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Montag, 22. Oktober 2018

Niobe oder über die Abgründe des Stolzes

Niobe, 1860/65, Zinkguss nach der römischen Kopie
einer Statue aus der Zeit um 330/20 v. Chr., Angaben hier gefunden 

Andere Städte der Umgebung haben dort, wo einmal das älteste Gedächtnis der Stadt war, eine Tiefgarage hineingegraben. Neustrelitz hat Götterbilder. Genauer, es haben sich - trotz aller Brüche der Zeiten - immer noch viele Erinnerungsbilder erhalten, die diesen Ort im Strom tiefer abendländischer Überlieferung halten. Eine Stärke, die man äußerlich nicht erwartet. Um das wohlüberlegte Pathos etwas zurückzunehmen.

Es ist mir bis jetzt rätselhaft geblieben, ob es einmal eine Art Bildprogramm für das alles gab, ich meine, im 19. Jahrhundert. Wenn ja, ist es eine Mischung aus erwartbaren und sehr abgründigen Dingen, wie bei der Gestalt der Niobe an der Auffahrt zum derzeit nicht vorhandenen Schloß. Karl Philipp Moritz beschreibt sie in seiner Götterlehre von 1791 in seiner liebenswürdig bündigen Art wie folgt:

„Mit dem Könige Amphion, der über Theben herrschte, war Niobe, die Tochter des Tantalus, vermählt; sie gebar dem Amphion sieben Söhne und sieben Töchter und spottete einst übermütig der Verehrung der Latona, welche nur einen Sohn und eine Tochter geboren.

Kaum waren die frevelnden Worte über ihre Lippen, so flogen schon die unsichtbaren Pfeile des Apollo und der Diana in der Luft. Mit dem nie verfehlenden Bogen tötete Apollo ihre sieben Söhne, und Diana mit furchtbarem Geschoß tötete ihre sieben Töchter. Auf einmal aller ihrer Kinder beraubt, ward Niobe, in Tränen aufgelöst, in einen Stein verwandelt, der auf dem Berge Sipylon, noch immer von Tränen träufelnd, ein Zeuge ihres ewigen Kummers ward.“

Es gibt bei den Alten die verbreitete Gewißheit, daß man sich vor den Göttern vor allem in Acht nehmen müsse. Aber wie kann ein Gott, der doch von Natur aus alles besitzt, auf Sterbliche eifersüchtig sein? Es ist wie bei den Märchen: Daß Dinge abgründig sind, macht nicht, daß wir sie weniger interessant finden, gar mögen. Wieso also Leto (lat. Latona) auf Niobes Anmaßung so maßlos reagiert, erschließt sich nicht sogleich. Allerdings, die Sache ist verwickelt. Leto ist eher eine Halbgöttin, die Tochter von Titanen, Zeus zeugt jedoch mit ihr zwei mächtige Götter, eben Diana (Artemis) und Apollon. Die wenig erbaute Zeusgattin Hera versucht noch mit allen Mitteln, sich dem entgegenzustellen, letztlich vergeblich, es wird buchstäblich eine schwere Geburt und ist eine Geschichte für sich. Leto war also schon mal sehr empfindlich, was ihren Status angeht. Und bei Niobe lag der Stolz gegen die Götter gewissermaßen in der Familie.

Uffizien, Florenz, Saal der Niobe

Jetzt müssen wir einfach ein wenig, nun ja, Ovid zumuten (in der Übersetzung von Voß).

Doch nicht warnte die Strafe der Volksgenossin Arachne,
Himmlischen nachzustehn, und in kleinerem Laute zu reden.
Vieles erhöhte den Mut. Doch weder die Kunst des Gemahles,
Noch ihr beider Geschlecht, und der Glanz des mächtigen Reiches,
Gab ihr solches Behagen, wie sehr auch alles behagte,
Als der Kinder Gedeihn. Glückseligste unter den Müttern,
Niobe, wärst du genannt, wenn du nicht es geschienen dir selber.
Denn des Tiresias' Tochter, die zukunftahnende Manto,
Ging durch die Gassen der Stadt, von göttlichem Geiste gereget,
Einst weissagend umher: Kommt, kommt, ismenische Weiber!
Bringt der Latona, und bringt den Zwillingen unsrer Latona,
Weihrauch dar mit Gebet; und fügt um die Haare den Lorbeer!
Solches gebeut Latona durch mich! – Man gehorcht; und es wandeln
Alle thebischen Frau'n, geschmückt mit befohlenem Laube,
Weihrauch heiligen Flammen, und bittende Worte, zu bringen.

Aber Niobe kommt im Gewühl des begleitenden Schwarmes,

Prangend in phrygischen Prunk der golddurchwirkten Gewande,
Und, wie der Zorn es gestattet, auch schön; und bewegend ihr stattlich
Angesicht mit den Locken, die jegliche Schulter umwallten,
Stand sie, und hoch die Augen umhergewendet voll Stolzes:

Welch ein Wahnsinn, rief sie, gehörete Götter gesehnen

Vorzuziehn! Was, wenn ihr Latona verehrt an Altären,
Fehlt noch meiner Gewalt der Weihrauch? Mich ja erzeugte
Tantalus, welcher allein zum Mahl der Unsterblichen einging;
Und mich gebar die Plejade Taygete, Tochter des Atlas,
Der den ätherischen Pol hoch trägt mit erhabenem Nacken!
Jupiters Sohn ist der Vater, und Jupiters Sohn der Gemahl auch!
Mir sind die Völker gebeugt in Phrygia; mir auch gehorchet
Kadmus' Burg; und die Mauern, gefügt von den Saiten Amphions,
Werden, und was sie bewohnt, von mir und dem Gatten verwaltet!
Welchem Teil des Palastes ich auch zuwende die Augen,
Unermeßliche Hab' erscheinet mir! Aber ich selber
Rag' als Göttin an Wuchs; und sieben Töchter umblühn mich,
Jünglinge ebensoviel, und bald auch Eidam' und Schnüre!
Fragt noch, aus was für Grunde der Niobe Stolz sich erhebet;
Und dann wagt, die von Coeus, ich weiß nicht welchem, entsproßne
Titanide Latona mit vorzuziehn, der die Erde,
Groß wie sie ist, den winzigen Raum zum Gebären versagt hat!
Himmel und Land und Gewässer verbanneten euere Göttin!
Flüchtlingin war sie der Welt! bis Delos endlich voll Mitleid:
Du durchirrest das Land, ihr zurief, ich das Gewässer:
Und unbefestigten Grund einräumte. Zweier Gebornen
Freute sie sich; das ist von unserem Segen ein Siebteil!
Selig bin ich; wer leugnet mir das? und selig beharr' ich:
Wer auch bezweifelt mir dies? Zur Sicherheit hebt mich der Reichtum!
Höher schau' ich herab, als wo Fortuna mir schade!
Ob sie auch vieles entreißt, weit mehreres wird sie mir lassen!
Schon stieg über die Furcht mir die Seligkeit! Denkt euch, gekürzet
Könne mir etwas sein von der Heerschar meiner Gebornen;
Doch nicht sänk' ich hinab zu der Doppelzahl der Latona,
Die mit dem sämtlichen Schwarm nur weniges mehr ist, denn fruchtlos!
Weit, o weit von dem Opfer entfernt; und dem Lorbeer des Hauptes
Niedergesenkt! – Sie senken; es bleibt unvollendet das Opfer;
Und sie flehn, wie man darf, mit leiserer Stimme zur Gottheit.


