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Sonntag, 4. Februar 2024

Sexagesimae

Netherlands Bach Collegium, Pieter Jan Leusink (conductor), Holland Boys Choir, Bas Ramselaar (Basso), Sytse Buwalda (Alto), Nico van der Meel (Tenore) & Marjon Strijk (Soprano), von hier

„Leichtgesinnte Flattergeister“. Kantate für Soli, Chor und Orchester, BWV 181

Nr. 1: Leichtgesinnte Flattergeister. Arie (Baß); Nr. 2: O unglücksel'ger Stand verkehrter Seelen. Rezitativ (Alt); Nr. 3: Der schädlichen Dornen unendliche Zahl. Arie (Tenor); Nr. 4: Von diesen wird die Kraft erstickt. Rezitativ (Sopran); Nr. 5: Laß, Höchster, uns zu allen Zeiten. Chor

siehe auch hier  - Chor und Orchester der J. S. Bach Stiftung, Leitung - Rudolf Lutz, Miriam Feuersinger - Sopran, Alex Potter – Alt, Julius Pfeifer – Tenor, Klaus Mertens – Bass


Predigt in der Markuskirche zu Magdeburg

Weizenähren, von hier

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen

Vom Wachsen der Saat

26Und er sprach: Das Reich Gottes hat sich also, als wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft 27und schläft und steht auf Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst, daß er's nicht weiß. 28Denn die Erde bringt von selbst zum ersten das Gras, darnach die Ähren, darnach den vollen Weizen in den Ähren. 29Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er bald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Markus 4, 26 - 29

Liebe Gemeinde,

es ist schön, dass es sich so gefügt hat, dass heute ein Text aus dem Markusevangelium zur Predigt hier in der Markuskirche aufgegeben ist. Er präzisiert noch einmal das Bild vom Sämann, wie es uns in der Evangeliumslesung vorgestellt wurde. 

Es ist ebenso sinnfällig, dass die Kirche heute am 4. Februar an Hrabanus Maurus, den großen Gelehrten und Bischof aus karolingischer Zeit, erinnert. Darum sollen einige seiner Gedanken auch in diese Predigt einfließen.

Alle drei Lesungen des Gottesdienstes thematisieren das Gericht, die Ernte oder auch die Abrechnung am Ende der Zeit. Sie sollen darum auch unser Thema sein.

Christus kleidet seine Vorstellungen vom Lauf der Welt, von der Geschichte und von unserem Glauben in Bilder, die seinen Zuhörern damals vertraut waren, weil sie ihrem täglichen Alltag und dem Lauf der Natur angehören. Die archaische bäuerische Gesellschaft hängt existentiell davon ab, dass Saat und Ernte gelingen, dass Witterung und Boden günstig sind und, dass der Fleiß des Sämanns belohnt wird. Anderenfalls drohen Hunger und Verderben. Es drohten vor allem realer Hunger und reales Verderben. Es drohte der Tod.

In dieses Erzählen hinein flechtet der Herr seine Botschaft vom Glauben. So wie das Samenkorn in die Erde fällt, so soll das Wort vom Glauben in das Herz des Menschen fallen.

Die nicht zum Acker gemachte Natur bleibt Wildnis. Sie dient dem Menschen nicht, sondern sie bedroht ihn.

reife Weizenähren, von hier

Genauso das Herz, in das kein Wort Gottes gelangt. Es bleibt ohne wahre Mitmenschlichkeit, weil es ohne Gottesverehrung nicht das andere Gottesgeschöpf in rechter Weise erkennt.

Vor Gottes Allmacht aber werden wir demütig, vor Gottes Güte werden wir dankbar, vor Gottes Ewigkeit finden wir unser menschliches Maß. Demut, Dankbarkeit und das menschliche Maß verbinden uns zu einem Gemeinwesen, das mehr ist als eine bloß funktionale Interessengemeinschaft. Es sucht nämlich nicht nur die Gemeinschaft untereinander, sondern immer auch die Gemeinschaft mit Gott. Wer daher wiederum die Gemeinschaft mit Gott nicht sucht, der gefährdet zunächst sich selbst und dann auch andere. Wo aber ein Gemeinwesen als Ganzes aufhört die Gottesfurcht zu kennen, da zerfällt es.

Christus nimmt Bezug auf die Wunder der Natur. Er nimmt Bezug darauf, dass die Erde von selbst zum ersten das Gras, darnach die Ähren und darnach den vollen Weizen in den Ähren hervorbringt. So soll auch der Mensch zuerst lernen, darnach Erkenntnis gewinnen und darnach sollen Glauben und Vertrauen wachsen, damit er das große Wunder gewahr wird, welches darin besteht, dass er seinem Schöpfer gegenübertreten kann. Die höchste Frucht des menschlichen Lebens ist nämlich die Gotteserkenntnis.

Darauf ist die ganze Schöpfung angelegt, dass sie Frucht trage und, dass sie sich in dieser Frucht verschenke und durch die Hingabe fortbestehe.

Keith Weller, USDA: "A variety of foods made from wheat." von hier

Liebe Gemeinde,

in genau diesem Zusammenhang ist die Liebe beschrieben. Hrabanus Maurus lehrt uns dazu: „Wer zum Gipfel der Weisheit gelangt, muss notwendig zur Höhe der Liebe gelangen, denn keiner ist vollkommen weise, außer der, der vollkommen liebt. Wenn also jemand … zur Fülle der Weisheit zu gelangen sucht, tut er nichts anderes, als zur Vollkommenheit der Liebe zu gelangen, und so weit er in der Erkenntnis Fortschritte macht, so sehr kommt er auch in der Liebe voran.“

Erkenntnis und Liebe, Gotteserkenntnis und Nächstenliebe sind die beiden Säulen wahren Menschseins. Daran werden wir gemessen. Mit ihnen bringen wir uns in Einklang mit dem inneren Wesen der Schöpfung, das Christus uns wieder und wieder durch das Samenkorn, die Ähre und die Ernte zu beschreiben versucht. Das in der Leben schenkenden Gemeinschaft von Mann und Frau gegeben ist und das wir im liturgisches Jahr in Übereinstimmung mit dem Lauf der Jahreszeiten immer wieder feiern und einüben.

Der Herr will, dass wir verstehen, was wir glauben und, dass wir fest glauben, was wir verstehen. Gerade in unserer Beschäftigung mit der Natur können Vernunft und Glaube zueinander finden. Sie bilden nämlich keine Gegensätze. Nichts in der Natur widerspricht Gott, weil doch alles von Gott herkommt.

Klatschmohn (Papaver rhoeas) in einem Weizenfeld (Triticum),

Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, dann trägt es viel Frucht. Ein menschliches Leben ist kurz. Es bleibt ihm wenig Zeit, den Samen auszustreuen. Wer aber reichlich sät und dem Allmächtigen und den unbändigen Kräften der Erde Vertrauen schenkt, der kann etwas Kostbares schaffen und muss die Ernte und mit ihr auch das Gericht nicht fürchten.

