Sonntag, 22. Mai 2016

Sonntag & (nachgetragen)


Es verwildert gerade ein wenig, wie man dem Eingangsbild entnehmen kann. Diesem Eindruck wollen wir uns noch etwas hingeben.






Zum Essen. Die Dinge werden gerade nicht besser, aber auch nicht schlechter, und man sollte die Vorzüge des Stillstands durchaus nicht unterschätzen. Die Saison ruft: Spargel! Frau W. verträgt ihn zudem, außer dem üblichen Kartoffel- oder Grießbrei (muß eine nostalgische Note dabei sein).


Das Prozedere wie letzten Sonntag. Allein als Beilage gab es einfach nur Schinken. Das kann man zwar machen, und es ist durchaus angenehm zu essen, aber er ist natürlich eher nicht von breiiger Konsistenz, deshalb als Friedensangebot Kochschinken außerdem, nun ja.


Die Sauce wie üblich aus dem Spargelwasser mit Eigelb, Kochsahne, Butter und Muskat.


Mir war der Tag einen Tick zu warm. Deshalb verbrachte ich den Nachmittag danach dann auf der Couch und genoß unfreiwillig die mitunter recht übertriebene Theatralik des Unbewußten. Stimmt, ich wollte am Jung weiterschreiben (neben einigem anderen, immerhin war es der Sonntag Trinitatis, nun bleibt das alles vorerst eben im Zwischenreich des Fast-Ungeschriebenen).

Wir werden sehen.

nachgetragen am 26. Mai

Mittwoch, 18. Mai 2016

Misanthropisches II


Bis zur Kante des Abgrunds wächst das grüne Gras und verspricht Vertrautheit; dahinter nicht mehr.

Man denkt sich gern hinter dem Horizont die Unendlichkeit, aber da ist auch nur dasselbe vom Gleichen. Vielleicht jedoch ist der Horizont ein berechtigter Vorwand für Ausflüchte.


Andersartige Ausflüchte: Wenn eine distinkte Gruppe der Menschheit bei etwas „erwischt“ wird, machen deren Angehörige Ausflüchte, sind verletzt, beleidigt, erheben Gegenvorwürfe oder lenken anders ab, die Sache ist völlig gleichgültig.

Manche Frauen fühlen die Idee der Wahrheit als etwas, das sich Männer ausgedacht haben, um sie zu demütigen. Feminismus - eine der Formen des Gegenwarts-Irre-Seins.


Wahrheit ohne Menschlichkeit ist Fanatismus, Menschlichkeit ohne Wahrheit Sentimentalität.

Manche sind perfekt in der Darstellung eines angenehmen und liebenswürdigen Charakters. Vor derart charmanten Gestalten sollte man sich in Acht nehmen. Denn bei so vorzüglichen Anlagen müßte die Anhängerschaft kaum noch zu bewältigen sein, wenn aber ersichtlich kein solcher Anhang mitgeschleppt wird, wo sind sie alle geblieben?


Was linke und andere Spießer gegen authentische Kunst einnimmt, ist ihr „Transzendenz-Plus“, das sie auf sich selbst zurückwerfen würde, nähmen sie sie ernst.

Kultur entsteht durch die Einsicht, daß Distinktionsfähigkeit eine Gesellschaft lebendig erhält. Wie alles Menschliche ist auch sie zwiespältig, diesen Zwiespalt aber nivellieren zu wollen, greift das Menschliche in seinem Wesenskern an. Das Humane ist immer von einer gewissen Qualität.

Der Behauptung einer verifizierbaren Tatsache, etwa jemand sei mathematisch unmusikalisch, wird heute gern reflexhaft entgegengehalten, damit habe der Behauptende gerade etwas besonders Böses und Menschenverachtendes gesagt. Beobachtungen werden mit einer eigens kreierten Moral abgewehrt. Derlei Leute mögen keine Fakten und finden sie im Zweifel unmoralisch.


Das Linke läßt sich auf eine, vielleicht überraschende, Formel bringen: Schafft die Gesetze ab, und es gibt keine Verbrechen mehr.

Freimaurerei war die kommunistische Partei des 18. Jahrhunderts; wozu letzterer die „soziale Gerechtigkeit“ nützlich war, dazu bediente sich erstere der „Vernunft“, verkleidet als Tugend; da sie aber klug waren oder jedenfalls sich so fühlten, setzten sie zunächst nicht auf Rebellion und gewaltsamen Umsturz, sondern, wohl in realistischer Einsicht in die Verhältnisse, auf Fürstenerziehung (das hatten sie sich von den Jesuiten abgesehen, die sie naturgemäß nicht mochten). Gewissermaßen versuchte man es zuerst mit einer Revolution von oben.

Das Mittelalter wirkt oft so merkwürdig geschrumpft, da gibt es die wildesten Geschichten, und auf den Bildern sieht man gleichsam Kinder.


Religion und Monarchie leben beide von einem Transzendenzversprechen, letztere ist dabei aber eindeutig auf der unkomfortableren Seite.

Der Mensch ist in eine auf Schönheit hin geordnete Welt hineingeboren, von diesem Seins-Grund kann er sich zu lösen suchen, gar ihn bekämpfen, oder daraus leben, indem er seine Resonanz zu ihm findet.

Die zeitgenössische Schwafelsprache sagt mit Absicht nicht „ja“ oder „nein“, sondern etwa, „das ist früher nicht immer in gleichem Maße erfolgt“. Man versprüht einen verunklarenden Nebel, unter dem man seine tatsächlichen Intentionen meint um so besser durchsetzen zu können.


Lustige Verleser:

Man sollte nicht immer mit ethischen Scheuklappen leben.

Neuer Freiraum für gescheiterte Ideen.

Montag, 16. Mai 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 7

Monreale, Apsis, Pantokrator

Das Erscheinen Jesu Christi

Eine kurze Vorbemerkung. Nach meinem Wahrnehmen fällt das Christus-Kapitel ab (deshalb auch als Nachtrag dargeboten, hindurchgemüht habe ich mich vergangene Nacht dennoch, eine Zusammenfassung des Bisherigen hier). Fast gewinnt man den Eindruck, er fühle sich dabei reichlich unwohl. Aber wenn man von der Singularität des Christus-Ereignisses ausgeht, sind alle, die von Vorbildern, zeitgenössischen Parallelen u.ä. leben, also ins Bekannte einordnen müssen, sowieso im Nachteil.

Da sind die Vertreter der sog. historisch-kritischen Methode, so sie nichts anderes kennen, kurioserweise in einer ähnlichen Situation, sie betreiben ihre Vivisektionen und wundern sich am Ende allenfalls, daß nunmehr alles doch sehr tot sei (oder werden ehrlicherweise gleich Atheisten). Jung sieht überall Reinkarnationen, was am Ende aber auch auf eine gewisse Monotonie hinausläuft. Wir brechen ab.

Monreale,  Christus Pantokrator

Nachdem Jung also so forsch vorangeschritten war, macht sich eine gewisse Vorsicht bemerkbar. Er greift nach vorhandenen Bildern, sprich Archetypen, etwa dem des göttlichen Helden: „Er ist ja nicht bloß als nationaler Messias, sondern als universaler Menschenerretter gedacht, infolgedessen kommen auch die heidnischen Mythen bzw. Offenbarungen in bezug auf das Leben eines von den Göttern ausgezeichneten Mannes in Betracht.“

Die Geburt Christi sei daher gekennzeichnet durch die bei Heldengeburten üblichen Begleiterscheinungen... Das Motiv des Heldenwachstums sei noch erkennbar in der Weisheit des Zwölfjährigen im Tempel etwa.

Aus den erhaltenen Traditionen ein biographisches Bild Christi zu rekonstruieren, sei aber ungemein schwierig, die als historisch verifizierbaren Tatsachen äußerst spärlich. Der Hauptgrund hierfür - Christus erleide neben menschlichem Schicksal auch göttliches. Die beiden Naturen durchdrängen sich derart, daß ein Trennungsversuch beide Naturen verstümmele.

„Die Göttlichkeit überschattet den Menschen, und der Mensch ist als empirische Persönlichkeit kaum erfaßbar.“ Auch die Erkenntnismittel der modernen Psychologie genügten nicht, um alle Dunkelheiten aufzuhellen. Jeder Versuch, einen einzelnen Zug der Klarheit halber herauszuheben, vergewaltige einen anderen, der entweder hinsichtlich der Göttlichkeit oder hinsichtlich der Menschlichkeit ebenso wesentlich sei.

„Das Alltägliche ist vom Wunderbaren und Mythischen dermaßen durchwoben, daß man seiner Tatsachen nie ganz sicher ist. Was wohl am meisten stört und verwirrt, ist der Umstand, daß gerade die ältesten Schriften, nämlich diejenigen des Paulus, für die konkrete menschliche Existenz Christi nicht das mindeste Interesse zu haben scheinen.“

Die „Philanthropie“ trete besonders deutlich hervor. Dafür werden sogleich Verbindungen bis hin zur Liebesgöttin als Mutter des frühsterbenden Gottes gefunden. Mit anderen Worten, Jung stochert im Nebel.

Die Philanthropie Christi werde aber nicht unwesentlich eingeschränkt durch eine gewisse prädestinatianische Neigung. Fasse man sie psychologisch auf, so bewirke die Anspielung auf Vorherbestimmung leicht ein Gefühl der Ausgezeichnetheit.

