Freitag, 3. April 2026

Karfreitag in Neukirchen, Mecklenburg

 

Neukirchen bei Bützow

Das stellvertretende Leiden und die Herrlichkeit des Knechtes Gottes

13Siehe, mein Knecht wird weislich tun und wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14Gleichwie sich viele an dir ärgern werden, weil seine Gestalt häßlicher ist denn anderer Leute und sein Ansehen denn der Menschenkinder, 15also wird er viele Heiden besprengen, daß auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn welchen nichts davon verkündigt ist, die werden's mit Lust sehen; und die nichts davon gehört haben, die werden's merken. 1Aber wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? 2Denn er schoß auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

6Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7Da er gestraft und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut. 8Er aber ist aus Angst und Gericht genommen; wer will seines Lebens Länge ausreden? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er um die Missetat meines Volkes geplagt war. 9Und man gab ihm bei Gottlosen sein Grab und bei Reichen, da er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat noch Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben, und des HERRN Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen. 11Darum, daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen; denn er trägt ihre Sünden. 12Darum will ich ihm große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, darum daß er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleich gerechnet ist und er vieler Sünde getragen hat und für die Übeltäter gebeten. Amen.

Jes 52, 13 - 53, 12


Dorfkirche Moisall

Bild von hier

Friede sei mit Euch!

Liebe Gemeinde,

„an einem strahlenden Frühlingsmorgen des Jahres 334 vor Christi Geburt überquerte Alexander der Große die Meerenge, die Europa von Asien trennt. Noch in Europa hatte er am Grab des Protesilaos, das an der Spitze der Halbinsel Gallipoli liegt, geopfert. Protesilaos war bei Beginn des Trojanischen Krieges der erste Achaier, der nach dem Eintreffen der griechischen Flotte vor der Küste Troias an Land sprang. Er wurde, nachdem er mehrere troische Krieger im Zweikampf besiegt hatte, von Hektor erschlagen. 

Selbst Achilleus war nicht tapfer genug gewesen, der Erste sein zu wollen. Seine Mutter Thetis hatte ihm vorausgesagt, daß der, welcher als Erster an Land ginge, als Erster fallen werde.“ Der Schriftsteller Peter Bamm schließt diesen Bericht mit der bemerkenswerten Feststellung: „Es ist ein sympathischer Zug an diesem gewaltigsten der homerischen Helden, daß schon er, wie alle Helden nach ihm, Angst hatte. Frei von Angst sind nicht die Helden, sondern die Heiligen.“

Nach meiner Überzeugung soll uns auch das gesamte Reden des Propheten zu der erhebenden Gewissheit führen, dass es für den Menschen nur zwei wirkliche Gefühle geben kann – die Furcht oder die Liebe. Von beiden spricht dieser Tag zu uns.

Der Karfreitag ist der Tag des Todes und der Tag unserer Todesfurcht. Grausam und grauenhaft zieht sich das Sterben dahin. Selbst Gottes Sohn bleibt nicht verschont. Ein furchtbares Geschehen findet am Kreuz sein Ziel.


Die Schlagworte – Verrat, Verhaftung, Verleugnung, Verspottung, Folterung, Verurteilung und Hinrichtung geben nur eine schemenhafte Vorstellung von dem, was damals geschah. Ein Mensch wurde zerschunden, zerquält, zermartert, zermalmt und am Ende, ganz am Ende, getötet.

Wie oft in der Geschichte, die randvoll ist von Grausamkeiten, hat sich das zugetragen? Dennoch bleibt der Tod Gottes einzigartig. Das Kreuz Gottes ist gleichsam über alle Tode, die jemals geschahen, aufgerichtet. Das Kreuz unseres Herrn ragt empor auf einem gewaltigen Leichenberg, es überragt fürwahr eine Schädelstätte, es ragt empor auf Golgatha.

Gott ist tot, so lautet die unmissverständliche Botschaft dieses Tages. Nichts, aber auch gar nichts, darf sich neben diese Botschaft stellen. Das immer wieder aufkommende und nur scheinbar tröstliche Gerede, das heute schon das Geschehen der Osternacht vorwegnehmen will, zeugt von nichts anderem als von der Furcht davor, den Tod Gottes aushalten zu müssen.

