Sonntag, 21. Februar 2021

Von der Dummheit


Dies ist einer der so vortrefflichen wie wirkungslosen Texte, weil jeder in ihm all jene, die ihm politisch, ästhetisch, moralisch oder in was auch immer zuwider sind, also die Spitzbuben der anderen Seite wie Klassenfeinde, Vertreter der toxischen Maskulinität oder Anhänger der vormaligen Präsidenten Trump auf der einen wie auf der anderen Zeitgeistknechte, erweckte Nivellierer und Ressentiments-Reiter jeweils trefflich gezeichnet sehen wird. Nur als eine der gegenwärtigen Frontstellungen. Eine klassische Einladung zur Projektion gewissermaßen.

Dennoch ist es eine tiefgehende Zerlegung der Gründe der Dummheit genauso, wie es die eher resignative Einsicht mitteilt, warum ihr mit Vernunftgründen kaum beizukommen ist. Der Abschnitt ist aus dem Anfang von "Widerstand und Ergebung“ von Dietrich Bonhoeffer, den Aufzeichnungen aus der Haft. Unmittelbar vor Kriegsende wurde er bekanntlich auf persönlichen "Führerbefehl" hin getötet. Das also wäre die Folie, vor der der Text steht. Wir wollen ihn weder aktualisieren noch historisieren, sondern einfach nur anbringen. Für seine Gedanken dazu ist sowieso jeder selbst verantwortlich.

Westminster Abbey - "Märtyrer des 20. Jahrhunderts", Photo von Dnalor_01 (CC-BY-SA 3.0), hier gefunden 


Dietrich Bonhoeffer: „Von der Dummheit“

„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.

London, Westminister Abbey, Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer, hier gefunden

Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. 

Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. 

Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. 

Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihm mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.

Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen.

In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen zu wissen, was „das Volk“ eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.

Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.

Samstag, 20. Februar 2021

Marginalia


Selbst Schnecken können eigensinnig sein. Das Bild oben ist tatsächlich Zeugnis einer kuriosen "Wanderung". Im Herbst schlich sich eine kleine Schnecke durch das offene Fenster und nahm eine offenkundige Überwinterungsposition direkt daneben ein. 

Kürzlich fiel sie dort aber ab und da ich sie hinüber wähnte, landete sie mit ordinärem Schmutz, abgefallenen Blättern etc. erst auf der Schaufel und dann in der einschlägigen Porzellanschüssel im Bad. Als mir dabei ein flüchtiger Blick auf die Uhr verriet, daß ich wie immer schon wieder zu spät sei, unterblieb die reinigende Flut. Und als ich zurückkam, sah ich eine höchst lebendige Kreatur das Terrain erkunden. Ich fischte sie also von demselbigen und setzte sie in einen Blumenkasten, wenig später war sie nicht mehr auszumachen und heute entdecke ich sie an ziemlich haargenau derselben Stelle, von wo sie abgefallen war, mit allenfalls einem Zentimeter Differenz (ich hatte schon einmal Bilder gemacht). Merkwürdig.



Die holprichten Verse, die da unter das Bild mit Tinte geschrieben sind, lauten wie folgt:

Die göttlich Majestät nicht ganz erkannt mag werden

Dann an seinem Geschöpf im Himmel und auf Erden,

Zu sehen in die Sonn unser Augen nicht tügen

Im Wasser wir zum Teil den Schatten sehen mügen.


Ich fand sie in einer Einführung in die Barocklyrik als Beispiel für Emblemata. Um es für mich ein wenig zu glätten, dachte ich mir nachfolgende Variante aus:

Die göttlich Majestät nicht ganz erkannt kann werden,

An sein' Geschöpfe nur im Himmel und auf Erden,

Zu sehen in die Sonn' die Augen nicht ertragen,

So können wir den Schein im Wasser nur befragen.


Nur um erleichtert festzustellen, in einem anderen Druck gibt es offenbar vom Autor (Julius Wilhelm Zincgref, Emblematum ethico-politicorum centuria) selbst eine deutsche Fassung, die meine Verbesserung weit in den Schatten stellt. Aber zu den Marginalien paßt das Ganze.


Julius Wilhelm Zincgref

MONSTRATUR IN UNDIS


Begehrest Du zu seh'n den Glanz der heißen Sonnen?

Das kannst Du besser nicht als in dem Fluß und Bronnen.

So mag der große Gott auch nur erkennet werden

An seiner Hände Werk im Himmel und auf Erden.



Christian Hofmann von Hofmannswaldau

Ermahnung zur Vergnügung


Ach was wollt ihr trüben Sinnen

Doch beginnen!

Traurig sein hebt keine Not,

Es verzehret nur die Herzen,

Nicht die Schmerzen,

Und ist ärger als der Tod.


Dornenreiches Ungelücke,

Donnerblicke,

Und des Himmels Härtigkeit

Wird kein Kummer linder machen;

Alle Sachen

Werden anders mit der Zeit.


Sich in tausend Tränen baden

Bringt nur Schaden,

Und verlöscht der Jugend Licht;

Unser Seufzen wird zum Winde;

Wie geschwinde

Ändert sich der Himmel nicht!


Heute will er Hagel streuen,

Feuer dräuen;

Bald gewährt er Sonnenschein,

Manches Irrlicht voller Sorgen

Wird uns Morgen

Ein bequemer Leitstern sein.


Bei verkehrtem Spiele singen,

Sich bezwingen,

Reden was uns nicht gefällt,

Und bei trüben Geist und Sinnen

Scherzen können,

Ist ein Schatz der klugen Welt.


Über das Verhängnis klagen

Mehrt die Plagen,

Und verrät die Ungeduld;

Diesem, der mit gleichem Herzen

Trägt die Schmerzen,

Wird der Himmel endlich hold.


Auf O Seele! du mußt lernen

Ohne Sternen,

Wenn das Wetter tobt und bricht,

Wenn der Nächte schwarze Decken

Uns erschrecken,

Dir zu sein dein eigen Licht.


Du must dich in dir ergötzen

Mit den Schätzen,

Die kein Feind zunichte macht;

Und kein falscher Freund kann kränken

Mit den Ränken,

Die sein leichter Sinn erdacht.


Von der süßen Kost zu scheiden,

Und zu meiden,

Was des Geistes Trieb begehrt,

Sich in sich stets zu bekriegen,

Und zu siegen,

Ist der besten Krone wert.

Samstag, 30. Januar 2021

Burg Stargard oder Über das Verheerende guter Absichten

Burg Stargard, hier gefunden

Zufällig geriet ich an einen Artikel, in dem es um Pläne zum Wiederaufbau des sog. „Krummen Hauses“ auf der Burg Stargard ging. Der Zeitungsartikel ist fast 2 Jahre alt. Aktuelleres fand ich nicht. Das läßt hoffen.

