einem Kunstwerk, so hätte doch Pietät und Ehrfurcht vor dem, was die Väter uns zur frommen Nutzung hinterlassen haben, hier und da zu größerer Zurückhaltung mahnen müssen."

Und jetzt sind wir bei der Schloßkirche, genauer, zunächst bei einer höchst widerstrebenden Würdigung der Leistung unseres Buttel:

"Den Anstoß zu den Erneuerungsarbeiten gab die Erinnerung an das 100jährige Bestehen der Schloßkirche, die 1855-1859 unter Großherzog Georg durch Baurat Buttel erbaut wurde. Friedrich Wilhelm Buttel, in dessen Schaffen die Spätromantik sich voll auslebte, hat dem Strelitzer Lande eine Reihe von beachtlichen Kirchenbauten gegeben... Uns muten diese Bauten in ihrer ausgeklügelten Neugotik meist akademisch trocken an, nicht selten in den Turmbauten und Schmuckformen verspielt (Leppin).“

Akademisch trocken und verspielt zugleich! Das muß man erst einmal hinbekommen. Und die Generalkritik - “Wir vermissen einen Bauwillen, der eigene Formen zu finden sucht. Das gilt auch von der Neustrelitzer Schloßkirche, neben der Kirche in Fürstenberg der größte Buttelsche Bau im Lande. Aber das darf nicht hindern, das Beachtliche an ihr zu sehen. Das hat Erich Brückner in Nr. 33 dieser Zeitschrift (1961, S. 49ff.) herausgestellt. Man wird ihm freilich nicht in allen Wertungen beistimmen können. Wir werden das Ganze nur bejahen können, wenn wir Bauformen und Bildgehalte aus dem Geist der Spätromantik historisch zu verstehen suchen.“

Ein nicht untüchtiger Epigone also wohl. Dann kommt er auf das, glücklicherweise etwas günstigere Schicksal der Kirche zu sprechen:

„Der Krieg und die Zerstörung der nahen Schloßbauten hat die Schloßkirche nicht berührt. Aber die Schäden, die sich an dem hundertjährigen Bau bemerkbar machten... erforderten Instandsetzungsarbeiten. Sie wurden im Innern mit Zurückhaltung vorgenommen.“

Abzeichnung des Altargemäldes "die Grablegung" von Georg Kannengießer, 1859, aus Friedrich Wilhelm Buttel: Die neue Schloßkirche zu Neustrelitz, in: Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus (1860), von hier

ursprüngliche Fassung der Chorapsis

Diese „Zurückhaltung“ sah nämlich folgendermaßen aus, und man gewinnt dabei einen Eindruck von dem Geisteszustand der Zeitgenossen: „Am stärksten waren die Eingriffe bei der Chorapsis. Das von neugotischen Zierformen umrahmte große Altarbild von Prof. Kannengießer, mit seinen Ausdrucksformen noch ganz in der Schule der Nazarener wurzelnd, wurde beseitigt. Es mußte mit Recht weichen, denn es war kein Bild, das den heutigen Beschauer hätte erbauen und sammeln können. Mit ihm mußten die im Sinne der Nazarener lieblich gemalten Engelsköpfchen weichen und die die Gewölbezwickel ausfüllenden Waffeleisenmuster.“

Wie hatten wir noch eben gelesen: „Wenn nicht Achtung vor einem Kunstwerk, so hätte doch Pietät und Ehrfurcht vor dem, was die Väter uns zur frommen Nutzung hinterlassen haben, hier und da zu größerer Zurückhaltung mahnen müssen." Ein kleiner Selbstwiderspruch? Weder Achtung vor dem Kunstwerk noch anderweitige Pietät walteten. Was dem Zeitgeschmack nicht gefällt, muß weg!

„An Stelle des Altarbildes schmückt jetzt ein schlichtes, freischwebendes, schmiedeeisernes Kreuz den Altarraum, dessen Kreuzesarme, in Holz geschnitten, mit leuchtender Vergoldung die Evangelistensymbole tragen. Der Entwurf des Kreuzes stammt von der Dresdener Bildhauerin Frau Grossmann-Lauterbach. Der neue Schmuck des Altars fügt sich in seiner grazilen Schwerelosigkeit gut in die neugotischen Formen der Kirche ein. Frau Grossmann hat sich hier ebenso wie in andern Kirchen des Strelitzer Landes als eine feinempfindende Künstlerin bewährt, die Werke zu schaffen versteht, die modernem Stilempfinden entsprechen, sich aber zugleich in den geschichtlich gewordenen Rahmen einfügen..."


