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Sonntag, 22. November 2020

Ein kleiner Wegweiser für die Ewigkeit

Pompeo Batoni, Herkules am Scheideweg, 1748, hier gefunden

Nicht durch die Ewigkeit, das wäre Anmaßung, zumal nach dem, was wir von ihr wissen können, sie nicht eigentlich räumlichen Charakters ist, eine Wegbeschreibung solcher Art zudem folglich ohne Sinn.

Was wir aber finden, sind gewissermaßen Weg-Kreuzungen, an denen eine besondere Richtung besagtem Ziel näher kommen dürfte. Die Alten kannten das Bild von Herkules am Scheideweg. Herr Moritz berichtet davon in seiner Götterlehre wie folgt:

„Da nun Herkules unter dieſen Beſchaͤftigungen zu den Juͤnglingsjahren gekommen war, begab er ſich einſt, uͤber ſein kuͤnftiges Schickſal nachdenkend in die Einſamkeit, und ſetzte ſich in Betrachtungen vertieft auf einem Scheidewege nieder. 

Hier war es, wo die Wolluſt und die Tugend ihm erſchienen, wovon die erſtre ihm jeglichen Genuß einer frohen ſorgenfreien Jugend anbot, wenn er ihr folgen wollte, die letztre ihm zwar muͤhevolle Tage verkuͤndigte, aber in der Zukunft Ruhm und Unſterblichkeit verhieß, wenn er ſie zur Fuͤhrerin waͤhlte.

Die Tugend ſiegte in dieſem Wettſtreit; der Juͤngling folgte ihr mit ſicherm Schritte, feſt entſchloſſen, jedes Schickſal, das ihm bevorſtehe, mit Muth und Standhaftigkeit zu tragen, ſich keiner Laſt zu weigern, und keine Arbeit, ſey ſie noch ſo ſchwer, zu ſcheuen.“

Karl Philipp Moritz, Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791

Albrecht Dürer, Herkules am Scheideweg, vor 1500, hier gefunden

Auch unser Dürer hat sich an dem Thema versucht, wobei seine Auffassung desselben zuerst irritiert, als wolle sein Herkules die Wollust vor der wütigen Tugend in Schutz nehmen, aber der genauere Blick beruhigt wieder. Immerhin war der Stich so beliebt, daß man Türen danach geschnitzt hat. Dennoch hat die Szene etwas Mehrdeutiges.

Wartburg (Eisenach), sog. "Dürerschrank" (1510/20) - Relief mit Herkules am Scheidewege nach einem Kupferstich von Albrecht Dürer, hier gefunden

Die Dichtungen, die unsere wenigen Gedanken begleiten, sollen auch nicht sozusagen als emblematische Wegzeichen herhalten, zumeist würden sich die Herren Autoren entschieden dagegen verwahren, wenn sie es denn noch könnten (sie haben sämtlich selbst ihren Wohnsitz in der Ewigkeit genommen), aber sie deuten auf Orte, an denen Entscheidungen unvermeidlich werden.

Auch ist dies keine Anleitung zu geistigem Probeliegen was das (nachgetragene) Datum fälschlich vermuten lassen könnte. Die Ewigkeit ist etwas, das weit über den Tod hinausgeht.

1. Die Sehnsucht nach dem Seienden

Johann Sebastian Bach: Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?, BWV 27, unter der Leitung von Karl Richter; der Schlußchoral setzt bei 15.42 ein, hier gefunden; der vollständige Text  findet sich dort.


Welt, ade! ich bin dein müde,

Ich will nach dem Himmel zu,

Da wird sein der rechte Friede

Und die ewge, stolze Ruh.

Welt, bei dir ist Krieg und Streit,

Nichts denn lauter Eitelkeit,

In dem Himmel allezeit

Friede, Freud und Seligkeit.


Jacques Réattu (1760–1833), Jakobs Traum, hier gefunden


Friedrich Hölderlin


Die Linien des Lebens sind verschieden

Wie Wege sind, und wie der Berge Gränzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.


Seit 1807 lebte Hölderlin bei dem Schreinermeister Ernst Zimmer in Tübingen. Der hatte seinen Hyperion gelesen, ihn im dortigen Nervenklinikum besucht und war besorgt, daß „ein so schönner Herrlicher Geist zu Grunde gehen soll“. Er und seine Tochter haben ihn dann über Jahrzehnte zur Pflege bei sich aufgenommen. Am 19. April 1812 schrieb er an Hölderlins Mutter:

"...so sah Er bey mir eine Zeichnung von einem Tempel Er sagte mir ich solte einen von Holz machen, ich versetzte darauf daß ich um Brod arbeiten müßte, ich sey nicht so glücklich so in Philosofischer ruhe zu leben wie Er, gleich versetzte Er, Ach ich bin doch ein armer mensch, und in der nehmlichen Minute schrieb er mir folgenden Vers mit Bleistift auf ein Brett."

Es ist der obige. Eine Szene wie aus einem Singspiel. Zimmer schildert die Situation, darauf antwortet Hölderlin mit seinem Vierzeiler. Man glaubt, eine Art unkomponierte Arie zu hören, in der er sein Schicksal zusammenfaßt.

Der unvollständige Akkord dieses Lebens wird dort aufgehoben, vollendet und aufgelöst. Dieses Leben ist Ahnung und Erinnerung einer Harmonie, deren Unvollständigkeit gespürt ist, aber nicht als ein Entgegen-Stehendes, Abweisendes mißverstanden wird, sondern als ein abgebrochener Anfang. 

Das Wirkmächtige der Erfahrung. Das Wirkliche verweist auf etwas jenseits des Zeitlichen, Ausgesetzten. Als Seiendes, das in unsere fragmentarische Existenz einbricht, aber dessen Wahrheit und Andauern ohne Zweifel bleibt.

Die Sehnsucht des Fragments nach Vollständigkeit? Auch, aber im Ungenügen flackert die Ahnung des Genügens auf. Das Vollständige im Unvollständigen. Das Fragmentarische nicht als Scheitern oder Verfall, sondern als Anfang eines unendlichen Abenteuers.

Die Frage, die sich ihres Sinns und Grunds bewußt wird. Und nicht zuletzt eine Trauer, die nicht dem Auslöschen verfallen will, sondern widerstehen, den Ort suchend, an dem die Fülle des Verbunden-Seins aufgehoben bleibt.

