Dienstag, 1. September 2026

Über das Reich und Otto den Großen

Magdeburger Reiter, von hier

„Tres luctus causae sunt hoc sub marmore clausae,

Rex, decus ecclesiae, summus honor patriae.


„Drei Gründe der Trauer liegen unter diesem Marmor beschlossen,

er war der König des Reiches, die Würde der Kirche, die höchste Ehre des Vaterlands.“


Dies ist eine Inschrift aus dem Magdeburger Dom, in dem der erste deutsche Kaiser, Otto I. begraben liegt.


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Aber wir wollen eingangs etwas persönlich werden. 

Eine meiner merkwürdigsten Erinnerungen rührt ausgerechnet von einer Fernsehreportage her. Damals sah ich solches noch - über die letzten Deutschen im Memelland. Ich versuche, mich getreu zu erinnern: Ein alter Mann, wie sonst, sprach von seiner damaligen Hoffnung, als sich die Front der Reichsgrenze näherte. Dann sei der Krieg endlich vorbei. Denn über diese Grenze könne der Feind doch nicht.

Flüchtende, Vertriebene, Kinder und Frauen, dem ungehemmten Grauen von 1945 und noch später ausgeliefert, beseelte eine Hoffnung: Sie wollten heim ins Reich. Aber es gab kein Reich mehr. Und selbst der Name verschwand innerhalb kürzester Zeit und überlebte nur in Nischen, wie ein skurriles Relikt. Diese Größe, die später nach Kräften zugedeckt, zugenebelt, versteckt, verunglimpft, mit Leichentüchern überzogen wurde, wo doch gar nie nimmer ein Leichnam sein sollte. 

Unter uns ist das Grauen. Aber wir müssen darüber hinaus. Doch wie Mythen nur vergehen können, wenn man sie vollständig vergißt, leben sie weiter, wenn auch nur einer sich ihrer erinnert. Also ist dieser nicht vergangen.

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Man kann wahrlich dem Herrgott nicht vorwerfen, daß er nicht auch in kleinen Dingen ein unglaubliches Maß an Humor bewiese. Während nämlich diese gegenwärtige gespenstisch-traurige Gestalt namens „Unsere Republik“ auf Sachsen-Anhalt schaut, blickte das reichstreue Deutschland auf Magdeburg aus einem ganz anderen Grund.

Die Gebeine Kaiser Otto I. wurden, begleitet von einem ökumenischen Gottesdienst und einem staatlichen Festakt, neu beigesetzt. Am Sarg waren Schäden festgestellt worden, und so wurde die ganze Grablege erneuert.

Bildquelle: Staatskanzlei Sachsen-Anhalt, PE Nr. 522/2026

Ein Titansarg, gestaltet von der Künstlerin Silke Trekel, nahm die Gebeine des Kaisers auf und wurde im alten  Kalksteinsarkophag im Hohen Chor des Doms eingesenkt. Eine aufsteigende Diagonale teilt den Sargdeckel in zwei gleichwertige Flächen, Sinnbilder von Geistlichem und Weltlichem, so lese ich. Die lateinische Inschrift lautet übersetzt: „Hier ruht Otto, zu seiner Zeit erhabener Kaiser von Gottes Gnaden genannt, durch Gottes wohlwollende Güte König, ein christlicher Fürst. Er starb im Jahr 973, in den Nonen des Mai, am Mittwoch vor Pfingsten. Der Sarkophag wurde im Jahr 2026 wiederhergestellt.“

Müssen wir aus den gehaltenen Reden und Predigten zitieren? Nur wenig. Die Predigt des katholischen Bischofs Feige sei durchaus anhörenswert gewesen, sagte man mir, während die des evangelischen nur ein hingebungsvolles Surfen auf dem Zeitgeist… Wie auch sonst. Ich habe sie danach gar nicht erst gelesen.

Aber zuvor noch ein Bild, ganz rechts zuerst SKKH Georg Friedrich, Prinz von Preußen, der direkte Nachfahre unseres letzten deutschen Kaisers Wilhelm II, rechts neben ihm Prinz Christian Ludwig von Preußen.

Bischof Feige hatte 3 Überschriften gewählt: „Vergänglich – erinnernswert – wegweisend“.

Man kann das alles hier nachlesen. Die Predigt selbst ist hier als PDF etwas versteckt zu finden.

„Vergänglich

Vor dem Tod sind alle gleich. „Sic transit gloria mundi“. [Das Zitat ist eine Abwandlung des Wortes von Thomas von Kempen„O quam cito transit gloria mundi!“ („Oh wie schnell vergeht der Ruhm der Welt!“), das vermutlich auf die Bibelstelle 1 Joh 2,17 zurückgeht: „Die Welt vergeht und ihre Begierde“,Vulgata: „Mundus transit et concupiscentia eius“ (2,17 Vul)].

Einem Kaiser ergeht es am Ende nicht anders als dem unbedeutendsten Bewohner seines Reiches. 'Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub'."

„Erinnernswert

Warum setzen wir die Gebeine Kaiser Ottos dann heute so feierlich bei, obwohl er doch schon seit über 1000 Jahren tot ist?“

„Offensichtlich sind wir Menschen – jedenfalls auf Erden – doch nicht alle gleich. Viele leben noch einige Zeit in der Erinnerung ihrer Familien oder auch länger im Gedächtnis eines ganzen Volkes weiter: begeisternd oder abschreckend. Von einigen künden Denkmäler, Berichte oder Geschichten. Manche haben der Menschheit bedeutende Erkenntnisse oder Werke hinterlassen. Zu ihnen gehört auch Otto I. als Wiederbegründer des antiken römischen Kaisertums.

Selbst wenn er nicht zur Ehre der Altäre aufgestiegen ist und als Heiliger verehrt wird, haben christliche Überzeugungen ihn doch in wesentlichen Bereichen herausgefordert und geprägt. Dabei wäre es anachronistisch, ihn nach heutigen Maßstäben zu beurteilen. Dem Geist seiner Zeit entsprechend war er von apokalyptischen Vorstellungen geprägt, verstand sich als Herrscher von Gottes Gnaden und wertete militärische Erfolge als Beweis für dessen Beistand.

In seinem äußerst komplexen Charakter verbanden sich politisches Kalkül und tiefe Frömmigkeit. Auch die Gründung des Erzbistums Magdeburg im Jahr 968 und anderer Bistümer an der östlichen Grenze des Reiches zeugten von der Absicht, seine Macht auszudehnen und die Mission der Slawen voranzutreiben. Stattliche Kirchen wurden gebaut und mit einer Fülle von Reliquien ausgestattet, Klöster gefördert und geistliche Amtsträger mit weltlichen Aufgaben betraut. Zugleich band der christliche Glaube ihn aber auch in seiner Handlungsfreiheit und legte ihm Pflichten auf. 