Das Ding gibt es immer noch, nur hängt es halt mittlerweile in der Zierker Dorfkirche. Und dann doch noch eine gefühlige Wertung des Buttelschen Meisterwerks, die Schloßkirche,„das ausgeklügelte Werk eines theoretisch und praktisch tüchtigen Baumeisters, dem wir die Achtung nicht versagen können, so fern wir auch seinem Kunstempfinden stehen,“ lasse „uns“ „weithin kalt“. Im Gegensatz zur Stadtkirche nämlich. Aber um die soll es hier nicht gehen.

Das Altarbild von Prof. Kannengießer wurzelte mit seinen Ausdrucksformen also noch ganz in der Schule der Nazarener und hatte daher beiseite geschafft zu werden.

Man muß die Nazarener nicht mögen. Ich habe da teilweise selbst meine nicht unerheblichen Schwierigkeiten. Aber seinen persönlichen Geschmack oder den der Zeit so zum unhinterfragten Maßstab und Muster zu machen, da hilft es sicher enorm, wenn man sich nah zum lieben Gott weiß. Oder noch etwas böser: Ich habe gerade bei Leuten aus dem geistlichen Fach nicht selten den Eindruck, daß sie durch den beruflichen Umgang mit dem Ewigen oft nicht mehr recht zu unterscheiden wissen, wo ihre Person aufhört und die des Herrgott anfängt. So wie offenkundig hier.


Probefreilegungen in der Chorapsis mit wieder eingesetztem Fenster des Erzengel Michael (siehe dortigen Beitrag)


Donnerstag, 21. April 2022

Eichendorff über Lessing – eine Lektüre

Anna Rosina de Gasc: Gotthold Ephraim Lessing, ca. 1767-1768, 

„Aber die halb zaghaften Versuche des Pietismus, wo es das Höchste im menschlichen Leben galt, dieses unsichere Umhertasten des bloßen Gefühls nach dem Lichte, konnte zwei mächtigeren Geistern nicht genügen, die schon damals das Saatkorn einer neuen Zeit für die Nachwelt ausgeworfen; wir meinen: Lessing und Hamann.

Lessing ist… hier zuerst zu nennen. Er hatte das zweischneidige Schwert der Kritik, das der Protestantismus in die Welt gelegt, mutig aufgenommen, aber nicht um des Protestantismus willen, sondern um neue Bahnen zu brechen. Denn so lose, falb und ungewiß, das fühlte er tief, durfte das deutsche Wesen nicht länger hängenbleiben; alles Halbe war ihm in den Tod verhaßt. Der Hochwächter seiner Zeit, wie ihn Gervinus nennt, klopfte er an Hütten und Paläste, rüttelte unbarmherzig Unglauben wie Aberglauben, den eigensinnigen Hochmut und die weichlichen Träumer auf und zwang die Welt, in den Dingen sich so oder so zu entscheiden. Und den gemeinen Schwindel kannte er nicht; auf den unwirtbarsten Höhen, wo anderen die Sinne vergehen, atmete er nur um so frischer auf.

Vor allem begann er damit, in der totalen Verwirrung die ungehörig verschwommenen Elemente der Bildung zu scheiden und zu ordnen. So löste er auch die Poesie aus ihren damaligen Banden französischer Altklugheit, sie sollte fernerhin weder der Moral noch dem Verstande dienen, ihre eigene Schönheit sollte ihre einzige Berechtigung sein. Schon damals, der herrschenden Modebegeisterung entgegen, ignorierte er den Ossian und rühmte Shakespeare, den noch niemand kannte.

Es konnte nicht fehlen, ein solcher Mann mußte die tiefste Bewegung der Zeit, die religiöse, auch am mächtigsten erfassen. In dieser Beziehung sind seine »Wolfenbüttler Fragmente« und »die Erziehung des Menschengeschlechts« besonders berühmt geworden. In den Fragmenten wird Christi Leben und Lehre als ein Versuch dargestellt, den Römern zum Trotz ein irdisches Messiasreich zu gründen, welcher Versuch, als er mißglückte, von den Jüngern dann in den Evangelien schlauerweise bloß geistig gedeutet worden sei. – Die andere Schrift dagegen nimmt die Offenbarung nicht für alle Zeiten geschlossen an, sondern als einen stufenweisen Akt der Erziehung Gottes, einstweilen an dem einzelnen Volke der Juden durchgeführt, weiterhin aber unausgesetzt über Christus hinausgehend.

