Samstag, 16. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 4

William Blake, „Adam findet Abel“

Die Verweise auf die vorausgegangenen Beiträge mag man hier nachlesen. Wir kämpfen uns jetzt weiter durch besagtes Buch. Und wer das vorige anstrengend fand, sei gewarnt, denn jetzt breitet Jung seine Arme aus und fliegt uns davon, und wir dürfen uns entscheiden, ob wir auf dem Boden verharren wollen oder ihm folgen. Wir könnten es ja versuchen, abstürzen können wir später immer noch.

Hagia Sophia, Konstantinopel, Maria, Fragment

Das Erscheinen der Weisheit Gottes

„Bevor wir uns nun der Frage zuwenden, wie der Keim der Unruhe sich weiter entwickelte, wollen wir unseren Blick rückwärts wenden auf die Zeit, in welcher das Hiobbuch verfaßt wurde. Leider ist die Datierung unsicher. Es wird angenommen, daß es zwischen 600 und 300 v. Chr. zustande gekommen ist, also zeitlich nicht allzu fern von den sogenannten Sprüchen Salomos (4. - 3. Jahrhundert). In letzteren nun begegnen wir einem Symptom griechischen Einflusses, der, wenn früher angesetzt, über Kleinasien, wenn später, über Alexandrien das jüdische Gebiet erreicht hat. Es ist die Idee der Σοφία oder Sapientia Dei, eines coaeternen, der Schöpfung praeexistenten, annähernd hypostasierten Pneuma weiblicher Natur: ... (Spr. VIII, 22 ff.).“

Unerfreulicherweise wissen wir seitdem nicht wesentlich mehr. Und ich muß noch einmal warnen, das Hiob-Kapitel war das einfachere. Gott entdeckt also die Weisheit, wieder, und weil Herr Jung das so schön beschreibt, folgt er erneut im Wortlaut:

„Gleichzeitig oder etwas später wird es ruchbar, was geschehen ist: er hat sich eines weiblichen Wesens, das ihm nicht minder gefällig ist als den Menschen, erinnert, einer Freundin und Gespielin seit der Urzeit, eines Erstlings aller Gottesgeschöpfe, eines fleckenlosen Abglanzes seiner Herrlichkeit von aller Ewigkeit her und einer Werkmeisterin der Schöpfung, seinem Herzen näher verwandt und vertraut als die späten Nachfahren des sekundär geschaffenen, mit der Gottesimago geprägten Protoplasten (Urmensch). Es ist wohl eine dira necessitas, welche den Grund zu dieser Anamnesis der Sophia bildet: es konnte nicht mehr so weitergehen wie bisher; der 'gerechte' Gott konnte nicht mehr selber Ungerechtigkeiten begehen und der 'Allwissende' sich nicht mehr so verhalten, wie ein ahnungs- und gedankenloser Mensch. Selbstreflexion wird zur gebieterischen Notwendigkeit, und dazu braucht es Weisheit: Jahwe muss sich seines absoluten Wissens erinnern. Denn, wenn Hiob Gott erkennt, dann muß auch Gott sich selber erkennen. Es konnte nicht sein, daß aller Welt Jahwes Doppelnatur ruchbar wurde und nur ihm selber verborgen blieb. Wer Gott erkennt, wirkt auf ihn. Das Scheitern des Versuches, Hiob zu verderben, hat Jahwe gewandelt.“

„Weisheitssprüche scheinen an der Tagesordnung zu sein, und ein eigentliches Novum, nämlich apokalyptische Mitteilungen, macht sich bemerkbar. Das deutet auf metaphysische Erkenntnisakte, das heißt auf 'konstellierte' unbewußte Inhalte, die bereit sind, ins Bewußtsein durchzubrechen. In allem ist, wie schon gesagt, Sophias hilfreiche Hand am Werke.“

Wenn man Jahwes Verhalten bis zum Wiederauftreten der Sophia im Ganzen betrachte, so falle die eine unzweifelhafte Tatsache auf, daß sein Handeln von einer inferioren Bewußtheit begleitet sei. Immer wieder vermisse man die Reflexion und die Bezugnahme auf das absolute Wissen. Seine Bewußtheit scheine nicht viel mehr als eine primitive „awareness“ (wofür es leider kein deutsches Wort gäbe) zu sein.

„Man kann den Begriff mit 'bloß wahrnehmendes Bewußtsein' umschreiben. Awareness kennt keine Reflexion und keine Moralität. Man nimmt bloß wahr und handelt blind, das heißt ohne bewußt reflektierte Einbeziehung des Subjektes, dessen individuelle Existenz unproblematisch ist. Heutzutage würde man einen solchen Zustand psychologisch als 'unbewußt'« und juristisch als 'unzurechnungsfähig' bezeichnen.“

Die Tatsache, daß das Bewußtsein keine Denkakte vollziehe, beweise aber nicht, daß solche nicht vorhanden seien. Sie verliefen bloß unbewußt und machten sich indirekt bemerkbar in Träumen, Visionen, Offenbarungen und „instinktiven“ Bewußtseinsveränderungen, aus deren Natur man erkennen könne, daß sie von einem „unbewußten“ Wissen herrührten und durch unbewußte Urteilsakte und Schlüsse zustande gekommen seien.

„Etwas derartiges beobachten wir in der merkwürdigen Veränderung, die nach der Hiobepisode sich im Verhalten Jahwes eingestellt hat. Es ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß ihm die moralische Niederlage, die er sich Hiob gegenüber zugezogen hat, zunächst nicht zum Bewußtsein gekommen war. In seiner Allwissenheit stand diese Tatsache allerdings schon seit jeher fest, und es ist nicht undenkbar, daß dieses Wissen ihn unbewußt allmählich in die Lage gebracht hat, so unbedenklich mit Hiob zu verfahren, um durch die Auseinandersetzung mit letzterem sich etwas bewußt zu machen und eine Erkenntnis zu gewinnen.“

Wie immer, wenn ein äußeres Ereignis an ein unbewußtes Wissen rühre, könne letzteres bewußt werden. Man erkenne das Ereignis als ein „deja vu“ und erinnere sich an ein präexistentes Wissen darum. Etwas derartiges müsse mit Jahwe geschehen sein. Die Überlegenheit Hiobs könne nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Damit sei eine Situation entstanden, die nun wirklich des Nachdenkens und der Reflexion bedürfe. Aus diesem Grunde greife Sophia ein. Sie unterstütze die nötige Selbstbesinnung und ermögliche dadurch den Entschluß Jahwes, nun selber Mensch zu werden. Damit falle eine folgenschwere Entscheidung: er erhebe sich über seinen früheren primitiven Bewußtseinszustand, indem er indirekt anerkenne, daß der Mensch Hiob ihm moralisch überlegen sei und daß er deshalb das Menschsein noch nachzuholen habe.

Gott will Mensch werden...


Hätte er diesen Entschluß nicht gefaßt, so wäre er in flagranten Gegensatz zu seiner Allwissenheit geraten. Jahwe müsse Mensch werden, denn diesem habe er Unrecht getan. Er, als der Hüter der Gerechtigkeit, wisse, daß jedes Unrecht gesühnt werden müsse, und die Weisheit wisse, daß auch über ihm das moralische Gesetz walte. „Weil sein Geschöpf ihn überholt hat, muß er sich erneuern.“

„Es sind eigentlich erst die sorgfältigen und vorausschauenden Vorbereitungen zur Geburt Christi, welche erkennen lassen, daß die Allwissenheit anfängt, einen nennenswerten Einfluss auf Jahwes Handeln zu gewinnen. Ein gewisser philanthropischer und universalistischer Zug macht sich bemerkbar. Die 'Kinder Israel' treten gegenüber den Menschenkindern etwas in den Hintergrund, auch hören wir seit Hiob zunächst nichts mehr von neuen Bünden.“

Die Annäherung der Sophia bedeute neue Schöpfung. (Übrigens tritt sie schon im Hiob-Buch selbst kurz auf, das nur nebenbei.) Diesmal solle aber nicht die Welt geändert werden, sondern Gott wolle sein eigenes Wesen wandeln. Die Menschheit solle nicht, wie früher, vernichtet, sondern gerettet werden. Man erkenne in diesem Entschluß den menschenfreundlichen Einfluß der Sophia: es sollen keine neuen Menschen geschaffen werden, sondern nur Einer, der Gottmensch. Wie gesagt, jetzt müssen wir sozusagen Jung konzentriert ertragen.

...und die Hl. Jungfrau hilft dabei


Zu diesem Zwecke müsse ein umgekehrtes Verfahren angewendet werden. Der männliche Adam secundus solle nicht als Erster unmittelbar aus der Hand des Schöpfers hervorgehen, sondern aus dem menschlichen Weibe geboren werden. Die Priorität falle diesmal also der Eva secunda zu, und zwar nicht etwa nur in zeitlichem, sondern auch in substantiellem Sinne.

