Dienstag, 12. Januar 2010

Wilhelm Martin Leberecht de Wette

Am 23. März 1819 erstach der Theologiestudent Karl Ludwig Sand den als russischen Spion verdächtigten erfolgreichen Trivialschriftsteller und Feind der nach den Napoleonischen Kriegen entstandenen patriotischen Bewegung August von Kotzebue - „… hier, Du Verräter des Vaterlandes.“

Die Tat wurde zum Anlaß für die sog. „Karlsbader Beschlüsse“, mit denen patriotische und liberale Neigungen verfolgt wurden (Pressezensur, Berufsverbote für liberal und national gesinnte Professoren etc.). Im Mai 1820 wurde Sand dafür hingerichtet.

Der Berliner Theologieprofessor de Wette schrieb darauf der Mutter des Attentäters einen Trostbrief, dem die folgenden Passagen entnommen sind. Zunächst gesteht er zu, daß Sands Tat "aus Irrtum hervorgegangen und nicht ganz frei von Leidenschaft" sei. Aber: "Er (Sand) hielt es für recht, und so hat er recht getan. Ein jeder handle nur nach seiner besten Ueberzeugung, und so wird er das Beste tun. So wie die Tat geschehen ist durch diesen reinen frommen Jüngling, mit diesem Glauben, mit dieser Zuversicht, ist sie ein schönes Zeugnis der Zeit. Ein Jüngling setzt sein Leben daran, einen Menschen auszurotten, den so viele als einen Götzen verehren; sollte dieses ohne alle Wirkung sein?" Nun die Wirkung war, daß er sein Amt verlor und aus Preußen verbannt wurde, worüber sich etwa Hegel und Schleiermacher heftig zerstritten.

Wie bekannt, gibt es hier gelegentlich Gastbeiträge, und heute darf ich einen neuen Autor vorstellen, den ich seit Jugendzeiten kenne und der über eben jenen Theologieprofessor das nachfolgende verfaßt hat:

Auf dem Grat der Vermittlung – vom „gefährlichen Stürmer zum konservativen Kämpfer“
Wilhelm Martin Leberecht de Wette
(*12.1. 1780 - † 16.6. 1849)




Als der Abkömmling einer niederländischen Pfarrersfamilie am 12.1.1780 in Ulla bei Weimar geboren wird, beginnt in Europa die hohe Zeit der Aufklärung. Kant hatte gerade seine „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlicht und Lessing, der nur noch ein Jahr leben würde, brachte in Berlin mit „Die Erziehung des Menschengeschlechts“, sein Hauptwerk heraus. Noch war nicht klar, was aus diesem kriegerisch zerstrittenen Europa werden würde, aber die sogenannte neue Welt hatte schon vier Jahre zuvor ihre Unabhängigkeit nicht nur erklärt, sondern auch mit deren Beweis die Legitimation alter Mächte bleibend in Frage gestellt.

Diese Gedanken befruchteten, während Rom immer noch auf die Gegenreformation hoffte, auch weiterhin die protestantische Theologie, deren pietistischen und mysti(zisti)schen Vertreter allerdings zunehmend in die diskursive Defensive gerieten.

Der junge Pfarrerssohn nimmt schon früh Ideen Herders auf, der häufig an seinem Weimarer Gymnasium verkehrte und ihn auch in Jena beeinflussen wird. Sein Weg führt ihn 1799 zum Theologiestudium in das weltoffene und pragmatisch orientierte Jena. Mit Fichte, Hegel und Schelling lehren hier die größten deutschen Geister. Und Schlegel, Schiller und Goethe, der sogar als Staatsminister die Verantwortung für die Universität tragen wird, prägen seitdem den besonderen Geist Jenas. Dort studierte er Philosophie bei Jakob Friedrich Fries, der mit seinen ausgleichenden Ansichten über eine liberale starke nationalstaatliche Einheit de Wettes weiteres Wirken bestimmen wird.

Das ist auch der Boden für die bleibende Sympathie des Theologen für die burschenschaftlichen Ideale, die ihm später in Berlin die Professur kosten, da er, zwar ohne die Tat der Ermordung August von Kotzebues zu rechtfertigen, aber der Mutter des Attentäters einen Trostbrief schreibt, in dem er Verständnis für die radikale vaterländische Gesinnung des ihm gut bekannten Sohnes äußert, die den internationalen, aufgeklärten, gemäßigten Konservatismus der Aufklärung deshalb als Verrat empfinden, weil er nicht national-staatlich genug ist.