Wir sollen im Vertrauen auf Gott den Samen ausstreuen und unter die Menschen bringen, was uns anvertraut ist. Die Hingabe, das Verschenken, anders gesagt die Liebe, bildet das innere Prinzip der Schöpfung, weil sie das Wesen Gottes ist. Gott ist Liebe!

Daher sind wir gerufen zu geben, weil darin bereits das Reich Gottes Wirklichkeit wird. Wir sollen unseren Samen, das heißt, von dem, was wir den Menschen und der Welt zu geben haben, reich ausstreuen. Unsere innere Haltung soll es also sein, dass alles, was wir sind und tun zur Gabe, zum Dienst und zum Geschenk wird.

An dieser Haltung sollen wir auch dann festhalten, wenn wir erleben müssen, wie Menschen der Selbstsucht das Wort reden, alles für sich behalten wollen und den Nächsten schamlos ausnutzen. Es wird ihr Leben nicht erfüllen, denn das Leben ist auf Hingabe und auf Liebe angelegt.

Die Habsucht vernichtet immer zuerst das eigene Leben und sie entgeht nicht dem Gericht, von dem wir in der Epistel gehört haben:

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer denn kein zweischneidig Schwert, und dringt durch, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Das Wort ist Richter. Auch darum muss es reich ausgestreut werden und alle Menschen erreichen, weil sie alle durch das Wort gerichtet werden. Der Richter und das Gericht kommen hier plötzlich auch ganz in unser gegenwärtiges Leben hinein. Sie sind nicht nur Größen, die am Ende der Zeit stehen.

Weizenfeld in der Felsőtold, Ungarn, von hier

Verständlich wird auch dieser Gedanke, wenn wir noch einmal zum Kornfeld zurückkehren. Es ist ein eindrückliches Gleichnis für unsere menschliche Gemeinschaft, denn die Halme brauchen sich gegenseitig. Der einzelne Halm würde abknicken und verderben. Seine Frucht würde nicht reifen können. Die Halme untereinander brauchen sich und das Licht der Sonne gibt ihnen die Richtung, das Wachstum, Gedeihen und Reifen.

Ist es mit uns Menschen nicht ganz ähnlich? Kein Mensch kann allein leben. Jeder braucht die Gemeinschaft. Und zugleich soll sich jeder Mensch auf Gott richten.

Wo ich auf Gott schaue, da werde ich bereits in guter Weise gerichtet. Das sei mein Gericht, dass ich meinem Schöpfer ganz und gar vertraue und mit meinem Leben Frucht bringe, so wie das Getreide, dass zu Mehl zermahlen und zum Brot gebacken unsere Speise wird auf unserem Weg.

Es lässt immer wieder staunen, wie tief verwoben das Brot, das Sakrament und unser Glaube miteinander sind.

Mit dem Sonntag Sexagesimae beginnt die Vorfastenzeit. Bis zum Lichtmesstag, der am Freitag begangen wurde, haben wir liturgisch auf die Krippe des Herrn zurückgeblickt. Von heute an blicken wir wieder voraus auf das Kreuz. Das Kreuz gibt unserem Leben die Richtung vor. Das Kreuz ist in gewisser Weise auch der Richterstuhl Christi, denn, es wird uns die Möglichkeit geschenkt, nach dem Blick auch unser ganzes Leben auf den gekreuzigten Herrn zu richten und im Glauben an ihn für die Welt fruchtbar zu werden.

Tragt Frucht und streut das Wort Gottes aus. Es wird nicht leer zurückkehren.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen.

Thomas Roloff


Bild von hier

nachgetragen am 5. Februar

Sonntag, 19. Dezember 2021

Zum 4. Advent

Nikolaus Harnoncourt mit dem Arnold Schoenberg Chor und dem Concentus Musicus Wien, hier gefunden 



Johann Sebastian Bach

„Herz und Mund und Tat und Leben“

Kantate in 2 Teilen, BWV 147, 

vom 2. Juli 1723 zum Fest Mariae Heimsuchung


Erster Teil

   

1. Satz: Herz und Mund und Tat und Leben (Chor)


Herz und Mund und Tat und Leben

Muß von Christo Zeugnis geben

Ohne Furcht und Heuchelei,

Daß er Gott und Heiland sei.

   

2. Satz: Gebenedeiter Mund! (Rezitativ, Tenor)


Gebenedeiter Mund!

Maria macht ihr Innerstes der Seelen

Durch Dank und Rühmen kund;

Sie fänget bei sich an,

Des Heilands Wunder zu erzählen,

Was er an ihr als seiner Magd getan.

O menschliches Geschlecht,

Des Satans und der Sünden Knecht,

Du bist befreit

Durch Christi tröstendes Erscheinen

Von dieser Last und Dienstbarkeit!

Jedoch dein Mund und dein verstockt Gemüte

Verschweigt, verleugnet solche Güte;

Doch wisse, dass dich nach der Schrift

Ein allzuscharfes Urteil trifft!

   

3. Satz: Schäme dich, o Seele, nicht. (Arie, Alt)


Schäme dich, o Seele, nicht,

Deinen Heiland zu bekennen,

Soll er dich die seine nennen

Vor des Vaters Angesicht!

Doch wer ihn auf dieser Erden

Zu verleugnen sich nicht scheut,

Soll von ihm verleugnet werden,

Wenn er kommt zur Herrlichkeit.

   

4. Satz: Verstockung kann Gewaltige verblenden. (Rezitativ, Baß)


Verstockung kann Gewaltige verblenden,

Bis sie des Höchsten Arm vom Stuhle stößt;

Doch dieser Arm erhebt,

Obschon vor ihm der Erde Kreis erbebt,

Hingegen die Elenden,

So er erlöst.

O hochbeglückte Christen,

Auf, machet euch bereit,

Itzt ist die angenehme Zeit,

Itzt ist der Tag des Heils: der Heiland heißt

Euch Leib und Geist

Mit Glaubensgaben rüsten,

Auf, ruft zu ihm in brünstigem Verlangen,

Um ihn im Glauben zu empfangen!

   

5. Satz: Bereite dir, Jesu, noch itzo die Bahn. (Arie, Sopran)


Bereite dir, Jesu, noch itzo die Bahn,

Mein Heiland, erwähle

Die gläubende Seele

Und siehe mit Augen der Gnade mich an!

   

6. Satz: Wohl mir, daß ich Jesum habe. (Choral, Chor)


Wohl mir, daß ich Jesum habe,

O wie feste halt ich ihn,

Daß er mir mein Herze labe,

Wenn ich krank und traurig bin.