Nur die klassische Jenseitshoffnung?

begonnen am Ewigkeits-Sonntag und nachgetragen am 3. Dezember – Teil 1 / 4

Freitag, 20. März 2020

4 Jahreszeiten mit Hölderlin & mehr ferneren Bildern

Arnold Böcklin, Ackerfluren im Vorfrühling (1884)

Friedrich Hölderlin

Der Gang aufs Land

An Landauer

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng' und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe
Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
Und von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen,
Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.

Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben
Immer einige noch, ehe der Sommer, ins Land.
Nämlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirt;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
Deshalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög' ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch thun,
Wir, so gut es gelang, haben das Unsre gethan.

Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
Aufgegangen das Thal, wenn mit dem Neckar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft…

Singen wollt ich leichten Gesang, doch nimmer gelingt mirs,
Denn es machet mein Glück nimmer die Rede mir leicht.

Ludwig von Hofmann, Idyll (Männlicher und weiblicher Halbakt in der Landschaft) zw. 1894 und 1895, hier gefunden

Der Sommer

Das Erndtefeld erscheint, auf Höhen schimmert
Der hellen Wolke Pracht, indeß am weiten Himmel
In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert,
Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.

Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben,
Es zeiget sich auf Meeren unverborgen,
Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben
Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.

Mit neuen Farben ist geschmükt der Gärten Breite,
Der Mensch verwundert sich, daß sein Bemühn gelinget,
Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,
Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.

Arnold Böcklin, Sommertag

Die Linien des Lebens sind verschieden,
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
mit Harmonien und ewigen Lohn und Frieden.

The lines of life are varied,
as are roads, and as are the boundaries of mountains.
Whatever we are here, a god can complement there
with harmony and perpetual reward and peace.

Übersetzung aus dem Deutschen / 
Translation from German to English © by Emily Ezust

Carl Blechen, Turm des Heidelberger Schlosses
ca. 1830, hier gefunden

Der Herbst

Die Sagen, die der Erde sich entfernen,
Vom Geiste, der gewesen ist und wiederkehret,
Sie kehren zu der Menschheit sich, und vieles lernen
Wir aus der Zeit, die eilends sich verzehret.

Die Bilder der Vergangenheit sind nicht verlassen
Von der Natur, als wie die Tag' verblassen
Im hohen Sommer, kehrt der Herbst zur Erde nieder,
Der Geist der Schauer findet sich am Himmel wieder.

In kurzer Zeit hat vieles sich geendet,
Der Landmann, der am Pfluge sich gezeiget,
Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.

Der Erde Rund mit Felsen ausgezieret
Ist wie die Wolke nicht, die Abends sich verlieret,
Es zeiget sich mit einem goldnen Tage,
Und die Vollkommenheit ist ohne Klage.

Autumn

The fleeing legends, which the Earth narrated
(of essences that were and are returning),
are turning toward humanity, so increased learning
can grow from times that long since dissipated.

What images once were, they were not banished
by Mother Nature, like her days that paled and vanished
amid high summer: When descends the autumn's power
the sky will show it in the spirit's shower.

In not much time so much has terminated:
The peasants, having proudly shown themselves as plowers,
see now that yet another year has joyfully abated -
just as abates the time in which the human flowers.

The Earth whose round with rocky mountains pleases
(so unlike clouds dispersed by evening breezes)
reveals itself amid a day that's golden;
and of perfection; and to no complaint beholden.

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue

Carl Blechen, Landschaft
zw. ca. 1823 und 1828, hier gefunden

Wenn über dem Weinberg es flammt
Und schwarz wie Kohlen
Aussiehet um die Zeit
Des Herbstes der Weinberg, weil 
Die Röhren des Lebens feuriger atmen
In den Schatten des Weinstocks. Aber
Schön ist's, die Seele
Zu entfalten und das kurze Leben.

Carl Blechen, Bäume im Herbst bei Sonnenaufgang

Der Winter

Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Rund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.

Carl Blechen, Landschaft im Winter bei Mondschein

Der Winter 

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

Winter 

When vanished and no longer seen are illustrations
of season, then arrive the winter hours:
the field is empty, mild seem its ablations
and storms blow to and fro with rains and showers.

As if a day for rest, so is this year's cessation
just like a questioning chord requesting consecration:
then Spring's becoming enters the creation
and Nature shines on Earth in glorious elation.

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue

Andreas Achenbach, Verschneiter Wald

Anmerkung

Friedrich Hölderlins an dessen 250. Geburtstag (folglich am 20. März 1770 - in Lauffen am Neckar) mit einigen seiner Gedichte zu gedenken, ist nicht so erklärungsbedürftig (allenfalls die Verspätung). Die Auswahl schon eher. Schließlich stammen außer dem ersten und dem Weinbergfragment (wohl nicht vor 1803 entstanden) alle übrigen aus der Zeit seiner sog. Umnachtung.

Für mich ist Hölderlins Dichtung immer ein Mysterium geblieben. Natürlich, man sieht den Anfang, die frühen Gedichte atmen selbstredend Geist und Sprache der Zeit, aber allerspätestens mit den letzten Hymnen wie etwa Patmos entschwindet der Dichter uns in Regionen, wo man sich mit offenem Mund fragt: Ist das noch er oder schon der Genius der Sprache selbst, die zur Brücke ins Eigentliche wird, den Eintritt ins Transzendente gewährt.

Und dann der Absturz in die Umnachtung, die anders rätselhaft bleibt. Denn seine Sprache wird ja nicht sinnlos oder konventionell. Es entstehen diese ganz eigentümlichen, gleichförmig scheinenden „Spieluhrenverse“, die auf einmal davon reden, daß so wie die Sterne erscheinen, erscheine „geistiger das weit gedehnte Leben“. Als wenn in der Nacht plötzlich die Wolken aufreißen und kurz das Mondlicht durchbricht, um sich sogleich wieder zu verhüllen.

Oder der unscheinbare Vierzeiler „Die Linien des Lebens“, wo festgehalten wird, daß dessen Wege verschieden sind „wie der Berge Grenzen“, also unser Ausschnitt der Wirklichkeit, und daß die Disharmonie unserer Existenz in der Ewigkeit zu einem gültig klingenden Akkord vervollständigt werden könne (!)…

Vor so einer Gestalt zu bestehen, ist eine Herausforderung. Und wo ich so einiges von dem beschaute, was aus besagtem Anlaß durch den bundesdeutschen Blätterwald und Äther rauschte, war ich meist über die Skurrilität verblüfft, mit der man erkennen ließ, nicht einmal eine Ahnung von dem zu haben, an was man da rührte. So wie es den Begriff des funktionellen Analphabetismus gibt, bräuchten wir für Derartiges einen im Geistigen.

