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Freitag, 20. März 2020

4 Jahreszeiten mit Hölderlin & mehr ferneren Bildern

Arnold Böcklin, Ackerfluren im Vorfrühling (1884)

Friedrich Hölderlin

Der Gang aufs Land

An Landauer

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng' und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe
Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
Und von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen,
Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.

Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben
Immer einige noch, ehe der Sommer, ins Land.
Nämlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirt;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
Deshalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög' ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch thun,
Wir, so gut es gelang, haben das Unsre gethan.

Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
Aufgegangen das Thal, wenn mit dem Neckar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft…

Singen wollt ich leichten Gesang, doch nimmer gelingt mirs,
Denn es machet mein Glück nimmer die Rede mir leicht.

Ludwig von Hofmann, Idyll (Männlicher und weiblicher Halbakt in der Landschaft) zw. 1894 und 1895, hier gefunden

Der Sommer

Das Erndtefeld erscheint, auf Höhen schimmert
Der hellen Wolke Pracht, indeß am weiten Himmel
In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert,
Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.

Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben,
Es zeiget sich auf Meeren unverborgen,
Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben
Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.

Mit neuen Farben ist geschmükt der Gärten Breite,
Der Mensch verwundert sich, daß sein Bemühn gelinget,
Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,
Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.

Arnold Böcklin, Sommertag

Die Linien des Lebens sind verschieden,
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
mit Harmonien und ewigen Lohn und Frieden.

The lines of life are varied,
as are roads, and as are the boundaries of mountains.
Whatever we are here, a god can complement there
with harmony and perpetual reward and peace.

Übersetzung aus dem Deutschen / 
Translation from German to English © by Emily Ezust

Carl Blechen, Turm des Heidelberger Schlosses
ca. 1830, hier gefunden

Der Herbst

Die Sagen, die der Erde sich entfernen,
Vom Geiste, der gewesen ist und wiederkehret,
Sie kehren zu der Menschheit sich, und vieles lernen
Wir aus der Zeit, die eilends sich verzehret.

Die Bilder der Vergangenheit sind nicht verlassen
Von der Natur, als wie die Tag' verblassen
Im hohen Sommer, kehrt der Herbst zur Erde nieder,
Der Geist der Schauer findet sich am Himmel wieder.

In kurzer Zeit hat vieles sich geendet,
Der Landmann, der am Pfluge sich gezeiget,
Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.

Der Erde Rund mit Felsen ausgezieret
Ist wie die Wolke nicht, die Abends sich verlieret,
Es zeiget sich mit einem goldnen Tage,
Und die Vollkommenheit ist ohne Klage.

Autumn

The fleeing legends, which the Earth narrated
(of essences that were and are returning),
are turning toward humanity, so increased learning
can grow from times that long since dissipated.

What images once were, they were not banished
by Mother Nature, like her days that paled and vanished
amid high summer: When descends the autumn's power
the sky will show it in the spirit's shower.

In not much time so much has terminated:
The peasants, having proudly shown themselves as plowers,
see now that yet another year has joyfully abated -
just as abates the time in which the human flowers.

The Earth whose round with rocky mountains pleases
(so unlike clouds dispersed by evening breezes)
reveals itself amid a day that's golden;
and of perfection; and to no complaint beholden.

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue

Carl Blechen, Landschaft
zw. ca. 1823 und 1828, hier gefunden

Wenn über dem Weinberg es flammt
Und schwarz wie Kohlen
Aussiehet um die Zeit
Des Herbstes der Weinberg, weil 
Die Röhren des Lebens feuriger atmen
In den Schatten des Weinstocks. Aber
Schön ist's, die Seele
Zu entfalten und das kurze Leben.

Carl Blechen, Bäume im Herbst bei Sonnenaufgang

Der Winter

Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Rund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.

Carl Blechen, Landschaft im Winter bei Mondschein

Der Winter 

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

Winter 

When vanished and no longer seen are illustrations
of season, then arrive the winter hours:
the field is empty, mild seem its ablations
and storms blow to and fro with rains and showers.

As if a day for rest, so is this year's cessation
just like a questioning chord requesting consecration:
then Spring's becoming enters the creation
and Nature shines on Earth in glorious elation.

Übersetzung / Translation
von / by Walter A. Aue

Andreas Achenbach, Verschneiter Wald

Anmerkung

Friedrich Hölderlins an dessen 250. Geburtstag (folglich am 20. März 1770 - in Lauffen am Neckar) mit einigen seiner Gedichte zu gedenken, ist nicht so erklärungsbedürftig (allenfalls die Verspätung). Die Auswahl schon eher. Schließlich stammen außer dem ersten und dem Weinbergfragment (wohl nicht vor 1803 entstanden) alle übrigen aus der Zeit seiner sog. Umnachtung.

Für mich ist Hölderlins Dichtung immer ein Mysterium geblieben. Natürlich, man sieht den Anfang, die frühen Gedichte atmen selbstredend Geist und Sprache der Zeit, aber allerspätestens mit den letzten Hymnen wie etwa Patmos entschwindet der Dichter uns in Regionen, wo man sich mit offenem Mund fragt: Ist das noch er oder schon der Genius der Sprache selbst, die zur Brücke ins Eigentliche wird, den Eintritt ins Transzendente gewährt.

Und dann der Absturz in die Umnachtung, die anders rätselhaft bleibt. Denn seine Sprache wird ja nicht sinnlos oder konventionell. Es entstehen diese ganz eigentümlichen, gleichförmig scheinenden „Spieluhrenverse“, die auf einmal davon reden, daß so wie die Sterne erscheinen, erscheine „geistiger das weit gedehnte Leben“. Als wenn in der Nacht plötzlich die Wolken aufreißen und kurz das Mondlicht durchbricht, um sich sogleich wieder zu verhüllen.

Oder der unscheinbare Vierzeiler „Die Linien des Lebens“, wo festgehalten wird, daß dessen Wege verschieden sind „wie der Berge Grenzen“, also unser Ausschnitt der Wirklichkeit, und daß die Disharmonie unserer Existenz in der Ewigkeit zu einem gültig klingenden Akkord vervollständigt werden könne (!)…

Vor so einer Gestalt zu bestehen, ist eine Herausforderung. Und wo ich so einiges von dem beschaute, was aus besagtem Anlaß durch den bundesdeutschen Blätterwald und Äther rauschte, war ich meist über die Skurrilität verblüfft, mit der man erkennen ließ, nicht einmal eine Ahnung von dem zu haben, an was man da rührte. So wie es den Begriff des funktionellen Analphabetismus gibt, bräuchten wir für Derartiges einen im Geistigen.