Jesum hab ich, der mich liebet

Und sich mir zu eigen gibet;

Ach drum laß ich Jesum nicht,

Wenn mir gleich mein Herze bricht.

 


 

Zweiter Teil

   

7. Satz: Hilf, Jesu, hilf, daß ich auch dich bekenne. (Arie, Tenor)


Hilf, Jesu, hilf, daß ich auch dich bekenne

In Wohl und Weh, in Freud und Leid,

Daß ich dich meinen Heiland nenne

Im Glauben und Gelassenheit,

Daß stets mein Herz von deiner Liebe brenne.

   

8. Satz: Der höchsten Allmacht Wunderhand. (Rezitativ, Alt)


Der höchsten Allmacht Wunderhand

Wirkt im Verborgenen der Erden.

Johannes muß mit Geist erfüllet werden,

Ihn zieht der Liebe Band

Bereits in seiner Mutter Leibe,

Daß er den Heiland kennt,

Ob er ihn gleich noch nicht

Mit seinem Munde nennt,

Er wird bewegt, er hüpft und springet,

Indem Elisabeth das Wunderwerk ausspricht,

Indem Mariae Mund der Lippen Opfer bringet.

Wenn ihr, o Gläubige, des Fleisches Schwachheit merkt

Wenn euer Herz in Liebe brennet,

Und doch der Mund den Heiland nicht bekennet,

Gott ist es, der euch kräftig stärkt,

Er will in euch des Geistes Kraft erregen,

Ja Dank und Preis auf eure Zunge legen.

   

9. Satz: Ich will von Jesu Wundern singen. (Arie, Bass)


Ich will von Jesu Wundern singen

Und ihm der Lippen Opfer bringen,

Er wird nach seiner Liebe Bund

Das schwache Fleisch, den irdischen Mund

Durch heilges Feuer kräftig zwingen.

   

10. Satz: Jesus bleibet meine Freude. (Choral, Chor)


Jesus bleibet meine Freude,

Meines Herzens Trost und Saft,

Jesus wehret allem Leide,

Er ist meines Lebens Kraft,

Meiner Augen Lust und Sonne,

Meiner Seele Schatz und Wonne;

Darum lass ich Jesum nicht

Aus dem Herzen und Gesicht.




Sonntag, 15. August 2021

Fürchtet euch nicht – eine Predigt


Günter Johl, "Christus als Herrscher über Gut und Böse", Altarfenster in der Kreuzkirche in Magdeburg, 1956, hier gefunden


Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, Kreuzkirche Magdeburg

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und von unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Die Mitte des christlichen Glaubens liegt in einer einfachen Botschaft. Mit ihr beginnt Christus oft seine Reden, aber auch im Alten Testament begegnet sie uns schon häufig.

Fürchtet euch nicht!

Habt keine Angst!

Im Zusammenhang zu diesem Ruf steht also auch unser heutiger Predigttext aus dem Epheserbrief. Wir haben ihn als Epistel bereits gehört:

Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, durch seine große Liebe, damit er uns geliebt hat, da wir tot waren in den Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht (denn aus Gnade seid ihr selig geworden) und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christo Jesu, auf daß er erzeigte in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christo Jesu. 

Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen. Amen.

Eph 2, 4-10


Liebe Gemeinde,

das ist ein Text gegen die Furcht, gegen jede Furcht. Gott wird verkündigt als derjenige, der barmherzig ist. Er hat aus Liebe die Schöpfung ins Leben gerufen und mit ihr den Menschen. Diese Liebe bestimmt sein Verhältnis zu uns. Und sie bestimmt selbstverständlich unser Verhältnis zu seiner Schöpfung, deren unlöslicher Teil wir sind. Keineswegs sind wir ihr Gegenüber und bestimmen nicht ihren Weg, vielmehr nehmen wir unseren Weg in und mit ihr. Wir werden in der Schöpfung getragen durch die Liebe, mit der Gott sie erfüllt hat.

Ina Seidel hat das unvergleichlich in ein Augustgedicht gekleidet:


∼ Augusttag ∼


Sanft - so dehnt sich mein Herz,

Segel, gehoben von Luft,

Sehnt sich weit länderwärts,

Stiller, blauer August -

Sanft so dehnt sich mein Herz. 


Silberne Fäden fliehn

An mir vorüber im Wind,

Schimmernde Wolken ziehn,

Wege bedrängen mich lind.

 

Wege verlocken mein Herz,

Einer dem andern mich gibt,

Wiesenzu, wälderwärts:

Oh, wie die Erde mich liebt! -

Sanft - so dehnt sich mein Herz ... 

© Ina Seidel


Was ist Liebe? Liebe bedeutet doch vor allem Zugehörigkeit. Zugehörigkeit wiederum lässt Eigentum entstehen. Das Besondere an der Liebe ist es aber, dass sie nicht Eigentum durch Inbesitznahme entstehen lässt, sondern dadurch, dass man sich dem Geliebten schenkt und ihm so ganz und gar zugehört. Man wird ein Teil des anderen Menschen.

Jeder Mensch, der jemals geliebt hat, kennt das. Diese Liebe nun ist uns vielleicht nur darum anvertraut, damit wir Gottes Wesen erahnen können.

Das ganz Aufsehenerregende an unserem Text ist es nun, dass er von Gottes Liebe zu seiner Schöpfung und zu uns Menschen ausgeht. In dieser Liebe liegt der Ursprung aller Dinge. Durch seine Liebe zu uns macht Gott uns zu seinem Eigentum, das er hütet, wie seinen Augapfel. Wenn wir Gottes Liebe entdecken, dann ist das der Moment unserer geistlichen Menschwerdung. In einer gewissen Weise ist es auch die Vollendung der Gottesebenbildlichkeit.

Nur in dieser Gewissheit kann der Mensch nun wiederum auch erst tatsächliche Freiheit finden. Die spezifische Freiheit des Menschen liegt in seinem Gehorsam gegenüber dieser einen Botschaft. Gott hat alles, was ist, geliebt, noch bevor es aus seinem Willen wurde. 

Darum müssen wir keine Furcht haben. Gott trägt und erhält die Welt. Durch ihn ist sie geschaffen worden und durch ihn wurde sie auch unwiderruflich gerettet.

Aus dem Nichts hat Gott seine Welt gerufen und uns Menschen in die Lage versetzt, dass wir uns sein Wort sagen dürfen. Und dieses eine Wort Gottes ist seine Liebe zu uns, die sich in Jesus Christus ausspricht.

Fürchtet euch nicht!

Werdet gewahr, dass überall dort, wo euch Angst gemacht, Furcht eingeredet wird, da will man euch von Gott trennen. Denn er spricht: Habt keine Angst!

Werdet gewahr, dass die Angst euch zu Tode lähmen will. In der Angst liefert ihr euch dem Tode aus und nehmt ihn mitten im Leben vorweg. 

Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns samt Christo lebendig gemacht. Aus Gnade werden wir selig.

Werdet gewahr, dass immer wieder Menschen aufstehen, die wollen Türme bauen, die bis in den Himmel reichen. Die wollen aber nichts Gutes für euch. Die wollen sich nur einen Namen machen.

Louis de Caullery, König Nimrod befiehlt den Bau des Turms zu Babel, hier gefunden

Ihr aber seid aus Gnade selig geworden durch den Glauben, nicht aus den Werken, dass sich nicht jemand rühme. Durch Gnade werden eure Namen bewahrt. Darum muss sich niemand einen Namen machen.

Fürchtet euch nicht!

Was aber ist dieser Glaube? Schnell wird er zur bloßen Vertröstung. Glaube wird zum Festhalten an einen Gott, der es am Ende richten soll. Das gelänge am besten, wenn Gott sich an die vielfältigen Ratschläge hielte, die wir ihm, als Bitten verpackt, in den Gebeten aufladen.

Das alles hat mit christlichem Glauben wenig zu tun. Glaube ist hier das Aufmerksamwerden darauf, dass Gott mich und seine ganze Schöpfung inbrünstig liebt. 

Der Glaube ist eine geschenkte und auch erlernte Gabe, durch die wir überall Liebe entdecken. Wir entdecken eine Liebe, auf die es nur eine Antwort gibt: Demut!

Es ist eine Tragödie, dass von diesem Wort in unserem Alltag kaum mehr übriggeblieben ist als die Demütigung, die fast so etwas wie das Synonym der Entwürdigung ist. Die christliche Demut hat damit rein gar nichts zu tun.

Demütig wird man in dem Moment, in dem man erkennt, dass man Gott bislang in eine Seitenkapelle verbannt und in religiöse Rituale eingesponnen hatte. Wir neigen dazu, ihn zu einem fernen Gott zu machen, an den wir uns wenden können, wenn uns danach ist, oder wenn wir meinen, dass es nötig oder richtig oder opportun sein könnte.

Das ist aber nicht Gott. Das ist dann immer nur ein Götze, bestenfalls ein Abbild Gottes. Hier könnte nun ein Exkurs darüber folgen, ob darin wohl die Ursache für das strenge Bilderverbot der Tora liegt. Darum soll es heute aber nicht gehen.

Heute fragen wir nach der Demut, der Gott mit Gnade begegnet. Diese Demut erfasst uns, wenn wir die Allgegenwart Gottes erfahren. Gott ist in seiner ganzen Schöpfung präsent, denn er hat ihr die Liebe als alles erfassende Kraft eingepflanzt und ist in ihr selbst gegenwärtig.

Diese Liebe ist so mächtig, dass auch die böseste Absicht, die schrecklichste Tat, die äußerste Grausamkeit und die tiefste Gottlosigkeit vor ihr keinen Bestand haben.

Fürchtet euch nicht!

Carl Ebert, Das zerstörte Jerusalem, 1869, hier gefunden

Rembrandt, Jeremia beklagt den Untergang Jerusalems, 1630, 

Dort, wo diese Demut sich mit dem Glauben verbindet, da ist kein Platz mehr für den Hochmut der großen Tat, mit der die Verhältnisse gebessert, die Gerechtigkeit vergrößert und überhaupt die Welt gerettet werden soll. Es braucht keine Türme mehr, die bis in den Himmel hinaufragen, denn der Allmächtige neigt sich ganz zu uns herab. Wir erblicken den, der die Welt in Händen hält und der sie in Christus auch längst gerettet hat.

Demütig und ohne Angst wenden wir uns ihm zu. Dieser Mensch bleibt nun keineswegs tatenlos. Seine Werke beginnen aber immer darin, dass sie Ausdruck seiner Dankbarkeit gegen Gott sind. Dankbarkeit gegen Gott verweist uns in großer Strenge aber eben auch in Wahrhaftigkeit auf unser menschliches Maß und auf das Menschenmögliche. 

Was gäbe ich darum, wenn unter uns wieder mehr vom Menschenmöglichen die Rede wäre! Wieviel mehr würden wir vermutlich erreichen, wenn wir nicht mehr hochmütig nach dem Unmöglichen strebten.

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade!

Von Gott aber sollen wir alles erwarten, denn unsere Demut und seine Gnade, unser Glaube und seine Liebe, unser Bitten und seine Barmherzigkeit, sie erhalten die Welt.

Darum: Fürchtet euch nicht!

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn.

Amen

Thomas Roloff

J.S. Bach, „Was frag ich nach der Welt“, Kantate BWV94

hier gefunden

Freitag, 1. Januar 2021

Neujahr

hier gefunden

Der Eingangschor einer Kantate von Johann Sebastian Bach "Singet dem Herrn ein neues Lied" (BWV 190), komponiert für den Neujahrstag 1724. Es gibt verschiedene Versuche, sie rekonstruieren, sie ist nicht ganz erhalten.

hier gefunden

Ich liefere hier 3 Versionen, man mag sich die passende aussuchen. Die Kommentare unter diesen Stücken sind immer wieder zutiefst rührend, einer bewundert Bachs unermeßliche Spiritualität, ein anderer schreibt einfach "Bach's notes dancing around the stars".

hier gefunden

Den Text der ganzen Kantate findet man hier. Und abschließen will ich mit zwei poetischen Kommentaren zur Zeit. Erst einen losen Spötter, und dann einen, der hoffentlich wußte, wovon er sprach (nun, wir sollten unsere Gewißheit da auch nicht überstrapazieren, er war evangelischer Theologe).


Ein gnadenreiches Neues Jahr!



Heinrich Heine


Das Fräulein stand am Meere

Und seufzte lang und bang,

Es rührte sie so sehre

Der Sonnenuntergang.


Mein Fräulein! sein Sie munter,

Das ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter

Und kehrt von hinten zurück.


Hans Makart, Charlotte Wolter als „Messalina“, 

etwa 1875, hier gefunden


Johann Gottfried Herder


Ein Traum, ein Traum ist unser Leben

auf Erden hier.

Wie Schatten auf den Wogen schweben

und schwinden wir,

und messen unsre trägen Tritte

nach Raum und Zeit;

und sind (und wissen's nicht) in Mitte

der Ewigkeit.


Rezitation: Fritz Stavenhagen, hier gefunden

Sonntag, 22. November 2020

Ein kleiner Wegweiser für die Ewigkeit

Pompeo Batoni, Herkules am Scheideweg, 1748, hier gefunden

Nicht durch die Ewigkeit, das wäre Anmaßung, zumal nach dem, was wir von ihr wissen können, sie nicht eigentlich räumlichen Charakters ist, eine Wegbeschreibung solcher Art zudem folglich ohne Sinn.

