Dieses Wappen ist für meinen Geschmack ein wenig zu überladen, aber so habe ich es hinter mir.
Eine zu lang gewordene Einleitung (die man auch überspringen kann)
Am Nordwestufer des Kummerower Sees; vom Aussichtsturm bei Aalbude Richtung Ost. Der Wasserarm mündet am Abfluss der Peene in den Kummerower See, von hierBei einem Unsympath, der Rethra auf einem Burgwall bei Dargun am Kummerower See zweifelsfrei verortet hat, las ich, ein Stierkopf sei das Kampfzeichen von Pribislaw I. gewesen. Bevor ich weiter herumsuche, niemand war dabei, der jedenfalls Nachrichten hinterlassen hätte. Und Münzen mit einem solchen Abbild sind auch nicht bei mir vorbeigerollt (es gibt welche, nur zeigen sie eine Reiterfigur).
Hatte Pribislaw I. wirklich einen Stier als Feldzeichen und die Herren von Mecklenburg zeigten ursprünglich einen Greifen, ab 1219 jedoch einen schwarzen Kopf eines Stiers auf goldenem Grund? Was weiß ich schon. Sei es also so.
Sie schwankten jedenfalls zuächst offensichtlich. Und später war ihnen der Stier wohl auch ein wenig genierlich. Denn mir fiel ein, daß ich vor Ewigkeiten mal etwas über einen Nicolaus Marschalk (ich mußte mich selbst googeln, um es wiederzufinden) geschrieben hatte.
„Zusammengefaßt: Ein Offizier Alexander des Großen wandert nach dessen Tod mit seinen Leuten, die ihn zum König erheben, nach Norden, gründet eine große Stadt, begründet eine Dynastie und heiratet die Tochter des Gotenkönigs. Der Büffelkopf im Wappen ist eigentlich ein Mißverständnis, eigentlich gehört dort ein Pferdekopf hinein, von wegen des Bukephalos (von altgriechisch βουκέφαλος, „Ochsenköpfiger“, aufgrund des Brandzeichens), des Pferds Alexanders. Diese erbauliche Geschichte ist eine komplette Erfindung, jedenfalls was die Gestalt des Anthyrius angeht, allerdings eine unterhaltsame.“
Aber diese ausgedachten Stammbäume waren einmal europaweit sehr verbreitet, warum auch immer.
Das Pferd hatten schon die Hannoveraner, die damals noch nicht so hießen, und den Greif die Pommern, also mußte man wohl oder übel beim Stierkopf bleiben. Und mein Gott, warum auch nicht?
Niklots Sohn Pribislaw, ist in der Tat der eigentliche Ursprungsvater des Hauses Mecklenburg. Schließlich starb sein Vater einen unschönen Tod wegen Treulosigkeit. Pribislaw († 30. Dezember 1178) war sein ältester Sohn, er hatte zwei Brüder, Wertislaw und Prislav.
Nach weiteren kriegerischen Zwischenfällen und der schließlichen Unterwerfung des Pribislaw entschied sich Heinrich der Löwe Anfang 1167, ihm das Land seines Vaters zu Lehen zu geben. Hätte er nicht müssen, hat er aber. Allerdings ohne Schwerin und größere Gebiete südlich davon, die er erhielt Gunzelin von Hagen, und so entstand die deutsche Grafschaft Schwerin. Es sollte letztlich bis 1358 dauern, daß die Grafschaft den Mecklenburger Herzögen wieder zufiel. Na ja, sie haben sich schon sehr bemüht, potentielle Erben beiseite zu schieben, sie hatten aber auch jegliches moralische Recht dazu.
Mit Pribislaw regierte zum ersten Mal seit Gottschalk wieder ein christlicher Fürst die Obotriten. Pribislaw betrieb den Wiederaufbau des Landes, allerdings ohne deutsche Kolonisten, 1171 gründete auf Anregung Bischof Bernos zu Althof ein Zisterzienserkloster, das später nach Doberan verlegte Kloster Doberan, wo er heute auch begraben ist.
