Ein Zweig eines Christusdorns, den mir Brigitte Saeger vor Jahren einmal geschenkt hat - "der wächst in jedem Sandkasten". Daraus soll die Dornenkrone unseres Herrn geflochten worden sein. Nun immerhin hat er selbst mich bis hierhin überlebt.
Ich werde versuchen, meine Vorbemerkungen zur heutigen Predigt des Herrn Roloff kurz zu halten. Es wird mir nicht gelingen. Er kennt meinen Spruch. Darum ist es nicht indiskret, wenn ich auch hier behaupte, er sei ein besserer Mensch, wenn er predige. Gut, ich bin auch ein besserer Mensch, wenn ich glaube, ohne daß ich irgendwas dafür könnte.
Ach so, während ich dies schreibe, höre ich natürlich Musik vom bösen Süden. Sie ist einfach zu erfrischend.
In meinen Bücherregalen steht einiges an Theologischem herum. Etwa etwas von einem Herrn Willi Marxsen. Hl. Jungfrau, was für ein plumper Rationalismus in dieser historisch-kritischen Methode steckt. Diese Plattheit konnte glänzen, solange noch Glauben da war. Heute interessiert nicht mal mehr das, nur noch der Klimakampf in einer stetig schrumpfenden Kirche, vorgetragen meist von häßlichen, dummen jungen Frauen oder von Zeitgenossen, die gerne solche wären.
Jesus sei in den Glauben seiner Jünger hinein auferstanden. Großer Gott, welch dümmliche Lästerung, die nicht einmal eine Vorstellung davon hat, daß es so etwas wie eine Offenbarung geben könne.
Ich suchte bei mir nach einem Zitat des Hl. Vaters und fand immerhin zunächst das:
Der gekreuzigte und auferstandene Messias, das ist der Kern des Christentums, wie ihn der Apostel Paulus, selbst von Geburt Jude, deutlich beschreibt. Zieht man die Auferstehung vom Neuen Testament ab, so bleibt bloßes Judentum übrig.
Aber zum Hl. Vater im Wiederfinden eines alten Beitrags
(Jesus von Nazareth, Bd. II):
„‘Sie [die Auferstehung Christi] ist ein Ereignis in der Geschichte, das doch den Raum der Geschichte sprengt und über sie hinausreicht.‘ Gewissermaßen ein Mutationssprung im Sein. ‚Ja, die Materie selbst wird in eine neue Wirklichkeitsweise umgebrochen. Der Mensch Jesu gehört nun gerade auch mit seinem Leib ganz und gar der Sphäre des Göttlichen und Ewigen zu.‘“
Diese nachliberalen deutschen Theologen konnten sich einfach nicht vorstellen, daß es so etwas wie eine Offenbarung geben könne. Also noch einmal der Hl. Vater:
„Als historische Methode sucht sie den damaligen Geschehenszusammenhang auf, in dem die Texte entstanden sind. Sie versucht die Vergangenheit möglichst genau – so wie sie in sich selber war – zu erkennen und zu verstehen,… Soweit die historische Methode sich treu bleibt, muss sie das Wort nicht nur als vergangenes aufsuchen, sondern auch im Vergangenen stehenlassen. Sie kann darin Berührungen mit der Gegenwart, Aktualität ahnen, Anwendungen auf die Gegenwart versuchen, aber heutig machen kann sie es nicht – da überschritte sie ihr Maß. Gerade die Genauigkeit in der Auslegung des Gewesenen ist ihre Stärke wie ihre Grenze.
Damit hängt ein Weiteres zusammen. Als historische Methode setzt sie die Gleichmäßigkeit des Geschehenszusammenhangs der Geschichte voraus, und deshalb muss sie die ihr vorliegenden Worte als Menschenworte behandeln. Sie kann bei sorgfältigem Bedenken wohl den »Mehrwert« erahnen, der in dem Wort steckt, eine höhere Dimension sozusagen durch das Menschenwort irgendwie hindurchhören und so die Selbsttranszendierung der Methode eröffnen, aber ihr eigentlicher Gegenstand ist das Menschenwort als menschliches."
Aber es gibt auch Gutes und Aufbauendes, wie etwa die Predigt des Herrn Roloff, die gleich folgen soll. Eines der, vermutlich gewollten, Mißverständnisse ist, es gehe beim christlichen Glauben um so etwas wie Heteronomie. So wie im Islam, dessen Gott die Menschen im Grunde reichlich gleichgültig sind. Unterwerfen müssen sie sich. Alles weitere hängt dann von seinen Launen ab.
Anders ist es bei unserem Gott. Er will unsere Heilung. Wir werden wieder das ganz und gar, was unserer Natur und Veranlagung entspricht, die Er für uns wollte. So kommen wir in Gott wieder zu uns selbst zurück. Aber jetzt folgt wirklich Herr Roloff.
Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis in Magdeburg
Jeremias Berufung
Und des HERRN Wort geschah zu mir und sprach: Ich kannte dich, ehe denn ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe denn du von der Mutter geboren wurdest, und stellte dich zum Propheten unter die Völker.