Demütig sollte ein Herrscher sein, sich stets dessen bewusst, als sündiger Mensch nichts aus eigener Kraft bewirken zu können, sondern letztlich immer auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen zu sein. Zudem sei es – wie Psalm 72, den wir vorhin gehört haben und der zum mittelalterlichen Krönungszeremoniell dazugehörte, zum Ausdruck bringt – die wesentliche Aufgabe eines Herrschers, die göttliche Weltordnung durchzusetzen.

Er solle das „Volk in Gerechtigkeit“ regieren und „den Entrechteten zu ihrem Recht verhelfen“, „den Armen“ befreien, „der um Hilfe schreit, den Elenden und den, der keinen Helfer hat. Er habe Mitleid mit dem Geringen und Armen ... Aus Unterdrückung und Gewalt erlöse er ihr Leben.“. Im biblischen Sinn solle ein König also in seinem Volk für Gerechtigkeit und Frieden sorgen, sich für Menschen einsetzen, die sozial oder gesellschaftlich bedroht sind, und dem Leben aller dienen.“

Oder, um es etwas aus dieser Sprache zu befreien, die so auffällig schwankt zwischen dem, was als Wahrheitsgut überliefert ist, und das man ja durchaus kennt, und dem, was der Unterherscher dieser Zeiten als Unterwerfungssprache abverlangt. Um es also zu befreien. Ein Herrscher, ein König ist immer zuerst Sachwalter der Armen, der Elenden, der ohne Schuld in Not Geratenen, um sie seinem Volk als Bewahrte wieder zuzuführen. Den Vergehenden nicht vernichten, den Starken in seinem Mut stärken, aber auch zu erziehen, wie ein wildes Pferd.

Und zum Mythos: Daß das Gute bewahrt oder aufbewahrt werden kann, weil es nicht abgestorben ist. Und dann verbindet sich dieses Gute auch noch mit Tradition, Herkommen, dem, dem man vertraut ist. Als Mythos ist das seelenrettend. Aber wie weit ist dies alles von dieser gespenstischen Gegenwart entfernt.

Wir müssen mit Bf. Feige fertig werden: „Sicher war das sehr ideal gedacht, stellte aber einen Anspruch dar, der mit der Überzeugung korrespondierte, sich eines Tages für all sein Tun vor Gott persönlich verantworten zu müssen.

Und so wird auch über Kaiser Otto berichtet, tatsächlich gläubig gewesen zu sein und noch im Alter Latein gelernt zu haben, um selbst die Heilige Schrift und andere geistliche Bücher lesen und verstehen zu können. 

Er habe andächtig Gottesdienste mitgefeiert, sich um gute Taten bemüht, damit seine Sünden im Jenseits aufgewogen würden, zudem vor seinem Tod noch die Sterbesakramente empfangen und dafür gesorgt, dass auch weiterhin für sein und seiner Angehörigen Seelenheil gebetet werde.

Wegweisend

In manchem können wir ahnen, was für ein Mensch Otto – genannt der Große – gewesen ist, und doch bleibt er wie jede und jeder von uns ein unauslotbares Geheimnis.

Nur Gott dürfte ihn in- und auswendig kennen und damit gerecht und barmherzig beurteilen können. Als Christen... sehen wir in Kaiser Otto nicht nur eine äußerst markante Person der Vergangenheit mit einer nachhaltigen Wirkungsgeschichte, sondern glauben, dass er auch eine Zukunft hat.

Dankbar erinnern wir uns seines irdischen Wirkens und feiern, dass Gottes Herrschaft auch in seinem Leben aufgestrahlt ist. Zugleich vertrauen wir voller Zuversicht darauf, dass die Toten gleich welchen Standes und dereinst auch wir selbst in Gottes Liebe geborgen bleiben und zur Vollendung finden.

„Denn Gott hat“ – wie es im Buch der Weisheit heißt (2,23) – „den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“. Für Gott ist jeder Mensch – ob reich oder arm, mächtig oder schwach, ohne oder mit Behinderung, binär oder queer, deutscher oder anderer Abstammung – sein Ebenbild und damit einmalig, kostbar und zu einer Lebensfülle berufen, der der Tod nichts anhaben kann.

Und so setzen wir in der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten und das ewige Leben in der Herrlichkeit Gottes die sterblichen Überreste von Kaiser Otto wieder bei, sehen uns davon aber auch inspiriert, vergangenen Zeiten nicht nostalgisch nachzutrauern, sondern unserem christlichen Auftrag folgend die Gegenwart zuversichtlich und tatkräftig mitzugestalten „im Bewusstsein (der) Verantwortung vor Gott und den Menschen“!“

So also sehr ausführlich der Bischof Feige.

Der Staatsminister für Kultur und Medien Weimer fiel noch auf, als er den Kaiser direkt ansprach: „Sehr verehrte Majestät“. „Wir schreiben Ihre Geschichte zu Ende und unsere Geschichte voran.“ Der Kaiser habe europäisch gedacht und gehandelt. Das Reich habe sich von der Nordsee bis zum Mittelmeer erstreckt. „Dieses Reich mit ganz unterschiedlichen Völkern haben Sie geeint.“ „Wenn Sie aus Magdeburg eine Wiege der Deutschen gezimmert haben, so steht diese Wiege von Anfang an im Herzen Europas.“

Das aber ist eben das Wesen der Reichsidee, zu einen, was einem gemeinsamen Ursprung angehört. Dieser Wille, der vom Zentrum Europas ausging und in Treue zur Überlieferung handelte, ist von den Rändern her immer wieder angegriffen worden. Und sei es, um nur ein Beispiel zu nennen, von den Franzosen, die sich lieber mit den Osmanen verbündeten, wenn sie so dem Reich schaden konnten. Aber auch diese haben ihren Lohn lange dahin.

Aber bevor wir weiter in die Grüfte der Geschichte hinabsteigen, noch einige Bilder.






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Ein Mosaik aus einer U-Bahn-Station in Berlin (Richard-Wagner-Platz), von hier

Otto der Große ist einer der Gründerväter des Reichs. Also unser aller Vater. Kaiser und Reich waren und sind seit Karl dem Großen weit mehr als ein politischer Ordnungsrahmen. Bei allem realpolitischen Elend, das es, weiß Gott, mehr als genug gab und zu häufig bestimmend war, gewann doch beides eine förmlich mythische Kraft und Gewalt und gewährte so einen seelischen Rückhalt. 

Wenn sich Goethe über die beiden letzten Kaiserkrönungen, deren Zeuge er war, lustig machte, zeigt das nur, wie sehr er menschlich am Zeitgeist klebte und als eine solche Person auch vernachlässigbar ist. Trotzdem bleibt er ein großer Dichter. Das eine hat mit dem anderen selten viel gemein.

