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Donnerstag, 12. September 2019

Über Mariä Namen und ein Kreuzzugslied von Novalis

Martino Altomonte, Schlacht von Wien, zwischen 1693 - 1695

Am 12. September 1683 hat unter der Führung des polnischen Königs Jan III. Sobieski und dem Banner Mariens ein christliches Heer von 65.000 Mann eine dreimal stärkere türkische Übermacht vernichtend geschlagen und damit die Belagerung Wiens beendet.

 Wien vor 1640, hier gefunden

2. Türkenbelagerung; Laufgräben vor Wien gegen Ravelin, 
die Löbel- und Burgbastei; Kupferstich des kaiserlichen Hauptmanns 
und Ingenieurs Daniel Suttinger, hier gefunden

Der Friede von Karlowitz vom 26. Januar 1699 beendete den Großen Türkenkrieg und brach die Expansion des Osmanischen Reiches

Nach diesem Sieg bestimmte Papst Innozenz XI. die Feier von Mariä Namen als Fest der ganzen Kirche für diesen Tag.

Schutzmantelmadonna, hier gefunden

Papst Benedikt XVI. hielt an eben diesem Tag im Jahre 2006 an der Universität Regensburg eine Vorlesung, die zu tumultuarischer Empörung in der islamischen Welt führte und gern von den „Kritikern“ des Papstes gegen diesen gewendet wird...

Mariä-Namen-Kirche in Novi Sad, Serbien

Spätestens jetzt muß ich wohl einräumen, daß dies ein Selbstzitat war, aber da es um meine vernachlässigbare Person dabei beim besten Willen nicht geht, fühle ich mich gänzlich ohne schlechtes Gewissen, so habe ich eben resolviert. Dem Beitrag von 2012 kann man dort weiter folgen.

Manchmal bin sogar ich in der Lage, all das fast Fertige, an dem ich unzufrieden herumwerkele, einfach beiseite zu schieben und gewissermaßen spontan zu tun. Eben wurde ich an Heinrich von Ofterdingen erinnert, passend zum Tag des Namens Mariens. Warum? Das mag jeder für sich selbst sehen.

Es ist merkwürdig, wie jahrhundertealte Gedenktage ins Vergessen abdriften und schlagartig wieder aktuell werden. In Wien wüteten die Jünger des Anderen gegen das Gedenken an diesen Sieg, in Potsdam gegen das Glockenspiel von "Üb immer Treu und Redlichkeit". In der Tat, beides eine arge Zumutung und gewissermaßen eine angekündigte Kriegserklärung. So fügt sich eben vieles gerade zur Kenntlichkeit.

Moritz von Schwind, Sängersaal im Palas der Wartburg

Friedrich von Hardenbergs Heinrich von Ofterdingen ist ein so merkwürdiges Werk, daß selbst ein Versuch wie, es mit den Worten zu beschreiben, er versuche darin zu zeigen, wodurch die menschliche Existenz durch die Poesie zu ihrer Tiefendimension zurückzufinden vermag, abgeschmackt klingen muß.

Novalis beschreibt im 4. Kapitel des 1. Teils seines Fragment gebliebenen Heinrich von Ofterdingen zunächst eine Reisegesellschaft von Kaufleuten:

„Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt. Der Weg war fest und trocken, die Witterung erquickend und heiter, und die Gegenden, durch die sie kamen, fruchtbar, bewohnt und mannigfaltig. Der furchtbare Thüringer Wald lag im Rücken; die Kaufleute hatten den Weg öfter gemacht, waren überall mit den Leuten bekannt, und erfuhren die gastfreiste Aufnahme. Sie vermieden die abgelegenen und durch Räubereien bekannten Gegenden, und nahmen, wenn sie ja gezwungen waren, solche zu durchreisen, ein hinlängliches Geleite mit.“

Bei den Besuchen am Wege liegender Burgen kommt es zum Austausch von Neuigkeiten und Aufträgen. „Der junge Ofterdingen ward von Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden Betragens gepriesen, und die letztern verweilten gern auf seiner einnehmenden Gestalt, die wie das einfache Wort eines Unbekannten war, das man fast überhört, bis längst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr auftut, und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze dichtverschlungener Blätter zeigt, so daß man es nie vergißt, nicht müde wird, es zu wiederholen, und einen versieglichen, immer gegenwärtigen Schatz daran hat. Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten, und ahndet und ahndet, bis es auf einmal klar wird, daß es ein Bewohner der höhern Welt gewesen sei.“

„Auf einem dieser Schlösser, wo sie gegen Abend hinkamen, ging es fröhlich zu. Der Herr des Schlosses war ein alter Kriegsmann, der die Muße des Friedens und die Einsamkeit seines Aufenthalts mit öftern Gelagen feierte und unterbrach, und außer dem Kriegsgetümmel und der Jagd keinen andern Zeitvertreib kannte, als den gefüllten Becher.