„Wenn einer weiß, daß er seit Anfang der Welt von göttlicher Wahl und Absicht ausersehen ist, so fühlt er sich herausgehoben aus der Hinfälligkeit und Belanglosigkeit der gewöhnlichen menschlichen Existenz und versetzt in einen neuen Stand der Würde und der Bedeutsamkeit eines, der am göttlichen Weltdrama teilhat. Damit wird der Mensch in die Gottesnähe entrückt, was dem Sinne der evangelischen Botschaft durchaus entspricht.“

Neben der Menschenliebe mache sich im Charakter Christi eine gewisse Zornmütigkeit bemerkbar, und ebenso ein Mangel an Selbstreflexion. Nirgends finde sich ein Anhaltspunkt dafür, daß Christus sich je über sich selber gewundert hätte. „Von dieser Regel gibt es nur eine bedeutende Ausnahme: der verzweiflungsvolle Aufschrei am Kreuz: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?'

Hier erreicht sein menschliches Wesen Göttlichkeit, nämlich in dem Augenblick, wo der Gott den sterblichen Menschen erlebt und das erfährt, was er seinen treuen Knecht Hiob hat erdulden lassen. Hier wird die Antwort auf Hiob gegeben, und, wie ersichtlich, ist auch dieser supreme Augenblick ebenso göttlich wie menschlich, ebenso 'eschatologisch' wie 'psychologisch'.“

Auch hier, wo man restlos den Menschen empfinden könne, sei der göttliche Mythus ebenso eindrucksvoll gegenwärtig. Und beides sei eines und dasselbe. Wie wolle man da die Gestalt Christi „entmythologisieren“? „Ein solcher rationalistischer Versuch würde ja das ganze Geheimnis dieser Persönlichkeit herauslaugen, und was übrig bliebe, wäre nicht mehr die Geburt und das Schicksal eines Gottes in der Zeit, sondern ein historisch schlecht beglaubigter religiöser Lehrer, ein jüdischer Reformator, der hellenistisch gedeutet und mißverstanden wurde - etwa ein Pythagoras oder meinetwegen ein Buddha oder ein Mohammed, aber keinesfalls ein Sohn Gottes oder ein Mensch gewordener Gott.“

Überdies scheine man sich nicht genügend darüber Rechenschaft zu geben, zu was für Überlegungen ein von aller Eschatologie desinfizierter Christus Anlaß geben müßte. Zu was für einem Schlusse müsse man etwa notwendigerweise gelangen, wenn man z. B. die Aussage: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“, auf eine persönliche Psychologie reduziere? „Was soll eine Religion ohne Mythus, wo sie doch, wenn überhaupt etwas, eben gerade die Funktion bedeutet, die uns mit dem ewigen Mythus verbindet?“ (!)

Auf Grund dieser eindrucksvollen Unmöglichkeiten habe man gelegentlich angenommen, Christus sei überhaupt nur ein Mythus, oder eine Fiktion. „Der Mythus ist aber keine Fiktion, sondern besteht in beständig sich wiederholenden Tatsachen, die immer wieder beobachtet werden können. Er ereignet sich am Menschen, und Menschen haben mythische Schicksale so gut wie griechische Heroen. Daß das Christusleben in hohem Grade Mythus ist, beweist daher ganz und gar nichts gegen seine Tatsächlichkeit; ich möchte fast sagen, im Gegenteil, denn der mythische Charakter eines Lebens drückt geradezu die menschliche Allgemeingültigkeit desselben aus.“

Es sei psychologisch durchaus möglich, daß das Unbewußte, bzw. ein Archetypus einen Menschen völlig in Besitz nähme und sein Schicksal bis ins kleinste determiniere. Dabei könnten objektive, d. h. nichtpsychische Parallelerscheinungen auftreten, welche ebenfalls den Archetypus darstellten. Er erfülle sich dann nicht nur psychisch im Individuum, sondern auch außerhalb desselben objektiv. Das Christusleben sei gerade so, wie es sein müsse, wenn es das Leben eines Gottes und eines Menschen zugleich sei.

„Es ist ein Symbolum, eine Zusammensetzung heterogener Naturen, etwa so, wie wenn man Hiob und Jahwe in einer Persönlichkeit vereinigt hätte. Jahwes Absicht, Mensch zu werden, die sich aus dem Zusammenstoß mit Hiob ergeben hat, erfüllt sich im Leben und Leiden Christi.“

Eine Argumentationführung, die gespenstisch wirken mag, aber wir wollten ja vor allem referieren, und möglichst wenig urteilen.

Jung fragt anschließend – wo bleibt Satan, trotz gelegentlicher Cameoauftritte?

Monreale,  Christi Versuchung

Seine relative Unwirksamkeit erkläre sich einesteils gewiß aus der sorgfältigen Vorbereitung der Gottesgeburt, andererseits aber auch aus einem merkwürdigen metaphysischen Ereignis, welches Christus wahrgenommen habe: „Er sah, wie Satan wie ein Blitz aus dem Himmel fiel. Dieses Gesicht betrifft das Zeitlichwerden einer metaphysischen Begebenheit, nämlich die historische (vorderhand) endgültige Trennung Jahwes von seinem dunkeln Sohn. Satan ist aus dem Himmel verbannt und hat keine Gelegenheit mehr, seinen Vater zu zweifelhaften Unternehmungen zu überreden.“

Dieses „Ereignis“ dürfte erklären, warum Satan, wo immer er in der Menschwerdungsgeschichte auftauche, eine so unterlegene Rolle spiele, die in nichts mehr an das frühere Vertrauensverhältnis zu Jahwe erinnere.

Er habe die väterliche Geneigtheit offenbar verscherzt und sei ins Exil geschickt worden. Er werde nicht direkt in die Hölle, sondern auf die Erde geworfen und solle erst in der Endzeit eingeschlossen und dauernd unwirksam gemacht werden.

Der Opfertod Christi als ein von Jahwe gewähltes Schicksal bedeute die Wiedergutmachung für das Hiob geschehene Unrecht einerseits, und andererseits eine Leistung zugunsten der geistigen und moralischen Höherentwicklung des Menschen. Denn zweifellos werde der Mensch in seiner Bedeutung gemehrt, wenn sogar Gott selber Mensch werde.

Infolge der relativen Einschränkung des Satan sei Jahwe durch Identifikation mit seinem lichten Aspekt zu einem guten Gott und liebenden Vater geworden. Er habe zwar seinen Zorn nicht verloren und könne strafen, aber mit Gerechtigkeit. Fälle in der Art der Hiobstragödie seien anscheinend nicht mehr zu erwarten.

Obwohl: Obschon Christus ein vollkommenes Vertrauen in seinen Vater habe und sich sogar eins mit ihm wisse, könne er doch nicht umhin, im Vaterunser eine vorsichtige Bitte (und Warnung) einzuflechten. „Das heißt, Gott möge uns nicht direkt durch Verlockung zum Bösen veranlassen, sondern uns lieber davon erlösen. Die Möglichkeit, daß Jahwe, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und trotz seiner ausgesprochenen Absicht, zum Summum Bonum zu werden, wieder auf frühere Wege zurückgeraten könnte, liegt also nicht so fern, als daß sie nicht im Auge behalten werden müßte.“

„Die sechste Bitte des Vaterunsers läßt in der Tat tief blicken, denn angesichts dieser Tatsache wird die immense Sicherheit Christi hinsichtlich des Charakters seines Vaters etwas fraglich.“ Es sei ja leider eine allgemeine Erfahrung, daß besonders positive und kategorische Behauptungen namentlich dort aufträten, wo ein leiser Zweifel, der sich im Hintergrund bemerkbar mache, aus der Welt geschafft werden solle.

Dieser Zweifel Christi werde in der Apokalypse des Johannes bestätigt. Dort liefere sich nämlich Jahwe wiederum einer unerhörten Zerstörungswut gegenüber der Menschheit aus.

„Man ist in der Tat in Verlegenheit, wie man eine derartige Reaktion mit dem Verhalten eines liebenden Vaters, von dem man erwarten müßte, er werde seine Schöpfung mit Geduld und Liebe schließlich verklären, in Einklang bringen könnte. Es hat sogar allen Anschein, als ob gerade der Versuch, dem Guten endgültig und absolut zum Siege zu verhelfen, zu einer gefährlichen Aufstauung des Bösen und damit zu einer Katastrophe führen müßte. Neben dem Weltende ist die Zerstörung von Sodom und Gomorrha, ja sogar die Sintflut, reines Kinderspiel; denn dieses Mal geht die Schöpfung überhaupt aus den Fugen.“

Dem Weltende gehe die Tatsache voraus, daß selbst der Sieg des Gottessohnes Christus gegen seinen Bruder, den Satan, nicht wirklich und endgültig erfochten sei, denn es sei zuvor noch eine letzte machtvolle Manifestation Satans zu erwarten.

Man könne kaum annehmen, dass die Inkarnation Gottes in seinem einen Sohne Christus vom Satan ruhig hingenommen würde. „Sie muß gewiß seine Eifersucht aufs Höchste erregt und in ihm den Wunsch wachgerufen haben, Christus nachzuahmen.“

Dieser Plan werde durch die Gestalt des Antichristus zur Ausführung gebracht. Ein Zweifel werde laut an der unmittelbaren Endgültigkeit oder der universalen Wirksamkeit des Erlösungswerkes. Leider, müsse man sagen, bildeten diese Erwartungen unreflektierte Offenbarungen, die mit der sonstigen Heilslehre nirgends auseinandergesetzt oder gar in Einklang gebracht würden.

Jung droht jetzt schon mal, sich später der Apokalypse ausführlicher zuwenden zu wollen, ein Versprechen, das er leider (ist man versucht zu sagen) einlösen wird.

Zuvor aber müßten wir uns der Frage zuwenden, wie es sich mit der Menschwerdung Gottes über Christi Tod hinaus verhalte. Schließlich habe man seit alters gelehrt, daß die Menschwerdung ein einmaliges historisches Ereignis sei. Man könne keine Wiederholung desselben und ebenso wenig eine weitere Offenbarung des Logos erwarten, denn auch diese sei in der Einmaligkeit der vor bald 2000 Jahren erfolgten Erscheinung des Mensch gewordenen Gottes auf Erden beschlossen. (sic!)

