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Mittwoch, 5. Mai 2021

Vier letzte Lieder, Richard Strauss & Jessye Norman

Richard Strauss, Vier letzte Lieder, Frühling, hier gefunden 


Hermann Hesse

Frühling


In dämmrigen Grüften

Träumte ich lang

Von deinen Bäumen und blauen Lüften,

Von deinem Duft und Vogelsang.


Nun liegst du erschlossen

In Gleiss und Zier,

Von Licht übergossen

Wie ein Wunder vor mir.


Du kennst mich wieder;

Du lockst mich zart.

Es zittert durch all meine Glieder

Deine selige Gegenwart!


Spring


In twilit clefts

I dreamed long

Of your trees und blue breezes,

Of your scent and birdsong.


Now you lie revealed again

In gleaming adornment

Flooded with light

Like a miracle before me.


You know me again,

You entice me tenderly.

Through all my limbs trembles

Your blissful presence!

Translation: © David Paley


Richard Strauss, Vier letzte Lieder, September, hier gefunden 


Hermann Hesse

September


Der Garten trauert,

Kühl sinkt in die Blumen der Regen.

Der Sommer schauert

Still seinem Ende entgegen.


Golden tropft Blatt um Blatt

Nieder vom hohen Akazienbaum.

Sommer lächelt erstaunt und matt

In den sterbenden Gartentraum.


Lange noch bei den Rosen

Bleibt er stehen, sehnt sich nach Ruh.

Langsam tut er die großen,

Müdgewordenen Augen zu.


September


The garden mourns,

Rain sinks coolly into the flowers.

Summer shudders

Peacefully towards its end.


Golden, one leaf after another

Drops from the high Acacia tree.

Summer smiles astonished and weak

Into the dying garden dream.


But still, by the roses,

It pauses and longs for peace.

And slowly closes its large

Now tired, worn eyes.

Translation: © David Paley


Richard Strauss, Vier letzte Lieder, Beim Schlafengehen,

hier gefunden 


Hermann Hesse

Beim Schlafengehen


Nun hat der Tag mich müd gemacht,

Soll mein sehnliches Verlangen

Freundlich die gestirnte Nacht

Wie ein müdes Kind empfangen.


Hände, laßt von allem Tun

Stirn, vergiß du alles Denken,

Alle meine Sinne nun

Wollen sich in Schlummer senken.


Und die Seele unbewacht

Will in freien Flügen schweben,

Um im Zauberkreis der Nacht

Tief und tausendfach zu leben.


Going to sleep 


Now that I am wearied of the day,

my ardent desire shall happily receive

the starry night

like a sleepy child.


Hands, stop all your work.

Brow, forget all your thinking.

All my senses now

yearn to sink into slumber.


And my unfettered soul

wishes to soar up freely

into night's magic sphere

to live there deeply and thousandfold.


Richard Strauss, Vier letzte Lieder, Im Abendrot, hier gefunden 


Joseph von Eichendorff

Im Abendrot  


Wir sind durch Not und Freude

gegangen Hand in Hand;

vom Wandern ruhen wir [beide]

nun überm stillen Land.


Rings sich die Täler neigen,

es dunkelt schon die Luft.

Zwei Lerchen nur noch steigen

nachträumend in den Duft.


Tritt her und laß sie schwirren,

bald ist es Schlafenszeit.

Daß wir uns nicht verirren

in dieser Einsamkeit.


O weiter, stiller Friede!

So tief im Abendrot.

Wie sind wir wandermüde--

Ist dies etwa der Tod?


At sunset


Through sorrow and joy

we have gone hand in hand;

we are both at rest from our wanderings

now above the quiet land.


Around us, the valleys bow,

the air already darkens.

Only two larks soar

musingly into the haze.


Come close, and let them flutter,

soon it will be time to sleep -

so that we don't get lost

in this solitude.


O vast, tranquil peace,

so deep in the afterglow!

How weary we are of wandering--

Is this perhaps death?

Translation from here

Die beigefügten englischen Übersetzungen sind gewissermaßen eine Geste des Respekts für Jessye Norman, die selbst derlei nicht bedurfte.

Donnerstag, 2. Juli 2015

Hermann Hesse *2. Juli 1877






Hermann Hesse

Allein

Es führen über die Erde
Straßen und Wege viel,
Aber alle haben
Dasselbe Ziel.