Man ist versucht, das aufzuspießen, doch wozu? Dann stieß dieses Gespräch mit Rüdiger Safranski buchstäblich auf mich (ich hatte nicht einmal danach gesucht), ich wußte danach, daß ich erst seine Biographie lesen mußte, bevor ich meine Anmerkungen ausbreiten konnte (wenn ich das danach denn noch wollen würde).

Und heute hatte ich dann zwar eine Biographie in der Hand, nur war es eine von einem Klaus Vieweg über Hegel! Ärgerlich, aber reparierbar, nur nicht mehr heute. Also erst einmal diese kleine Leseauswahl. Und die Bilder. Nun ja, sie haben überwiegend auch mit Jahreszeiten zu tun. Aber im Grunde erzählt, davon abgesehen, jedes seine ganz eigene und andere Geschichte. Ich habe meine Zuflucht derzeit ziemlich im 19. Jahrhundert gefunden und befinde mich da auch sehr wohl, aber um mich soll es hier zu allerletzt gehen. Doch daher kommt die Auswahl.

Bevor alles aber so kalt endet, noch eine kleine reizende scheinbare Idylle am Schluß. Und wenn ich die "richtige" Biographie gelesen haben werde, will ich auch die schönsten Stilblüten des Hölderlin–Gedenkens (mit-)teilen.

Wilhelm Kray, Das Locken der Nymphe

nachgetragen am 30. März

Donnerstag, 16. Januar 2020

Pansmusik

Arnold Böcklin, "Pan im Schilf",  1856/57

Oskar Loerke

PANSMUSIK

Ein Floß schwimmt aus dem fernen Himmelsrande,
Drauf tönt es dünn und blaß.
Wie eine alte süße Sarabande.
Das Auge wird mir naß.

Es ist, wie wenn den weiten Horizonten
Die Seele übergeht,
Der Himmel auf den Ebnen, den besonnten,
Aufhorcht wie ein Prophet

Und eine arme Weise in die Ohren
Der höhern Himmel spricht:
Das Spielen wankt, im Spielen unverloren,
Das Licht wankt durch das Licht.

Heut fährt der Gott der Welt auf einem Floße,
Er sitzt auf Schilf und Rohr,
Und spielt die sanfte, abendliche, große,
Und spielt die Welt sich vor.

Er spielt das große Licht der Welt zur Neige,
Tief aus sich her den Strom
Durch Ebnen mit der Schwermut langer Steige
Und Ewigkeitsarom.

Er baut die Ebenen und ihre Städte
Mit weichen Mundes Ton
Und alles Werden bis in dieses späte
Verspieltsein und Verlohn:

Doch alles wie zu stillendem Genusse
Den Augen bloß, dem Ohr.
So fährt er selig auf dem großen Flusse
Und spielt die Welt sich vor.

So fährt sein Licht und ist bald bei den größern,
Orion, Schwan und Bär:
Sie alle scheinen Flöße schon mit Flößern
Der Welt ins leere Meer.

Bald wird die Grundharmonika verhallen,
Die Seele schläft mir ein,
Bald wird der Wind aus seiner Höhe fallen,
Die Tiefe nicht mehr sein.


Dante Gabriel Rossetti, The Day Dream


Unter- und hinhaltende Nach-Worte


Mitunter erscheinen ein Gedicht und ein Gemälde wie für einander geschaffen, und man weiß nicht, was zuerst da war, obwohl man es natürlich weiß, technisch gesehen. „Pansmusik“ von Oskar Loerke ist das erste und namensgebende Gedicht seines 2. Gedichtbandes von 1916.  Der "Pan im Schilf"von Arnold Böcklin ist etwa von 1856.

Wirkliche Dichtung auf Eindeutigkeit hin festlegen zu wollen, ist so vergeblich, wie Träume sachlich nacherzählen zu suchen. Es bleibt bestenfalls eine schlechte Karikatur übrig. Der Gott, auf einem Floß vorgestellt, das hinter dem Horizont verschwindet, eine Wort-Kaskade über Vergehn, Vergänglichkeit, Ewigkeit, vielleicht.

Und das bei dem Hirtengott Pan, ausgerechnet. Er war seit der Antike, aus der er herstammt, beliebt für Darstellungen wie nachfolgend (Begebenheiten, die wir nur noch von derlei Artefakten kannten, die edleren Seelen mögen die Augen wenigstens zum darauf folgenden Bild retten):

Villa dei Papiri, Herculaneum

Bis zur vorletzten Jahrhundertwende waren mythologische Verweise in der Kunst recht beliebt. Schlichtere „Experten“ wollen uns das damit erklären, daß man damals eine Staffage für das Zudringliche brauchte. Nun dieser Grund ist ja mittlerweile hinreichend weggefallen. Wurde dadurch irgend etwas besser? Außerdem stimmt es so platt auch nicht.

Kunst vergangener Jahrhunderte wirkte in einem Gewebe aus Bedeutungen, Anspielungen, Ebenen, Überlieferungen, Forterzählungen. Der Gott Pan mag für die animalische Seite der Menschheit stehen, bei Böcklin vermag seine Gestalt mit dem obigen Gedicht zu verschmelzen. So wie bei diesem Gemälde das Menschliche unverkennbar über seine Ursprünge hinaustritt.

Adolphe Alexandre Lesrel, Pan und Venus

Doch auch bei Böcklin taucht der Gott Pan mitunter derart auf, daß es nicht wundert, wie seine Attribute von den frühen Christen zur Charakterisierung des Leibhaftigen benutzt werden konnten (wie die geflügelten Amoretten das Vorbild für kindsgestaltige Engel abgaben, wir kommen noch darauf zurück). Dabei spielt er hier nur die Syrinx und es ist gar nicht der Gott selbst, sondern gewissermaßen die Verwandtschaft.