Diese Reaktion ist für den Menschen Wilhelm Martin Leberecht de Wette bezeichnend. Wenn man fragt, wo er politisch oder theologisch stand, ist das eine so kompliziert wie das andere, aber aus heutiger Sicht wahrscheinlich einfacher als zu seiner Zeit, da wir heute eine umfassendere Sicht haben, die er mit ermöglicht hat.

Seine theologischen Auffassungen sind immer vom Versuch geprägt, Glaube und Vernunft als besondere Zeichen der Gnade zusammen zu sehen. Durch die Aufmerksamkeit des Vermittlungstheologen, Gottfried Christian Friedrich Lücke bekommt der zu dieser Zeit noch in Berlin tätige junge Professor Kontakt zu Schleiermacher und es entwickelt sich neben einer anhaltenden Freundschaft auch ein fruchtbarer theologisch-philosophischer Dialog.

Eine Theologie ohne die klare Führung der wissenschaftlichen Grundlagen der Erkenntnistheorie ist für den Exegeten de Wette undenkbar. Mit dem „Lehrbuch der hebräisch-jüdischen Archäologie“ (1814) bedient er zwar den Zeitgeist, aber zeigt auch seine historische Verbundenheit. Aus insbesondere diesem Wirken heraus muss er zu den Vätern der „historisch-kritischen Methode“ gezählt werden. Als Herausgeber Luthers Briefe versucht er vorsichtig, bei stringenter Werktreue, das Lesen zu moderieren.

Zugleich misstraut er zutiefst dem gängigen Rationalismus der Philosophen Kant’scher Prägung. Das macht ihn nicht nur zum Theologen, sondern explizit und im besten Sinne zum Dogmatiker – zwischen den Fronten. So erntet er wie zuvor in Berlin an der Humboldt’schen Universität, mit seiner aufrechten Haltung, Kritik von allen Seiten. Er wird als Pietist verschrien und von diesen als Rationalist gebrandmarkt. Und es gelingt ihm nicht mehr, nach der persönlich durch Friedlich Wilhelm III. angeorneten Entlassung, in Deutschland Fuß zu fassen. Zunächst geht er wieder nach Weimar, wo er seine Lutherausgabe vorbereitet und seinen mit autobiographischen Elementen versehenen Roman „Theodor oder die Weihe des Zweiflers“ mit den ambivalenten Erfahrungen seines Studiums herausbringt.

Trotz bester Referenzen erhält der als „politisch schwierig“ Geltende auch in Braunschweig keine Bestätigung des Königs Georg IV. für die bereits erfolgte Berufung für eine Pfarrstelle und das, obwohl sich die Zeiten längst im Sinne der Restauration geändert haben.

Ab 1822 wird er in Basel seinen Lebensmittelpunkt finden. Die alten politischen und theologischen Kontroversen verstummen schnell. 27 gute Jahre lang arbeitet de Wette an der noch sehr jungen Universität der sonnigen Rheinstadt, die ihn fünf Mal zum Rektor wählt.

Seine Lehr- und Predigttätigkeit wird geradezu legendär und er trägt viel zur Bedeutung der Baseler Universität bei. Endlich kann de De Wette auch das zuvor begonnenen Drama „die Entsagung“ (1823) in Berlin fertig stellen. Später entstehen noch der Bildungsroman „Heinrich Melchthal“ (1829), ein Opernlibretto „der Graf von Gleichen“ und neben seinen theologischen Schriften viele Ausätze zu Kunst, Kultur, Ethik, Bildung und Kirchenmusik. Wieder einmal zeigt sich die Universalität und das gesellschaftliche Feingefühl des Gelehrten, nicht nur als Theologe, sondern auch als Menschenbildner.

Als de Wette 1849 in Basel stirbt, ist er von Krankheit geplagt, aber noch ganz in seine wissenschaftliche Arbeit vertieft. Die Veränderungen in Deutschland hat er schon lange erwartet, steht ihnen nun aber auch wieder zweifelnd gegenüber.