Du kannst reiten und fahren
Zu zwein und zu drein,
Den letzten Schritt
Mußt du gehen allein.

Drum ist kein Wissen
Noch Können so gut,
Als daß man alles Schwere
Alleine tut.

Alone

Across the Earth are leading
many a road and bend,
yet all are speeding
to the selfsame end.

Be you riding or driving
as twosome or three,
the last of your steps
belongs but to thee.

For skill's not as valid,
nor all that is known,
as tackling the difficult
stuff by your own.



Wir leben hin...

Wir leben hin in Form und Schein
Und ahnen nur in Leidestagen
Das ewig wandellose Sein,
Von dem uns dunkle Träume sagen.

Wir freuen uns an Trug und Schaum,
Wir gleichen führerlosen Blinden,
Wir suchen bang in Zeit und Raum,
Was nur im Ewigen zu finden.

Erlösung hoffen wir und Heil
In wesenlosen Traumesgaben -
Da wir doch Götter sind und teil
Am Urbeginn der Schöpfung haben.

We live as form...

We live as form, from truth estranged -
surmising (when the pains assail us)
eternal realm that never changed,
of which dark dreams at night do tell us.

We like illusion's false embrace,
we're blind and leaderless and lonely -
and search in fear through time and place
for what's of the eternal only.

Salvation we expect and grace
from dreams that cannot go the distance -
We, who are Gods, and in whose space
creation first became existence.

Translations by Walter A. Aue 

Hermann Hesse liest "Stufen"

Donnerstag, 9. August 2012

Abend-Variationen von Gelb & etwas Hesse


Wir sind abwesend offenbar. Da vermeinen wir doch zu lesen im ersten Moment - 'schrieb Hesse drei Jahre nach seinem Tod', es war natürlich vor seinem Tod, so ist es bei uns Sterblichen üblich, auch wenn Hesse sich viel Mühe gegeben hat, für seine Person diesen Eindruck leicht zu verwischen. Er starb am 9. August 1962, daher wenden wir gerade ein wenig Aufmerksamkeit auf.

Herr Morgenländer findet im Glasperlenspiel dieses: „Nicht dort ist die Tiefe der Welt und ihrer Geheimnisse, wo die Wolken und die Schwärze sind, die Tiefe ist im Klaren und Heiteren." Ansonsten hat er mit ihm seine Schwierigkeiten, wir auch.


Es ist nicht so, daß wir nicht versucht hätten, ihn wahrzunehmen, wir haben etwa die schöne Übersetzung des Herrn Prof. Aue von „Seltsam, im Nebel zu wandern!“ hier vorgestellt oder die von „Wir leben hin in Form und Schein“ im zurückliegenden April, und da ist uns sogar noch ein halber Gedanke zu Herrn Hesse eingefallen.


Dem Blogger Jay verdanken wir diese etwas komplizierte Sympathieerklärung in seine Richtung und einen Verweis auf eine Art „Zurecht-Stutzung“ (sehr lesenswert) eines Großkritikers des deutschen Literaturbetriebs. Zitat:

„Ein tiefer greifendes Motiv für die Aversion dieses Franz Josef Strauß unsres Kulturbetriebs nicht allein gegen Hesse, sondern gegen eine ganze literarische Richtung, die auf eine Humanisierung des Menschen abzielt, ist seine Allergie gegen alles Konstruktive und Ethische.“



Aber um einen vorläufigen Abschluß zu finden, der Versuch ein erworbenes Ressentiment durch Wiederlesen aufzulösen, klappt nicht immer. Ich habe nämlich tapfer angefangen, Hesse erneut zu lesen und mich zuerst noch einmal durch sein „Unterm Rad“ gemüht. Es heißt schließlich, da hätte man Hesse in nuce, und ich muß sagen, die Nuß tönte etwas hohl, und ihr Inhalt, nun ja.

