Magdeburg steht mit seiner langen Geschichte für vieles. So hat Im Dreißigjährigen Krieg hier das größte Massaker seiner Geschichte stattgefunden.
Herr Roloff durfte im Magdeburger Dom – der Grablege unseres ersten Kaisers Otto I. - diesen Sonntag nachfolgende Predigt halten.
Predigt zum 21. Sonntag nach Trinitatis im Magdeburger Dom
Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Als Predigttext ist uns aufgegeben ein Abschnitt aus dem Buche des Propheten Jeremia: Jer 29, 1.4-14
Jeremias Brief an die Weggeführten in Babel
1 Dies sind die Worte in dem Brief, den der Prophet Jeremia sandte von Jerusalem an die übrigen Ältesten, die weggeführt waren, und an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem hatte weggeführt gen Babel: 4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Gefangenen, die ich habe von Jerusalem wegführen lassen gen Babel: 5 Bauet Häuser, darin ihr wohnen möget, pflanzet Gärten, daraus ihr Früchte essen möget; 6 nehmet Weiber und zeuget Söhne und Töchter; nehmet euren Söhnen Weiber und gebet eure Töchter Männern, daß sie Söhne und Töchter zeugen; mehret euch daselbst, daß euer nicht wenig sei. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe lassen wegführen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl. 8 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Laßt euch die Propheten, die bei euch sind, und die Wahrsager nicht betrügen und gehorcht euren Träumen nicht, die euch träumen. 9 Denn sie weissagen euch falsch in meinem Namen;
ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR. 10 Denn so spricht der HERR: Wenn zu Babel siebzig Jahre aus sind, so will ich euch besuchen und will mein gnädiges Wort über euch erwecken, daß ich euch wieder an diesen Ort bringe. 11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leidens, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. 12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13 Ihr werdet mich suchen und finden. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will euer Gefängnis wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, dahin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wiederum an diesen Ort bringen, von dem ich euch habe lassen wegführen.
Der Herr segne an uns sein Wort! Amen.
Liebe Gemeinde,
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Röm 12,21
Das ist es, was sich in den Lesungen des heutigen Tages entfaltet hat.
„Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnet gegen die listigen Anläufe des Teufels. 12 Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.“
So belehrt uns Paulus im Epheserbrief.
Und der Kern des Evangeliums ist die Aufforderung: „Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel;“
Dazu gesellt sich der Brief, den der Prophet Jeremia an die nach Babylon verschleppten Angehörigen seines Volkes schreibt. Die Situation, in die dieser Brief gehört, können wir uns gar nicht dramatisch genug vorstellen. Im Jahr 587 vor Christus wurde das Südreich Juda vernichtet, der Tempel wurde zerstört, große Teile der Bevölkerung verschleppt. Es war eine Apokalypse größten Ausmaßes. Es war das Ende der Welt, wie das jüdische Volk sie bis dahin gekannt hatte.
Die eingetretene Verwüstung war vielleicht nur der in Europa und Asien 1945 zu vergleichen. So müssen sie sich gefühlt haben, die Überlebenden, die Davongekommenen, die Geschundenen. Tausende waren 587 gefangen geführt, der Heimat beraubt. An den Wassern zu Babel saßen sie und weinten, wenn sie an Zion gedachten.
Millionen waren es am Ende der beiden Weltkriege, die nur als ein erneuter 30-jähriger Krieg begriffen werden können.
Wie dem Volke Israel erging es den Hunderttausenden Griechen, die ihrer Heimat beraubt und erschlagen wurden. So ging es dem geschundenen armenischen Volk. So erging es den aus Ostpolen vertriebenen Menschen, die mehr gezwungen als freiwillig bis dahin deutsches Gebiet besiedelten. So ging es Millionen Angehörigen unseres Volkes, die meist alles verloren, nur das Leben retteten und über die Hekatomben von Toten trauerten.
Sie alle wurden gewahr, dass die Geschichte zuweilen eine dramatische und zerstörende Gewalt ist, der wir Menschen hilflos ausgeliefert sind, von deren Wirken wir davongerissen werden.