Wilhelm Martin Leberecht de Wette, gehört zu den großen Vätern der modernen westlichen Zivilgesellschaft. Nur 86 Jahre nach dem Tod seines großen Vorgängers wird von eben diesem Lehrstuhl aus Karl Barth, der von den Nazis aus Bonn vertrieben wurde, den Beweis der Einheit von Vernunft und Glaube in einem ungeahnten Maße antreten müssen.

Am 12.Januar 2010 jährt sich der Geburtstag de Wettes zum 230. Mal. Grund genug für eine Erinnerung. Eine Straße, unter der sein Grab lag und eine weiterbildende Schule tragen in Basel seinen Namen.

Torsten Kurschus


Links:

Wikisource: „De Wette, Martin Leberecht“ von Heinrich Holtzmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 5 (1877),
Historisches Lexikon der Schweiz
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon
Buntfuß, Markus, "Die Erscheinungsform des Christentums
Zur ästhetischen Neugestaltung der Religionstheologie bei Herder, Wackenroder und De Wette", Berlin 2004
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Briefe von und an Hegel. Band 2, Hrsg. von Johannes Hoffmeister, 3. Auflage 1969
Wilhelm Martin Leberecht de Welte – ein Ahnvater der historischen Bibelkritik
Wikipedia

Abbildungen:

August von Kotzebues Ermordung, kolorierter Kupferstich, vermutlich von J. M. Volz, gedruckt in Nürnberg bei A. P. Eisen um 1820

Wilhelm Martin Leberecht de Wette, Portrait

Emily Dickinson - neue Übersetzungen


Emily Dickinson

After great pain
a formal feeling comes

After great pain a formal feeling comes --
The Nerves sit ceremonious, like Tombs;
The stiff Heart questions 'was it He that bore'
And 'Yesterday, or 'Centuries before'?

The Feet, mechanical, go round —
A Wooden way
Of Ground, or Air, or Ought —
Regardless grown,
A Quartz contentment, like a stone.

This is the Hour of Lead —
Remembered, if outlived,
As freezing persons, recollect the Snow --
First, Chill — then Stupor — then the letting go —


Nach großem Schmerz,
Gefühl verflacht zu Form

Diese Übersetzung ist Dr. Jyothi Jayaraman gewidmet

Nach großem Schmerz, Gefühl verflacht zur Form —
die Nerven sitzen steif, wie Grabesnorm;
das starre Herz fragt: War es 'Er, der trug'?
Und gestern — oder im Jahrhundertflug?

Der Fuß, mechanisch, geht im Rund —
des Holzwegs Pfad —
von Pflicht, von Brauch, von Grund —
gewachsen drein —
ein steinernes Zufriedensein.

Von Blei ist solche Stund' —
erlebt, falls überlebt,
wie Frierende den Schnee erfassen —
Erst Frost — dann Starre — dann das Fallenlassen —

Translation by /
Übersetzung von Walter A. Aue

Prof. Aue hat mich gestern dran erinnert, daß er einige Gedichte von Emily Dickinson neu übersetzt hat, mit der Bemerkung, je mehr er von ihr lesen würde desto größer würde seine Achtung vor ihrer Poesie. Dieses Gedicht, dessen Übersetzung mich besonders beeindruckte, das Original selbstredend ebenso, habe ich für diesen Platz ausgewählt, ich wollte das eigentlich schon gestern tun, wurde umständehalber daran aber etwas gehindert. Die anderen von ihm übersetzten Gedichte findet man, wenn man diesem Link folgt.

Etwas anderes, was mich nicht eben erfreuen kann. Er hatte dergleichen zwar angedeutet, doch ich hatte ich in der Tat dann völlig übersehen, daß er jetzt ernst gemacht hat und seine beeindruckende Sammlung mit dem zurückliegenden Jahreswechsel für abgeschlossen erklärte – „Walter A. Aue: Adieu an meine Leser (Ein halbherziges Dementi)“. Ich muß gestehen, es fällt mir schwer, mit dergleichen umzugehen. Wenn ich etwas einmal liebgewonnen habe und vertrauter geworden bin, dann klebe ich ziemlich daran und tue mich schwer mit Veränderungen, auch wenn ich die Gründe vielleicht nachvollziehen kann. Ich werde dazu sicher noch einmal etwas schreiben, nur nicht heute.