Man ist versucht, das aufzuspießen, doch wozu? Dann stieß dieses Gespräch mit Rüdiger Safranski buchstäblich auf mich (ich hatte nicht einmal danach gesucht), ich wußte danach, daß ich erst seine Biographie lesen mußte, bevor ich meine Anmerkungen ausbreiten konnte (wenn ich das danach denn noch wollen würde).

Und heute hatte ich dann zwar eine Biographie in der Hand, nur war es eine von einem Klaus Vieweg über Hegel! Ärgerlich, aber reparierbar, nur nicht mehr heute. Also erst einmal diese kleine Leseauswahl. Und die Bilder. Nun ja, sie haben überwiegend auch mit Jahreszeiten zu tun. Aber im Grunde erzählt, davon abgesehen, jedes seine ganz eigene und andere Geschichte. Ich habe meine Zuflucht derzeit ziemlich im 19. Jahrhundert gefunden und befinde mich da auch sehr wohl, aber um mich soll es hier zu allerletzt gehen. Doch daher kommt die Auswahl.

Bevor alles aber so kalt endet, noch eine kleine reizende scheinbare Idylle am Schluß. Und wenn ich die "richtige" Biographie gelesen haben werde, will ich auch die schönsten Stilblüten des Hölderlin–Gedenkens (mit-)teilen.

Wilhelm Kray, Das Locken der Nymphe

nachgetragen am 30. März

Freitag, 25. September 2015

Spieluhrenlyrik oder Über den Herbst


Friedrich Hölderlin 

Der Herbst

Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen, 
Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet, 
Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet, 
Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

Das Erdenrund ist so geschmükt, und selten lärmet 
Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet 
Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen 
Als eine Aussicht weit, die Lüffte wehen

Die Zweig' und Äste durch mit frohem Rauschen 
Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen, 
Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet 
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.

Ich gestehe, als ich bei dem Blogger Jay gerade dieses Gedicht von Hölderlin wiederlas, war ich etwas mißgestimmt über den anschließenden Kommentar (es gehöre nicht zu den großen Gedichten des Autors), aber wozu sonst liest man schließlich anderer Leute Sachen. Denn das Verdict ist so wohlfeil wahr wie falsch zugleich. Seine Verweise, so dieser, haben mich eher versöhnt (außerdem, wer MRR für einen Scharlatan hält, kann grundsätzlich nicht nur falsch liegen). Das dazu.

Wenn man sich einer Sache nähern will, die einem anmaßend so vertraut erscheint, erlebt man Überraschungen (wie dergestalt, daß schon vor einem jemand diese späten Verse mit Spieluhren  verglichen habe, was nicht gegen den Vergleich spricht). Das ist alles Geschwätz.

Die späten Verse Hölderlins haben  mich immer wieder gebannt. Der Spieluhrenvergleich war ja auch nur ein Behelfsmittel. Denn sie wirken meist so einfach, auswechselbar, mechanisch; voller menschenfreundlicher Leere. Und dann fällt einem der Unterkiefer herunter, weil sie soeben an die Ewigkeit anstießen.

Die Linien des Lebens sind verschieden,
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
mit Harmonien und ewigen Lohn und Frieden.

Ich muß dieses immer wieder nennen. Denn wie kann man das Leben als solches als „Umnachteter“ in vier Zeilen bannen. Daß das Leben wunderliche Wege kennt, geschenkt, daß sie aber so verschieden sind wie der Berge Grenzen, also unser Ausschnitt der Wirklichkeit, womöglich wie ein Fingerabdruck...

Daß unsere mißgetönte Existenz irgendwo zu einem recht klingenden Akkord vervollständigt werden könne (!), davon muß jemand etwas erkannt haben, und wirft uns so lange schon einmal Kunst-Stücke zu, als wolle er spielen.


Samstag, 8. Dezember 2012

Winter &


Das Eigentümliche am Winter ist, daß man ihn, obwohl man es doch längst besser wissen sollte, zuerst für ein Versehen hält, etwas Unnatürliches, das über all das noch durchaus Lebendige hineinbricht und das vermutlich wie ein schlechter Traum schnell wieder vorübergehen sollte. Aber nein, er bleibt und gräbt seine eisigen Krallen in Land und Landschaft. Hölderlin hat wohlwollender vom Winter geschrieben, es sind einige Gedichte dazu aus der Zeit seiner „geistigen Umnachtung“ überliefert, etwa dieses:

Friedrich Hölderlin

Winter 

Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,
So fällt das Weiß herunter auf die Thale,
Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrale,
Es glänzt das Fest den Städten aus den Thoren.

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen
Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen
Die Unterschiede sich, daß sich zu hohem Bilde
Sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.



Und dann habe ich das nachfolgende Wintergedicht früher schon einmal gebracht. Prof. Aue hat es ins Englische übertragen, und beschämt erinnerte ich mich wieder, daß er mir diese Übersetzung unverdient zugeeignet hatte. Seine tiefgründigen Kommentare zu Hölderlin findet man hier und das Gedicht folgt umgehend. Ach, die Bilder übrigens sind vom ersten dieses Monats, inzwischen hat die Überraschung schon leicht nachgelassen.



Friedrich Hölderlin

Der Winter 

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

Winter 

When vanished and no longer seen are illustrations
of season, then arrive the winter hours:
the field is empty, mild seem its ablations
and storms blow to and fro with rains and showers.

As if a day for rest, so is this year's cessation
just like a questioning chord requesting consecration:
then Spring's becoming enters the creation
and Nature shines on Earth in glorious elation.

Übersetzung / Translation


Freitag, 31. August 2012

Über Eichbäume &



Friedrich Hölderlin

Die Eichbäume

Aus den Gärten komm ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt' und erzog, und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt' ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd' ich unter euch wohnen!


Im Schutze eines großen Steins in diesem Garten versucht seit einigen Jahren ein Eichensetzling, der sich selbst gepflanzt hat, am Leben zu bleiben, und zu wachsen. Seit ich die „Pflege“ dieses Orts vollständig selbst übernommen habe, sind seine Chancen gestiegen. Daher das Bild.