Wir wollen hier kein Gewicht darauf legen, daß Lessing selbst nur Herausgeber der Fragmente und der Erziehung des Menschengeschlechts ist; die ersteren werden nämlich dem Hamburger Reimarus, die anderen sogar von manchen dem bekannten Landwirt Albrecht Thaer zugeschrieben.

[Lessing hatte die Fiktion in die Welt gesetzt, die Erziehungs-Schrift sei von einem „guten Freund“, der sich gern „allerlei Hypothesen und Systeme“ mache, „um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen“ (Brief an H.S. Reimarus, 16. April 1778). Die zweite Schrift ist also von ihm selbst.] 

Postkarte des Eichendorff-Denkmals in Ratibor. Bild von hier

Aber wenn man den ganzen Mann ins Auge faßt, fühlt man jedenfalls, indem er jene Schriften in die Welt sandte, konnte es seine Absicht nicht sein, der Richtung seiner Zeit zu schmeicheln, vielmehr dieser gradezu den Fehdehandschuh hinzuwerfen, um sie, seiner scharfen unverblendeten Natur gemäß, aus aller Schöntuerei und Halbheit kühn bis zu dem Kulminationspunkte zu treiben, wo es Christ oder Nichtchrist gilt; er wollte keine Scheinheiligkeit, er wollte keinen Scheinfrieden zwischen Vernunft und Religion. 

Er tat es – und das unterscheidet ihn himmelweit von seiner Zeit –, er tat es nicht aus eitler, frivoler Lust am Verneinen, sondern mit dem furchtbaren Ernst, der den Zweifel als eine blanke Waffe ergreift, um sich zu positiver Überzeugung durchzubauen. »Ich hungere«, sagte er von sich selbst, »nach Überzeugung so sehr, daß ich wie Erysichthon alles verschlinge, was einem Nahrungsmittel nur ähnlich sieht.

Die Inspiration der Evangelien ist der breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand herüber helfen, der tue es; ich bitte ihn, ich beschwöre ihn, er verdient einen Gotteslohn an mir.« Hiernach war er auch – wiederum ganz verschieden von seiner Zeit – weit davon entfernt, seine Zweifel für maßgebend oder für mehr als redliche Bestrebung auszugeben. »Ich besorge nicht erst seit gestern«, gesteht er schon im Jahre 1771, »daß, indem ich gewisse Vorurteile weggeworfen, ich ein wenig zuviel weggeworfen habe. Es ist unendlich schwer zu wissen, wenn und wo man bleiben soll.«

Unsäglich aber haßte er insbesondere den flachen Rationalismus der »neumodischen Theologen«. »Man macht uns«, schreibt er an seinen Bruder, »unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte als an ihm (dem alten Religionssystem). 

Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, das man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßte. Und doch verdenkst Du es mir, daß ich das alte verteidige? – Ich bin von solchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, daß, wenn man sie aufkommen läßt, sie mit der Zeit mehr tyrannisieren werden, als die Orthodoxen jemals getan haben.« 

E. Eichens: Joseph von Eichendorff, Stahlstich aus Werke, Berlin, Simion, 1842, Bild von hier

Das sind Worte, die heute noch ebenso schneidend treffen wie dazumal, und wie viele, die sich jetzt auf Lessing stützen, weil sie ihn nicht kennen, würden wieder das: kreuzigt ihn! über ihn ausrufen. Denn er dringt unerschrocken noch unmittelbarer vor, indem er ferner sagt: »Eine gewisse Gefangennehmung der Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens beruht auf dem wesentlichen Begriff einer Offenbarung. 