„Mit Berufung auf das sog. Proto-Evangelium, nämlich speziell Genesis 3, 15, entspricht die zweite Eva dem 'Weibe und seinem Samen', das der Schlange 'den Kopf zertreten' wird. Wie Adam als ursprünglich hermaphroditisch gilt, so gilt auch das 'Weib und sein Samen' als ein Menschenpaar, nämlich als die Regina coelestis und Gottesmutter einerseits und der göttliche Sohn, der keinen menschlichen Vater hat, andererseits.“

So werde Maria, die Jungfrau, als reines Gefäß für die kommende Gottesgeburt auserwählt. Ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom Manne werde durch ihre prinzipielle Jungfrauschaft hervorgehoben. Sie sei eine 'Gottestochter', die, wie später dogmatisch festgestellt werden wird, von allem Anfang an schon durch das Privileg der unbefleckten Empfängnis ausgezeichnet und damit von der Befleckung der Erbsünde befreit sei. Ihre Zugehörigkeit zum „status ante lapsum“ sei daher evident. Damit würde ein neuer Anfang gesetzt.

Die göttliche Makellosigkeit ihres Zustandes lasse ohne weiteres erkennen, daß sie nicht nur die imago Dei in ungeminderter Reinheit trage, sondern daß sie als Gottesbraut auch ihren Prototypus, die Sophia, inkarniere. Ihre in den alten Dokumenten ausführlich hervorgehobene Menschenfreundlichkeit lasse vermuten, daß Jahwe in dieser seiner neuesten Schöpfung sich von Sophia in wesentlichen Stücken habe bestimmen lassen. Denn Maria, die „gebenedeite unter den Weibern“, sei eine Freundin und Fürbitterin der Sünder, welche die Menschen allesamt seien. Sie sei wie Sophia eine Mediatrix, die zu Gott führe und den Menschen dadurch das Heil der Unsterblichkeit sichere. Ihre Assumptio sei das Vorbild für die leibliche Auferstehung des Menschen. Als Gottesbraut und Himmelskönigin habe sie die Stelle der alttestamentlichen Sophia inne.

Maria würde durch die Anwendung besonderer Schutzmaßnahmen sozusagen zum Status einer Göttin erhoben und büße damit ihre volle Menschlichkeit ein: Sie würde ihr Kind nicht wie alle anderen Mütter in der Sünde empfangen und daher würde es auch nie ein Mensch, sondern ein Gott sein. Man habe seines Wissens nie gesehen, daß damit die wirkliche Menschwerdung Gottes in Frage gestellt bzw. nur teilweise vollzogen würde. Beide, Mutter und Sohn, seien keine wirklichen Menschen, sondern Götter.

Diese Veranstaltung bedeute zwar eine Erhöhung der Persönlichkeit Mariae im männlichen Sinn, indem sie der Vollkommenheit Christi angenähert würde, aber zugleich auch eine Kränkung des weiblichen Prinzips der Unvollkommenheit bzw. der Vollständigkeit, indem dieses durch Perfektionierung bis auf jenen kleinen Rest, der Maria noch von Christus unterscheide, vermindert würde.

Ich denke, spätestens hier sind die meisten meiner geschätzten Leser innerlich ausgestiegen. Andere, aus dogmatischen Gründen, möglicherweise kurz zuvor. Daß Gott sich seiner bewußt wird und dazu die Weisheit heranzieht, das ist ein schöner Gedanke; daß das nicht ohne Folgen bleiben kann, liegt auf der Hand.

Diese Weisheit mit der allerseligsten Jungfrau in Verbindung zu bringen, gefällt meinem marianisch gestimmten Herzen. Aber wenigstens dieser eine theologische Einwand: Die volle Menschlichkeit wäre ja wohl die ursprüngliche, ursprünglich war der Mensch aber sündlos geschaffen. Eine sündlose Inkarnation stellt also die Menschlichkeit eben gerade wieder her. Doch zurück zu Jung:

“Obschon es sich bei der Geburt Christi um ein geschichtliches und einmaliges Ereignis handelt, so ist es doch immer schon in der Ewigkeit vorhanden gewesen. Dem Laien in diesen Dingen ist die Vorstellung der Identität eines unzeitlichen und ewigen mit einem einmaligen historischen Ereignis stets schwer gefallen. Er muss sich aber an den Gedanken gewöhnen, dass 'Zeit' ein relativer Begriff ist und eigentlich ergänzt werden sollte durch den Begriff einer 'gleichzeitigen' Bardo- oder pleromatischen Existenz aller geschichtlichen Vorgänge.“

Über die natürliche Erkenntnis Gottes 


„Als Jahwe die Welt aus seiner Urmaterie, dem sogenannten 'Nichts', schuf, konnte er gar nicht anders als sich selber in die Schöpfung, die er in jedem Stücke selber ist, hineingeheimnissen, wovon jede vernünftige Theologie schon längstens überzeugt ist. Daher kommt die Überzeugung, man könne Gott aus seiner Schöpfung erkennen. Wenn ich sage, er hätte nicht anders gekonnt, so bedeutet dies keine Einschränkung seiner Allmacht, sondern im Gegenteil die Anerkennung, daß alle Möglichkeiten in ihm beschlossen sind, und es daher gar keine anderen gibt als diejenigen, die ihn ausdrücken.“

„Alle Welt ist Gottes, und Gott ist in aller Welt von allem Anfang an. Wozu dann die große Veranstaltung der Inkarnation? fragt man sich erstaunt. Gott ist ja de facto in allem, und doch muß irgend etwas gefehlt haben, daß nunmehr ein sozusagen zweiter Eintritt in die Schöpfung mit soviel Umsicht und Sorgfalt inszeniert werden soll.“

„Man vergegenwärtige sich, was das heißt: Gott wird Mensch. Das bedeutet nichts weniger als weltumstürzende Wandlung Gottes. Es bedeutet etwas wie seinerzeit die Schöpfung, nämlich eine Objektivation Gottes. Damals offenbarte er sich in der Natur schlechthin; jetzt aber will er, noch spezifischer, gar zum Menschen werden.“

Gott stellt also mit seiner Inkarnation den Menschen in seinem Mensch-Sein wieder her und zugleich erlöst Gott sich selbst, indem er Mensch wird. Wir haben schon einen interessanten Gott als Archetypus in uns, wir Abendländer.

wird, sub conditione Jacobaea, fortgesetzt werden

Freitag, 15. Januar 2016

Sehr widerwilliger politischer Eintrag

Sie haben ihr also einen Brief geschrieben, mein Gott, keinen Antrag wollten sie mehr stellen. Denn das könne sie beschädigen, die Kandesbunzlerin. Aber so konnten immerhin die, denen der hündische Opportunismus nicht den letzten Stolz geraubt hatte, falls jemals vorhanden, sagen: Wir haben ihr einen Brief geschrieben. Und im kleinen Karo ist das ja auch mutig: Man wird von der Pfründenvergabe ausgeschlossen, ist als Stallbewohner stigmatisiert etc., über keine Ahnung verfügend, daß es diesen Stall womöglich bald nicht mehr geben wird.

Ich will diesen Beitrag langweilig halten und mich folglich widerwillig zunächst biographisch stellen. Darum: Als ich noch mit Schulrecht beiläufig zu tun hatte und einem westdeutschen „Kollegen“ vorhielt, seit 1990 hätte sich die Loseblattsammlung Schulrecht verfünffacht, ich wüßte aber nicht, das das Schulsystem in Ermangelung dieser Bereicherung 1991 zusammengebrochen sei, wurde ich sehr herablassend beschieden, dann hätte ich nicht die Rechtsgarantie des Grundgesetzes verstanden und ihre Folgen. Aha.

Der frühere Bundesverfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier redet gerade von einem "eklatanten Politikversagen". Der Verfassungsstaat dürfe nicht "durch die Politik aus den Angeln gehoben werden" und müsse Gefahren entgegentreten, die durch eine dauerhafte, unlimitierte und unkontrollierte Migration entstehen könnten. Wie schön. Eine kleine Erinnerung an 16a des GG:

„(1) Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

(2) Auf Absatz 1 kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaften oder aus einem anderen Drittstaat einreist, in dem die Anwendung des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten sichergestellt ist. Die Staaten außerhalb der Europäischen Gemeinschaften, auf die die Voraussetzungen des Satzes 1 zutreffen, werden durch Gesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf, bestimmt. In den Fällen des Satzes 1 können aufenthaltsbeendende Maßnahmen unabhängig von einem hiergegen eingelegten Rechtsbehelf vollzogen werden.“

Wenn ich es recht verstanden habe, fordert man in oben genanntem Brief, daß geltendes (?) Recht wieder angewandt werden solle, und es scheint offenbar einige mehr zu geben, die das so sehen (vor allem, wenn sie mittlerweile pensioniert sind).