Ein aufgedrängter Post. Die Geschichte: Ach, ich zitiere einfach den Herrn Morgenländer, obwohl mir die Sache längst übel aus dem hiesigen Regionalblatt entgegenroch:

„Ein 'Symbol für Deutschtümelei und Militarismus' sei die Eiche, befand der 'Antifaschistische Fuchsschwanz' und fällte den Baum, den man am Wochenende in Rostock-Lichtenhagen gepflanzt hatte, um an die pogromartigen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge vor zwanzig Jahren zu erinnern.

Die ZEIT findet das zwar nicht nicht schön, nennt das Pflanzen einer Friedenseiche aber eine 'unglückliche Idee'.

Wir lernen also, dass nicht nur ein Gespräch über Bäume, sondern auch das Pflanzen von Bäumen ein Verbrechen sein kann, jedenfalls wenn man der Logik linker 'Antifaschisten' folgt.“

Ich mag zum Lokalblatt nicht verlinken, denn das Gruselige ist, wieviel verdruckste Sympathie einem da entgegendumpft. Dumpfheit kann man hier. Was schreibt man aber dann?

Was ist das für eine Mentalität, die überall nach Spuren des Deutschen sucht, selbst den vermeintlichen (gut; hier, das Eichenlaub auf den Schulterblättern etc.), nur um zu versuchen sie auszulöschen.

Es ist, als sei man in einen wüsten SF-Film geraten. Man schaut auf die Spuren des Bösen, sie sind klein, fast skurril, man sieht, wer sich in Stellung begibt, sie zu verniedlichen, sie zu verteidigen, bedeutungs-schwangere Beschwichtigungen abzuliefern und weiß den selben Moment, sie gehören demselben Wurzelwerk an. Es gibt zwei davon in dem Land, ein altes beschädigtes, das angegriffen ist, und ein anderes, das eben diese Auslöschung will.

Über dem Wurzelwerk, im Freien sind einst schlimme Dinge geschehen, vor langer Zeit, aber sie haben das Land in seiner Seele geschwächt. Seither gibt es eine seltsame Art von Wesen. Sie nähren sich von den vergangenen Verbrechen wie an einer giftigen Frucht, die sie völlig gefangen nimmt, sie berauschen sich an ihr, sie gibt ihnen das Gefühl der Rache, der Größe, der Genugtuung, die das Zerstören verschafft. Und so haben sie aus der Vergangenheit eine Droge für sich gemacht.

Manche Alpträume hören nicht auf, seit man aufgewacht ist. Daher ist es ein aufgedrängter Beitrag. Was aber dann zu sagen, zu sich selbst? Wenn Alpträume die Dinge so klar aufzeigen, dann besser wohl dem beispringen, das mit soviel jahrhundertealtem Recht nach Hilfe ruft und die eigene angeborene Feigheit verleugnen versuchen, etwas wenigstens.

Dienstag, 22. November 2011

Über Dichtung

Da ist ein Riß, den man spürt, wenn man lange genug Trakl liest, und das ist ausgesprochen unkomfortabel; und abhängig davon, inwieweit man im Wort lebt oder daraus lebt, weicht man dann womöglich zurück. Trakl hat auch das Häßliche, Monströse, Verstörende ins Sprechen vom Eigentlichen hineingenommen, und darum ergreift es uns so, daß wir oft kaum Luft bekommen können dabei. Diejenigen, die davon absehen, erkennt man leicht danach als blutleer und enthöhlt. Davon kann hier keine Rede sein. Er ruft uns keine perfekten platonischen Sphären auf, er beschreibt das damit hier irdisch mit vermischte Getrübte und Unstete ebenso.

“Verweilung, auch am Vertrautesten nicht, ist uns gegeben“ eröffnet uns Rainer Maria Rilke in seiner Huldigung an Hölderlin und erklärt so zugleich das Geheimnis der Dichtung - „Dir, du Herrlicher, war, dir war, du Beschwörer, ein ganzes / Leben das dringende Bild, wenn du es aussprachst, / die Zeile schloß sich wie Schicksal, ein Tod war / selbst in der lindesten, und du betratest ihn; aber / der vorgehende Gott führte dich drüben hervor“. Und „Wie sie doch alle / wohnen im warmen Gedicht, häuslich, und lang / bleiben im schmalen Vergleich. Teilnehmende. Du nur / ziehst wie der Mond. Und unten hellt und verdunkelt / deine nächtliche sich, die heilig erschrockene Landschaft…“.

Man kann ausschließlich im Vorläufigen zu leben versuchen und im Zufälligen. Dichtung, wenn sie eine solche im wirklichen Sinne ist, beschreibt eine brüchige Brücke zum Eigentlichen. Das Eigentliche ist aber zuerst kein Paradiesgärtlein oder etwas bequem Genießbares oder sonst etwas vergleichbarer Art. Es ist Spurensuche (Sporensuche der lustige erste Verschreiber) nach dem wesentlich Menschlichen, eine Prüfung, es ist kein angenehmerer Zustand, er ist nur weniger falsch.

Dichtung ist eine Sache auf Leben und Tod. Es gibt ein (apokryphes) Gleichnis, das ich nicht ausstehen kann. Da lobt unser Herr angeblich die schönen Zähne eines verwesenden Hundes. Aber das ist eine der Geschichten, über die man dann dennoch nicht hinwegkommt, wie über Trakl auch...
nachgetragen am 16. Dezember

Mittwoch, 16. Februar 2011

Über Kunst-Rosen &


Der letzte Sonntag war der „Letzte Sonntag nach Epiphanias“. Das heißt, damit ist der Weihnachtsfestkreis endgültig abgeschlossen. Ich erwähne das nur daher, weil meine Frau Mutter schon länger drängelte, nun müsse der Epiphanias-Stern aber doch auf den Boden. Und das letzte Argument für mich, es nicht zu tun, ist damit entfallen. Deshalb noch einmal ein Bild.

Dies ist ein wenig ein Verlegenheits-Post, da ich an verschiedenem Liegengebliebenen „herumkaue“. Und bevor noch jemand glaubt, ich sei dem Winterschlaf verfallen, und zumal ich soeben eine interessante Anregung beim Lesen eines Kommentars zum letzten Sonntag erhielt - ein paar häusliche Bilder, hauptsächlich von Kunstrosen und alten Photoalben (es gab eine kleine nostalgische Veranstaltung). Ich persönlich habe ein eher zwiespältiges Verhältnis zu Kunstblumen, jedenfalls im Sommer, zu dieser Jahreszeit verschaffen sie zumindest eine angenehme Erinnerung an die Erscheinung wirklicher Rosen. Und um die Imagination weiter zu befeuern, noch 2 Rosengedichte recht gegensätzlicher Art.


