Mittwoch, 20. November 2019

Zum Buß- und Bettag

Nicolaikirche in Magdeburg-Neue Neustadt, Westseite

Üblicherweise kommen die Predigten des Herrn Roloff, die ich hier gelegentlich bringe, gut ohne meine Vorbemerkungen aus.

Aber ich muß es einmal sagen: Wenn aus der Religion das Religiöse gewichen und nur ein innerweltlicher Zeitgeist-Moralismus noch übriggeblieben ist, von der Klimakatastrophe bis..., ach, schweigen wir davon und überlassen die Protagonisten ihrem freudlosen selbstgewählten Fegefeuer.

Man fühlt sich gemahnt an eine flackernde Glühbirne. Mal ist Licht und dann wieder nicht. Und man ahnt, gleich wird sie ihren Geist aufgeben. Und dann bleibt bloß noch die Abwesenheit Gottes.

Jedenfalls, und das wollte ich eigentlich lediglich anmerken. Welche Wohltat dann, eine Predigt zu lesen, die so auch vor 100 Jahren hätte gehalten werden können und hoffentlich auch wiederum in 100 Jahre in solcher Weise gehalten werden wird, wo auch immer. Zur Predigt:

Magdeburg, Nicolaikirche, 1952

Predigt zum Buß- und Bettag 2019 

in St. Nicolai, Magdeburg

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext ist die Epistel des heutigen Tages.

Liebe Gemeinde,

erlauben Sie mir zwei kurze Vorbemerkungen, die ich darum für erforderlich halte, weil der Begriff der Buße im Zentrum des heutigen Tages steht, viele Menschen mit ihm aber fast nur noch negative, geradezu Vorstellungen von Demütigung  verbinden. Wenn ich etwas büßen soll, dann steht mir vermeintlich nichts Gutes bevor.

Darum will ich zunächst auf eine Stelle im Nehemiabuch hinweisen, in der es um den Wiederaufbau Jerusalems geht. Luther konnte sie noch wie folgt übersetzen: „Da aber Saneballat und Tobia und die Araber und Ammoniter und Asdoditer hörten, daß die Mauern zu Jerusalem zugemacht wurden und daß sie die Lücken angefangen hatten zu büßen, wurden sie sehr zornig.“

Plötzlich erinnern wir uns, dass Buße mit Wiederaufbau, Erfüllung und Heilung zu tun hat. Die Buße eröffnet einen Weg der Wiederherstellung.

Die zweite Vorbemerkung soll darauf hinweisen, wenn Menschen lange in Unfreiheit waren, sich im Dunkel des Verlieses befanden, es muss nicht immer eine Gefängniszelle sein, es kann auch die Finsternis sein, in die wir uns selbst eingeschlossen haben, dann erschrickt sie plötzliche Freiheit und strahlendes Licht.

Mit diesen Gedanken vor Augen will ich mich unserem Text nähern.

Der Maßstab des göttlichen Gerichts

Röm 2, 1-11

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der da richtet. Denn worin du einen andern richtest, verdammst du dich selbst; sintemal du eben dasselbe tust, was du richtest. 2 Denn wir wissen, daß Gottes Urteil ist recht über die, so solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du richtest die, die solches tun, und tust auch dasselbe, daß du dem Urteil Gottes entrinnen werdest? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet? 5 Du aber nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufest dir selbst den Zorn auf den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 welcher geben wird einem jeglichen nach seinen Werken: 7 Preis und Ehre und unvergängliches Wesen denen, die mit Geduld in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben; 8 aber denen, die da zänkisch sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit, Ungnade, und Zorn; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die da Böses tun, vornehmlich der Juden und auch der Griechen; 10 Preis aber und Ehre und Friede allen denen, die da Gutes tun, vornehmlich den Juden und auch den Griechen.    11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott. Amen.

Rigoros und konsequent entwickelt Paulus seine Überzeugung vom Richten. Die Frage nach der Sünde ruft nach Selbsterkenntnis und nicht nach dem Urteil über andere Menschen. Erkannt werden können in richtiger Weise immer nur die eigenen Sünden. Wer dies tut, der wird schnell gewahr, wie sehr er sich selbst verdammen würde, wenn er sich anmaßte einen anderen zu richten. Nichts verbindet uns Menschen untereinander fester als die Sündhaftigkeit unseres Wesens. Diese Erkenntnis sollte darum in uns zunächst und vor allem Barmherzigkeit gegenüber unseren Mitmenschen entzünden.

Unwillkürlich erscheinen vor meinem inneren Auge Pharisäer und Zöllner, von deren Tempelgang Jesus erzählt.

Der Pharisäer resümiert seine guten Werke und dankt Gott dafür, nicht so zu sein, wie der sündige Zöllner. Der Zöllner bekennt seine Unwürdigkeit und geht gerechtfertigt von dannen.

Der tiefere Sinn des Bußtages liegt nun genau darin, dass wir begreifen sollen, wie wenig wir vom tieferen Sinn der Buße verstanden haben, wenn wir uns nur auf die Seite des Zöllners stellen und nun dafür danken, keine Pharisäer zu sein. Dann erheben wir uns nämlich auch nur auf eine fromme Höhe, von der aus es so angenehm ist, sich wohlgefällig zu beschauen.

Festgottesdienst am 28.3. 1954 zur In-Dienst-Nahme der wiederhergestellten St. Nicolai-Kirche, hier gefunden

Wer die uns durch Paulus im Römerbrief vorgelegten Zusammenhänge ganz erfassen will, der muss sich an Paulus als den Juden und Pharisäer erinnern, der er ganz und gar gewesen ist, ehe es ihn vor Damaskus vom Pferd gerissen hat.