Oder vielmehr die Vernunft gibt sich gefangen; ihre Ergebung ist nichts als das Bekenntnis ihrer Grenzen, sobald sie von der Wirklichkeit der Offenbarung versichert ist. Dies also, dies ist der Posten, in welchem man sich schlechterdings behaupten muß; und es verrät entweder armselige Eitelkeit, wenn man sich durch hämische Spötter hinauslachen läßt, oder Verzweiflung an den Beweisen der Offenbarung, wenn man sich in der Meinung hinauszieht, daß man es alsdann mit den Beweisen nicht mehr so streng nehmen werde.«

So ist es durchaus eine ernste tiefe Sehnsucht, die durch sein unruhiges Leben wie durch seine Schriften geht. Er ist ohne Zweifel der tragischeste Charakter unserer Literatur: wie er überall treu, offen und gewaltig nach der Wahrheit ringt und dennoch vom Dämon des Scharfsinns (wie Hamann es nennt) endlich überwältiget wird und an der Schwelle des Allerheiligsten unbefriedigt untergeht; aber sein großartiger Untergang ist für alle Zeiten eine belehrende Mahnung an alle, die da ehrlich suchen wollen.

Eine gleich hohe Erscheinung der deutschen Literatur war Hamann (1730–1788), wenngleich auf sehr verschiedenem Standpunkt. Wenn Lessing das religiöse Bewußtsein durch Kritik zu erobern suchte und von Zweifel zu Zweifel langsam, aber sicher vordrang, so war bei Hamann die Erleuchtung wie ein Wetterstrahl, der den Verirrten mitten in der Nacht eines fast verlorenen Lebens getroffen…“

[An späterer Stelle, nachdem Eichendorff Christoph Friedrich Nicolai als rationalistischen Eiferer von zweifelhaftem Charakter gezeichnet hatte, vergleicht er dazu Lessing.]

Daniel Chodowiecki: Profilbildnis von Friedrich Nicolai, Bild von hier

„Lessing, sagt man, war ein Freund von Nicolai. Eine gewisse Kriegskameradschaft hat allerdings zwischen ihnen bestanden, wie überall bei Kampfgenossen, die unter einer Fahne streiten. Aber nicht alle Kameraden sind Helden; es kommt eben nur darauf an, wie sie kämpfen; und beide haben sehr verschieden gefochten. 

Lessing, der, nie sich selber genügend, immer weiter und weiter bis ins Unendliche sich seine Ziele steckte, suchte erst, was Nicolai, in seinem bornierten Gesichtskreise, bereits gefunden und erobert zu haben und daher hartnäckig behaupten zu müssen glaubte. Wir haben oben gesehen, mit welchem tiefen Ernste Lessing auf dem religiösen Gebiete alle schneidenden Waffen des Zweifels gegen das Christentum wandte, damit die Welt ihn widerlege und belehre und sich und ihn endlich aus dem schwankenden Halbwesen zur vollen Klarheit hindurchschlage.

Ebenso gab er seine dramatischen Versuche keinesweges etwa als endgültige Muster…, sondern um andere anzuregen und auf die Bahn zu weisen, auf der sie aus der allgemeinen französischen Lüge auch hier vielleicht zur Wahrheit gelangen könnten. Auch Lessing gehört… wesentlich der Verstandespoesie an. 

Wir statuieren freilich keinen Dichter ohne, wo möglich, recht großen Verstand, aber wir müssen ihm durchaus etwas vindizieren, das über dem Verstande liegt oder vielmehr diesen in einem weiteren Umkreise mit umfaßt; und eben dieses fehlte Lessing.

Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti - Titelblatt der Erstausgabe, 1772, Bild von hier

Seine »Miß Sara Sampson«, sowie »Emilie Galotti« sind eben nur ein tief durchdachtes Schachspiel scharfumrissener Charaktere gegeneinander: Exposition, Szenenfolge, Handlung, alles notwendig Zug um Zug, kein Auftritt kann herausgenommen oder verschoben werden, ohne den ganzen Organismus zu zerstören; die geistvollsten und lehrreichsten Skizzen zu künftigen Tragödien. 

Aber man vermißt die schöpferische Wärme des Gefühls, jene wunderbare Zauberei der Phantasie, welche die Figuren erst lebendig macht; der Dialog ist epigrammatisch oder »lakonisch«, wie ihn Goethe nennt, und beiden Tragödien fehlt der versöhnende Schluß einer durchblickenden höheren Leitung, den auch die geistreichst kombinierte Wirklichkeit niemals zu geben vermag…

Lessing, G. E.: Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück. Zweite Auflage. Berlin: C. F. Voß 1770, Wikimedia: Foto H.-P.Haack

Mit »Minna von Barnhelm« dagegen trat Lessing unmittelbar seinem Ziele näher, ja gewissermaßen schon über dasselbe hinaus. Was er vorhatte, war nämlich nichts Geringeres, als das Schauspiel aus der ganz konventionellen Unnatur des französischen Hoftheaters zur Naturwahrheit einer nationalen Bühne zurückzuführen. 