Otto I., Quelle siehe oben


Der erste deutsche Kaiser, Otto I. aus dem Geschlecht der Liudolfinger wurde am 23. November 912 AD geboren. Wenn es stimmt, und warum sollte es das nicht, daß im Magdeburger Reiter einiges von seinen Zügen überliefert ist, bleibt uns nur, in diesen Zügen zu forschen. Wir können auch die überlieferten Chroniken zur Hand nehmen und aus seinem Verhalten auf seinen Charakter schließen. Wie auch immer, was sehen wir: Großmut, Menschenkenntnis, Beherrschtheit, die Fähigkeit zu vergeben, solange dies irgend vertretbar war, Wachheit. Kühnheit, Tapferkeit, Offenheit, Frömmigkeit.

Er hatte die typische Erziehung eines germanischen Adligen erfahren, wozu Lesen und Schreiben nicht zählten. Mit etwa 35 Jahren, nach dem Tod seiner ersten Gemahlin, erzählt der Chronist Widukind, „lernte er die ihm vorher unbekannten Buchstaben so gut, daß er Bücher vollkommen lesen und verstehen kann“. Man mag das amüsant finden, kann aber darin ebenso die Fähigkeit entdecken, die Grenzen der Herkunft zu überschreiten.

Menschen können auch mit einem großartigen Charakter scheitern, und wenn etwas derart exemplarisch behauptet wird, handelt es sich wahrscheinlich um eine propagandistische Lüge, denkt man schnell. Beides ist offenkundig bei ihm aber nicht der Fall. Er ist nicht gescheitert, er hat Entscheidungen getroffen, die folgende Jahrhunderte geprägt haben, und er war einer der bedeutendsten Herrscher, die uns Deutschen gegeben wurden.

Wie er seine Herrschaft bewahrte, die Einzelheiten seines Ringens, die Deutschen an eine gemeinsame Autorität zu gewöhnen, das mag man anderswo nachlesen. Otto d. Große fügte nicht nur dieses fragile, fast zufällige ostfränkische Reich zu einer festeren Gestalt, er hat den Staat der Deutschen, wie immer sie sich damals genannt oder gefühlt haben mögen, mit der schon halb abgesunkenen Idee des (west)-römischen Kaisertums verbunden. Viele haben ihm dies übelgenommen, später. Den Zeitgenossen erschien es das Natürlichste, von der Pflicht Gebotene.

Heutigen Menschen fällt es schwer, sich vorzustellen, daß jemand tatsächlich aus Ideen und Glaubensvorstellungen heraus handelte, die ihnen komplett und abweisend fremd sind. Sie vermuten dann eine Art von Zynismus, denn damit sind sie vertraut. Ja, es gab vor mehr als 1000 Jahren ebenfalls viel Grausamkeit, Eidbrüche, Verrat und Niedertracht. Aber eben nicht nur.

Die Erneuerung des Kaisertums galt den Zeitgenossen als Pflicht und Recht. Als Pflicht, weil man das 7. Kapitel des Propheten Daniel so verstand, daß das römische Reich bis zum Ende der Zeiten von Weltgericht und dem Anbruch des Reiches Gottes nicht untergehen durfte, da es das 4. und letzte der großen Reiche der Menschen sei, ein seit Konstantin christlich Gewordenes zumal. Manche glaubten, daß sein Bestand das Weltende sogar hinauszögern würde. Derjenige, der die Möglichkeit zu seiner Wiederherstellung besaß, hatte also nicht nur die Pflicht, sondern auch das Recht zu diesem gottgefälligen Werk.

Kaiser Otto war ein frommer Mann, der die Missionierung Skandinaviens und des Ostens nach Kräften vorantrieb. Man darf davon ausgehen, daß er das Kaiseramt mit ganzem Ernst und nicht aus schlichtem Machtkalkül anstrebte. Es hat sich über tausend Jahre mit Deutschland dauerhaft verbunden und seinem Geschick sehr eigentümliche Wendungen beschert. 

Ein Land und Reich stand über tausend Jahre im Dienste einer Idee, nach menschlicher Art, also meist unzulänglich, beschämend kleinlich, selbstvergessen, am Ende zunehmend als Farce, aber nicht nur. Und der Anfang aber war stark und überwältigend, wie Anfänge zuweilen eben sind.

Hoffen wir, daß der Zauber dieses Anfangs nie enden wird.

Gott segne unser Heiliges Römisches Reich.


Weltliche Schatzkammer Wien, von hier

Weltliche Schatzkammer Wien, von hier

beendet am 4. September 2026



Mittwoch, 19. August 2026

Über den Schloßberg in Neustrelitz & die Verteidigung der Erinnerung

sowie gegen die neuen Ruinen des Grauens

Neustrelitz, Paradeplatz mit Schloß und Schloßkirche

Großherzogliches Residenzschloß, Postkarte, von hier


Blick über das Schloß auf die Stadt, von 1926

Über den Herrn Klonovsky las ich einmal, er wolle „Maß, Gedächtnis, Rangordnung und verlorene Formen bewahren“. Eben daran scheiden sich die Geister.

Wir leben in einem Zeitalter, das von unerhörten Zerstörungen gezeichnet ist. Nun, es gibt auf der einen Seite Menschen, die erinnern und heilen wollen. Will man aber eine Erinnerung in ihrem Kern heilen oder sie abtöten. Oder zumindest soweit zur entstellten Maske erstarren lassen, daß nach menschlichem Ermessen keine Gefahr mehr von ihr ausgehen kann? 

Das Gesicht eines schönen, dahingeschiedenen Menschen in einem „Kunstwerk“ zur Fratze zu verzerren, um dann mit „überrascht“ unwilliger Miene dem Widersprechenden zu entgegnen: Das sei eben zeitgenössische Kunst, und wer von moderner Kunst keine Ahnung habe, schweige besser fein still. Das ist die andere Seite.

Wir sprechen hier von dem Christian Peters - Entwurf (einem hiesigen Architekten) „zur schrittweisen Wiederbebauung der ehemaligen Grundrissflächen des Residenzschlosses Neustrelitz“, den sich unglückseligerweise die hiesige Stadtvertretung zu eigen gemacht (die Verweise finden sich am Schluß).

Allein zur Sprache wäre einiges zu sagen, aber dafür haben wir uns ein eigenes Kapitel - Sprache der Unaufrichtigkeit – reserviert.

Worum geht es. Nun, ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und wir haben sogar 2 davon.


Fotos: Ines Jung, Fotografenmeisterin, vom unten angegebenen Ort

Trotzdem ein paar Erläuterungen

Aus dem Beschluß der Stadtvertretung: „Der vorgesehene architektonische Ansatz greift den historischen Grundriss des ehemaligen Schlosses auf und interpretiert ihn zeitgemäß. Die geplanten Mauern orientieren sich an den ursprünglichen Gebäudeachsen und bilden eine filigrane, durchlässige Struktur mit regelmäßig angeordneten Öffnungen.