Paulus kennt die ganze religiöse Selbstgerechtigkeit, die daraus erwächst, dass der Anblick fremder Sünde uns stets dazu verleitet, das Richteramt einzunehmen. Gottes Gericht über die anderen ist immer so gerecht. Mit großem Eifer hat Saulus noch selbst daran mitgewirkt, dieses zu vollstrecken. Wenn er nun schreibt, „Das Urteil, das du gegen den anderen aussprichst, verdammt dich selbst“, dann hätte er auch schreiben können, ich war selbst ein Verdammter.

Verdammt zu sein, das heißt in Aussichtslosigkeit zu leben. Auf diese Verbindung kommt es dem Apostel an. Aus dieser Verbindung heraus entwickelt Paulus seine Auffassung von der Funktion des Gesetzes.

Im Gesetz dokumentiert sich einerseits der Wille Gottes, der Welt eine gute Ordnung zu geben. Für den Menschen unter dem Gesetz hat aber genau das andererseits zur Folge, dass er gewahr wird, dieser Ordnung nicht gerecht zu werden. Gleichzeitig bleibt seine einzige Heilshoffnung die Erfüllung des Gesetzes. Das Erleben eigener Sündhaftigkeit, eigenen Versagens treibt ihn in die Unaufrichtigkeit, Unwahrhaftigkeit und in die Lüge.

Erinnern wir uns an den ersten Rechtsfall der Menschheitsgeschichte, der aufzuklären war. Gott hatte dem Garten Eden eine gute Ordnung gegeben. Nur vom Baum der Erkenntnis zu essen war den Menschen verboten. Es hätte ein herrliches Leben sein können, wenn nicht die Versuchung, das Gebot zu durchbrechen, zu groß gewesen wäre.

Magdeburg, St. Nicolai

Gott tritt selbst als Ermittler in der Sache auf und befragt die Verdächtigen.  Adam greift zu der seitdem bewährten Ausflucht: Das Weib ist schuld. Das Weib wiederum legt dar, die Schlange hätte sie betrogen.

Wenn die Heilshoffnung ihren Grund ausschließlich in der Erfüllung des Gesetzes hat, dann führt das den Menschen in die Aussichtslosigkeit. Er kann nach dem Fall nur noch leugnen, andere beschuldigen oder sich verbergen. Ungeschehen machen kann er es nicht.

Der Unterschied zwischen Sündern und Gerechten, wenn wir uns anmaßen, ihn zu machen, bleibt nichts als selbstgerechte, fromme Heuchelei. Wer wüsste das besser als Paulus? Diese Unterscheidung ist unaufrichtig und treibt gerade darum die Menschen auseinander. Je stärker man um Selbstheiligung bemüht ist, desto mehr muss man sich von den Verworfenen abgrenzen und ihre Verworfenheit sogar noch herausstellen.

Paulus aber bricht nun der Wahrheit Bahn und führt dadurch den Sünder aus der Lüge heraus zum Geständnis, dass er gesündigt hat. Er kann dies tun, weil er der Gnade begegnet ist, die im Evangelium ausgegossen wurde.

Erst durch die in Christus erschienene Güte Gottes gibt es eine tatsächliche Möglichkeit zur Buße.

Buße bedeutet aber gerade nicht, die Ordnung Gottes aufzulösen und vergessen zu machen.

Wenn wir nämlich die Güte Gottes als Erlaubnis zur Sünde deuten und bei der Geduld und Langmut Gottes Ermunterung und Schutz für unsere Bosheit suchen, so verwandelt sich unser Vertrauen auf Gottes Güte in ihre Verachtung.

Magdeburg, St. Nicolai 

Der Glaube an die Gnade Gottes eröffnet erst eigentlich den Weg zum Tun des Guten, denn erst im Glauben kann der Mensch Gutes tun, ohne eigennützige Ziele zu verfolgen. Der Glaube an die Gnade Gottes befreit recht eigentlich zum guten Werk. Der glaubende Mensch hört eben auch ganz auf, mit seinem Tun Gott etwas geben zu wollen. Unser gutes Werk besteht nur noch darin, dass wir Anteil nehmen am Werk Gottes.

Der Glaubende begehrt das gute Werk mit ganzem Herzen. Aber er sucht es nicht bei sich selbst, sondern sucht und findet es bei Gott, und das erste und wichtigste, was er hierzu bedarf und bekommt, ist, dass er im Anblick der göttlichen Gnade Gott glauben lernt.

So war denn auch die Verkündigung der göttlichen Gnade durch unseren Herrn wie das gleißende Licht, das denjenigen erschrickt, der im Dunkeln gesessen hat. Die ganze Vergeblichkeit der nur behaupteten Gesetzestreue, die verlogene Anstrengung der Selbstheiligung und das ewige Richten der Sünder, nur damit man sich von ihnen unterscheidet, waren im wahrsten Sinne bloß gestellt.

Sie hatten den Menschen versklavt und nur immer weiter von Gott entfernt, und Gottesferne ist das Wesen der Sünde.

Buße ist nichts anderes als das unbedingte und nicht zu erschütternde Vertrauen in die Gnade Gottes, durch die wir frei werden, ihm und einander im Guten zu dienen.

Damit treten wir auch fest jenen entgegen, die behaupten, Gott habe den Glauben an die Stelle der guten Werke gesetzt, gleichsam als bequemeren Weg zum Heil. Dieses Missverständnis gründet in der Annahme, der Glaube würde das Gesetz und die Gebote überwinden – er erfüllt sie aber.