Wir sollen dem toten Gott mit der gleichen Liebe begegnen, wie seine Mutter Maria es tat, die ihn unter dem Herzen getragen und dann geboren hatte, und die ihn nun wieder auf ihren Schoß legt und beweint.



Bild von hier

Der Karfreitag verlangt von uns einzig und allein das – wir müssen den Tod Gottes aushalten. Nur so kommen wir in die Nähe dessen, was dieser Tag bedeutet. Es gibt eine tiefe Parallelität oder sogar Gleichzeitigkeit von Schöpfung und Erlösung.

Es war ein Sonntag, an dem Gott das Licht ins Dasein rief, und es war ein Sonntag, an dem der Engel Gottes die Menschwerdung des Herrn der Welt verkündet hat. Das war der erste Tag.

Nun, am Karfreitag, stehen wir am sechsten Tag. Gott schuf an ihm den Menschen. Der Tod Gottes muss folglich in eins gesetzt werden mit der Erschaffung des Menschen am Anfang der Welt. Erst im Tod Gottes kommt die Erschaffung des Menschen an ihr wirksames Ziel. Mit seinem Tod schafft Gott gleichsam ein erneutes und diesmal menschliches Nichts, aus dem heraus die Erlösung und die Vollendung aller Dinge Gestalt gewinnen soll. 

Im Tod verbindet sich Gott mit uns Menschen, seinen geliebten Geschöpfen, ganz. Der Tod Gottes entspricht geradezu der Erschaffung des Menschen, und der Mensch wirkt mit seinem Dasein Gottes Tod. Denn er hat gefehlt und Gott verlassen, er ist in Sünde und Gottesferne gestürzt. Gott aber wollte sein Werk nicht vernichten, sondern Gott will es retten. Auch davon redet schon der Prophet.

Neukirchen Kirche, Triumphkreuz, Bild von hier

Ist das eine so ferne Geschichte? Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.

Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Haben wir nicht auch erlebt, wie Lüge, Verrat und Betrug Herrschaft über das Leben erlangten? Haben wir nicht erlebt, wie zerstörerische Gewalt und Kriege alles hinwegfegten, was das Leben ausgemacht hat? Haben wir und unsere Eltern und Großeltern nicht auch so vieles erlebt, wovon wir glaubten, es könne immer nur die anderen treffen? Aber es ist unsere Krankheit, und es sind unsere Schmerzen.

Nicht nur das Leben der Menschen der Vorzeit, auch unser Leben, jedes Leben, hat biblische Ausmaße. Darin entspricht der Tod Gottes der Erschaffung des Menschen, und der Mensch wirkt mit seinem Dasein das Leiden und den Tod Gottes. Gott und Mensch sind ganz im Tode vereint, denn es ist unser Tod, der hier am Kreuz gestorben wird. Es ist der Tod, der für uns aus Liebe gestorben wird, um uns aus unserer Todesfurcht zur Liebe zu erwecken.

Nur Gott kann sein Leben lassen und es auch wieder nehmen. Wir Menschen aber können nur über den Tod hinaus lieben, oder wir werden die Opfer unserer Furcht. Es gibt nur Furcht oder Liebe – aus diesen beiden heraus entfaltet sich unser ganzes Leben.

Nun schaut auf das Kreuz. Das Kreuz steht am Scheideweg jedes Menschen.

Hier am Kreuz folgt er entweder weiter seiner Furcht, oder er lässt sich zur Liebe bekehren. Gott ist diese Liebe. Darum sollen wir uns nicht in Ekel und Entsetzen abwenden vom leidenden, gequälten und sterbenden Menschen. Der, der heute stirbt, der stirbt unseren Tod. Wo ich mich von ihm abwende, da verleugne ich auch mich selbst, ich beraube mich meiner eigenen Menschlichkeit, die doch im Tode Gottes erst ganz in Erfüllung geht. 

Die am Kreuz gewirkte Versöhnung ist doch immer auch die Versöhnung des unter dem Kreuz stehenden Menschen mit seiner eigenen Existenz. Darum befielt der Herr dem Jünger die Mutter und der Mutter den Jünger an. Die Gottesmutter und der Lieblingsjünger des Herrn – sie sind die zentralen Zeugen des Kreuzes. Sie haben alle Furcht überwunden und folgten Christus nur noch durch ihre Liebe geleitet bis unter das Kreuz. 