Monreale,  hier gefunden

Mit dem Schluß des Neuen Testamentes hörten die authentischen Mitteilungen Gottes auf. Soweit die protestantische Sicht. Die katholische Kirche als direkte Erbin des historischen Christentums erweise sich in dieser Frage vorsichtiger, denn sie nähme an, daß das Dogma mit Beihilfe des Heiligen Geistes sich weiterentwickeln und entfalten könne.

Diese Auffassung stehe in bester Übereinstimmung mit Christi Lehre vom Heiligen Geiste und damit der weiteren Fortsetzung der Inkarnation. Christus sei der Ansicht, daß, wer glaube, daß er der Sohn Gottes sei, der könne die Werke, die er tue, auch tun und noch größere als diese. Er erinnere seine Jünger daran, daß ihnen gesagt sei, sie seien Götter.

„Wenn Christus den irdischen Schauplatz verläßt, so wird er den Vater bitten, den Seinen einen 'Beistand' (den 'Parakleten') zu senden, der in Ewigkeit bei und in ihnen bleibt. Der Beistand aber ist der Heilige Geist, der vom Vater her gesendet wird. Dieser 'Geist der Wahrheit' wird die Gläubigen lehren und 'in die ganze Wahrheit leiten'.“

Christus habe sich demnach eine beständige Verwirklichung Gottes in dessen Kindern und daher in seinen Geschwistern im Geiste gedacht.

„Da der Heilige Geist die dritte Person der Trinität darstellt, und in jeder der drei Personen jeweils der ganze Gott gegenwärtig ist, so bedeutet die Einwohnung des Heiligen Geistes nichts weniger als eine Annäherung des Gläubigen an den Status des Gottessohnes. Man begreife daher unschwer den Hinweis: „Ihr seid Götter.“

„Dieser deifizierenden Wirkung des Heiligen Geistes kommt natürlich die dem Erwählten eigentümliche Imago Dei entgegen. Gott in der Gestalt des Heiligen Geistes schlägt sein Zelt bei und in den Menschen auf, denn er ist offenbar gesonnen, nicht nur in den Nachkommen Adams, sondern auch in einer unbestimmt großen Anzahl von Gläubigen, oder vielleicht in der Menschheit überhaupt, sich fortschreitend zu verwirklichen. „

Es sei daher symptomatisch bezeichnend, daß Barnabas und Paulus in Lystra mit Zeus und Hermes identifiziert wurden: „'Die Götter sind den Menschen ähnlich geworden und zu uns herabgestiegen'. Das war allerdings die naivere heidnische Auffassung der christlichen Transmutation, aber eben gerade deshalb überzeugt sie.“

Die Inkarnation Gottes in Christo bedürfe insofern einer Fortsetzung und Ergänzung, als Christus infolge der Parthenogenesis und der Sündlosigkeit kein empirischer Mensch gewesen sei und daher, wie es bei Joh. 1 heiße, ein Licht darstelle, das zwar in die Finsternis leuchtete, aber von dieser nicht begriffen würde. Er bliebe außerhalb und oberhalb der wirklichen Menschheit.

„Hiob aber war ein gewöhnlicher Mensch, und deshalb kann nach göttlicher Gerechtigkeit das ihm und, mit ihm, der Menschheit geschehene Unrecht nur durch eine Inkarnation Gottes im empirischen Menschen wieder gut gemacht werden. Dieser Sühneakt wird durch den Parakleten vollzogen, denn wie der Mensch an Gott, so muß Gott am Menschen leiden. Anders kann es keine 'Versöhnung' zwischen den beiden geben.“

Die fortlaufende, unmittelbare Einwirkung des Heiligen Geistes auf die zur Kindschaft berufenen Menschen bedeute de facto eine in die Breite sich vollziehende Menschwerdung. Christus, als der von Gott gezeugte Sohn, sei ein Erstling, der von einer großen Anzahl nachgeborener Geschwister gefolgt würde.

Diese tiefgreifenden Änderungen im menschlichen Status seien direkt durch das Erlösungswerk Christi bewirkt. Die Erlösung oder Errettung habe verschiedene Aspekte, so vor allem den einer durch Christi Opfertod geleisteten Sühne für die Verfehlungen der Menschheit. Sein Blut reinige uns von den bösen Folgen der Sünde. Er versöhne Gott mit dem Menschen und befreie diesen von dem ihm drohenden Verhängnis des Gotteszornes und der ewigen Verdammnis.

„Es leuchtet unmittelbar ein, daß derartige Vorstellungen Gottvater immer noch als den gefährlichen und deshalb zu propitiierenden Jahwe voraussetzen: der qualvolle Tod seines Sohnes muß ihm Genugtuung für eine Beleidigung leisten: er hat einen 'tort moral' erlitten und wäre eigentlich geneigt, sich dafür furchtbar zu rächen. Wir stolpern hier wiederum über das Mißverhältnis zwischen einem Weltschöpfer und seinen Geschöpfen, die sich zu seinem Ärger nie so benehmen, wie es seiner Erwartung entspräche.“

Es sei, wie wenn jemand eine Bakterienkultur anlegte, welche ihm mißrate. Er würde doch besser einen passenderen Nährboden auswählen. „Das Verhalten Jahwes gegenüber seinen Geschöpfen widerspricht allen Anforderungen der sog. 'göttlichen' Vernunft.“ Zudem komme, daß ein Bakteriologe in der Wahl seines Nährbodens sich irren könne. Gott aber, vermöge seiner Allwissenheit, könne sich nie irren, wenn er diese befrage. Er habe allerdings seine menschlichen Geschöpfe mit einem gewissen Bewußsein und daher mit einem entsprechenden Grade von Willensfreiheit ausgestattet. Aber er könne auch wissen, daß er dadurch den Menschen in Versuchung führe, einer gefährlichen Selbständigkeit zu verfallen.

Das wäre insoweit kein zu großes Risiko, wenn der Mensch es mit einem nur gütigen Schöpfer zu tun hätte. Aber Jahwe übersähe seinen Satanssohn, dessen List sogar er selber gelegentlich erläge. Wie sollte er da erwarten können, daß der Mensch es besser mache? „Zudem übersieht er, daß, je mehr Bewußtsein ein Mensch besitzt, er desto mehr von seinen Instinkten, die ihm wenigstens noch eine gewisse Witterung von der verborgenen Weisheit Gottes geben, abgetrennt und jeder Irrtumsmöglichkeit preisgegeben ist. Satans List ist er schon gar nicht gewachsen, wenn nicht einmal sein Schöpfer diesem mächtigen Geiste Einhalt gebieten kann oder will.“

Wir brechen hier besser ab, immerhin sind wir beim Heiligen Geist, jedenfalls nach dem Verständnis Jungs, angelangt. Das war schließlich die ursprüngliche Intention. Dem nächsten Abschnitt werde ich mich wohl eher wieder nur nächtlich zuwenden können. Da erscheint einem anderes wirklicher und man ist bereit, die verstiegensten Dingen nachzuverfolgen, vermutlich, da man selbst schon leicht entrückt ist.

Monreale, hier gefunden

nachgetragen am 19. Mai

Sonntag, 15. Mai 2016

Pfingsten &


Pfingsten hat ,wie ersehbar, „essensmäßig“ stattgefunden. Beschränken wir uns darauf. Ostern wurde eben abgeräumt, daher die Bilder. Daß Pfingsten ein schwieriges Thema ist heutzutage, habe ich schon irgendwo erwähnt. Nur Ostern geht danach wirklich nicht mehr. Es besteht natürlich immer, aber wenn man sich einmal dem abendländischen Festkreis des Jahres anvertrauen will...


Die rot blühende Kastanie muß als Überleitung herhalten.


Da es die Saison ist, also Spargel (der wurde auch überraschend gut vertragen), mit viel brauner Butter und Muskat... Keine Überraschungen. Dazu nimmt man traditionellerweise gern Schnitzel (paniert etc.), ich habe es auch gut verhauen, es blieb dennoch ein wenig – zäh, wie ich einräume, unter der sehr geschmackvollen Kruste.






Schon springen wir in den Montag, den ich eigentlich unerwähnt lassen wollte. Aber die Rosmarin-Kartoffeln waren ganz nett (Resteverwertung), und das Steak, das ich mir für meine Person briet, auch. Frau W. schnitzelte an ihrem übriggebliebenen Schnitzel vom Vortag herum...


Nur hatte ich ein kurioses Erlebnis, oder so. Ich mag mein Steak ja gern innen rosa, um das mindeste zu sagen (ich habe schon mal einen Bekannten in einem Restaurant durch den unschuldig rosafarbenen Fleischsaft an die Grenze der Beherrschung gebracht, ach diese seligen Erinnerungen). Der Rauchpunkt des Öls war erreicht, ich wurde abgelenkt, und als ich das Ding wenig später hineintat, sah es mehr nach einem gemütlichen Lagerfeuer aus. Nichts ist angebrannt, selbst das Steak nicht, wie man sieht. Aber ein wenig riß einen das doch aus der üblich gewordenen Lethargie.