So entsteht eine klare räumliche Ordnung, die den Schlossberg sichtbar strukturiert, ohne

eine Rekonstruktion des Schlosses vorzutäuschen. Die Gestaltung schafft offene Flächen,

die für Veranstaltungen, Ausstellungen, Begegnungen und touristische Nutzung gleichermaßen geeignet sind.“

„Zeitgemäß“ und „filigran“. Das muß auch unbedingt in das bereits erwähnte nachfolgende Kapitel.

Zeitgemäß und filigran kommt der Vorschlag daher, „an den zwei wichtigsten, garten- bzw. stadtbildprägenden Gebäudeflügeln, eine begehbare Fassadenskulptur herzustellen“.

Diese „Skulptur“ orientiere „sich zunächst in Größe und Proportion am geschichtlichen Vorbild des einstigen Schlosses“, aber ganz bewußt vereinfachend und schlichter, genauer mit deutlich größeren Fassadenöffnungen, sprich Fenstern. „So werden Baukosten und das wirklich erforderliche Maß an neuer Bausubstanz abgewogen.“

„Geeignete Betone aus z.B. Weißzement mit entsprechenden Zuschlagstoffen gewährleisten eine dauerhafte und repräsentative Erscheinung.“

Das sollte reichen. Mit anderen Worten. Zwei Betonfassaden mit vergröbert großen, leeren Fensterhöhlen, nach hinten mit Streben abgestützt, sollen das verlorene Schloß visuell wieder erlebbar machen. Also eine brutale künstliche Ruinenarchitektur, die nicht einmal den Eindruck erwecken will, das sei vom Schloß noch übrig geblieben. Ein Monument der Gegen-Erinnerung, das den Ort gewissermaßen dekontaminiert und abtötet. Man hört den Herbstwind schon durch die gruseligen leeren Fensterhöhlen pfeifen. Vom Rest zu schweigen.

Übrigens, hier von Brutalismus zu sprechen, wäre zunächst irreführend. Einmal würde fast jeder moderne Architekt höchstens herablassend anmerken, man habe den Begriff nicht verstanden. Zweitens ist es schlimmer.

Zum Brutalismus

Das ist ein Stil moderner Architektur, der sich für besonders ehrlich hielt, er hatte also gewissermaßen eine ethische Mission (natürlich keine ästhetische, das wäre ja reaktionär gewesen). „Béton brut“, französisch für „roher Beton“, erfunden von Le Corbusier, zu dem uns auch noch eine Menge einfallen würde, also Sichtbeton, rohe Materialien, massiv grobe Formen. Reiner Funktionalismus, das Innenleben der Gebäude wird nicht verhüllt (wenn man das auf einen Menschen übertragen würde, müßten die Gedärme immer sichtbar bleiben), natürlich keine Ornamente etc. Die brutale Form dominiert. 

Und daher ist die landläufige Verstehensweise des Begriffs nicht wirklich ein Mißverständnis. Es war eine Gegenarchitektur, die gewaltsam das vergangen Überkommene zertrümmern wollte, gewissermaßen eine moderne Eugenik der Architektur.

Ich denke, meine Erinnerung trügt mich nicht, daß von Corbusier ein Plan für die Innenstadt von Berlin stammte, bei dem diese von Autobahnen durchzogen war, und auf wenigen Inseln dazwischen durften noch einige historische Bauten ihr kümmerliches Dasein fristen.

Warum ist also der Petersche Entwurf nicht bloßer Brutalismus, sondern schlimmer? Nun tatsächlich wäre dies gewissermaßen etwas Innovatives. Nämlich der teilweise Nachbau von etwas Historischem im brutalistischen Gewand. Könnte mich nicht erinnern, auf so etwas jemals gestoßen zu sein. Selbst bei der äußerlichen Wiedergewinnung des Berliner Stadtschlosses ist man bei der (immer noch gruseligen) modernen Ostfassade vor so etwas zurückgeschreckt.

Walter Ulbricht et al 

Die nachfolgenden Zitate hat verdienstvollerweise der hiesige Residenzschloßverein zusammengestellt.

W. Ulbricht / A. Ackermann, Rundschreiben Nr. 8/48 vom 31. März 1948 ‚Abriß von Schlößern und Junkerbesitzen‘:

„ Die Partei muß es als ihre Aufgabe betrachten, den beschleunigten Abriß der Junkersitze durchzuführen. … Der Abriß darf nicht nur unter dem Gesichtswinkel betrachtet werden, Baumaterialien für Neubausiedlungen  zu gewinnen; viel wichtiger ist, so weit als möglich die Spuren der Junkerherrschaft … zu vernichten.“

Regierungsbaurat Brückner (Schwerin) an das Landesamt für Denkmalpflege, 02. Juli 1946:

… vom Schloß … der historische Teil kaum wiederhergestellt werden kann.“

Landeskonservator Viering an Landesamt für Denkmalpflege bei der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin, 17. Februar 1948:

„… gegen den Abbruch der Reste des alten Schloßes zu Neustrelitz und die anderweitige Verwendung des Materials vom denkmalpflegerischen Standpunkt nichts einzuwenden.“

Die Verwendung der Begriffe „historischer Teil“ und  „altes Schloss“ legt nahe, daß die Denkmalpfleger nur den ursprünglichen 3-Flügel-Bau aufgegeben hatten, welcher vollständig niedergebrannt war.

Landes-Zeitung vom 7. Dezember 1949

„Heute Vormittag gegen 11:30 Uhr wurden der Turm der Neustrelitzer Schloßruine und der noch stehende Teil der Vorderfront gesprengt. Man hatte 25 Donarit-Sprengladungen angelegt, von denen aber nur 9 zur Zündung gebracht werden brauchten. Bei der 7. Ladung fiel der Turm in sich zusammen. Die gewonnenen Steine werden für Neubauten verwandt.“

Das zu den Helden der Zerstörung, nun zu einem anderen wichtigen Kapitel.

Die Sprache der Unaufrichtigkeit

„Zeitgemäß“ und „filigran“ hatten wir schon. Die Fassadenskulptur erfülle in einem ersten Schritt der Wiederherstellung der zwei wichtigsten Fassadenabschnitte des ehemaligen Barockschlosses die Aufgabe, dem Schloßareal seine architektonische Bedeutung und Einordnung der Raumbeziehungen zurückzugeben. Erster Schritt? Ich zitiere aus der Peterschen Projektskizze:

„In weiteren Schritten kann die Fassadenskulptur als ein bereits vorweggenommener Teil einer künftigen, möglicherweise gestaffelten Bebauung des Schlossareals dienen. Weiter kann diese Fassade, ganz ähnlich wie bei einer Pufferfassade - als äußere Gestaltungfront für eine künftige, dahinterliegende Bebauung dienen.“

Also, was hier so nebulös verschleiert wird. Eine weitere Bebauung, und sei es als Teilrekonstruktion, wäre mit diesem Konstrukt gar nicht möglich. Das müßte zuvor komplett abgerissen werden. Das Ding ist also offenkundig als Sperriegel, gewissermaßen als Brandmauer gegen solcherart Bestrebungen gedacht. Und weiter:

Mit der stadträumlichen Rekonstruktion der beiden wichtigsten Schloßfassaden im ersten Schritt erfolge „ein gestalterisch hochwertiger, aber auch zweckmäßiger baulicher Neubeginn, der dazu sogleich die Sommernutzung des gesamten Areals unterstützt und befördert.