Friedrich Hölderlin


An eine Rose

Ewig trägt im Mutterschoße
Süße Königin der Flur!
Dich und mich die stille, große,
Allbelebende Natur;
Röschen! unser Schmuck veraltet,
Stürm' entblättern dich und mich,
Doch der ewge Keim entfaltet
Bald zu neuer Blüte sich!


Heinrich Heine

Die Rose duftet – doch ob sie empfindet
Das, was sie duftet, ob die Nachtigall
Selbst fühlt, was sich durch unsre Seele windet
Bei ihres Liedes süßem Widerhall; –

Ich weiß es nicht. Doch macht uns gar verdrießlich
Die Wahrheit oft! Und Ros und Nachtigall,
Erlögen sie auch das Gefühl, ersprießlich
Wär solche Lüge, wie in manchem Fall –

Montag, 22. November 2010

Seltsames



Ein befreundeter Anwalt will an diesem geistgemiedenen Ort eine Art literarischen Salons eröffnen, wir hatten uns darauf geeinigt, mit Hölderlin zu beginnen. Als ich heute nach einem Telefongespräch mit ihm (dem Anwalt) herausfinden wollte, wie lange es wohl dauern würde, die erste Fassung von Patmos vorzutragen, nahm ich einen solchen Versuch spaßeshalber auf. Nun, der Spaß verging schnell. Wenn man Demut lernen will, muß man sich einfach nur mit sich selbst konfrontieren. Ich hab es ein wenig mit Bildern aufgehübscht, aber dennoch, es ist recht gruselig und ich bin nicht sicher, wie lang ich dies hier stehenlassen werde.

Montag, 7. Juni 2010

Über Hölderlin &

translated

Hölderlinturm Tübingen
letzter Wohnort Hölderlins
hier gefunden


Fast wäre ich schwankend geworden und hätte über Friedrich Wilhelm III. von Preußen geschrieben, der mir bei meiner Luise Lektüre immer sympathischer wurde, ja manchmal lese ich auch länger nach, bevor ich etwas darüber bemerke, er starb übrigens am 7. Juni 1840. Aber vor dem Todestage Hölderlins müssen selbst Könige weichen:

Friedrich Hölderlin

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen,
und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.


Midlife

With yellow pears hangs,
and full with wild roses
the land in the lake,
Ye gracious Swans -
and drunken from kisses
dip ye the head
in the solemn-soberly water.

Woe me: whence do I fetch, when
it's winter, the flowers,
and whence
the sunshine
and shade of the earth?
The walls stand
speechless and cold; in the wind
are clanking the banners.

Translation by Walter A. Aue

Diese Übersetzung stammt von Prof. Aue, für dessen Bekanntschaft ich unendlich dankbar bin. Und da wir uns gerade in so entgrenzter Stimmung befinden. Ich hatte wieder etwas in meiner Hölderlin-Ausgabe gelesen, bevor ich dann doch wieder bei diesem bekannten Stück landete: Hölderlin lesen ist wie in den Armen der deutschen Sprache Geborgenheit finden.

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I was torn to write something about Friedrich Wilhelm III of Prussia, who was getting more and more sympathetic to me while reading about Luise (his wife), indeed sometimes I read something about a certain topic before I’m writing about it, and by the way he died on June 7th in the year 1840. But facing the day of death of Hölderlin even kings have to withdraw themselves.

This translation is by Professor Aue, whose acquaintance I am eternally grateful for. And since we are just in such a boundless mood: I read a bit in my Hölderlin edition before; I choose nevertheless this well known piece. But to read Hölderlin is like to find comfort and security in the arms of the German language.

Dienstag, 9. Februar 2010

Diotimas Geburtstag



Wenn aus der Ferne ...

Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind,
Ich dir noch kennbar bin, die Vergangenheit,
O du Teilhaber meiner Leiden!
Einiges Gute bezeichnen dir kann,

So sage, wie erwartet die Freundin dich?
In jenen Gärten, da nach entsetzlicher
Und dunkler Zeit wir uns gefunden?
Hier an den Strömen der heilgen Urwelt.

Das muß ich sagen, einiges Gutes war
In deinen Blicken, als in den Fernen du
Dich einmal fröhlich umgesehen,
Immer verschlossener Mensch, mit finstrem

Aussehn. Wie flossen Stunden dahin, wie still
War meine Seele über der Wahrheit, daß
Ich so getrennt gewesen wäre?
Ja! ich gestand es, ich war die deine.

Wahrhaftig! wie du alles Bekannte mir
In mein Gedächtnis bringen und schreiben willst,
Mit Briefen, so ergeht es mir auch,
Daß ich Vergangenes alles sage.

Wars Frühling? war es Sommer? die Nachtigall
Mit süßem Liede lebte mit Vögeln, die
Nicht ferne waren im Gebüsche
Und mit Gerüchen umgaben Bäum uns.

Die klaren Gänge, niedres Gesträuch und Sand,
Auf dem wir traten, machten erfreulicher
Und lieblicher die Hyazinthe
Oder die Tulpe, Viole, Nelke.

Um Wänd und Mauern grünte der Efeu, grünt'
Ein selig Dunkel hoher Alleen. Oft
Des Abends, Morgens waren dort wir,
Redeten manches und sahn uns froh an.

In meinen Armen lebte der Jüngling auf,
Der, noch verlassen, aus den Gefilden kam,
Die er mir wies, mit einer Schwermut,
Aber die Namen der seltnen Orte

Und alles Schöne hatt er behalten, das
An seligen Gestaden, auch mir sehr wert,
Im heimatlichen Lande blühet
Oder verborgen, aus hoher Aussicht,

Allwo das Meer auch einer beschauen kann,
Doch keiner sein will. Nehme vorlieb, und denk
An die, die noch vergnügt ist, darum,
Weil der entzückende Tag uns anschien,

Der mit Geständnis oder der Hände Druck
Anhub, der uns vereinet. Ach! wehe mir!
Es waren schöne Tage. Aber
Traurige Dämmerung folgte nachher.