Ich habe zum Ausgleich einmal mehr das große örtliche Antiquariat besucht (zu Pfingsten gab es Lesungen, Musik u.dgl.), das nur ehrenamtlich betrieben werden kann (wer kauft schon über-abgehangene Schinken), und habe mir noch mehr 19. Jahrhundert zugelegt, interessant bisweilen, auch wenn die Eitelkeit den Menschen schon damals mitunter doch zu sehr den Stil verdarb (ich bringe später (nicht heute) Proben davon, womöglich). Und das muß jetzt auch so genügen.

nachgetragen am 17. Mai

Samstag, 14. Mai 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 6

Carl Gustav Jung, hier gefunden

Nebensächliche Einführung

Unsere Hausfrisörin fragte mich neulich, was Pfingsten eigentlich sei (sie konnte mir sogar die Bestimmung des Ostertermins erklären, das nur zur Einordnung). Man stammelt dann natürlich etwas von der Herabkunft des Heiligen Geistes, was die Sache nicht leichter macht. Ich will den Rest gar nicht weiter ausführen, denke auch nicht, daß ich wirklich helfen konnte, merkte noch meine gewisse Reserviertheit bei dem Thema an. Aber da Pfingsten nun wirklich bevorsteht, war der Ehrgeiz geweckt, für zukünftige Eventualitäten.

Wonach greift man? Vor allem, wenn die traditionelle religiöse Sprache nahezu unverständlich geworden ist. Paul Tillich, dessen Ruhm etwas verblaßt ist, fühlte sich erkennbar als ein Schleiermacher des 20. Jahrhunderts (und tat es ihm bis in den Stil hinein nach). Sein Anliegen, die Substanz des Christentums in einer anderen, existenziellen oder auch philosophischen Sprache auszusprechen, birgt eine gewisse Faszination. Und dann erinnerte ich mich dunkel, daß bei ihm viel von Geist die Rede war.

Es ist kurios, seit meinen jüngeren Tagen bin ich ihm mit einer Mischung aus Neugier und Mißtrauen entgegengetreten (vielleicht doch nur ein luftiger Scharlatan) und trifft dann auf Sätze wie nachfolgende (muß ich früher wohlwollend überlesen haben) und ist erst einmal im Grundsatz kuriert.

 "Aber man kann dem ewigen logos an sich nicht das Antlitz Jesu von Nazareth  oder das Gesicht des geschichtlichen Menschen oder irgendeiner anderen Manifestation des schöpferischen Seinsgrundes geben. Was man sagen muß, ist, daß für den geschichtlichen Menschen das Antlitz Gottes im Antlitz Jesu als des Christus offenbar ist. Die trinitarische Manifestation des göttlichen Grundes ist christo-zentrisch für den Menschen, aber sie ist keinesfalls Jesu-zentrisch für das Universum. Der Gott, der in den trinitarischen Symbolen geschaut und angebetet wird, hat seine Freiheit nicht verloren, sich für andere Welten auf andere Weise zu offenbaren." (Paul Tillich, Systematische Theologie Bd. 3, S. 332)

Dann lieber C. G. Jung. Der hat auch überraschende Einsichten, tritt aber wenigstens nicht mit theologischem Anspruch auf. Meine Reihe zu seinem Hiob-Büchlein ist unfertig, und da geht es am Ende auch sehr um den Heiligen Geist. Wir werden sehen, wie weit wir kommen. (Man findet übrigens auf der rechten Seite weiter unten unter seinem Porträt einen Verweis auf meine bisherigen Beiträge zu ihm.)

Rückschau

Wir erinnern uns, Jung sah in den Aussagen der Heiligen Schrift als Psychoanalytiker zuerst seelische Tatsachen. Diese gingen zunächst immer über unseren Kopf hinweg, indem sie auf bewußtseinstranszendente Wirklichkeiten verwiesen. Sie hätten eine gewisse Autonomie und deren Erzählung wolle er wiedergeben. Salopp gesagt handelt sie davon, wie Gott sich seiner bewußt und so erwachsen wird.

In meinem folgenden Beitrag ging ich dann auf die bekannte Erzählung ein, wie Gott Hiob für seinen Glauben und Lebenswandel lobt, von seinem Vertrauten Satan darauf zu einer verhängnisvollen Wette überredet wird, in deren Folge er in Elend und Krankheit stürzt, Kinder und Knechte erschlagen werden, Hiob aber standhaft bleibt. Frau und Freunde machen ihm noch dazu Vorhaltungen, seine berechtigte Klage bleibt ungehört.

Jung wendet ein, welch dunkle Taten sich hier häuften, bei denen Jahwe keinerlei Bedenken oder Reue zeige, sondern nur Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit bekunde, während er seine eigenen Gebote in flagranter Weise verletzte.

Hiob aber bleibt gegen alle Anwürfe standhaft und behauptet sein Recht, er ruft Gott gegen Gott zu Hilfe. Er mag seinen Glauben an die göttliche Gerechtigkeit nicht aufgeben, weiß aber, daß niemand anders ihm Unrecht und Gewalt antue, als eben Jahwe selber. Hiob sehe, daß Gott sich in Widerspruch mit sich selber befinde.

Gott hat sein Recht gebeugt und er will wenigstens dies ihm ins Angesicht sagen. Was folgt ist eine überraschende göttliche Machtdemonstration und Hiob verstummt vor ihm. Jahwe kämpft nicht mit seinem Gewissen, sondern sieht merkwürdigerweise seine Allmacht in Frage gestellt, aber an der hatte Hiob ja nun gerade nicht gezweifelt. Hiob widerruft, er hat genug gesehen.

Jung beschreibt Hiobs erschüttertes Gottesbild so, daß dieser naiverweise zuvor geglaubt hatte, ein Bund binde beide Seiten und ein Vertragspartner könne auf dem ihm zugestandenen Recht bestehen, Gott sei zum mindesten gerecht und fühle sich seinen eigenen Geboten verpflichtet. Er habe aber zu seinem Schrecken gesehen, daß Jahwe nicht nur kein Mensch, sondern in gewissem Sinne weniger als ein Mensch sei, nämlich eine Naturgewalt.

Der Schluß verblüfft dann: Die Wette ist beendet. Hiob erfährt reichlich „materielle“ Genugtuung. Die tadelnden Freunde werden zurechtgewiesen, „denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob“(!). Irgendetwas Merkwürdiges muß in der Tat geschehen sein, Jung sieht den „monotheistischen Gottesbegriff vor einer Katastrophe“.

Ein Gott auf der Couch

Jung analysiert nun, was er sieht und verweist auf die „vielerlei Zeugnisse“ im Alten Testament, welche das Bild eines Gottes zeichnen, „der maßlos war in seinen Emotionen und an eben dieser Maßlosigkeit litt... Einsicht bestand neben Einsichtslosigkeit, wie Güte neben Grausamkeit und wie Schöpferkraft neben Zerstörungswillen. Es war alles da, und keines hinderte das andere.“

Ein derartiger Zustand sei nur denkbar entweder ohne ein reflektierendes Bewußtsein oder wenn die Reflexion ein bloß ohnmächtig Mitvorkommendes darstelle. Ein solcher Zustand könne nur als amoralisch bezeichnet werden.

[Ein Einwand: Es existieren allerdings im AT auch hinreichend Zeugnisse von Gottes frühem Langmut, erinnert sei an die Geschichte von Sodom und Gomorrah, nur macht das die Sache bloß komplexer, widerlegt ist Jung damit nicht.]

In einem Menschen, der uns Böses antue, könnten wir nicht zugleich den Helfer erwarten. Jahwe aber sei kein Mensch, er sei Verfolger und Helfer in einem. Jahwe sei nicht gespalten, sondern eine Antinomie, eine totale innere Gegensätzlichkeit, die unerläßliche Voraussetzung seiner ungeheuren Dynamik, seiner Allmacht und Allwissenheit. Aus dieser Erkenntnis heraus halte Hiob daran fest, ihm „seine Wege darzutun“, ihm seinen Standpunkt klar zu machen, denn ungeachtet seines Zornes sei er sich selber gegenüber auch der Anwalt des Menschen, der eine Klage vorzubringen habe.

Jung beschreibt nochmals die seelische Physiognomie Jahwes. „Die unberechenbaren Launen und verheerenden Zornanfälle Jahwes waren aber seit alters bekannt. Er erwies sich als eifersüchtiger Hüter der Moral; insbesondere war er empfindlich in bezug auf Gerechtigkeit. Er mußte daher stets als 'gerecht' gepriesen werden, woran... ihm nicht wenig lag. Dank... dieser Eigenart hatte er distinkte Persönlichkeit, die sich von der eines mehr oder weniger archaischen Königs nur durch den Umfang unterschied.“

Der Persönlichkeitstypus, den Jungs sieht, ist der eines archaischen Menschen, genauer Herrschers, machtbewußt, amoralisch, willkürhaft. Nur eben mit unendlich gesteigerter Macht. Dazu gehört das Abverlangen von Loyalität. Denn Jahwe ist nicht nur ein amoralischer, er ist auch ein einsamer Gott.

„Sein eifersüchtiges und empfindliches Wesen, das mißtrauisch die treulosen Herzen der Menschen und ihre heimlichen Gedanken durchforschte, erzwang ein persönliches Verhältnis zwischen ihm und dem Menschen, der nicht anders konnte, als sich persönlich von ihm angerufen zu fühlen.“

War das Erwachen des Religiösen im Menschen zuerst ein Phänomen von Überwältigung durch eine numinose Macht, der man sich unterwirft, vor der man sich schützt, mit der man sogar in Verbindung treten wollte, um einen Verbündeten zu gewinnen...?