"Die Entwicklung der Nutzung dieses Ortes in den kommenden Jahrzenten wird angeregt, bleibt aber gleichzeitig in jeder Hinsicht offen: Eine stufenweise Weiterbebauung in dem dann jeweils bedarfsgerechten Maße ist möglich und gewünscht, aber nicht Voraussetzung.“

In jeder Hinsicht? Manchmal genügen bloße Zitate, um Absichten zur Kenntlichkeit zu bringen.

Résumé

Bekanntlich haben schon die gruseligsten Projekte zum Schloßberg existiert, die glücklicherweise bisher alle gescheitert sind. Ich erinnere nur an die grandiose Idee, dort oben überdimensionale Fahnenmasten einzurammen, die den Raum erlebbar machen sollten. Die Fahnen hätten sicher bei stärkerem Wind mit ihrem gewaltigen Geknattere fröhlich die Umgebung terrorisiert, eine Kombination aus Reichsparteitagsgelände und einer Batterie von Windrädern gewissermaßen. Wunderschön.

„Warum hängen viele Neustrelitzer immer noch an einem Bau, der lange verloren ist? Wozu braucht ein Mensch ein Schloß. Vielleicht weil sich für sie in ihm auch ein Sehnsuchtspunkt sammelt all der verlorenen Orte, die ein Mensch mit sich umherträgt? Eine Art von Heimat.“

Diese Gedanken kamen mir im September 2018. Seitdem ist vieles oder auch wenig geschehen. Nebelkerzen wurden geworfen, das „Problem“ ausgesessen etc. Wohl in der Erwartung: Irgendwann sind alle müde, mindestens sind die Baupreise explodiert und nichts ist passiert. Vielleicht war der obenerwähnte Beschluß der Stadtverordneten so eine Art von Kurzschlußreaktion nach der Devise: Lieber ein Ende mit Schrecken…

Rekonstruktionen sind ein Akt der Liebe. Sie wollen Zerstörung und Tod nicht das letzte Wort lassen. Nach den Möglichkeiten, die einem gegeben sind. Sicher. Es geht um die Haltung, Wertvolles, und sei es als Erinnerung wiedergewinnen zu wollen, weil es um etwas Schönes, die Zeiten Übergreifendes und damit Verbindendes geht. Um die Wiedergewinnung eines beseelten und lebendigen Ortes.

Residenzschloß im 18. Jahrhundert

Fliegeraufnahme von 1927

Denn das Schloß war nicht nur ein schöner Ort voll von Kunstwerken und Geschichte, an dem über Jahrhunderte weitergebaut wurde, es war Mitte und wesentlicher Teil der Seele dieser Stadt. Diese Seele wurde vor Jahrzehnten aus bösem Willen beschädigt. Denn der neuere Teil des Schlosses wäre durchaus zu retten gewesen, aber die hiesigen Vollstrecker des Ulbrichtschen Willens wollten nicht (Grund, siehe oben). Und die jetzigen Parolen vermeintlicher „Heilung“ verstören.

Wenn schon der Turm so ganz zufällig unrealisierbar geworden ist, warum dann nicht eine Ecke des Schlosses wieder originalgetreu aufbauen. Dann kann sich der Betrachter den Rest erst einmal imaginieren.

Der Vorschlag des Residenzschloßvereins

Es gibt einen Vorschlag des Residenzschloßvereins, der genau dies zum Inhalt hat. Auf den Seiten des Vereins mag man sich dazu näher informieren. Dort wird eingehend der Vorschlag erläutert.

Denn:

Günther Jauch hat mit seiner privaten Initiative zur Wiederrichtung des Fortunaportals beim Potsdamer Stadtschloß hier einen Geniestreich vorgemacht. Aber der sitzt bei manchem wahrscheinlich auch immer noch in den edlen Knochen.

Als es darum ging, ob, und wenn ja wie man das im letzten Krieg zerstörte Goethehaus in Frankfurt am Main wieder aufbauen solle, gab es auch eine heftige Debatte. Es wurde dann wieder aufgebaut und nicht „in der Kubatur“ des alten Hauses, sondern originalgetreu. Und zwar so überzeugend, daß ich jemandem nach seinem Besuch dort erklären mußte, daß dies tatsächlich ein Neubau sei, er dachte, es hätte den Untergang auf wundersame Weise überstanden.

Hermann Hesse schrieb 1947 an das Freie Deutsche Hochstift, nachdem dieses nach seiner Meinung über eine mögliche Rekonstruktion des Goethehauses in Frankfurt am Main gefragt hatte:

„Soll man rekonstruieren? Ich muß die Frage, ob auch ich diese Aufgabe als lebenswichtig, ja heilig anerkenne, rückhaltlos bejahen. Vielleicht ist die Zahl der Menschen, in Deutschland wie außerhalb, heute noch nicht so sehr groß, welche vorauszusehen vermögen, als welch vitaler Verlust, als welch trauriger Krankheitsherd sich die Zerstörung der historischen Stätten erweisen wird. Es ist damit nicht nur ein großes, edles Gut vernichtet, eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit, an Objekten der Liebe und Pietät zerstört; es ist auch die bildende und durch Bilder erziehende Umwelt der künftigen Geschlechter, und damit die Seelenwelt dieser Nachkommen, eines unersetzlichen Erziehungs- und Stärkungsmittels, einer Substanz beraubt, ohne welche der Mensch zwar zur Not leben, aber nur ein hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben führen kann.“

Schloßgarten, ca. 1900, von hier


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Anmerkung

Die oben verwendeten Zitate und Bilder im Zusammenhang mit dem erwähnten Beschluß der Stadtvertretung wurden gemäß § 5 (Amtliche Werke) des Urheberrechtsgesetzes gebraucht.

Es handelt sich um die Sitzung der Stadtvertretung der Residenzstadt Neustrelitz vom 11.12.2025.

Weitere diesbezügliche Links hier und hier.


Neustrelitzer Schloßgarten 2016, von hier

Montag, 10. August 2026

Appalachian gospel hymns

 

von hier,

„Jesus gives my soul a soul.“ Das war ein Verhörer, aber ich muß darüber weiter nachdenken. Schließlich war Er seit Anbeginn der Schöpfung dabei. 

Es ist nicht selten rätselhaft, wie man über etwas stolpert, und hier ausgerechnet über „Mountain Chapel Gospel — a peaceful place for old-time Appalachian gospel, country gospel hymns, and Christian folk songs inspired by the faith of the mountains.“

Es gibt keine Zufälle. Das habe ich gelernt.