Die Zeitläufte sind mit der Burg Stargard, so bemerkenswert sie ist, nicht eben pfleglich umgegangen. Sie ist der Ursprungsort dieser Region, die nach ihr erst Land Stargard (der Arm der Beatrix im Wappen von Mecklenburg verweist darauf) und dann, dem verlagerten Hauptsitz (Alt-)Strelitz folgend, alternativ Strelitz hieß. Die verbreiteten Epitheta stimmen alle - ‚nördlichste Höhenburg Deutschlands‘, ‚ältestes erhaltenes weltliches Bauwerk Mecklenburgs‘. Sie muß einmal recht beeindruckend ausgesehen haben, vergleicht man nur diese ideelle Rekonstruktion des 1. Tores mit dem jetzigen Zustand, der schon auf das 16. Jahrhundert zurückgeht. 


Es wurde auch danach kaum besser. Die alte markgräfliche Residenz, zwischen eben diesem Tor und dem Bergfried gelegen, die man sich ebenfalls ansehnlich vorzustellen hat, nur, daß von ihr, außer ein paar zugemauerten Türöffnungen etwa, nichts erhalten ist, wurde irgendwann niedergelegt. Das erwähnte „Krumme Haus“ gegenüber 1919 von ruchloser Hand angezündet und von den Einwohnern seinem Schicksal überlassen (die Weltrevolution macht halt auch vor entlegeneren Gegenden nicht Halt). 



Kein guter Stern waltete über dieser alten Burg. Großherzog Georg, wer sonst, hat sich des Bergfrieds angenommen (ab 1821, durch unseren Buttel), der ausgebrannt und verfallen war, so daß die Bewohner Sorge trugen, er würde ihnen auf den Kopf fallen. Ach, wenn doch Haupt-Orte immer große Geister zur Hilfe herbeirufen könnten. Aber sie sind eben sehr rar.

Und ja, auch in der neuesten Zeit wurde renoviert u.dgl., nur eben halt nichts von größerem Wurf. Wie auch. Man könnte jetzt Historien darüber schreiben, wie mit ruhmreichen Zeugen des Vergangenen früher umgegangen wurde: Man wuchtete ein Denkmal hinein wie beim Kyffhäuser, oder ließ seine Ideen steinerne Gestalt gewinnen, wie es hätte gewesen sein können - Burg Hohenzollern.  Aber sie wollten etwas mit den geistigen Mitteln ihrer Zeit immerhin wieder zum Leben erwecken.

Das liegt zurück. Die jetzige Mode ist, man pfropft seine armselig gestaltarme Gegenwart auf die Spuren des Vergangenen, sargt es ein und veranstaltet so bestenfalls eine Art von Begräbnisarchitektur. Ich komme kurz zu den im obigen Artikel erwähnten Neubauplänen.

Es ist vielleicht  verständlich, daß ich nicht um die Erlaubnis nachgesucht habe, die öffentlich zugänglichen Entwurfsbilder hier anbringen zu können, man findet sie aber. Der gröbere Entwurf hat etwas Zombiehaftes nach der Art des Sarkophags von Tschernobyl, der andere, etwas filigraner durchgearbeitete, tut dasselbe, nur auf scheinbar nettere Art. 

[Dankenswerterweise erhielt ich inzwischen den Hinweis, daß der Stadtbild Deutschland e. V. Obiges vor einiger Zeit aufgegriffen hatte, so findet man dann sofort ebenfalls das Bild & eine freundliche Diskussion darüber.]

Die Sprache ist allein schon bezeichnend genug. Eine der üblichen Versatzphrasen lautet "in der Kubatur von…". Das ist einer der Hohnbegriffe moderner Architektur, mit denen ein historisches Gebäude zum zweiten Mal hingerichtet werden soll.

Dabei kommt dann zum Beispiel so etwas heraus


Heilig-Geist-Kirche in Potsdam versus

Wohnturm der Residenz Heilig Geist Park

oder, noch schlimmer: Derartiges, eher die Kubatur eines Albtraums von der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli in Leipzig.


hier und hier gefunden, und dagegen 

Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli

Die Abwandlung lautet in unserem Fall. Man wolle „mit der äußeren Form des Baukörpers die historische Anmutung“ wiederherstellen. Der verantwortliche Bürgermeister „schätzt die moderne Anmutung“ und daß sich „das neue Gebäude klar von den alten Mauerresten der Ruine“ abheben würde.  Da wurden wir doch mal ehrlich. Wenn man sich in der Moderne "sauwohl" fühlt und auch sonst kaum eigene Gedanken macht, muß das so sein.


Das „Krumme Haus“ ist ein schwieriges Objekt. Es wurde daran ständig herumgebaut, zugemauert, aufgerissen. Jemand müßte schon sehr mutig sein, hier gewisse Gestaltlinien wieder ergänzend sichtbar zu machen. Aber es ließe sich so ein wunderbares Bauwerk vorstellen.

Aber warum sollte man sich dem Nukleus einer Region solcherart ideenreich dienend verpflichtet fühlen, das würde zumal mehr sein, als den meisten Vorderen bewußt gewesen sein dürfte, vom Großherzog Georg selbstredend wieder abgesehen, zumal zu welchem Zweck? 

Was sie wollen, sie könnten es nicht wirklich erklären, warum, der Geist der Zeit spricht es ihnen ein. Darum zitieren wir passend Mephistopheles: „Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.“

"Arm der Beatrix", hier im Wappen von Fürstenberg

nachgetragen am 6. Februar

Montag, 18. Januar 2021

Über Nakoniden & Niklotiden II

zur Mythologie einer Landschaft (Fortsetzung von Teil I)

Kaiser Lothar, Schloß Schleb, (Ausschnitt, hier gefunden)

4. Der Hl. Gottschalk, König Heinrich und das Ende der Nakoniden

Gottschalk der Wende

Hl. Gottschalk auf einem Fenster der Propsteikirche St. Anna in Schwerin, hier gefunden

Mit Gottschalk kommen wir zum ersten Heiligen Mecklenburgs. Gottschalks Gedenktag ist der 14. Juni. Überhaupt treten wir jetzt in eine Zeit ein, von der mehrere Charakterköpfe zu vermelden sind. Gottschalk jedenfalls floh in Folge der oben beschriebenen Ereignisse zunächst 1028 zu König Knut dem Großen nach England. Nach dessen Tod 1035 trat er in die Gefolgschaft von Sven Estridsson, dem späteren König von Dänemark, ein, dessen Tochter Sigrid er heiratete. 

Wir übergehen Ratibor († wohl 1043, ein anderer Nachkomme Mstivojs) und weitere. Jedenfalls wurde dieser von König Magnus dem Guten, König von Norwegen und Dänemark samt seinen acht Söhnen geschlagen. Daraufhin verließ Gottschalk Sven Estridsson und mit Magnus‘ Einverständnis ging er ins Obotritenland zurück und konnte sich dort behaupten.

Gottschalk lehnte sich nachvollziehbarerweise während seiner Herrschaft an den Sachsenherzog Bernhard II. und den Erzbischof Adalbert von Bremen an und unterstützte deren Missionsstreben. Die Brüder des Michaelisklosters zu Lüneburg müssen wundersam gewirkt haben. Herr Vitense beschreibt es unübertrefflich, also zitieren wir ihn (S. 33 a.a.O.) „Soweit war allerdings... [in der Zurückdrängung heidnisch-wendischen Daseins] bisher noch niemand, vor allem nicht ein Wende von Geburt gegangen. Gottschalk tat es und stiftete um 1050 neben dem Oldenburger [für Wagrien] zwei neue Bischofssitze im Obotritenlande, Ratzeburg unter Bischof Aristo für die Polaben und Mecklenburg unter Bischof Johannes für die Obotriten, dazu eine Anzahl Kirchen und Klöster, und oft war er selbst als Missionar tätig, indem er aus sich selbst oder als Dolmetscher deutscher Sendboten seinem Volke das Evangelium in wendischer Sprache auslegte.“

Er schuf zudem eine auf ihn ausgerichtete Verwaltung; das Obotritenland begann, Züge eines Staates anzunehmen.