Er empfing die Ankommenden mit brüderlicher Herzlichkeit, mitten unter lärmenden Genossen...  Das Gespräch lief über ehmalige Kriegsabenteuer hin. Heinrich hörte mit großer Aufmerksamkeit den neuen Erzählungen zu.

Die Ritter sprachen vom Heiligen Lande, von den Wundern des Heiligen Grabes, von den Abenteuern ihres Zuges, und ihrer Seefahrt, von den Sarazenen, in deren Gewalt einige geraten gewesen waren, und dem fröhlichen und wunderbaren Leben im Felde und im Lager. Sie äußerten mit großer Lebhaftigkeit ihren Unwillen, jene himmlische Geburtsstätte der Christenheit noch im frevelhaften Besitz der Ungläubigen zu wissen. Sie erhoben die großen Helden, die sich eine ewige Krone durch ihr tapfres, unermüdliches Bezeigen gegen dieses ruchlose Volk erworben hätten...

Die Ritter sangen mit lauter Stimme den Kreuzgesang, der damals in ganz Europa gesungen wurde:

Das Grab steht unter wilden Heiden;
Das Grab, worin der Heiland lag,
Muß Frevel und Verspottung leiden
Und wird entheiligt jeden Tag.
Es klagt heraus mit dumpfer Stimme:
»Wer rettet mich von diesem Grimme!«

Wo bleiben seine Heldenjünger?
Verschwunden ist die Christenheit!
Wer ist des Glaubens Wiederbringer?
Wer nimmt das Kreuz in dieser Zeit?
Wer bricht die schimpflichsten der Ketten,
Und wird das Heil'ge Grab erretten?

Gewaltig geht auf Land und Meeren
In tiefer Nacht ein heil'ger Sturm;
Die trägen Schläfer aufzustören,
Umbraust er Lager, Stadt und Turm,
Ein Klaggeschrei um alle Zinnen:
»Auf, träge Christen, zieht von hinnen.«

Es lassen Engel aller Orten
Mit ernstem Antlitz stumm sich sehn,
Und Pilger sieht man vor den Pforten
Mit kummervollen Wangen stehn;
Sie klagen mit den bängsten Tönen
Die Grausamkeit der Sarazenen.

Es bricht ein Morgen, rot und trübe,
Im weiten Land der Christen an.
Der Schmerz der Wehmut und der Liebe
Verkündet sich bei jedermann.
Ein jedes greift nach Kreuz und Schwerte
Und zieht entflammt von seinem Herde.

Ein Feuereifer tobt im Heere,
Das Grab des Heilands zu befrein.
Sie eilen fröhlich nach dem Meere,
Um bald auf heil'gem Grund zu sein.
Auch Kinder kommen noch gelaufen
Und mehren den geweihten Haufen.

Hoch weht das Kreuz im Siegspaniere,
Und alte Helden stehn voran.
Des Paradieses sel'ge Türe
Wird frommen Kriegern aufgetan;
Ein jeder will das Glück genießen
Sein Blut für Christus zu vergießen.

Zum Kampf, ihr Christen! Gottes Scharen
Ziehn mit in das Gelobte Land.
Bald wird der Heiden Grimm erfahren
Des Christengottes Schreckenshand.
Wir waschen bald in frohem Mute
Das Heilige Grab mit Heidenblute.

Die Heil'ge Jungfrau schwebt, getragen
Von Engeln, ob der wilden Schlacht,
Wo jeder, den das Schwert geschlagen,
In ihrem Mutterarm erwacht.
Sie neigt sich mit verklärter Wange
Herunter zu dem Waffenklange.

Hinüber zu der heil'gen Stätte!
Des Grabes dumpfe Stimme tönt!
Bald wird mit Sieg und mit Gebete
Die Schuld der Christenheit versöhnt!
Das Reich der Heiden wird sich enden,
Ist erst das Grab in unsern Händen.