Die Liebe, die die Furcht wirklich ganz überwunden hat, die gelangt an keinen anderen Ort als unter das Kreuz auf Golgatha. Sie muss nun nichts mehr fürchten, denn der eigene Tod ist hier ja bereits gestorben worden.

Ein kleiner Schein, von dem, was hier auch gemeint ist, schimmert uns auf, wenn wir an Menschen denken, die ihr ganzes Leben gemeinsam verbrachten, als Eheleute oder als Freunde. Nachdem der eine gestorben ist, fürchten sie den Tod nicht mehr, denn wie sollte man nicht ertragen können, was der geliebte Mensch bereits ertragen hat?

Am Karfreitag blicken wir darum unverwandt auf das Kreuz und auf die Wunden unseres Herrn. Im Sterben bereits beginnt er sich in die Welt hinein zu verströmen, und dann ganz in seinem Tod. Nachdem der Landsknecht ihm die Seite geöffnet hat, fließen Blut und Wasser von seinem Leichnam herab. Ein niemals wieder endender Strom der Gnadengaben fließt auf uns Menschen nieder.

Weil unser eigener Tod bereits gestorben wurde, sollen wir den Tod nicht mehr fürchten, sondern allein auf die Gaben blicken, die uns vom Kreuz her werden – das Wasser unserer Taufe und der Leib und das Blut unseres Herrn zur Speisung für die Ewigkeit.

In diese Gemeinschaft hinein sind wir berufen, in die Gemeinschaft der Heiligen, die unter dem Kreuz nichts mehr zu fürchten hat.

Amen.

Der Friede Gottes ist höher als alle unsere Vernunft. Er bleibe an diesem Tag und alle Zeit bei euch!

Amen.

Fürbittengebet 

Mit unverwandtem Blick auf das Kreuz, an dem der Herr hängt, beten wir: Gedenk an uns o Herr!

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Mit diesem Ruf hast du uns gezeigt, dass du uns nachgegangen bist bis in die äußerste Verlassenheit. Darum können wir beten für diejenigen, die sich von Gott verlassen glauben, denn du bist auch bei ihnen.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Selbst den Henkern hast du vergeben. Darum können wir beten für die Verbrecher, für Mörder und Diebe. Du willst dich aller erbarmen.

Gedenk an uns o Herr!

Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Nur mit dir werden wir es erlangen.

Weib, siehe, das ist dein Sohn! In dem geliebten Jünger hast du uns alle zu Geschwistern gemacht.

Siehe, das ist deine Mutter! Maria, die mehr als alle Menschen an deinen Schmerzen teilnahm, hast du uns allen zur Mutter bestimmt. Sie grüßen wir auch in der Stunde deines Todes.

Madonna del Rosario, wohl die älteste erhaltene Marienikone, von hier

Mich dürstet!

Laß uns so verlangen nach deinem Wort und stille das Verlangen. Wir beten für die Kirche und für die ganze Welt, schenke Frieden!

Gedenk an uns o Herr!

Es ist vollbracht! Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Amen

Die Kerzen sind erloschen, die Glocken schweigen, die Orgel bleibt stumm, denn Christus, unser Herr, ist tot, das Licht der Welt ist in die Dunkelheit des Todes versunken!

Wir aber erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der zukünftigen Welt.

In diesem Glauben empfangt den Segen der Kirche.

Es segne euch der allmächtige und dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Hl. Geist. Amen

Thomas Roloff

Dienstag, 10. März 2026

Gedenkgottesdienst zum 250. Geburtstag von Königin Luise am 10. März 2026 im Mausoleum beim Schloss Charlottenburg zu Berlin

 

Mausoleum im Schlosspark Charlottenburg, von hier

Christian Daniel Rauch: Grabmal der Königin Luise von Preußen, von hier


Eröffnung


Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. 

1Petr 1,3


Unter diesem Vers aus dem 1. Petrusbrief, feiern wir Gottesdienst im Gedenken an den 250. Geburtstag der hochverehrten Königin Luise. Wir wollen Gott die Ehre geben und mit der verewigten Fürstin und für alle Toten beten.

Das tun wir in besonderer Weise mit Ihnen, Königliche Hoheit und mit weiteren Mitgliedern Ihres königlichen Hauses. Die Kirche neigt sich und bekennt ein unvergängliches Königtum.