Warum? Nun - die Welt bricht das edelste Streben; ach? Das ist ihr gewöhnlicher Habitus, das tat sie schon immer, und wenn wir Glück haben, kommt dabei ein Hölderlin heraus. Also nichts Neues unter der Sonne. Aber dazu dieser Stil, dieses Verdruckste, Verblasene, gesucht Altfränkische, verkannt sich in Tiefen hinabsurfend Fühlende, und darauf dann Hofmannsthal auf Acid mit einem Schuß von Rilkeschen Cornett, sozusagen (jetzt klingen wir fast wie MRR, Großer Gott, wir müssen gründlich falsch liegen). Ein Beispiel:

„Dazu hatte ihr Bündnis den herben Reiz der reifenden Männlichkeit und als ebenso herbe Würze das Trotzgefühl gegen die Gesamtheit der Kameraden, denen Heilner unliebsam und Hans unverständlich blieb...“

Und immer diese geradezu gewaltsame Gier, zum Bedeutungsvollen, Anderen hindurchzubrechen, weil die Gegenwart nicht ertragen wird (etwas, das einem oft bei Menschen eines gewissen Lebensalters begegnet), so beschrieben in "Kindheit des Zauberers":

„Dies war die tiefste, innigst gefühlte Richtung meiner Triebe, eine gewisse Unzufriedenheit mit dem, was man die 'Wirklichkeit' nannte und was mir zuzeiten lediglich wie eine alberne Vereinbarung der Erwachsenen erschien; eine gewisse bald ängstliche, bald spöttische Ablehnung dieser Wirklichkeit war mir früh geläufig, und der brennende Wunsch, sie zu verzaubern, zu verwandeln, zu steigern.“

Der tragische Held Hans aus „Unterm Rad“hat die Sorge: „Man würde ihn als Lehrling in einen Käsladen oder auf ein Bureau tun, und er würde zeitlebens einer von den gewöhnlichen armseligen Leuten sein, die er verachtete und über die er absolut hinaus wollte.“


Oder ins Absolute hinaus wollte? Irgendwie gelingt ihm dies ja offensichtlich am Ende. Jedenfalls ist die ganze Erzählung voll der Klage, wie sich das Erziehungswesen dem Genialischen in den Weg stellt und wie zarte, hoffnungsvolle Seelen gebrochen werden; ein Tonfall, der auch später noch begegnet:

Aus „Der Trauermarsch“: „...es wurde der eitle Kathederheld allmählich zum Sinnbild aller Macht und aggressiven Aktivität, und der andere stellte alle Verlorenheit und wehrlose Schwäche des Träumers oder Denkers dar, des Einzelgängers und Schlechtangepaßten.“

Und in der Erzählung selbst:

„Es war etwas in ihm, etwas Wildes, Regelloses, Kulturloses, das mußte erst zerbrochen werden, eine gefährliche Flamme, die mußte erst gelöscht und ausgetreten werden. Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Gefährliches. Es ist ein von unbekanntem Berge herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden werden muß, so muß die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken; ihre Aufgabe ist es, ihn nach obrigkeitlicherseits gebilligten Grundsätzen zu einem nützlichen Gliede der Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren völlige Ausbildung alsdann die sorgfältige Zucht der Kaserne krönend beendigt.“

„Und so wiederholt sich von Schule zu Schule das Schauspiel des Kampfes zwischen Gesetz und Geist, und immer wieder sehen wir Staat und Schule atemlos bemüht, die alljährlich auftauchenden paar tieferen und wertvolleren Geister an der Wurzel zu knicken.“


„Nur nicht matt werden, sonst kommt man unters Rad.“ Daher hat die Erzählung ihren Namen. „Matt“ als verträumt, in sich gekehrt, natürlich vielleicht? Aber diese Anbetung des natürlichen Menschen verkennt etwa, daß ein gut Stück Kulturleistung darin besteht, über diesen hinauszukommen und daß, wer eine Zivilisation aufrechterhalten will, diese schlecht am Genialischen ausrichten kann. Zu kurz gesprungen also. Aber wir sind ja (in diesem Moment) schon 2 Bücher weiter, da hellt es sich doch auf, nein, sagen wir, es wird anders kompliziert.

Noch schnell ein paar Leseempfehlungen, die FAZ stellt hier 4 neue Bücher zu Hesse vor und ich hätte auch gern zur Süddeutschen Zeitung verlinkt, aber die mag offenbar nicht mehr öffentlich online zugänglich sein, dabei gab es in der Besprechung zweier neuer Biographien dort zu der von Heimo Schwilk den hübschen Satz „Ein angenehmes Buch für notorische Hesse-Hasser“. Wie auch immer.
nachgetragen am 12. August

Dienstag, 17. April 2012

Dies & Das & Hesse

Hermann Hesse

Wir leben hin...