Heinrichs ganze Seele war in Aufruhr, das Grab kam ihm wie eine bleiche, edle, jugendliche Gestalt vor, die auf einem großen Stein mitten unter wildem Pöbel säße, und auf eine entsetzliche Weise gemißhandelt würde, als wenn sie mit kummervollem Gesichte nach einem Kreuze blicke, was im Hintergrunde mit lichten Zügen schimmerte, und sich in den bewegten Wellen eines Meeres unendlich vervielfältigte...

Der Abend war heiter; die Sonne begann sich zu neigen, und Heinrich, der sich nach Einsamkeit sehnte, und von der goldenen Ferne gelockt wurde, die durch die engen, tiefen Bogenfenster in das düstre Gemach hineintrat, erhielt leicht die Erlaubnis, sich außerhalb des Schlosses besehen zu dürfen."

Benedetto Bonfigli, "Gonfalone di S. Francesco al prato", 1464

nachgetragen  am 13. September

Samstag, 24. Februar 2018

Nacht - Töne


Walther von der Vogelweide

Palästinalied

Nû alrêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge sihet
daz hêre lant und ouch die erde,
der man vil der êren gihet.
Nû ist geschehen, des ich ie bat:
ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat.

Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûz ir aller êre.
Waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein maget ein kint gebar,
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
Wol dir, sper, kriuze unde dorn!
Wê dir, heiden, daz ist dir zorn!

Dô er sich wolte übr uns erbarmen,
hie leit er den grimmen tôt,
er vil rîche durch uns armen,
daz wir kœmen ûz der nôt.
Daz in dô des niht verdrôz,
dast ein wunder alze grôz,
aller wunder übergenôz.

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, dâ er inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Dô er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
dô fuor er her wider ze lande.
Dô huob sich der juden leit,
daz er herre ir huote brach,
und daz man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc unde stach.

Dar nâch was er in dem lande
vierzic tage: dô fuor er dar,
dannen in sîn vater sande.
Sînen geist, der uns bewar,
den sante er hin wider zehant.
Heilic ist daz selbe lant:
sîn name, der ist vor gote erkant.

In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
und der arme den gewalt,
der dâ wirt an ime gestalt.
Wol ime dort, der hie vergalt!

Das Ding will gerade nicht aus den Ohren. Entweder ist diese Textvariante richtig oder eine andere, hier gibt es eine Übersetzung ins gegenwärtige Deutsch davon und und hier und dort sogar eine ins Englische. Und wenn das alles zu lesen ist, kann ich hoffentlich weiterschlafen.

Walther von der Vogelweide

Donnerstag, 15. Juli 2010

Über Kreuzzüge & eine ferne Schlacht



Wappen des Hochmeisters des Deutschen Ordens
hier gefunden

Ein merkwürdiges Datum: 1099 wurde Jerusalem von einem halbverhungerten Kreuzfahrerheer erobert, 1683 hatte gerade die 2. Belagerung Wiens durch ein osmanisches Heer begonnen und vor genau 600 Jahren fand die erste Schlacht bei Tannenberg statt.

Der Deutsche Orden ist ein Kind der Kreuzzüge, insofern haben alle 3 Daten eine innere Verbindung. Und der Eroberungsversuch Wiens durch die Türken schien mir nicht zuletzt deshalb erwähnenswert, weil seit der Aufklärung gern das Märchen von den Kreuzzüglern aufgeboten wird, die gegen den ach so friedlichen und kulturvollen Islam zu Felde zogen und dadurch Frieden und Harmonie im Vorderen Orient vernichteten. Man vergißt dabei daß inzwischen in Jerusalem die für die Christenheit so zentrale Grabeskirche nahezu zerstört worden war, Wallfahrten in das Heilige Land seit etwa 1070 unterbunden waren und Kaiser Alexios I. Komnenos tatsächlich um Hilfe gegen die muslimischen Seldschuken gebeten hatte, die schwer gegen das christliche Byzanz anrannten.