Zu diesem Zwecke wollte er Stoff und Form zugleich reformieren, er wollte einerseits den Heroismus von dem Kothurn eines angeblich klassischen Altertums möglichst auf den realen Boden der Gegenwart stellen, andrerseits das aufgeblasene Pathos wieder dem natürlichen Konversationstone zu nähern suchen. Beides gelang ihm vollkommen in dem genannten Lustspiel, das eine außerordentliche Wirkung machte und bei vornehm und gering populär wurde, weil hier dem modernen Heldenleben in der bewegten Zeit des Siebenjährigen Krieges ein großer nationaler Hintergrund gegeben war. 

Anders verhält es sich, wo dieser Boden künstlich erst geschaffen werden mußte, wie in Miß Sara Sampson, oder, wie in Emilie Galotti, die alte rauhe Römertugend willkürlich mitten in die neuen Verhältnisse verpflanzt werden sollte. Jedenfalls aber war der Weg, den Lessing zur Lösung seiner kühnen Aufgabe eingeschlagen, keineswegs der richtige und wenigstens für die Tragödie ein sehr bedenklicher Umweg. 

Denn die Tragödie bedarf, wie das Epos, eines weiten Horizonts, einer poetischen Ferne, wo die Phantasie ihre blauen Berge und großen Konturen fein und ungehindert ziehen kann, während das Heldenbild von dem Rahmen der unmittelbaren Gegenwart fast jederzeit erdrückt wird, gleich wie es keinen Helden für seinen Kammerdiener gibt, weil ihn dieser nur in dem kleinlichen Kreise der gewöhnlichen Alltäglichkeit erblickt. Ja, auf diesem Gebiet üben in so unmittelbarer Nähe selbst die zudringlichen Kapricen der geselligen Konvention und des Kostüms eine störende und doch nicht zu beseitigende Gewalt aus…

Auch die von Lessing versuchte, im Nathan jedoch wieder aufgegebene Herabstimmung der Tragödie vom Verse zu Prosa können wir ebensowenig… als einen Fortschritt anerkennen. Die Rede wurde freilich dadurch natürlicher, aber das Natürliche darum nicht poetischer. 

Wir wissen recht wohl…, wie leicht sich aus Jamben hohle Phrasen drechseln lassen; allein der bloße Mißbrauch kann doch nirgend das an sich Rechte unrecht machen… Und so hat denn Lessing, überall verkannt, mißverstanden und kläglich nachgeahmt, in der Tat durch seinen reformatorischen Vorgang allmählich auf ein Heldentum im häuslichen Schlafrock, zu der bürgerlichen Tragödie geführt, die im Grunde doch nur ein lederner Schleifstein ist.“

Lessing und Johann Caspar Lavater zu Gast bei Moses Mendelssohn, Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1856), Bild von hier

[Nachdem Eichendorff einige recht verschiedenrangige Literaten des ausgehenden 18. Jahrhunderts beschrieben hat, um den Zeitgeist vorzustellen, kommt er noch einmal auf Lessing zu sprechen.]

„Es ist aus allen diesen Vorgängen leicht ersichtlich: das positive Christentum war, unter den Gebildeten wenigstens, so gut wie abgetan. Die ebenso wissensreichen als glaubensarmen Geister mußten daher auf eine Restauration in anderem Wege, auf eine Surrogatreligion, Bedacht nehmen. 

So erfand man die Humanität, d.h. das in allen anarchischen Übergangszeiten geltende Recht der Selbsthülfe, wonach die Menschheit, ohne höhere Autorität, sich aus sich selber durch die bloße Kraft der eigenen Vernunft selig machen sollte…

Auch hier, wie bei allen tiefgreifenden geistigen Bewegungen, sehen wir Lessing abermals im Vordertreffen. In seinem »Nathan der Weise« wirft er ein vorläufiges Probestück dieser modernen Religion ohne Religion, gleichsam als einen Zankapfel, der orthodoxen Borniertheit mutig ins Angesicht. 

