Freitag, 18. Mai 2018

Was Schönheit ausmacht – Sir Roger Scruton II

Marcel Duchamp, Urinal "readymade", Photograph by Alfred Stieglitz

„Das Muster wurde vor fast einem Jahrhundert von dem französischen Künstler Marcel Duchamp geschaffen. Er signierte ein Pissoir mit der fiktiven Unterschrift R. Mutt und reichte es für eine Ausstellung ein (1917). Seine Geste war satirisch, gedacht, um die Welt der Kunst zu verspotten und den Snobismus, der mit ihr einhergeht.

Aber es wurde auf eine andere Weise interpretiert, er würde uns nämlich zeigen, daß alles Kunst sein kann.

1) Wie ein Licht, das an- und ausgeht.
2) Eine Dose Kot.
3) Oder sogar ein Haufen von Ziegelsteinen.

Nicht länger mehr hat Kunst einen heiligen Status, der uns zu einer höheren moralischen oder geistigen Ebene erhebt, sie ist nur eine menschliche Geste unter anderen, nicht bedeutungsvoller als ein Lachen oder Schrei.

‚Ich denke, sie machen sich über uns lustig. Es ist ein Haufen Ziegel!‘ (sagt eine Dame).

Kunst hat einst einen Kult aus Schönheit gemacht. Jetzt haben wir stattdessen einen Kult der Häßlichkeit. Da die Welt beunruhigend ist, sollte Kunst auch verstören.

Diejenigen, die Schönheit in der Kunst suchen, haben mit den modernen Realitäten nichts mehr gemein. Manchmal besteht die Absicht darin, uns zu schockieren. Aber was beim ersten Mal schockierend ist, wird langweilig und leer, wenn es wiederholt wird.

Das macht Kunst nunmehr zu einem ausgeklügelten Witz, der jedoch nicht mehr lustig ist, aber die Kritiker bekräftigen ihn weiter, aus Angst, sonst sagen zu müssen, der Kaiser habe gar keine Kleider an. Kreative Kunst wird nicht erzielt einfach dadurch, daß man eine Idee hat. Natürlich, Ideen können interessant und unterhaltsam sein, aber dies rechtfertigt noch nicht die Beschlagnahme des Begriffes "Kunst".

Wenn ein Kunstwerk nichts anderes als ein Einfall ist, kann jeder ein Künstler sein. Und jedes Objekt kann ein Kunstwerk sein. Es gibt nicht länger irgendein Verlangen nach Geschick, Geschmack oder Kreativität.“

Ein Gespräch

Moderator: „Was Sie auch versucht haben, so wie ich es verstehe, war, die Kunst als Objekt zu entwerten, einfach, indem Sie sagen, wenn ich behaupte, daß es ein Kunstwerk ist, dann ist es ein Kunstwerk.“

Duchamp: „Ja, das Wort Kunstwerk ist mir nicht so wichtig. Ich interessiere mich nicht für das Wort ‚Kunst‘, weil es so diskreditiert wurde.“

Moderator: „Aber tatsächlich haben Sie zur Diskreditierung absichtsvoll beigetragen.“
Duchamp: „Mit Absicht, ja! Ich möchte sie genauso loswerden in der Weise, wie viele Menschen heute Religion aufgegeben haben.“

Scruton kommentiert: „Die Leute akzeptierten Duchamps eigene Wertungen. Aber ich glaube, er ist nicht die Kunst losgeworden, sondern nur die Kreativität. Wie auch immer, Duchamps Arbeiten beeinflussen noch immer die Richtung der heutigen Kunst.“

Pieta, Michelangelo Buonarroti, hier gefunden

Ein anderes Gespräch: Eine Eiche - Michael Craig-Martin

„Der Künstler Michael Craig-Martin, der einige der jungen britischen Künstler unterrichtete, deren Werke die Kunstwelt beherrschen, folgte Duchamps Beispiel mit seinem eigenen wegweisenden Werk, das er ‚Ein Eichbaum‘ benannte. Dieses besteht aus einem Glas Wasser auf einem Regal mit einem Text, der erklärt, warum es ein Eichbaum ist.“