Du seiest so allein in der schönen Welt,
Behauptest du mir immer, Geliebter! das
Weißt aber du nicht,


Was hier abbricht, ist etwas, das Hölderlin wahrscheinlich 1808 geschrieben hat, also in der Zeit, die seiner „Umnachtung“ zugeschrieben wird. Die Gestalt, die da spricht, erscheint aus dem Totenreich, denn Susette Gontard, nach deren Bild er „Diotima“ geschaffen hatte, war bereits dahingeschieden. Der „umnachtete“ Dichter hatte längst mehr mit Toten Umgang. Überliefert ist aus dieser Zeit der Satz:
„Nun versteh‘ ich den Menschen erst, da ich ferne von ihm und in der Einsamkeit lebe!“

Dieses Gedicht, das eines meiner liebsten ist, auch weil es die Schönheit der deutschen Sprache so wunderbar aufschließt, ist eigentlich zu lang für einen Post, aber ich habe es dann doch gebracht. Es wirkt zuerst so unscheinbar, aber wer es langsam vor sich hin spricht, der ist mit dem Abbruch auch nahezu am Ende. So ist Frau Susette Gontard, geb. Borkenstein, geboren am 9. Februar 1769 in Hamburg, Bankiersgattin aus Frankfurt am Main, also unsterblich geworden. Und wir dürfen jeden belächeln, der die Macht der Dichtung in Frage stellt.

Mittwoch, 11. November 2009

Über die Verwirrung der Zeiten


El Greco, Hl. Martin mit Bettler,
gefunden hier

Da der erste meiner beiden Vornamen nun einmal Martin lautet, ist heute erkennbar mein Namenstag. Ich durfte sogar dankbar Glückwünsche dazu entgegennehmen, gut, glücklicherweise habe ich vor einem Jahr ein paar Bemerkungen zu diesem Tag dahingeworfen, die mag man dort nachlesen. So bin ich einmal aus dem Schneider.

Das klingt übertrieben? Hah!

Es gab diesmal 4 Dinge, die ich mißtrauisch beäugt habe, ob daraus wohl ein Post werden wird: Martini, „Remembrance Day“, ein Video und eine Partei. Jetzt sind es noch 3.

"Wir sind am Abend unserer Tage. Wir irrten oft, wir hofften viel und thaten wenig…"

„O hätt ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung wär ich reicher!"
Hölderlin, Hyperion



Es ist nicht so, daß ich mich aus freiem Entschluß in diesen Gedankengängen verliere, die mir zumal doch recht fröstelnd fremd sind, aber um gewissermaßen einen kleinen Aufschub zu erwirken, noch einmal Hölderlin:

„Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein. Er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das laß er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und schlag es an den Pranger! Beim Himmel! der weiß nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte. Die rauhe Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist der Staat…

Nicht, daß wir ernten möchten, fiel ein andrer ein; uns kömmt der Lohn zu spät; uns reift die Ernte nicht mehr.

Wir sind am Abend unsrer Tage. Wir irrten oft, wir hofften viel und taten wenig. Wir wagten lieber, als wir uns besannen. Wir waren gerne bald am Ende und trauten auf das Glück. Wir sprachen viel von Freude und Schmerz, und liebten, haßten beide. Wir spielten mit dem Schicksal und es tat mit uns ein Gleiches. Vom Bettelstabe bis zur Krone warf es uns auf und ab. Es schwang uns, wie man ein glühend Rauchfaß schwingt, und wir glühten, bis die Kohle zu Asche ward. Wir haben aufgehört von Glück und Mißgeschick zu sprechen. Wir sind emporgewachsen über die Mitte des Lebens, wo es grünt und warm ist. Aber es ist nicht das Schlimmste, was die Jugend überlebt. Aus heißem Metalle wird das kalte Schwert geschmiedet. Auch sagt man, auf verbrannten abgestorbenen Vulkanen gedeihe kein schlechter Most.

…will aber niemand wohnen, wo wir bauten, unsre Schuld und unser Schaden ist es nicht. Wir taten, was das unsre war. Will niemand sammeln, wo wir pflügten, wer verargt es uns? Wer flucht dem Baume, wenn sein Apfel in den Sumpf fällt? Ich habs mir oft gesagt, du opferst der Verwesung, und ich endete mein Tagwerk doch.“

Nein, es war eine Nachricht von gestern, und wo ich schon diese zitiere, will ich wenigstens den Absender verschweigen, der sie mit den ersten Worten oben begonnen hatte:

„Morgen ist es nun soweit und zwanzig Jahre her, daß wir unsere ‚Kleinstpartei‘ gegründet haben. Ob man daran wohl erinnern muß? Zwanzig Jahre scheinen aber in jedem Falle die Grenze zu sein, an der die Dinge beginnen, sich von einem abzulösen. Man erinnert sich nicht mehr an eigenes Erleben, sondern an fremde Personen, die mit anderen austauschbar werden. Es war insgesamt eine merkwürdig wichtige, aber am Ende doch marginale Erfahrung.“

Ja in der Tat. Auch ich habe einmal so etwas Närrisches getan wie versucht, eine Partei zu gründen, ich hatte das völlig verdrängt und wäre nicht darauf gekommen, hätte mich nicht diese Nachricht erreicht, heute vor 20 Jahren, kurioserweise in der Stadt, in der ich gerade wieder lebe, die meisten waren Kommilitonen (des Studiums der Theologie), aber es gab auch einen jungen Staatsanwalt. Man sehe selbst, was für umstürzende Vorstellungen wir hatten.



Nach diesen Worten haben mich die anderen meiner damaligen Kommilitonen für einen abgefeimten Rechtsradikalen gehalten, sie tun dies größtenteils bis heute, selbst wenn sie gegenwärtig irgendwo sicher angekommen sind, die Sicherheit der Erinnerung bleibt bestehen, auch wenn die Inhalte lange gewechselt haben. Man darf ihnen das nicht vorwerfen, so sind Menschen, sie suchen einen Halt in der Zeit und wollen mit sich im Einvernehmen bleiben, das andere, Geschichte, Außenwelt, Erinnerung ist dann lediglich etwas, welches es zu bewältigen gilt. Was mich geringfügig irritiert, mehrere von ihnen haben weiter für sich meinen Lebensweg (und den von anderen von damals) verfolgt. Wie kann man sich so sehr an etwas binden, das man ablehnt, wie auch immer.

Ich muß gestehen, wenn ich diese Dinge wieder lese, sind sie mir grauselig fremd, ich stimme also der Nachricht vollumfänglich zu.



Es gibt dort übrigens in beiden Fällen eine zweite Seite, auf der auch nicht Aufregenderes steht, nur zusätzlich Namen, doch wir wollen niemanden kompromittieren.