So lesen wir auch schon in den Sprüchen Salomos: Wer sein Ohr abwendet, das Gesetz zu hören, dessen Gebet ist ein Greuel. (Spr 28, 9)

Antiquities of the Orient unveiled, 
Solomon, King of Israel, 1875, hier gefunden

Überhaupt gibt es natürlich auch schon im Alten Testament eine Hoffnung, die Gnade in der vertieften Gotteserkenntnis sucht. Im Buche der Weisheit Salomo heißt es: „Und wenn wir gleich sündigen, sind wir doch dein, und kennen deine Macht. Denn dich kennen ist eine vollkommene Gerechtigkeit; und deine Macht wissen, ist eine Wurzel des ewigen Lebens.“ (Weisheit 15, 2/3)

Die Gotteserkenntnis der Weisheit ahnt und fiebert geradezu schon herbei, was mit Christus Wirklichkeit geworden ist. Gott wurde Mensch und unser Bruder. In ihm sind Gnade und Wahrheit geworden.

Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet?

So sei nun fleißig und tue Buße!

Das bedeutet - ändere deinen Sinn, ändere die Richtung, in die du gehst. Dieser Prozess aber beginnt immer dort am wirkungsvollsten, wo wir Menschen uns schlicht der Wahrheit stellen – auch und besonders der Wahrheit unseres Wesens.

Wir müssen erkennen, dass wir verführbar sind, dass wir eitel sind und Menschen brauchen, die uns die Wahrheit sagen. Wir sollen uns zu Gott hin wenden und seine Hilfe erwarten und uns nicht durch die falschen Propheten verführen lassen, die uns stets glauben machen wollen, wir könnten uns selbst retten.

Und darum ist Buße für uns Christen ein Tor zur Befreiung. Der Bußtag ist ein Fest der Freiheit.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Amen

Thomas Roloff 

Weltliche Schatzkammer Wien, Reichskrone, 
König Salomon (Rex Salomon), hier gefunden

Sonntag, 3. November 2019

Über die Veredelung aller menschlichen Verhältnisse II – Schinkel & Beuth

Karl Friedrich Schinkel, Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer

Da will ich also endlich über die Freude an Innendekorationen reden und rutsche unvermeidlich ins Weltanschauliche. Bringen wir es also hinter uns.

Von den Radikalen der sog. Moderne wird durchaus auch unser Schinkel als Gewährsmann herangezogen. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

"Sehr bald gerieth ich in den Fehler der rein radicalen Abstraction, wo ich die ganze Conception für ein bestimmtes Werk der Baukunst aus seinem nächsten trivialen Zweck allein und aus der Construction entwickelte. In diesem Falle entstand etwas Trocknes, Starres, das der Freiheit ermangelte und zwei wesentliche Elemente, das Historische und das Poetische, ganz ausschloß. Ich forschte weiter, wie weit das rationelle Princip wirksam sein möchte, um den Trivialbegriff des Gegenstandes festzustellen, und, wie weit andererseits jenen höheren Einwirkungen von geschichtlichen, artistischen und poetischen Zwecken der Eintritt dabei gestattet werden dürfe, um das Werk zur Kunst zu erheben.“

Nichts also von "form follows function". Noch bevor dieser Slogan überhaupt erfunden wurde, hatte Schinkel schon sein Urteil darüber gefällt (es heißt, er gehe auf einen Amerikaner namens Louis Henry Sullivan zurück, den Vater der Wolkenkratzer; was mir Gelegenheit gibt, das kleine Kuriosum beizusteuern, daß, als ich zum ersten Mal auf das englische Wort dafür, nämlich "towerhouse", stieß, mein Unbewußtes es mir prompt als Terrorhaus übersetzte). Die gewaltaffine Sprache der sog. Moderne will zu gern „Formen aufbrechen“ etc. Sie wären also ein Gefängnis? Wofür und zur Abwehr wovor?

Schinkel setzte statt auf die Verelendung aller ästhetischen Verhältnisse auf die Veredelung aller menschlichen. Ein kühnes Programm. Und zur Veredlung aller menschlichen Verhältnisse sind eben zwei Dinge unabdingbar - das Historische und das Poetische.

Das Historische, das das Bewußtsein aller menschlichen Bemühungen wachhält, sich über das einfache So-Sein zu erheben, welches in der Vielfalt seiner Formen Unterscheidungsfähigkeit, Erfahrung und Behaustheit bewahrt.

Das Poetische, das es dem Menschen erlaubt, sich nicht nur von den Bedingungen seines Seins zu emanzipieren, sondern auch die Tiefe und den unendlichen Gehalt dessen zu erahnen, in das er geworfen ist.

Bei Schinkel tritt zum Respekt vor dem Überkommenen gleichzeitig immer die größte innere Freiheit in seiner Berücksichtigung. Denn nicht aus bloßer Pflicht handelt er, sondern:

"Es kann nicht die Bestimmung alles Lebens sein, sich zu quälen, vielmehr soll Seligkeit die Bestimmung alles Lebens sein, und so wird man eigentlich Gott wohlgefälliger, wenn man mit Liebe handelt; aber nur das Schöne ist der höchsten Liebe fähig, und darum handle man schön, um sich selbst zu lieben und dadurch selig werden zu können..."


Nachzeichnung von Ludwig Lohde nach einem Schinkel-Entwurf 
zur Rückwand des Marmorsaals im Palais des Prinzen Albrecht v. Pr.