Herr E. R. von hier hält von solchen Briefen nichts. Die Kanzlerin wisse um die Probleme und es gehe nur mit der Kanzlerin. Da kann man nur noch ausrufen, wenn das der Führer wüßte. Die Anwendung gültigen Rechts schwäche also die Kanzlerin.

Rs. Rostocker Kollege P. S, steht auch zur K'in. Die Lösung des Problems sei nur im europäischen Kontext zu finden. Einen Brief kenne er nicht, sagt Stein, und den werde er auch nicht unterzeichnen. Logisch interessant, aber bekannt.

Übrigens. Die europäische Lösung. Warum sollte es sie geben. Warum sollten andere europäische Länder eine Last mittragen, die diese sog. Kanzlerin, aus welchem Gemütszustand immer, jedenfalls erheblich verursacht hat und die sich erstaunlicherweise auf Deutschland, so man diesen Begriff noch gebrauchen darf, weitgehend beschränkt.. Sie werden es nicht. Und jeder, der anderes behauptet, weiß, daß er gerade alles mögliche erzählt, Wahres nicht. Es ist Beschwichtigungsgetue, angesichts von Tatsachen!

Jeder Bürger darf von einer Regierung verlangen, das bestehende Recht auch tatsächlich in Anwendung zu bringen. Nach dem Wortlaut unseres Grundgesetzes hat niemand, der aus Mitgliedsstaaten der EU oder anderen sicheren Drittstaaten einreist, das Recht, sich auf Artikel 16a, Absatz 1 des Grundgesetzes zu berufen.

Darüber hinaus stellt sich natürlich auch die Frage, wer mit welcher Berechtigung eigentlich die Geltung des Absatzes 2 des Artikels 16a außer Kraft gesetzt hat. Und: Wer hier auf dem Boden des Grundgesetzes steht und wer nicht, sollte doch wohl noch immer ganz zwingend unter strenger Beachtung des Wortlauts des Grundgesetzes entschieden werden.

Eine kleine Beobachtung. Die bundesdeutsche Parteienlandschaft wird im Osten von einem Anteil der Bevölkerung durch Mitgliedschaft mitgetragen, da käme jede Freikirche ins Grübeln. Und selbst das sublimiert rasant. Das könnte man ja noch als Folklore ignorieren und seinem ehrlichen Tagesgeschäft nachgehen, so einem eines gegeben ist.

Oder man sagte sich, die Streben für die Kulisse sind hier nun einmal besonders dünn, aber vielleicht ist das Stück unterhaltsam. Nein, ist es nicht. Um dabei zu bleiben, ich hasse politische Themen hier, es kommt mir jedesmal wie eine Verunreinigung vor, aber das soll eine alte deutsche Untugend sein, insofern tröstet mich der Gedanke, eventuell ein authentisches Artefakt zu sein. Und es ist ja im Kopf, man erstickt fast daran.

Ich kenne das aus dem vergangenen Protektorat, in dem ich mehr als nur meine Jugend genossen habe. Kann es sein, daß man selbst normal ist, die meisten anderen aber sind es nicht? Es klingt nicht plausibel.

Plausibel klingt übrigens auch nicht, was Herr. R aus ihrer Domestiken-Schar oben meinte.

Hingegen steht in besagtem Brief offenkundig Vernünftiges: "Im Jahr 2014 haben wir knapp 200.000 Flüchtlinge aufgenommen. Für das vergangene Jahr gab es die Prognose von 400.000, tatsächlich haben wir im gesamten Jahr 2015 über 1 Million Schutzsuchender aufgenommen. Die genaue Zahl kennen wir nicht und können wir auch nicht kennen, weil einige Flüchtlinge von Deutschland aus in die Nachbarländer weitergereist sind und weil es auch in nicht unerheblichem Umfange unkontrollierte und damit unregistrierte Zuwanderung gegeben hat."

Selbst wenn es bei „nur“ bei  3.000-4.000 Flüchtlingen pro Tag bliebe, würden auch in diesem Jahr wiederum 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Das sind Menschen, die in ihrem eigenen Land keine Perspektive hatten und kaum die Voraussetzungen mitbringen, hier eine zu entdecken. Und wenn es doch wenigstens alles nur Syrer wären, das Land hat oder hatte eine überschaubare Einwohnerzahl. Dem ist aber nicht so.

Wir erleben die Entscheidungen irrlichternder Gestalten und den Gehorsam der Horde. Die Entscheidung dieser Frau M, das Elend der Welt ins Land einzuladen, vorbei an Recht und Gesetz, hat alle Chancen, dieses Land zu zerstören, und wem wäre damit am Ende geholfen? Leute in ein brennendes Haus einzuladen, ist allenfalls zynisch oder einfach nur dumm. Mit anderen Worten, vor gut 70 Jahren mußten alle Deutschen in die Welt, damit es gut wird, jetzt müßten alle nach Deutschland, aus nämlichem Grund, beides ist sich spiegelnd krank.

Hier wollte ich eigentlich enden, aber da fällt mir ein regierungsnaher „Demoskop“ (früher, vor etwa 2 ½ Tausend Jahren hieß das Hofprophet) ein. Die Diskussion über die Kölner Silvester-Ereignisse stabilisiere die AfD, die zum Sammelbecken all jener geworden sei, die latent anfällig wären für fremdenfeindliches und rechtsradikales Gedankengut.

Aber er liefert die tröstliche Botschaft für seine Brötchengeber gleich mit: Doch dieses Potential von rund einem Zehntel aller Bundesbürger (die mit den bösen Absichten, Empirie ist Nebensache) habe die AfD weitgehend ausgeschöpft. Mit viel größerem Zulauf müsse deshalb nicht gerechnet werden. Schließlich wüßten die meisten Bürger, daß die AfD außer Parolen nichts zur Lösung dieses Problems beitragen könne.

So spricht also jemand, und wir tun jetzt mal so, als gehöre Demoskopie zu den empirischen Wissenschaften, der berufsmäßig neutral an die Sache herangeht, Vieles wäre noch zu sagen, aber mir ist jetzt schon übel genug. Wir wollen enden mit einem Spruch aus Hesekiel.

„Ist's nicht also, daß euer Gesicht ist nichts und euer Weissagen ist eitel Lügen? und ihr sprecht doch: "Der Herr hat's geredet", so ich's doch nicht geredet habe.
Darum spricht der Herr also: Weil ihr das predigt, woraus nichts wird, und Lügen weissagt, so will ich an euch, spricht der Herr.
Und meine Hand soll kommen über die Propheten, so das predigen, woraus nichts wird, und Lügen weissagen. Sie sollen in der Versammlung meines Volkes nicht sein und in der Zahl des Hauses Israel nicht geschrieben werden noch ins Land Israels kommen; und ihr sollt erfahren, daß ich der Herr bin.
Darum daß sie mein Volk verführen und sagen: "Friede!", so doch kein Friede ist. Das Volk baut die Wand, so tünchen sie dieselbe mit losem Kalk.
Sprich zu den Tünchern, die mit losem Kalk tünchen, daß es abfallen wird; denn es wird ein Platzregen kommen und werden große Hagel fallen und ein Windwirbel wird es zerreißen.
Siehe, so wird die Wand einfallen. Was gilt's? dann wird man zu euch sagen: Wo ist nun das getünchte, das ihr getüncht habt?
So spricht der Herr: Ich will einen Windwirbel reißen lassen in meinem Grimm und einen Platzregen in meinem Zorn und große Hagelsteine im Grimm, die sollen alles umstoßen.
Also will ich die Wand umwerfen; die ihr mit losem Kalk getüncht habt, und will sie zu Boden stoßen, daß man ihren Grund sehen soll; so fällt sie, und ihr sollt darin auch umkommen und erfahren, daß ich der Herr sei.
Also will ich meinen Grimm vollenden an der Wand und an denen, die sie mit losem Kalk tünchen, und will zu euch sagen: Hier ist weder Wand noch Tüncher.
Das sind die Propheten Israels, die Jerusalem weissagen und predigen von Frieden, so doch kein Friede ist, spricht der Herr.
Hesekiel 13,7-16

Dienstag, 12. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 3

William Blake, Und Elohim schuf Adam

Das ist jetzt die dritte Station unserer Lesereise durch C. G. Jungs „Antwort auf Hiob“. Ein Einstieg findet sich hier, eine Darlegung seiner methodologischen Prinzipien dort, vor allem die Erzählung an diesem Ort. Und jetzt soll es um das Gottesbild gehen, das er uns vorstellt. Ich habe mich diesmal sehr bemüht, mich mit aufdringlichen Kommentaren oder Erklärungsversuchen zurückzuhalten. Das müßte schon gesondert erfolgen, auch ein Versuch, die Linien dieses Gottesdramas nachzuzeichnen, sowie  - für die Frommen unter meinen Lesern - wie dies alles einzuordnen sei.