Donnerstag, 6. August 2026

Über das Wappen von Mecklenburg


Das Wappen von Mecklenburg (-Schwerin), von hier

Dieses Wappen ist für meinen Geschmack ein wenig zu überladen, aber so habe ich es hinter mir.

Eine zu lang gewordene Einleitung (die man auch überspringen kann)

Am Nordwestufer des Kummerower Sees; vom Aussichtsturm bei Aalbude Richtung Ost. Der Wasserarm mündet am Abfluss der Peene in den Kummerower See, von hier

Bei einem Unsympath, der Rethra auf einem Burgwall bei Dargun am Kummerower See zweifelsfrei verortet hat, las ich, ein Stierkopf sei das Kampfzeichen von Pribislaw I. gewesen. Bevor ich weiter herumsuche, niemand war dabei, der jedenfalls Nachrichten hinterlassen hätte. Und Münzen mit einem solchen Abbild sind auch nicht bei mir vorbeigerollt (es gibt welche, nur zeigen sie eine Reiterfigur). 

Hatte Pribislaw I. wirklich einen Stier als Feldzeichen und die Herren von Mecklenburg zeigten  ursprünglich einen Greifen, ab 1219 jedoch einen schwarzen Kopf eines Stiers auf goldenem Grund? Was weiß ich schon. Sei es also so. 

Sie schwankten jedenfalls zuächst offensichtlich. Und später war ihnen der Stier wohl auch ein wenig genierlich. Denn mir fiel ein, daß ich vor Ewigkeiten mal etwas über einen Nicolaus Marschalk (ich mußte mich selbst googeln, um es wiederzufinden) geschrieben hatte.

Anthyrius Crullus & Symbullam

„Zusammengefaßt: Ein Offizier Alexander des Großen wandert nach dessen Tod mit seinen Leuten, die ihn zum König erheben, nach Norden, gründet eine große Stadt, begründet eine Dynastie und heiratet die Tochter des Gotenkönigs. Der Büffelkopf im Wappen ist eigentlich ein Mißverständnis, eigentlich gehört dort ein Pferdekopf hinein, von wegen des Bukephalos (von altgriechisch βουκέφαλος, „Ochsenköpfiger“, aufgrund des Brandzeichens), des Pferds Alexanders. Diese erbauliche Geschichte ist eine komplette Erfindung, jedenfalls was die Gestalt des Anthyrius angeht, allerdings eine unterhaltsame.“ 

Aber diese ausgedachten Stammbäume waren einmal europaweit sehr verbreitet, warum auch immer.

Das Pferd hatten schon die Hannoveraner, die damals noch nicht so hießen, und den Greif die Pommern, also mußte man wohl oder übel beim Stierkopf bleiben. Und mein Gott, warum auch nicht?

Kapelle Althof, Tafel von Friedrich Franz I., von hier

Niklots Sohn Pribislaw, ist in der Tat der eigentliche Ursprungsvater des Hauses Mecklenburg. Schließlich starb sein Vater einen unschönen Tod wegen Treulosigkeit. Pribislaw († 30. Dezember 1178) war sein ältester Sohn, er hatte zwei Brüder, Wertislaw und Prislav. 

Nach weiteren kriegerischen Zwischenfällen und der schließlichen Unterwerfung des Pribislaw entschied sich Heinrich der Löwe Anfang 1167, ihm das Land seines Vaters zu Lehen zu geben. Hätte er nicht müssen, hat er aber. Allerdings ohne Schwerin und größere Gebiete südlich davon, die erhielt Gunzelin von Dahlenburg (ich danke herzlich dem Grafen von Blumenthal für den Korrekturhinweis), und so entstand die deutsche Grafschaft Schwerin. Es sollte letztlich bis 1358 dauern, daß die Grafschaft den Mecklenburger Herzögen wieder zufiel. Na ja, sie haben sich schon sehr bemüht, potentielle Erben beiseite zu schieben, sie hatten aber auch jegliches moralische Recht dazu.

Mit Pribislaw regierte zum ersten Mal seit Gottschalk wieder ein christlicher Fürst die Obotriten. Pribislaw betrieb den Wiederaufbau des Landes, allerdings ohne deutsche Kolonisten,  1171 gründete auf Anregung Bischof Bernos zu Althof ein Zisterzienserkloster, das später nach Doberan verlegte Kloster Doberan, wo er heute auch begraben ist.

Gedenktafel am Grabmal von Pribislaw König der Obotriten im Münster von Bad Doberan, von hier

Münster von Bad Doberan als Grabstätte von Pribislaw König der Obotriten, von hier

1172 begleitete er seinen Lehnsherrn auf dessen Kreuzzug nach Jerusalem. Seinen Sohn Heinrich Borwin I. vermählte er mit einer Tochter Heinrichs, Mathilde. Pribislaw verstarb am 30. Dezember 1178 bei einem Turnier am Hofe Heinrichs zu Lüneburg. Wenn es nicht zynisch klänge, könnte man sagen, ein erstaunlich friedvoller Tod für einen Obotriten.

Jedenfalls war es Heinrich der Löwe, der dieser Familie zur Herrschaft verhalf. Ich habe diese Anfänge hier einmal ermüdend lange aufgeschrieben.

und hier auch noch fortgesetzt

Reiterstandbild des Obotritenfürsten Niklot am Schweriner Schloß, von hier

Niklot gilt dennoch als der Stammvater der späteren Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg. Zu Herzögen und damit reichsunmittelbaren Fürsten wurden sie durch den König und späteren Kaiser Karl IV. am 8. Juli 1348, zu Großherzögen am 28. Juni 1815.

In den Überlieferungen des Mecklenburgischen Fürstenhauses wird Niklot zum „König Nyklot“. Es ist schon eigenartig, kein enthusiastischer Gottschalk, kein bedachtsamer Heinrich, beides herausragende christliche Fürsten, sondern der Heide Niklot wird zum Stammvater des Geschlechts, wobei der Zähigkeit seines Sohnes Pribislaw ebenfalls einiges zugutezuhalten ist, seine Nachkommen hatten diese nicht immer. 

Überhaupt: Eine naive Erwartung bei der Neigung zur Geschichte irrt darin, hier einen mehr idyllischen Ort oder bessere Menschen finden zu wollen. Die menschliche Natur ändert sich nicht wesentlich, sie wird etwas modifiziert hin und wieder. Allerdings gibt es Zeiten des Aufschwungs und solche des Niedergangs, mitunter geschieht beides zugleich. Vor allem aber ist die Aufrechterhaltung der Tradition ein Wert an sich. Sie gibt der Zeit eine Struktur und dem Land einen wichtigen Teil seiner Physiognomie.