Agostino Steffani: „Niobe, regina di Tebe“
Philippe Jaroussky, hier gefunden

Niobe vergleicht sich also nicht nur mit Leto, zu deren Nachteil. Sie verhindert deren Verehrung und nimmt diese für sich in Anspruch. Ein wahrliches Meisterstück menschlicher Anmaßung, so daß der Absturz um so dramatischer ausfällt. Denn der Rest ist schnell erinnert. Leto ruft ihre beiden mächtigen Kinder auf, ihr Genugtuung zu verschaffen, am Ende erstarrt Niobe zu einem weinenden Stein. Den entsprechenden Schilderungen Ovids mag man dort folgen.

Die Figur von 1860, die bei uns steht, zeigt sie in dem Moment, wo sie in einer hilflosen Gebärde die letzte verbliebene Tochter vor dem Göttinnenzorn umsonst zu schützen sucht. Die Nachbildung eines „Originals“, das Teil einer Figurengruppe ist, die sich heute in den Uffizien von Florenz befindet, eine 1583 ausgegrabene römische Kopie eines hellenistischen Originals aus dem Tempel des Apollo Sosianus in Rom (Näheres hier).

Mehr Tradition geht eigentlich kaum noch (und eine sehr schöne dazu). Daß der Stoff die Phantasie vielfach angeregt hat, muß kaum erwähnt werden. Der Diplomat und Kleriker Agostino Steffani hat 1688 „Niobe, regina di Tebe“ komponiert,eine Oper mit einem offenkundig kruden Libretto, aber sehr ergreifender Musik, wovon das obige Stück zeugt. Das abschließende Bild ist vom heutigen Abend. Ich wollte eigentlich über etwas ganz anderes schreiben und nur schauen, ob die Arbeiten am Schloßgarten schon anzeigen, ob die damit verbundenen Hoffnungen berechtigt sind (wir werden sehen), aber nachdem ich mehr beiläufig ein paar Photos gemacht hatte, kam es am Ende hierzu. Vor 5 Jahren hatte ich schon einmal einen Versuch unternommen, den Kunstführer zu geben. Vielleicht kommt es zu einer Fortsetzung. An Statuen hat Neustrelitz glücklicherweise ja noch einiges. Aber was der Großherzog uns mit dieser Figur sagen wollte? Nun, fragen können wir ihn nicht mehr. Aber wir dürfen ja selbst ein wenig nachzudenken versuchen.


Dienstag, 19. Juni 2018

Die Sphinx und der Tod des Ödipus




"Nonn' erubescite, reges" singt Jessye Norman als Iokaste im 2. Akt des „Oedipus Rex“ von Igor Strawinsky. Er hat seine Oper zunächst in Altgriechisch vertonen wollen, entschied sich dann aber letztlich für Latein, es sei „a medium not dead but turned to stone“. Dieses Werk von 1927 gehört zu den erträglicheren Stücken neuerer Musik, außerdem wird es von Frau Norman gesungen, das stimmt zusätzlich milde.

Den alten Griechen wurde über der Gestalt des Ödipus bildmächtig bewußt, wie jemand schuldlos schuldig werden kann. Sie haben überhaupt wie kaum ein anderes Volk für Erscheinungen und Grundstrukturen des Menschlichen Begriffe, Bilder und Prinzipien gefunden, die in das abendländische Gedächtnis eingegangen sind und von denen wir noch jetzt zehren. Besser natürlich wäre es, weiter darauf zu bauen, aber ich will gar nicht grundsätzlich werden.

Am 19. Juni 1792 wurde in Stuttgart Gustav Schwab geboren, mit dessen "schönsten Sagen des klassischen Altertums" auch ich als Kind aufgewachsen bin. Als ich heute in dem Band blätterte, dachte ich, warum nicht aus diesem Anlaß ein Stück daraus bringen. Was nicht ganz so einfach ist, denn die griechischen Mythen sind in etwa so idyllisch wie das Alte Testament der Bibel oder die ursprünglichen Grimmschen Märchen.

Für das, was Herr Schwab über Ödipus zu berichten weiß, habe ich mich also entschieden, einmal ein Stück, das von seiner Begegnung mit der Sphinx erzählt und dann die Schwabsche Erzählung von dessen Tod. Wie schon eingangs zu sehen, will ich es nicht beim bloßen Text belassen, sondern ihn ein wenig „illustrieren“. Als nächstes folgt nach der angemessen ernsthaften Präsentation des Mythos etwas völlig Gegensätzliches: Tom Lehrer gibt mit seinem "Oedipus Rex" einen anderen, eher launigen Einstieg in die mühselige Mythenmaterie (ab 1.52 Min.).  Danach dann die Sphinx.



Ödipus und die Sphinx

Nicht lange Zeit, nachdem dieses geschehen, war vor den Toren der Stadt Theben in Böotien die Sphinx erschienen, ein geflügeltes Ungeheuer, vorn wie eine Jungfrau, hinten wie ein Löwe gestaltet. Sie war eine Tochter des Typhon und der Echidna, der schlangengestalteten Nymphe, der fruchtbaren Mutter vieler Ungeheuer, und eine Schwester des Höllenhundes Kerberos, der Hyder von Lerna und der feuerspeienden Chimära. Dieses Ungeheuer hatte sich auf einen Felsen gelagert und legte dort den Bewohnern von Theben allerlei Rätsel vor, die sie von den Musen erlernt hatte. Erfolgte die Auflösung nicht, so ergriff sie denjenigen, der es übernommen hatte, das Rätsel zu lösen, zerriß ihn und fraß ihn auf.

Dieser Jammer kam über die Stadt, als sie eben um ihren König trauerte, der – niemand wußte, von wem – auf einer Reise erschlagen worden war und an dessen Stelle Kreon, Bruder der Königin Iokaste, die Zügel der Herrschaft ergriffen hatte. Zuletzt kam es, daß dieses Kreon eigener Sohn, dem die Sphinx auch ein Rätsel aufgegeben und der es nicht gelöst hatte, ergriffen und verschlungen worden war.