Jung sieht: Jahwe ist auffällig anders als seine Götterkollegen. Er vergleicht ihn mit dem „allwaltenden Vater Zeus, der wohlwollend und etwas detachiert die Ökonomie der Welt auf altgeheiligten Bahnen abrollen ließ und nur das Unordentliche bestrafte. Er moralisierte nicht, sondern waltete instinkthaft. Von den Menschen wollte er nichts als die ihm gebührenden Opfer; mit ihnen wollte er schon gar nichts, denn er hatte keine Pläne mit ihnen. Vater Zeus ist zwar eine Gestalt, aber keine Persönlichkeit. Jahwe dagegen lag es an den Menschen. Sie waren ihm sogar ein Anliegen erster Ordnung. Er brauchte sie, wie sie ihn brauchten, dringlich und persönlich.“

Nach Jung waren die Menschen des frühen Altertums von ihren archaischen Göttern derlei Launen gewohnt, bei Jahwe war es insofern anders, als in der religiösen Beziehung eine persönlich moralische Bindung hinzutrat.

„Der Interlocutor... weiß, was er zu hören bekäme, wenn er der bedauernswerte Rechtsbrecher wäre. Er muß sich, weil es sonst lebensgefährlich für ihn würde, auf das höhere Niveau der Vernunft zurückziehen und erweist sich damit, ohne es zu wissen und zu wollen, als dem göttlichen Partner in intellektueller sowohl als moralischer Hinsicht leise überlegen. Jahwe merkt es nicht, daß er 'behandelt' wird, so wenig wie er versteht, warum er anhaltend als gerecht gepriesen werden muß.“

„So laut seine Macht durch die kosmischen Räume dröhnt, so schmal ist die Basis ihres Seins, das nämlich einer bewußten Widerspiegelung bedarf, um wirklich zu existieren. Gültig ist das Sein natürlich nur, wo es jemandem bewußt ist.“

Der hieraus sichtbar werdende Charakter passe zu einer Persönlichkeit, die nur vermöge eines Objektes sich ein Gefühl eigener Existenz verschaffen könne. Die Abhängigkeit vom Objekt sei absolut, wenn das Subjekt keinerlei Selbstreflexion und damit auch keine Einsicht in sich selbst besitze.

Moralität setze Bewußtsein voraus. Jahwe aber sei jede Eigenschaft in ihrer Totalität, also unter anderem die Gerechtigkeit schlechthin, aber auch das Gegenteil, und dies ebenso vollständig.

Der Mensch habe einen Vorteil, er besitze wegen seiner Kleinheit, Schwäche und Wehrlosigkeit dem Mächtigen gegenüber ein etwas schärferes Bewußtsein auf Grund der Selbstreflexion. Letzterer bedürfe dieser Vorsicht nicht, denn nirgends stoße er auf jenes unüberwindliche Hindernis, das ihn zum Zögern und damit zur Selbstreflexion veranlassen könnte.

Jahwe begehrt den Menschen. Das verleihe diesem beinahe göttliches Gewicht. Die zwiespältige Haltung Jahwes versetze ihn aber in eine geradezu unmögliche Situation: einerseits benähme sich Jahwe unvernünftig nach dem Vorbild von Naturkatastrophen und ähnlichen Unabsehbarkeiten, andererseits wolle er geliebt, geehrt, angebetet und als gerecht gepriesen werden.

Einem derartigen Gotte könne sich der Mensch nur mit Furcht und Zittern unterwerfen, ein Vertrauensverhältnis aber erscheine dem modernen Empfinden als völlig ausgeschlossen. Eine moralische Genugtuung gar sei von Seiten eines derart unbewußten Naturwesens nicht zu erwarten, jedoch sei sie Hiob geschehen.

Hiob gewinne also in der Konfrontation mit Jahwe eine Bewußtheit, die ihn diesem gegenüber in den Vorteil bringe. Unbewußtheit sei tierisch-naturhaft. Es sei das Benehmen eines vorzugsweise unbewußten Wesens, das man nicht moralisch beurteilen könne: „Jahwe ist ein Phänomen und 'kein Mensch'.“

„Hiob erkennt die innere Antinomie Gottes, und damit erlangt das Licht seiner Erkenntnis selber göttliche Numinosität. Die Möglichkeit einer derartigen Entwicklung beruht, wie zu vermuten, auf der Gottebenbildlichkeit, die man wohl kaum in der Morphologie des Menschen suchen darf.“

Jung sieht Jahwe also in einer beginnenden Persönlichkeitskrise, die ihm ein Schicksal hätte bereiten können, wie es den griechischen Göttern beschieden war. Wozu es bekanntlich nicht kam.

„Der unbewußte Geist des Menschen sieht richtig, auch wenn der bewußte Verstand geblendet und ohnmächtig ist: das Drama hat sich für alle Ewigkeit vollendet: Jahwes Doppelnatur ist offenbar geworden, und jemand oder etwas hat sie gesehen und registriert. Eine derartige Offenbarung, ob sie nun zum Bewußtsein der Menschen gelangte oder nicht, konnte nicht ohne Folgen bleiben.“

Das Erscheinen der Weisheit Gottes

Voranschreitend in der Zusammenfassung des bisher Geschriebenen: Jung sieht das Hiobbuch zeitlich nah zu den sogenannten Sprüchen Salomos (4. - 3. Jahrhundert) zustande gekommen. In letzteren begegneten wir einem Symptom griechischen Einflusses, der das jüdische Gebiet erreicht hat. „Es ist die Idee der Σοφία oder Sapientia Dei, eines coaeternen, der Schöpfung praeexistenten, annähernd hypostasierten Pneuma weiblicher Natur: ... (Spr. VIII, 22 ff.).“

Gott entdeckt also die Weisheit, wieder: „(Es) wird... ruchbar, was geschehen ist: er hat sich eines weiblichen Wesens, das ihm nicht minder gefällig ist als den Menschen, erinnert, einer Freundin und Gespielin seit der Urzeit, eines Erstlings aller Gottesgeschöpfe, eines fleckenlosen Abglanzes seiner Herrlichkeit von aller Ewigkeit her und einer Werkmeisterin der Schöpfung, seinem Herzen näher verwandt und vertraut als die späten Nachfahren des sekundär geschaffenen, mit der Gottesimago geprägten Protoplasten (Urmensch). Es ist wohl eine dira necessitas, welche den Grund zu dieser Anamnesis der Sophia bildet: es konnte nicht mehr so weitergehen wie bisher; der 'gerechte' Gott konnte nicht mehr selber Ungerechtigkeiten begehen und der 'Allwissende' sich nicht mehr so verhalten, wie ein ahnungs- und gedankenloser Mensch. Selbstreflexion wird zur gebieterischen Notwendigkeit, und dazu braucht es Weisheit: Jahwe muss sich seines absoluten Wissens erinnern.

Denn, wenn Hiob Gott erkennt, dann muß auch Gott sich selber erkennen. Es konnte nicht sein, daß aller Welt Jahwes Doppelnatur ruchbar wurde und nur ihm selber verborgen blieb. Wer Gott erkennt, wirkt auf ihn. Das Scheitern des Versuches, Hiob zu verderben, hat Jahwe gewandelt.“

Weisheitssprüche und apokalyptische Mitteilungen deuteten auf metaphysische Erkenntnisakte, auf konstellierte unbewußte Inhalte, die bereit seien, ins Bewußtsein durchzubrechen. „In allem ist, wie schon gesagt, Sophias hilfreiche Hand am Werke.“

Vor dem Wiederauftreten der Sophia falle auf, daß sein Handeln von einer inferioren Bewußtheit begleitet sei. Immer wieder vermisse man die Reflexion und die Bezugnahme auf das absolute Wissen. Seine Bewußtheit scheine nicht viel mehr als eine primitive „awareness“ zu sein. Man könne den Begriff mit „bloß wahrnehmendes Bewußtsein“ umschreiben. Awareness kenne keine Reflexion und keine Moralität. Man nehme bloß wahr und handele blind. „Heutzutage würde man einen solchen Zustand psychologisch als 'unbewußt'« und juristisch als 'unzurechnungsfähig' bezeichnen.“

Daß das Bewußtsein keine Denkakte vollziehe, beweise nicht, daß solche nicht vorhanden seien. Sie verliefen bloß unbewußt und machten sich indirekt bemerkbar in Träumen, Visionen, Offenbarungen und „instinktiven“ Bewußtseinsveränderungen, aus deren Natur man erkennen könne, daß sie von einem „unbewußten“ Wissen herrührten und durch unbewußte Urteilsakte und Schlüsse zustande gekommen seien.

Das Verhalten Jahwes verändere sich. „Es ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß ihm die moralische Niederlage, die er sich Hiob gegenüber zugezogen hat, zunächst nicht zum Bewußtsein gekommen war. In seiner Allwissenheit stand diese Tatsache allerdings schon seit jeher fest, und es ist nicht undenkbar, daß dieses Wissen ihn unbewußt allmählich in die Lage gebracht hat, so unbedenklich mit Hiob zu verfahren, um durch die Auseinandersetzung mit letzterem sich etwas bewußt zu machen und eine Erkenntnis zu gewinnen.“

Wie immer, wenn ein äußeres Ereignis an ein unbewußtes Wissen rühre, könne letzteres bewußt werden. Etwas derartiges müsse mit Jahwe geschehen sein. Die Überlegenheit Hiobs könne nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Damit sei eine Situation entstanden, die nun wirklich des Nachdenkens und der Reflexion bedürfe. Aus diesem Grunde greife Sophia ein. Sie unterstütze die nötige Selbstbesinnung und ermögliche dadurch den Entschluß Jahwes, nun selber Mensch zu werden. Damit falle eine folgenschwere Entscheidung: er erhebe sich über seinen früheren primitiven Bewußtseinszustand, indem er indirekt anerkenne, daß der Mensch Hiob ihm moralisch überlegen sei und daß er deshalb das Menschsein noch nachzuholen habe.