Das soll folgen, aber sicherlich nicht morgen. Sonst laufen mir noch die anderen verbliebenen Leser weg. Nein, das ist natürlich nicht der Grund. Aber man muß ja auch selbst ein wenig über das nachdenken, was man da so liest und schreibt. Und wer das bisherige unbefriedigend findet, nun, dann sind wir schon zwei.


Ein Gott auf der Couch

„Als das Buch entstand“ so Jung, „lagen schon vielerlei Zeugnisse vor, welche ein widerspruchsvolles Bild Jahwes entworfen hatten, nämlich das Bild eines Gottes, der maßlos war in seinen Emotionen und an eben dieser Maßlosigkeit litt. Er gab es sich selber zu, daß ihn Zorn und Eifersucht verzehrten und daß ihm dieses Wissen leidvoll war. Einsicht bestand neben Einsichtslosigkeit, wie Güte neben Grausamkeit und wie Schöpferkraft neben Zerstörungswillen. Es war alles da, und keines hinderte das andere.“

Ein derartiger Zustand sei nur denkbar, wenn entweder kein reflektierendes Bewußtsein vorhanden sei, oder wenn die Reflexion ein bloß ohnmächtig Gegebenes und Mitvorkommendes darstelle. Mit anderen Worten, der Übeltäter schaue sich allenfalls bei seinem Tun selber zu, ohne innezuhalten. Das Stichwort ist gefallen: „Ein Zustand, der solchermaßen beschaffen ist, kann nur als amoralisch bezeichnet werden.“

In einem Menschen, der uns Böses antue, könnten wir nicht zugleich den Helfer erwarten. Jahwe aber sei kein Mensch; Er sei beides, Verfolger und Helfer in einem, wobei der eine Aspekt so wirklich sei wie der andere. Jahwe sei nicht gespalten, sondern eine Antinomie, eine totale innere Gegensätzlichkeit, die unerläßliche Voraussetzung seiner ungeheuren Dynamik, seiner Allmacht und Allwissenheit. Aus dieser Erkenntnis heraus halte Hiob daran fest, ihm „seine Wege darzutun“, das heißt, ihm seinen Standpunkt klar zu machen, denn ungeachtet seines Zornes sei er sich selber gegenüber auch der Anwalt des Menschen, der eine Klage vorzubringen habe.

„Man könnte über die Gotteserkenntnis Hiobs noch mehr erstaunt sein, wenn man von der Amoralität Jahwes hier zum ersten Male vernähme. Die unberechenbaren Launen und verheerenden Zornanfälle Jahwes waren aber seit alters bekannt. Er erwies sich als eifersüchtiger Hüter der Moral; insbesondere war er empfindlich in bezug auf Gerechtigkeit. Er mußte daher stets als 'gerecht' gepriesen werden, woran, wie es scheint, ihm nicht wenig lag. Dank diesem Umstand beziehungsweise dieser Eigenart hatte er distinkte Persönlichkeit, die sich von der eines mehr oder weniger archaischen Königs nur durch den Umfang unterschied.“

Wir sind mittendrin in Jungs Analyse der distinktiven Persönlichkeit, die uns im Gott Jahwe entgegentritt. Das heißt, er nimmt diese aus dem Archetypus des Göttlichen erwachsende Gestalt, genauer Person ernst und wahr und behandelt sie entsprechend. Der Persönlichkeitstypus, den er sieht, ist der eines archaischen Menschen, genauer Herrschers, machtbewußt, amoralisch, willkürhaft. Nur eben mit unendlich gesteigerter Macht. Dazu gehört auch das Abverlangen von Loyalität. Denn Jahwe ist nicht nur ein amoralischer, er ist auch ein einsamer Gott, auf den Menschen angewiesen.

„Sein eifersüchtiges und empfindliches Wesen, das mißtrauisch die treulosen Herzen der Menschen und ihre heimlichen Gedanken durchforschte, erzwang ein persönliches Verhältnis zwischen ihm und dem Menschen, der nicht anders konnte, als sich persönlich von ihm angerufen zu fühlen.“

Um mit einem eigenen Gedanken dazwischenzutreten. Das Erwachen des Religiösen im Menschen war wohl zuerst ein Phänomen von Überwältigung durch eine numinose Macht. Der Einbruch einer gesteigerten Kraft in das menschliche Bewußtsein, der man sich unterwirft, vor der man sich schützt, mit der man sogar in Verbindung treten wollte, um einen Verbündeten zu gewinnen etwa...

Jung findet einen wesentlichen Punkt. Jahwe ist auffällig anders als seine Götterkollegen. Er vergleicht ihn mit dem „allwaltenden Vater Zeus, der wohlwollend und etwas detachiert die Ökonomie der Welt auf altgeheiligten Bahnen abrollen ließ und nur das Unordentliche bestrafte. Er moralisierte nicht, sondern waltete instinkthaft. Von den Menschen wollte er nichts als die ihm gebührenden Opfer; mit ihnen wollte er schon gar nichts, denn er hatte keine Pläne mit ihnen. Vater Zeus ist zwar eine Gestalt, aber keine Persönlichkeit. Jahwe dagegen lag es an den Menschen. Sie waren ihm sogar ein Anliegen erster Ordnung. Er brauchte sie, wie sie ihn brauchten, dringlich und persönlich.“

Nach Jung waren die Menschen des frühen Altertums von ihren archaischen Göttern derlei Launen gewohnt, bei Jahwe war es insofern anders, als in der religiösen Beziehung eine persönlich moralische Bindung hinzutrat. Er bringt als Beispiel für die Problematik den David zugeschriebenen Psalm 89, in dem dieser sich über Jahwes Vertragsbruch beklagt und resümiert:

„Der Interlocutor kann es allerdings nicht wagen, mit dem allmächtigen Partner wegen des Vertragsbruches zu rechten. Er weiß, was er zu hören bekäme, wenn er der bedauernswerte Rechtsbrecher wäre. Er muß sich, weil es sonst lebensgefährlich für ihn würde, auf das höhere Niveau der Vernunft zurückziehen und erweist sich damit, ohne es zu wissen und zu wollen, als dem göttlichen Partner in intellektueller sowohl als moralischer Hinsicht leise überlegen. Jahwe merkt es nicht, daß er 'behandelt' wird, so wenig wie er versteht, warum er anhaltend als gerecht gepriesen werden muß. Er hat einen dringlichen Anspruch an sein Volk, in allen möglichen Formen 'gepriesen' und propitiiert zu werden, mit dem offensichtlichen Zweck, ihn um jeden Preis bei Laune zu erhalten.“

„Jahwe liebt keine kritischen Gedanken, welche den von ihm verlangten Anerkennungszufluß irgendwie schmälern könnten. So laut seine Macht durch die kosmischen Räume dröhnt, so schmal ist die Basis ihres Seins, das nämlich einer bewußten Widerspiegelung bedarf, um wirklich zu existieren. Gültig ist das Sein natürlich nur, wo es jemandem bewußt ist. Darum bedarf ja der Schöpfer des bewußten Menschen, obschon er diesen, aus Unbewußtheit, am Bewußtwerden lieber verhindern möchte.“

Der hieraus sichtbar werdende Charakter passe zu einer Persönlichkeit, die nur vermöge eines Objektes sich ein Gefühl eigener Existenz verschaffen könne. Die Abhängigkeit vom Objekt ist absolut, wenn das Subjekt keinerlei Selbstreflexion und damit auch keine Einsicht in sich selbst besitze. Es habe den Anschein, als ob es nur vermöge des Umstandes existiere, daß es ein Objekt habe, welches dem Subjekt versichere, es sei vorhanden. Wenn Jahwe, wie man wenigstens von einem einsichtigen Menschen erwarten dürfte, wirklich seiner selbst bewußt wäre, so hätte er, in Anbetracht der wirklichen Sachlage, den Lobpreisungen seiner Gerechtigkeit wenigstens Einhalt tun müssen.

Er sei aber zu unbewußt, um „moralisch“ zu sein. Moralität setze Bewußtsein voraus. Damit solle selbstverständlich nicht gesagt sein, daß Jahwe etwa unvollkommen oder böse sei wie ein gnostischer Demiurg. Er sei jede Eigenschaft in ihrer Totalität, also unter anderem die Gerechtigkeit schlechthin, aber auch das Gegenteil, und dies ebenso vollständig.