Was mich selbst allerdings in diesem Augenblick maßlos stört, ist der vermeintliche Opportunismus dieser fremden Worte. Doch, das war gar keiner, wir glaubten einfach, daß die Dinge, die so verstört waren, mit der Wiedervereinigung bald geheilt wären, wir waren gnadenlos naiv und vor 20 Jahren auch eindeutig noch recht jung.

Diese FDU schloß sich dann mit anderen "Kleinstparteien" zur DSU zusammen, darauf gab es eine "Allianz für Deutschland" und eine "gewonnene" Volkskammerwahl. Geschichte. "Vollendete Vergangenheit".

So, da wären wir durch. Und jetzt noch der „Remembrance Day“. Der steckt mir in der Tat wie eine Gräte im Hals, und am liebsten würde ich sagen, was für eine verlogene Veranstaltung, aber das stimmt auch nur teilweise. Ich denke, gerade ist die Zahl meiner Englisch sprechenden Bekannten, die Deutsch verstehen, maßgeblich geschrumpft. Aber unglücklicherweise ist der Ursprung dieses Tages, was immer man später unter ihm verstehen mag, derart zweifelhaft. Was war gestehen.

Nun, das Deutsche Reich kapitulierte de facto gegenüber der Entente (Frankreich, England etc.) am 11. 11. 1918. Und da dieser Krieg faktisch um nichts ging (wenn man von Leidtragenden wie Belgien einmal absieht), lediglich um Macht, Einfluß, Zerstörung von Konkurrenten, mußte man ihn von Seiten der Sieger unverzüglich moralisch überhöhen. Der Gegner wurde weiter bekämpft, etwa durch eine von Großbritannien gegen Deutschland bis zum Juni 1919 aufrechterhaltene Wirtschaftsblockade, die ca. 1 Million Hungertote forderte, durch einen „Friedensvertrag“, der dem „ehemaligen“ Kriegsgegner soweit als irgend möglich schaden wollte, und es so einem Hitler später sehr leicht machte, ich breche lieber ab.

Wenn man dies weiß, was sagt man dann, wenn man sieht, wie liebenswürdige, Englisch sprechende Bekanntschaften diesen Tag in großer Unschuld und mit sympathischem Pathos begehen? Zumal sie eher an die jüngere Vergangenheit denken werden und da mag vieles wieder anders liegen. Soll man sagen, wie fragwürdig der Ursprung dieses Tages ist, wohl kaum, sie würden es nicht verstehen, zumal ich einfach zugestehen muß, daß seit damals viel geschehen ist.

Wir haben allerdings ein weiteres Problem. Deutsche hatten früher nicht selten so etwas wie ein Gefühl für nationale Würde. Das hat nachgelassen. In der DDR hatten alle mit den Kommunisten gewissermaßen mitgesiegt, so wurde das 3. Reich zu einem Problem, das man in den Griff bekam. Frau Merkel führt gerade vor, wie sie 1918 auf Seiten der Alliierten mitgesiegt hat, ein also bekanntes Muster, ich sehe schon, die Tagespolitik bekommt mir nicht. Und darum bringe ich doch noch ein Video, das ich eigentlich unter den Tisch fallen lassen wollte, aber es hat so etwas angenehm Spannungslösendes.


vom Unternehmen Kurzzeit, Würzburg,
und ein nützlicher Link dazu hier
Video hier gefunden

Montag, 22. Juni 2009

Hölderlin oder Über ein verlorenes Leben


(c) Walter A. Aue

Friedrich Hölderlin


Hyperions Schicksalslied


Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren Euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
in bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn;
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahrlang ins Ungewisse hinab.


(c) Walter A. Aue

Hyperion's song of Fate

You wander above in the light
on soft ground, blessed genies!
Blazing, divine breezes
brush by you as lightly
as the fingers of the player
on her holy strings.

Fateless, like sleeping
infants, the divine beings breathe,
chastely protected
in modest buds,
blooming eternally
their spirits,
and their blissful eyes
gazing in mute,
eternal clarity.

Yet there is granted us
no place to rest;
we vanish, we fall -
the suffering humans -
blind from one
hour to another,
like water thrown from cliff
to cliff,
for years into the unknown depths.

Übersetzung von / Translation © by Emily Ezust

Eigentlich mit einem anderen Thema beschäftigt, stieß ich eher beiläufig darauf, daß am heutigen Tage im Jahre 1802 Susette Gontard verstorben ist. Wenn jemand bei diesem Namen mit den Schultern zuckt, wird man ihm das ernsthaft nicht vorwerfen wollen. Sie war, in konventioneller Sprache, die Muse Friedrich Hölderlins, seine große Liebe, „Diotima“ in seinen Werken. Und ich kann schlecht behaupten, dieses sei mein Lieblingsdichter, mehr noch, er sei einer derjenigen, in denen die deutsche Sprache gewissermaßen selbst Gestalt gewann, ohne von diesem Datum Kenntnis zu nehmen.

Es gibt Menschen, die aus sich selbst nicht viel Sichtbares zu Tage fördern aber in jemand anderem das Tiefste und das Geheimnisvollste zum Leuchten und zum Leben bringen. Das mag mit diesem Wort „Muse“ gemeint sein. “Hyperion” ist derjenige, den Hölderlin im gleichnamigen Werk die obigen Worte sprechen läßt, kurz bevor benannte Diotima antwortet, in seinem Roman, der vordergründig den Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken behandelt. Das Biographische zu beider Verhältnis mag man hier nachlesen. Aber ihr Verlust war es wohl, der ihm den Lebensnerv so unheilbar beschädigte, daß er nach einem grandiosen Aufbäumen die folgenden Jahrzehnte nur noch reduziert und zurückgezogen zu überleben vermochte.

Nur ein Wort zur Übersetzung, die mir Emily Ezust freundlicherweise zu benutzen erlaubt hat. Man mag fragen, warum sie hier auftaucht, nun ganz einfach, weil ich weiß, daß ein paar Menschen dies hier zu lesen versuchen, deren Muttersprache Englisch ist. Aber ich gestehe, ich bin völlig unfähig zu beurteilen, wie Hölderlin im Englischen klingen mag. Ich weiß nicht, wieviel von der Macht und Eigenart seiner Worte über die Brücke einer Übersetzung getragen werden kann.