Gott will Mensch werden

Jahwe müsse Mensch werden, denn diesem habe er Unrecht getan. Er, als der Hüter der Gerechtigkeit, wisse, daß jedes Unrecht gesühnt werden müsse, und die Weisheit wisse, daß auch über ihm das moralische Gesetz walte. „Weil sein Geschöpf ihn überholt hat, muß er sich erneuern.“

„Es sind eigentlich erst die sorgfältigen und vorausschauenden Vorbereitungen zur Geburt Christi, welche erkennen lassen, daß die Allwissenheit anfängt, einen nennenswerten Einfluss auf Jahwes Handeln zu gewinnen.“

Die Annäherung der Sophia bedeute neue Schöpfung. Diesmal solle aber nicht die Welt geändert werden, sondern Gott wolle sein eigenes Wesen wandeln. Die Menschheit solle nicht, wie früher, vernichtet, sondern gerettet werden. Man erkenne in diesem Entschluß den menschenfreundlichen Einfluß der Sophia: es sollen keine neuen Menschen geschaffen werden, sondern nur Einer, der Gottmensch.

Dazu bedürfe es eines anderen Weges: Der männliche Adam secundus solle nicht als Erster unmittelbar aus der Hand des Schöpfers hervorgehen, sondern aus dem menschlichen Weibe geboren werden. Die Priorität falle diesmal also der Eva secunda zu, und zwar nicht etwa nur in zeitlichem, sondern auch in substantiellem Sinne.

So werde Maria, die Jungfrau, als reines Gefäß für die kommende Gottesgeburt auserwählt. Ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom Manne werde durch ihre prinzipielle Jungfrauschaft hervorgehoben. Sie sei eine „Gottestochter“, die, wie später dogmatisch festgestellt werden wird, von allem Anfang an schon durch das Privileg der unbefleckten Empfängnis ausgezeichnet und damit von der Befleckung der Erbsünde befreit sei. Ihre Zugehörigkeit zum „status ante lapsum“ sei daher evident. Damit würde ein neuer Anfang gesetzt.

Die Wiederherstellung der Schöpfung müsse also eine Brücke zum reinen Urzustand schlagen. Dies geschehe in Maria. Sie trage nicht nur die imago Dei in ungeminderter Reinheit, sondern inkarniere auch ihren Prototypus, die Sophia. Sie sei wie diese eine Mediatrix, die zu Gott führe und den Menschen dadurch das Heil der Unsterblichkeit sichere. Ihre Assumptio sei das Vorbild für die leibliche Auferstehung des Menschen. Als Gottesbraut und Himmelskönigin habe sie die Stelle der alttestamentlichen Sophia inne.

Maria würde sozusagen zum Status einer Göttin erhoben und büße damit ihre volle Menschlichkeit ein: Sie würde ihr Kind nicht wie alle anderen Mütter in der Sünde empfangen und daher würde es auch nie ein Mensch, sondern ein Gott sein. Beide, Mutter und Sohn, seien keine wirklichen Menschen, sondern Götter.

Diese Veranstaltung bedeute zwar eine Erhöhung der Persönlichkeit Mariae im männlichen Sinn, indem sie der Vollkommenheit Christi angenähert würde, aber zugleich auch eine Kränkung des weiblichen Prinzips der Unvollkommenheit bzw. der Vollständigkeit, indem dieses durch Perfektionierung bis auf jenen kleinen Rest, der Maria noch von Christus unterscheide, vermindert würde.

Hier müssen wir doch aus unserem referierenden Modus aussteigen. Jung unterstellt daß Sündhaftigkeit zum Wesen des Menschen gehört, faktisch ist es zwar so, aber es der Ausdruck eines gestörtes Wesens. So wie das Böse kein eigenes Sein hat, sondern es nur aus der Feindschaft gegen das Gute erlangt. Die volle Menschlichkeit wäre die ursprüngliche, ursprünglich war der Mensch aber sündlos geschaffen. Eine sündlose Inkarnation stellt also die Menschlichkeit eben gerade wieder her.

„Alle Welt ist Gottes, und Gott ist in aller Welt von allem Anfang an. Wozu dann die große Veranstaltung der Inkarnation? fragt man sich erstaunt. Gott ist ja de facto in allem, und doch muß irgend etwas gefehlt haben, daß nunmehr ein sozusagen zweiter Eintritt in die Schöpfung mit soviel Umsicht und Sorgfalt inszeniert werden soll.“

„Man vergegenwärtige sich, was das heißt: Gott wird Mensch. Das bedeutet nichts weniger als weltumstürzende Wandlung Gottes. Es bedeutet etwas wie seinerzeit die Schöpfung, nämlich eine Objektivation Gottes. Damals offenbarte er sich in der Natur schlechthin; jetzt aber will er, noch spezifischer, gar zum Menschen werden.“

Gott stellt also mit seiner Inkarnation den Menschen in seinem Mensch-Sein wieder her und zugleich erlöst Gott sich selbst, indem er Mensch wird.

Rückschau

Was als kurze Zusammenfassung geplant war, ist erwartbar weitläufig geworden. Dabei dachte ich in meinem letzten Beitrag zu Jung, es wäre zu hastig geworden, deshalb ein retardierendes Moment (und jetzt bloß noch eine gekürzte Wiedergabe desselben).

Denken wir uns einen Mythos. Ein Naturwesen, ein Berggott einer abgelegenen Landschaft im vorderen Asien, zunächst nicht so unterschiedlich von vergleichbaren Gestalten, fällt in erhebliche Identitätskonflikte, da er sich für die Menschen wirklich interessiert, genauer gesagt, von ihnen nicht loskommt. Er gewinnt eine Ahnung seiner Einzigartigkeit, teilt sich in bisher unbekannter Weise mit, fällt in moralische Ausweglosigkeiten, entfernt sich uneinholbar weiter vom bisher bekannten Archetypus des Göttlichen und wird sich darüber am Ende seiner selbst bewußt. Und erkennt, er müsse zum Menschen werden.

Jungs nimmt alles sehr ernst, spielt nicht damit herum, aber sein Geist ist auch ein wenig, sagen wir es höflich, gewunden und schräg. Er landet ständig an Orten, von deren Existenz man nicht einmal eine Ahnung hatte (man gewinnt unter o.g. Verweis vielleicht eine Ahnung davon)...

Der Schöpfer habe ausgerechnet den ersten Schöpfungstag nicht wohlwollend kommentiert. „Er sagte einfach nichts“. „Es ist klar, dass dieser unvermeidliche Dualismus schon damals, wie auch später, nicht recht ins monotheistische Konzept passen wollte, weil er auf eine metaphysische Zwiespältigkeit hinweist. Dieser Spalt muß, wie wir aus der Geschichte wissen, durch die Jahrtausende hindurch immer wieder geflickt, verheimlicht oder gar geleugnet werden.“

Trotz alledem habe er sich gleich zu Anfang schon im Paradies zur Geltung gebracht, indem dem Schöpfer eine merkwürdige Inkonsequenz unterlaufen wäre, nämlich die Erschaffung der Schlange, die sich als erheblich klüger und bewußter als Adam erwiesen habe. Es sei kaum zu vermuten, daß Jahwe sich selber einen solchen Streich gespielt habe; viel wahrscheinlicher dagegen habe hier sein Sohn, der Satan, seine Hand im Spiele. Er sei ein Trickster und Spielverderber und liebe es, ärgerliche Zwischenfälle zu veranlassen.

Wie konnte es zu diesen Schöpfungsunfällen kommen? „Wie später, so besteht schon hier der Verdacht, dass aus der Allwissenheit keine Schlüsse gezogen wurden, das heißt, Jahwe besinnt sich nicht auf sein Allwissen und ist infolgedessen nachher vom Resultat überrascht.“

Verdeckt und geschützt vom Saume des väterlichen Mantels setze Satan bald hier bald dort falsche und in anderer Hinsicht richtige Akzente, wodurch Verwicklungen entstünden, die auf dem Plane des Schöpfers anscheinend nicht vorgezeichnet gewesen wären und darum als Überraschungen wirkten. Während die unbewußte Kreatur wohl befriedigend funktioniere, ginge es mit dem Menschen irgendwie anhaltend schief.

„Die sonderbaren, nicht vorausgesehenen Extravaganzen der Menschen erregen Jahwes Affekte und verwickeln ihn dadurch in seine eigene Schöpfung. Göttliche Interventionen werden zu gebieterischen Notwendigkeiten. Es ist diesen aber ärgerlicherweise jeweils nur vorübergehender Erfolg beschieden, selbst die drakonische Strafe der Ertränkung alles Lebenden (mit Ausnahme der Erwählten), welcher nach der Auffassung des alten Johann Jakob Scheuchzer sogar die Fische nicht entgangen sind..., hat keine dauernde Wirkung.“

Die Schöpfung erweise sich nach wie vor als infiziert. Seltsamerweise suche Jahwe die Ursache dafür immer bei den Menschen, die anscheinend nicht gehorchen wollten, nie aber bei seinem Sohn, dem Vater aller Trickster. Diese unrichtige Orientierung könne seine ohnehin schon reizbare Natur nur verschärfen, so daß die Gottesfurcht bei den Menschen allgemein zum Prinzip und sogar als Anfang aller Weisheit betrachtet werde.

Während die Menschen sich unter dieser harten Zucht anschickten, ihr Bewußtsein durch den Erwerb einer gewissen Weisheit, d.h. zunächst Vorsicht oder  Besonnenheit zu erweitern, werde aus dieser historischen Entwicklung ersichtlich, daß Jahwe seine pleromatische Koexistenz mit Sophia seit den Tagen der Schöpfung offensichtlich aus den Augen verloren habe

An ihre Stelle träte der Bund mit dem auserwählten Volk, das dadurch in die weibliche Rolle gedrängt werde (einer patriarchalen Männergesellschaft, in welcher der Frau nur eine sekundäre Bedeutung zukam (!)). Diese psychologische Sicht würde nicht zuletzt Israels Untreue etwa erklären.