Gottschalk hatte aber offenkundig ein zwar löbliches, aber auch voreiliges Zutrauen in die Früchte seiner Bestrebungen. Nachdem jedenfalls Herzog Bernhard verstorben (1058) und Erzbischof Adalbert 1066 entmachtet worden war, brach im Obotritenreich ein vom heidnischen Adel getragener Aufstand los, geführt von Gottschalks eigenem Schwager Blusso. In der Kirche von Lenzen wurde Gottschalk am 7. Juni 1066, völlig überrascht, mit seinem Gefolge von Priestern und Laien überfallen und erschlagen. 

Seine Gemahlin Sigrid wurde auf der Mecklenburg entdeckt, gegeißelt und „nackend davongejagt“ (Adam von Bremen). Sie floh mit dem Sohn Heinrich zu ihrem Vater Sven Estridsson nach Dänemark. Der erste mecklenburgische Bischof Johannes wurde in Rethra zu Tode gemartert (wir schrieben vorher davon). In Ratzeburg steinigte man den Abt Ansverus mit seinen 28 Mönchen. Die Empörer suchten überhaupt mit Gewalt, das Christentum überall vollständig auszurotten.

Zudem ächtete man Gottschalks gesamte Familie, sein Sohn Budivoj wurde vom neuen Haupt der Empörer, Kruto, Sohn des Grin in eine Falle gelockt und getötet. Selbst sein verräterischer Schwager Blusso, der das Ganze doch angezettelt hatte, wurde von der Binse eingeholt, daß der Verrat, nicht aber der Verräter geliebt werde, er kam ebenfalls um.

Der Emporkömmling Kruto, der für lange Zeit die Macht an sich reißen konnte (1066 bis 1093), wird von den Chronisten als skrupellos und grausam beschrieben. „Räuberbanden durchzogen das Land; mehr als 600 deutsche Familien wanderten damals aus und fanden am Harz eine neue Heimat, wo Ort und Name Elbingerode noch  heute an sie erinnert.“ Vitense (S.35) Doch auch ihn ereilte seine Nemesis.

König Heinrich

Gedenkstein Alt-Lübeck, hier gefunden

Kruto alterte und Heinrich, Gottschalks zweiter Sohn, wuchs in Dänemark zum Mann heran. Als er seine Rückkehr einforderte, die ihm Kruto verweigerte, sammelte er Schiffe und landete in Wagrien. Kruto, darüber bestürzt, erlaubte ihm nun die Heimkehr und suchte ihn zu einem Gastmahl zu locken, wo er ihn umzubringen gedachte. Seine eigene Frau Slawina jedoch, die ihres Gatten längst überdrüssig geworden war, warnte Heinrich. Dieser lud erzürnt darauf seinerseits den Kruto zu einem Gastmahl und gab ihm das eigene Gift zu schmecken, anschließend heiratete er die Slawina, und nahm von dem Sachsenherzog Magnus das Land zu Lehen, beider Mütter waren Schwestern. 

Zunächst herrschte er nur über Wagrien.  Doch Magnus half ihm, 1093 in einer Schlacht auf der Schmilauer Heide bei Ratzeburg das ganze Land seines Vaters in Besitz zu nehmen. Laut Helmold von Bosau blendete der Glanz der untergehenden Sonne seine Gegner im Kampf. Offenbar war er, als er die Macht errungen hatte, vorsichtiger als sein Vater, beließ etwa heidnische obotritische Adlige in ihren Ämtern. Unumgänglich müssen wir erneut  Herrn Vitense zitieren (S.36):

Frankfurt a. Main, Kaisersaal, Lothar von Supplinburg, hier gefunden

„Gewitzigt durch das Schicksal seine Vaters Gottschalk, der durch allzu offene Begünstigung sächsischen und christlichen Einflusses unter den Wenden zu Fall gekommen war, ließ Heinrich, auch wenn er selbst mit seiner Familie ein Freund des Evangeliums blieb, seinen Landsleuten möglichste Freiheit. Religiöse Duldung erschien ihm als das erste Unterpfand für Ruhe und Frieden im Lande. Sein Ziel, den wilden Sinn der Wenden zu zügeln und ihrer Raublust zu steuern, glaubte er am besten durch Gewöhnung seines Volkes an Arbeit, vornehmlich im Acker- und Landbau zu erreichen. Mehr durch den Pflug als mit dem Schwert wollte er Land und Volk stark machen. Mit Recht gebührt ihm denn auch der Titel eines Königs der Wenden, wie er sich selbst bezeichnete.“ 

Seine Hauptresidenz lag in Alt-Lübeck. Er führte mehrere Feldzüge, u.a. mit dem späteren Kaiser Lothar (ab 1125 römisch-deutscher König, von 1133 bis 1137 Kaiser) gegen die Ranen, die ihn 1100 in seiner Burg Alt-Lübeck vergeblich angegriffen und zudem 1123 seinen Sohn Waldemar erschlagen hatten. In deren Verlauf zerstörte Lothar (wohl 1125) Rethra endgültig.

1126 kam der Hl. Vizelin, ausgesandt vom Erzbischof Adalbero von Bremen, als Missionar nach Alt-Lübeck zum „Slawenkönig“ Heinrich. Dieser erlaubte ihm die Mission, übergab ihm sogar die Kirche dortselbst. Der Hl. Vizelin kehrte, vermeintlich für kurze Zeit, nach Sachsen zurück, um Vorbereitungen zu treffen. Am 22. März 1127 jedoch starb Heinrich und damit wurde zunächst alles wieder hinfällig. Die Chronik des Michaelisklosters zu Lüneburg will zwar wissen, er sei ermordet worden, sie ist mit dieser Angabe allerdings allein.

Nicht nur die Missionsabsichten des Hl. Vizelin wurden hinfällig. Am Tod des Heinrich kann man ablesen, wie schnell ein großes Werk wieder zerfallen kann, wenn es auf eine einzelne Persönlichkeit gebaut ist. Zwei Söhne verzettelten sich in Nachfolgestreitigkeiten, die sie beide nicht überlebten, der alte Feind, die Ranen zerstörten Alt-Lübeck und mit seinem Enkelsohn Zwinike erlosch schließlich 1129 das Geschlecht Heinrichs. Noch nicht das Gottschalks, aber auch dieses Ereignis wartete in der Nähe.

Das Ende der Nakoniden

Heinrichs dänischer Vetter Knud Lavard kam zunächst kurzzeitig zum Zuge. Aber spätestens nach dessen Ermordung 1131 werden zwei Namen wichtig, der eine als Ende, der andere als Anfang. Pribislaw und Niklot. Pribislaw, der Sohn des  Budivoj, ein Enkel Gottschalks und so Nakonide errang Wagrien und regierte dort noch bis vielleicht 1142.