1172 begleitete er seinen Lehnsherrn auf dessen Kreuzzug nach Jerusalem. Seinen Sohn Heinrich Borwin I. vermählte er mit einer Tochter Heinrichs, Mathilde. Pribislaw verstarb am 30. Dezember 1178 bei einem Turnier am Hofe Heinrichs zu Lüneburg. Wenn es nicht zynisch klänge, könnte man sagen, ein erstaunlich friedvoller Tod für einen Obotriten.
Jedenfalls war es Heinrich der Löwe, der dieser Familie zur Herrschaft verhalf. Ich habe diese Anfänge hier einmal ermüdend lange aufgeschrieben.
und hier auch noch fortgesetzt
Niklot gilt dennoch als der Stammvater der späteren Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg. Zu Herzögen und damit reichsunmittelbaren Fürsten wurden sie durch den König und späteren Kaiser Karl IV. am 8. Juli 1348, zu Großherzögen am 28. Juni 1815.
In den Überlieferungen des Mecklenburgischen Fürstenhauses wird Niklot zum „König Nyklot“. Es ist schon eigenartig, kein enthusiastischer Gottschalk, kein bedachtsamer Heinrich, beides herausragende christliche Fürsten, sondern der Heide Niklot wird zum Stammvater des Geschlechts, wobei der Zähigkeit seines Sohnes Pribislaw ebenfalls einiges zugutezuhalten ist, seine Nachkommen hatten diese nicht immer.
Überhaupt: Eine naive Erwartung bei der Neigung zur Geschichte irrt darin, hier einen mehr idyllischen Ort oder bessere Menschen finden zu wollen. Die menschliche Natur ändert sich nicht wesentlich, sie wird etwas modifiziert hin und wieder. Allerdings gibt es Zeiten des Aufschwungs und solche des Niedergangs, mitunter geschieht beides zugleich. Vor allem aber ist die Aufrechterhaltung der Tradition ein Wert an sich. Sie gibt der Zeit eine Struktur und dem Land einen wichtigen Teil seiner Physiognomie.
Obotriten und im Osten die Lutizen waren keine friedlichen braven Heiden, die von ihren aggressiven christlichen Nachbarn bedrängt wurden, sie waren als Völker auf die Länge gesehen nur kulturell und wirtschaflich rückständiger und vielleicht deshalb schwächer als diese. Die Wenden, fassen wir sie so zusammen, hatten allerdings immer wieder Fürsten, die dies sahen. Warum manche immer gleich Opportunismus unterstellen und ihnen nicht die Überlegung zutrauen, daß, wenn das Land gehoben werden sollte, es ohne Christentum, also auch die Klöster etc., und deutsche Siedler recht aussichtslos wäre.
Jedenfalls gab es in der Familie einen Märtyrer, der heiliggesprochen wurde - den Hl. Gottschalk und ein anderer Fürst ging lieber ins Exil als vom christlichen Glauben abzufallen (beides riecht wenig nach Opportunismus). Denn wiederholt gab es blutige Aufstände, vornehmlich aus dem Osten, angetrieben von den heidnischen Priestern aus Rethra. Man hat das Haus Mecklenburg früher die Obotriten gennannt, manchmal auch die Niklotiden. Diese Familie ist wie ein alter Baum, Hauptäste brechen ab in einem Sturm, Nebenäste führen sein Dasein weiter. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe mich schon hinreichend weg vom Wappen geschrieben.
So ein Wappen ist ja auch ein Bild der Geschichte und in unserem Fall sind es vor allem die verschiedenen Regionen, die sich in ihm widerspiegeln.
„Nach dem Tod des Mecklenburger Fürsten Heinrich Borwin I., Enkel Niklots, wurde das Land Mecklenburg 1229 im Zuge einer ersten Hauptlandesteilung unter seinen vier Enkeln aufgeteilt:
Nikolaus erhielt den Teil Werle, der bis ins 15. Jahrhundert hinein bestand und zwischendurch mehrfach in Teilherrschaften zerfiel.
Johann erhielt Mecklenburg - die Mecklenburger Fürsten sollten sich als erfolgreichste Herrscher erweisen.
Pribislaw erhielt den Teil Parchim, der ca. 1255 zwischen Mecklenburg und Werle aufgeteilt wurde
Heinrich Borwin III. erhielt den Teil Rostock, welcher 1314 ebenfalls zwischen Mecklenburg und Werle aufgeteilt wurde.“
Das ist so erfreulich knapp und bündig geschrieben. Also habe ich es einfach zitiert. Aber so werden die verschiedenen Landesteile, die sich eben in unserem Wappen wiederfinden, recht schön deutlich.