So wenigstens müsse er gedacht werden, wenn man sich ein einheitliches Bild seines Wesens machen wolle. Wir müßten uns dabei nur bewußt bleiben, daß wir damit nicht mehr als ein anthropomorphes Bild entworfen hätten, welches nicht einmal besonders anschaulich sei. Die Äußerungsweise des göttlichen Wesens lasse erkennen, daß die einzelnen Eigenschaften ungenügend aufeinander bezogen seien, so daß sie in einander widersprechende Akte zerfielen. So zum Beispiel reue es Jahwe, Menschen gemacht zu haben, wo doch seine Allwissenheit von Anfang an genau im Bilde darüber war, was mit solchen Menschen geschehen würde.

Hiob und Gott 

Zurück zu Hiob. Nachdem Jung den Gott Jahwe sehr plastisch analysiert hat, fragt er nach dem Verhältnis der beiden: „Das Verhalten des Gottes ist, vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet, dermaßen empörend, daß man sich fragen muß, ob dahinter nicht ein tieferreichendes Motiv verborgen liegt? Sollte Jahwe einen geheimen Widerstand gegen Hiob haben? Das könnte sein Nachgeben gegenüber Satan erklären.“

Was aber besitze der Mensch, das der Gott nicht habe? Wegen seiner Kleinheit, Schwäche und Wehrlosigkeit dem Mächtigen gegenüber besitze er ein etwas schärferes Bewußtsein auf Grund der Selbstreflexion: Er müsse sich, um bestehen zu können, immer seiner Ohnmacht dem allgewaltigen Gott gegenüber bewußt bleiben. Letzterer bedürfe dieser Vorsicht nicht, denn nirgends stoße er auf jenes unüberwindliche Hindernis, das ihn zum Zögern und damit zur Selbstreflexion veranlassen könnte.

„Sollte Jahwe Verdacht geschöpft haben, daß der Mensch ein zwar unendlich kleines, aber konzentrierteres Licht als er, der Gott, besitzt? Eine Eifersucht solcher Art könnte das Benehmen Jahwes vielleicht erklären. Es wäre begreiflich, wenn eine derartige, nur geahnte und nicht begriffene Abweichung von der Definition eines bloßen Geschöpfes das göttliche Mißtrauen erregte... Auch der getreue Hiob könnte schließlich etwas im Schilde führen…, daher die überraschende Bereitschaft, den Einflüsterungen Satans entgegen der eigenen Überzeugung zu folgen!“

„Was ist es - um das Nächste zu nennen - mit dem moralischen Unrecht, das Hiob erlitten? Oder ist der Mensch im Angesichte Jahwes dermaßen nichtswürdig, dass ihm nicht einmal ein 'tort moral' geschehen kann? Das widerspräche der Tatsache, dass der Mensch von Jahwe begehrt wird, und daß es letzterem offenkundig eine Angelegenheit bedeutet, ob die Menschen 'recht' von ihm reden. Er hängt an Hiobs Loyalität, und es kommt ihm so viel darauf an, daß er zugunsten seines Testes vor nichts zurückschreckt.“

Diese Einstellung verleihe dem Menschen beinahe göttliches Gewicht, denn was anderes gäbe es in der weiten Welt, das dem, der alles hat, noch etwas bedeuten könnte? Die zwiespältige Haltung Jahwes, welche einerseits menschliches Glück und Leben achtlos zerträte, andererseits aber den Menschen zum Partner haben müsse, versetze diesen in eine geradezu unmögliche Situation: einerseits benähme sich Jahwe unvernünftig nach dem Vorbild von Naturkatastrophen und ähnlichen Unabsehbarkeiten, andererseits wolle er geliebt, geehrt, angebetet und als gerecht gepriesen werden. Er reagiere empfindlich auf jedes Wörtchen, das auch nur im entferntesten Kritik vermuten ließe, während er sich um seinen eigenen Moralcodex nicht kümmere, wenn sein Handeln mit dessen Paragraphen kollidiere.

Einem derartigen Gotte könne sich der Mensch nur mit Furcht und Zittern unterwerfen und indirekt versuchen, mit massiven Lobpreisungen und ostentativem Gehorsam den absoluten Herrscher zu propitiieren. Ein Vertrauensverhältnis aber erscheine dem modernen Empfinden als völlig ausgeschlossen. Eine moralische Genugtuung gar sei von Seiten eines derart unbewußten Naturwesens nicht zu erwarten, jedoch sei sie Hiob geschehen, allerdings ohne Absicht Jahwes und vielleicht auch ohne Wissen Hiobs, wie es der Dichter jedenfalls möchte erscheinen lassen.

Die Reden Jahwes hätten den zwar unreflektierten, aber nichtsdestoweniger durchsichtigen Zweck, die brutale Übermacht des Demiurgen dem Menschen vorzuführen: „Das bin Ich, der Schöpfer aller unbezwingbaren, ruchlosen Naturkräfte, die keinen ethischen Gesetzen unterworfen sind, und so bin auch ich selber eine amoralische Naturmacht, eine rein phänomenale Persönlichkeit, die ihren eigenen Rücken nicht sieht.“

Das könne wenigstens eine moralische Genugtuung größten Stiles für Hiob sein, denn durch diese Erklärung würde der Mensch trotz seiner Ohnmacht zum Richter über die Gottheit erhoben. „Wir wissen nicht, ob Hiob das gesehen hat. Wir wissen es aber positiv aus so und so vielen Hiobkommentaren, daß alle nachfolgenden Jahrhunderte übersehen haben, wie eine Μοϊρα oder Δικη über Jahwe waltet, die ihn veranlaßt, sich solchermaßen preiszugeben. Jeder, der es wagt, kann sehen, wie Er Hiob unwissentlich erhöht, indem Er ihn in den Staub erniedrigt. Damit spricht er sich selber das Urteil und gibt dem Menschen jene Genugtuung, die wir im Buche Hiob immer so schmerzlich vermißten.“

Nun müssen wir nicht jedem Gedankengang Jungs folgen. Wir versuchen ja auch nur, sie in wesentlichen Punkten nachzuzeichnen. Hiob gewinne also in der Konfrontation mit Jahwe eine Bewußtheit, die ihn diesem gegenüber in den Vorteil bringe. Unbewußtheit sei tierisch-naturhaft. Es sei das Benehmen eines vorzugsweise unbewußten Wesens, das man nicht moralisch beurteilen könne: „Jahwe ist ein Phänomen und 'kein Mensch'.“

„Hiob erkennt die innere Antinomie Gottes, und damit erlangt das Licht seiner Erkenntnis selber göttliche Numinosität. Die Möglichkeit einer derartigen Entwicklung beruht, wie zu vermuten, auf der Gottebenbildlichkeit, die man wohl kaum in der Morphologie des Menschen suchen darf. Diesem Irrtum hat Jahwe selber durch das Bilderverbot vorgebeugt. Indem sich Hiob nicht davon abbringen lässt, seinen Fall, auch ohne Hoffnung auf Erhörung, vor Gott darzulegen, hat er sich ihm gestellt und damit jenes Hindernis geschaffen, an dem das Wesen Jahwes offenbar werden muß.“

Das ist ein höchst interessanter Gedanke. Aber wir wollen doch wenigstens ein wenig vom typischen Jung-Sound bringen, den viele eher, sagen wir höflich, verstiegen finden

„Die neue Tatsache, um die es sich handelt, betrifft den in der bisherigen Weltgeschichte unerhörten Fall, daß ein Sterblicher durch sein moralisches Verhalten, ohne es zu wissen und zu wollen, bis über die Sterne erhoben wird, von wo aus er sogar die Rückseite Jahwes, die abgründige Welt der 'Schalen', erblicken kann.“

Das ist eine Vorstellung der Kabbala. Diese "Schalen“ Kelipoth, welche die bösen und dunkeln Mächte darstellen, bilden die zehn Gegenpole zu den Sefiroth, den zehn Stufen in der Offenbarung der göttlichen Schöpferkraft, und waren ursprünglich mit deren Licht vermischt. Mit der Ausmerzung der Schalen, „Bruch der Gefäße", gewannen die Mächte des Bösen erst eine eigene und wirkliche Existenz.

„Man kann sich kaum dem Eindruck entziehen, daß die Allwissenheit sich allmählich einer Realisierung nähert, und eine Einsicht droht, die von Selbstvernichtungsängsten umwittert zu sein scheint…“ Jung sieht Jahwe also in einer beginnenden Persönlichkeitskrise, die ihm ein Schicksal hätte bereiten können, wie es den griechischen Göttern beschieden war. Wozu es bekanntlich nicht kam, aber wir greifen vor.