Wir rufen Gott an, dass er die Verstorbenen im Frieden ruhen lasse. Herr, lass die Toten im Frieden ruhen und Dein ewiges Licht leuchte ihnen. Amen.

Louise Élisabeth Vigée Le Brun,

Luise von Mecklenburg-Strelitz, Königin von Preußen, 1802, von hier


Psalm 126

Ein Lied im höhern Chor. Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der HERR hat Großes an ihnen getan!

Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

HERR, bringe wieder unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.


Kyrie

Kollektengebet


Lasset uns beten:

Ewiger Gott, die Kirche und mit ihr die ganze Welt sind auf dem Weg an das Kreuz deines Sohnes unseres Herrn. Lass uns deine Gegenwart schauen. Du leidest mit deiner Schöpfung und schenkst ihr darin Trost. Als Gemeinschaft der Lebenden und der Toten sind wir ums Kreuz versammelt. Wir recken uns nach deiner rettenden Hand.

Amen


Evangelium


Da er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm,

Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, so sie daran lügen.

Matth 5, 1-11


Credo


Ich glaube an Gott, den Vater,

den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus,

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten,

aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes,

des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen,

zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige christliche Kirche,

Gemeinschaft der Heiligen,

Vergebung der Sünden,

Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Amen.


Luisentempel, Schloßpark Hohenzieritz 


Predigt: Psalm 126


Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“

So haben wir es zum Beginn dieses Gottesdienstes gebetet und so hoffen wir es für Auguste Wilhelmine Amalie Luise von Preußen, der Tochter des Herzogs Karl Ludwig Friedrich von Mecklenburg-Strelitz, an deren 250. Geburtstag wir uns in ihrem Grabhaus an sie erinnern.

Die ganze Kirche ist, wie jede Familie auch, eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. Wie könnte das deutlicher werden als durch die Anwesenheit der königlichen Familie Preußens an diesem Ort?

Bedenke, o Mensch, dass du Staub bist und zum Staube zurückkehren wirst!

Das ist unzweifelhaft das eine, worauf wir hier blicken. Das andere aber ist die ununterbrochene Folge, in der das Leben und die hohe Würde dieser Familie weitergeschenkt wurden.

Eine Familie, auch ein königliches Haus, ist immer genauso ein Bund der Abstammung, wie auch der gemeinsamen Erinnerung.

Beides beschäftigt uns heute und das in besonderer Weise im Hinblick darauf, dass auch unser Glaube ein Band gemeinschaftlicher Erinnerung um uns legt.


Jozef Maria Grassi (1757-1838), Louise von Mecklenburg-Strelitz, von hier

Königin Luise war „eine der edelsten Frauen der Geschichte“. So beginnt noch ganz selbstverständlich der Artikel über sie in Meyers Lexikon von 1909. In dieser Frau stellt sich uns die Wirklichkeit des dynastischen Europas vor Augen, wie sie über Jahrhunderte hinweg prägend war.

Ihr Schicksal entschied sich, als sie den preußischen Kronprinzen kennen lernte und ihn am 24. Dezember 1793 in Berlin heiratete.

1797 machte sie diese Verbindung zur Königin des Landes und es heißt von ihr, „sie vereinigte von nun an die Pflichten der Königin mit denen der Gattin und Mutter“.

„Mehr, als ein Königreich gab der Himmel Dir in Louisen,

Aber Du brachtest Ihr auch mehr, als die Krone, Dein Herz.“

So schrieb Friedrich von Hardenberg, den wir auch als Novalis kennen und gab damit den Ton der Verehrung vor, die Luise erfahren sollte.

„Wer den ewigen Frieden jetzt sehn und liebgewinnen will, der reise nach Berlin und sehe die Königin. Dort kann sich jeder anschaulich überzeugen, daß der ewige Friede herzliche Rechtlichkeit über alles liebt, und nur durch diese sich auf ewig fesseln läßt.“


Friedrich Georg Weitsch: Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise

im Park von Schloß Charlottenburg, 1799, von hier

Auch das schrieb Novalis und gab einer Hoffnung Ausdruck, die leider verhängnisvoll und tragisch unerfüllt bleiben sollte. Die Geschichte vollzog sich gänzlich anders, als die Ideale und Träume und Sehnsüchte der Romantiker es hofften.