Es ist keineswegs etwa der gewöhnliche Indifferentismus; mit der größten Entschiedenheit vielmehr wird hier aller Nachdruck eines übermächtigen Geistes auf die sittliche Kraft im Menschen gelegt und an dieser allein die Bedeutung aller Religionen gemessen; denn die göttliche Abstammung aller positiven Religionen lasse sich nur an ihren Früchten erkennen: »ob sie vor Gott und Menschen angenehm machen«.

Daher sind in dem eingeflochtenen Gleichnis von den drei Ringen Judentum, Islam und Christentum völlig gleichberechtigte Offenbarungen der Menschennatur. Ja, das Christentum mit seinen etwas verblaßten Vertretern wird hier von den leuchtenden Heldengestalten Saladins, Nathans, von dem aufgeklärten Tempelherrn und der wunderlieblichen Recha sehr fühlbar in den Hintergrund gedrängt. Eben diese geständlich polemische Färbung aber stört einigermaßen den vollen künstlerischen Eindruck dieses Meisterwerks...

War nun einmal auf solche Weise alle positive Glaubensbasis weggenommen, so blieb auch in der Tat nichts anderes übrig, als an die menschliche Perfektibilität zu appellieren, an den Glauben, daß die Menschheit auch ohne übernatürliche Hülfe sich selbst erlösen, mithin zu diesem Zwecke alle ihre natürlichen Gaben und Kräfte selbständig bis ins Unendliche herausbilden könne und müsse. Und dies ist der eigentliche Grundgedanke der Humanität und dessen nähere Begründung die Lebensaufgabe Herders...“

aus Joseph von Eichendorff, Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, Paderborn 1857

Schloß Lubowitz 1788, Bild von hier

Ruine des Schlosses Lubowitz mit Porträt und Zitat Joseph von Eichendorffs, Bild von hier


Sonntag, 17. April 2022

Frohe Ostern


Agnus Dei - Samuel Barber,Vlaams Radiokoor, von hier


Agnus Dei, qui tollis peccata mundi,

miserere nobis.

Dona nobis pacem.


Gesegnete und Frohe Ostern!


Samstag, 9. April 2022

Dietrich Bonhoeffer über die Dummheit

Dietrich Bonhoeffer in Sigurdshof 1939, Bild von hier

Verschiedene Umstände haben mich dazu veranlaßt, noch einmal über einen Text nachzudenken, den ich an diesem Ort vor einem Jahr schon einmal vorgestellt hatte. Manches verschafft bei verworren erscheinenden Fragen mitunter einen persönlichen Erkenntnissprung. So hier. So wird man also auch noch klüger, richtiger gesagt - gewappneter gegenüber dem Irrsin der Zeiten. Was will man mehr?

London, Westminister Abbey, Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer © CEphoto, Uwe Aranas,

Unmittelbar vor Kriegsende, in der Morgendämmerung des 9. April 1945, also heute vor 77 Jahren, wurde auf Befehl Hitlers Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg gehängt. Er hätte sich den Gefährdungen des 3. Reiches durch seine internationalen Kontakte leicht entziehen können. Stattdessen suchte er bis zu seinem bewußt angenommenen Märtyrertod den Widerstand gegen jenes Un-Werk aus Lüge und Verbrechen.

Er gibt nicht viele jüngere theologische Autoren, deren Denken und Sprache derart lebendig geblieben sind und deren Texte zu Wiedererkennen und überraschenden Einsichten in dieser Weise führen. Vielleicht ruft es die besondere existentielle Situation hervor, in denen sie entstanden sind. Man kann nicht alles erklären. Das ist überhaupt eher die Ausnahme.

Immer wieder hat besonders „Widerstand und Ergebung“ in solcher Art gewirkt, die Aufzeichnungen aus der Haft ab ´43. Am Anfang bietet er dort eine tiefgehende Zerlegung der Gründe der Dummheit, so wie er zugleich die eher resignative Einsicht mitteilt, warum ihr mit Vernunftgründen kaum beizukommen ist. 

In unseren polarisierten und verstörten Zeiten wirkt zu vieles beklemmend aktuell. Andererseits erscheint es als einer der so vortrefflichen wie wirkungslosen Texte, weil ein jeder in ihm die Spitzbuben der anderen Seite vortrefflich gezeichnet sehen wird. Eine klassische Einladung zur Projektion gewissermaßen.