Was wir aber finden, sind gewissermaßen Weg-Kreuzungen, an denen eine besondere Richtung besagtem Ziel näher kommen dürfte. Die Alten kannten das Bild von Herkules am Scheideweg. Herr Moritz berichtet davon in seiner Götterlehre wie folgt:

„Da nun Herkules unter dieſen Beſchaͤftigungen zu den Juͤnglingsjahren gekommen war, begab er ſich einſt, uͤber ſein kuͤnftiges Schickſal nachdenkend in die Einſamkeit, und ſetzte ſich in Betrachtungen vertieft auf einem Scheidewege nieder. 

Hier war es, wo die Wolluſt und die Tugend ihm erſchienen, wovon die erſtre ihm jeglichen Genuß einer frohen ſorgenfreien Jugend anbot, wenn er ihr folgen wollte, die letztre ihm zwar muͤhevolle Tage verkuͤndigte, aber in der Zukunft Ruhm und Unſterblichkeit verhieß, wenn er ſie zur Fuͤhrerin waͤhlte.

Die Tugend ſiegte in dieſem Wettſtreit; der Juͤngling folgte ihr mit ſicherm Schritte, feſt entſchloſſen, jedes Schickſal, das ihm bevorſtehe, mit Muth und Standhaftigkeit zu tragen, ſich keiner Laſt zu weigern, und keine Arbeit, ſey ſie noch ſo ſchwer, zu ſcheuen.“

Karl Philipp Moritz, Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791

Albrecht Dürer, Herkules am Scheideweg, vor 1500, hier gefunden

Auch unser Dürer hat sich an dem Thema versucht, wobei seine Auffassung desselben zuerst irritiert, als wolle sein Herkules die Wollust vor der wütigen Tugend in Schutz nehmen, aber der genauere Blick beruhigt wieder. Immerhin war der Stich so beliebt, daß man Türen danach geschnitzt hat. Dennoch hat die Szene etwas Mehrdeutiges.

Wartburg (Eisenach), sog. "Dürerschrank" (1510/20) - Relief mit Herkules am Scheidewege nach einem Kupferstich von Albrecht Dürer, hier gefunden

Die Dichtungen, die unsere wenigen Gedanken begleiten, sollen auch nicht sozusagen als emblematische Wegzeichen herhalten, zumeist würden sich die Herren Autoren entschieden dagegen verwahren, wenn sie es denn noch könnten (sie haben sämtlich selbst ihren Wohnsitz in der Ewigkeit genommen), aber sie deuten auf Orte, an denen Entscheidungen unvermeidlich werden.

Auch ist dies keine Anleitung zu geistigem Probeliegen was das (nachgetragene) Datum fälschlich vermuten lassen könnte. Die Ewigkeit ist etwas, das weit über den Tod hinausgeht.

1. Die Sehnsucht nach dem Seienden

Johann Sebastian Bach: Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?, BWV 27, unter der Leitung von Karl Richter; der Schlußchoral setzt bei 15.42 ein, hier gefunden; der vollständige Text  findet sich dort.


Welt, ade! ich bin dein müde,

Ich will nach dem Himmel zu,

Da wird sein der rechte Friede

Und die ewge, stolze Ruh.

Welt, bei dir ist Krieg und Streit,

Nichts denn lauter Eitelkeit,

In dem Himmel allezeit

Friede, Freud und Seligkeit.


Jacques Réattu (1760–1833), Jakobs Traum, hier gefunden


Friedrich Hölderlin


Die Linien des Lebens sind verschieden

Wie Wege sind, und wie der Berge Gränzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.


Seit 1807 lebte Hölderlin bei dem Schreinermeister Ernst Zimmer in Tübingen. Der hatte seinen Hyperion gelesen, ihn im dortigen Nervenklinikum besucht und war besorgt, daß „ein so schönner Herrlicher Geist zu Grunde gehen soll“. Er und seine Tochter haben ihn dann über Jahrzehnte zur Pflege bei sich aufgenommen. Am 19. April 1812 schrieb er an Hölderlins Mutter:

"...so sah Er bey mir eine Zeichnung von einem Tempel Er sagte mir ich solte einen von Holz machen, ich versetzte darauf daß ich um Brod arbeiten müßte, ich sey nicht so glücklich so in Philosofischer ruhe zu leben wie Er, gleich versetzte Er, Ach ich bin doch ein armer mensch, und in der nehmlichen Minute schrieb er mir folgenden Vers mit Bleistift auf ein Brett."

Es ist der obige. Eine Szene wie aus einem Singspiel. Zimmer schildert die Situation, darauf antwortet Hölderlin mit seinem Vierzeiler. Man glaubt, eine Art unkomponierte Arie zu hören, in der er sein Schicksal zusammenfaßt.

Der unvollständige Akkord dieses Lebens wird dort aufgehoben, vollendet und aufgelöst. Dieses Leben ist Ahnung und Erinnerung einer Harmonie, deren Unvollständigkeit gespürt ist, aber nicht als ein Entgegen-Stehendes, Abweisendes mißverstanden wird, sondern als ein abgebrochener Anfang. 

Das Wirkmächtige der Erfahrung. Das Wirkliche verweist auf etwas jenseits des Zeitlichen, Ausgesetzten. Als Seiendes, das in unsere fragmentarische Existenz einbricht, aber dessen Wahrheit und Andauern ohne Zweifel bleibt.

Die Sehnsucht des Fragments nach Vollständigkeit? Auch, aber im Ungenügen flackert die Ahnung des Genügens auf. Das Vollständige im Unvollständigen. Das Fragmentarische nicht als Scheitern oder Verfall, sondern als Anfang eines unendlichen Abenteuers.

Die Frage, die sich ihres Sinns und Grunds bewußt wird. Und nicht zuletzt eine Trauer, die nicht dem Auslöschen verfallen will, sondern widerstehen, den Ort suchend, an dem die Fülle des Verbunden-Seins aufgehoben bleibt.

Nur die klassische Jenseitshoffnung?

begonnen am Ewigkeits-Sonntag und nachgetragen am 3. Dezember – Teil 1 / 4

Sonntag, 15. November 2020

Etwas Bach zum Ende des Kirchenjahres

hier gefunden

Johann Sebastian Bach - "Wohl dem, der sich auf seinen Gott", Kantate für den 23. Sonntag nach Trinitatis von 1724, BWV 139


1. Coro

Wohl dem, der sich auf seinen Gott

Recht kindlich kann verlassen!

Den mag gleich Sünde, Welt und Tod

Und alle Teufel hassen,

So bleibt er dennoch wohlvergnügt,

Wenn er nur Gott zum Freunde kriegt.

   

2. Aria (Tenor)

Gott ist mein Freund; was hilft das Toben,

So wider mich ein Feind erhoben!

Ich bin getrost bei Neid und Haß.