Arnold Böcklin,  Faun, die Syrinx blasend
ca. 1875, hier gefunden

Von der Syrinx weiß Karl Philipp Moritz (Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791) folgendes zu berichten:

Der ſiebenroͤhrigen Floͤte ſchreibt die Dichtung folgenden Urſprung zu: als Pan die Nymphe Syrinx, von Lieb’ entbrannt, verfolgte, und dieſe bis an den Fluß Ladon vor ihm flohe, wo ihr Lauf gehemmt war, ward ſie ploͤtzlich in ein Schilfrohr verwandelt, welches Pan umarmte. —

Der Wind, der in das Rohr blies, brachte klagende Toͤne hervor; und Pan ſuchte dieſe Toͤne wieder zu erwecken, indem er ſieben Rohre, das folgende immer um ein beſtimmtes Maaß kuͤrzer als das vorhergehende, zuſammenfuͤgte, und ſo die Hirtenfloͤte erfand, welche nach dem Nahmen der verwandelten Nymphe Syrinx hieß.

Peter Paul Rubens, Pan und Syrinx
ca. 1636, hier gefunden

Schule von Fontainebleau, Pan schneidet das Schilf, in welches die Nymphe Syrinx entsprungen ist, Mitte 16. Jh., hier gefunden

Herr Moritz weiß wirklich, einen unerfreulichen Vorgang galant zu beschreiben, zumal man das Ganze auch so lesen könnte, daß der Gott also die verwandelte Nymphe in sieben Stücke brach, um darauf spielen zu können. Er ist schon reichlich ambivalent, der Mythos. Aber das wußte auch Herr Moritz (um ihn noch einmal zu zitieren):

Man dachte ſich unter dem Pan ein Weſen, halb wohlthaͤtig und halb furchtbar; — und eben weil dieſer Begriff ſo ſchwankend war, ſchuf ſich die Einbildungskraft unter demſelben allerlei Schreckbilder. — Irgend ein Getoͤſe oder furchtbare Stimmen, die man in naͤchtlicher Stille, oder vom einſamen Ufer her zu vernehmen glaubte, ſchrieb man dem Pan zu; — weswegen man nachher auch ein jedes Entſetzen, wovon man ſelbſt die Urſache nicht wußte, oder wovon der Grund bloß in der Einbildung lag, ein paniſches Schrecken nannte.

Die Hirten, welche vorzuͤglich den Pan verehrten, fuͤrchteten dennoch ſeinen Anblick; ſie flehten ihn aber um den Schutz ihrer Heerden an, und brachten ihm haͤufig Opfer dar. — Denn an dieſe Gottheit, welche ſelber wie ſie die Hirtenfloͤte blies, und den krummen Schaͤferſtab in der Hand trug, durften die Hirten und die Bewohner der Fluren ſich am naͤchſten anſchließen, und theilnehmende Vorſorge und Beiſtand von ihr erwarten.

Rätselhaft ist er, dieser Gott Pan. Um zum letzten Mal Herrn Moritz zu zu Wort kommen zu lassen:

Andre Sagen laſſen ihn unter den aͤlteſten Gottheiten ſchon mit auftreten, wo er auf eine geheimnißvolle Weiſe, das Ganze, und die Natur der Dinge bezeichnet. — Auch den gekruͤmmten Hirtenſtab ließ man nicht ohne Bedeutung ſeyn, ſondern auf die Wiederkehr der Jahreszeiten, und den Kreislauf der Dinge durch ſeine Geſtalt hinweiſen. 

Dabei enthält uns Herr Moritz sogar die Sensation vor, daß er der einzige antike Gott ist, von dem wir Nachrichten haben, er sei tatsächlich (und nicht nur im Ritus) gestorben (z. Z. des  Kaisers Tiberius). Vor einigen Jahren habe ich ausführlicher davon berichtet, und wo ich mich eben selbst bringe und sowieso zurück zum Gemälde will:

Ich hatte bei der Gelegenheit auch erwähnt, daß Unwohlwollende gegen dasselbe einwenden könnten, dies sei alles eine einzige braun - grüne Sauce. Und damit irren würden. Das Beeindruckende, Lebendige eines Gemäldes enträtseln zu wollen, erscheint mir aber sinnlos.

Genauso, wie es unvorhersehbar ist, wie Bilder auf jemanden wirken. Nehmen wir etwa von Arnold Böcklin „Der Einsiedler“ von 1884.


Um es höflich zu sagen, seine Engel (sprich Amoretten) sind eher unverdaulich (auf einem Ausschneidebogen für Damen, um damit Kuverts zu behübschen, ließ man sie sich ja gern gefallen). Und dabei gibt es solch wundervolle Vorbilder:

Eros und Pan, hier gefunden

Und es ist nicht etwa so, daß Meister Böcklin nur bei heidnischen Themen den Pinsel so lebendig zu gebrauchen wußte. Ganz ohne Worte dafür ein Beispiel:

Arnold Böcklin, Kreuzabnahme, 1876

Doch ausgerechnet von dem geigenden Einsiedler ließ sich Max Reger für den 1. Teil seiner Vier Tondichtungen nach A. Böcklin von 1913 inspirieren. Ein recht meditatives Stück. Eine Gesamtaufnahme mag man dort anhören, nachfolgend nur besagtes Stück (noch soviel, die Musik beginnt mit der 31. Sekunde, und vorher darf man noch einiges charmant falsch Geschriebenes bestaunen):



Ich las, die Sache würde an „The Lark Ascending“ von Ralph Vaughan Williams erinnern, der wäre dann ein Jahr später. Vielleicht lag‘s ja in der Luft. Den bringen wir also auch noch, mit dem Herrn dort unten. Und der ganze Aufwand galt letztlich sowieso nur dem von mir hochgeschätzten Arnold Böcklin, der am 16. Januar 1901 in San Domenico bei Fiesole, Florenz verstorben ist.


Nigel Kennedy: The Lark Ascending (Vaughan Williams)

nachgetragen am 26. Januar

Freitag, 4. Dezember 2015

Etwas Furtwängler&


Wilhelm Furtwängler; Tod und Verklärung, op. 24, Richard Strauss

Nur beim Musik-Hören aufgeschrieben. Die Umstände der Aufnahme sind furchtbar. Aber das ist wohl wie im wirklichen Leben. Man muß lernen. seine Eindrücke auseinander zu halten, sie über ihr Gewicht zu befragen und das Gute behalten, irgendwie.

Ein kurzer Nachtgedanken-Ausriß, der hier üblicherweise nicht vorkommt. Der Rest ist Böcklin.

Ach, zuvor vielleicht doch noch etwas Brahmsscher Seelenschmerz, einfach, weil er so hübsch gesungen ist.