Berlin, Wilhelmstraße 102. Palais des Prinzen Albrecht von Preußen, 
Entwurf zum Marmorsaal, hier gefunden

Ich hatte im Januar diesen Jahres unter seinem Motto einen Beitrag mit der Androhung von Fortsetzungen geschrieben, und ja, manchmal braucht man etwas länger, wenn man über etwas nachdenkt (die Einschränkungen des eigenen Geistes dazugerechnet natürlich). Schinkel hatte sein Programm in recht gedrängten „Gedanken zur Baukunst“ dargelegt, so konzentriert, daß man über manchen Nebensatz mindestens ein halbes Jahr nachdenken müßte. Ich will 3 Punkte möglichst unverkürzt zitieren.

Zunächst definiert er das „Wesen der schönen Künste“ als „höhere Herrschaft über die Natur, wodurch der widerstrebenden das majestätische Gepräge der Menschheit als Gattung, das der Ideen aufgedrückt wird, diese Herrschaft ist das eigentliche Wesen der schönen Künste. Sie ist das Werkzeug der Ewigkeit der Ideen."

Die Menschheit hat also die Herrschaft der Ideen zu exekutieren. Was sind diese aber? Behaupten wir einfach, es sei die verborgene Sinnstruktur des Seins, der der Mensch nicht nur zur Bewußtheit, sondern auch zur Gestalt verhelfen kann, wenn er sich in ihren Dienst stellt. Diese Sinnstruktur vermag, wenn sie erkannt wird, Schönes hervorzubringen, und seine Herrschaft sei verstanden als eine Art von gezähmter Natur.

Und so gewinnt der Architekt seine Aufgabe: „Der Architekt ist seinem Begriff nach der Veredler aller menschlichen Verhältnisse, er muß in seinem Wirkungskreise die gesammte schöne Kunst umfassen. Plastik, Malerei und die Kunst der Raumverhältnisse nach Bedingungen des sittlichen und vernunftgemäßen Lebens des Menschen schmelzen bei ihm in einer Kunst zusammen.“

Berlin, Wilhelmstraße 102. Palais des Prinzen Albrecht von Preußen, 
Entwurf für ein Gesellschaftszimmer, hier gefunden

Warum veredelt der Architekt die menschlichen Verhältnisse? Weil er den menschlichen Geist erwachen läßt und dieser in einer Weiter-Schöpfung Dinge hervorbringt, die seinem geistigen Ursprung entsprechen. Die Dinge sind von wahrhaften Verhältnissen, harmonisch, wohltuend, dauerhaft über ihren zufälligen Untergang hinaus und selbstredend – schön.

Die „Baukunst als Symbol des Lebens“ solle zuallererst auf das vollendet ideale Leben der menschlichen Gattung auf der irdischen Welt sehen. Realisiere der Architekt dieses Ziel, sei sein Leben als glückselig zu bezeichnen.

Königsberg, Poststraße 5, Entwurf zur Marzipanhandlung 
Feige und Keßler hier gefunden

Die Ursachen für die gelegentlichen Beiträge hier sind mitunter kurios. Um Augen & Seele zu erholen, hatte ich mich vor geraumer Zeit in die Schinkel - Zeichnungen des Berliner Kupferstichkabinetts vertieft. Und da trafen dann Ecksofas mit Sphingen auf Raumentwürfe für längst verschollene Prinzenpalais.

Berlin, Wilhelmplatz. Palais des Prinzen Karl.
Entwurf zum Ecksofa für das Empfangszimmer, hier gefunden

Ein anderer zunächst ablenkenden Gedanken: Wir sind sehr mißtrauisch gegen Weltverbesserungs-Absichten geworden, nachdem sie sich in den vergangenen beiden Jahrhunderten hinreichend verheerend ausgetobt haben, das Ästhetische war da mehr Sklavin des rechten Bewußtseins und sollte eher die Erscheinung aufhübschen. Barbaren setzen sich gern in den Besitz schöner Dinge, wenn denen eine Macht zugesprochen wird, und ihr größtes Glück ist, diese anschließend zu zerstören.

Entwurf zu einem Nähtisch für Elisabeth Beuth

Deckplatte zum Nähtisch für Elisabeth Beuth

Das Schöne helfe nicht gegen die Grausamkeit der Abgründe des Menschen, lautet ein gern vorgetragener Einwand. Ich widerspreche dem erst einmal, aber dieses Stück wir jetzt schon immer uferloser. Der Stählerne mochte Opern etc. etc. Das konnte Schinkel noch nicht wissen. Doch halt, vielleicht hat er es geahnt. Denn etwas mehr als vor 200 Jahren begann ein Mentalitätsumbruch im „Abendland“, der noch immer bejubelt wird und dessen Opfer als Kollateralschäden durchgehen müssen.

Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker
Teil 2, Abtlg. 2, Bl. 5: Entwürfe für Glasgefäße, hier gefunden

Schinkel war ein wacher Zeitgenosse und möglicherweise war ihm aufgefallen, daß die Formwahrung durch Überlieferung ebenfalls eben am Zerbrechen war. Hier mußte der preußische Staat einschreiten. Wer sonst. Das Schöne ist konterrevolutionär. Wirklichkeit. Transzendenz. Das Geschichtete von Bedeutungen. Selbstwahrnahme und Selbstbewährung. Die Verteidigung des Anvertrauten. Dessen Erweiterung in einen Kosmos wartender Möglichkeiten...

Jedenfalls gaben die hohen preußischen Staatsbeamten Christian Peter Wilhelm Beuth und Karl Friedrich Schinkel  ab 1821 Musterbücher namens „Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker“ heraus. Wir zitieren aus dem Anfang:

Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker, Teil 1, Abtlg. 2, Bl. 25: 
Entwurf für einen "Pokal in Silber oder Gold auszuführen",
hier gefunden

„Wie das Gefühl für das Sittliche, so ist auch das Gefühl für das Aesthetische nicht bei jedem Menschen gleich stark und was wir in dieser Beziehung an dem Einzelnen wahrnehmen, sehn wir an ganzen Völkern und Zeitaltern.