Franz von Stuck, Der Kuß der Sphinx

Diese Not bewog den Fürsten Kreon, öffentlich bekanntzumachen, daß demjenigen, der die Stadt von der Würgerin befreien würde, das Reich und seine Schwester Iokaste als Gemahlin zuteil werden sollte. Eben als jene Bekanntmachung öffentlich verkündigt wurde, betrat Ödipus an seinem Wanderstabe die Stadt Theben. Die Gefahr wie ihr Preis reizten ihn, zumal da er das Leben wegen der drohenden Weissagung, die über ihm schwebte, nicht hoch anschlug. Er begab sich daher nach dem Felsen, auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen hatte, und ließ sich von ihr ein Rätsel vorlegen. Das Ungeheuer gedachte dem kühnen Fremdling ein recht unauflösliches aufzugeben, und ihr Spruch lautete also: »Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.«

Ödipus lächelte, als er das Rätsel vernahm, das ihm selbst gar nicht schwierig erschien. »Dein Rätsel ist der Mensch«, sagte er, »der am Morgen seines Lebens, solang er ein schwaches und kraftloses Kind ist, auf seinen zween Füßen und seinen zwo Händen geht; ist er erstarkt, so geht er am Mittage seines Lebens nur auf den zween Füßen; ist er endlich am Lebensabend als ein Greis angekommen und der Stütze bedürftig geworden, so nimmt er den Stab als dritten Fuß zu Hilfe.« Das Rätsel war glücklich gelöst, und aus Scham und Verzweiflung stürzte sich die Sphinx selbst vom Felsen und zu Tode. Ödipus trug zum Lohne das Königreich von Theben und die Hand der Witwe, welche seine eigene Mutter war, davon. Iokaste gebar ihm nach und nach vier Kinder, zuerst die männlichen Zwillinge Eteokles und Polyneikes, dann zwei Töchter, die ältere Antigone, die jüngere Ismene. Aber diese vier waren zugleich seine Kinder und seine Geschwister.

Wie inzwischen ins allgemeine Bewußtsein eingedrungen ist, hat der Begründer der Psychoanalyse die Gestalt des Ödipus zur Benennung einer gewissen  unerfreulichen seelischen Konstellation benutzt. Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, hat diesen Freudschen Ödipuskomplex unerreicht geistreich in seinem Film „Ödipussi“ vorgestellt. Der Protagonist, von seiner Mutter mit dem bezeichnend entmännlichenden Spitznamen „Pussi“ gerufen, behält bei aller galligen Skizzierung allerdings letztlich doch eine gewisse Dignität. Das war ja überhaupt die Größe Loriots – er durchleuchtete Charaktere bis auf‘s Knochengerüst, aber vernichtete sie nicht.

Ein Stück daraus und darauf dann die nur noch bebilderte ernsthafte Erzählung vom Tod des Ödipus. Auch diese findet erstaunlicherweise zum Schluß gewissermaßen noch ein versöhnendes Ende.


„Ödipussi: Wie ist doch die Erde so schön!“

Ödipus auf Kolonos

Nach langer Wanderung, bald durch bewohntes, bald durch wüstes Land, waren die beiden eines Abends in einer sehr milden Gegend bei einem anmutigen Dorfe mitten im lieblichsten Haine angekommen. Nachtigallen flatterten durch das Gebüsch und sangen mit süßem Schall; Rebenblüte duftete; mit Oliven- und Lorbeerbäumen waren die rauhen Felsstücke, welche die Gegend viel mehr schmückten als entstellten, überkleidet. Der blinde Ödipus selbst hatte durch seine übrigen Sinne eine Empfindung von der Anmut des Ortes und schloß aus der Schilderung seiner Tochter, daß derselbe ein geheiligter sein müsse. Aus der Ferne stiegen die Türme einer Stadt auf, und ihre Erkundigungen hatten Antigone belehrt, daß sie sich in der Nähe von Athen befänden. Ödipus hatte sich, von dem Wege des Tages müde, auf ein Felsstück gesetzt. Ein Bewohner des Dorfes, der vorüberging, hieß ihn jedoch bald diesen Sitz verlassen, weil der Boden geheiligt sei und keinen Fußtritt dulde. Da erfuhren denn die Wanderer bald, daß sie sich im Flecken Kolonos und auf dem Gebiet und in dem Haine der alleserspähenden Eumeniden niedergelassen, unter welchem Namen die Athener hier die Erinnyen verehrten.

Nun erkannte Ödipus, daß er am Ziele seiner Wanderung angekommen und der friedlichen Lösung seines feindseligen Geschickes nahe sei. Seine Worte machten den Koloneer nachdenklich, und er wagte es jetzt schon nicht mehr, den Fremdling von seinem Sitz zu vertreiben, ehe er den König von dem Vorfall unterrichtet hätte. »Wer gebietet denn in eurem Lande?« fragte Ödipus, dem in seinem langen Elende die Geschichten und Verhältnisse der Welt fremd geworden waren. »Kennst du den gewaltigen und edlen Helden Theseus nicht?« fragte der Dorfbewohner, »ist doch die ganze Welt voll von seinem Ruhme!« »Nun, ist euer Herrscher so hochgesinnt«, erwiderte Ödipus, »so werde du mein Bote zu ihm und bitte ihn, nach dieser Stelle zu kommen; für so kleine Gunst verspreche ich ihm großen Lohn.« »Welche Wohltat könnte unsrem König ein blinder Mann reichen?« sagte der Bauer und warf einen lächelnden, mitleidigen Blick auf den Fremdling. »Doch«, setzte er hinzu, »wäre nicht deine Blindheit, Mann, du hättest ein edles, hohes Aussehen, das mich zwingt, dich zu ehren. Darum will ich dein Verlangen erfüllen und meinen Mitbürgern und dem Könige deine Bitte melden. Bleibe so lange hier sitzen, bis ich deinen Auftrag ausgerichtet habe. Jene mögen dann entscheiden, ob du hier verweilen kannst oder gleich wieder weiterwandern sollst.«