Doch die Machtverhältnisse wendeten sich gegen die Wenden und das slawische Wagrien zerfiel, u.a. durch die Belehnung Adolf II. von Schauenburg und Holstein durch Heinrich dem Löwen mit demselben (1142). Dieser holte nach dort westfälische, friesische und holländische Siedler und setzte die Christianisierung energisch durch. 1143 begann er mit dem Bau eines neuen, diesmal deutschen Lübeck. Und ab 1149 unternahm Erzbischof Hartwig I. von Hamburg-Bremen es, die 1066 untergegangenen Bistümer Oldenburg, Ratzeburg und Mecklenburg wiederherzustellen, der bereits erwähnte Hl. Vizelin wurde Bischof von Oldenburg (er starb am 12. Dezember 1154 in Faldera), Emmehard von Mecklenburg.

Klosterkirche Bordesholm, Gedächtnistafel für den Hl. Vizelin, hier gefunden

Pribislaw hatte wohl noch Einfluß in den wendisch gebliebenen Gebieten um Oldenburg. 1156 tritt er gegenüber Bischof Vizelin als deren Wortführer auf. Es heißt, als wohlhabender, aber offenbar machtloser Mann habe er, der doch offenkundig heidnischen Geistes geblieben war, an einem Gottesdienst in Oldenburg teilgenommen. Dann verstummen die Nachrichten. Das Geschlecht der Nakoniden erlischt mit ihm.


5. Niklot und ein neues Geschlecht

Niklot, Front des Schweriner Schlosses, Reiterstandbild von Christian Genschow, 1855, hier gefunden


Niklot

Und jetzt kommen wir zu einem Bruch, eher einer Ungewißheit. Der, soviel wir wissen, letzte Nakonide starb in Wagrien. Das Obotritenland im engeren Sinne hatte allerdings nun einen Niklot zum Fürsten. Man liest, er sei kein Nakonide gewesen. Genau genommen wissen wir nicht, woher seine Familie ihren Ursprung hat. Die Akzeptanz seiner Autorität deutet jedenfalls nicht auf eine Usurpation (die etwa Lothar von Supplinburg nachträglich legitimiert hätte), sondern auf bestehende Ansprüche, die anerkannt wurden.

Bestimmte Familien genossen bei den Wenden offenbar ein besonderes Ansehen. Saxo Grammaticus vermeldet, die unmittelbaren Angehörigen eines Herrscherhauses hätten diesen als „unberührbar“ gegolten. Keiner habe es gewagt, diese anzugreifen oder ihnen ein Leid zuzufügen. Das ist zwar interessant, widerspricht aber nicht wenig dem, was wir bisher berichten mußten. Offensichtlich hat diese Scheu nicht daran gehindert, deren Mitglieder wiederholt zu töten, wenn sie etwa vom althergebrachten Glauben abgefallen waren.

Zurück zu Niklot († August 1160 bei der Burg Werle). Wir kennen seine Herkunft, wie gesagt, nicht. Doch nach dem Tod Heinrichs bzw. dem des Knud Lavard (1131) war es ihm gelungen, die Herrschaft über Obotriten, Kessiner und Zirzipanen zu erringen. Tributpflichtig war er Lothar von Supplinburg. Mit dessen Tod 1137 entglitt Niklot der deutschen Tributherrschaft und seine eigene Herrschaft bekam königsgleiche Züge. 

Mit seinem Nachbarn dem Grafen Adolf II. verband ihn ab 1143 ein Freundschafts- und Beistandspakt. Adolf II. hatte um diesen nachgesucht, aber Niklot dürfte auch das Schicksal des Pribislaw vor Augen gestanden haben.

Es folgt die Eselei des Wendenkreuzzuges von 1147, ein Urteil, das nicht unbedingt nur neuzeitlich ist (nicht über Kreuzzüge generell natürlich, aber über diesen schon). Niklot, dem die Vorbereitungen nicht verborgen bleiben konnten, bat Graf Adolf II. angesichts des bestehenden Freundschaftsverhältnisses um Vermittlung. Dem war allerdings diese schon allein als Lehnsmann Heinrich des Löwen verwehrt.

Aus Rache überfiel Niklot Lübeck und seine weitere Umgebung und verfolgte dabei besonders die neuen Siedler. Was immer seine Motive für diesen Raubzug waren, ob er nur seine Kriegskasse aufbessern wollte, gleichwohl, einen besseren Vorwand für einen Angriff auf ihn hätte er nicht liefern können.

Ohne auf den Verlauf des Feldzuges eingehen zu wollen. Niklot jedenfalls verschanzte sich in der Burg Dobin und konnte der Belagerung dort standhalten (die Heinrich aber auch nur sehr halbherzig betrieb). Am Ende mußte er sich dennoch unterwerfen und wurde zum Vasallen Heinrichs des Löwen. Möglicherweise ließ er sich sogar taufen.

Tribut, Waffenhilfe und Hoffahrt schuldete Niklot als Vasall dem Sachsenherzog nunmehr und er war offenkundig ein getreuer Gefolgsmann. Er erfüllte seine Vasallenpflichten, ließ widerwillig eine gewisse Mission zu, wurde aber weitgehend nicht durch Eingriffe von sächsischer Seite behelligt. 

Andererseits bleib er selbst nur bedingt friedlich: „Als dabei… einmal Niklot selbst von Heinrich abgeführt und in Lüneburg gefangengesetzt wurde [offenkundig wegen räuberischer Umtriebe], scheint der Herzog ihn weder durch angebotenes Geld noch durch Drohungen seitens der Söhne, sondern aus freien Stücken nach erneut abgelegtem Eid auf Treue und Gehorsam schließlich wieder aus der Haft entlassen zu haben.“ (Vitense S. 43)

1151 bekriegte er die Kessiner und Zirzipanen, um Tribute für Heinrich einzutreiben.

Was von seinem eventuellen Christentum zu halten ist, mag ein Ausspruch beleuchten, den er gegen Heinrich machte: „Dein Gott möge der im Himmel sein; Du sollst der unsere sein, das wird uns genügen. Verehre du jenen, wir werden Dich verehren.“

Zum Verhängnis wurde Niklot seine Verwicklung in dänische Angelegenheiten. Niklot unternahm regelmäßig, wie es die Wenden schon seit Generationen gewohnt waren, Raubzüge an den dänischen Küsten zur Gewinnung von Geld, Gütern und Menschen (als Sklaven). Zu seinen Gunsten wird ins Feld geführt, nur so habe er die Tribute für Heinrich den Löwen aufbringen können, nun ja.

Nachdem Waldemar I. 1157 den dänischen Thron erstritten hatte, bot er Kaiser Barbarossa die Lehnshoheit an, wenn der Kaiser die Dänen gegen die Wenden schützen würde. Kaiser Friedrich I. einigte sich mit Heinrich dem Löwen und im Juli 1158 forderte Heinrich Niklot zur Beendigung der Feindseligkeiten gegen die Dänen auf. Niklot lehnte ab.