Der Ehe mit Israel liege ein perfektionistisches Vorhaben Jahwes zugrunde. Damit ist jene Bezogenheit, die man als „Eros“ bezeichnen könnte, ausgeschlossen. Der Mangel an Eros, d. h. an Wertbeziehung, träte im Hiob recht deutlich hervor: Das herrliche Paradigma der Schöpfung sei ein Ungetüm, nicht etwa der Mensch - wohlgemerkt! Jahwe habe keinen Eros, keine Beziehung zum Menschen, sondern nur zu einem Zwecke, zu dem ihm der Mensch verhelfen solle. Das alles hindere aber nicht, daß er eifersüchtig und mißtrauisch sei wie nur je ein Ehegatte, aber er meine sein Vorhaben und nicht den Menschen.

„Die Treue des Volkes wird umso wichtiger, je mehr Jahwe der Weisheit vergißt. Aber das Volk verfällt immer wieder der Treulosigkeit trotz vielfacher Gunstbeweise. Dieses Verhalten hat Jahwes Eifersucht und Mißtrauen natürlich nicht besänftigt, daher fällt die Insinuation Satans auf fruchtbaren Boden, als er den Zweifel an Hiobs Treue in das väterliche Ohr träufelt.“

„Hiob bezeichnet den Höhepunkt dieser mißlichen Entwicklung. Er stellt als Paradigma einen Gedanken dar, der in der damaligen Menschheit reif geworden ist, einen gefährlichen Gedanken, welcher an die Weisheit der Götter und Menschen einen hohen Anspruch stellt.“

Hiob sei sich dieses Anspruches zwar bewußt, wisse aber offenbar nicht genügend um die mit Gott coaeterne Sophia. Weil die Menschen der Willkür Jahwes sich ausgeliefert fühlten, bedürften sie der Weisheit, nicht aber Jahwe, dem bisher nichts entgegenstehe als die Nichtigkeit des Menschen. Mit dem Hiobdrama ändere sich die Situation aber von Grund auf. Hier stoße Jahwe auf den standhaften Menschen, der an seinem Recht festhalte, bis er der brutalen Macht weichen müsse.

Er habe das Angesicht Gottes und dessen unbewußte Zwiespältigkeit gesehen. „Gott war erkannt, und diese Erkenntnis wirkte nicht nur in Jahwe, sondern auch in den Menschen weiter... Die Weisheit, in hohem Maße personifiziert und damit ihre Autonomie bekundend, offenbart sich ihnen als freundlicher Helfer und Anwalt Jahwe gegenüber und zeigt ihnen den lichten, gütigen, gerechten und liebenswerten Aspekt ihres Gottes.“

Ist Gottes Wesen unwandelbar? Nun es vermag sich nur in sehr wandelbaren Wesen wiederzufinden. Also ist es womöglich der Mensch, der erwachsen zu werden versucht?

wird, sub conditione Jacobaea, fortgesetzt

Monreale, Gott ruht nach der Schöpfung

nachgetragen am 16. Mai

Fortsetzung

Donnerstag, 5. Mai 2016

Himmelfahrt & (nachgetragen)


Da dieser Ort (aus sehr verschiedenen Gründen) erneut etwas schweigsam wurde (so fiel etwa das letzte Sonntagsessen komplett aus), dachte ich mir, bring doch ein Stück von dem, wo etwas fast funktionierte. Himmelfahrt. Keine Angst. Keine religiösen Konnotationen (ich werde es versuchen, zumindest).  Obwohl, ich dachte, wenn schon Himmelfahrt, dann weiße Rosen und eine blaue Vase (also irgendwas mit Himmel). Ich fand es auch hübsch.

Zum fast funktioniert habenden Essen. Ach beginnen wir mit dieser Kerze. Wie sicher erwähnt, hat unser Herzog bald seinen 60. Geburtstag. Erst wollte sie unter keinen Umständen dort hin. Dann hat sie ihm andauernd mit vergeßlichen Händen eine Kerze gebastelt. Und jetzt soll ich schon nach Kleidern suchen, die in ihrer Erinnerung aufsteigen, einem roten (!?) z.B.

Als dies sich wirklich nicht auffinden ließ, und nach meinem Einwand, vielleicht beim letzten Umzug ebenso verloren gegangen, ließ sie sich nicht beirren und fragte tatsächlich: 'Hast du schon mal in deinen Schränken nachgesehen'. Was  mir nur übrig ließ zu versichern, erstens sind es nur zwei (der Plural insofern korrekt), aber wenn mir etwas zwischen meinen Winter- und Herbstmänteln z.B. ins Auge gestochen wäre, dann ein rotes Kleid. Es hätte dort keine weitere Sekunde gehabt. Das wäre bei allem doch aufgefallen, da sind wir noch nicht...


Wir wollen weiter ein wenig im Vorläufigen stöbern. Kürzlich überraschte mich von hinter dem Fenster dieses Schreibtisches ein gräßlich krächzendes monotones Gerumpel, das offensichtlich von 2 jungen Menschen herrührte, die, nein nicht Händchen hielten, aber dies wohl für Musik hielten und, was ich kurz sehen konnte, sich auf ihren Geräten bei geöffnetem Autofenster (es wurde wirklich zu schnell wieder mal warm) Bilder oder Videos oder was auch immer zeigten.

Ich darf ein Geheimnis verraten (bevor man noch zu einem dieser zänkischen Senioren mißrät) - Kultur hilft, Barock-Arien etwa, wie „Partì con l'ombra, è ver“, von Lavinia Bertotti vorgetragen (das war gerade in Reichweite, für derartige Fälle halte ich mir jetzt Mozarts Königin der Nacht mit ihrer Brauvor-Arie bereit. Die schöne Nachricht, über die man jetzt munter sinnieren darf: Sie waren so was von schnell weg, denn logischerweise waren meine beiden Fenster inzwischen ebenfalls wieder halb offen... (merkwürdig, wo dem einem selbst das Herz aufgeht oder besser, es sich in einen Zustand anlaßlosen Wohlbefindens versetzt fühlt, laufen, genauer fahren andere panisch davon).


Zum Essen. Schweinefilet ist zwar kurz gebraten (hier zusammen mit Rosmarinzweigen) immer nett, wird aber schnell trocken, wenn es nicht kurz genug war. Also wollte ich es noch kurz mit Champignons mit garen. Dann fiel mir ein. Wir mögen gegenwärtig u.a. ebenfalls keine Pilze. Also blieb es so. Frau W. hat aber tapfer davon zu ihrem üblichen Kartoffelbrei ein wenig gegessen.


Und ansonsten. Wir sind in Gottes Hand. Das ist alles.

nachgetragen am 12. Mai

Sonntag, 1. Mai 2016

Über vergiftete Toleranz & anderes – eine Predigt

Schönhausen / Elbe

Vor einiger Zeit, als ich meinte, diesen Ort locker fortführen zu können, rang ich mir einen Beitrag über einen „Bischof“ ab, weil es mich aufrichtig empört hatte. Es gibt mittlerweile eine Rechtfertigung (die es nicht besser macht). Der Beitrag dazu ist im Grunde fertig, aber ich mag nicht.

Da ich weiß, daß viele Brüder und Schwestern im Glauben obiges gelesen haben (zu meiner Verblüffung; aber ich merke gerade, ich kann diesen Tonfall nicht), bringe ich gerne nachfolgend eine Predigt von Herrn Roloff.

Er hat Schönhausen mittlerweile verlassen, wurde aber sehr gebeten, diesen Feuerwehrgottesdienst wenigstens wieder abzuhalten. Eine Tradition, die er dort begründet hatte.

Ich empfehle allen, die nach wenigen Zeilen ermüden, auf etwa die Hälfte zu springen, da erzählt er nämlich einiges über das Verhältnis von Glauben und Wahrheit.

Und nebenbei verweist er auf den Zerrottungszustand unserer gegenwärtigen „abendländischen“ Kultur. Aber zum Glück haben wir ja eine andre Heimat.

Ich will schließen mit Kolosser 2, 8f.:

Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus

Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.


Predigt zum Feuerwehrgottesdienst am 1. Mai 2016, dem Sonntag Rogate, in Schönhausen/Elbe


Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Kameradinnen, liebe Kameraden,
liebe Gemeinde,

als Thema will ich, bevor ich uns den Predigttext aus dem 1. Timotheusbrief verlese, einmal die Frage vorgeben, was wir als Christen von unserer Feuerwehr lernen können.

Im für den Sonntag Rogate vorgeschriebenen Abschnitt des Paulusbriefes lesen wir:

„1 So ermahne ich euch nun, daß man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und alle Obrigkeit, auf daß wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. 3 Denn solches ist gut und angenehm vor Gott, unserm Heiland, 4 welcher will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. 5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.“

Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen. Das ist die Aufgabe der Kirche nicht nur in dieser österlichen Zeit, sondern in allen Zeiten des Jahres.

Es ist gut, dass wir in jedem Jahr einen besonderen Gottesdienst feiern, um für den Dienst unserer Feuerwehr zu danken und für alle zu beten, die diesen Dienst freiwillig leisten. So werden die Bedeutung der Feuerwehr und die Aufgabe einer Kirchengemeinde in einen sinnfälligen Zusammenhang gestellt. Ich habe das in der Zeit, als ich hier Verantwortung tragen durfte, für ganz besonders wichtig erachtet und hoffe sehr, dass sich diese Tradition lebendig erhält.