Ein glückliches Zusammentreffen günstiger Verhältnisse muß sich mit großen natürlichen Anlagen eines Volkes vereinen, um in demselben denjenigen Grad der Ausbildung zu erzeugen, in welchem seine Sitte und Lebensweise als Grundlage allgemein gültiger Gesetze betrachtet werden kann.

Vor allen andern finden wir beim Griechischen Volke eine solche Entwickelung am vollständigsten erreicht. Mit jugendlicher Lebendigkeit ging dies Volk auf einem natürlichen Wege der Vollendung einer vielseitigen Bildung entgegen, ein gesunder Sinn bewahrte es vor solchen Abwegen, auf denen kindische Vorliebe zum Neuen und Hang zum Wunderbaren, die freie Entwickelung guter Anlagen bei anderen Völkern häufig gestört haben. Einbildungskraft und Verstand, Sinnlichkeit und Vernunft wirkten bei den Griechen im schönsten Verhältnis zusammen und brachten die Uebereinstimmung hervor, welche wir durch alle Zweige ihres Cultur-Zustandes verbreitet und bei ihnen so ganz eigenthümlich finden.“

Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker, Teil 1, Abtlg. 2, Bl. 26: 
Entwurf für zwei Leuchter, zwei Friese und drei Pokale, 
zur Ausführung in Silber, Kupfer oder Bronze, hier gefunden

Und in diesem gewissermaßen offiziellen Musterbuch zur Förderung der Wirtschaft wird den Adressaten noch folgendes Detail als ein Wissenswertes zugemutet:

„Das Korinthische Kapitäl entstand nach den Erzählungen der Alten in folgender Art. In Korinth starb eine Jungfrau, ihre Näherin legte in einen Korb diejenigen Geräthe, welche sie in ihrem Leben erfreut hatten, und trug diesen auf die Grabstätte, wo er mit einem Stein zugedeckt wurde. Zufällig ward der Korb auf die Wurzel einer Akanthuspflanze gestellt, welche bald ausschlug und ihre Blätter, Stengel und Blüthen so zierlich um den Korb ausbreitete und an denselben anschmiegte, daß der Künstler Kallimachus, ergriffen von der Schönheit des Anblicks, davon die Idee eines Säulenkapitäls entnahm, Kallimachus war berühmt wegen der großen Ausführung und Zierlichkeit seiner Arbeiten, die ihm selbst nie genügten, weshalb er den Beinamen, der Selbsttadler erhielt.“

Mappenwerk, Ansichten zweier Tische

Ach wären wir doch auch nur wieder in der Annäherung an solche Zeiten.

Das also sind nun die Anmerkungen zur Vorstellung der Musterbücher, die ich so lange vor mir hergeschoben hatte.


nachgetragen am 4. November

Sonntag, 13. Oktober 2019

Zum Gedenken an Hans - Jürgen Graf von Blumenthal



Der Abschiedsbrief


Mein innig geliebter Schatz!

Wenn diese Zeilen in Deine lieben guten Hände kommen, dann bin ich nicht mehr auf dieser Welt. Ich bin zum Tode verurteilt, rauche jetzt eine letzte Zigarette und werde in Kurzem hinüber gehen in die Ewigkeit, in der wir uns wiederfinden werden, um niemals mehr getrennt zu werden. Ich nehme mit mir die Dankbarkeit für alles, was Du mir in den vergangenen Jahren gewesen bist und gegeben hast. Sei überzeugt, dass ich unser Glück nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt habe. Gott hat es so gefügt und wir müssen es tragen. Tröste Moi, so gut es geht. Gestern träumte ich, dass Vati in der Tür stände, in Hut und Mantel und sagte: „Komm, mein Junge, es ist Zeit!"

Unseren Trauring wirst Du von hier zugeschickt bekommen, die „Trense“ gab ich in Tegel ab und hoffe, die Zusendung erfolgt von dort aus, bzw. vom Reichssicherheitshauptamt in der Albrechtstraße. Sonstige Verfügungen kann ich nicht treffen, denn mein Vermögen ist dem Staat verfallen.  Über die übrigen Dinge verfüge Du so wie es Dir recht scheint.

Grüße unsere Kinder. Es ist auch für sie ein schweres Schicksal. Verstehen werden sie alles erst sehr viel später. 

In Gedanken schliesse ich Dich noch einmal ganz fest in die Arme. Bald wird das, was an mir unsterblich ist, immer um Dich und unsere Kinder sein, bis auch Ihr eingeht in das Ewige Leben und Du dann aufs Neue untrennbar verbunden bist mit

Deinem Dich innig liebenden
Peter


Der Abschiedsbrief wurde am 13.Oktober 1944 vom Grafen von Blumenthal kurz vor seinem Tod durch Hängen in Plötzensee geschrieben. Am selben Tage war er vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt worden.

Der nachfolgende Beitrag erschien zuerst im "Nordkurier am Wochende" vom 12. / 13. Oktober 2019. Hier erscheint er in ungekürzter und unveränderter Fassung.


Konstantin Graf von Blumenthal über seinen Großvater

Blumenthal im Herbst 1939 am "Westwall"...
© Konstantin Graf von Blumenthal 

Am 13. Oktober 2019 liegt die Hinrichtung des Neustrelitzers, Carolinum-Absolventen, Offiziers und Widerstandskämpfers Hans Jürgen Graf von Blumenthal, meines Großvaters, genau 75 Jahre zurück.