Ich aber sprach: Ach Herr, HERR, ich tauge nicht, zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: "Ich bin zu jung"; sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dich heiße.
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR reckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute dieses Tages über Völker und Königreiche, daß du ausreißen, zerbrechen, verstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.
Jeremia 1. 4-10
Liebe Gemeinde,
im Glauben bejahen wir nur das, was uns bestimmt ist. Noch einfacher kann man sagen: Unser Glaube ist das JA zum Leben. Er ist die Antwort auf die Lebendigkeit Gottes, von dem wir unser Leben haben.
Der Glaube ist gleichsam ein geistiges Atmen. Er schlägt eine Brücke und verbindet die gegenwärtige Existenz mit dem, was wir bereits bei Gott waren, bevor wir zur Welt kamen und mit dem, was wir sein werden, wenn wir die Welt wieder verlassen.
Die Grundlage zu dieser Glaubenssicht finden wir in dem Wort des Herrn in unserem Predigttext: Ich kannte dich, ehe denn ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe denn du von der Mutter geboren wurdest, und stellte dich zum Propheten unter die Völker.
Wenn wir uns auf diesen Gedanken einlassen, dann verbindet sich mit ihm geradezu die Vorstellung von einer Präexistenz, die jedem Menschen eigen ist und die er ganz bei Gott hatte. Dadurch ist der Mensch nicht nur ein Gewordener und ein Geborener. Der Mensch ist bereits das, von dem Gott selbst sagt: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete. Es geht hier nicht um ein Vorhersehen. Gott sieht nicht voraus, was irgendwie zufällig oder gar durch andere Kräfte und Mächte gewirkt wird. Gott ist alles in allem. Die Welt verwirklicht sich aus ihm und durch ihn und mit ihm.
Dieser Gedanke hat zwingend zur Folge, dass wir uns nicht selbst gehören und auch nicht willkürlich über unser Schicksal verfügen könnten.
Der gläubige Mensch sucht und strebt danach zu werden, was ihm bestimmt war und zugleich fürchtet er diesen Zusammenhang, weil aus ihm die Möglichkeit des schicksalhaften Versagens erwächst. Wie sollen wir diesem Ideal im Herzen Gottes gerecht werden? In unserer konkreten Geschichte handelt es sich um Jeremia, den Gott zum Propheten bestimmt hat.
Wozu hat er mich bestimmt? Wie findet man das heraus? Es kann nicht jeder Mensch wie Jeremia behaupten, dass Gott zu ihm spricht. Was aber jeder Mensch aus dieser Geschichte ersehen und lernen kann, ist die Weise, in der Gott behutsam und streng den zum Propheten bestimmten Jeremia auf seinem Wege leitet. Dem erschreckten Ausweichen, „Ich bin zu jung“, tritt er mit großer Güte entgegen. Sage das doch nicht, denn ich sende dich und ich lege dir meine Worte in den Mund. Vor allem aber sagt Gott wieder und wieder: Fürchte dich nicht!
Das ist es, was wir an diesem Sonntag neu erfassen sollen. Gott hat jeden Menschen gekannt, bevor er war und hat ihm damit auch eine Bestimmung geschenkt. Es ist an uns, sie zu finden. Wir sollen lauschen, wir sollen suchen, wir sollen aufmerksam sein und vor allem sollen wir fest darauf vertrauen, dass es diese Bestimmung gibt.
In schönem Zusammenklang illustriert das Evangelium des heutigen Tages diese Erwartung durch sein Reden von dem Schatz im Acker und von der kostbaren Perle. In der Epistel wiederum haben wir gleichsam von der entgegengesetzten Methode gehört. „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Ja, ich achte es noch alles für Schaden gegen die überschwengliche Erkenntnis Christi Jesu, meines HERRN, um welches willen ich alles habe für Schaden gerechnet, und achte es für Kot, auf daß ich Christum gewinne.“ So ringt der Apostel und wirft alles von sich fort, was ihn hindert, dem Herrn zu folgen. Es gibt im Leben also Zeiten, um die Kostbarkeit zu suchen und es gibt Zeiten, um endlich fortzuwerfen, was sich als Plunder erwiesen hat und uns nur beschwert. Wenn wir nur zum Herrn gelangen.
Christus ist unser Schatz im Acker und er ist die köstliche Perle, die wir in unserem Leben gewinnen sollen, damit es an sein Ziel kommt. Sagt darum auch nicht „Ich bin zu jung“ oder „Ich weiß nicht, was Gott von mir fordert“, sondern geht seinem Wort dort nach, wo ihr es findet.
Dazu besitzen wir sein Wort in der Heiligen Schrift, in der Liturgie, im Bekenntnis und in einer besonderen Weise auch im Sakrament. Dieses schenkt uns zusätzlich eine ganz leibliche Vorstellung von dem, was ich am Anfang der Predigt eine geistliche Präexistenz genannt habe.