Wir leben hin in Form und Schein
Und ahnen nur in Leidestagen
Das ewig wandellose Sein,
Von dem uns dunkle Träume sagen.
Wir freuen uns an Trug und Schaum,
Wir gleichen führerlosen Blinden,
Wir suchen bang in Zeit und Raum,
Was nur im Ewigen zu finden.
Erlösung hoffen wir und Heil
In wesenlosen Traumesgaben -
Da wir doch Götter sind und teil
Am Urbeginn der Schöpfung haben.


We live as form...

We live as form, from truth estranged -
surmising (when the pains assail us)
eternal realm that never changed,
of which dark dreams at night do tell us.
We like illusion's false embrace,
we're blind and leaderless and lonely -
and search in fear through time and place
for what's of the eternal only.
Salvation we expect and grace
from dreams that cannot go the distance -
We, who are Gods, and in whose space
creation first became existence.

„But poems are not life as it is; poems are life as it could and perhaps even should be.“ Dies schreibt Prof. Aue in seinen Kommentaren zu Hesse. Nicht so selten verweise ich Menschen, die ich zu schätzen und zu mögen gelernt habe und denen unglücklicherweise Englisch als Muttersprache zufiel, auf seine Seite, die des Herrn Prof. Aue. Und wo dies gestern wieder geschah, durchzuckte es mich förmlich, als mir dabei aufging, wie lange ich nichts von ihm hier gebracht habe.

Ich gestehe, mein Zeitempfinden dehnt sich mitunter und schnurrt dann wieder zusammen und ist mit der realen Zeit nur mühsam in Einklang zu bringen. Und ich will mich damit gar nicht auf Hesse herausreden, der irgendwo schreibt: „Diese schäbige, stets enttäuschende oder öde Wirklichkeit ist auf keine andre Weise zu ändern, als indem wir sie leugnen, indem wir zeigen, daß wir stärker sind als sie.“ Übrigens habe ich, als ich mein obiges Motto - „Gelegentlich ist die Wirklichkeit doch zu wenig respektabel, als daß wir sie ernsthaft in Erwägung ziehen könnten“ - schrieb, diesen Satz noch gar nicht gekannt. Merkwürdig.

Nein, jeder Entschuldigungsversuch wäre einfach nur peinlich. Also versuchen wir, diese Pein mannhaft zu ertragen.

Wo ich in dem Beitrag, der diesem vorangeht, so ausführlich theologisch sein mußte, habe ich eben ein wenig darüber nachgedacht, wie am Ende die schwierige Beziehung Hesses zum Christentum wohl ausgegangen ist. Nun er starb mit den „Bekenntnissen“ des Augustinus in der Hand, vielleicht war er gewissermaßen in einer Spiralbewegung dabei, sich seinem Ursprung zu nähern?

Nun zu diesem Thema sollten wir besser mit wacherem Geist noch einmal zurückkehren. Und auch zu dem des Unterschieds von westlichem und östlichen Geist (das Herr Prof. Aue in seinem Kommentar ebenfalls aufwirft), ob man Pein und Drangsal des menschlichen Lebens in eine ozeanische Leere ausströmen lassen will oder ob sie uns nicht Anlaß für ein gesteigertes Dasein werden sollen, das von der Unendlichkeit umfangen und aufgehoben, aber nicht ausgelöscht, sondern bestätigt wird. Das nennt man dann wohl Auferstehung. Aber für heute Nacht ist es genug, nein, Lenau, der muß noch:

Lenau

O Menschenherz, was ist dein Glück?
Ein rätselhaft geborner,
Und, kaum gegrüßt, verlorner,
Unwiederholter Augenblick!