Für seine Beteiligung am gescheiterten Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 wurde er am 13. Oktober 1944 im Alter von 37 Jahren vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode sowie zusätzlichem Vermögensverlust verurteilt und kurz darauf in Berlin-Plötzensee mit einer Drahtschlinge erhängt. Todeszeitpunkt laut Sterbeurkunde: 15.07 Uhr.

Geboren wurde er am 23. Februar 1907 in Potsdam als Sohn des dem Kaiserhaus eng verbundenen Offiziers Grafen Hans von Blumenthal (1869–1944) und seiner Ehefrau Melanie (1875–1953), geb. Gräfin von der Schulenburg. Hans Jürgen hatte eine zwei Jahre jüngere Schwester, Sigrid, seit 1930 verheiratete Prinzessin zu Ysenburg und Büdingen.

Die Grafen von Blumenthal gehen im Mannesstamm auf das mittelalterliche niedersächsische Hochadelsgeschlecht der edelfreien Herren von Diepholz zurück. Ein Zweig dieser Familie erwarb die Herrschaft Blumenthal in der Prignitz, die 1296 namengebend wurde. Hans Jürgens Ururgroßvater, Heinrich Graf von Blumenthal (1765–1830), einer der größten Grundbesitzer Preußens, zählte zu den Vorreitern der Bauernbefreiung. Das Scheitern der gegen die Herrschaft Napoleons gerichteten Befreiungsversuche von 1809 führte 1810 zum Verlust Blumenthals und aller anderen Besitzungen mit Ausnahme einiger im Umland von Neustrelitz gelegener Güter.

Blumenthal wuchs in Potsdam im Umfeld des kaiserlichen Hofes auf. Für den Prinzen Wilhelm, ältester Sohn des Kronprinzen, war er zeitlebens wie ein Bruder. Weltkrieg, Revolution und Zusammenbruch erwiesen sich als einschneidende Erlebnisse, der folgenden Weimarer Republik begegnete die gesamte Familie mit Ablehnung.

 Angesichts der katastrophalen Verhältnisse schickten Hans Jürgens Eltern ihren Sohn 1920 nach Schweden zum Grafen Eric von Rosen (1879–1948). Dieser trat als Ethnograph, Archäologe, Gründer der Luftwaffe Finnlands und Vordenker der rechten Kräfte Schwedens in Erscheinung und war Vertrauter des finnischen Heerführers und Staatsmannes Freiherrn Carl Gustaf Emil von Mannerheim. Der schwedische Graf wurde für Blumenthal eine Art „Vizevater“, sein Schloss Rockelstad ein zweites Elternhaus. Das Jahr 1923 machte Rosen zum Schwippschwager Hermann Görings.

Schon als Jugendlicher engagierte sich Blumenthal im „Jungstahlhelm“, Jugendorganisation des nationalkonservativen Wehrverbandes „Stahlhelm“. Dort erhielt er eine militärische Ausbildung und begann parallel seine journalistische Tätigkeit.

Nachdem die Großherzogin-Witwe Elisabeth von Mecklenburg-Strelitz Hans Jürgens Vater zu ihrem Generalbevollmächtigten ernannt hatte, zog die Familie 1927 nach Neustrelitz. Hans Jürgen besuchte das Gymnasium Carolinum, wo er 1928 Abitur machte und am 29. März die Abschiedsrede hielt.

Als Student unternahm er von Oktober bis Dezember 1930 eine Debattenreise durch die USA, besuchte Universitäten in 12 Bundesstaaten, traf Politiker, Schriftsteller, Historiker, Journalisten und Offiziere. In Vorträgen kritisierte er Versailler Vertrag und Young-Plan scharf. Gegen seine von der amerikanischen Öffentlichkeit positiv aufgenommenen Äußerungen protestierte der deutsche Botschafter offiziell über das Auswärtige Amt wegen „nationalistischer Agitation“ Blumenthals und erklärte ihn „für Missionen im Ausland aus Gründen der Gefährdung der Republik für ungeeignet“. Hans Jürgen bemerkte, das empfände er als Anerkennung.

Aus Blumenthals anfänglichem Wohlwollen gegenüber den Nationalsozialisten wurde seit Juli 1930 Feindschaft. Von Adolf Hitler persönlich überbrachte großzügige Angebote wies er rigoros zurück. In den Führern der NSDAP sah er „Perverse“ mit „Freude am Quälen“, ein „Geschwür“, das „ausgedrückt“ werden müsse, bevor es „die ganze nationale Front vereitert“. Am 4. Dezember 1932 unternahm er in „Der Stahlhelm“ einen journalistischen Frontalangriff auf Hitler, der mit folgenden Sätzen endet: „Darum Schluß mit dem Wahn von der Berufenheit der NSDAP, Schluß mit dem Aberglauben an den Wundermann Hitler! Es geht nicht um Parteien und Personen; es geht um Deutschland!“.

Bereits im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934 sollte Blumenthal daher ermordet werden. Nur durch Zufall überlebte er. Seine Mutter schreibt, „Hitler verfolgte meinen Sohn mit glühendem Hass“.

1938 beteiligte sich Hans Jürgen, seit Ende 1935 Berufssoldat, an einer militärischen Verschwörung mit dem Ziel, Hitler zu töten. Das Münchner Abkommen vereitelte dieses Unterfangen jedoch.
Ein Jahr später heiratete er Cornelia von Schnitzler (1905–1977), gesch. von Kries, die aus ihrer ersten Ehe schon zwei Kinder hatte. Sie war Miteigentümerin des Schlosses Klink und der dazugehörigen Güter. Weitere Anteile besaß ihre Mutter Hedwig, wie Cornelia überzeugte Nazigegnerin. Aufgrund seiner Hochzeit und des innigen Verhältnisses zur Schwiegermutter übernahm Hans Jürgen nach seiner schweren Verwundung sogar die Bewirtschaftung des Besitzes.