1806 brach die völlige Niederlage über Preußen herein. Statt des Glücks eines einfachen häuslichen Lebens, welches das Königspaar dem ganzen Land beispielgebend vorstellte, ereigneten sich nun Zusammenbruch, Flucht und Demütigung.

Nur, weil unsere Sicht überschattet ist, durch alles, was sich im verfluchten 20. Jahrhundert ereignet hat, können wir nicht mehr ermessen, wie grausam und hoffnungslos der nach dem Frieden von Tilsit eingetretene Zustand Preußens war.

Gebietsabtretungen, Kontributionen und Besatzung beugten es tief herab. Woher sollte noch Hilfe kommen, nachdem selbst Russland so schweren Verrat geübt hatte?


Gedenktafel in Memel an den Aufenthalt von Königin Luise und ihres Ehemanns Friedrich Wilhelm III., 1807 - 1808 während der Flucht vor Napoleon, von hier

Es war zunächst und vor allem die nicht zu unterschätzende Stärke im Glauben, die Luise Halt und Kraft gegeben hat und aus der heraus es ihr möglich gewesen ist, auch den König zu stützen.

Die Königin war keineswegs nur eine Projektionsfläche für die Hoffnungen der Menschen. Sie wäre dazu völlig ungeeignet gewesen, wenn sie nicht tatsächlich eine treue Hoffnung für ihr Land bewahrt und diese Hoffnung auch im König hätte wecken können. Wie klar und weitsichtig ihr Urteil war, dafür will ich ein einziges Beispiel aus einem Brief geben, den sie im April 1808 an ihren Vater geschrieben hat. Denn es ist leicht, im Nachhinein über die Geschichte zu urteilen. Unendlich schwer aber ist es, in der Situation selbst eine Orientierung zu gewinnen.

„Es wird mir immer klarer, dass Alles so kommen mußte, wie es gekommen ist. Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat, und in sich selbst als abgestorben zusammen stürzt.

Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeern Friedrich des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns.

Gewiß wird es besser werden; das verbürgt der Glaube an das vollkommenste Wesen. Aber es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten.“

Dann urteilt die Königin hellsichtig über den Korsen: “Deßhalb glaube ich auch nicht, daß der Kaiser Napoleon Bonaparte fest und sicher auf seinem, jetzt freilich glänzenden Thron ist. Fest und ruhig ist nur allein Wahrheit und Gerechtigkeit, und er ist nur politisch, das heißt klug, und er richtet sich nicht nach ewigen Gesetzen, sondern nach Umständen, wie sie nun eben sind. Damit befleckt er seine Regierung mit vielen Ungerechtigkeiten.

Er meint es nicht redlich mit der guten Sache und mit den Menschen. Er und sein ungemessener Ehrgeiz meint nur sich selbst und sein persönliches Interesse. … 

Er ist von seinem Glück geblendet und er meint Alles zu vermögen. Dabei ist er ohne alle Mäßigung, und wer nicht Maß halten kann, verliert das Gleichgewicht und fällt.“

In dieser Haltung nahm die Königin nach der Niederlage steten Einfluss auf das politische Geschehen, regte die Berufung des Reichsfreiherrn von Stein an, befand sich im Einvernehmen mit Scharnhorst und Gneisenau und gab damit einen entscheidenden Impuls für die preußischen Reformen, durch die sich das Land langsam wieder erhob.

Aus unzähligen Zeugnissen wissen wir, wie sehr die späteren Helden der Befreiungskriege durch ihre Königin inspiriert waren. Endlich nahm Luise auch noch eine Reise nach St. Petersburg auf sich. Durch den einjährigen Aufenthalt bei Alexander I. gelang es, das Verhältnis zu Russland wiederherzustellen, worin die entscheidende Grundlage für die Erhebung und Befreiung Europas von der Fremdherrschaft gesehen werden muss.

Im Dezember 1809 kehrte das Königspaar nach Berlin zurück und vermutlich trug Luise bereits in sich, was ihr im Sommer des Folgejahres bei einem Besuch in Hohenzieritz den Tod bringen sollte.