Noch im Herbst 1158 zog Heinrich darauf in das Obotritenland und nahm Niklot gefangen. Erst nachdem dessen Söhne kriegerisch tätig wurden, kam es zu Verhandlungen und Niklot wurde freigelassen.

Im Frühjahr 1159 verhandelte der Herzog mit Niklot über einen Landfrieden. Heinrich beabsichtigte, Kaiser Friedrich I. in Italien mit 1200 Panzerreitern zu unterstützen. Für die Dauer seiner Abwesenheit sollten kriegerische Händel in seinem Herrschaftsgebiet, insbesondere Angriffe der Schiffe Niklots auf die Dänen, unterbleiben. Nachdem Niklot den Landfrieden öffentlich beschworen hatte, verlangte Heinrich als Beweis für die Ernsthaftigkeit seines Eides die Herausgabe der obotritischen Flotte auf Zeit. Dazu kam es nicht (es war allerdings auch eine heikle Forderung). Dafür setzte sich die Piraterie der Wenden fort.

Waldemar begann nicht allein selbst, für Abhilfe zu sorgen, er erhob zudem 1160 bei Heinrich dem Löwen Klage gegen Niklot. Heinrich geriet nun unter doppelten Druck. Waldemar wurde zum Konkurrenten an der Küste und seine eigene Autorität war schwer angegriffen. Auf dem Landtag zu Barförde erschien Niklot samt den übrigen vorgeladenen Wendenfürsten nicht, sondern rüstete sogleich zum Kampf. Daraufhin verhängte der Herzog gegen Niklot die Acht, verurteilte ihn sofort in die volle Fried- und Rechtlosigkeit und verkündete einen Feldzug gegen den fried- und eidbrüchigen Vasallen noch für den Spätsommer.


Theodor Schloepke, Niklots Tod, 1853–1857, hier gefunden

Niklot  war also ein Geächteter und sah sich dem vollen Zorn Heinrichs des Löwe ausgesetzt, denn dieser war durch den abermaligen Ungehorsam seines Vasallen hinreichend aufgebracht. Ein erneuter Angriff auf Lübeck mißlang.  Der Sachsenherzog hingegen drang mit großem Heeresaufgebot in das Obotritenland ein und verheerte es. Niklot gab bald seine erste Verteidigungslinie auf, brannte die Burgen nieder und zog sich in das Land Kessin zurück. 

Von der Burg Werle aus suchten seine Söhne Wertislaw und Pribislaw mit Ausfällen, sich gegen das Sachsenheer zu behaupten. Als Niklot selbst zu einem solchen ausrückte, genauer zu einem Hinterhalt - Knechte waren ausgerückt, um Futter zu holen – bemerkte er zu spät, daß er selbst in einen solche geraten war. Sein Speer sprang von dem verdeckten Harnisch eines der vermeintlichen Knechte ab. Ein sächsischer Ritter namens Bernhard, wohl Bernhard I. von Ratzeburg, erschlug ihn und vollzog am Leichnam die sächsische Strafe für Eidbruch. Der abgetrennte Kopf wurde, aufgespießt auf einer Lanze anschließend in das Lager der Sachsen und Dänen getragen. Sein abtrünniger Sohn Prislaw (er war zu den Dänen übergelaufen und Christ geworden) soll in den allgemeinen Jubel gerufen haben: „Dem Gottesverächter ist Recht geschehen.“!

Helmold von Bosau, dessen Chronica Slavorum eine Hauptquelle für die Überlieferung der Ereignisse ist, findet wenig schmeichelhafte Worte über Niklot, berichtet aber auch von der Verwunderung seiner sächsischen Gegner über das schmähliche Ende „eines so bedeutenden Mannes“.

Niklot, der heldenhafte, eidbrüchige, tapfere Heide, ungestüm, rauflustig und beutefreudig. Oder war er ein wendischer „Nationalheld“, der seinem Volk die Eigenständigkeit bewahren wollte, taktisch durchaus flexibel und meist verläßlich? Dem nicht sein Heidentum, sondern, daß er nicht verläßlich genug war, zum Verhängnis wurde. Bei einem Gegner wie Heinrich dem Löwen ein tödlicher Fehler, dem nicht so sehr am Christentum, aber an seiner eigenen Macht das meiste lag, und der zumal mit herausragenden Qualitäten gesegnet war.

Denn Heinrich wollte das Obotritenland zwar unterworfen und tributpflichtig sehen, aber gar nicht selbst unmittelbar in Besitz nehmen (samt Christianisierung und deutscher Besiedelung). Das ändert sich jetzt.

Tod König Niklots vor der Burg Werle, aus der Werkstatt Lucas Cranach des Jüngeren, Wittenberg 1530/35, hier gefunden


Pribislaw

Karl Gottfried Pfannschmidt: Taufe des Fürsten Pribislaw (1855), hier gefunden

Wir wollen das Schicksal des Pribislaw († 30. Dezember 1178) aus bestimmten Gründen nur in groben Zügen zeichnen (schließlich soll dies hier kein Abriß der mecklenburischen Frühgeschichte werden). Pribislaw war der älteste Sohn des Fürsten Niklot und hatte zwei Brüder, Wertislaw und Prislav. 

Nach dem Tode Niklots zogen sich Pribislaw und Wertislaw zunächst weiter kämpfend nach Osten zurück. Der dänische König Waldemar I. begehrte nun, daß Heinrich seinen Lehnsmann Prislav als Nachfolger einsetze. Doch dieser lehnte ab. Stattdessen nahm er das Land unmittelbar selbst in Besitz. 

Nachdem Pribislaw und Wertislaw die Kämpfe eingestellt hatten, erhielten sie lediglich die Burg Werle und „omnem terram“, was immer das bedeuten mag. Man muß nicht eigens erklären, warum diese Entscheidung bei  den Wenden auf wenig Zuneigung stieß.

Im Dezember 1162 erfuhr Heinrich der Löwe von neuen kriegerischen Absichten Pribislaws und brach sogleich zu einem ungewöhnlichen Winterfeldzug auf, der für ihn erfolgreich ausfiel. Den Bruder Pribislaws, Wertislaw, nahm er als Geisel, mit der Drohung, ihn hinzurichten, sollte Pribislaw weiter feindselig bleiben. Das tat er. Im Februar 1164 stürmter er überraschend die Mecklenburg. Heinrich dem Löwe blieben am Ende nur noch Ilow und Schwerin. Er zog umgehend mit Heeresmacht ins Obotritenland, richtete Pribislaws Bruder Wertislaw hin und siegte in der Schlacht bei Verchen.

Pribislaw verlegte sich auf einen Kleinkrieg von Pommern aus. Doch 1166 zerstörte er die Burg Ilow. Heinrich unternahm erneut einen Feldzug, konnte des Pribislaw aber nicht habhaft werden. Dennoch war dieser offenbar nunmehr zermürbt und unterwerfungsbereit.

Anfang 1167 verlieh Heinrich dem Pribislaw das Land seines Vaters zu Lehen. Allerdings ohne Schwerin und bedeutende Gebiete südlich davon, die erhielt Gunzelin von Hagen, und so entstand die deutsche Grafschaft Schwerin. Es sollte letztlich bis 1388 dauern, daß die Grafschaft den Mecklenburger Herzögen wieder zufiel.