Mecklenburgs Wappen
Feld 1 - Das Wappen des Herzogtums Mecklenburg
Wir sind also wieder beim zentralen Schildteil, dem Wappen des Herzogtums Mecklenburg, im Nordwesten gelegen und mit der Mikilinborg der Ausgangsort des Landes Mecklenburg. Wohl 973 berichtet ein Ibrāhīm ibn Yaʿqūb, oder sagen wir besser Abraham Jakobson, von „Nakons Burg“. Dieser sei ein König der nordwestlichen Slawen und anderen großen Slawenfürsten ebenbürtig. Abraham war ein Gesandter des Kalifen von Córdoba und traf demnach Otto I. am 1. Mai 973 auf dessen Hoftag in Merseburg (vorher schon einmal in Rom).
Ich werde mich jetzt ganz un-heraldisch von links oben (vom Betrachter aus gesehen) vorarbeiten. Eigentlich beschreibt man ein Wappen so, als würde man es vor sich halten. Aber ich denke, das verwirrt nur.
„Im goldenen Feld ein vorwärts gekehrter, aufrecht stehender schwarzer Stierkopf mit aufgerissenem roten Maul, weißen Zähnen, herausgeschlagener roter Zunge, mit abgerissenem schwarzen Halsfell, dessen Randung bogenförmig ausgeschnitten ist und so sieben Spitzen zeigt. Der Stierkopf hat silberne Hörner und auf der Stirn eine goldene Fürstenkrone.“ (zitiert nach Rajko Lippert, Das Großherzogliche Haus Mecklenburg-Strelitz, Reutlingen 1994)
2 - Die Herrschaft Rostock
Also mit dem ersten Schildteil sind wir durch. Daneben die Herrschaft Rostock mit ihrem Greifen. Wir sprachen bereits darüber. „Im blauen Feld ein rechts gekehrter, schreitender goldener Greif mit erhobener rechter Vorderpranke, erhobenem Schweif und ausgeschlagener roter Zunge“ (s.o.).
Albrecht II. mußte 1370 übrigens Rostock erst aus dänischer Lehnshoheit erwerben
3 – Das Fürstentum Ratzeburg
„Im roten Feld ein schwebendes rechtwinkliges Balkenkreuz, über demselben eine schwebende goldene Fürstenkrone“ (s.o). Zunächst einmal ich beschreibe die Stelitzer Variante, schließlich lebe ich in der Residenzstadt Neustrelitz, sie unterscheidet sich in Details von der Schwerinschen, aber nicht grundsätzlich.
Auf der Karte oben wird man kein Fürstentum Ratzeburg finden. Wohl aber ein Stiftsgebiet des Bistums Ratzeburg. Es war üblich, daß Bistümer ein Gebiet erhielten, in dem der Bischof die weltliche Herrschaft ausübte, wir werden gleich zum anderen ähnlichen Fall gelangen. Nach der Reformation fiel das Gebiet an Mecklenburg und wurde zum weltlichen Territorium. Herzog Adolf Friedrich I. von Mecklenburg war dessen letzter Administrator. Und im Westfälischen Frieden wurde ihm das Stiftsgebiet als erbliches, weltliches Fürstentum zugesprochen.
4 – Die Herrschaft Werle oder das Fürstentum Wenden
Siegel und Wappen der Herzoglichen Herren von Werle, von hier und hier
Was es mit ihr auf sich hatte, habe ich bereits beschrieben.
„Im goldenen Feld ein vor sich gekehrter, rechts gelehnter schwarzer Stierkopf mit geschlossenem Maul und herausgestreckter roter Zunge. Hörner und Krone wie beim Herzogtum Mecklenburg. (s.o.)“
Am 7. September 1436 starb dessen letzter Regenten Wilhelm ohne männliche Erben und so fiel die Herrschaft zurück an die mecklenburgische Dynastie. Bei der nächsten Landesteilung wurde das Gebiet allerdings zum Kern von Mecklenburg-Güstrow. Aber ich will auch nicht endlos werden
5 - Die Herrschaft Stargard
… mit dem Arm der Beatrix.