„Der unbewußte Geist des Menschen sieht richtig, auch wenn der bewußte Verstand geblendet und ohnmächtig ist: das Drama hat sich für alle Ewigkeit vollendet: Jahwes Doppelnatur ist offenbar geworden, und jemand oder etwas hat sie gesehen und registriert. Eine derartige Offenbarung, ob sie nun zum Bewußtsein der Menschen gelangte oder nicht, konnte nicht ohne Folgen bleiben.“

wird, sub conditione Jacobaea, fortgesetzt


Montag, 11. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 2

William Blake, Satan schüttet die Plagen über Hiob aus

Es geht also weiter mit unserer kleinen Lesereise durch C. G. Jungs „Antwort auf Hiob“ (der vorige Beitrag findet sich hier und ein Einstieg dort). Wir wollen uns diesmal vorrangig der Erzählung und ihren Seltsamkeiten widmen.

Die Erzählung 

Wir setzen den Inhalt des alttestamentlichen Buches als bekannt voraus, gleichwohl sei die Ausgangssituation skizziert: Gott lobt (selbstgefällig?) seinen treuen und wohlhabenden Diener Hiob gegenüber seinem (ja was eigentlich? Sohn? Engel?) jedenfalls offenkundigen Vertrauten Satan. Dieser unterstellt, Hiob würde sich schnell ändern, sollten sich dessen Verhältnisse ändern. Satan schlägt eine Prüfung vor. Und siehe da, Gott beraubt ihn seines Besitzes, erschlägt seine Kinder und Knechte, schlägt ihn am Ende mit Krankheit, nur am Leben müsse er bleiben. (Warum eigentlich? Neugier? Restskrupel? Wir wissen es nicht). Hiob aber bleibt standhaft: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“.

„Um ihm auch die Ruhe zu rauben, werden seine Frau und gute Freunde, die das Unrichtige reden, auf ihn losgelassen. Seine berechtigte Klage findet kein Ohr bei dem um seiner Gerechtigkeit willen gepriesenen Richter. Das Recht wird ihm verweigert, damit Satan bei seinem Spiel nicht gestört werde.“

Man müsse sich Rechenschaft darüber geben, daß sich hier in kürzester Frist dunkle Taten häuften: Raub, Mord, vorsätzliche Körperverletzung und Rechtsverweigerung. Erschwerend komme dabei in Betracht, daß Jahwe keinerlei Bedenken, Reue oder Mitgefühl, sondern nur Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit bekunde. Die Einrede der Unbewußtheit könne man insofern nicht gelten lassen, als er mindestens drei von den von ihm selber auf dem Sinai erlassenen Geboten in flagranter Weise verletzte.

Zu seiner Qual steuerten Hiobs Freunde nach Kräften moralische Torturen bei und anstatt ihm wenigstens mit Herzenswärme beizustehen, moralisierten sie in allzu menschlicher, das heißt stumpfsinniger Weise und beraubten ihn so aller Anteilnahme und allen Verständnisses.

Hiob aber bleibt gegen alle Anwürfe standhaft und behauptet sein Recht, aber wem gegenüber eigentlich?

„Sein Freund Elihu glaubt nicht an die Ungerechtigkeit Jahwes: 'Gott tut nicht Unrecht, und nicht verdreht der Allmächtige das Recht', und begründet diese Ansicht unlogischerweise mit dem Hinweis auf die Macht; man wird zum König auch nicht sagen: 'Du Nichtswürdiger' und 'Du Gottloser' zu den Edlen. Man müsse 'die Person der Fürsten ansehen' und 'des Hohen mehr achten als des Niederen'.

Auf Elihu antwortet Hiob schon nicht mehr, anderen „Freunden“ hatte er es noch, in bemerkenswerter Weise, wie Jung anmerkt:

„Aber Hiob lässt sich nicht erschüttern und spricht ein bedeutendes Wort: 'Schon jetzt, siehe, lebt im Himmel mir ein Zeuge, mir ein Mitwisser in der Höhe … zu Gott blickt tränend auf mein Auge, daß er Recht schaffe dem Manne gegen Gott', und an anderer Stelle: 'Ich aber weiß: mein Anwalt lebt, und ein Vertreter ersteht (mir) über dem Staube.'“

Eine kleine Beobachtung und ein Einwand gegen Jungs Vorwurf, Jahwe würde gegen seine eigenen Gesetze verstoßen. Nun, sich selbst hat er sie ja auch nicht gegeben, und Elihu ist der Grundsatz, daß der König über dem Gesetz stehe, noch durchaus geläufig, in seiner Logik geschieht also nichts Ungewöhnliches.

Hiobs Zwiespalt

Doch Hiobs Antwort wird uns noch länger beschäftigen. Aus ihr ginge hervor, daß er, trotz seines Zweifels, ob ein Mensch vor Gott Recht haben könne, nur schwer von dem Gedanken loskäme, auf dem Boden des Rechtes, und damit der Moral, Gott gegenüberzutreten. Das Wissen, daß göttliche Willkür das Recht beuge, falle ihm nicht leicht, denn er mag seinen Glauben an die göttliche Gerechtigkeit noch immer nicht aufgeben.

Aber andererseits müsse er sich gestehen, daß niemand anders ihm Unrecht und Gewalt antue, als eben Jahwe selber. Er könne nicht leugnen, daß er sich einem Gott gegenüber befinde, der keine für sich verbindliche Ethik anerkenne.

„Das ist wohl das Größte in Hiob, daß er angesichts dieser Schwierigkeit nicht an der Einheit Gottes irre wird, sondern klar sieht, daß Gott sich in Widerspruch mit sich selber befindet und zwar dermaßen total, daß er, Hiob, gewiß ist, in Gott einen Helfer und Anwalt gegen Gott zu finden. So gewiß ihm das Böse, so gewiß ist ihm auch das Gute in Jahwe.“

Für solche Erkenntnisse ist es eigentlich noch zu früh, denn was geschieht? Die Freunde erheben ihre Vorwürfe und Hiob verlangt von Jahwe eine Benennung der Verfehlung, für die er büßen muß, obwohl er weiß:

„Wenn er sich schon reinigte, so würde Jahwe ihn 'in Unrat tauchen... Denn er ist nicht ein Mensch, wie ich, daß ich ihm erwiderte, daß wir zusammen vor Gericht gingen.' Hiob will aber seinen Standpunkt vor Jahwe erklären, seine Klage erheben und sagt ihm, er wisse ja, daß er, Hiob, unschuldig sei, und daß ihn 'niemand errettet aus seiner Hand'. Es 'gelüstet' ihn, 'mit Gott zu rechten'. Er will ihm seine Wege 'ins Angesicht dartun'. Er weiß, dass er 'im Rechte' ist. Jahwe sollte ihn vorladen und ihm Rede stehen oder ihn wenigstens seine Klage vorbringen lassen.“

In richtiger Einschätzung des Mißverhältnisses zwischen Gott und Mensch stelle er ihm die Frage: „Willst du ein verwehtes Blatt erschrecken und einen dürren Halm verfolgen?“ Gott habe sein „Recht gebeugt“. Er habe ihm sein „Recht genommen“. Er achte nicht des Unrechtes. „... bis ich verscheide, beharre ich auf meiner Unschuld. An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und lasse sie nicht.“

Ein Ende, das Verwirrung stiftet

Überraschend erscheint Jahwe – mit einer Demonstration seiner Macht! Und Hiob verspricht erschrocken Schweigen. Jung kommentiert Hiobs Antwort auf die göttliche Machtdemonstration so:

„In der Tat, im unmittelbaren Anblick unendlicher Schöpferkraft ist dies für einen Zeugen, dem der Schreck beinahe völliger Vernichtung noch in allen Gliedern liegt, die einzig mögliche Antwort. Wie könnte ein im Staub kriechender, halbzertretener Menschenwurm unter den obwaltenden Umständen überhaupt vernünftigerweise anders antworten? Trotz seiner erbärmlichen Kleinheit und Schwäche weiß dieser Mensch, dass er einem übermenschlichen Wesen, das persönlich äußerst empfindlich ist, gegenübersteht und darum auf alle Fälle besser daran tut, sich aller kritischen Überlegungen zu enthalten, nicht zu sprechen von gewissen moralischen Ansprüchen, die man auch einem Gotte gegenüber glaubt haben zu dürfen.“

Jahwe wird ersichtlich nicht von Gewissensbissen geplagt. Es kommt lediglich zu einer Machtdemonstration, die ins Leere geht. Denn an Gottes Allmacht hatte Hiob ja nun gerade nicht gezweifelt, und zudem wirkt Jahwes Rede, als würde er mit einem ebenbürtigen Widersacher ringen. Hiob erkennt, daß Jahwe ihn gar nicht wirklich bemerkt, sondern offenkundig mit sich selbst stark beschäftigt ist und einen grotesken Zweikampf imaginieren muß.