Im Krieg kämpfte er zunächst in Frankreich und wurde dabei mehrfach ausgezeichnet. Danach in Polen stationiert, schrieb er unter Pseudonymen Bücher. Zugleich kam sein einziges Kind, der Sohn Hubertus (1941–1991), auf die Welt. Auf dem Russlandfeldzug zerfetzte dann am 30. Juli 1941 ein Dumdum-Geschoss Hans Jürgens rechten Arm. Nach monatelangen Lazarettaufenthalten folgte seine Versetzung ins Oberkommando des Heeres.

Bald wieder im Kontakt zum Widerstand, war er aktiv in die Vorbereitungen für den Umsturz des 20. Juli 1944 eingebunden. Neben seiner Tätigkeit als Verbindungsoffizier für den Wehrkreis II (Stettin) hatte er auch einen „Erlaß über die vorläufige Kriegsspitzengliederung“ ausgearbeitet. Durch diesen sollten nach erfolgtem Umsturz die Fronten stabilisiert werden. In den letzten Wochen vor dem Attentat kam es zu zahlreichen konspirativen Treffen Blumenthals mit dem Grafen Stauffenberg.

Der Umsturzversuch scheiterte.

... und während des Prozesses, Stunden vor seiner Hinrichtung
© Konstantin Graf von Blumenthal 

Die letzten Stunden des Zusammenbruchs der Widerstandbewegung erlebte Blumenthal vom frühen Abend an im Bendlerblock unmittelbar mit. Seiner Frau beschrieb er entsetzliche Szenen mit vielen menschlichen Enttäuschungen. Eine Fluchtmöglichkeit nach Schweden lehnte er ab, denn „der preußische Offizier steht zu seiner Tat“. Am 23. Juli wurde er von der Gestapo verhaftet. Seiner Bitte entsprechend vernichtete daraufhin seine ebenfalls im Widerstand aktive Mutter alle auf ihre illegale Tätigkeit hinweisenden Dokumente. In der Haft wurde Blumenthal schwer gefoltert. Zeugen zufolge dadurch „entstellt“, habe er der Folter dennoch standgehalten.

Für seine Hinrichtung war Blumenthal geistlicher Beistand verweigert worden. Auf dem Weg zur Richtstätte kam es aber zufällig zu einem kurzen unbemerkten Blickkontakt Hans Jürgens mit dem Domkapitular Peter Buchholz. Dieser berichtete 1946 „über das Ende des tapferen Grafen Blumenthal“, der „ungebrochen und in aufrechter Haltung seinem Schicksal entgegengegangen ist“.

Konstantin Graf von Blumenthal

Konstantin Graf von Blumenthal ist der Enkel und einzige lebende Nachfahre von Hans - Jürgen Graf von Blumenthal.




Am Sonntag fand in Neustrelitz aus Anlaß seines 75. Todestages eine Gedenkstunde für Hans Jürgen Graf von Blumenthal statt. Vor dem damaligen Wohnhaus der Familie wurde anschließend ein Kranz niedergelegt und der oben dokumentierte Abschiedsbrief verlesen.

Auf dem Grabstein seines Vaters Hans Adam Oskar Karl Fritz Graf von Blumenthal, der auf dem Neuen Friedhof der Residenzstadt bestattet ist, findet sich eine Gedenkinschrift für den Sohn. Über den Verbleib von dessen Leichnam ist nichts bekannt.



© Konstantin Graf von Blumenthal 

nachgetragen am 18. Oktober

Samstag, 12. Oktober 2019

Bei Land - Baumeister Buttel II


Friedhöfe sind ein Gedächtnis des Ortes. Weniger der Namen, die allgemein schnell unverständlich werden, aber woran die Bewohner Gefallen fanden, was dem Gestalt gab, das ihnen bedeutend schien, was sie tröstete, ihnen Halt gab, worauf sie hofften. An der Hohenzieritzer Straße findet sich der dem Neustrelitzer bekannte Friedhof, den man vielleicht nur den Neuen nennen sollte, um wenigstens im Namen noch an den alten zu erinnern.

Der alte lag am Ende der Strelitzer Straße, begrenzt des weiteren von der Friedrich-Wilhelm- und der Augustastraße, und so sehr sich in dem jetzigen Kultur-, Lebens- und Geistesgeschichte der Bewohner dieser Stadt vielfältig ablesen lassen - es fehlen uns gute 100 Jahre. Denn geweiht wurde dieser 1769 (es war schon der 2.), genutzt wegen Platzmangels nicht viel über die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts hinaus, zuletzt in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts als Urnenfriedhof.

Er kam nach dem Bau (ab 1843) und der Erweiterung (ab 1859) der Infanteriekaserne in der Strelitzer Straße auch zunehmend in Bedrängnis, verblieb aber in zurückgenommener Form als Park mit alten Monumenten und barocken Grabdenkmalen und vor allem der Zesterfleth-Kapelle ein stimmungsvoller und geschichtsversunkener Ort. Bis 1945 dann das andere kam und der Ort verschwand.

In der Nr. 89 des Carolinums kann man in einem Aufsatz von Annalise Wagner nachlesen, was dort verloren gegangen ist. Und das übrig gebliebene letzte lädierte Mausoleum sieht man unten im Bild.