Jessye Norman; Alt-Rhapsodie, op 53, Johannes Brahms
hier gefunden

Campagna-Landschaft, nach 1857

Idyll, 1866

 Arnold Böcklin, "Pan im Schilf", 1859

Arnold Böcklin, "Die Kapelle", 1898

Donnerstag, 16. Januar 2014

Etwas Böcklin

Arnold Böcklin, "Pan im Schilf", 1856/57

„Epitherses... wollte einstmals, wie er erzählte, nach Italien reisen und begab sich zu dem Ende auf ein Schiff, welches außer einer Menge Kaufmannswaaren noch viele Reisende an Bord hatte. Gegen Abend, da sie auf der Höhe der echinedischen Inseln (Sie lagen an der Mündung des Flusses Achelous an der Küste von Aetolien, nicht weit vom Eingange des korinthischen Meerbusens) waren, bekamen sie eine gänzliche Windstille, und das Schiff wurde von den Strömen bis nahe an die Inseln Paxä (Zwey kleine Inseln im ionischen Meere, unweit der östlichen Küste der Insel Corcyra oder Corfu) getrieben. Die mehresten im Schiffe waren noch munter und viele saßen nach dem Abendessen noch beym Trunke, als man auf einmal von der Küste jener Inseln her eine Stimme hörte, die Thamus rief; so laut, daß sich alle darüber verwunderten. Dieser Thamus war ein Aegypter und Steuermann des Schiffs, aber nur wenige kannten ihn dem Namen nach.

Auf zweymaliges Rufen schwieg derselbe stille; beim drittenmale antwortete er, worauf denn der Rufende mit angestrengter Stimme sagte: „Wenn du auf die Höhe von Palodes (Was dieß für ein Ort oder Gegend gewesen, ist gänzlich unbekannt. Eben so wenig läßt sich sagen, ob er an der Küste von Italien oder Griechenland gesucht werden müsse) kömmst, so verkündige, daß der große Pan gestorben ist!“

Alle, die dieses hörten erschracken darüber, und überlegten unter einander, ob man diesen Auftrag ausrichten, oder sich lieber gar nicht damit befassen sollte. Thamus erklärte jedoch, daß er, wenn in dieser Gegend der Wind gienge, stillschweigend vorbeyfahren, wenn es aber windstille seyn würde, das, was er jetzt gehört, verkündigen wolle. Wie nun das Schiff  auf die Höhe von Palodes kam, und Wind und Meer daselbst ungemein ruhig war, rief Thamus vom Hintertheile des Schiffes nach dem Lande hin: Der große Pan ist gestorben. Kaum hatte er diese Worte geendigt, als sich am Ufer ein lautes mit Verwunderung vermischtes Seufzen, nicht etwa nur von einer einzigen, sondern von sehr vielen Personen hören ließ. Bey der Menge von Augenzeugen, die dabey zugegen waren, mußte diese Begebenheit in Rom bald ruchbar werden, und Thamus wurde selbst deshalb vor den Kaiser
Tiberius gerufen. Dieser nahm auch die Sache für so gewiß und wahr an, daß er wegen des Pans eine genaue Untersuchung anstellen ließ. Die Gelehrten, deren er sehr viele an seinem Hofe hatte, muthmaßten, daß dieses Pan, Merkurs und der Penelope Sohn, seyn müsse. Philipps Erzählung wurde auch von einigen Anwesenden, die den Aemilianus noch in seinem Alter gehört hatten, ausdrücklich bestätiget.

(Dieß ist die berühmte Fabel, deren man sich ehedem bediente, um zu beweisen, daß die Orakel gerade mit dem Tode unsers Heylandes aufgehöret hätten. Weil diese Begebenheit sich um die Zeit des Todes Jesu Christi zugetragen, so nahm man an, daß unter dem großen Pan, Jesus Christus selbst zu verstehen sey, und daß die bösen Geister sich einander von dessen Tode, als einer für sie sehr nachtheiligen Sache, auf diese Weise hätten benachrichtigen wollen. Dieß wäre auch die Ursache von dem gehörten Aechzen und Seufzen gewesen. Diese abgeschmackte Erklärung widerlegt van Dale in seiner Dissertanionibus de oraculis ethnicorum S. 25. u. ff. sehr weitläuftig).“

Plutarch, „Über den Verfall der Orakel“ (De defectu oraculorum) aus „Plutarchs moralische Abhandlungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Johann Friedrich Salomon Kaltwasser“, Frankfurt am Main 1789 (hier gefunden)

Diese einzige überlieferte Nachricht über das (nicht rituelle) Sterben eines antiken Gottes beschäftigt noch heute das ein oder andere Gemüt (wie man hier sehen kann). Sie ist in der Tat ganz und gar merkwürdig und rätselhaft und klingt (wenn man ein Gespür für den Ton von Überlieferungen hat) ziemlich authentisch (was die Sache nicht einfacher macht).

Daß das antike Heidentum bei mir auf eine weiche Stelle in der Nähe des Herzens trifft, wird, glaube ich, etwa in diesem Beitrag über Quintus Aurelius Symmachus und den Altar der Victoria in der Curia Iulia, dem Sitz des römischen Senates, deutlich. Dort war es der „Schwanengesang einer sterbenden Religion“, in unserer eben gehörten Geschichte beginnt es, vermutlich.

„Pan im Schilf“ ist eines der wunderbarsten Gemälde, das wir von Arnold Böcklin kennen. Es hat ihn übrigens (eher nicht so früh) sehr bekannt gemacht, das nur nebenbei. Unwohlwollende könnten einwenden, dies sei alles eine einzige braun - grüne Sauce. Auf den ersten unaufmerksamen Blick, vielleicht.

„Die zweite Fassung des 'Pan im Schilf' ... wurde, als der Künstler eben sich zu erholen anfing, im März des Jahres 1859 im Münchner Kunstverein ausgestellt und erregte ein Aufsehen, das den Schöpfer mit einem Schlage und für immer zu einem geachteten Mitgliede der Künstlerschaft erhob. Eben hatte der Altersgenosse Piloty mit seiner 'Liga', noch mehr aber 1855 mit seinem 'Seni vor Wallensteins Leiche' in München einen Umschwung bewirkt durch die Art, wie er jeden Farbenton naturwahr, aber dennoch harmonisch zum Ganzen zu stimmen wußte; hier war mit feineren Mitteln mehr erreicht und die Grenze zwischen Tüchtigkeit und Genie überschritten. Das Gemälde wurde noch im selben Monat für die Pinakothek angekauft, um dort wie der 'Seni' einen Ehrenplatz einzunehmen.“

aus „Arnold Böcklin“ von Heinrich Alfred Schmid, 2. Auflage, 
München, 1922, S. 23

Ich kenne (nun ja) niemand anderen, der die antike Welt so glaubhaft darzustellen vermag, daß sie geradezu physisch spürbar wird. Man beginnt, nach wenigen Augenblicken, die bekannte eigene Wirklichkeit in Zweifel zu ziehen. Denn alles im Gemälde wirkt des Vertrauens würdiger als das, was sich um einen herum täglich spreizt, und auch angenehmer.