Ja, redet nur die Wahrheit spärlich,

Seid immer falsch, was tut mir das?

Ihr Spötter seid mir ungefährlich.

   

3. Recitativo (Alt)

Der Heiland sendet ja die Seinen

Recht mitten in der Wölfe Wut.

Um ihn hat sich der Bösen Rotte

Zum Schaden und zum Spotte

Mit List gestellt;

Doch da sein Mund so weisen Ausspruch tut,

So schützt er mich auch vor der Welt.

   

4. Aria (Baß)

Das Unglück schlägt auf allen Seiten

Um mich ein zentnerschweres Band.

Doch plötzlich erscheinet die helfende Hand.

Mir scheint des Trostes Licht von weiten;

Da lern ich erst, daß Gott allein

Der Menschen bester Freund muß sein.

   

5. Recitativo (Sopran)

Ja, trag ich gleich den größten Feind in mir,

Die schwere Last der Sünden,

Mein Heiland läßt mich Ruhe finden.

Ich gebe Gott, was Gottes ist,

Das Innerste der Seelen.

Will er sie nun erwählen,

So weicht der Sünden Schuld, so fällt des Satans List.

   

6. Choral

Dahero Trotz der Höllen Heer!

Trotz auch des Todes Rachen!

Trotz aller Welt! Mich kann nicht mehr

Ihr Pochen traurig machen!

Gott ist mein Schutz, mein Hilf und Rat;

Wohl dem, der Gott zum Freunde hat!

Eines der kleinen Wunderwerke, die Bach zum heutigen Sonntag des Kirchenjahres schrieb (er tat dies für einen jeden desselbigen). Es ist kein herausragender Sonntag, wir sind kurz vor dem Ende des Kirchenjahres, es folgen noch der Buß- und Bettag sowie der Ewigkeitssonntag, und dann stehen wir auch schon im Advent.

Da ich in allem Wesentlichen ja nie über den Zustand eines Liebhabers hinausgelangt bin, will ich auf diesen Vortrag verweisen, der einen Einblick gibt, wie die unterschiedlichen Charaktere von Stimmen und Stimmungen, unablösbar verbunden mit dem Text, neben und miteinander zu einem Ganzen zusammenwirken.

Dazu kommt wie immer dann noch die Interpretation. Nachfolgend bei Karl Richter singt Peter Schreier die Tenorstimme (4.51) und den Baß-Part übernimmt Dietrich Fischer-Dieskau. Schreier brilliert mit seinem gewohnt klaren, rhetorischen Gestus, während Fischer-Dieskau (12.19), nun ja, sich teilweise mehr lyrisch-stimmungshaft gibt.

Und hier vergleiche man einmal den Baß aus der Aufführung von John Elliot Gardiner von oben (ab 11.10), vielleicht nicht ganz so farbenreich wie Fischer-Dieskau, dafür aber dynamisch-lebendig und ähnlich rhetorisch nahe auf seine Art wie Schreier.

Das ist ja eben das Beeindruckende an großer Musik. Wenn sich Interpreten von Rang daran abmühen, denkt man mitunter, völlig unterschiedliche Stücke vor sich zu haben.


hier gefunden

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Peter Schreier†

Altes Bachdenkmal (Leipzig), hier gefunden

Ein großes Sänger - Leben ist still in die Ewigkeit eingegangen.

Peter Schreier wurde am 29. Juli 1935 geboren. Seit 1943 bereitete er sich auf den Eintritt in den Dresdner Kreuzchor vor, der im Juli 1945 erfolgte. Rudolf Mauersberger erkannte dort den Charakter seines musikalischen Talents, das sich bereits in dieser Aufnahme von ca. 1947 zeigt: Eine geradezu rhetorische Stimmführung und Wachheit sowie ein Modulationsreichtum, der zugleich intensiv und genau zu sein vermag.


Peter Schreier (~1947): "Ich halte treulich still." BWV 466

Ich halte treulich still,
und liebe meinen Gott,
ob mich schon öftermals
drückt Kummer, Angst und Not.
Ich bin mit Gott vergnügt
und halt geduldig aus,
Gott ist mein Schutz und Schirm
um mich und um mein Haus.

Drum dank ich meinem Gott
und halte treulich still,
es gehe in der Welt,
wie es mein Gott nur will.
Ich lege kindlich mich
in seine Vaterhand
und bin mit ihm vergnügt
in meinem Amt und Stand.

Im Osten Deutschlands wuchs er bald vor allem als Bachinterpret in die Rolle einer musikalischen Institution hinein. Wer dort an Bach denkt, gerade mit seinen Kindheitserinnerungen, kommt schnell bei Schreier an. Daß die Partie des Evangelisten in dessen Passionen fast nicht mehr anders als durch ihn interpretierbar erschien, ist vielleicht aus diesem Zusammenfinden von Schreiers musikalischem Charakter und Bachs Ewigkeitsgeneigtheit erklärbar.

Schreiers Evangelist, der einen beträchtlichen Teil seines Ruhms ausmacht, ist bis heute unerreicht in seiner wie überindividuell abgelösten rein menschlichen Expression.

Nach dem Ausscheiden aus dem Kreuzchor studierte er an der Dresdner Musikhochschule, 1959 hatte er sein Operndebüt. Zu Bach trat mit großem Erfolg die Interpretation von Mozart-Partien, danach kam sogar Wagner dazu (1966 in Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen). Internationale Engagements folgten, etwa bei der Mailänder Scala oder der New Yorker Metropolitan Opera.

Später erarbeitet er sich als Sänger das Lied, wenn er auch kaum als der typische lyrische Tenor gelten kann. Man mag seiner Stimme eine technisch brillante Glätte vorwerfen, aber das ginge in die Irre. In dieser Aufnahme der "Mondnacht" von Robert Schumann wird vielleicht deutlich, warum.

Seine Stimme ist nicht kalt, aber auch nie auch nur von der Versuchung zur Sentimentalität gestreift, sie ist nicht perfekt im Sinne der schönsten aller denkbaren Tenor-Stimmen, sondern schön durch Genauigkeit und geistige Wachheit, mit der die Intensität eines Textes zum Leben erweckt wird. Diese Stimme verkörpert und vermittelt die Souveränität eines zutiefst integren und authentischen Charakters.


Mondnacht/Moonlit Night - Eichendorff, Schumann, P. Schreier

Joseph Freiherr von Eichendorff

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Moonlit Night

It was like Heaven's glimmer
caressing Terra's skin,
that in Her blossoms' shimmer
She had to dream of Him.

The breeze was gently walking
through wheatfields near and far;
the woods were softly talking
so bright shone ev'ry star.

And, oh, my soul extended
its wings through skies to roam:
O'er quiet lands suspended,
my soul was flying home.