Montag, 14. November 2011

Novemberlich


„‘Mariedl, des muaßt dir merk’n: Tirol hab’n d’Engel z’sammtrog’n!‘ (Maria, das mußt du wissen: Tirol haben die Engel zusammengetragen)… Und im Jahr 1940 – ich war 13 Jahre alt – haben wir zum ersten Mal, wir drei Geschwister, einen Radfahrausflug nach Nordtirol gemacht und dann gesehen, daß es wirklich so ist: daß die Engel es zusammengetragen haben. Und dann, in den Fünfziger Jahren, bin ich auch nach Südtirol gekommen und hab’ diese besondere Nähe Gottes gespürt, der sich in der Schönheit dieses Landes ausdrückt. Aber so ganz schön geworden ist es nicht allein durch die Schöpfung, sondern dadurch, daß die Menschen dem Schöpfer geantwortet haben: Wenn man an die gotischen Kirchtürme denkt, an die schönen Häuser, an die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen, an die schöne Musik, dann weiß man, sie haben Antwort gegeben, und im Miteinander zwischen dem Schöpfer und seinen Engeln und den Menschen ist es ein schönes Land geworden – ein außergewöhnlich schönes Land. Und ich bin stolz und glücklich, irgendwie dazuzugehören.“

Der Herr Morgenländer war so freundlich, mich auf diese Bemerkungen Papst Benedikts XVI. aufmerksam zu machen, an denen man sofort spürt, so spricht ein authentischer Mensch. Diese Zeiten bringen einen eher dazu, daß man mißmutig lieber verstummt, aber nun ja, man kann immer noch verweisen.

Ach übrigens, das klingt jetzt kitschig, ich habe die Kräuterbank nun doch ins Haus nehmen müssen, und vorhin ein paar Kräuter geschnitten, genauer gesagt Thymian, Oregano und Majoran, nur um eine Gemüsesuppe vorzubereiten, und wunderte mich jetzt die ganze Zeit, woher dieser unglaublich angenehme Geruch kommt. Man muß den Nebel nicht zu sich hineinlassen, aber man darf durchaus Gedichte darüber schreiben.

So wie ein gewisser Herr Hesse, der einem unwillkürlich in den Sinn kommt:

„Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein...“

Hier ist das ganze Gedicht. Und sollte einer meiner wenigen tapferen englischsprachigen Leser noch nicht aufgegeben haben, Herr Prof. Aue war dort so freundlich, seine Übersetzung bereitzustellen.

Sonntag, 9. August 2009

Hesse und eine nachmittägliche Spazierfahrt







Ich bin ein verdorbener Mensch, da lese ich auf der Website des verehrten Prof. Aue: „Ich soll mit den blöden Witzen aufhören und lieber unanständige Bilder zeigen?“ Und denke dann, was genau wäre jetzt an diesen Bildern unanständig, aber „un“ stand da gar nicht, offenkundig befindet sich mein Geist im Prozeß der Zersetzung.



Ich gestehe, heute wollte ich ursprünglich nur ein paar Bilder von meiner Spazierfahrt am See entlang anbringen, eigentlich wollte ich das Burgfest auf der Burg Stargard besuchen, dachte dann aber, daß eine fettige Bratwurst auch nicht besser wird, wenn sie im „historischen“ Kostüm verkauft wird.

Nun, warum lande ich auf der oben genannten Website – Hesse. Beschämt stellte ich nach meiner Rückkehr fest, der starb heute, genauer, am 9. August 1962. Ebendarum war ich auf den Seiten Prof. Aues zu Besuch, da ich wußte, daß er eine Übersetzung des Gedichtes „Stufen“ verfaßt hatte, hier kann man sie finden, und da er meist sehr launige Kommentare und viel geschmacksbildendes Material beisteuert, sei ein Besuch wirklich dringend empfohlen:

Hermann Hesse

Stufen


Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Es dürfte eines seiner bekanntesten Gedichte sein und wird gern zur Lebensermutigung gebraucht, auch wenn das mit Blick auf den Autor nicht ganz aufgeht. Ich weiß, Prof. Aue ist diese Skepsis nicht fremd, übersetzt hat er es trotzdem.

Übrigens habe ich jetzt soviel Anregungen für "traurige" klassische Musik sammeln können, daß es mindestens noch eine Fortsetzung davon geben wird.

Da ich rechtschaffen müde bin, verzichte ich auf eine langatmige Beschreibung des Nachmittags & Abends, nur soviel, es war heute schwer, menschenleere Bilder zu photographieren, die ich nun einmal vorziehe.