François-Émile Ehrmann, Ödipus und die Sphinx, 1903

Als sich Ödipus mit seiner Tochter wieder allein sah, erhub er sich von seinem Sitze, warf sich zu Boden und ergoß sein Herz in einem brünstigen Gebete zu den Eumeniden, den furchtbaren Töchtern des Dunkels, und der Mutter Erde, die eine so liebliche Wohnung in diesem Haine aufgeschlagen. »Ihr Grauenvollen und doch Gnädigen«, sprach er, »zeiget mir jetzt nach dem Ausspruche Apollos die Entwicklung meines Lebens, wenn anders ich in meinem mühseligen Dasein nicht immer noch zuwenig erduldet habe! Erbarmet euch, ihr Kinder der Nacht; erbarme dich, ehrenwerte Stadt Athenes, über das Schattenbild des Königs Ödipus, der vor euch steht, denn er selbst ist es nicht mehr!« Sie blieben nicht lange allein. Die Kunde, daß ein blinder Mann von Ehrfurcht gebietendem Aussehen sich in dem Furienhaine gelagert, den zu betreten Sterblichen sonst nicht vergönnt ist, hatte bald die Ältesten des Dorfes, welche die Entweihung zu hindern gekommen waren, um ihn versammelt. Noch größerer Schrecken ergriff sie, als der Blinde sich ihnen als einen vom Schicksale verfolgten Mann zu erkennen gab. Sie fürchteten, den Zorn der Gottheit auf sich zu laden, wenn sie einen vom Himmel Gezeichneten länger an diesem heiligen Orte duldeten, und befahlen ihm, auf der Stelle ihre Landschaft zu verlassen.

Ödipus bat sie inständig, ihn von dem Ziele seiner Wanderschaft, das ihm die Stimme der Gottheit selbst angewiesen habe, nicht zu verstoßen; Antigone vereinigte ihre Flehen mit dem seinen. »Wenn ihr euch der grauen Haare meines Vaters nicht erbarmen wollet«, sprach die Jungfrau, »so nehmet ihn doch um meiner, der Verlassenen, willen auf; denn auf mir lastet ja keine Schuld. Eilet, bewilliget uns eure Gunst unverhofft!«

Während sie solche Zwiesprache pflegten und die Einwohner zwischen Mitleid und Furcht von den Erinnyen in ihrem Entschlusse zweifelhaft hin und her schwankten, sah Antigone ein Mädchen, auf einem kleinen Rosse sitzend, das Angesicht mit einem Reisehut vor der Sonne geschützt, heraneilen. Ein Diener, gleichfalls zu Rosse, folgte ihr. »Es ist meine Ismene«, sagte sie in freudigem Schrecken, »schon glänzt mir ihr liebes, helles Auge! Gewiß bringt sie uns neue Kunde aus der Heimat!« Bald war die Jungfrau, das jüngste Kind des verstoßenen Königs, bei ihnen angelangt und vom Saumrosse gesprungen. Mit einem einzigen Knechte, den sie allein treu befunden, hatte sie sich von Theben aufgemacht, um dem Vater Nachricht von dem Stande der dortigen Angelegenheiten zu bringen.

Dort waren seine Söhne von großer, selbstverschuldeter Not bedrängt. Anfangs hatten sie die Absicht, ihrem Oheime Kreon den Thron ganz zu überlassen; denn der Fluch ihres Stammes schwebte ihnen drohend vor Augen. Allmählich aber, je mehr ihres Vaters Bild in die Ferne trat, verlor sich diese Regung; das Verlangen nach Herrschaft und Königswürde und mit ihm die Zwietracht erwachte bei ihnen. Polyneikes, der das Recht der Erstgeburt auf seiner Seite hatte, setzte sich zuerst auf den Thron. Aber Eteokles, der jüngere, nicht zufrieden, abwechslungsweise mit ihm zu herrschen, wie der Bruder vorschlug, verführte das Volk und stieß den älteren Bruder aus dem Lande fort. Dieser, so ging in Theben das Gerücht, war nach Argos im Peloponnes entflohen, wurde dort der Schwiegersohn des Königes Adrastos, verschaffte sich Freunde und Bundesgenossen und bedrohte seine Vaterstadt mit Eroberung und Rache. Zugleich aber war ein neuer Götterspruch ruchbar geworden, welcher dahin lautete, daß die Söhne des Ödipus ohne ihn selbst nichts vermögen; daß sie ihn suchen müßten, tot oder lebendig, wenn ihr eigenes Heil ihnen lieb wäre.

Dies waren die Nachrichten, welche Ismene ihrem Vater brachte. Die Koloneer horchten staunend, und Ödipus hub sich hoch empor von seinem Sitze: »Also steht es mit mir«, sprach er, und königliche Hoheit strahlte von dem blinden Angesichte; »bei dem Verbannten, bei dem Bettler sucht man Hilfe? Nun, da ich nichts bin, werde ich erst ein rechter Mann?« »So ist es«, fuhr Ismene in ihren Nachrichten fort. »Auch wisse, Vater, daß eben deswegen unser Oheim Kreon in ganz kurzer Zeit hierherkommen wird und daß ich mich sehr beeilt habe, ihm zuvorzukommen. Denn er will dich überreden oder fangen, wegführen und an die Grenzen des thebanischen Gebietes stellen, damit der Orakelspruch sich zu seinen und unsers Bruders Eteokles Gunsten erfülle und deine Gegenwart die Stadt doch nicht entweihe.« »Von wem weißt du alles dieses?« fragte der Vater. »Von Opferpilgern, die nach Delphi ziehen.« »Und wenn ich dort sterbe«, fragte Ödipus weiter, »werden sie mich in thebischer Erde begraben?« »Nein«, erwiderte die Jungfrau, »das duldet deine Blutschuld nicht.«

»Nun«, rief der alte König entrüstet, »so sollen sie auch meiner niemals mächtig werden! Wenn bei meinen beiden Söhnen die Herrschsucht stärker ist als die kindliche Liebe, so soll ihnen auch der Himmel nie ihre verhängnisvolle Zwietracht löschen; und wenn auf mir die Entscheidung ihres Streites beruht, so soll weder der, welcher jetzt den Zepter in Händen hat, auf dem Throne sitzen bleiben noch der Verjagte je sein Vaterland wiedersehen! Nur diese Töchter sind meine wahren Kinder! In ihnen ersterbe meine Schuld, für sie erflehe ich den Segen des Himmels, für sie bitte ich euch um euren Schutz, mitleidige Freunde! Gewähret ihnen und mir euren tätigen Beistand; und ihr erwerbet dadurch eurer Stadt eine mächtige Brustwehr!«

François-Xavier Fabre, Ödipus und die Sphinx, um 1806 / 1808

Ödipus und Theseus

Die Koloneer hatte große Ehrfurcht vor dem blinden Ödipus erfüllt, der in seiner Verbannung noch so gewaltig erschien; sie rieten ihm, durch ein Trankopfer die Entweihung des Furienhaines zu sühnen. Erst jetzt erfuhren auch die Greise den Namen und die unverschuldete Schuld des Königs Ödipus, und wer weiß, ob das Grauen vor seiner Tat sie nicht aufs neue gegen ihn verhärtet hätte, wenn nicht ihr König Theseus, den die Botschaft herbeigerufen hatte, jetzt eben in ihren Kreis getreten wäre. Dieser ging freundlich und ehrerbietig auf den blinden Fremdling zu und redete ihn mit liebreichen Worten an:

»Armer Ödipus, mir ist dein Geschick nicht unbekannt, und schon deine gewaltsam geblendeten Augen sagen mir, wen ich vor mir habe. Dein Unglück rührt mich tief in der Seele. Sage mir, was du bei der Stadt und mir suchest. Die Tat, zu der du meine Beihilfe verlangst, müßte eine schreckliche sein, wenn ich mich von dir abwenden könnte. Ich hab es nicht vergessen, daß auch ich gleich dir in fremden Landen herangewachsen bin und viele Fährlichkeiten ausgestanden habe.«

»Ich erkenne deinen Seelenadel in dieser kurzen Rede«, antwortete Ödipus, »ich komme, dir eine Bitte vorzutragen, die eigentlich eine Gabe ist. Ich schenke dir diesen meinen leidensmüden Leib, freilich ein sehr unscheinbares Gut, aber doch ein großes Gut. Du sollst mich begraben und reichen Segen von deiner Mildigkeit ernten!«

»Fürwahr«, sagte Theseus erstaunt, »die Gunst, um welche du flehst, ist klein. Verlange etwas Besseres, etwas Höheres, und es soll dir alles von mir gewährt sein.« »Die Gunst ist nicht so leicht, als du glaubst«, fuhr Ödipus fort; »du wirst einen Streit um diesen meinen elenden Leib zu bestehen haben.« Nun erzählte er ihm seine Verjagung und das späte und eigennützige Verlangen seiner Verwandten, ihn wieder zu besitzen; dann bat er ihn flehentlich um seinen Heldenbeistand.

Theseus hörte aufmerksam zu und sprach dann feierlich: »Schon weil jedem Gastfreunde mein Haus offensteht, darf ich meine Hand nicht von dir abziehen; wie sollte ich es tun, da du noch dazu mir und meinem Lande soviel Heil versprichst und von der Hand der Götter an meinen Herd geleitet worden bist!« Er ließ dem Ödipus hierauf die Wahl, mit ihm nach Athen zu gehen oder hier in Kolonos als Gast zu bleiben. Dieser wählte das zweite, weil ihm vom Schicksale bestimmt sei, an der Stelle, wo er jetzt eben sich befinde, den Sieg über seine Feinde davonzutragen und sein Leben rühmlich zu beschließen. Der Athenerkönig versprach ihm den kräftigsten Schutz und kehrte in die Stadt zurück.

Gustave Moreau, Ödipus und die Sphinx, 1864

Ödipus und Kreon

Bald darauf drang der König Kreon von Theben mit Bewaffneten in Kolonos ein und eilte auf Ödipus zu. »Ihr seid von meinem Eintritt ins attische Gebiet überrascht«, sprach er zu den noch immer versammelten Dorfbewohnern gewendet; »doch sorget und zürnet nicht! Ich bin nicht so jung, im Übermute gegen die stärkste Stadt Griechenlands einen Kampf zu unternehmen. Ich bin ein Greis, den seine Mitbürger nur abgesandt haben, diesen Mann hier durch gütliche Überredung zu bewegen, mit mir nach Theben zurückzukehren.«

Dann kehrte er sich zu Ödipus und drückte in den ausgesuchtesten Worten eine erheuchelte Teilnahme an seinem und seiner Töchter Elend aus. Aber Ödipus erhob seinen Stab und streckte ihn aus, zum Zeichen, daß Kreon ihm nicht näher kommen sollte. »Schamlosester Betrüger«, rief er, »das fehlte noch zu meiner Pein, daß du kämest und mich gefangen mit dir fortführtest! Hoffe nicht, durch mich deine Stadt von der Züchtigung zu befreien, die ihr bevorsteht. Nicht ich werde zu euch kommen, sondern nur den Dämon der Rache werde ich euch senden, und meine beiden lieblosen Söhne sollen nur so viel von thebanischem Boden besitzen, als sie brauchen, um sterbend darauf zu liegen!«

Kreon wollte nun versuchen, den blinden König mit Gewalt hinwegzuführen; aber die Bürger von Kolonos erhoben sich dagegen, stützten sich auf Theseus' Wort und duldeten es nicht. Inzwischen hatten in dem Getümmel auf einen Wink ihres Herrn die Thebaner Ismene und Antigone ergriffen und von der Seite ihres Vaters weggerissen. Diese schleppten sie fort und trieben den Widerstand der Koloneer ab. Kreon aber sprach höhnend: »Deine Stäbe wenigstens habe ich dir entrissen. Versuch es jetzt, Blinder, und wandre weiter!«

Und durch diesen Erfolg kühner gemacht, ging er aufs neue auf Ödipus los und legte schon Hand an ihn, als Theseus, den die Nachricht vom bewaffneten Einfalle in Kolonos zurückgerufen hatte, auftrat. Sobald dieser hörte und sah, was geschehen und noch im Werke sei, entsandte er Diener zu Fuß und zu Rosse auf der Straße hin, auf der die Töchter von den Thebanern als Raub fortgeführt wurden; dem Kreon aber erklärte er, ihn nicht eher freilassen zu wollen, als bis er dem Ödipus die Töchter zurückgegeben.

»Sohn des Aigeus«, hub dieser beschämt an, »ich bin wahrlich nicht gekommen, dich und deine Stadt zu bekriegen. Wußte ich doch nicht, daß deine Mitbürger ein solcher Eifer für diesen meinen blinden Verwandten, dem ich Gutes tun wollte, befallen habe, daß sie den Vatermörder, den Gatten seiner Mutter, lieber bei sich hegen würden als ihn in sein Vaterland entlassen!« Theseus befahl ihm zu schweigen, ohne Verzug mit ihm zu gehen und den Aufenthalt der Jungfrauen anzugeben; und in kurzem führte er die geretteten Töchter dem tiefgerührten Ödipus in die Arme. Kreon und die Diener waren abgezogen.

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Ödipus und die Sphinx, 1808

Ödipus und Polyneikes

Aber noch sollte der arme Ödipus keine Ruhe haben. Theseus brachte von dem kurzen Zuge die Nachricht mit, daß ein naher Blutsverwandter desselben, jedoch nicht aus Theben kommend, Kolonos betreten und sich an dem Altar des benachbarten Poseidontempels, wo Theseus eben geopfert hatte, als Schutzflehender niedergelassen habe.