Ein letztes. Rechts oben finden sich ein Bild und eine Bemerkung, die für diesen Ort ungewöhnlich sind. Wenn man dem Bild folgt, stößt man auf den Blog von Ryan, einem jungen Mann aus Florida, über den man eine Menge freundlicher Dinge sagen könnte, doch heute nur soviel, sein jüngerer Bruder liegt nach einem Unfall im Koma und er schrieb:

„I think with the power of prayer it will help my Brother. Please if you could put this on your website or blog and ask your followers to say a little prayer for Tyler.”

Also habe ich es gemacht.

Sonntag, 10. Januar 2010

Der Knabe im Moor - Annette von Droste-Hülshoff



Annette von Droste-Hülshoff

Der Knabe im Moor


O schaurig ist's übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist's, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor',
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! nur immer im Lauf,
Voran, als woll' es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
»Ho, ho, meine arme Seele!«
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär' nicht Schutzengel in seiner Näh',
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war's fürchterlich,
O schaurig war's in der Heide!


Daguerreotypie von Annette von Droste-Hülshoff
1845, hier gefunden

Ich wollte mit dieser bekannten Ballade nur anzeigen, daß Annette von Droste-Hülshoff heute am 10. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster geboren wurde. Und da in der Regel nur das hier Erwähnung findet, was mich aus den unterschiedlichsten Gründen interessiert, darf man somit davon ausgehen, daß ich sie als Dichterin sehr schätze.

Ansonsten will ich diesmal nicht allzuviel sagen, nur das noch, es ist interessant, wie die Photographie unsere Wahrnehmung verändert. Dem Gemälde eingangs steht oben eine der frühen Daguerreotypien, aufgenommen 3 Jahre vor ihrem Tod am 24. Mai 1848, gegenüber. Und es vermittelt sich mir jedenfalls jeweils ein gänzlich anderer Eindruck. Beide Bilder lösen eine Atmosphäre aus ganz unterschiedlichen Assoziationen aus, als stünde sie gleichsam zwischen den Zeitaltern, seltsam.



Grabstein in Meersburg
hier gefunden

Nur ein kleiner Nachtrag, weil ich heute energisch auf das falsche Geburtsdatum angesprochen wurde: Man kann es sich im Grunde aussuchen, im Kirchbuch, so lese ich, war der ursprüngliche 10. Januar auf den 14. korrigiert worden, die Familie gab den 12. Januar an. Aber bei dieser Gelegenheit noch 2 angenehme Links, zu einem Photo und zu dieser interessanten Seite, ach und es existiert auch eine "Annette von Droste-Gesellschaft", die hier zu finden ist.

Samstag, 9. Januar 2010

Wilhelm Busch


Bilderserie aus "Max und Moritz"
hier gefunden

Über dem Lesen bin ich gestern ganz davon abgekommen, auch meine paar Bemerkungen über Wilhelm Busch zu machen, es ist heute nämlich in Wahrheit schon Sonntag. Aber da er so vergnüglich und tröstlich zu lesen ist, dachte ich gerade, ich breite ein paar meiner Lesefrüchte schon einmal aus, meine unmaßgeblichen Bemerkungen kann ich später immer noch nachtragen.

***

Nun gut also: Heinrich Christian Wilhelm Busch starb 9. Januar 1908, wer er war, muß man in Deutschland kaum jemandem erklären. Es gibt eine humorige und natürlich hintersinnige Kurzbiographie von ihm selbst, aus der das nachfolgende stammt und die man hier in Gänze lesen kann:

„Ja, die Zeit spinnt luftige Fäden; besonders die in Vorrat, welche wir oft weit hinausziehen in die sogenannte Zukunft, um unsere Sorgen und Wünsche aufzuhängen wie, die Tante ihre Wäsche, die der Wind zerstreut. - Als ob's mit dem Gedrängel des gegenwärtigen Augenblicks nicht grad genug wäre. Und dann dies liebe, trauliche, teilweis grauliche, aber durchaus putzwunderliche Polterkämmerchen der Erinnerung, voll scheinbar welken, abgelebten Zeugs; das dennoch weiter wirkt, drückt, zwickt, erfreut; oft ganz, wie's ihm beliebt, nicht uns; das sitzen bleibt, obwohl nicht eingeladen, das sich empfiehlt, wenn wir es halten möchten.“