Ich mußte dazu schon tief in den Wald gehen.



Und dann hatte ich doch ein kurioses Erlebnis, zwischendurch in bewohnten Gegenden, stieß ich auf eine rote Fahne und dachte, ganz typisch für diesen Ort.



Näher herantretend stellte ich aber fest, es war die Fahne Danzigs, des Geburtsorts meiner Frau Mutter im heutigen Polen, schon kurios.



Da es inzwischen Montag geworden ist, kommt gerade die Losung des Tages hereingeschneit und da es eine besonders bemerkenswerte ist, will ich sie nicht vorenthalten:

„Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweiget nicht.“
Psalm 50,2-3

Donnerstag, 2. Juli 2009

Über Hesse, Nebel und ermordete Griechen


(c) Walter A. Aue

Hermann Hesse


In the Mists


Wondrous to wander through mists!
Parted are bush and stone:
None to the other exists,
Each stands alone.

Many my friends came calling,
Then, when my life was bright;
Now that the fogs are falling,
None is in sight.

Truly, only the sages
Fathom the darkness to fall,
Which, as silent as cages,
Separates all.

Strange to walk in the mists!
Life has to solitude grown.
Only the Single persists:
Each is alone.

Translation / Übersetzung by / von Walter A. Aue



Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war,
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkle kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist einsam sein.
Kein Mensch kennt den anderen,
Jeder ist allein.


(c) Walter A. Aue

Dieses Gedicht fällt völlig aus der Jahreszeit, natürlich. Aber wozu haben wir unseren Verstand, als daß wir uns von den äußeren Umständen nicht wegimaginieren könnten. Und da der gute Greg vom „Mitternachtsgarten“ kürzlich eine Serie wunderbarer Nebelbilder zusammengebracht hat, ist dies ein guter Anlaß für mich, auf jene zu verweisen.

Dieses Gedicht von Hesse ist wohlbekannt, und ich muß gestehen, es ist eines von denen, mit denen ich nie so völlig glücklich geworden bin, warum: Nun, die Sprache ist generell durchaus sehr suggestiv, aber die 2. Strophe muß schon intelligent betont werden, sonst wirkt der Reim peinlich. Und dann, ich rede natürlich als meinungsforscher Dillettant, seine Gefühlsstufe ist ein wenig in Gefahr, im Pubertären zu verharren.

Das ist böse, ich weiß, Prof. Aue möge mir verzeihen, aber ich bringe es auch nur, weil ich das Gefühl habe, er hat es in der Übersetzung etwas erwachsener gemacht. Abgesehen natürlich von den hervorragenden Bildern, die er beigesteuert hat und die ich gern anbringen wollte.

Übrigens, ich bekomme von freundlichen Lesern bekanntlich gelegentlich Empfehlungen, worüber ich doch schreiben könnte (und tue mich oft ziemlich schwer damit). Heute war es wieder soweit.

Der hier bekannte Herr Roloff riet mir, über zu Alexandros Panagoulis zu schreiben, der am 2. Juli 1939 geboren wurde, also vor genau 70 Jahren. Oriana Fallaci, diese herrliche Haßpredigerin und Lebensgefährtin des wohl ermordeten griechischen Widerstandskämpfers und Dichters hat ein Buch über ihn geschrieben ("Ein Mann"), das er gerade liest und dringend empfiehlt. Diese Leseempfehlung wollte ich doch wenigstens weitergeben.

Samstag, 6. September 2008

Lebensstufen





Ich bin in den letzten Tagen über einiges an Übergängen, Trennungen und anderes nicht gänzlich Schmerzfreies gestolpert, nicht unbedingt bei mir, ich fürchte, dafür sind hier wesentliche Teile inzwischen zu sehr versteinert, aber mein Mitgefühl mit anderen funktioniert noch so halbwegs, darum, wozu greift der durchschnittlich gebildete Deutsche in dieser Situation, zu Hesse und seinen „Lebensstufen“.

Daher die beiden Filme und eine weitere englische Übersetzung findet sich hier (Here you will find a translation of H. Hesse - “steps of life”).

Das ist tatsächlich keine Attitüde, ich bin aufrichtig dankbar für das, was mir in der letzten Zeit aus der „Neuen Welt“ persönlich begegnet ist.