Es war ein Land, - wir liebten dies Land, -
Aber Grauen sank drüber wie Dünensand.
Verweht wie im Bruch des Elches Spur
Ist die Fährte von Mensch und Kreatur, -
Sie erstarrten im Schnee, sie verglühten im Brand,
Sie verdarben im Elend in Feindesland,
Sie liegen tief auf der Ostsee Grund,
Flut wäscht ihr Gebein in Bucht und Sund,
Sie schlafen in Jütlands sandigem Schoß, -
Und wir letzten treiben heimatlos,
Tang nach dem Sturm, Herbstlaub im Wind, -
Vater, Du weißt, wie einsam wir sind!
In diese Worte kleidete es Agnes Miegel in ihrem wohl berühmtesten Gedicht.
In diese immer gleiche Situation vernichtender Trauer und traurigster Vernichtung hinein spricht der Prophet Jeremia, der das Unheil kommen sah, der warnte und flehte und der dafür angefeindet, drangsaliert und beinahe gemordet worden wäre. Denn er hat nicht eingestimmt in den Chor der falschen Propheten, die immer nur das Unrecht der Anderen sahen, vor dem Gott schon retten würde, und die niemals den Blick auf die eigene Sünde warfen. Für sie war Gott nur der Vollstrecker eigener Erwartungen. Genau damit führten sie das Volk und seinen König erst in die Irre und dann in den Untergang.
Nicht so Jeremia. Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! So war seine Botschaft, doch niemand ist ihm gefolgt. So ist oft das Los der wahren Propheten, sie werden verlacht.
Nun war die totale Katastrophe da. Insbesondere die Oberschicht des Volkes wurde nach Babylon verschleppt. Der Rest blieb führungslos zurück. Niedergeschlagenheit war überall.
Aber gerade in dieser Situation brauchen Menschen Zuspruch. Sie brauchen Orientierung und kraftvolle Hilfe, die nicht im menschlichen Ratschlag, sondern nur in Gottes Gericht und Verheißung gefunden werden kann.
Beides kommt dem Volk in Babylon durch den Brief des Jeremia.
„So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Gefangenen, die ich habe von Jerusalem wegführen lassen gen Babel:“
Das ist der erste Donnerschlag: Ich, der HERR Zebaoth, habe euch von Jerusalem wegführen lassen. Nicht der Gott des Königs Nebukadnezar hat über den Gott Israels triumphiert, sondern dieser hat sich als allmächtig erwiesen, denn er allein ist der Herr der Geschichte. Im Grunde ist sogar das eine tröstende Botschaft, wenn man sie nur endlich recht versteht. Dieser Gott ist aber nicht der willfährige Erfüller unserer Erwartungen, sondern er vollstreckt allein seinen Willen.
Und dann verkündet Jeremia, was er aus dem Mund Gottes vernommen hat, den Ausweg:
5 Bauet Häuser, darin ihr wohnen möget, pflanzet Gärten, daraus ihr Früchte essen möget; 6 nehmet Weiber und zeuget Söhne und Töchter; nehmet euren Söhnen Weiber und gebet eure Töchter Männern, daß sie Söhne und Töchter zeugen; mehret euch daselbst, daß euer nicht wenig sei. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe lassen wegführen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.
So, als würde gleichsam nach jeder Katastrophe, nach jedem Untergang, nach Gottes Willen seine Schöpfung neu einsetzen. So wie Noah nach der Sintflut zunächst einen Weinberg pflanzt, so sollen die Gefangenen an den Wassern Babels Häuser bauen und Gärten anlegen, damit sie Wohnung und Essen haben.
Gott befiehlt ihnen gleichsam, die Fundamente des Zusammenlebens neu zu errichten. Zweierlei ist dafür maßgeblich. Im Miteinander von Menschen wird das Leben weitergeschenkt. Ohne die Generationenfolge kann das Leben keinen Bestand haben. Ohne das immerwährende „mehret euch“, das eben auch schon am Anfang der Schöpfung gestanden hat, siegt am Ende der Tod. Eine Gesellschaft, die sich dieser einfachsten aller Tatsachen verweigert, geht sehenden Auges in den eigenen Untergang. Der erste und reine Wille eines Gemeinwesens muss darum auf den Erhalt des Lebens gerichtet sein. Muss es vor diesem Hintergrund nicht befremden, dass der Begriff „Lebensschutz“ in unseren Tagen vielfach verunglimpft wird und diejenigen, die sich ihm verpflichtet fühlen, in Misskredit gebracht werden?