Obotriten und im Osten die Lutizen waren keine friedlichen braven Heiden, die von ihren aggressiven christlichen Nachbarn bedrängt wurden, sie waren als Völker auf die Länge gesehen nur kulturell und wirtschaftlich rückständiger und vielleicht deshalb schwächer als diese. Die Wenden, fassen wir sie so zusammen, hatten allerdings immer wieder Fürsten, die dies sahen. Warum manche immer gleich Opportunismus unterstellen und ihnen nicht die Überlegung zutrauen, daß, wenn das Land gehoben werden sollte, es ohne Christentum, also auch die Klöster etc., und deutsche Siedler recht aussichtslos wäre.

Hl. Gottschalk auf einem Fenster der Propsteikirche St. Anna in Schwerin, von hier

Jedenfalls gab es in der Familie einen Märtyrer, der heiliggesprochen wurde - den Hl. Gottschalk und ein anderer Fürst ging lieber ins Exil als vom christlichen Glauben abzufallen (beides riecht wenig nach Opportunismus). Denn wiederholt gab es blutige Aufstände, vornehmlich aus dem Osten, angetrieben von den heidnischen Priestern aus Rethra. Man hat das Haus Mecklenburg früher die Obotriten gennannt, manchmal auch die Niklotiden. Diese Familie ist wie ein alter Baum, Hauptäste brechen ab in einem Sturm, Nebenäste führen sein Dasein weiter. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe mich schon hinreichend weg vom Wappen geschrieben.

So ein Wappen ist ja auch ein Bild der Geschichte und in unserem Fall sind es vor allem die verschiedenen Regionen, die sich in ihm widerspiegeln.

Mecklenburg um 1300, von hier

„Nach dem Tod des Mecklenburger Fürsten Heinrich Borwin I., Enkel Niklots, wurde das Land Mecklenburg 1229 im Zuge einer ersten Hauptlandesteilung unter seinen vier Enkeln aufgeteilt:

Nikolaus erhielt den Teil Werle, der bis ins 15. Jahrhundert hinein bestand und zwischendurch mehrfach in Teilherrschaften zerfiel.

Johann erhielt Mecklenburg - die Mecklenburger Fürsten sollten sich als erfolgreichste Herrscher erweisen.

Pribislaw erhielt den Teil Parchim, der ca. 1255 zwischen Mecklenburg und Werle aufgeteilt wurde

Heinrich Borwin III. erhielt den Teil Rostock, welcher 1314 ebenfalls zwischen Mecklenburg und Werle aufgeteilt wurde.“

Das ist so erfreulich knapp und bündig geschrieben. Also habe ich es einfach zitiert. Aber so werden die verschiedenen Landesteile, die sich eben in unserem Wappen wiederfinden, recht schön deutlich.

Mecklenburgs Wappen

Wappen von Mecklenburg (-Strelitz)

Feld 1 - Das Wappen des Herzogtums Mecklenburg

Wir sind also wieder beim zentralen Schildteil, dem Wappen des Herzogtums Mecklenburg, im Nordwesten gelegen und mit der Mikilinborg der Ausgangsort des Landes Mecklenburg. Wohl 973 berichtet ein Ibrāhīm ibn Yaʿqūb, oder sagen wir besser Abraham Jakobson, von „Nakons Burg“.  Dieser sei ein König der nordwestlichen Slawen und anderen großen Slawenfürsten ebenbürtig. Abraham war ein Gesandter des Kalifen von Córdoba und traf demnach Otto I. am 1. Mai 973 auf dessen Hoftag in Merseburg (vorher schon einmal in Rom). 

Ich werde mich jetzt ganz un-heraldisch von links oben (vom Betrachter aus gesehen) vorarbeiten. Eigentlich beschreibt man ein Wappen so, als würde man es vor sich halten. Aber ich denke, das verwirrt nur.

„Im goldenen Feld ein vorwärts gekehrter, aufrecht stehender schwarzer Stierkopf mit aufgerissenem roten Maul, weißen Zähnen, herausgeschlagener roter Zunge, mit abgerissenem schwarzen Halsfell, dessen Randung bogenförmig ausgeschnitten ist und so sieben Spitzen zeigt. Der Stierkopf hat silberne Hörner und auf der Stirn eine goldene Fürstenkrone.“ (zitiert nach Rajko Lippert, Das Großherzogliche Haus Mecklenburg-Strelitz, Reutlingen 1994)

2 - Die Herrschaft Rostock

Also mit dem ersten Schildteil sind wir durch. Daneben die Herrschaft Rostock mit ihrem Greifen. Wir sprachen bereits darüber. „Im blauen Feld ein rechts gekehrter, schreitender goldener Greif mit erhobener rechter Vorderpranke, erhobenem Schweif und ausgeschlagener roter Zunge“ (s.o.).

Albrecht II. mußte 1370 übrigens Rostock erst aus dänischer Lehnshoheit erwerben

3 – Das Fürstentum Ratzeburg (mit Nachträgen)

3 Ansichten vom Ratzeburger Dom, hier innen

„Im roten Feld ein schwebendes rechtwinkliges Balkenkreuz, über demselben eine schwebende goldene Fürstenkrone“ (s.o). Zunächst einmal ich beschreibe die Stelitzer Variante, schließlich lebe ich in der Residenzstadt Neustrelitz, sie unterscheidet sich in Details von der Schwerinschen, aber nicht grundsätzlich.

Auf der Karte oben wird man kein Fürstentum Ratzeburg finden. Wohl aber ein Stiftsgebiet des Bistums Ratzeburg. Es war üblich, daß Bistümer ein Gebiet erhielten, in dem der Bischof die weltliche Herrschaft ausübte, wir werden gleich zum anderen ähnlichen Fall gelangen. 

Nach der Reformation fiel das Gebiet an Mecklenburg und wurde zum weltlichen Territorium. Herzog Adolf Friedrich I. von Mecklenburg war dessen letzter Administrator. Und im Westfälischen Frieden wurde ihm das Stiftsgebiet als erbliches, weltliches Fürstentum zugesprochen.

Wappennachträge

Wappen des Bistums bzw. des ehemaligen Fürstbistums und Hochstiftes Ratzeburg, von hier

Das Hochstift Ratzeburg im Schloß von Schwerin, hier gefunden

Fürstentum Ratzeburg, von hier

Mit anderen Worten. In den Stiftsländern hat man sich spätestens nach dem schwebenden Zustand der Säkularisation und dann der Umwandlung in weltliche Fürstentümer komplett neue Wappen erfunden. Der andere Fall ist noch verwirrender, aber nicht heute. 

Es ist schon mühsam genug, in so einem bescheidenen Beitrag keine komplette Landesgeschichte unterzubringen. Obwohl es mich natürlich verstört, daß Menschen dies hier tatsächlich lesen.

4 – Die Herrschaft Werle oder das Fürstentum Wenden


Siegel und Wappen der Herzoglichen Herren von Werle, von hier und hier

Was es mit ihr auf sich hatte, habe ich bereits beschrieben.