Scruton: „Als ich St. Peter zum ersten Mal betrat und mich mit Michelangelos Pieta konfrontiert sah, wurde das für mich zu einer verändernden Erfahrung. Mein Leben wurde dadurch verändert. Denken Sie, daß jemand die gleiche Erfahrung mit Duchamps Urinal oder Ihrem Eichbaum erleben könnte, der im Grunde eine ähnliche Sache ist?“

Michael Craig-Martin: „Ich weiß, als ich ein Teenager war und zum ersten Mal auf Duchamp stieß und zum ersten Mal auf die Ready-Mades, war ich absolut erstaunt. Ich denke nicht, daß Leute von einem Gefühl der Schönheit überwältigt werden, wenn sie das Urinal sehen, es soll nicht schön sein, aber das bedeutet nicht, daß es daran nichts gibt, das nicht die Vorstellungskraft fesseln könnte.

Und ich denke, daß die Phantasie gefangen zu nehmen, der Schlüssel zu dem ist, was ein Kunstwerk zu tun versucht. Duchamp fühlte, daß Kunst zu sehr an Techniken interessiert geworden war, zu interessiert an der äußeren Erscheinung. Er fühlte, daß sie intellektuell und moralisch korrupt geworden war.

Sein Beweggrund, ein Kunstwerk zu machen, das nicht zum System paßte, war nicht Zynismus, es war, um zu sagen, ich versuche, eine Kunst zu machen, die all die Dinge verleugnet, von denen die Leute sagen, Kunst müsse sie haben, weil ich versuche zu sagen Sie, daß die zentrale Frage der Kunst woanders liegt.“

Scruton: „Ich sehe den Punkt, daß die Dinge sich ändern mußten. Aber zu was wollte Duchamp sie ändern?“

Michael Craig-Martin: „Ich bin mir sicher, er hatte keine Ahnung, wie zentral das Ding war, über das er gestolpert ist - im Wesentlichen, daß ein Kunstwerk ein Kunstwerk ist, weil wir es als solches ansehen.“

"Ich denke auch, daß es wichtig ist zu sagen, daß der Begriff der Schönheit erweitert wurde. Ein Teil der Aufgabe des Künstlers besteht darin, jemanden dazu zu bewegen, etwas als schön anzusehen, von dem bisher noch niemand dachte es sei schön."

Scruton sarkastisch:  „Etwa wie eine Dose Scheiße?“

Michael Craig-Martin, lachend: "Nun, ich bin mir nicht sicher, ob es schön ist: Aber Sie sehen, wenn Sie ein Beispiel von etwas nehmen, das nicht versucht, schön zu erscheinen, wenn Sie Jeff Koons nehmen, Jeff Koons hat einige Dinge getan, die wirklich verblüffend schön sind."

Scruton: "Es sieht für mich so kitschig aus, Kitsch mit Zucker darauf."

Michael Craig-Martin: "Dies ist der Gegenstand seiner Arbeiten, nicht die Substanz seines Werks."

Scruton: "Was nutzt diese Kunst? Wozu verhilft sie Menschen?“

Michael Craig-Martin: "Ich denke, hoffentlich, diese Art von Kunst ermöglicht es Menschen, die Welt, in der sie leben, so zu sehen, daß sie ihnen mehr Bedeutung gibt. Es ist keine ideale Welt, irgendein anderer Ort, ein besserer Platz. Aber im Hier und Jetzt - in der Welt, in der sie sind, und in der sie versuchen zu leben - gelassener leben zu können, in der Welt, die ihnen gegeben ist."

Es ist mir gelungen, mich bisher mit Kommentaren zurückzuhalten. Aber mir fallen Begriffe auf, die ich vormerken will, „Substanz“, „schön“, ein gewisser Utilitarismus, Kunst mache die Existenz erträglicher indem sie sie gewissermaßen affirmiert. Immerhin eine Antwort. Übrigens muß ich um Nachsicht dafür bitten, daß ich nur den Kommentar des Films nachzeichne, nicht den Film als solchen, das erste ist schon mühsam genug. Eine Ausnahme: Mit den nächsten Bildern (und Worten natürlich) konterkariert Scruton ein wenig, nun ja, sagen wir sarkastisch, das eben Behauptete.