Translation by Walter A. Aue

Ich wollte gern bei dieser Gelegenheit noch einmal eine der Übersetzungen des Prof. Aue anbringen, die hier zum ersten Mal erschien.

Zurück zu Peter Schreier. Im Juni 2000 hatte er seinen letzten Auftritt auf der Opernbühne als Tamino in der Zauberflöte, und auch hier ist die Begründung für sein Ende als Darsteller bezeichnend – Authentizität! Es sei nicht mehr glaubhaft, wenn er noch etwa als junger Prinz aufträte. Als Sänger trat Peter Schreier letztmals öffentlich am 22. Dezember 2005 in Prag auf, und er endete mit Bach.

Früh war er auch als Dirigent tätig, bei den Berliner Philharmonikern bis hin zum Los Angeles Philharmonic Orchestra. Nach seinem Ende als aktiver Sänger wirkte er noch für einige Zeit als Gesangslehrer, doch die letzten Jahre wurden von Krankheit überschattet.

Am 25. Dezember 2019 starb Peter Schreier im Alter von 84 Jahren in Dresden.

Sein Rolle als Evangelist ist nahezu ikonisch geworden. Die nachfolgenden 4 Stücke sind vom Ende der Matthäuspassion, es ist die Aufnahme Karl Richters mit dem Münchener Bach Orchester von 1971:


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 19/22

Nach Julia Hamari (Alt) beginnt ab 5.40 Min. Peter Schreier als Evangelist. Es ist aus dem Sterbekapitel des Evangeliums, beendet vom Chor mit:

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir,
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt du denn herfür!
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein!


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 20/22

Schreier eröffnet als Evangelist. Doch wenn man sonst nichts hören mag, den Chor von 1.20 bis 2. 15 Min über Matth. 27.54. („Aber der Hauptmann und die bei ihm waren und bewahrten Jesus, da sie sahen das Erdbeben und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen!“) - den muß man gehört haben.


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 21/22


Bach - St. Matthew Passion BWV 244 (Karl Richter, 1971) – 22/22

Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!
Ruht, ihr ausgesognen Glieder!
Euer Grab und Leichenstein
Soll dem ängstlichen Gewissen
Ein bequemes Ruhekissen
Und der Seelen Ruhstatt sein.
Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein.

Und mit diesem Schlußchor, in dem das Grab Christi zum Flucht- und Ruheort der menschlichen Seele wird, wollen wir enden.

Von J. S. Bach ist dieser Eintrag in seine Bibel überliefert: „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart.“ Dieser Satz kann auch so gelesen werden, daß Musik über die Macht verfügt, ihn gegenwärtig zu machen, als Zwiegespräch zwischen Gott und der menschlichen Seele.

Peter Schreier aus Sachsen, Du getreuer Diener des Evangeliums und der göttlichen Musik:

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen, und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.

Sonntag, 9. Juni 2019

Pfingsten – Hymnen & Bilder

Stundenbuch des Herzogs von Berry, Les Très Riches Heures
Pfingsten, hier gefunden


Gregorian chant notation from the Liber Usualis (1961), p. 885.
Latin lyrics sung by the Schola Cantorum of Amsterdam Students,

Veni creator Spiritus,
Mentes tuorum visita:
Imple superna gratia,
Quae tu creasti pectora.

Qui diceris Paraclitus,
Altissimi donum Dei,
Fons vivus, ignis, caritas
Et spiritalis unctio.

Tu septiformis munere,
Digitus paternae dexterae.
Tu rite promissum Patris,
Sermone ditans guttura. 

Accende lumen sensibus
Infunde amorem cordibus,
Infirma nostri corporis
Virtute firmans perpeti. 

Hostem repellas longius
Pacemque dones protinus;
Ductore sic te praevio
Vitemus omne noxium. 

Per te sciamus da Patrem,
Noscamus atque Filium;
Teque utriusque Spiritum
Credamus omni tempore. 

Deo Patri sit gloria,
Et Filio, qui a mortuis
Surrexit, ac Paraclito
In saeculorum saecula. Amen

Amen

Loquebantur variis linguis Apostoli. Alleluia, alleluia. 
Magnalia Dei, alleluia. 

Stundenbuch des Herzogs von Berry, Les Très Riches Heures
Pfingsten, hier gefunden

Der Hymnus Veni creator Spiritus des Hrabanus Maurus ist nicht nur einer der ältesten, sondern ebenso einer der wirkmächtigsten unseres geistigen Erbes. Hier kann man u.a. die These finden, daß er anläßlich des Aachener Konzils von 809 verfaßt worden ist, um auf den Auftrag Kaiser Karls d. Gr. einzustimmen, das Filioque ins Glaubensbekenntnis einzufügen.

Damit war zwar erst ein sehr später Nachfolger im dogmatischen Sinne erfolgreich, nämlich Kaiser Heinrich II.  (etwa 1013), der Papst Benedikt VIII. dazu bewegte, lehramtlich festzuhalten, daß der Heilige Geist aus dem Vater und dem Sohne hervorgehe.

Ich will dies aber nicht vertiefen, man bleibe unbesorgt. Mir geht es hier gewissermaßen immer nur um Anmerkungen zu den Sachen, auf die ich verweisen will.

Bemerkenswert ist es aber schon, daß einer der beiden Hauptpunkte, die Ost- und Westkirche zuverlässig bis heute voneinander trennen, zweien unserer Kaiser zu verdanken ist.

Ich finde, obige Interpretation (ich habe die englische Beschreibung dort belassen) wird durch die  Amsterdamer Studenten der Schola Cantorum auf erfrischende Art vorgetragen. Das gibt einen schönen Zug zur Dignität des Textes hinzu, den ich ebenfalls oben angebracht habe (die obige Version ist jene, die gesungen wird).

Auf der Seite, zu der ich verlinkt habe, kann man eine Liste von Goethe zu Mahler etc. einsehen, die bestätigt, wie folgenreich, gerade musikalisch, der Hymnus über mehr als ein Jahrtausend blieb. Damit man, falls man sich versucht sieht, in den Gesang der Amsterdamer Stundenten mit einzustimmen, auch weiß, was man da singt, folgt die Übersetzung von unserem Vater Luther (es mußten nur zwei Verse umgestellt werden, dann entsprechen sich beide Versionen).

1. Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist,
besuch das Herz der Menschen dein,
mit Gnaden sie füll, denn du weißt,
daß sie dein Geschöpfe sein.

2. Denn du bist der Tröster genannt,
des Allerhöchsten Gabe teu'r,
ein geistlich Salb an uns gewandt,
ein lebend Brunn, Lieb und Feu'r.

4. Du bist mit Gaben siebenfalt
der Finger an Gotts rechter Hand;
des Vaters Wort gibst du gar bald
mit Zungen in alle Land.