„Im roten Feld ein nach rechts gekehrter weiblicher Arm, mit einem Puffärmel am Oberarm bekleidet, am unteren Rande des Ärmels eine fliegende Schleife, alles silbern gefärbt, welcher aus einer kleinen natürlichen Wolke hervorragt und zwischen Daumen und Zeigefinger einen goldenen, diamantbesetzen Ring hält. (s.o.)“
In der Schweriner Variante fehlt die Wolke.
Dieser Bildteil ist etwas ungewöhlich – kein dräuendes Viech etc. sondern ein Frauenarm. Am 12. August 1292 heiratet Fürst Heinrich II. (der Löwe) Beatrix, die Tochter des brandenburgischen Markgrafen Albrecht III. Stargard war brandenburgisch geworden, daher überrascht dann auch nicht, daß es dort immer noch eine Stadt Neu-Brandenburg gibt etc. etc. Nun wurde es wohl als Mitgift mecklenburgisch.
1314 stirbt Beatrix ohne männliche Nachkommen und die Brandenburger wollen logischerweise die Mitgift zurück. Die Mecklenburger wollen das, was sie nunmal haben nicht zurückgeben. Es kommt zum Krieg und die Mecklenburger obsiegen 1316 in der Schlacht bei Gransee, auch sowas gab es mal, und nach dem Frieden von Templin von 1317 bleibt Stargard mecklenburgisch.
Ich muß zwei Anmerkungen zur Karte weiter oben machen. Sie ist zwar ganz hübsch, aber Fürstenberg kam bereits 1348 zu Mecklenburg. Und Neustrelitz wurde erst 1733 gegründet. Es ist also eine reichlich junge Stadt.
6 – Das Fürstentum Schwerin
Zwei Felder bleiben uns noch übrig.
„Oben im blauen Feld ein rechts gekehrter, schreitender goldener Greif mit erhobener rechter Vorderpranke, stehend auf der unteren, grünen, mit Silber eingefaßten Schildhälfte.“ (s.o.) Das Fürstentum Schwerin ist das andere Stiftsland, welches sich Mecklenburg nach der Reformation einverleibte. Das Stiftsland war ein eigenständiges weltliches Herrschaftsgebiet des Schweriner Bischofs, vor allem um die Städte Bützow und Warin, Bützow war Stiftshauptstadt. Von der Bischofsburg ist noch das Renaissance-Schlößchen erhalten, das Herzog Ulrich von Mecklenburg als Stiftsadministrator durch den Umbau der Bischofsburg 1556 errichtete.
7. - Die Grafschaft Schwerin
Was es mit der Grafschaft auf sich hat, habe ich weit oben bereits beschrieben. Das Wappen ist oben rot, unten golden. Nur eigentlich beschreibt ein solcher Herzschild das dominierende Element. Er beherrscht sozusagen das ganze Wappen. Das würde nahelegen, die Grafen von Schwerin hätten sich Mecklenburg unterworfen.
Dabei hat Albrecht II. die Grafschaft 1358 schlicht gekauft. Vielleicht war die Freude über diesen endlich herausgezogenen Pfahl im Fleische so groß, daß der Schild in die Mitte kam. Natürlich gab es auch bei den Schweriner Grafen mehrere Linien mit 3 verschiedenen Wappen, aber alle starben aus oder wurden beiseite geschoben. Will man Abrecht II. dafür tadeln?
Wenn ich in grausamer Stimmung wäre, würde ich noch die Helmzier etc. erklären. Aber irgendwann ist auch einmal gut. Nur eines noch. Ein mecklenburgisch-Schwerin'scher Patriot sprach mit mir über den Unterschied der beiden Landeswappen. Und es ist immer eine große Genugtuung, wenn man korrigieren darf.
Ja, Schwerin hatte das „Per aspera ad astra“ - „Durch das Raue zu den Sternen“ als Motto im Wappen. Mecklenburg-Strelitz hatte zwar ein Motto, aber nicht im Staatswappen. Der Hausorden der Wendischen Krone hatte in Strelitz allerdings „Avito viret honore“ - „Er grünt in angestammter Ehre“.
Und nu is wirklich jenuch.

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