Man nennt ihn schnell einen Humoristen, aber gerade in den Gedichten verbergen sich hinter dem schwungvoll lockeren Faltenwurf seiner Gedanken häufig eine durchdringende Beobachtungsgabe und ein scharfer Humor, die gemeinsam das Unechte, Banale und Aufgeplusterte wegätzen, vor allem aber ein tiefe Lebensweisheit, die oft bis ans Bittere heranreicht, nur daß sich dem letztlich immer seine Herzensheiterkeit in den Weg stellt und Einhalt gebietet. Ein Musterbeispiel, wie hintergründig Humor sein kann, und man fragt sich immer wieder, ob die meisten Menschen ihn gerade deswegen mögen oder weil ihnen dies unter der gefälligen Oberfläche verborgen geblieben ist.

Das nachfolgende stammt bis auf das letzte Gedicht aus „Kritik des Herzens“ (1874), und eben dieses aus „Schein und Sein“ (Gedichte aus dem Nachlaß, 1909).



Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frißt,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquiliren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.



Ich kam in diese Welt herein,
Mich baß zu amüsiren,
Ich wollte gern was Rechtes sein
Und mußte mich immer geniren.
Oft war ich hoffnungsvoll und froh
Und später kam es doch nicht so.

Nun lauf ich manchen Donnerstag
Hienieden schon herummer,
Wie ich mich drehn und wenden mag,
's ist immer der alte Kummer.
Bald klopft vor Schmerz und bald vor Lust
Das rothe Ding in meiner Brust.



Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich;
So hab ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.



Die Rose sprach zum Mägdelein
Ich muß dir ewig dankbar sein,
Daß du mich an den Busen drückst
Und mich mit deiner Huld beglückst.

Das Mädchen sprach: O, Röslein mein,
Bild dir nur nicht zu viel drauf ein,
Daß du mir Aug und Herz entzückst.
Ich liebe dich, weil du mich schmückst.



Du fragtest mich früher nach mancherlei.
Ich sagte dir Alles frank und frei.
Du fragtest, wann ich zu reisen gedächte,
Welch ein Geschäft ich machen möchte.
Ich sagte dir offen: dann und dann;
Und gab dir meine Pläne an.
Oft hat die Reise mir nicht gepaßt;
Dann nanntest du mich 'n Quirlequast.
Oft ging's mit dem Geschäfte krumm;
Dann wußtest du längst, es wäre dumm.
Oft kamst du mir auch mit List zuvor;
Dann schien ich mir selber ein rechter Thor.
Nun hab ich, weil mich dieses gequält,
Mir einen hübschen Ausweg erwählt.
Ich rede, wenn ich reden soll,
Und lüge dir die Jacke voll.



Er stellt sich vor sein Spiegelglas
Und arrangirt noch dies und das.
Er dreht hinaus des Bartes Spitzen,
Sieht zu, wie seine Ringe blitzen,
Probirt auch mal, wie sich das macht,
Wenn er so herzgewinnend lacht,
Uebt seines Auges Zauberkraft,
Legt die Cravatte musterhaft,
Wirft einen süßen Scheideblick
Auf sein geliebtes Bild zurück,
Geht dann hinaus zur Promenade
Umschwebt vom Dufte der Pomade,
Und ärgert sich als wie ein Stint,
Daß andre Leute eitel sind.




Ach der Tugend schöne Werke,
Gerne möcht ich sie erwischen,
Doch ich merke, doch ich merke,
Immer kommt mir was dazwischen.



Wer möchte diesen Erdenball
Noch fernerhin betreten,
Wenn wir Bewohner überall
Die Wahrheit sagen thäten.

Ihr hießet uns, wir hießen euch
Spitzbuben und Hallunken,
Wir sagten uns fatales Zeug
Noch eh wir uns betrunken.

Und überall im weiten Land,
Als langbewährtes Mittel,
Entsproßte aus der Menschenhand
Der treue Knotenknittel.