Zesterfleth-Kapelle (1945 abgerissen)




Jetzt wären wir auch schon auf dem neuen Friedhof. Annalise Wagner, von der eben die Rede war und deren Name in Neustrelitz noch des öfteren fällt, ist dort begraben. Dieser Friedhof wurde angelegt, als, wie schon erwähnt, der alte zu klein wurde. 1849 erwarb die Kirchenökonomie ein Stück Land von der Forstverwaltung, das von Kiefernwald bestanden war.

Großherzog Georg gab die Mittel, um das Gelände einzuebnen und mit einer filigranen Backsteinmauer einzufrieden und von der damaligen Neubrandenburger Chaussee abzugrenzen. Im 4. Bild des vorigen Beitrages (ich hatte dort erläuternde Nachträge versprochen, es hat etwas gedauert) kann man sie im Hintergrund finden. Die Mauer, wie die 1852 vollendete und ebenfalls vom Großherzog gestiftete Friedhofskapelle, stammen von Buttel, geweiht wurde der Ort bereits 1851.

Auch zu diesem Friedhof hat Frau Wagner selbstredend etwas geschrieben, in der 80. Nr. des Carolinums ab Seite 18 nachzulesen.


Diese beiden Bilder erinnern an zwei bedeutende Neustrelitzer Gestalten, die sich um die Bewahrung des Strelitzer Erbes Verdienste erworben haben. Einmal Walter Karbe, der große Erforscher der Geschichte dieser Region, dessen letzter, vergeblicher Kampf der um den Erhalt der Mecklenburg-Strelitzschen Landesbibliothek war († 25. Oktober 1956).

Der zweite Name ist der des Konrad Hustaedt († 17. Oktober 1948) Autor, Forscher, Kunsthistoriker und Konservator des Mecklenburg-Strelitzschen Landesmuseums.


Geht man durch die langgezogenen Alleen des Friedhofs, wandert man wie durch ein Geschichtsbuch. Und wem die hiesige Geschichte etwas sagt, der stößt immer wieder auf bekannte Namen, und kann sich an unbekannten Familiengräbern aus den Inschriften doch wenigstens ein wenig an Geschichten erschließen. Er stößt auf die Trauer um Gefallene oder die Verzweifelten von 1945 und ganz am Ende auf einen Gefallenenfriedhof, der sich mit seinem zentralen Monument etwas merkwürdig ausnimmt.

Nicht des Namens von Großherzog Adolf Friedrich VI. wegen natürlich - das Denkmal wurde also noch im Kriege angelegt - oder überhaupt der Inschrift wegen, sondern diese Form eines gewissermaßen gesprengten und wieder zusammengefügten großen Findlings wirkt auf mich etwas gespenstisch. Wie auch immer. Auch Soldaten nichtdeutscher Herkunft sind dort übrigens beigesetzt.






Auf dem Weg zurück zum Eingang und zur von Friedrich Wilhelm Buttel erbauten Friedhofskapelle kommen wir an seinem eigenen bescheidenen Mausoleum vorbei. Das auf dem nachfolgenden Bild, am Ende der Allee, ist übrigens das seines Sohnes, des Bürgermeisters Hermann Buttel.

Das Lebensende des für unser Land so prägenden Baumeisters ist von seinem Freitod überschattet. Am Ende war er der Bürde seines Lebens nicht mehr gewachsen - Arbeitsüberlastung, gleichzeitige gesundheitlichen Einbußen (er war deutlich über 70 und hätte längst pensioniert werden müssen), familiäre Belastungen, der Verlust seiner Frau nach langer Krankheit, an seinem großen Werk, der Schloßkirche, waren die von ihm befürchteten Bauschäden aufgetreten – so warf er diese Bürde selbst ab.

Aber wie viel Schönes hat er uns bleibend hinterlassen, in Neustrelitz die Schloßkirche vor allem, aber auch die von ihm umgebaute Orangerie, Fürstenberg, die Klosterkirche in Malchow, die Dorfkirche in Liepen, viele andere Dorfkirchen... Allein eine Liste seiner Bauten würde hier nur unnötig ermüden.

Ich habe erneut nachgelesen, was ich vor Jahren einmal zur Schloßkirche und zu Buttel selbst geschrieben hatte (ich muß damals einen meiner lichteren Momente gehabt haben), und jetzt mache ich etwas, das man eigentlich nicht tut - ein Selbstzitat.

Ich hatte die Schloßkirche einen Ort von transzendenter Schönheit genannt und gemeint, Buttel gehöre zu den wenigen, "die beides vermochten, die Idee einer irdischen Schönheit aufzuzeigen, die mit jedem Ziegelstein über sich hinaus wächst, und zugleich das Bild einer spannungsvollen Ruhe vorzustellen...

Oder um die nüchterneren Worte seines Freundes Roloff zu zitieren, der ihm eine kurze Gedächtnisschrift nach seinem Tode hatte drucken lassen: ‚Andererseits sind aber auch die Baukünstler wieder die Schöpfer und Urheber eines sich allgemeiner verbreitenden und durch den steten Anblick des Schönen und Großartigen sich nach und nach einlebenden bessern Geistes und edlern Geschmackes, und groß ist deshalb ihr Verdienst...‘"

Und noch einmal ein böses Selbstzitat: „Es ist nicht zwangsläufig der Wirkungskreis, der einen Mann bedeutend macht, im Grunde ist es immer der Mann, der dem Ort seines Wirkens Bedeutung verschafft.“




Buttel wird, wie man leicht nachrechnen kann, am 4. November seinen 150. Todestag haben. Wenn ich es recht überschaue, wird es ein eher stilles Gedenken an diesem Ort werden. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch. Und wenn, seine Bauten übernehmen diese Aufgabe ganz gut selbst.


nachgetragen am 15. Oktober 

Donnerstag, 10. Oktober 2019