Mit Pribislaw regierte zum ersten Mal seit Gottschalk wieder ein christlicher Fürst die Obotriten, über sein genaues Taufdatum mögen die Gelehrte weiter streiten. Pribislaw betrieb den Wiederaufbau des Landes, allerdings ohne deutsche Kolonisten,  1171 gründete auf Anregung Bischof Bernos zu Althof ein Zisterzienserkloster, das später nach Doberan verlegt wurde.

1172 begleitete er seinen Lehnsherrn auf dessen Kreuzzug nach Jerusalem. Seinen Sohn Heinrich Borwin I. vermählte er mit einer Tochter Heinrichs, Mathilde. Pribislaw verstarb am 30. Dezember 1178 durch ein Turnier am Hofe Heinrichs zu Lüneburg. Wenn es nicht zynisch klänge, könnte man sagen, ein erstaunlich friedvoller Tod für einen Obotriten.

Zunächst wurde er in der traditionellen Grablege der Billunger, im St. Michaelis Kloster auf dem Kalkberg in Lüneburg beigesetzt. Nach Fertigstellung der Doberaner Klosterkirche ließ Pribislaws Sohn Heinrich Borwin die Gebeine seines Vaters nach Doberan überführen, das Münster wurde dann zu traditionellen Grablege der Familie.

Gedächtnistafel am Grabmal von Pribislaw im Doberaner Münster, hier gefunden

Grabplatte des Grabmals von Pribislaw im Doberaner Münster, hier gefunden

Doberaner Münster, Triumphkreuz, hier gefunden

Marienleuchter, Doberaner Münster, hier gefunden


Nachbetrachtung

Ab hier sind wir auf sicherem Grund. Niklot wurde zum Stammvater der späteren Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg. Zu Herzögen und damit reichsunmittelbaren Fürsten wurden sie durch den König und späteren Kaiser Karl IV. am 8. Juli 1348, zu Großherzögen am 28. Juni 1815.

In den Überlieferungen des Mecklenburgischen Fürstenhauses wird Niklot zum „König Nyklot“. Es ist schon eigenartig, kein enthusiastischer Gottschalk, kein bedachtsamer Heinrich, beides herausragende christliche Fürsten, sondern der Heide Niklot wird zum Stammvater des Geschlechts (wobei der Zähigkeit seines Sohnes Pribislaw ebenfalls einiges zugutezuhalten ist), seine Nachkommen bleiben es nicht. 

Und noch eines: Eine naive Erwartung bei der Neigung zur Geschichte irrt darin, hier einen mehr idyllischen Ort oder bessere Menschen finden zu wollen. Oder anders herum, dies als Motiv für das Interesse zu denunzieren. Die menschliche Natur ändert sich nicht wesentlich, sie wird etwas modifiziert hin und wieder, aber das ist eher ein Phänomen der Oberfläche. Allerdings gibt es Zeiten des Aufschwungs und solche des Niedergangs, mitunter geschieht beides im selben Moment.

Obotriten und Lutizen waren keine friedlichen braven Heiden, von ihren aggressiven christlichen Nachbarn bedrängt wurden, sie waren als Völker auf die Länge gesehen nur kulturell und wirtschaflich rückständiger und vielleicht deshalb schwächer als diese.

Sie hatten allerdings immer wieder Fürsten, die dies sahen. Warum immer gleich Opportunismus unterstellen und ihnen nicht die Überlegung zutrauen, daß, wenn das Land gehoben werden sollte, es ohne Christentum, also auch die Klöster etc., und deutsche Siedler aussichtslos wäre? Wir können nicht dazu noch über 1000 Jahre hinweg in Köpfe schauen.

Jedenfalls gab es hier einen Märtyrer (weitere könnte man auch nennen) und ein anderer Fürst ging lieber ins Exil, als vom christlichen Glauben abzufallen (beides riecht wenig nach Opportunismus). Denn der Widerstand gegen den christlichen Glauben war hartnäckig und wiederholt gab es blutige Aufstände, vornehmlich aus dem Osten, angetrieben von den heidnischen Priestern aus Rethra.

Und so wollen wir unseren kleinen Bericht von Heiden, Heiligen, Helden, Blutgötzen und Märtyrern beenden.

Nennen wir also diese Dynastie, die bis heute besteht, die Niklotiden. Sie ist wie ein alter Baum, Hauptäste brechen ab in einem Sturm, Nebenäste führen sein Dasein weiter… Aber das ist eine andere Geschichte.

Mit anderen Worten, unsere herzogliche Familie reicht in ihren Wurzeln sicher über Niklot hinaus, wir wissen aber nicht wieviel. Wenn sich eine Verbindung zu den Nakoniden herstellen ließe, wäre es natürlich wunderbar (doch wie?), dann wären wir deutlich über 1000 Jahre. Aber auch so ist sie schon hinreichend alt.


Münster von Bad Doberan, hier gefunden

Doberaner Münster, hier gefunden

Doberaner Münster, hier gefunden


Sonntag, 17. Januar 2021

Über Nakoniden & Niklotiden

 zur Mythologie einer Landschaft

Völkerstämme zwischen Elbe und Weichsel, hier gefunden

Siedlungsgebiet der Obotriten und Nordalbingien, besser würde wohl links unten „Sachsen“ stehen, hier gefunden


1. Von den Wenden

„Am höchsten stand dem Wenden seine Freiheit. Für sie opferte er Gut und Blut. ‚Alles Elend achten sie gering gegenüber der teuren Freiheit‘, sagt der Mönch Widukind. Im Kampf für sie kannte der Wende keine Grenzen, er verabscheute selbst Grausamkeit und Hinterlist nicht, wenn es galt, die Freiheit zu retten oder zu gewinnen.

Wenn somit trotz mannigfacher Vorzüge die Wenden doch niemals auf eine höhere Stufe der Kultur gelangt sind, so lag das vornehmlich an ihrer unbezähmbaren Raub- und Kriegslust und ihrer geistigen Trägheit und Schlaffheit. Der Krieg war des Wenden eigentliches Lebenselement, die Lust dazu ihm angeboren.“ 

„Etwa ein halbes Jahrtausend waren die Slawen so die Nachbarn der Deutschen an der Elbe, aber gelernt haben sie von diesen wenig oder nichts. Weder den Ziegelbau noch den deutschen eisenbeschlagenen Pflug, die beide bei der oft rauhen Witterung und dem nicht selten schweren Boden für sie nützlich gewesen wären, haben sie übernommen. So blieben, während die deutsche Kultur in dieser Zeit einen immer größeren Aufschwung nahm, die Wenden im ganzen auf der früheren Stufe stehen. Kein Wunder, wenn sie schließlich dem wachsenden Ansturm deutscher Art und deutschen Wesens gänzlich erlagen.“

So Otto Vitense in seiner „Geschichte von Mecklenburg“ Gotha 1920 (S. 21f.).