Bekanntlich gibt es Dichter, die versuchen, bedeutungsschwer zu klingen, und dieses Wollen hört man aus jeder Zeile heraus. Dann gibt es andere, bei denen einen das Gefühl ergreift, eine Stimme von archaischer Würde zu vernehmen, die aus dem tiefsten Altertum zu einem spricht, auch wenn man weiß, daß sie wenig mehr als 200 Jahre alt ist. Das ist Hölderlin in seinen gereiftesten Werken. Nichts ist aufgesetzt, nichts ist Attitüde, alles scheint ewig und unzerstörbar wie die Sprache selbst. Man darf einwenden, ob sie nicht genauso zerstörbar sei wie alles Geschaffene. Wenn Dichtung die Wirklichkeit in die Ewigkeit hebt und darin Gott zur Hand geht, dann nicht.

Und noch eine Anmerkung, damit das Pathos nicht zu erdrückend wird, genauer zwei: Die beiden Bilder habe ich mir bei Prof. Aue ausgeliehen, da vor meiner Haustür gegenwärtig kein Meer tobt, was die nächsten 100.000 Jahre wohl so bleiben wird. Und das andere, als ich einem Familienmitglied von meinem gestrigen Post erzählte, meinte sie, sie kenne auch ein Gedicht über Bäume, das ginge ungefähr so:

Ein Baum hat Äste,
das ist das Beste,
denn wär er kahl,
wär es ein Pfahl.

Nun ja, Gute Nacht.

Mittwoch, 29. April 2009

von Sinclair



Wir verbleiben heute im Literarischen. Und diesmal ist es das Gegenteil eines pflichtschuldigen Gedenkens. Isaac von Sinclair starb am 29. April 1815, ich gebe zu, für mich wäre das Hochziehen der Augenbrauen bei Nennung dieses Namens nicht unbedingt überraschend. Interessant und bemerkenswert erscheint er mir als Freund Hölderlins, über den er lange seine Hand hielt, ehe er, zu dieser Zeit noch mit der Französischen Revolution sympathisierend, in einen Prozeß geriet, woran wohl auch ihre Freundschaft zerbrach.

Als die kleine Landgrafschaft Hessen-Homburg im September 1806 dann ihre Selbständigkeit verlor, für diese war von Sinclair führend tätig gewesen, war er der Mittel beraubt, weiter für ihn sorgen zu können, und Hölderlin wurde nach Tübingen in das Autenrieth‘sche Klinikum verbracht, was ihn endgültig traumatisiert zu haben scheint.

Bettina von Arnim hat in ihrem Roman "Die Günderode" über von Sinclair (als "St. Clair") einiges Aufschlußreiches geschrieben (wenn auch manche Aussagen über Hölderlin heute etwas skeptisch gesehen werden), von dem ich gern längere Passagen wiedergeben will, der ungekürzte Text findet sich hier.

„Der St. Clair ist gut, voll Herz; er wollt ja zum kranken Hölderlin reisen - er soll doch hin! nach Homburg - ich möcht wohl auch hin. - Er sagt, es würde dem Hölderlin gesund gewesen sein; ich möcht wohl, ich darf nicht. - Der Franz sagt: »Du bist nicht recht gescheut, was willst du bei einem Wahnsinnigen? willst Du auch ein Narr werden?« - - Aber wenn ich wüßt, wie ich's anfing, so ging ich hin, wenn Du mitgingst, Günderode, und wir sagten's niemand, wir sagten, wir gingen nach Hanau. Der Großmama dürften wir's sagen, die litt's; ich hab heute auch mit ihr von ihm gesprochen und ihr erzählt, daß er dort an einem Bach in einer Bauernhütte wohnt, bei offnen Türen schläft und daß er stundenlang beim Gemurmel des Bachs griechische Oden hersagt; die Prinzeß von Homburg hat ihm einen Flügel geschenkt, da hat er die Saiten entzweigeschnitten, aber nicht alle, so daß mehrere Klaves klappen, da phantasiert er drauf; ach, ich möcht wohl hin, mir kommt dieser Wahnsinn so mild und so groß vor. Ich weiß nicht, wie die Welt ist, wär das so was Unerhörtes, zu ihm zu gehen und ihn zu pflegen.

Der St. Clair sagte mir, »ja, wenn Sie das könnten, er würde gesund werden, denn es ist doch gewiß, daß er der größte elegische Dichter ist; und ist's nicht traurig, daß nicht ein solcher behandelt werde und geschützt als ein heiliges Pfand Gottes von der Nation«, sagte er; »aber es fehlt der Geist, der Begriff, keiner ahnt ihn und weiß, was für ein Heiligtum in dem Mann steckt; ich darf ihn hier in Frankfurt gar nicht nennen, da schreit man die fürchterlichsten Dinge über ihn aus, bloß weil er eine Frau geliebt hat, um den Hyperion zu schreiben; die Leute nennen hier lieben heiraten wollen, aber ein so großer Dichter verklärt sich in seiner Anschauung; er hebt die Welt dahin, wo sie von Rechts wegen stehen sollte, in ewiger, dichterischer Fermentation; sonst werden wir nie die Geheimnisse gewahr werden, die für den Geist bereitet sind. Und glauben Sie, daß Hölderlins ganzer Wahnsinn aus einer zu feinen Organisation entstanden; wie der indische Vogel in einer Blume ausgebrütet, so ist seine Seele, und nun ist es die härteste rauhe Kalkwand, die ihn umgibt, wo man ihn mit den Uhus zusammensperrt; wie soll er da wieder gesund werden. Dieses Klavier, wo er die Saiten zerrissen, das ist ein wahrer Seelenabdruck von ihm; ich hab auch den Arzt darauf aufmerksam machen wollen, aber einem Dummen kann man noch weniger begreiflich machen als einem Wahnsinnigen.« ….

Bildungsflicken hängt man einem auf, mit denen man nichts anzufangen weiß, aber die Tiefe und Gewalt eines einzigen Seelengrundes zu erforschen, da hat kein Mensch Zeit dazu; … Wenn ich bedenk - welcher Anklang in seiner Sprache! - Die Gedichte, die mir St. Clair von ihm vorlas - zerstreut in einzelnen Kalendern - ach, was ist doch die Sprache für ein heilig Wesen. Er war mit ihr verbündet, sie hat ihm ihren heimlichsten, innigsten Reiz geschenkt, nicht, wie dem Goethe, durch die unangetastete Innigkeit des Gefühls, sondern durch ihren persönlichen Umgang. So wahr! er muß die Sprache geküßt haben. Ja, so geht's, wer mit den Göttern zu nah verkehrt, dem wenden sie's zum Elend.“