Donnerstag, 8. Oktober 2026

Ein persönlicher Nachtrag oder Marina II


Und wir: Zuschauer, immer, überall,

dem allen zugewandt und nie hinaus!

Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.

Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.


Wer hat uns also umgedreht, daß wir,

was wir auch tun, in jener Haltung sind

von einem, welcher fortgeht? Wie er auf

dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal

noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt -,

so leben wir und nehmen immer Abschied.

aus:

Rainer Maria Rilke - Die achte Elegie

Marina Staffeld war zutiefst beeindruckend in ihrer (nun ja, es geht nicht anders zu sagen) authentischen Frömmigkeit. Durch meine Lebensgeschichte bin ich bei demonstrativ wirkendem Auftreten dieser Art hochgradig mißtrauisch und kenne genug Gründe, warum diese Haltung begründet ist.

Aber. Erfahrungen sind Wahrscheinlickeiten und nicht die vollständige Wahrheit. 

Ein anderes: Ich durfte einmal jemanden zufällig kennenlernen, der von seinem Aussehen (außer am A… nach seinen Worten) völlig überflüssig tätowiert war. Wir müssen uns also im Sommer begegnet sein. 

Er erwies sich als ein grundgütiger Mensch mit einem aussichtslos chronischen Leiden, erzählte aber, er sei als junger Mensch ein ganz schlimmer Finger gewesen, körperlich deutlich beeindruckender, und hätte dafür auch einiges an Jahren im Gefängnis gesessen. 

Seine Mutmaßung war, vielleicht müsse er daher als Ausgleich für das, was er anderen angetan habe, soviel ertragen.

Darauf will ich beim besten Willen nicht hinaus, sondern meine „Pointe“ ist. Menschen können sich tatsächlich ändern oder besser gesagt, zu ihrem eigentlichen Ich zurückfinden. Man sollte die Möglichkeiten des Herrgotts also nie unterschätzen.

Warum diese mäandernde Ausschweifung?

Auch Marina Staffeld war gewissermaßen eine Spätberufene. Und es ist ungemein tröstlich zu sehen, dass authentisches Mensch-Sein möglich ist. Weitere Erörterungen etwa über den Ratschluß des Allmächtigen etc. breche ich besser ab.

Bei einer Beerdigung solcher Art ist man ja wie betäubt. Die Lebensgeister wurden also kurz fortgescheucht, kamen aber zurück. Eine Freundin fragte sich nämlich, ob zu ihrer Beerdigung auch so viele Leute kommen würden und bezweifelte das.

Da fiel mir also nächtens die passende Antwort ein: Ach mach Dir da mal keine Sorgen. Wenn Du zu meiner Beerdigung kommst, komme ich auch zu Deiner. Ich habe ihr natürlich vom dem Einfall erzählt. Und sie hat gelacht. 

Die Photos hat meine liebe Nachbarin gemacht, der ich erzählte, ich sei in diesen alten Anzug gewissermaßen wieder hineingewachsen.

Für Marina Staffeld

Der Chor und sie

gemeinsam mit ihrem verstorbenen Vater

Marina unterwegs


Herr, nimm Deine treue Dienerin gnädig bei Dir auf. Sie hat am Ende darum gebetet, daß Du sie zu Dir nehmen mögest. Du hast ihr diese Bitte gewährt. 

Herr, tröste und stärke die, die ihr nahe sind, und stärke unseren Glauben. 

Amen.