Und so, wie auf dem ersten Bild die ältere Religion (heimlich) stirbt, vergeht auf dem zweiten die neuere, inzwischen auch in die Jahrhunderte gekommene, vielleicht. Zumindest kann man es so lesen, wenn man es denn will.

Ich habe hier und hier über Arnold Böcklin, er starb am 16. Januar 1901 in San Domenico bei Fiesole, früher einmal möglicherweise nicht völligen Unfug geschrieben.

Arnold Böcklin, "Die Kapelle", 1898

Das war wohl doch etwas abrupt als Abschluß. Also noch ein Wort zu seinem „weltfremden Mythologismus“. Seine Gegenwart stieß ihn tatsächlich ab, der Zug der Zeit war ihm suspekt. Vielleicht ist er wirklich soviel in Italien gewesen, weil es schon damals so herrlich zurückgeblieben war. Er hatte möglicherweise das Empfinden, daß seine Welt unter ihrem äußeren Fortschritt geistig gerade radikal verarmte und zu einer Art rationalistisch-materialistischen Albtraum entartete (und mit Träumen kannte er sich aus), oder wie immer man das ausdrücken mag (daß die Geschichte noch viele, weit üblere Wendungen nehmen würde, konnte er kaum voraussehen).

Böcklin kannte, was er malte, von innen, in San Terenzo, einem Ort an der Ligurischen Küste, habe er „Stunden und Tage lang gesessen und im Anblick des rauschenden Meeres seinen geliebten Homer oder Ariost gelesen; hier hat er geschaut und immer wieder geschaut, und den Gischt der Brandung, die Farbenerscheinung des Meeres, der Felsen und der Haine so tief in sich aufgenommen, bis sich die beobachtete Natur in ihm zu den Visionen verdichtete, die wir aus seinen Bildern kennen“. (Albert Fleiner: Mit Arnold Böcklin, Frauenfeld 1915, Zitat hier gefunden)

Der eben erwähnte Autor zitiert auch Gustav Floerke mit diesem Böcklin – Satz: „Da die vorgestellte Welt diejenige ist, in der man lebt, und nicht die wirkliche, so muss man überall Rücksicht nehmen auf unsere Vorstellungen.“ Wie ich sehe, wurde das als „Poetisierung der Natur“ tituliert. Entweder ist das eine Floskel oder jemand weiß, wovon er spricht (zu behandeln nach dem berühmt berüchtigten, wohl falschen Lukas - Wort über die Entheiligung des Sabbats (in 6.4) - „Mensch, wenn du weißt, was du tust, bist du selig! Wenn du es aber nicht weißt, bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes!“).

Die Frage ist nämlich, ob man dabei etwas in eine Sache hineinlegt oder tatsächlich eher herausbringt, erfährt, lernt (Herr Plato winkt gerade aus der Ferne, wenn ich das recht erkennen kann). „Einfühlung“ oder Empathie ist nämlich tatsächlich die ältere Weise, mit den Dingen bekannt zu werden, in sie hinein zu sehen, es ist keine Unvernunft, es ist die ursprünglichere Art davon. Sie wurde zum Mythos, heute kennen wir sie wohl nur noch als Albtraum, als Gedicht, aus der Psychotherapie oder eben als ein Bild vom schwierigen Schweizer Arnold Böcklin.

beendet am 18. Januar

Dienstag, 16. Oktober 2012

Arnold Böcklin

Selbstporträt mit fiedelndem Tod, 1872

„Seine Art ist im letzten Grunde deutsch... Er steht diesseits der Kulturgrenze, die vom Jura bis zur Nordsee reicht. Sein Ideal ist im letzten Grunde nicht die regelnde Ordnung und das Ebenmaß, sondern das sprühende Leben, die Wucht des Ausdrucks und die Macht der Stimmung.“ (Heinrich Alfred Schmid, 1922)

Diese hehren Worte gelten dem Maler Arnold Böcklin (er wurde am 16. Oktober 1827 in Basel geboren), seine Hochschätzung mag seitdem leicht abgesunken sein. Und die Neigung, dem Ur-Wesen des Deutschen nachzuforschen, sowieso. Und wird diese Beschreibung ihm wirklich gerecht? Als ich mir meinen früheren Beitrag zu ihm ansah, war ich ob dessen Banalität, gelinde gesagt, entgeistert, also machen wir einen neuen Anlauf, daß deshalb das Ergebnis ansprechender ausfallen wird... Aber ich habe mir diesmal einen Trick einfallen lassen und werde über weite Passagen aus "ARNOLD BÖCKLIN" von Heinrich Alfred Schmid, München 1922, zitieren. Das erspart mir die Peinlichkeit der Paraphrase und nein, nicht das eigene Urteil, aber wenn schon jemand weit bessere Worte für etwas fand, dem ich zustimme, dann soll es heute so sein.

In besagtem Beitrag zitiere ich seine Invektiven gegen Makart, er hat wirklich beeindruckende gegen fast jeden Vertreter seiner Zunft geliefert, Beispiele: Menzel - „vorstellungslos im künstlerischen Sinne“, von Werner - „der empfindungsloseste Unteroffizier; Papilloten, Kalligraphie, Pfauentum.“ Selbst dieses: „Kinder sind diese Florentiner, ärmliche hohle Gesellen sind diese Botticelli etc.“ Velazquez und vor allem Rembrandt mochte er gar nicht, doch geschätzt hat er van Eyck, Rogier van der Weyden, Matthias Grünewald, Rubens (!). Die Mutmaßung, er habe einfach einen kleinen, urteilsfreudigen Charakter gehabt, geht erkennbar ins Leere.