Aber wir sollten uns wohl eher dieser großen Schlacht widmen, die da vor 600 Jahren zwischen dem Deutschem Orden sowie dem Königreich Polen und seinem Verbündeten Litauen stattfand und in deren Folge der Ordensstaat seinen Abstieg begann. Im polnischen Nationalmythos spielt sie eine große Rolle, aber als nationale Auseinandersetzung ist sie sicher damals nicht gesehen worden. Interessant ist etwas anderes, der Orden hatte ein hohes militärisches und spirituelles Ansehen und galt als unter dem besonderen Schutz Mariens stehend. Gerade war aber auch Litauen christlich geworden, und nun war dem Orden sozusagen sein Auftrag abhanden gekommen, der Kampf gegen die Heiden, er war jetzt ein Machtakteur unter anderen christlichen Mächten. Und mit der verlorenen Schlacht büßte er erheblich von seinem Nimbus ein.

Zwei Ritterorden haben nach dem Verlust des Heiligen Landes Staaten begründet, die Johanniter in geringerem Umfang und der Deutsche Ordens im späteren Preußen und im damals Livland genannten Gebiet, nachdem Herzogs Konrad von Masowien um 1225 den Orden um Hilfe gegen die heidnischen Pruzzen gebeten hatte. Der Orden hat ein bemerkenswertes Aufbauwerk geleistet, leider sind viele der beeindruckenden Zeugnisse dessen, wie Burgen und Kirchen, seit dem letzten Weltkrieg und danach vom Erdboden wieder getilgt.

Sein Staatswesen galt als mustergültig, aber nun war es zum Anachronismus geworden. Der Orden hatte die alleinige Herrschaft im Land, was Städte und Stände irgendwann nicht mehr hinnehmen mochten, die Legitimation dessen war wie gesagt inzwischen geschwunden. Da die Ordensritter ehelos blieben, mußte sich der Orden stets neu von auswärts ergänzen, was schwieriger wurde, aus gleichem Grund. Überhaupt gab es auf Grund des besonderen Herrschaftsverhältnisses immer eine gewisse Spannung zwischen dem Land und dem Orden.

Das jetzt erstarkende Polen-Litauen wurde Profiteur des Dilemmas und der Ordensstaat würde in diesem Jahrhundert nur noch ein Schatten seiner selbst werden, bis sich aus ihm irgendwann in ferner Zeit das mächtige Preußen bilden würde und die Dinge sich wieder vollständig umkehren.

Merkwürdig mutet es mitunter an, dieses Auf und Ab der Geschichte, als hätte jemand ein Drama geschrieben und dabei etwas zu viel Handlung hineingestopft.

Dienstag, 25. November 2008

militaria



Schlacht von Montgisard gefunden hier

Wo ich gerade lese, daß Gerhard Tersteegen am 25. November 1697 geboren wurde, heute überwiegend wohl nur noch bekannt als Verfasser geistlicher Lieder, stieß ich darauf, daß auch „Ich bete an die Macht der Liebe“ von ihm herstammt - der Text findet sich hier - ob dieser zu den bedeutenderen religiösen Dichtungen gehört, darin mag man geteilter Meinung sein (es gibt aber auch Liedtexte von unbestreitbarer Qualität von ihm), aber bemerkenswert wird er schon allein dadurch, dass er Bestandteil des „Große Zapfenstreichs“ ist, eines der wenigen Rituale, zu denen dieses Land sich noch durchzuringen vermag.

Und dann gab es am 25. November 1177 auch den glorreichen Sieg der Christen in der Schlacht von Montgisard, auf den sich das obige Bild bezieht.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Es regnet in Broda


Langandauernder Regen löst bei bei mir, wenn nicht hinderliche Umstände dazwischentreten, geradezu reflexhaft ein Gefühl angenehmer Melancholie aus, verbunden mit dem dringenden Bedürfnis, eine Oper von Händel anzuhören. Zumindest taucht in meinem Gemüt sofort regelmäßig das "Lascia Ch'io Pianga" aus seinem "Rinaldo" auf.



Und übrigens, da diese Oper sich Torquato Tassos "Gerusalemme liberata" bedient, mithin dem Thema der Kreuzzüge: Heute vor 796 Jahren, am 16. Juli 1212 fand bei Las Navas de Tolosa eine entscheidende Schlacht der Reconquista statt. Ein Bündnis aus Kastilien, Aragón und León unter Alfons VIII. besiegte die maurischen Almohaden unter Kalif Muhammad an-Nasir. Seit dieser Schlacht fiel ein Gebiet Spaniens nach dem anderen an die Christen zurück bis zur Eroberung Granadas am 2. Januar 1492.