Hiob widerruft und unterwirft sich mit den interpretationsoffenen Worten: „Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört; nun aber hat dich mein Auge gesehen.“

„Klugerweise nimmt Hiob hier die aggressiven Worte Jahwes auf und legt sich damit unter dessen Füße, wie wenn er tatsächlich der besiegte Gegenspieler wäre. So eindeutig seine Rede klingt, so doppelsinnig kann sie ebenso wohl sein. Ja, wirklich hat er seine Lektion gelernt und 'wunderbare Dinge' erlebt, die man nicht allzu leicht zu begreifen vermag. In der Tat, 'vom Hörensagen' bloß hat er Jahwe gekannt, jetzt aber hat er dessen Wirklichkeit erfahren, mehr noch als David; eine wahrhaft eindringliche Lehre, die man besser nicht mehr vergißt.“

Jung läßt noch einmal Hiobs voriges Gottesbild Revue passieren, das sich soeben hart an der Wirklichkeit stieß:

„Er war früher naiv gewesen, hatte vielleicht sogar von einem 'lieben' Gott geträumt oder einem wohlwollenden Herrscher und gerechten Richter; hatte sich eingebildet, ein 'Bund' sei eine Rechtsfrage, und ein Vertragspartner könne auf einem ihm zugestandenen Rechte bestehen; Gott sei wahrhaft und treu oder zum mindesten gerecht und habe, wie man aus dem Dekalog vermuten dürfte, einige Anerkennung für gewisse ethische Werte, oder fühle sich wenigstens seinem eigenen Rechtsstandpunkt verpflichtet. Er hat aber zu seinem Schrecken gesehen, daß Jahwe nicht nur kein Mensch, sondern in gewissem Sinne weniger als ein Mensch ist, nämlich das, was Jahwe vom Krokodil sagt:

'Alles, was hoch ist, fürchtet sich vor ihm;
er ist ein König über alle stolzen Tiere.'“

Warum die Qualen Hiobs und das göttliche Wettespielen plötzlich zu Ende kommen, sei nicht leicht ersichtlich, so Jung.

Tatsächlich schlägt der Schluß ja noch weit absurdere Purzelbäume. Gut, Hiob hatte sich unterworfen, aber lassen wir den Text des Hiobbuches (Kap. 42, 7 – 10, 16f.) selbst zu Wort kommen:

„Da nun der Herr mit Hiob diese Worte geredet hatte, sprach er zu Eliphas von Theman: Mein Zorn ist ergrimmt über dich und deine zwei Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.
So nehmt nun sieben Farren und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch und laßt meinen Knecht Hiob für euch bitten. Denn ich will ihn ansehen, daß ich an euch nicht tue nach eurer Torheit; den ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.
Da gingen hin Eliphas von Theman, Bildad von Suah und Zophar von Naema und taten, wie der Herr ihnen gesagt hatte; und der Herr sah an Hiob.
Und der Herr wandte das Gefängnis Hiobs, da er bat für seine Freunde. Und der Herr gab Hiob zwiefältig so viel, als er gehabt hatte

Und Hiob lebte nach diesem hundert und vierzig Jahre, daß er sah Kinder und Kindeskinder bis ins vierte Glied. Und Hiob starb alt und lebenssatt.“

Den Schluß muß man in der Tat 3 Mal lesen. Die vermeintlich frommen Freunde Hiobs werden getadelt, warum, bleibt offen etc. etc. Der Dichter des Hiob-Buches beweise meisterhafte Diskretion, wenn er in diesem Moment den Vorhang vor dem Geschehen fallen lasse, denn:

„Zuviel nämlich steht auf dem Spiele: es droht ein ungewöhnlicher Skandal in der Metaphysik mit vermutlich verheerenden Folgen, und niemand ist mit einer rettenden Formel bereit, um den monotheistischen Gottesbegriff vor einer Katastrophe zu bewahren...“

wird fortgesetzt



Sonntag, 10. Januar 2016

Sonntag &


Ich mag inzwischen keinen Winter mehr. Das führt zu merkwürdigen Reaktionen des persönlichen Unbewußten. Kürzlich fiel morgens Schnee und ich schlief währenddessen endlich einmal selig und sicher. Und in welche Vorstellung war ich entgrenzt und völlig entspannt eingehüllt? - Ein Strandhaus mit offener Terrassen - Tür zu einem himmelblauen Himmel und einem Meer, das sich vermutlich neben Südkalifornien erstreckte. Oder so. Ich konnte das Salz riechen. Und war nach dem Aufwachen kurz verstört. Das war sehr nett vom Unbewußten.

Es war eher unentschieden, ob ich heute in Neubrandenburg den Herrn preisen würde (Gospelchor), aber er wollte es wohl so. Ich hatte meinen Vordermann schon gewarnt: Wenn er eine schwere Last auf seiner Schulter bemerke, solle er sie weg schubsen, das bin dann nämlich ich. Dazu kam es dann aber nicht. Das war übrigens vermutlich das erste Mal, daß ich während des gesungenen Credos ziemlich angefaßt war, aber vielleicht schwächelte ich auch nur gerade.


Der vorige Abschnitt soll eines erklären – die Senfeier. Ich kam einfach sehr spät wieder hier in der Residenzstadt an, und die sollen ja schnell gehen, sagt man. Das ist eigentlich richtig, wenn man sich nicht mit Katzen-Füttern, Küche-Aufräumen etc. etc. vorher vertrödelt.

Falls das jemand wirklich wissen will. Ich ließ also Butter schmelzen, machte mit Mehl eine Mehlschwitze, ließ das anbräunen. Dort hinein kam eine klare Gemüsebrühe und Milch, kochte das auf und tat Senf und Lorbeerblatt hinzu. Das köchelte etwas und wurde abschließend mit Salz, Pfeffer und Muskatnuß versehen. Das Ergebnis befriedigte nicht sofort, etwas Honig half.


Die hart gekochten Eier kamen zum Ende hinein. Mir selbst war eher nach kurz gebratenem Rindfleisch, das ist daher auch im Bild. Und Blumenkohl. Die Senfeier + Sauce wurden zwar keines Kommentars gewürdigt, aber nahezu aufgegessen. Das genügt völlig. Wir waren offenkundig sehr in unsere eigenen Gedanken eingesponnen.


Um mit einer vermeintlich leichteren Note zu enden. Eben wurde ich an Janis Joplin erinnert, und da fiel mir ihr Song ein, mit dem sie wenige Tage vor ihrem Tod der deutschen Automobilwirtschaft einen Gefallen sang. Merkwürdig das alles.


Samstag, 9. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 1

William Blake - Newton

Ich hatte anmaßend versprochen, eine Art Lesehilfe zu C. G. Jungs 1952 erschienenen Büchlein „Antwort auf Hiob“ bringen zu können. Natürlich vermag ich das nicht. Aber ich kann es ja versuchen, und die ganzen Kommentare und betretenen Entschuldigungen verschieben wir in einen anderen Teil. Es beginnt also eine Art von Nacherzählung.

Jung betont die Autonomie des Geistes gegenüber der physischen Wahrnehmung und umreißt seine Methodik.

„Die Tatsache, daß die religiösen Aussagen oft sogar im Gegensatz zu den physisch beglaubigten Erscheinungen stehen, beweist die Selbständigkeit des Geistes gegenüber der physischen Wahrnehmung und eine gewisse Unabhängigkeit der seelischen Erfahrung von den physischen Gegebenheiten. Die Seele ist ein autonomer Faktor, und religiöse Aussagen sind seelische Bekenntnisse, die in letzter Linie auf unbewußten, also transzendentalen Vorgängen fußen.“

Letztere seien der physischen Wahrnehmung unzugänglich, bewiesen aber ihr Vorhandensein durch entsprechende Bekenntnisse der Seele. Daher komme es, daß, wenn wir von religiösen Inhalten redeten, wir uns in einer Welt von Bildern bewegten, welche auf ein Ineffabile hindeuteten.

Jung verteidigt also erst einmal die Autonomie des Geistes (und der verschüttete Platoniker in einem jauchzt auf, Entschuldigung) und fragt zu recht, wie kann sich eine Erfahrungsrichtung anmaßen, einen exklusiven Zugang zur Erkenntnis des Wesens der Welt etc. etc. zu beanspruchen.

„Wir wissen nicht, wie deutlich oder wie undeutlich diese Bilder, Gleichnisse und Begriffe hinsichtlich ihres transzendentalen Gegenstandes sind. Sagen wir z. B. 'Gott', so äußern wir ein Bild oder einen Wortbegriff, der im Laufe der Zeit viele Wandlungen erlebt hat. Dabei sind wir außerstande, mit irgendwelcher Sicherheit anzugeben - es sei denn durch den Glauben -, ob diese Veränderungen nur Bilder und Begriffe, oder das Unaussprechliche selber betreffen. Man kann sich ja Gott ebenso wohl als ewig strömendes, lebensvolles Wirken, das sich in unendlichen Gestalten abwandelt, wie als ewig unbewegtes, unveränderliches Sein vorstellen.“

Jung verweigert sich zurecht als Psychologe eines Urteil darüber, ob Gott sich wandle oder unser Bild von ihm.