Er leistete sich, selbst wenn es entschieden zu seinem Nachteil ausschlug, eher ein deutliches Urteil über das, was ihm entsprach und was nicht (übrigens, nachdem er es zumeist gründlich studiert hatte). Das erschwerte ihm, aus einem nicht eben weltzugewandten Basel des 19. Jahrhunderts kommend, auch im Praktischen viel. Dieser schroffe Eigensinn machte ihn im direkten Umgang wohl mitunter schwierig (wenngleich er nicht ungesellig war), seinem Werk kam er zugute. Er hat sich seine eigene Kunst sehr verbissen und ernst erkämpft, keine schlechte Voraussetzung, daß dabei etwas über die Zeit Hinausweisendes entstehen mag.

Es ist hier nicht der Ort, seinen Entwicklungsgang nachzuzeichnen (abgesehen davon, daß ich dazu kaum geeignet sein dürfte, man findet dies aber ebenfalls sehr schön hier). Wie weit seine Möglichkeiten schließlich reichten, können diese beiden nachfolgenden Bilder andeuten. Das erste eine römische Landschaft, entstanden nach seiner Rückkehr nach Basel 1857. Da ich auf das Buch oben schon verwiesen habe, scheue ich mich nun auch nicht, wie angedroht schamlos daraus zu zitieren (S.18 ff.):

„Das Rom der fünfziger Jahre sah dem zu Goethes, vielleicht sogar dem zu Poussins Zeit noch viel ähnlicher als dem heutigen. Thermen, Tempel, Amphitheater, Brücken waren malerisch mit üppiger Vegetation überwuchert und das Forum sah noch nicht aus wie eine sauber gefegte Brandstätte; eine Allee lief hoch über den jetzt bloßgelegten Resten des alten Straßenpflasters vom Forum nach dem Titusbogen. In Gegenden, wo heute Fabriken, Werkstätten und Zinskasernen oder unzugängliche Sperrforts stehen, hat Böcklin die herrlichsten Motive gefunden.“

„Was Böcklin zunächst an der italienischen Landschaft begeistert hatte, war nicht nur der üppige Reichtum der Vegetation, sondern vielleicht viel mehr noch die Klarheit aller Formen. Die Linien der heimatlichen Berge hatten wohl einen großen Zug, aber die Profile sind doch immer mit dem Flaum der Wälder, Obstgärten, Kornfelder und Wiesen überzogen. Baum zerfließt da in Baum. In der Campagna waren noch weite Flächen unkultiviert. Herrliche Baumgruppen standen auf kahlem Erdreich, antike Ruinen, Felsen und Abhänge, ja jede Falte des Bodens schon, alles hob sich durch scharfe Schatten klar und plastisch gezeichnet, auf weite Strecken sichtbar, scharf und bestimmt von glatten Flächen ab. Und Böcklin war Plastiker, nicht nur Kolorist. Schon früh zeichnen sich seine Studien und Gemälde... aus durch die übersichtliche Klarheit des Gesamteindrucks und, was eng damit zusammenhängt, durch den größeren Wurf...

Allmählich hatte sich aber auch das Interesse am Spiel des Lichts, am Helldunkel, stärker geltend gemacht. Er liebte es damals sehr, wenn die Wolken ihre Schatten über die Landschaft warfen und gegen den Hintergrund zu helle und dunkle Partien wechselten. Er beobachtete das Flimmern des Lichts in schwüler Mittagsglut, das Spiel der Sonnenflecken im Schatten der Haine und gab die Farbe eingetaucht und schwimmend in der dunstigen Atmosphäre. Er rühmte auch später in einem Gespräche mit Schick die vielen blauen Schattentöne der römischen Landschaft.“

Campagna-Landschaft, nach 1857

Man mag diese Bemerkungen, soweit man will, dem ersten Bild zuordnen. Böcklin ist hier aber nicht stehengeblieben (manche mögen das bedauern), das nächste wäre dann der späte, „klassische“ Böcklin. Noch ein Zitat aus o.g. Buch (S.40f.):

„Er kommt wie etwa die Meister der attischen Grabreliefs zu dem Grundsatze, einen künstlerischen Gedanken auf wenige Elemente zu reduzieren, diese Elemente, seien es nun menschliche Gestalten, Felsen oder Bäume, so zu vereinfachen, daß sich die Silhouetten in wenigen ausdrucksvollen Linien vom Hintergrunde abheben, dafür aber das wenige um so liebevoller durchzuführen und um so sorgfältiger gegeneinander abzuwägen.“

„Wenige Figuren, wenige im einzelnen fein differenzierte Farbentöne, Farbenkontraste, wenige scharf ausgesprochene, oft horizontale und vertikale, Linien beherrschen allmählich die Bildfläche allein und geben schon für den ersten Anblick die Gesamtwirkung. Die Farbe wird im schroffsten Gegensatz zur Kunst jener Tage, wo das 'graue Freilicht' in Deutschland aufkam, vereinfacht. Während der Impressionismus starken Kontrasten nicht hold ist und die Tendenz hat, die Zwischenstufen ins Unendliche zu bereichern, bevorzugt Böcklin die stärksten Gegensätze von Hell und Dunkel, von leuchtenden, fast ungebrochenen Farben. Die Zwischenstufen werden eher weniger zahlreich. Die Intervalle werden größer. Dagegen pflegt er dann wieder die einzelnen Töne, die das Bild bestimmen, sei es das Dunkel einer fast schwarzen Felswand oder wieder das lichte Blau einer Luft oder das Gelb einer hellen Mauer, durch feinste Nuancierungen zu vergeistigen und lebendig zu machen."

Dies steigert Ausdruck und Stimmung und "erweckt" den Raum. "Die Gestalten, die durch ihre Silhouetten eine so deutliche Sprache reden, die feierlichen Akkorde der Farben, die den Beschauer ergreifen und gefangennehmen, dienen zugleich dazu, den Raum zurückzuschieben, wenn auch Böcklins Farbenperspektiven jetzt ebensowenig wie seine Tritonen und Najaden der Natur entsprechen. Was früher nebeneinander ausgebreitet war, ist jetzt hintereinander geschoben. Von den zerfallenen Mauern seiner 'Ruinen am Meer' sieht man jetzt gegen die Tiefe zu auf die herankommenden Wogen herab, während das Auge bei den Villen am Meer noch von links an den Zeugnissen verwelkender Pracht vorbei nach rechts zum Meereshorizont hinübergeführt wird. Die Komposition wird dramatisch, wie die Stimmung tragischer wird.“