Da lob ich mir die Höflichkeit,
Das zierliche Betrügen.
Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid;
Und Allen macht's Vergnügen.



Die erste alte Tante sprach:
Wir müssen nun auch dran denken,
Was wir zu ihrem Namenstag
Dem guten Sophiechen schenken.

Drauf sprach die zweite Tante kühn:
Ich schlage vor, wir entscheiden
Uns für ein Kleid in Erbsengrün,
Das mag Sophiechen nicht leiden.

Der dritten Tante war das recht:
Ja, sprach sie, mit gelben Ranken!
Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht
Und muß sich auch noch bedanken.



Früher, da ich unerfahren
Und bescheidner war als heute,
Hatten meine höchste Achtung
Andre Leute.

Später traf ich auf der Weide
Außer mir noch mehre Kälber,
Und nun schätz ich, so zu sagen,
Erst mich selber.



Die Liebe war nicht geringe.
Sie wurden ordentlich blaß;
Sie sagten sich tausend Dinge
Und wußten noch immer was.

Sie mußten sich lange quälen,
Doch schließlich kam's dazu,
Daß sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.

Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit;
Er liest in der Kölnischen Zeitung
Und theilt ihr das Nöthige mit.



Frisch gewagt

Es kamen mal zwei Knaben
An einen breiten Graben.
Der erste sprang hinüber,
Schlankweg, je eh'r, je lieber.
War das nicht keck?
Der zweite, fein besonnen,
Eh' er das Werk begonnen,
Sprang in den Dreck.

Freitag, 8. Januar 2010

Händel &



Ich weiß noch nicht endgültig, worüber ich heute schreiben will, aber da 1735 eine meiner Lieblingsopern uraufgeführt wurde - Georg Friedrich Händels „Ariodante“, will ich das wohl bekannteste Stück daraus - "Scherza infida" schon einmal präsentieren, in 2 Teilen, vorgetragen von Philippe Jaroussky.

Ich habe mich durch die verfügbaren Interpretationen gehört, auch wenn man das eigentlich weiß, es ist unglaublich, wie unterschiedlich Interpretationen ausfallen können, mitunter glaubt man fast, es seien komplett verschiedene Arien.


hier gefunden


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Das gleiche, nur anders.




hier gefunden



Es bleibt also dabei, heute nur diese Arie. Hier noch ein Beispiel in einem anderen Tempo (bei manchen Interpretationen hat man nämlich gelegentlich den Eindruck, jemand schläft gerade dramatisch auf einem Ton ein), die Begleitung könnte man sich zwar auch anders vorstellen, aber dafür singt Frau Lorraine Hunt Lieberson, eine Mezzosopranistin, die betrüblicherweise schon 2006 verstorben ist, dieses Stück derart uneitel und lyrisch, daß es bewegend ist zuzuhören. Es überrascht nicht, daß sie 2007 posthum einen Grammy für die "Best Classical Vocal Performance" des Albums "Peter Lieberson: Rilke Songs; The Six Realms; Horn Concerto" erhielt.


Donnerstag, 7. Januar 2010

Mittwoch, 6. Januar 2010

Epiphanias



Epiphanias, das "Fest der Erscheinung des Herrn", ein sehr altes Fest übrigens, nahezu so alt wie Ostern, nur daß sein Gewicht etwas geschwunden ist. Gefeiert wird die Erscheinung der Göttlichkeit Jesu, bei seiner Taufe, beim Weinwunder zu Kana, bei seiner Verklärung, vor allem aber bei seiner Geburt. Zumindest gilt dies so für die Westkirche (die Orthodoxe Kirche feiert am 6. Januar die Taufe Jesu, die armenische noch immer seine Geburt). Als dann später das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember gelegt wurde, tat sich eine Lücke auf, die die "Heiligen Drei Könige" füllen mußten, aber nach wie vor ist es eigentlich das Fest, an dem der Menschwerdung Gottes gedacht wird.

Mit dem 6. Januar jedenfalls endet im Kalender der kirchlichen Zeiten und Feste die Weihnachtszeit und es beginnt die Epiphaniaszeit, an die sich die Fastenzeit anschließen wird, die zu Karfreitag und Ostern hinführt, dem anderen großen und ältesten Fest der Christenheit, das an Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn erinnert.