»Das ist mein hassenswerter Sohn Polyneikes«, rief Ödipus zürnend aus. »Es wäre mir unerträglich, ihn anhören zu müssen!« Doch Antigone, die diesen Bruder als den sanfteren und besseren liebte, wußte die Zornaufwallung des Vaters zu dämpfen und dem Unglücklichen wenigstens Gehör zu verschaffen. Nachdem sich Ödipus auch gegen diesen den Arm seines Beschützers ausgebeten hatte, falls er ihn mit Gewalt hinwegführen wollte, ließ er den Sohn vor sich.

Polyneikes zeigte schon durch sein Auftreten eine ganz andere Gemütsart als sein Oheim Kreon, und Antigone versäumte nicht, ihren blinden Vater darauf aufmerksam zu machen. »Ich sehe jenen Fremdling«, rief sie, »ohne Begleiter herschreiten! Ihm strömen die Tränen aus den Augen.« »Ist er es?« fragte Ödipus und wendete sein Haupt ab. »Ja, Vater«, erwiderte die gute Schwester, »dein Sohn Polyneikes steht vor dir.«

Polyneikes warf sich vor dem Vater nieder und umschlang seine Knie. An ihm hinaufblickend, betrachtete er jammernd seine Bettlerkleidung, seine hohlen Augen, sein ungekämmt in der Luft flatterndes Greisenhaar. »Ach, zu spät erfahre ich alles dieses«, rief er, »ja ich selbst muß es bezeugen, ich habe meines Vaters vergessen! Was wäre er ohne die Fürsorge meiner Schwester! Ich habe mich schwer an dir versündigt, Vater! Kannst du mir nicht vergeben? Du schweigst? Sprich doch etwas, Vater! Zürne nicht so unerbittlich hinweggewandt!

O ihr lieben Schwestern, versucht ihr es, den abgekehrten Mund meines Erzeugers zu rühren!« »Sage du selbst zuvor, Bruder, was dich hergeführt hat«, sprach die milde Antigone; »vielleicht öffnet deine Rede auch seine Lippen!« Polyneikes erzählte nun seine Verjagung durch den Bruder, seine Aufnahme beim König Adrastos in Argos, der ihm die Tochter zur Gemahlin gab, und wie er dort sieben Fürsten mit siebenfacher Schar für seine gerechte Sache geworben habe und diese Bundesgenossen das thebanische Gebiet bereits umringt hätten.

Dann bat er den Vater unter Tränen, sich mit ihm aufzumachen, und nachdem durch seine Hilfe der übermütige Bruder gestürzt sei, die Krone von Theben aus Sohnes Händen zum zweitenmal zu empfahen. Doch die Reue des Sohnes vermochte den harten Sinn des gekränkten Vaters nicht zu erweichen. »Du Verruchter!« sprach er und hob den Niedergeworfenen nicht vom Boden auf, »als Thron und Zepter noch in deinem Besitze war, hast du den Vater selbst aus der Heimat verstoßen und in dieses Bettlerkleid eingehüllt, das du jetzt an ihm bemitleidest, wo gleiche Not über dich gekommen ist!

Du und dein Bruder, ihr seid nicht meine wahren Kinder; hinge es von euch ab, so wäre ich längst tot. Nur durch meine Töchter lebe ich. Auch harrt euer schon der Götter Rache. Du wirst deine Vaterstadt nicht vertilgen; in deinem Blute wirst du liegen, und dein Bruder in dem seinen. Dies ist die Antwort, die du deinen Bundesfürsten bringen magst!« Antigone nahte sich jetzt ihrem Bruder, der bei dem Fluche des Vaters entsetzt vom Boden aufgesprungen und einige Schritte rückwärts gewichen war.

»Höre mein inbrünstiges Flehen, Polyneikes«, sprach sie ihn umfassend, »kehre mit deinem Heere nach Argos zurück, bekriege deine Vaterstadt nicht!« »Es ist unmöglich«, erwiderte zögernd der Bruder; »die Flucht brächte mir Schmach, ja Verderben! Und wenn wir Brüder beide zugrunde gehen müssen, dennoch können wir nicht Freunde sein!« So sprach er, wand sich aus der Schwester Armen und stürzte verzweifelnd davon.

So hatte Ödipus den Versuchungen seiner Verwandten nach beiden Seiten hin widerstanden und sie dem Rachegott preisgegeben. Jetzt war sein eigenes Geschick vollendet. Donnerschlag auf Donnerschlag erscholl vom Himmel. Der Greis verstand diese Stimme und verlangte sehnlich nach Theseus. Die ganze Gegend hüllte sich in Gewitterfinsternis. Eine große Angst bemächtigte sich des blinden Königes; er fürchtete, von seinem Gastfreunde nicht mehr lebend oder nicht mehr unverstörten Sinnes getroffen zu werden und ihm den vollen Dank für so viele Wohltaten nicht mehr bezahlen zu können.

Endlich erschien Theseus, und nun sprach Ödipus seinen feierlichen Segen über die Stadt Athen. Dann forderte er den König auf, dem Heroldrufe der Götter zu folgen und ihn allein an die Stelle zu begleiten, wo er, von keiner sterblichen Hand berührt und nur vom Auge des Theseus geschaut, enden sollte. Keinem Menschen dürfe er sagen, wo Ödipus die Erde verlassen. Bleibe das heilige Grab, das ihn verschlingen würde, verborgen, so werde es mehr als Speer und Schild und alle Bundesgenossen eine Schutzwehr gegen alle Feinde Athens sein.

Seinen Töchtern und den Bewohnern von Kolonos erlaubte er dann, ihn eine Strecke weit zu begleiten, und so vertiefte sich der ganze Zug in die schauerlichen Schatten des Furienhaines. Keines durfte an Ödipus rühren; er, der Blinde, bisher von der Tochter Hand geleitet, schien auf einmal ein Sehender geworden, ging wunderbar gestärkt und aufgerichtet allen andern voran und zeigte ihnen den Weg zu dem vom Schicksal ihm bestimmten Ziele.

Mitten in dem Haine der Erinnyen sah man einen geborstenen Erdschlund, dessen Öffnung mit einer ehernen Schwelle versehen war und zu welchem mehrere Kreuzwege führten. Von dieser Höhle ging von uralter Zeit her die Sage, daß sie einer der Eingänge in die Unterwelt sei. Jener Kreuzwege einen betrat nun Ödipus, doch ließ er sich von dem Gefolge nicht bis zu der Grotte selbst begleiten, sondern unter einem hohlen Baume machte er halt, setzte sich auf einen Stein nieder und löste den Gürtel seines schmutzigen Bettlerkleides. Dann rief er nach einer Spende fließenden Wassers, wusch sich von aller Unreinigkeit der langen Wanderung und zog ein schmuckes Gewand an, das ihm durch seine Töchter aus einer nahen Wohnung herbeigebracht wurde.