[In einem Absatz viermal das Wort „deutsch“ unterzubringen, da würde den Genossen der Jetzt-Zeit vor Schauder glatt die Tastatur einfrieren. Eine neuere Landesgeschichte hält dann auch dieses Urteil für unsachlich, folglich doch wohl falsch, um den eben noch bestrittenen Tatbestand wenig später mit dem fehlenden spätantiken Einfluß und der Bedrängnis durch fast sämtliche Nachbarn zu erklären - neuzeitliche Logik! Vitense starb übrigens am  31. Dezember 1948 in Neubrandenburg und ist in Feldberg begraben.]


Wappen von Dorf Mecklenburg, hier gefunden

Die Slawen waren also rauflustig, freiheitsliebend, denkfaul, aber findig, geneigt, eher etwas mit Gewalt in ihren Besitz zu bringen, als dafür mühsam zu arbeiten. Ein harsches Urteil und ein wahrlich beeindruckendes und irgendwie zeitloses Charakterbild, nicht von den Wenden in Mecklenburg natürlich, die sind lange verschwunden.

Ich bin gefragt worden, wie alt unsere herzogliche Familie eigentlich sei. Und wenn ich dies einmal hier erschöpfend behandle, kann ich ab jetzt immer darauf verweisen.

An den Wenden kommt man, so man sich dieser Frage nähern will, verständlicherweise nicht vorbei. Wenn ich von Wenden spreche, ist dies natürlich eine grobe Vereinfachung, aber wir wollen ja auch nicht endlos werden. 

In das weitgehend entvölkerte Gebiet von dem, was später einmal Mecklenburg heißen sollte, sind jedenfalls wohl Ende des 7. Jahrhunderts Slawen aus dem Osten nachgerückt - die Obotriten in den Westen bis nach Ostholstein (Wagrien), im Osten siedelten die Wilzen (später Lutizen). Warum entvölkert? Nun, die zuvor dort ansässigen Germanenstämme waren in Richtung des gerade noch bestehenden römischen Reichs verzogen, sie hatten dort Händel zu treiben.

Karte Rethra auf der Infotafel Lieps am Jagdschloss Prillwitz, (Rekonstruktionsversuch), hier gefunden

Rekonstruierter slawischer Tempel in Groß-Raden, hier gefunden

Während die Obotriten offenbar bald dauerhaft von erblichen Fürsten angeführt wurden, scharten sich letztere schließlich lieber um ihr heidnisches Heiligtum Rethra (wahrscheinlich irgendwo hier in der Nähe am südlichen Ufer des Tollensesees, wo sie ihrem Götzen Radegast huldigten, u.a. durch Menschenopfer). 

Der prominenteste, aber wahrlich nicht einzige Märtyrer des christlichen Glaubens dort war der erste mecklenburgische Bischof Johannes. Bei einem heidnischen Aufstand gefangen genommen, wurde er zunächst im Lande als Trophäe herumgeführt und schließlich am 10. November 1066 in Rethra grausam geopfert. Ich erspare uns Einzelheiten. Sollte man doch einmal auf die Überreste von Rethra stoßen, so müßte man ihm dort eine Kirche erbauen. Doch da die Lutizen auch keine Schriftkultur kannten, wird eine sichere Identifizierung wohl schwierig bleiben.

Doch wir greifen vor.

2. Fürsten bei den Obotriten


Radegast zu Mecklenburg und andere slawische Götte, etwa 1530, hier gefunden

Wenn wir nach dem Ursprung der Herzogsfamilie suchen, müssen wir auf die Obotriten schauen. Bei Karl dem Großen taucht 789 ein als Vasall verbündeter Fürst Witzan auf (er fiel 795 im Kampf mit den Sachsen bei Bardowick an der Elbe), sein Sohn Drasco (oder Thrasco) siegt für Karl 798 bei Bornhöved über die Sachsen Nordalbingiens und erhält 804 vom Kaiser die obotritische Königswürde (rex Abotritorum nomine Drosuc),  810 wird er von einem Vasallen des dänischen Königs ermordet.

Unter Übergehung seines noch jugendlichen Sohnes Ceadrag wurde Drascos Bruder Slaomir nun von Karl dem Großen zum Herrscher der Obotriten eingesetzt (allerdings ohne Nordalbingien). Nach dem Tod Karls des Großen im Jahr 814 lockert sich offenbar die Abhängigkeit. Im November 816 empfängt Kaiser Ludwig der Fromme in Compiègne eine Gesandtschaft der Obotriten, die Ceadrag als angestammten Nachfolger des Drasco fordert. Darauf verfügt Ludwig 817 die Mitregentschaft Ceadrags.

Der so gedemütigten Slaomir sagt sich von den Franken los und stachelt die Dänen zum Feldzug auf. Ludwig der Fromme schickt darum 819 ein Heer gegen den treulosen Slaomir, dieser ergibt sich offenbar kampflos und wird als Gefangener nach Aachen verbracht. Slaomir wird in die Verbannung verurteilt, Ceadrag alleinigen Herrscher.

Aber auch Ceadrag bändelt mit den Dänen an, Slaomir gewinnt darauf Ludwigs Gnade zurück und wird 821 zu den Obotriten zurückgeschickt, um diesmal Ceadrag zu ersetzen. Auf der Reise verstirbt er jedoch, empfängt vorher aber noch die christliche Taufe. So wird Slaomir zum ersten Christen unter den Obotritenfürsten. 

Ceadrag  behält seine Stellung, muß sich aber wiederholt gegen Anklagen rechtfertigen, so auf dem Reichstag in Ingelheim 826. Wir wissen, daß unter seiner Herrschaft die Burg in Alt-Lübeck (etwa 817/819) errichtet wurde. Als Ludwig der Fromme 838/839 noch einmal einen Feldzug gegen die Obotriten richtet, hören  wir von Ceadrag schon nichts mehr. Ein Goztomuizli, offenbar aus anderer Familie, fällt 844 im Krieg gegen Ludwig den Deutschen,  862 wird sein Sohn erwähnt,der „dux Abodritorum Tabomuizli“. Dann schweigen die Nachrichten wieder länger. Zwar hören wir weiter von kriegerischen Auseinandersetzungen, etwa unter Arnulf von Kärnten, nur handelnde Personen werden auf der Seite der Obotriten kaum mehr greifbar.

Halten wir also fest. Wir wissen, daß die Obotriten im engeren Sinne, aber auch als Stammesverbund, fürstliche Anführer hatten, die, üblicherweise verwandt, aufeinander folgten, es ist aber mehr wie eine Inselkette, hier und da ragt ein Name aus dem Nebelmeer der Geschichte. Doch größere Stücke Landes sehen wir nicht. Das ändert sich nun.

3. Die Nakoniden


Burgwall der Mecklenburg, hier gefunden

Wohl 973 (vielleicht wenige Jahre eher) berichtet Ibrāhīm ibn Yaʿqūb, sagen wir besser Abraham Jakobson, von „Nakons Burg“.  Dieser sei ein König der nordwestlichen Slawen und anderen großen Slawenfürsten ebenbürtig. Abraham war ein Gesandter des Kalifen von Córdoba und traf demnach Otto I. am 1. Mai 973 auf dessen Hoftag in Merseburg (vorher schon einmal in Rom). Und mit Nakon auf Wiligrad (der späteren Mecklenburg) sind wir endlich wieder mit fortdauernden Nachrichten versehen. Was dazwischen liegt, wir wissen es, wie gesagt, nicht sicher. Seine Nachkommen lassen sich so klar nachverfolgen, daß man von einer ersten (greifbaren) Dynastie sprechen kann. Nennen wir sie die Nakoniden.