„Die Welt von heute zeigt uns also die Welt wie sie ist - das Hier und Jetzt mit all seinen Unvollkommenheiten. Aber ist das Ergebnis wirklich Kunst? Sicherlich wird etwas nicht zu einem Kunstwerk, nur weil es uns ein Stück Realität anbietet, Häßlichkeit eingeschlossen, und sich selbst Kunst nennt.“

„Kunst braucht Kreativität und Kreativität handelt vom Teil-Haben. Es ist ein Ruf an andere, die Welt so zu sehen, wie der Künstler sie sieht. Darum finden wir Schönheit in der naiven Kunst der Kinder. Kinder geben uns keine Ideen anstelle von kreativen Bildern, noch suhlen sie sich in Häßlichkeit.

Sie versuchen, die Welt so zu bestätigen, wie sie sie sehen, und zu teilen, was sie fühlen. Etwas von der reinen Freude des Kindes beim Erschaffen überlebt in jedem wahren Kunstwerk. Aber Kreativität ist nicht genug. Die Kunst des wahren Künstlers besteht darin, das Wirkliche im Lichte des Ideals zu zeigen und es so zu verwandeln.

David von Michelangelo, hier gefunden

Das ist es, was Michelangelo in seiner großartigen Darstellung des David gelang. Aber ein Betonabguß des David ist nicht im geringsten schön, denn es fehlt der wesentliche Bestandteil der Kreativität.

Diskussionen wie diese werden oft als gefährlich angesehen. In unserer demokratischen Kultur denken Menschen oft, es sei bedrohlich, den Geschmack einer anderen Person zu beurteilen.

Einige sind sogar durch die Vorstellung beleidigt, daß es einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Geschmack gäbe. Oder daß es zählt, worauf jemand sieht, was er liest oder hört. Aber das hilft niemandem. Es gibt Maßstäbe von Schönheit, die eine feste Grundlage in der menschlichen Natur haben und wir müssen nach ihnen suchen und sie in unser Leben einbringen.

Vielleicht haben die Menschen ihren Glauben an die Schönheit verloren, weil sie ihren Glauben an Ideale verloren haben. Alles, was es noch gibt, sind sie versucht zu denken, ist die Welt des Appetits. Es gibt keine anderen Werte als die nützlichen. Etwas hat einen Wert, wenn man es benutzen kann. Was der Nutzen von Schönheit?“

Oscar Wilde, 1889, hier gefunden

„Oscar Wilde schrieb: ‚Alle Kunst ist ganz und gar nutzlos.‘ Dem, der diese Bemerkung für einen Lobpreis hält. Für Wilde war Schönheit ein Wert, der höher steht als Nützlichkeit. Menschen brauchen nutzlose Dinge, genau so sehr, ja sogar mehr als Dinge mit einem Nutzen. Was ist der Gebrauchswert von

Liebe

Freundschaft

Verehrung.

Überhaupt keiner. Und dasselbe gilt für Schönheit. Unsere Konsumgesellschaft stellt den Nutzen an die erste Stelle, und Schönheit ist allenfalls ein Nebeneffekt. Und da Kunst nutzlos ist, ist es gleichgültig, was du liest, worauf du schaust, wem du zuhörst.

Wir werden belagert von Botschaften auf jeder Seite, angenehm erregend, verlockt vom Appetit, nie an etwas gerichtet, und das ist ein Grund, warum Schönheit aus unserer Welt verschwindet.

‚Dinge gewinnend und zurückgebend verschwenden wir unsere Kräfte,‘ schrieb Wordsworth. In unserer heutigen Kultur ist Werbung wichtiger als ein Werk der Kunst. Und Kunstwerke versuchen oft, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, so wie es Werbung sucht, indem sie frech oder unverschämt ist. Zum Beispiel Damien Hurst - Aus Liebe zu Gott. Wie Werbung zielen die heutigen Kunstwerke darauf ab, eine Marke zu schaffen. Selbst wenn sie außer sich nichts zu verkaufen haben.

Kopf des David von Michelangelo, hier gefunden

wird fortgesetzt, 
nachgetragen am 21. Mai als Fortführung des gestrigen Beitrages

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