Unser Verstand sei sich nur des einen gewiß, daß er nämlich Bilder handhabe, die sich vielfach gewandelt hätten. Unzweifelhaft liege diesen Bildern aber ein bewußtseinstranszendentes Etwas zugrunde, welches bewirke, daß die Aussagen nicht schlechthin grenzenlos und chaotisch variierten, sondern erkennen ließen, daß sie sich auf einige wenige Prinzipien bzw. Archetypen bezögen. (Diesen Begriff wollen wir jetzt lieber nicht kommentieren, aber man ahnt, daß die Eingangsbemerkung... nun man weiß jetzt etwa, was gemeint war (hoffentlich mich eingeschlossen)).

Das Unbewußte hat also eine lesbare, nicht willkürliche Morphologie!

Er sei sich völlig bewußt, sich in einer Bilderwelt zu bewegen, und keine einzige seiner Überlegungen könne an das Unerkennbare rühren. Aber er rede von seelischen Tatsachen.

Auch die Aussagen der Heiligen Schrift seien Äußerungen der Seele, sie gingen zunächst immer über unseren Kopf hinweg, indem sie auf bewußtseinstranszendente Wirklichkeiten verwiesen.

Vorstellungen dieser Art würden nicht erfunden, sondern träten als fertige Gebilde in die innere Wahrnehmung. Es seien spontane Phänomene, unserer Willkür entzogen, und man sei daher berechtigt, ihnen Autonomie zuzuschreiben. Man könne sie natürlich vom Standpunkt des Bewußtseins aus als Objekte beschreiben und bis zu einem Grade auch erklären, wenn man von ihrer Autonomie absähe.

„Zieht man diese aber in Betracht, so müssen sie notgedrungenerweise als Subjekte gehandhabt werden, das heißt, es muß ihnen Spontaneität und Absichtlichkeit, bzw. eine Art von Bewußtsein und von liberum arbitrium zuerkannt werden.“

„Man beobachtet ihr Verhalten und berücksichtigt ihre Aussagen. Dieser doppelte Standpunkt, den man jedem relativ selbständigen Organismus gegenüber einnehmen muß, ergibt natürlich ein doppeltes Resultat, einesteils einen Bericht darüber, was ich mit dem Objekt tue, andererseits darüber, was es (eventuell auch mit mir) tut.“ Zumal wir es mit dem Archetypus der Gottheit zu tun haben werden.

Anders gesagt, ich stoße auf Erfahrungen und es ist mir egal, ob ich nur die roten und grünen oder die gelben und blauen auch berücksichtigen darf. Was diese Farberscheinungen in mir verursachen, weiß ich erst einmal überhaupt nicht. Denn ich begegne einem Phänomen. Und dieses Phänomen hat eine Struktur, sie ist offenkundig nicht willkürlich. Also was ist es?

So mein kleiner Einstieg in die Lektüre. Ich finde den Rest zwar auch interessanter, aber Jungs methodologische Unbestechlichkeit beeindruckt mich jedesmal wieder. Denn eigentlich geht es ja darum, wie Gott, wenigstens in der europäischen Seele, endlich erwachsen wird (den Satz streichen wir sicher morgen, wenn wir wieder wacher sind).

wird vermutlich fortgesetzt

Donnerstag, 7. Januar 2016

Über Carl Gustav Jung

C. G. Jung, Familiengrab bei der Reformierten Kirche Küsnacht

Vocatus atque non vocatus, Deus aderit.

Invoked or not invoked, God is present.

Gerufen oder ungerufen, wird die Gottheit gegenwärtig sein.

Das steht an seinem Haus und ist ein Teil des Grabsteins der Familie Jung, in Latein (das Englische und Deutsche ist oben nur dabei, um ein wenig die Bedeutungswolke anzudeuten, die die Worte umgibt).

Auf den Längsseiten des Grabsteins wird Paulus zitiert, ebenfalls in Latein:

Primus homo de terra terrenus, Secundus homo de caelo caelestis.

The first man is of the earth, earthy; the second man is of heaven and is heavenly.

Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der andere Mensch ist der Herr vom Himmel.
1. Korinther 15.47

Jung über einen Patienten, der selber Arzt war: Dieser erzählte ihm, er habe eine wunderbare Nacht gehabt und den ganzen Himmel mit Quecksilberchlorid desinfiziert, dabei aber keine Spur von Gott entdeckt.

„Das Christentum zerteilte den germanischen Barbaren in seine untere und obere Hälfte, und so gelang es ihm – nämlich durch Verdrängung der dunklen Seite – die helle Seite zu domestizieren und für die Kultur geschickt zu machen. Die untere Hälfte aber harrt der Erlösung einer zweiten Domestikation. Bis dahin bleibt sie assoziiert mit den Resten der Vorzeit, mit dem kollektiven Unbewußten, was eine eigentümliche und steigende Belebung des kollektiven Unbewußten bedeuten muß. Je eher die unbedingte Autorität der christlichen Weltanschauung sich verliert, desto vernehmlicher wird sich die 'blonde Bestie' in ihrem unterirdischen Gefängnis umdrehen und uns mit einem Ausbruch mit verheerenden Folgen bedrohen“. Das könne auftreten als „eine psychologische Revolution beim Einzelnen“ oder auch als „soziales Phänomen“.
C. G. Jung 1918 in „Über das Unbewußte“

Es ist erstaunlich, daß Jung das 1918 schrieb, dem Jahr, in dem der Untergang des Abendlandes manifest wurde, der unbegreiflichen und mutwilligen Selbstzerstörung Europas, die immer noch andauert.

In einem kurzen, mich etwas ärgernden Austausch kürzlich, bemerkte ich, wie sich der Begriff kaum noch erreichbar weit entfernt hat und wie die Erschütterung über das, was da zwischen 1914 und 1918 angerichtet wurde, kaum vermitteln läßt. Man kann nur einen Verlust spüren, wenn einem die Sache vertraut ist. Nach meinem Empfinden könnte dies ein Hauptantrieb Jungs gewesen sein - zu erkunden, was in der europäischen Seele eingestürzt sein muß, warum vermutlich die ganze vorherrschende Auffassung von den Grundlagen eines kultivierten Gemeinwesens, der europäischen Seele gefährlich defizitär war. Er war also einer der verbliebenen Verteidiger dieses merkwürdigen Abendlandes, genauer gesagt, er ist es, wenn man versucht, ihn zu lesen.

Oder um auf den Grabspruch mit Galater 6.8 zu antworten:

Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. 

Im „Individuationsprozeß“, der „Selbstwerdung“ wird der Mensch zu dem, was er ist oder besser, was er sein sollte. Denn die Menschwerdung des Menschen ist noch nicht abgeschlossen.

Das Verderben, die transzendentielle Obdachlosigkeit, eine entkernte hoffnungslose Gesellschaft, den Abbau des Humanen, das Erleben wir gerade.

Wir trösten uns kurz mit Thomas von Aquin

Impossibile est appetitum naturalem esse frustra. Sed homo naturaliter appetit perpetuo manere. Quod patet ex hoc quod esse est quod ab omnibus appetitur: homo autem per intellectum apprehendit esse non solum ut nunc, sicut bruta animalia, sed simpliciter. Consequitur ergo homo perpetuitatem secundum animam, qua esse simpliciter et secundum omne tempus apprehendit.

Thomas v. Aquin, Summa contra Gentiles, lib. 2 cap. 79 n. 6

Unmöglich kann ein naturhaftes Begehren vergeblich sein. Allerdings begehrt der Mensch von Natur aus, immerwährend zu bleiben. Während jedoch alles danach strebt zu existieren, begreift der Mensch das Sein nicht allein im Jetzt, wie die Tiere es tun, sondern schlechthin. Deshalb strebt der Mensch nach dem überdauernden Bleiben seiner Seele, wodurch er die Existenz schlechthin und für alle Zeit erfaßt. 

Warum das alles? Ich habe einen Teil meiner (theoretisch umfänglichen) Notizen zu Jung wiedergefunden, das obige ist ein kleiner Ausschnitt (an diesem Ort finden sich jedenfalls kaum Spuren davon, was mich, offen gesagt, leicht verblüffte). Vor allem aber, ich hatte mir eine Art Lesehilfe zu seinem Büchlein „Antwort auf Hiob“ „zusammenzaubert“, das so abgründig interessant, wie teilweise abweisend hermetisch ist (wie der Autor generell). Daraus einen lesbaren Text zu schaffen (also vor allem nochmals zu kürzen) und hier vorzustellen, vielleicht gelingt es mir ja.

So für die Zukunft der Zweifel, die Vergangenheit das Bedauern, aber nach innen das unentdeckte Land.