Mit Nakon (oder Nacco) haben wir vermutlich den nächsten christlichen Obotritenfürsten (bis 965/67). Sein Bruder Stoignew hatte sich gegen Herzog Hermann Billung, den Markgrafen der Wendenmark, erhoben und wurde in der Schlacht an der Raxa 955 von Otto I. besiegt und auf der Flucht erschlagen. Ob Nakon an dem Aufstand nicht teilnahm oder es ihm lediglich gelang, Frieden gewährt zu bekommen, können wir nur mutmaßen.  

Genauso unentschieden muß bleiben, ob sein Nachfolger Mistiwoj (bis 990/995) auch sein Sohn war, nehmen wir es an, denn Entgegenstehendes hätte zu Konflikten geführt, von denen wir wohl erfahren hätten (wie in früheren Fällen). Er ließ sich sicher taufen (man mag einwenden, aus politischer Klugheit, aber auf dieses Motiv wollen wir allgemein später eingehen) und war in zweiter Ehe mit Christiane, der Schwester des dritten Bischofs Wago von Oldenburg vermählt. Mit ihm fand das Christentum zum ersten Mal wirklich Einzug in das westliche Mecklenburg. In Wiligrad wurde dem Apostel Petrus eine Kirche erbaut und ein Nonnenkloster gestiftet, dessen Äbtissin seine Tochter Hodika wurde.

Dorf Mecklenburg, Kirche, hier gefunden

Dorf Mecklenburg, Kirche, Chor, hier gefunden

Dorf Mecklenburg, Kirche, Triumphkreuzgruppe, hier gefunden

Vom Bistum Oldenburg (in Wagrien/Holstein) aus begann sich eine christliche Kirche im Obotritenreich zu bilden. Dann kam der Rückschlag.  983 bricht ein Aufstand los. Helmold von Bosau schreibt in seiner Slawenchronik,  der Markgraf der Nordmark (die spätere Altmark) Dietrich und der Sachsenherzog Bernhard  hätten die Slawen „durch die Unvernunft beider zum Abfall gezwungen“, sprich durch Gier und Härte. Aber eher dürfte hier ein Bündnis von wendischem Adel und heidnischem Priestertum (Rethra) zur Wirkung gekommen sein. Beide durften sich zurecht in ihrer Machtstellung bedroht fühlen. Die Wilzen/Lutizen überfielen die verhaßten Bistümer Brandenburg und Havelberg, verwüsteten alles und machten selbst vor den Gräbern nicht halt. 

Mistiwoj war besonders in Gegnerschaft zum Sachsenherzog Bernhard entbrannt und zerstörte Hamburg, er versöhnte sich aber und ließ die Mission in seinem Land wieder zu, von dem er allerdings große Teile an die siegreichen Lutizen verloren hatte. Bis zu zu seinem Tod blieb er ein Verbündeter des römisch-deutschen Königs Otto III., der die Mecklenburg 995 besuchte (bie berühmte Ersterwähnung Mecklenburgs).

Sein Sohn Mistislaw, er hatte schon an der Seite Kaiser Otto II. gekämpft, förderte den christlichen „Glauben der Sachsen“, suchte den einheimischen Adel zurückzudrängen, lehnte sich an den Sachsenherzog Bernhard III. an und verliert 1018 die Herrschaft, als die Lutizen ins Land einfallen. Er hätte vielleicht eine opportunistische Chance gehabt, so er seinem Glauben abgeschworen hätte, doch er flieht zu Herzog Bernhard nach Bardowiek und ist dort als Christ gestorben. Die Spuren christlichen Glaubens aber werden von den Rebellen energisch vernichtet.

Mistislaws Bruder Uto-Pribignev (ab 1020) taucht nach einigen Wirren als nächster Fürst (von unklarem Machtumfang) auf. Udo (Uto) wohl sein Taufnahme.  Adam von Bremen nennt ihn einen „schlechten Christen“,  doch schickt er seinen ältesten Sohn zur Erziehung ins Michaeliskloster nach Lüneburg. Dieser wird dort auf den Namen Gottschalk getauft und kehrt 1028 nach der Ermordung seines Vaters durch einen Sachsen (es heißt, wegen dessen Grausamkeit) sofort zurück.

Zunächst nur, um einen räuberischen Haufen um sich zu sammeln, der das sächsische Nordelbien verheerte, damit sein Vater gerächt würde. Die Legende sagt, ein christlicher Sachse habe ihm ins Gewissen gesprochen, so daß er davon abließ. Andere verweisen darauf, er sei in die Gefangenschaft von Herzog Bernhard II. geraten, habe diesem die Treue geschworen und sei darauf prompt von seinen Landsleuten verstoßen worden. 

Ende des ersten Teils, zum Teil II

Freitag, 1. Januar 2021

Neujahr

hier gefunden

Der Eingangschor einer Kantate von Johann Sebastian Bach "Singet dem Herrn ein neues Lied" (BWV 190), komponiert für den Neujahrstag 1724. Es gibt verschiedene Versuche, sie rekonstruieren, sie ist nicht ganz erhalten.

hier gefunden

Ich liefere hier 3 Versionen, man mag sich die passende aussuchen. Die Kommentare unter diesen Stücken sind immer wieder zutiefst rührend, einer bewundert Bachs unermeßliche Spiritualität, ein anderer schreibt einfach "Bach's notes dancing around the stars".

hier gefunden

Den Text der ganzen Kantate findet man hier. Und abschließen will ich mit zwei poetischen Kommentaren zur Zeit. Erst einen losen Spötter, und dann einen, der hoffentlich wußte, wovon er sprach (nun, wir sollten unsere Gewißheit da auch nicht überstrapazieren, er war evangelischer Theologe).


Ein gnadenreiches Neues Jahr!



Heinrich Heine


Das Fräulein stand am Meere

Und seufzte lang und bang,

Es rührte sie so sehre

Der Sonnenuntergang.


Mein Fräulein! sein Sie munter,

Das ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter

Und kehrt von hinten zurück.


Hans Makart, Charlotte Wolter als „Messalina“, 

etwa 1875, hier gefunden


Johann Gottfried Herder


Ein Traum, ein Traum ist unser Leben

auf Erden hier.

Wie Schatten auf den Wogen schweben

und schwinden wir,

und messen unsre trägen Tritte

nach Raum und Zeit;

und sind (und wissen's nicht) in Mitte

der Ewigkeit.


Rezitation: Fritz Stavenhagen, hier gefunden

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Gesegnete Weihnachten!

 



Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!
Psalm 24.7

Heinrich Schütz, "Machet die Tore weit", 
Dresdner Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger, 1965, hier gefunden

Heinrich Grimm, "Machet die Tore weit", 
Instrumenta Musica, hier gefunden



Gesegnete Weihnachten!

Möge der Friede Gottes uns alle bewahren.

Der Engel des HErrn lagert sich um die her, so ihn fürchten, und hilft ihnen heraus. 

Psalm 34.8