Sonntag, 2. Juli 2017

Mariä Heimsuchung - ein Nachtrag

Antependium, Straßburg um 1410

Wir wollen unsere Geschwätzigkeit zu beschränken suchen. Das Fest Mariä Heimsuchung wird äußerlich auch heute noch in der lutherischen Kirche gelegentlich begangen (daher die Predigt). Die Kantate „Meine Seel erhebt den Herren“ (BWV 10) von 1724 kommt von Johann Sebastian Bach, für eben diesen Tag.

Herr Roloff, der hier hinreichend präsent ist und darum bekannt sein darf, hat aus diesem Anlaß eine sehr eindringliche und schöne Predigt auf die Gottesmutter halten dürfen. Sie hat mich angerührt. So folgt also der Nachtrag.



 Predigt zum Festtag Mariae Heimsuchung am 2. Juli 2017 in St. Nicolai zu Magdeburg

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext ist die Epistel des heutigen Tages aus dem 1. Timotheus Brief:

Und kündlich groß ist das gottselige Geheimnis: Gott ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt von der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit. Amen.

Liebe Gemeinde,

tatsächlich haben wir es hier ganz und gar mit einem unergründlichen Geheimnis zu tun. Maria, eine noch sehr junge Frau, begegnet einem Engel. Auch wir würden dem wohl nicht sofort trauen. Das macht aber nun gerade die Glaubwürdigkeit und das Unerfindliche dieser Geschichte aus.

Maria erschrickt. Sie findet den Gruß des Besuchers ganz und gar unangemessen. Und als er ihr die Schwangerschaft ankündigt, da bestärkt sie das nur in ihrer Skepsis, denn so viel weiß auch jede junge Frau im Lande Judäa, ohne Mann ist schwerlich schwanger werden.

Dann erzählt der Engel ihr von der schon hochbetagten Verwandten Elisabeth, die trotz ihres Alters auch schwanger geworden ist und betont: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich!“

Nun ist zwar das Alter eines Menschen ein sicher weniger großer Hinderungsgrund für das Eintreten einer Schwangerschaft als das völlige Fehlen eines Mannes, aber aus irgendeinem Grund fasst Maria Vertrauen zu Gabriel, dem Engel, dessen Name „Mann Gottes“, „Kraft Gottes“ bedeutet. Sie ergibt sich seiner Botschaft und spricht ihr: „Mir geschehe, wie du gesagt hast!“

An dieses Ereignis erinnert die Kirche am Verkündigungstag, dem 25. März. An ihm ereignet sich die Fleischwerdung des Erlösers. Sie wird zur unwiderruflichen Tatsache in dem Moment, da Maria, die Geliebte Gottes, das bedeutet nämlich ihr Name, ihren Gehorsam bezeugt. Es geschehe mir, wie du gesagt hast. In diesem Augenblick ist sie wahrhaftig schwanger geworden, und Gabriel verlässt sie wieder.

In diesem Augenblick treten Schöpfung und Erlösung in Eins. So wie Gott mit seinem Wort es geschehe, es werde, fiat, das Licht und dann alle Dinge aus dem Nichts in die Wirklichkeit rief – und auch das ist ein nicht zu lösendes Geheimnis – so wird nun durch die Antwort Mariens, durch ihr es werde, mir geschehe, fiat, die Fleischwerdung Jesu gewirkt, von ihr empfangen.

Zunächst wird sie diese Episode vielleicht für ein Traumgespinst gehalten haben. Dann aber kommt die Zeit, da sie das Wachsen des Kindes in ihrem Leibe spürt. Es wird ihr gewesen sein, als verlöre sie den Boden unter den Füßen. Egal, was der Besucher dort Großes und Weises erzählt hat, vor aller Welt würde nun bald feststehen, dass sie ihren Bräutigam, den treuen Joseph, entehrt. Sie drohte ihm zur größten Schande zu werden.

Aber irgendetwas hatte der Besucher doch auch noch von Elisabeth erzählt, bei ihr will Maria nun eilends Zuflucht nehmen. Ja, es ist vielmehr eine Flucht fort von Joseph als ein einfacher Verwandtenbesuch, den man wohl auch eher gemeinsam unternommen hätte.

Maria flüchtet, um ihrem Verlobten die Schande zu ersparen, die das sichtbar werdende Bäuchlein bedeutet hätte.
Es ist gar nicht auszudenken, was alles ihr auf dem Weg ins Gebirge durch den Kopf gegangen sein wird.

Und dann kommt sie an mit ihrem Geheimnis, das sie bedrückt und bedrängt und ihr ganzes Leben zu zerstören droht, wenn es bekannt wird.

Das ist das Außergewöhnliche an den Leiden der Gottesmutter. Die gleichen Umstände, die sie bedrücken und bedrängen, die sie als bedrohliches Geheimnis in sich trägt, werden ganz anders gedeutet, als sie endlich Elisabeth begegnet, bei der sie sich aussprechen, wohl noch eher ausweinen will.

Denn Elisabeth spürt, wie ihr Kind vor Freude in ihrem Leibe hüpft und antwortet auf Marias Gruß: Gebenedeit bist du unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.

Das ist doch derselbe Gruß, mit dem schon der Engel sie gegrüßt hatte, und auch die von ihm behauptete Schwangerschaft der Elisabeth, trotz ihres Alters, ist Wahrheit. Alles ist so, wie er es gesagt hat, der Engel des Herrn, die Kraft Gottes, der nichts unmöglich ist.