3. Zünd uns ein Licht an im Verstand,
gib uns ins Herz der Liebe Brunst,
das schwach Fleisch in uns, dir bekannt,
erhalt fest dein Kraft und Gunst.

5. Des Feindes List treib von uns fern,
den Fried schaff bei uns deine Gnad,
daß wir deim Leiten folgen gern
und meiden der Seelen Schad.

6. Lehr uns den Vater kennen wohl,
dazu Jesum Christ, seinen Sohn,
daß wir des Glaubens werden voll,
dich, beider Geist, zu verstahn.

7. Gott Vater sei Lob und dem Sohn,
der von den Toten auferstand;
dem Tröster sei dasselb getan
in Ewigkeit alle Stund.

Soweit die wunderbare Übersetzung Martin Luthers. Damit keine Verwirrung ensteht - oben schließt sich noch ein Responsorium an, das sich so übersetzen läßt:

Die Apostel redeten in mancherlei Sprachen, Halleluja, Halleluja.
Die Wundertaten Gottes. Halleluja.


John Dunstable, Veni Creator Spiritus

Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.

Es waren aber Juden zu Jerusalem wohnend, die waren gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist. Da nun diese Stimme geschah, kam die Menge zusammen und wurden bestürzt; denn es hörte ein jeglicher, daß sie mit seiner Sprache redeten.

Sie entsetzten sich aber alle, verwunderten sich und sprachen untereinander: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind? Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien und in Judäa und Kappadozien, Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und an den Enden von Lybien bei Kyrene und Ausländer von Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie mit unsern Zungen die großen Taten Gottes reden.

Sie entsetzten sich aber alle und wurden irre und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Die andern aber hatten's ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.


Da trat Petrus auf mit den Elfen, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr zu Jerusalem wohnet, das sei euch kundgetan, und lasset meine Worte zu euren Ohren eingehen. Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet, sintemal es ist die dritte Stunde am Tage; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist:

"Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselben Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

Und ich will Wunder tun oben im Himmel und Zeichen unten auf Erden: Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll sich verkehren in Finsternis und der Mond in Blut, ehe denn der große und offenbare Tag des Herrn kommt. Und soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll selig werden."

Ihr Männer von Israel, höret diese Worte: Jesum von Nazareth, den Mann, von Gott unter euch mit Taten und Wundern und Zeichen erwiesen, welche Gott durch ihn tat unter euch (wie denn auch ihr selbst wisset), denselben (nachdem er aus bedachtem Rat und Vorsehung Gottes übergeben war) habt ihr genommen durch die Hände der Ungerechten und ihn angeheftet und erwürgt. Den hat Gott auferweckt, und aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, daß er sollte von ihm gehalten werden.

Denn David spricht von ihm: "Ich habe den Herrn allezeit vorgesetzt vor mein Angesicht; denn er ist an meiner Rechten, auf daß ich nicht bewegt werde. Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge freuet sich; denn auch mein Fleisch wird ruhen in der Hoffnung. Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen, auch nicht zugeben, daß dein Heiliger die Verwesung sehe. Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freuden vor deinem Angesicht."


Ihr Männer, liebe Brüder, lasset mich frei reden zu euch von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. Da er nun ein Prophet war und wußte, daß ihm Gott verheißen hatte mit einem Eide, daß die Frucht seiner Lenden sollte auf seinem Stuhl sitzen, hat er's zuvor gesehen und geredet von der Auferstehung Christi, daß seine Seele nicht dem Tode gelassen ist und sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen.

Nun er durch die Rechte Gottes erhöht ist und empfangen hat die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater, hat er ausgegossen dies, das ihr sehet und höret. Denn David ist nicht gen Himmel gefahren. Er spricht aber: "Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße." So wisse nun das ganze Haus Israel gewiß, daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und Christus gemacht hat.

Da sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und fragten Petrus und die andern Apostel: Ihr Männer, was sollen wir tun? Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.

Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung und aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird. Auch mit vielen anderen Worten bezeugte und ermahnte er: Lasset euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht!

Die nun sein Wort gern annahmen, ließen sich taufen; und wurden hinzugetan an dem Tage bei dreitausend Seelen.


Apostelgeschichte 2,1 – 41

St. Petersburg, Erlöser-Kirche auf dem Blut
leicht bearbeit und hier gefunden

Soweit die Apostelgeschichte. Ja es sind 41 Verse, aber wo hätte man kürzen können? Zwei Bilder von heute sollten den steinigen Weg etwas untermalen. Schließlich ist es Gründungsdokument der Kirche. Und selbst in diesem schweren Text gibt es die humorige Stelle, wo Petrus dem Vorwurf entgegentritt, die Jünger seien alle nur betrunken: Dafür sei es doch wohl reichlich früh am Vormittag…

St. Petersburg, Erlöser-Kirche auf dem Blut
leicht bearbeit und hier gefunden

Bei dem sehr würdigen Mosaik aus der Erlöser-Kirche auf dem Blut in St. Petersburg, das die Allersel. Jungfrau inmitten der Pfingtserscheinung zeigt, käme jemand ob seiner auratischen Würde gar nicht auf derlei Gedanken. Man braucht gar nicht zu suchen, sie findet sich nicht im Text der Apostelgeschichte, aber mir erscheint das Bild höchst authentisch.

Ein bemerkenswerter Bau, der seiner Vernichtung in der Zeit der Verirrung Rußlands durch ein Wunder entging, auch wenn er dabei etwa zum Gemüselager herabgewürdigt wurde. Der Name erklärt sich daraus, daß er an der Stelle errichte wurde, wo Zar Alexander II. einem Attentat zum Opfer fiel.

Jetzt folgt nur noch Musik. Zunächst eine Kantate von Johann Sebastian Bach: „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten“ (BWV 59). Er hat sie für den 1. Pfingsttag komponiert. Ich mag es ja eher, wenn Bachs Barock-Trompeten mehr, wie soll ich es sagen, angriffslustiger erschallen, aber bei den Thomanern ist alles recht moderat. Diese Interpretation ist zwar recht lebendig, aber die Trompeten eben.

Und ganz zum Abschluß ein anderer Pfingsthymnus: Veni Sancte Spiritus. Sollte man es durch die Werbung geschafft haben (die sich bei diesen Videos gern mal sinnfrei vordrängt), hört man einmal die Benediktiner von Santo Domingo de Silos und zum anderen die Mönche der Abtei von Rouen.

Ach und überhaupt. Sollte es noch ernstlich jemand bis hier geschafft haben, dem seien späte

Frohe Pfingsten 

gewünscht.


Johann Sebastian Bach: „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten“
 (BWV 59), hier gefunden


Veni Sancte Spiritus, Benedictine monks of Santo Domingo de Silos


Veni Sancte Spiritus, The Monks of the Abbey of Rouen

nachgetragen am 10. Juni