Als er nun völlig umgekleidet und wie erneuert dastand, tönte unterirdischer Donner vom Boden herauf. Bebend warfen sich die Jungfrauen, die bisher um ihren Vater bemüht gewesen waren, in seinen Schoß; Ödipus aber schlang seinen Arm um sie, küßte sie und sprach: »Kinder, lebet wohl, von diesem Tag an habt ihr keinen Vater mehr!«

Aus dieser Umarmung weckte sie eine donnergleiche Stimme, von der man nicht wußte, ob sie vom Himmel herab- oder aus der Unterwelt herauftönte: »Was säumest du, Ödipus? Was zögern wir zu gehen?« Als der blinde König die Stimme vernahm und wußte, daß der Gott ihn abfordere, machte er sich aus den Armen seiner Kinder los, rief den König Theseus zu sich und legte seiner Töchter Hände in die Hand desselben, zum Zeichen seiner Verpflichtung, sie nimmermehr zu lassen.

Dann befahl er allen andern, umgewendet sich zu entfernen. Nur Theseus an seiner Seite durfte auf die offene Schwelle mit ihm zuschreiten. Seine Töchter und das Gefolge waren dem Winke gefolgt und schauten sich erst um, als sie eine gute Strecke rückwärtsgegangen waren. Da hatte sich ein großes Wunder ereignet. Von dem Könige Ödipus war keine Spur mehr zu erblicken. Kein Blitz war zu sehen, kein Donner zu hören, kein Wirbelwind zu spüren; die tiefste Stille herrschte in der Luft. Die dunkle Schwelle der Unterwelt schien sich sanft und lautlos für ihn aufgetan zu haben, und durch den Erdspalt war der entsündigte Greis ohne Stöhnen und Pein sachte wie auf Geisterflügeln zur Tiefe hinabgetragen worden.

Den Theseus aber erblickten sie allein, mit der Hand die Augen sich überschattend, als hätte er ein göttliches, überwältigendes Gesicht gehabt. Dann sahen sie, wie er, die Hände hoch gen Himmel gehoben, zu den Olympiern, und wieder, demütig auf den Boden niedergeworfen, zu den Göttern der Unterwelt flehte. Nach kurzem Gebete kehrte der König zu den Jungfrauen zurück, versicherte sie seines väterlichen Schutzes und schritt mit ihnen, in heiliges Schweigen versunken, nach Athen zurück.

Theseus der Befreier, Fresko aus Herculaneum, vor 79

Mittwoch, 22. Juni 2016

Saule, Pērkons, Daugava


Saule, Pērkons, Daugava

Unter dem Datum des 18. Juni 2016 schrieb Herr Klonovsky „Wir – und ich habe keine Ahnung, wen genau ich damit meine, wer noch alles aus welchem Teil der Welt dazustoßen wird, ich bin ja ein gänzlich unrassistischer Chauvinist – wir Europäer sind noch lange nicht besiegt.“

Dies war seine sichtlich beeindruckte Reaktion auf die Darbietung von „Saule, Pērkons, Daugava“ durch einen lettischen Chor. Ich kann das durchaus verstehen, bin aber von so pedantischer Natur, daß ich gern genauer wissen will, was mich da zu überwältigen sucht. Es war recht mühsam.

Zunächst zum Text. Der Dichter Rainis (eigentlich Jānis Pliekšāns), eine offenbar reichlich widersprüchlich Gestalt, einerseits Sozialist mit Revolutionsambitionen, fühlte er sich andererseits den nationalen Mythen und Traditionen seines Landes tief verbunden, so daß er am Ende als angesehener Politiker und Literat im unabhängigen Lettland landete und nicht etwa wie sein zeitweiliger Weggefährte Pēteris Stučka als erster Volkskommissar der Justiz der UdSSR.

1916 schrieb er die patriotische Ballade Daugava, aus der das obige Stück stammt. Es spielte wohl eine Rolle in der Unabhängigkeitsbewegung am Ende des 1. Weltkriegs, aber soweit ich das nachvollziehen kann, ist bis 1989 die tatsächliche Bekanntheit eher fraglich. Das änderte sich jedenfalls während der 2. lettischen Unabhängigkeitsbewegung, als der Musiker und Komponist Mārtiņš Brauns 1988 „Saule, Pērkons, Daugava“ schuf, das bald in den Rang einer inoffizieller Nationalhymne aufstieg und bis heute populär blieb.


Saule, Pērkons, Daugava

Ich habe keine deutsche Übersetzung gefunden, zwar eine französische, die mir, da ich die Sprache nicht beherrsche, nicht wirklich half, aber auf einem Blog (der etwas verwaist wirkte, aber offenkundig über junge Menschen aus Nordeuropa handelte) sah ich in den Kommentaren immerhin endlich eine englische Übersetzung.

Die nun wiederum ins Deutsche zu übertragen, wäre eher albern; daher läuft es im folgenden weitgehend auf deren Inhaltsangabe hinaus (wobei andere englische Übersetzungen, die ich dann doch noch fand, teilweise recht abweichend übertragen, das Gedicht scheint ausgesprochen interpretationsoffen zu sein).

Es treten auf "Saule" (die Sonne), „Pērkons“ (der Donner) als alte lettische Naturgottheiten.  Der Fluß Daugava (Düna), der als eine Art lettischer Schicksalsfluß gilt, und „Latve“, die lettische Nation:

Saule setzte Latve dorthin, wo sich die Enden treffen, weißes Meer, grüne Erde, für Latve - der Schlüssel der Tore.
Für Latve - der Schlüssel der Tore, Daugava - der Wächter. Fremde Menschen stürmten die Tore. Ins Meer fiel der Schlüssel.
Blau leuchtender Donner nahm den Schlüssel von den Teufeln, Tod und Leben sind weggeschlossen. Weißes Meer, grüne Erde.
Saule setze Latve an das Ufer eines weißen Meeres, die Winde wirbelten Sand. Was sollen die lettischen Kinder trinken?
Saule bat Gott, die Daugava zu graben, Tiere gruben, Gott ergoß das Wasser des Lebens aus einer Wolke.
Das Wasser des Lebens, das Wasser des Todes strömten zusammen in der Daugava. Ich tauchte die Spitze eines Fingers hinein und fühlte beides in der Seele.
Das Wasser des Lebens, das Wasser des Todes, Wir fühlen beides in unserer Seele.
Saule ist unsere Mutter, Daugava lindert den Schmerz, Donner, der Töter des Teufels – er ist unser Vater.

Reichlich kryptisch und überraschend pagan. Eher eine Anrufung dieser längst versunkenen Götter, ein Heraufbeschwören der alten lettischen Mythen. Die Erwähltheit Lettlands macht es für fremde Mächte, Eindringlinge, „Dämonen“ begehrenswert. Das Land leidet an seiner Erwähltheit.