Und dann spricht die viel ältere Verwandte auch noch den folgenden Satz zu dem jungen Mädchen, das sie besucht: Und woher kommt mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

Sie weiß nicht nur von der Schwangerschaft Mariens, sie nennt den Ungeborenen ihren Herrn und bestätigt auch darin die Ankündigung Gabriels: Er wird ein Sohn des Höchsten genannt werden, er wird ein Gottessohn.

Plötzlich ist alles anders. Ein Anklang erreicht uns schon hier von dem viel späteren, noch viel leidvolleren Geschehen auf dem Wege nach Golgatha. Alle werden weinen und klagen, und die Mutter des Herrn wird kaum ertragen haben, was sie in jenen Stunden erleben musste. Ihr Sohn aber blickt sie an und sagt: Siehe, ich mache alles neu!

Ja, auch schon hier im Gebirge wird alles neu und ganz anders. Die Furcht Marias ist fort. Alles mündet ein in größte Ruhe und Gewissheit. Maria ist schlagartig von allen Zweifeln und Ängsten befreit und ganz selig. Das können wir wissen, weil nur jemand, der ganz befreit und selig ist, so sprechen kann, wie sie gesprochen hat:

Meine Seele erhebt den HERRN,  und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder; denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer. Er denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel wieder auf, wie er geredet hat unsern Vätern, Abraham und seinem Samen ewiglich.

Aus der Flucht ist eine Vergewisserung geworden. Maria ist ganz erfüllt von ihrem Auftrag und davon, dass alles richtig und gut ist, was sich mit ihr ereignet.

Jetzt sind da nur noch Freude und Erkenntnis der eigenen Situation und der Wahrheit dessen, was ihr vom Engel verkündet worden war. Niemals in der Geschichte der ganzen Schöpfung ist ein niedriger Mensch so erhoben worden wie sie, die Mutter Gottes. Ja, der Allmächtige hat tatsächlich eine niedrige Magd erhoben, damit der Höchste in unser Menschsein herabsteigen konnte.

Das ist das Geheimnis, von dem nun auch der Apostel kündet, und von dem wir künden sollen bis an das Ende der Welt.

Gott ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt von der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

Vor dieser Höhe des Ereignisses wird sie ganz erbärmlich, die moderne Theologie, die das Geheimnis der Jungfrauengeburt zum Übersetzungsfehler erklärt, die die Kindheitsgeschichten zu ausgedachten Fabeln macht und die sich am liebsten aus allem herausmogelt, was die Größe und Schönheit unseres Glaubens ausmacht.

Was wäre denn so berichtenswert daran, dass vor über 2000 Jahren eine junge Frau schwanger geworden ist? Wie kann man im Ernst die Auferstehung der Toten für wahr halten, wenn man der Jungfrauengeburt nicht glaubt?

Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß;

So singt Martin Luther vom gewaltigsten aller Geheimnisse. Der Schöpfer der Welt, aus dem alles hervorgegangen ist, der Ursprung und Urheber aller Dinge, der Allmächtige, Allgewaltige, der Ewige und Unendliche, der liegt im Schoße der Jungfrau und nimmt unser Fleisch an und wird Mensch.

Alles was er tut ist gerechtfertigt in Ewigkeit. Er ist den Engeln erschienen und wird allen Völkern gepredigt. Er wird von aller Welt und in aller Welt geglaubt. Wir predigen ihn und bezeugen ihn mit unserem Leben.

Er ist aufgenommen in die Herrlichkeit. Das ist es was wir glauben. In Christus ist unser Menschsein in das ewige Gottsein hineingenommen. Dadurch sind wir erlöst.

Alle Bedrängnis findet in dieser Gewissheit ihr Ende. Wen dieses Licht des Glaubens durchstrahlt, dem geht es wie Maria, die eben noch voller Sorge ist und dann erkennt, welches große beglückende Geheimnis ihr zuteil geworden ist. Mit der Gottesmutter sprechen und bekennen darum auch wir: „Seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten.“

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

nachgetragen am 15. Juli

Kommentare:

naturgesetz hat gesagt…

I'm not so sure about the idea that Mary was running away when she went to visit Elizabeth.

MartininBroda hat gesagt…

Zuerst bitte ich um Entschuldigung, daß ich auf Deutsch antworte. Ich habe diese Predigt von Herrn Roloff mehrfach gelesen und bin mir inzwischen sehr sicher, daß sie ein angemessener und würdiger menschlicher Versuch ist, das Geheimnis der allerseligsten Gottesmutter zu beschreiben, geschrieben nicht aus Anmaßung, sondern um ihr näher sein zu dürfen.

Zunächst, wie verhält sich ein Mensch, der aus allem Bekannten, das gut und geheiligt ist, herausgerissen wird, weil einem das Heilige selbst begegnet? Und die vermeintliche Vision hat reale Folgen. Einem bodengegründeten Mensch wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie hat auf einmal Angst, einem geliebten Menschen Schande zu bringen.

Obwohl sie der Vision zugestimmt hat und ohne ihr freiwilliges Ja nichts weiter geschehen wäre - außer dem Untergang von allem. Die Neuschöpfung der Welt braucht das Ja Marias. Aber sie bleibt als Mensch weiter in der vertrauten Welt und kennt zugleich das andere. Sie steht zwischen Himmel und Erde und erduldet diese Spannung, halb unbewußt, verstört, tastend, und flieht schließlich zu ihrer Verwandten, die sie überraschenderweise beruhigen kann.

Das ist, wenn man es so beschreiben will, psychologisch völlig schlüssig und mindert nichts an ihrer Würde, es macht sie eher mehr verständlich und für uns nebenbei sehr tröstlich: Da die Geschichte danach den bekannten Ausgang nimmt.