Denn so, wie wir vor aller Zeit bereits in Gott gekannt waren, so schenkt er uns nun, ihn zu essen und zu trinken, ihn einen Teil von uns werden zu lassen. Aus dieser Gewissheit, dass er unsere Speise ist, wächst unser Glaube. Denn Gott ist in uns, so wie wir vor aller Zeit in ihm gewesen sind.
In dieser Spannung zwischen dem festen Vertrauen darauf, dass Gott uns schon kannte, noch bevor wir waren und unserem Ringen mit seinem Wort und Willen, verwirklicht sich die Freiheit des Menschen. Der freie Gehorsam gegen Gott beschenkt und vollendet die Existenz eines jeden Menschen.
Man kann aber genauso sagen: Der verstockte Unglaube, die wütende Ablehnung Gottes, die immer wieder ins Böse und in die Sünde verfällt und Menschen zu falschen Bekenntnissen und Unterwerfungen zwingen will, ist vielleicht ein noch sicherer Beweis für die Gegenwart des Allmächtigen, als unsere Gottesdienste es zuweilen sind. Auch darum spricht der Herr: Fürchte dich nicht!
Ilja Repin, Der Prophet Jeremia klagt in den Ruinen von Jerusalem, von hier
Macchiavelli meinte, Menschen würden auf zweierlei Weise gewonnen und geleitet, durch Furcht oder durch Liebe. Die Furcht aber sei sicherer.
Auch darin prüfe sich ein jeder unter euch, auch vor dem Hintergrund all dessen, was uns gegenwärtig und in den vergangenen Jahren widerfahren ist. Wo wurdet ihr zur Furcht geleitet und wo suchte man, euch durch Liebe zu gewinnen?
Es war ein in vielem sehr zu Recht gegen die mittelalterliche Kirche erhobener Vorwurf, dass sie den Menschen vor allem möglichen Angst gemacht hat und die Höllenqualen voller Wonne ausgemalt wurden, um daraus im wahrsten Sinne Kapital zu schlagen.
Luther hat damit kraftvoll aufgeräumt und das Evangelium von der Menschenliebe Gottes neu zum Glänzen gebracht. Wir sollten uns darum von den oftmals völlig glaubenslosen Angstmachern unserer Tage nicht in die Irre jagen lassen.
Die Kirche lässt sich stets durch ihren Herrn zur furchtlosen Liebe rufen. Dieser Ruf war es, der auch Jeremia zuteilgeworden ist. Täuschen wir uns auch hier nicht. Dem Ruf endlich zu folgen hat Jeremia kein vordergründig glückliches Leben beschert. Er musste in schweren Zeiten bestehen. Er hat Krieg, Not und Zerstörung durchlitten und am Ende wohl einen gewaltsamen Tod gefunden. Aber er ist seinem Auftrag gerecht geworden. Er hat bestanden. Er ist zum Vorbild im Glauben geworden. Mit seinem Prophetenbuch hat er ein großartiges Zeugnis hinterlassen, dass auch heute in der Kirche Wirkung entfaltet.
Nun wird nicht jedes Leben ein Prophetenbuch hinterlassen. Aber jedes Leben drängt auf seine je eigene Erfüllung hin, die doch nur darin liegen kann, dass es Zeugnis ablegt von dem, was Gott beschlossen hat.
Schwinge dich auf meine Seele und singe von diesem wunderbaren Gott, der uns ins Leben gerufen hat. Rühme den großen Namen des Gottes, der alle Wunder tut. Alles, was Odem hat, rufe Amen und bringe Lob mit frohem Mut.
Das ist die eigentliche Pflicht aller Geschöpfe, nämlich das Lob Gottes in die Welt zu tragen. Der Prophet tut dies durch das Wort, das ihm in den Mund gelegt wurde und das er nun in die Welt schreit. Der Künstler lobt Gott mit seinen Werken. Wer ein Instrument zu spielen gelernt hat, der lobt Gott mit seiner Musik. Jede sinnvolle Arbeit kann ein Gotteslob sein und die Liebe der Mutter zu ihren Kindern ist es ohnehin.
Alles, was wir Menschen tun und worin wir gefunden haben, seinem Willen zu entsprechen, kann Gott loben und es macht diese Welt schöner, besser und trägt die größte Wahrheit in sie hinein. Gott hat alles geschaffen und er will alles erlösen.
Schneiden wir uns von dieser Gewissheit ab, dann verkümmern wir. Tut ihr das nicht.
Wir gehören zu denen, die sich sagen lassen: Fürchtet euch nicht und die dann auch danach tun.
Amen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.
Amen
Thomas Roloff
Nachtrag
Ich schrieb "Die weiteren Bildnachweise werden bald folgen. Ich bin heute etwas müde."
Ich hoffe, ich konnte inzwischen alles belegen. Aber 4 Bilder soll es noch als Zugabe geben. Einmal 2 von einem der Predigt-Orte, nämlich St. Nikolai in Magdeburg:
Und dann 2 von diesen beiden entzückenden Neger-Kindern.




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