Offenkundig eine Anspielung auf die wechselhafte Geschichte des Landes, in der die herrschenden, aber auch (in unterschiedlichem Maße) kulturtragenden Schichten deutsch, schwedisch, polnisch und am Ende russisch sprachen, die Letten stellten vor allem die Landbevölkerung. Die nationale Selbstfindung begann spät im 19. Jahrhundert, es ist unklar, ab wann sich die Letten überhaupt als Nation empfanden. Die Unabhängigkeit im frühen 20. Jahrhundert endete bald in der Katrastophe, es war lange unklar, ob diese Nation bestehen bleiben würde.

Das ist nicht der Platz, um über lettische Geschichte zu räsonieren oder darüber zu spekulieren, wer mit den Dämonen denn nun wie gemeint sei. Noch mehr erstaunt, daß der Text vor den eigentlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts entstand, sie also gewissermaßen zu antizipieren scheint.

Wie auch immer, dies sollten nur ein paar Anmerkungen sein, damit man ggf. eine Ahnung erhält, was einen denn derart beeindruckt.


Martins Brauns - Saule Perkons Daugava

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Übrigens hatte ich  ja oben zum Artikel „Baltic religion“ in der Encyclopaedia Britannica verlinkt. So instruktiv der Artikel war, zwei Zitate kann ich nicht vorenthalten, bekanntlich gab es lange einen starken, auch kulturellen deutschen Einfluß auf die baltischen Gebiete, aber man darf das natürlich auch so sehen, nun ja:

„Historical documents, already partially compiled and published, could be expected to yield much more information. Their value, however, is made problematic by the fact that all such documents were written by foreigners, mainly Germans who, in the course of their centuries-long eastward expansion, subjugated the Baltic peoples and exterminated some of them.“

„Old religious beliefs have persisted because the Germans, after conquering the Baltic lands in the 13th and 14th centuries, made practically no attempt at Christianization and contented themselves with only economic gains.“

Dienstag, 12. Juni 2012

Über Wale, Teegesellschaften und Star Trek u.a.


Dionysos in einem Schiff, segelnd unter Delphinen
Attische schwarzfigurige Kylix, um 530 v. Chr.

D. H. Lawrence

They Say the Sea is Loveless

They say the sea is loveless, that in the sea
love cannot live, but only bare, salt splinters
of loveless life.
But from the sea
the dolphins leap round Dionysos' ship
whose masts have purple vines,
and up they come with the purple dark of rainbows
and flip! they go! with the nose-dive of sheer delight;
and the sea is making love to Dionysos
in the bouncing of these small and happy whales.

Ich habe heute bei unserer lyrischen Teegesellschaft (dabei gibt es dort gar keinen Tee) einiges an Unsinn geredet, und da sich manches auf diesem Wege aufklären läßt (der eine oder andere der Teilnehmer liest hier mit), sei dies schnell getan.

Das obige Gedicht war eines derjenigen, die das Thema „Meer“ poetisch näherbringen sollten. Ich gestehe, ich kannte es nicht, stutzte und fragte, ob die erste Zeile eine Anspielung auf ein Zitat aus Moby-Dick von Herman Melville sein könne. Nein, natürlich nicht, und Schuld ist Star Trek, genauer Star Trek IV, da gibt es nämlich folgenden Dialog:

Kirk:
They say the sea is cold, but the sea contains the hottest blood of all.
Gillian:
"Whales Weep Not" - D. H. Lawrence.

Daran hatte ich mich vage erinnert (ich habe Moby-Dick nie gelesen, irgendwie convenierte mir das Thema nie) und tatsächlich wird in einem anderen Stark Trek Film auch besagter Roman erwähnt (aber da geht es um den Haß des Kapitän Ahab). Eben das hatte mich confusiert. Dabei wird dort nicht einmal das obige Gedicht von D. H. Lawrence zitiert, sondern ein berühmteres, besagtes „Whales Weep Not!“, nachfolgend gelesen von Dylan Thomas:



Auch etwas anderes kann ich aufklären: Mein löchriges Gedächtnis wußte noch, daß es eine mythische Erzählung von Dionysos und Delphinen gab, aber die Einzelheiten waren mir völlig entfallen. Ich hatte vor meinem geistigen Auge selbst obige Abbildung (ich war nicht der einzige, dem sie einfiel), aber lassen wir Karl Philipp Moritz zu Wort kommen, der den Mythos mit folgenden Worten zusammenfaßt (er nennt Dionysos lateinisch „Bacchus“):

„Als Seeräuber einst den Bacchus, den sie für den Sohn eines Königs hielten, in Hoffnung eines kostbaren Lösegelds, entführen und binden wollten, so fielen dem lächelnden Knaben die Banden von selber ab; und da sie dennoch seine Gottheit nicht erkannten, so ergoß sich erst ein duftender Strom von Weine durch das Schiff; dann breitete sich plötzlich bis zum höchsten Segel ein Weinstock aus, an welchem schwere Trauben hingen; um den Mastbaum wand sich dunkler Efeu, und mit Weinlaub waren alle Ruder bekränzt.
Auf dem Verdeck des Schiffes aber zeigte sich ein Löwe und warf die grimmigen drohenden Blicke umher. Da ergriff die Frevler Angst und grauenvolles Entsetzen; zur Flucht stand ihnen kein Weg mehr offen; sie sprangen vom Schiffe ins Meer, wo sie, sich plötzlich als Delphinen krümmend, Zeugen von der Macht der alles besiegenden Gottheit wurden.“

Das klingt jetzt nicht ganz so freundlich wie in oben erwähntem Gedicht. Aber es existiert auch noch eine andere Erzählung davon, warum der Gott dem Meere verbunden war, es hat ihm nämlich das Leben gerettet und das ging so:

Zeus hatte den jungen Dionysos den Nymphen anvertraut, die ihn auch gut pflegten und behüteten. Der Thrakerkönig Lykurgos aber war mit ihnen verfeindet, und als er sie eines Tages bedrängte und verfolgte, flohen sie. Bacchus selbst warf sich vor Schreck ins Meer, wo ihn die Thetis in ihre Arme aufnahm, und in der Tiefe des Ozeans verbarg, bis er zum Jüngling herangewachsen war. Man mag dies alles und auch noch anderes über den Gott an diesem oder diesem Ort näher näher nachlesen.

Die Versuchung ist natürlich groß, sich jetzt über das Seins-Prinzip des „Dionysischen“, etwa im Gegensatz zum „Apollinischen“ auszulassen, aber daran haben sich schon ganz andere verhoben.