„Es steigert sich zugleich die Ausdrucksfähigkeit der Farbe, was in den achtziger Jahren besonders aufgefallen ist, es steigert sich die Ausdrucksfähigkeit von Linie und Form und es steigert sich die Tiefenwirkung. Böcklin erzielt die Steigerung zunächst durch die Vereinfachung... Wo er eine „Geschichte“ darstellen will, ringt er... danach, das Psychologische auf den ersten Blick deutlich zu machen. Hat er früher noch zu raten gegeben, vielleicht absichtlich mit jenen Vorstellungen gerechnet, die der Beschauer weiterspinnt, so beschränkt er sich jetzt bewußt auf das, was sichtbar vorgestellt, in einem großdekorativ angelegten Gemälde enthalten sein kann. Die Erzählung wird aber nicht nur mit dramatischer Deutlichkeit vorgeführt. Böcklin liebt es, sie auf wenige Figuren zu reduzieren. Das klassische Beispiel ist die Gestalt des „Abenteurers“, die am einsamen Strande wie ein Reiterstandbild in die blaue Luft ragt und vom kühnsten Wagemut erzählt.“

Der Abenteurer, 1882

Wie gesagt, wir sind beim späten Böcklin, in seiner Münchner Phase, und das mehrfach erwähnte Buch muß noch einmal zitiert werden, mit dieser aufschlußreichen Bemerkung (S.35):

„Dieser Höhepunkt seiner Tätigkeit in München bedeutete auch eine Wandlung. Die entschlossene Abkehr von der impressionistischen Darstellung der Welt und die Steigerung des Ausdrucks in Farbe und Form. Jetzt kommt er zur Überzeugung, 'daß aus der Kontrastierung der möglichst ungebrochenen, durch die Luft ungedämpften Farben Wirkungen erwachsen, die man mit allen Künsten der Luftmalerei nicht erzielt. Und zwar Wirkungen auf die menschliche Seele'.“

Sommertag, 1881

Bemerkenswert ist dieses letzte Zitat deshalb, weil es anzeigt, daß Böcklin sich am Ende in eine Frontstellung begibt zum gerade modisch werdenden Impressionismus.  Das hat ihm einiges an Widerspruch eingebracht, dazu sein, sagen wir Vitalismus, oder anders gesagt, seine Werke waren wohl zu wenig philiströs. Wir wollen am Ende noch etwas dazu sagen.

Ruine am Meer, 1881

Übrigens verbrachte er, nach einem langen Züricher Intermezzo 1885 - 1892, seine letzten Jahre wieder in Italien, in und bei Florenz, bis zu seinem Tod 1901. Mit dem Umzug in die eigene Villa fand im April 1895 nach eigenen Worten sein Vagabundenleben ein Ende und er „endlich eine Heimat“ für die verbleibenden wenigen Jahre, mit siebenundsechzig.

Idyll, 1866

Und um das heute vielfach gefledderte Buch ein letztes Mal zu zitieren:

„Die Vergeistigung des Materiellen und der Ausdruck in jedem Pinselstrich scheint seinen Höhepunkt erst in solchen Werken zu erreichen, die in der Komposition bereits die Folgen von Alter und Krankheit verraten... Der Meister war vielleicht der gebildetste Maler seines Jahrhunderts, aber das Aussehen seiner Bilder hat trotz all seiner rechnerischen Überlegungen etwas momentan Eingegebenes und trotz der Bestimmtheit seiner Ausdrucksweise etwas Visionäres, Traumhaftes, fast Dilettantisches.

Böcklin wurde und wird denn auch noch heute von vielen zünftigen und fast allen akademischen Vertretern seines Berufes abgelehnt und er hat sein Publikum zuerst bei Dichtern, Musikern und solchen bildenden Künstlern gefunden, die Eindrücke von seinen Werken empfangen haben, bevor sie selber alle Weihen ihrer Zunft erhalten hatten. Der Abstand vom Üblichen war einst zu groß und ist es noch heute.“ S.51f.

 Kentaur in der Dorfschmiede, 1888

Und um doch eine eigene Schlußbemerkung zustande zu bringen zu versuchen: Böcklin ist recht eigentümlich. Er beginnt bei der Anschauung, er begeistert sich für das Sichtbare, aber er wird nicht zum schalen Naturalisten. Er sieht in dem, was vor Augen liegt, das Ideale und Zeichenhafte, aber es erstirbt nicht unter seinem Pinsel, er ist fern von jedem blutleeren Symbolismus. Und er macht das Lebendige sichtbar, seine Satyrn, Tritonen und Najaden sind keine antike Staffage, sondern man scheint sie atmen (und was alles sonst noch) zu spüren, obwohl sie doch Abkömmlinge menschlicher Phantasie sind, also macht er zugleich das Ideale lebendig. Wenn das der Inbegriff deutscher Kunst ist, sei es so.

Faun einer Amsel zupfeifend, 1864/65

Man könnte etwas sagen über Einflüsse und Abgrenzungen (etwa Schirmer aus der Nazarener-Bewegung, Lehrer Böcklins an der Düsseldorfer Akademie, die englischen Präraffeliten...). Vor allem wäre es interessant zu untersuchen, wie er im Vergleich zu ihnen es schafft, den oben genannten Gefährdungen aus dem Weg zu gehen. Aber dieses ist alles schon viel zu lang geworden. Weniger als ein Maler erscheint er fast, sondern als ein Imaginator, Natur-Kenner und Seelen-Leser, der Jahrhunderte an sich spürt, ein Weltweiser, der nun eben auch gemalt hat.

Die Kapelle, 1898

nachgetragen am 19. Oktober

Samstag, 16. Januar 2010

Brockes, Heym und noch einmal Böcklin



Barthold Hinrich Brockes

Gedanken bey dem Fall der Blätter im Herbst

In einem angenehmen Herbst, bey ganz entwölktem heiterm Wetter,
Indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser Bäume, geh',
Und des so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen Rest beseh';
Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst herabgesunkner Blätter.

Ein reges Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt' und drehte sich
Ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer; doch selten im geraden Strich.
Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck, der sie bisher gezieret,
So lang es möglich, zu behalten, und hindert' ihren schnellen Fall.
Hiedurch ward ihre leichte Last, im weiten Luft-Kreis überall,
In kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln umgeführet,
Bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß, berühret;
Um sie, bevor sie aufgelöst, und sich dem Sichtlichen entrücken,
Mit Decken, die weit schöner noch, als persianische, zu schmücken.