Fürbitte und Danksagung setzen sich fort im Hinblick auf die Könige und auf alle Obrigkeit. Wir dürfen für unsere Zeit daran lernen, dass jeder, der engagiert am Gemeinwesen mitwirkt, Obrigkeit ist, weil er das Zusammenleben nach seinen Vorstellungen gestaltet. Bei der Feuerwehr wird es ganz plastisch, wie sehr Notwendigkeiten der Welt und das Verantwortungsgefühl von Menschen, aneinander gebunden sind. Wie sollte man ein ruhiges und stilles Leben in Gottseligkeit und Ehrbarkeit führen, wenn man nicht sicher wüsste, dass es Menschen gibt, die bei jeder Gefahr sehr schnell da sind, um Hilfe zu leisten? „Schnell wie die Feuerwehr“ ist nicht ohne Grund gerade bei Kindern zum beliebten Sprichwort geworden.
Beim weiteren Lesen unseres Textes freut man sich dann natürlich über das Lob: Denn solches ist angenehm vor Gott, unserem Heiland. Man freut sich darüber besonders, wenn man Menschen vor sich hat, die sich dieser Verantwortung stellen.

Der Gedanke wird aber noch weiter verfolgt. Warum ist es vor Gott gut und angenehm, wenn diese Lebensordnung aus Fürbitte, Danksagung und verantwortlichem Dienst aufrechterhalten wird?

Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Hilfe für Andere und die Erkenntnis der Wahrheit sind hier als das Fundament unseres Lebens benannt. Auch dieser Zusammenhang ist am Beispiel unserer Feuerwehr sehr anschaulich darstellbar. Ich habe dem Bericht, den Karl-Keinz Pick mir jedes Jahr zur Vorbereitung des Gottesdienstes zuleitet, entnommen, dass im Jahr 2015 insgesamt 49 Schulungsabende stattfanden, an denen 495 Kameradinnen und Kameraden teilnahmen. Wer sich nun von den Nichtfeuerwehrleuten unter den Gottesdienstbesuchern fragt, warum so viele, die Feuerwehr hat doch nur 26 Mitglieder, dem sei gesagt, dass diese Zahl natürlich durch Mehrfachteilnahmen zustande kommt.

Bei diesen Schulungen werden der Atemschutz, die Wasserentnahme an offenen Gewässern, aber auch konkrete Rettungsmaßnahmen trainiert, es werden Fahrzeug- und Gerätekunde gelehrt und auch die Bootsausbildung gehört aus leidvoller Erfahrung inzwischen zum festen Programm. Diese Aus- und Fortbildung ist stets in der Freizeit zu absolvieren. Es gehört viel guter Wille und auch Geschick dazu, die Schulungsabende so zu organisieren, dass sie durch die Kameradinnen und Kameraden auch wahrgenommen werden können. Einige Kameraden stellen sich dieser Aufgabe bereits über Jahrzehnte hinweg. Einige von ihnen wurden deshalb in diesem Jahr wieder geehrt:

Friedrich Kurth 65 Jahre,
Maik Pultermann 25 Jahre,
Mario Pultermann 25 Jahre,
Robert Klosz 20 Jahre und
Jörgen Vogel 20 Jahre.

Dahinter verbergen sich beachtliche Leistungsbereitschaft, viel Disziplin und großes Verantwortungsgefühl.

Ist es darum nicht selbstverständlich, dass alles, was gelehrt wird, auch an der Wirklichkeit gemessen werden muss? Ausbilder sollen weitergeben, was den Feuerwehrleuten im Einsatz auch wirklich hilft. Die Richtigkeit dessen, was man lernt, kann im Ernstfall, beim Brandt oder Unfall über Leben und Tod entscheiden. Die Rettungsdienste können zu Rettern werden, weil sie streng beachten, was an den Härten und Grausamkeiten der Wirklichkeit erprobt ist. Zum Glück ist das so, und ich möchte nur Menschen in unseren Feuerwehren haben, die wissen, was in den verschiedenen Brand- und Katastrophenfällen zu tun ist, und dies nicht nur vermuten. Das Erfassen der tatsächlichen Lage und das schnelle Treffen der richtigen Entscheidung sind wichtige Fähigkeiten aller Rettungskräfte. Ihnen ist vollkommen klar, dass mit jeder Entscheidung immer das Verwerfen aller anderen Handlungsoptionen verbunden ist.

Hier ist nun noch nicht einmal in jedem Fall gleich die Wahrheitsfrage gestellt, und doch wird ganz klar, wer zur rettenden Tat gelangen will, der muss den Prozess des Abwägens irgendwann beenden und sich festlegen.

Vor diesem Hintergrund will ich nun eine Passage aus einem Grundlagentext unserer Evangelischen Kirche in Deutschland zu Gehör bringen, der auf das Reformationsjubiläum im kommenden Jahr zielt:

„So wie ich meine Überzeugung für wahr halte, hat der andere das Recht, seine Überzeugung für wahr zu halten, und umgekehrt. Die Herausforderung besteht darin, von Christus zu sprechen, aber so, dass dabei nicht der Glaube des anderen abgewertet oder für unwahr erklärt wird. So wie für den Christen das Gehören zu Christus der einzige Trost im Leben und im Sterben ist, so ja auch für den Anhänger der anderen Religion sein spezifischer Glaube. Dies darf auf beiden Seiten des Gespräches anerkannt werden.“ (Rechtfertigung und Freiheit, 500 Jahre Reformation 2017, Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2014, S.58)

Was hier scheinbar so einfühlsam verständnisvoll daher kommt, setzt voraus, dass selbst die einfachsten Regeln der Logik im Bereich des Glaubens keine Gültigkeit besitzen. Es macht die Religion zur reinen Einbildung der Menschen. Das haben bislang immer nur die Feinde derselben behauptet, es wurde nicht von kirchenamtlichen Stellen erklärt. Es ist nicht weniger als die Erklärung des vollständigen Bankerotts von Theologie und Glaube.

Es liegt dieser Erklärung zunächst ein tiefreichendes Missverstehen des in unseren Tagen viel benutzten Toleranzbegriffs zugrunde.

Toleranz bedeutet nämlich nicht, alles ist irgendwie richtig. Toleranz bedeutet, ich dulde eine Sache, obwohl ich sie für falsch halte, weil es für diese Duldung möglicherweise gute Gründe gibt. Diese können dann sehr wohl im Respekt vor anderen Menschen, Kulturen und Religionen liegen. Dieser Respekt ändert doch aber nichts an dem Unterschied zwischen richtig und falsch. Wenn ich nämlich die andere Überzeugung für richtig hielte, dann müsste ich sie nicht tolerieren, dann könnte ich ihr zustimmen, ihr auch beitreten.

Der vollständige Bankerott resultiert aus der Aufgabe des Wahrheitsanspruchs. Was hier zur Diskussion gestellt wird sind nur noch selbstgemachte Meinungen. Wahrheit braucht aber die Übereinstimmung der Aussage mit der Wirklichkeit. Der Wahrheit wegen glauben und bekennen wir, dass Christus, der Mensch gewordene Gott, der alleinige Retter der Welt ist. Das haben die Propheten verheißen und die Apostel bezeugt, das glaubt und verkündet die Kirche von Anfang an. Die Theologie aller Zeiten hat mit großem Ernst um die Erforschung und Sicherung des verlässlichen Zeugnisses gerungen. Bereits die Evangelien erheben genau diesen Anspruch. „Das ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und dies geschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist“, so heißt es bei Johannes.

Können wir uns nun hinstellen und sagen: Von nun an glauben wir nur noch, dass Christus möglicherweise der Retter der Welt ist? Damit erwirbt man sich auch keineswegs den Respekt der Gläubigen anderer Religionen, sondern man macht sich schlicht lächerlich. Hier benimmt man sich wie in dem albernen Witz, in dem erzählt wird, dass ein Archäologe und ein Pfarrer einander begegnen und der Archäologe aufgeregt verkündet, man hätte Jesu Grab gefunden mit einem Skelett darin, und der Pfarrer antwortet daraufhin, das wäre interessant, dann habe es Jesus ja tatsächlich gegeben.

Wir glauben, dass in Christus der Schöpfer der ganzen Welt, des unendlichen Universums, ein Mensch geworden ist, und dass er aus dem Grabe von den Toten zu ewigem Leben auferstanden ist, und wollen nun immer dazu setzen, das glauben wir aber nur unter der Bedingung, dass die Apostel und Heiligen, ja Gott selbst sich nicht geirrt haben?

Es ist doch gerade Ausdruck unseres Respekts zu verkünden: Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Mitte unseres Glaubens ist Jesus Christus, der sich mit dem Satz: Ich bin die Wahrheit, der Welt offenbart hat. Wie können wir dann einen solchen zerstörerischen Subjektivismus zulassen?

Wenn ich als Mensch bezeuge, dass Jesus Christus der auferstandene Herr der Welt ist, dann kann das doch nicht in einem Vielleicht münden. Ich habe doch dann die Pflicht, diese Wahrheit in Dankbarkeit und mit großer Freude der Welt und allen Menschen kund zu tun.

Der Versuch, zwischen Menschen, Völkern und Religionen Frieden dadurch herzustellen, dass man auf die Wahrheitsfrage einfach verzichtet, wird zwingend scheitern. Frieden ohne Wahrheit kann es nicht geben. Auch ist jedes Gespräch, um das es hier doch gehen soll, ganz und gar sinnlos, wenn man in ihm nicht um die Wahrheit ringt. Der christliche Glaube war von Anfang an ein Skandal, der die Welt in Aufruhr versetzt hat. Niemand sollte versuchen, daraus eine Farce zu machen.

Der heutige Sonntag, der letzte im Osterkreis, trägt den Namen Rogate – Betet. Es liegt ganz wesentlich bei uns, bei den christlichen Gemeinden, uns diesem Irrweg zu widersetzen, denn Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unsern Herrn.

Amen