Doch wir wollen zu seinem Text wechseln: „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.“ So beginnt er. Gegen das Böse lasse sich protestieren, es lasse sich bloßstellen, notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trage immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklasse. 

Eine zu optimistische Annahme, müssen wir leider einwerfen, aber hoffentlich hat er gegen uns recht, daß nämlich das Gespür für das Gute unzerstörbar bleibt. Doch zurück. 

Gegen die Dummheit seien wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt lasse sich etwas ausrichten; Gründe verfingen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprächen, brauchten einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen werde der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich seien, könnten sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden. 

Dabei sei der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er werde sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergehe. Daher sei dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. „Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.“

Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen könnten, müßten wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel sei sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt sei. Es gäbe intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm seien, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm wären. 

Er beschreibt eine Besessenheit. Ein In-Besitz-Genommen-Sein. 

Der Eindruck sei, daß die Dummheit weniger ein angeborener Defekt sei, als daß unter gewissen Umständen die Menschen dumm gemacht würden bzw. sich dumm machen ließen. Abgeschlossen und einsam lebende Menschen zeigten diesen Defekt seltener als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheine die Dummheit weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie sei eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. 

Der  Mensch in seinen Verhältnissen, Zwängen und Illusionen. Was gewinnt ein Mensch, wenn er zugibt, in der Lüge zu leben, wenn er darüber hinaus nichts hat? Der verzweifelte Glaube an die Vernunft ist darum sinnlos und erklärt auch nichts. Die Wahrheit wird euch frei machen, ja sicher, aber wenn nicht mehr bekannt ist wozu. Was dann?

Doch zurück zu Bonhoeffer. Jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, würde einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlagen, das scheine geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen brauche die Dummheit der anderen. 

Macht brauche also gewissermaßen die Vernunft auf. Wir zögern.

Der Vorgang sei dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmerten oder ausfielen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt werde und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtete, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.

Das von den Verhältnissen versklavte Ich also. Doch wir wollen ihn weiter sprechen lassen. 

Daß der Dumme oft bockig sei, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig sei. Man spüre es, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihm mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun habe. Er sei in einem Banne, verblendet, er sei in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. 

So zum willenlosen Instrument geworden, würde der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liege die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch würden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.

Aber es sei auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könne. Dabei werde man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich sei, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen sei; bis dahin müßten wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten.

„... daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.“

Eine andere Herrschaft also. Genauer, die, die diesen Namen verdient. Darum unsere Zweifel an der unterschwelligen Annahme, daß Macht per se böse sei. Aber in diesem äußerlich einfachen Text schießen auch vielerlei Dinge untergründig durcheinander. Nicht überraschend daher, gönnt er sich eine kleine intellektuelle Ausflucht am Ende:

Übrigens hätten diese Gedanken über die Dummheit doch dies Tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zuließen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es würde wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprächen.

Warum sollten sie.

Lüge ist Besessenheit, und ihr mit Vernunft begegnen zu wollen, bedeutet, das Spiel nicht verstanden zu haben, das hier waltet.

Dennoch. Hier tritt uns durch Dietrich Bonhoeffer ein großes Zeugnis - unter der Herrschaft des Bösen - entgegen, von der Freiheit und Wahrheit, die der Glaube und das Vertrauen auf Christus, unseren Herrn, zu schenken vermag.

Freitag, 25. März 2022

George - eine alte Frau, die wie ein alter Mann aussieht - Lektüreempfehlung

Hans Makart, Charlotte Wolter als „Messalina“, ca.1875, Bild von hier

Herr Klonovsky bespricht in einem seiner jüngsten Beiträge vor allem das Buch „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten” von Friedrich Torberg. Es handele vom Wien und Prag der Vor- und Zwischenkriegszeit. Für Torberg, von dem die hinreißende Wortprägung vom „inneren Doppeladler” stamme, sei der „Untergang Österreichs eine der katastrophalsten Humorlosigkeiten der Weltgeschichte” gewesen.