Ihre Hofdame, die Gräfin Voß, schrieb dazu in ihr Tagebuch: „Die Ärzte sagen, der Polyp im Herzen sei eine Folge zu großen und anhaltenden Kummers.“

Vielleicht erst durch den frühen Tod der Königin wurden sie und Friedrich Wilhelm endgültig zu dem, was wiederum Novalis so beschrieb: „Ein wahrhaftes Königspaar ist für den ganzen Menschen, was eine Constitution für den bloßen Verstand ist.“

Nur aus diesem Zusammenhang heraus lässt sich für uns heute erschließen, was Königin Luise ihren Zeitgenossen war und noch mehr den Nachgeborenen wurde. Sie war ein Leitstern, wie es unserem Volk zuvor wohl kaum ein Mensch gewesen ist.

Wie ein Wunder mussten die Jahre der voranschreitenden Befreiung erscheinen und wie die Erfüllung aller Sehnsüchte die unter ihrem Sohn ein halbes Jahrhundert später zustande gebrachte Einheit der Deutschen. Inzwischen sind andere Stürme und Verwüstungen über unseren Kontinent hinweggegangen.


Anton von Werner, Wilhelm I. am Sarkophag seiner Mutter Königin Luise

im Charlottenburger Mausoleum (am 19. Juli 1870), 1881, von hier

Dennoch bleibt es wahr und ist eine Orientierung zum Guten, dass die vielleicht stärkste Wurzel des preußischen und später auch des deutschen Nationalgefühls die Liebe zu einer Frau, zu einer Königin, zu einer Mutter war.

Denn es ist die größte Gnadengabe des Christentums, dass es uns lehrt, was eine Mutter ist. Es ist der größte Akt der Barmherzigkeit, dass es Gott gefallen hat, selbst eine Mutter zu suchen. Das ist der Unterschied zwischen unserem Gott und uns. Wir Menschen bekommen unsere Mutter als Geschenk, Gott hat sich die seine erwählt.

Dadurch, dass jeder Mensch eine Mutter hat, wird ihm das Geheimnis der Menschwerdung Gottes zu etwas ganz Vertrautem. Es ist die Mutter, in der wir Gott finden. Es ist die Mutter, in der wir alle Liebe geschenkt bekommen. Es ist die Mutter, an der wir Opferbereitschaft, Treue, Hingabe und alle Güte lernen. Es ist der Respekt vor der Mutter, in dem auch der Respekt vor Gott wächst. Es war der Respekt vor der Mutter auch der Kern der Liebe zur Königin.

Vieles in der Welt war tiefen, manchmal katastrophalen Wandlungen unterworfen und ist es noch, die Wahrheiten des Glaubens kennen diesen Wandel nicht. So bleibt auch heute und künftig, der hier versammelten Familie der Königin Luise der Auftrag, diese zu bezeugen und darin der Welt ein Beispiel zu geben, aus dem zu jeder Zeit das wirkliche Königtum erwächst, nämlich das unseres Herrn Jesus Christus.

Als Christen dürfen wir darauf vertrauen, dass am Thron Gottes, des Allmächtigen, des Herrn über Leben und Tod, des Schöpfers und Erlösers aller Dinge, für uns Fürsprache gehalten wird und wir dürfen in Liebe gewiss sein, in unserer Königin eine Fürsprecherin zu haben.

Amen

Und der Frieden Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.


Karl Friedrich Schinkel: Entwurf für ein Mausoleum der Königin Louise, Außenansicht


Entwurf für ein Mausoleum der Königin Louise, Innenraum, von hier


Heinrich von Kleist


An die Königin von Preußen

Zur Feier ihres Geburtstages den 10. März 1810


Erwäg ich, wie in jenen Schreckenstagen,

Still deine Brust verschlossen, was sie litt,

Wie Du das Unglück mit der Grazie Tritt

Auf jungen Schultern hast getragen,

Wie von des Krieges zerrissnem Schlachtenwagen

Selbst oft die Schar der Männer zu dir schritt,

Wie trotz der Wunde, die Dein Herz durchschnitt,

Du stets der Hoffnung Fahn uns vorgetragen:

O Herrscherin, die Zeit dann möcht ich segnen!

Wir sahn Dich Anmut endlos niederregnen,

Wie groß Du warst, das ahndeten wir nicht!

Dein Haupt scheint wie von Strahlen mir umschimmert;

Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert,

Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht!


Gedenkmausoleum für die Königin Luise, Neustrelitz


Fürbitte + Vater unser


Wir wollen Fürbitte halten und zu Gott beten mit dem gemeinsamen Ruf: Herr, erbarme Dich!