„Im goldenen Feld ein vor sich gekehrter, rechts gelehnter schwarzer Stierkopf mit geschlossenem Maul und herausgestreckter roter Zunge. Hörner und Krone wie beim Herzogtum Mecklenburg. (s.o.)“

Am 7. September 1436 starb dessen letzter Regenten Wilhelm ohne männliche Erben und so fiel die Herrschaft zurück an die mecklenburgische Dynastie. Bei der nächsten Landesteilung wurde das Gebiet allerdings zum Kern von Mecklenburg-Güstrow. Aber ich will auch nicht endlos werden

5 - Die Herrschaft Stargard

… mit dem Arm der Beatrix.

„Im roten Feld ein nach rechts gekehrter weiblicher Arm, mit einem Puffärmel am Oberarm bekleidet, am unteren Rande des Ärmels eine fliegende Schleife, alles silbern gefärbt, welcher aus einer kleinen natürlichen Wolke hervorragt und zwischen Daumen und Zeigefinger einen goldenen, diamantbesetzen Ring hält. (s.o.)“

In der Schweriner Variante fehlt die Wolke.

Beatrix von Brandenburg, Tafel 44 der Mecklenburgischen Siegel aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, von hier

Wappen von Neustrelitz, von hier

Dieser Bildteil ist etwas ungewöhlich – kein dräuendes Viech etc. sondern ein Frauenarm. Am 12. August 1292 heiratet Fürst Heinrich II. (der Löwe) Beatrix, die Tochter des brandenburgischen Markgrafen Albrecht III. Stargard war brandenburgisch geworden, daher überrascht dann auch nicht, daß es dort immer noch eine Stadt Neu-Brandenburg gibt etc. etc. Nun wurde es wohl als Mitgift mecklenburgisch.

1314 stirbt Beatrix ohne männliche Nachkommen und die Brandenburger wollen logischerweise die Mitgift zurück. Die Mecklenburger wollen das, was sie nunmal haben nicht zurückgeben. Es kommt zum Krieg und die Mecklenburger obsiegen 1316 in der Schlacht bei Gransee, auch sowas gab es mal, und nach dem Frieden von Templin von 1317 bleibt Stargard mecklenburgisch.

Ich muß zwei Anmerkungen zur Karte weiter oben machen. Sie ist zwar ganz hübsch, aber Fürstenberg kam bereits 1348 zu Mecklenburg. Und Neustrelitz wurde erst 1733 gegründet. Es ist also eine reichlich junge Stadt.

6 – Das Fürstentum Schwerin

Zwei Felder bleiben uns noch übrig.

„Oben im blauen Feld ein rechts gekehrter, schreitender goldener Greif mit erhobener rechter Vorderpranke, stehend auf der unteren, grünen, mit Silber eingefaßten Schildhälfte.“ (s.o.) Das Fürstentum Schwerin ist das andere Stiftsland, welches sich Mecklenburg nach der Reformation einverleibte. 

Das Stiftsland war ein eigenständiges weltliches Herrschaftsgebiet des Schweriner Bischofs, vor allem um die Städte Bützow und Warin, Bützow war Stiftshauptstadt. Von der Bischofsburg ist noch das Renaissance-Schlößchen erhalten, das Herzog Ulrich von Mecklenburg als Stiftsadministrator durch den Umbau der Bischofsburg 1556 errichtete.

Schloß mit Pädagogium um 1760, von hier

Man mag es bedauern, daß die Bischofsburg im Grunde verloren ist (ich neige zu solchen Sentimentalitäten). Aber ein Blick auf dieses Bild desillusioniert doch auch ein wenig.

Das Schloß Bützow, von hier

Das Schloß Bützow, von hier

Wie der Übergang ins Protestantische diesmal vonstatten ging: Magnus III. von Mecklenburg war der erste lutherische Administrator des Fürstbistums Schwerin, der dennoch als Fürstbischof bezeichnet wurde. Er wurde 1516 zum Bischof gewählt, trat sein Amt jedoch aufgrund seiner Minderjährigkeit und der fehlenden päpstlichen Bestätigung erst 1532 als Administrator an. 1533 führte er die Reformation ein. Er heiratete Elisabeth von Dänemark, die Ehe blieb kinderlos.


Wappen des Bistums bzw. des Fürstbistums und Hochstiftes Schwerin, von hier


Wappen des Fürstbistums und Hochstiftes Schwerin im Schweriner Schloß, von hier

Wenn man bei diesem Stiftsland die geistlichen Attribute entfernt, bleibt das Wappen der Grafschaft Schwerin übrig. 

Da wundert es nicht, wenn in Johann Siebmachers Wappenbuch von 1605  auf einmal ein goldener Greif auf blauem Grund auftaucht.

Ausschnitt links unten, von hier

Also noch einmal: Nach der Umwandlung in ein weltliches Fürstentum hat man auch hier ein komplett neues Wappen erfunden. In diesem Fall gewissermaßen aus Sachzwängen. 

7.  - Die Grafschaft Schwerin

Wappen der Grafen von Schwerin, von hier

Was es mit der Grafschaft auf sich hat, habe ich weit oben bereits beschrieben. Das Wappen ist oben rot, unten golden. Nur eigentlich beschreibt ein solcher Herzschild das dominierende Element. Er beherrscht sozusagen das ganze Wappen. Das würde nahelegen, die Grafen von Schwerin hätten sich Mecklenburg unterworfen. 

Dabei hat Albrecht II. die Grafschaft 1358 schlicht gekauft. Vielleicht war die Freude über diesen endlich herausgezogenen Pfahl im Fleische so groß, daß der Schild in die Mitte kam. Natürlich gab es auch bei den Schweriner Grafen mehrere Linien mit 3 verschiedenen Wappen, aber alle starben aus oder wurden beiseite geschoben. Will man Abrecht II. dafür tadeln?

Theodor Fischer: Abrecht II. Herzog zu Mecklenburg, Ahnengalerie im Schweriner Schloß, von hier

Wenn ich in grausamer Stimmung wäre, würde ich noch die Helmzier etc. erklären. Aber irgendwann ist auch einmal gut. Nur eines noch. Ein mecklenburgisch-Schwerin'scher Patriot sprach mit mir über den Unterschied der beiden Landeswappen. Und es ist immer eine große Genugtuung, wenn man korrigieren darf.

Ja, Schwerin hatte das „Per aspera ad astra“  - „Durch das Raue zu den Sternen“ als Motto im Wappen.  Mecklenburg-Strelitz hatte zwar ein Motto, aber nicht im Staatswappen. Der Hausorden der Wendischen Krone hatte in Strelitz allerdings „Avito viret honore“ - „Er grünt in angestammter Ehre“. 

Hausorden der Wendischen Krone in der Schweriner Variante, von hier

Und nu is wirklich jenuch.