Es scheint ihm eine Art Trostbuch geworden zu sein, „als jemand, der die heutigen kulturlosen und geistfeindlichen Verhältnisse, unter denen es den woken Garden so kannibalisch wohl geht als wie fünfhundert Säuen, mit angewidertem Hohn betrachtet.“ 

Wiener Café Griensteidl vor 1897, Photo für die Illustrierte "Die vornehme Welt“, Bild von hier

Tatsächlich kann die Melancholie, die einen angesichts des Verlusts der „Welt von gestern“ (Stefan Zweig) befällt, auch etwas schmerzlich Tröstliches haben. Vielleicht, weil sie einem so ganz Anderes ins Bewußtsein ruft und die Umklammerung der Gegenwart dabei für diesen Augenblick lockert, indem sie die Weiten des Möglichen aufzeigt, und zwar einmal real gewordenem Möglichen.

Ihm ist es also gelungen, was mir gegenwärtig eher versagt ist, angesichts des Grusels der Zeiten mit aufbauend Unterhaltsamem aufzutreten.

Wien, Café Central

Da bei ihm besonders die Wiener Kaffeehauskultur gerühmt wird, will ich doch an eine bekannte Anekdote erinnern, die der Herr Bruno Kreisky in einer Pressekonferenz in die Welt gesetzt hat: Sein Vater, während des Ersten Weltkriegs Stammgast im Café Central, habe sie mit eigenen Ohren gehört. 

Heinrich Graf Clam-Martinic soll nämlich auf die Nachricht von der Revolution in Rußland hin erwidert haben:„Gehen S’! Wer soll denn in Rußland Revolution machen? Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central?“. Lew Dawidowitsch Bronstein, schachspielender Stammgast in besagtem Haus, ist geläufiger unter seinem Künstlernamen Leo Trotzki. 

Das nur als Erinnerung, daß auch kultur- und geistvolle Orte nicht davor gefeit sind, daß an ihnen recht Übles ausgebrütet wird. Wir wollen die Idylle also nicht auf die Spitze treiben.

Nachfolgend weiter unkommentiert 4 der Anekdoten. Mehr als eine Einladung, den ganzen Beitrag dort zu lesen.

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„Rudolf Kommer, eine Art Faktotum des Regisseurs Max Reinhardt, stammte aus Czernowitz und wurde wegen seiner Herkunft und seines Idioms oft geneckt. Als Reinhardt einen seiner berühmten Empfänge auf Schloss Leopoldskron anlässlich der Salzburger Festspiele gab, wir verweilen Anfang der 1930er, befand sich unter den Gästen der Generaloberst Hans von Seeckt, ‚ein ungemein artikulierter, feinsinniger, dem Theatermann Reinhardt verehrungsvoll zugetaner Kunstfreund‘. Kommer war auch an diesem Abend mit Anspielungen auf Czernowitz gehänselt worden und fühlte sich bemüßigt, dem Besucher aus Preußen die Hintergründe zu erklären.

‚Sie müssen wissen, Exzellenz, daß ich aus Czernowitz stamme‘, begann er. ‚Czernowitz liegt im Osten der ehemaligen Habsburgermonarchie und steht im Ruf –‚

Seeckt wehrte mit einer knappen Handbewegung ab. ‚Danke‘, schnarrte er. ‚Habe die Stadt zweimal eingenommen.‘”

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Anton Kuh, ein „literarische(r) Bohemien und geniale(r) Stegreifredner beschrieb ein Porträt von Stefan George mit den Worten: ‚Er sieht aus wie eine alte Frau, die wie ein alter Mann aussieht.‘”

Stefan George, Photo von Theodor Hilsdorf

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„Ein anderer Emigranten-Stoßseufzer aus London: ‚Regnen – das können sie!‘

Oder:

‚Na, wie gefällt’s Ihnen in New York, Frau Zwicker?‘

‚Wie soll es mir gefallen am Balkan?‘”

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Sándor Hevesi, Direktor des ungarischen Nationaltheaters nahm die Klage eines jungen Regisseurs entgegen, der vor seinem Hauptdarsteller in einer Inszenierung des King Lear geflohen war. “Hevesi hört sich seine Beschwerde ruhig an und sagt beschwichtigend: ‚Lieber junger Freund, Sie dürfen sich nicht kränken, und Sie dürfen sich nicht wundern. Bedenken Sie doch, mit wem Sie es zu tun haben: ein erwachsener Mensch, der sich jeden Abend einen Bart ins Gesicht klebt – schreit, daß er der König ist – und glaubt’s!‘”

Gibson-Zimmer im Café Museum, 19. April 1899 (Tag der Eröffnung), Adolf Loos am rechten Bildrand stehend, Bild von hier