In der Heiligen Schrift jedenfalls wird selbst das Tun von Lots Töchtern gerechtfertigt und in der Kunstgeschichte mit Freude thematisiert, weil dadurch das Leben Fortsetzung findet. In den abgründigen Situationen des Daseins ist der verlässlichste Ratgeber, sich immer konsequent für das Leben zu entscheiden.
Das behält selbst dort Gültigkeit, wo der Mensch gewordene Gott ans Kreuz geht. Er ergibt sich dem Tod, um den Triumph des Lebens zu wirken.
Zum Fundament des Lebens gehört zudem, sich immer und überall an Gott zu wenden. Das Gebet stellt die Verbindung her zum Ursprung alles Lebendigen. Es braucht nicht den Tempel. Gott ist gegenwärtig. Betet und sucht immer und überall der Stadt Bestes.
Wer diesen Zusammenhang einmal meditativ bedenken will, der wird vielleicht darauf stoßen, dass sie Struktur des Lebens, die gegenwärtige Verbindung zweier Menschen als Horizontale und die daraus erwachsende Generationenfolge, als Vertikale, wie auch unser zeitliches Sein und das Ausstrecken nach Gottes Ewigkeit im Gebet und in der Liturgie, jeweils eine Kreuzform entstehen lassen. Das Kreuz ist gleichsam der ganzen Schöpfung als Zeichen des Lebens eingeschrieben.
Dann folgt der zweite Donnerschlag in Jeremias Brief, nämlich seine dringliche Warnung vor den falschen Propheten, die nur scheinbar Gutes verkünden, im Ergebnis aber den Tod wirken. In Babylon stellten sie ein schnelles Ende der Gefangenschaft in Aussicht. Es würde schon irgendwie eine Rückkehr geben.
Wer sich diesen falschen Hoffnungen überlassen hätte, der hätte sein Leben verpasst. Wer nicht dem Leben dient und in Gott den Ursprung des Lebens ehrt, der verliert sich.
Hütet euch auch heute vor den falschen Propheten und vor ihren vergifteten Begriffen. Wenn sie sagen, es wäre Selbstbestimmung das höchste Gut und sie sollte unseren Lebenslauf prägen. Kein Mensch hat jemals zugestimmt, geboren zu werden. Wir leben in der Generationenfolge und müssen daher den Entscheidungen unserer Eltern vertrauen. Gleichzeitig müssen wir so leben, dass die kommenden Generationen in unseren Entscheidungen sicheren Grund finden. Den sichersten Schutz verdienen in diesem Zusammenhang immer jene, die am Schutzlosesten sind. Das Maß der eigenen Schutzlosigkeit ist der entscheidende Gradmesser dafür, in welchem Umfang die Gemeinschaft für ein Wesen eintreten muss. Die Freiheit des Christenmenschen gründet im Gehorsam gegenüber Gott und nur aus dem Hören auf sein Wort kann eine verantwortliche Entscheidung des Menschen erwachsen. Das ist der radikale Maßstab für das Gute, durch das sich das Böse überwinden lässt.
Wenn in dieser Weise das Gemeinwesen wieder auf die Fundamente der Lebensbejahung und der Gottesverehrung gestellt ist, dann wird auch in unserer Zeit der Ewige reden:
11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leidens, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. 12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13 Ihr werdet mich suchen und finden. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.
So soll und so wird es sein. Lebensbejahung und Gottesverehrung sind die tragenden Säulen einer dem Menschen gemäßen Welt. Gott blickt sich durch unsere Augen an. Wir werden ihn suchen und finden. Wir wollen und werden Frieden haben und Gemeinschaft mit Gott.
Amen.
Der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen
Thomas Roloff




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