Ich hatte diesem sanften Sinken, der Blätter lieblichem Gewühl,
Und dem dadurch, in heitrer Luft, erregten angenehmen Spiel,
Der bunten Tropfen schwebendem, im lindem Fall formiertem, Drehn,
Mit offnem Aug', und ernstem Denken, nun eine Zeitlang zugesehn;
Als ihr von dem geliebten Baum freywilligs Scheiden (da durch Wind,
Durch Regen, durch den scharfen Nord, sie nicht herabgestreifet sind;
Nein, willig ihren Sitz verlassen, in ihren ungezwungnen Fällen)
Nach ernstem Denken, mich bewog, sie mir zum Bilde vorzustellen,
Von einem wohlgeführten Alter, und sanftem Sterben; Die hingegen,
Die, durch der Stürme strengen Hauch, durch scharfen Frost, durch schwehren Regen
Von ihren Zweigen abgestreift und abgerissen, kommen mir,
Wie Menschen, die durch Krieg und Brand und Stahl gewaltsam fallen, für.

Wie glücklich, dacht' ich, sind die Menschen, die den freywillgen Blättern gleichen,
Und, wenn sie ihres Lebens Ziel, in sanfter Ruh' und Fried', erreichen;
Der Ordnung der Natur zufolge, gelassen scheiden, und erbleichen!



Georg Heym

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.



Das Gedicht eingangs stammt von Barthold Heinrich Brockes, gestorben am 16. Januar 1747 in Hamburg. Wenn man ihn kennt, dann als Verfasser des „Irdischen Vergnügens in Gott“, überwiegend eine lyrische Meditation über Gottes Schöpfung. Vor einem Jahr um diese Zeit habe ich etwas davon zitiert, und diese beiden Arien von Georg Friedrich Händel stehen deshalb hier, weil er neun Stücke daraus als „Deutsche Arien“ (HWV 202–210) vertont hat.



Georg Heym starb ebenfalls an einem 16. Januar, am 16. Januar 1912 in Berlin. Obwohl er zweifelsohne ein bedeutsamer expressionistischer Lyriker war, muß ich gestehen, ihn meist zu respektieren, aber nur mitunter zu mögen, dieses Gedicht von ihm ist sehr schön.


Arnold Böcklin, "Villa am Meer", 1878
hier gefunden

Und dann verschied auch noch Arnold Böcklin am 16. Januar 1901 in San Domenico bei Fiesole. Hier müßte ich eigentlich weiter ausholen. Aber ehe dieser Post aus allen Nähten gerät, kann ich mich gewissermaßen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen und auf meine Bemerkungen verweisen, die ich vor etwas mehr als einem halben Jahr machte. Nur soviel, geht es nur mir so oder scheint sich das Gartenlauben-Bild tatsächlich mit der Schöpfung des Herrn Brockes gleichsam zu unterhalten.


Arnold Böcklin, "In der Gartenlaube",um 1891
hier gefunden

Freitag, 16. Oktober 2009

Nur einige Kalenderblätter


"Tristes Apprets" - Jean Philippe Rameau
hier gefunden

Es ist erstaunlich, wenn beim Blättern im Geschichtskalender bei verschiedenen Namen nicht nur lebendige Erinnerungen auftauchen, sondern damit zugleich das Vergangene mit dem Gegenwärtigen in einen lebhaften Austausch tritt, in einem selbst. Das mag etwas erklärungsbedürftig klingen, aber daran soll es ja nicht liegen, fangen wir also der Reihe nach an.

Ach so, nein ich bin jetzt nicht auch gaga geworden und glaube, mit Geistern und Verstorbenen lebhaften Umgang pflegen zu können, wie so mancher verwirrte Zeitgenosse. Es ist anders.


Marie Antoinette als „Witwe Capet” im Jahr 1793
hier gefunden

Zunächst fiel mir auf, Königin Marie Antoinette wurde heute von ihren französischen Freiheits- und Menschheitsfreunden umgebracht. Nein, ich mag immer noch nicht eine Charakterstudie von ihr hier ausbreiteten, aber spätestens in ihrem „Prozeß“ ist deutlich geworden, daß diese junge Frau, und sei es, daß sie erst im Sturz zu dieser Größe gelangt ist, ihren Anklägern in Wahrheit moralisch haushoch überlegen war. Es gibt einen Film über sie, aus dem dieses Video dort oben stammt, welches ich derart bezaubernd finde, daß ich es gern noch einmal anbringe.



Arnold Böcklin wurde am 16. Oktober 1827 geboren und ich hatte mir zunächst kaum erklären können, warum ich vor nicht langer Zeit ein kleines Porträt über ihn geschrieben hatte, das jetzt so gar nicht zu den Lebensdaten passen mochte, nun das war einfach, Urs aus Zürich hatte mich darum gebeten. Und ich bin nun in der vorteilhaften Lage, darauf verweisen zu können.


Oscar Wilde
hier gefunden

Und wir kommen der Frage schon etwas näher, wie Geschichtliches und Persönlich-Aktuelles sich denn verbinden können, es wird schlimmer. Ich mag Oscar Wilde, wer nicht, und als ich vor langer Zeit meinte, einmal eines dieser Instrumente benutzen zu müssen, die so ein Blog bereithält, landete ich bei Derik aus dem Mittleren Westen der USA, der angegeben hatte, diesen auch zu mögen. Ich muß gestehen, daß mein Englisch nie ausreichte, um seine umfänglichen Ausführungen zu verstehen, was ich aber sehen konnte, war, daß er augenscheinlich langsam zugrunde ging, ob an seiner Umgebung oder an sich, ich weiß es nicht, wünsche ihm aber das Beste, eine wirklich verstörende Leseerfahrung, die aber irgendwie auch sehr zu Wilde paßt.

Oscar Fingal O' Flahertie Wills Wilde wurde am 16. Oktober 1854 in Dublin geboren und ich will für heute nur mit wenigen Zitaten von ihm enden:

„Denken ist wundervoll, aber noch wundervoller ist das Erlebnis.“

„Von allen Posen ist die moralische die anstößigste.“

„Manchmal bin ich so geistreich, daß ich nicht ein einziges Wort von dem verstehe, was ich sage.“

„Wer häßliche Absichten in schönen Dingen entdeckt, ist verdorben, ohne liebenswürdig zu sein. Das ist ein Fehler.“

„Die Leute sagen manchmal, Schönheit sei oberflächlich. Das mag sein. Aber zumindest ist sie nicht so oberflächlich wie das Denken.“