Allmächtiger Gott, wir danken Dir für den Weg Deines Sohnes ans Kreuz und bitten Dich, mache uns zu treuen Zeugen seines Sieges im Glauben an Dich.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.


Ewiger Gott, wir danken Dir für die Gemeinschaft der Heiligen. Durch sie bleiben wir verbunden mit allen Menschen und mit Deinen Wundern. Wir bitten Dich, stärke Deine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit und schenke ihr nach Deinem Willen Einheit und Frieden.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.


Barmherziger Gott, wir danken Dir für das Leben von Luise. Du hältst sie nun in Deinen Händen. Wir können uns durch ihr Schicksal belehren lassen. Wir bitten Dich mit ihr für die vormals regierende Familie, deren Ahnfrau sie ist. Segne den Prinzen und die Prinzessin von Preußen und die gesamte königliche Familie und schenke ihr, dass sie uns ein Vorbild im Glauben und ein Zeichen der Hoffnung ist.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.


Gütiger Gott, wir danken Dir für Deine Gegenwart und bitten Dich um Segen und Frieden für unser Volk und für alle Völker, für unser Vaterland und für alle Länder, denn Du hältst die ganze Welt in Händen und rufst Dein Volk aus allen Völkern.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.


In der Gemeinschaft mit der Gottesmutter Maria, mit der ganzen Kirche, mit der verewigten Königin und mit allen, die in diesem Hause ihre letzte Ruhe gefunden haben, beten wir, wie Christus uns zu beten gelehrt hat:


Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute,

und vergib uns unsre Schuld, 

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen. 

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.


Verleih uns Frieden gnädiglich,

Herr Gott, zu unsern Zeiten.

Es ist doch ja kein andrer nicht,

der für uns könnte streiten,

denn du, unser Gott, alleine.


Sendung + Segen


Gehet hin im Frieden des Herrn.


Der Herr segne dich und behüte dich. 

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.


Nun danket alle Gott


Nun danket alle Gott

mit Herzen, Mund und Händen,

der große Dinge tut

an uns und allen Enden,

der uns von Mutterleib

und Kindesbeinen an

unzählig viel zu gut

bis hierher hat getan.


Der ewigreiche Gott

woll uns bei unserm Leben

ein immer fröhlich Herz

und edlen Frieden geben

und uns in seiner Gnad

erhalten fort und fort

und uns aus aller Not

erlösen hier und dort.


Lob, Ehr und Preis sei Gott

dem Vater und dem Sohne

und Gott dem Heilgen Geist

im höchsten Himmelsthrone,

ihm, dem dreiein’gen Gott,

wie es im Anfang war

und ist und bleiben wird

so jetzt und immerdar.


Der Gottesdienst wurde gehalten von Thomas Roloff.


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Bilder -Nachträge


Nachdem mir einiges an Bildern zugegangen ist, will ich eine Auswahl gern hier noch teilen. Der erste Teil handelt vom Geschehen im Charlottenburger Mausoleum, wie unschwer zu erkennen ist. 











Der zweite Teil besteht aus Impressionen vom Schloß Charlottenburg. Es ist ganz erstaunlich, was von diesem stark kriegversehrten Bau wiedergewonnen werden konnte.

















Der dritte Teil wechselt kurz nach Strelitz. Es beginnt mit einem Blick auf die Grabfigur im Gedenkmausoleum für die Königin Luise in Neustrelitz.

Grabfigur der Königin Luise. Kopie von Albert Wolff (1892)
nach dem Original von Christian Daniel Rauch, von hier

Wir wechseln ins Schloß Hohenzieritz, dem Sterbeort der Königin, in ihre dortige Gedenkstätte, die Bilder sind schon wieder historisch, da nach der modernen Entkernung der ehemaligen Ausstellung wenig mehr als der Ort und die Grabfigur geblieben ist. Man mag das hier nachlesen.

Königin-Luise-Gedenkstätte, Schloß Hohenzieritz, 2014, von hier


Königin-Luise-Gedenkstätte, Schloß Hohenzieritz, 2014, von hier

Aber da wir unmöglich so enden können, folgt als Abschluß diese bezaubernde Figurengruppe von Schadow:

Johann Gottfried Schadow, Luise und Friederike von Mecklenburg-Strelitz, von hier