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Donnerstag, 23. März 2017

Über das Rettende der Dichtung


Emily Dickinson

I felt a funeral in my brain

I felt a funeral in my brain,
And mourners, to and fro,
Kept treading, treading, till it seemed
That sense was breaking through.

And when they all were seated,
A service like a drum
Kept beating, beating, till I thought
My mind was going numb.

And then I heard them lift a box,
And creak across my soul
With those same boots of lead, again.
Then Space - began to toll

As all the heavens were a bell,
And Being but an ear,
And I and silence, some strange race,
Wrecked, solitary, here.

And then a plank in reason broke,
And I dropped down and down
And hit a world, at every plunge,
And finished knowing, then -


Ich fühlt' Begräbnis im Gehirn

Ich fühlt' Begräbnis im Gehirn
Und Trauergäste - her
Und hin - die trampelten und trampelten
In meinem Kopfe schwer.

Und als sie endlich saßen,
Die Andacht, trommelgleich,
sie hört nicht auf zu schlagen, schlagen,
Und schlug das Hirn mir weich.

Ich hört' sie heben meinen Sarg
Und durch die Seele dann
Mit Eisenstiefeln knirschend gehn...
Bis Raumgeläut begann.

Das war'n die Himmel Glocken nur,
Und Ohr nur war mein Sein,
Und Ich und Ruh war'n Fremde hier,
Gescheitert und allein.

Zuletzt des Denkens Boden brach
Und, Sturz um Sturz entlang,
Fiel ich von Welt zu Welt, bis ich
Des Wissens Ende fand.
übersetzt von Walter A. Aue

Dies ist ein eher gruseliges Werk von Frau Dickinson, und erscheint daher umgehend vertraut wie die eigenen Alpträume. Wobei, solange man darüber distanziert schreiben kann, hat es auch etwas von einer Schamanenbeschwörung an sich, oder einem Abwehrzauber, wer weiß das schon so genau. Und will es überhaupt wissen?

"Created by William C. North, 
between December 10, 1846 and late March 1847"

Es gibt verschiedene Ausflüchte, mit dem Irrsinn umzugehen. Man kann sich ihm tapfer als Tiefenpsychologe zu nähern suchen und damit seiner Rationalität versichern, so wie ich wohl einmal antwortete - einen Pfad des Sinn-Bergenden in all dem Irrsinnigen und Absurden aufzuspüren. Ein netter Versuch.

Oder man setzt sich dem aus, wartet, sieht, und schreibt davon. So wie Frau Dickinson. Und was, wenn es der eigene Irrsinn ist, und man nicht einmal dies zuverlässig weiß, jedenfalls nicht nach diesem Gedicht? Wie auf Treibsand gebaut zu sein oder dgl.? Dichtung erzieht die Gedanken zur Ernsthaftigkeit und die Gefühle zur Aufrichtigkeit. Wenn sie es denn wahrhaftig ist. Aber das verbindet sie mit der Religion. Gewisse Wahrheiten erschließen sich nur von innen. Und sie machen das Menschliche kenntlich.

Dennoch ist es ein gruseliges Gedicht, denn es beschreibt das eigene Abgleiten, den Verlust des persönlichen Zentrums. Als Beobachter! Und nach einem Ausdruck dafür suchend, findet sie das Bild eines Begräbnisses, dem sie beiwohnt, und das geradezu kafkaesk entgleitet. Alpträume halt. Die ja nun das Gegenteil von sinnlos sind, nur halt schwer zu entziffern.

Obwohl. Ist dies überhaupt wahr? Sie fühlt ein Begräbnis, aber schreibt nicht, es sei das ihres Verstandes, ihr Verstand fühlt aber wohl, was vorgeht. Er kennt es zu genau.

Und sie bricht durch. Ein in anderen religiösen Zusammenhängen gern gebrauchter Begriff, der hier nur sagt, daß sie mit dem Wissen fertig sei. Um was zu finden? Das eben bleibt offen. Obwohl es ein Gedicht ist, das von dem Ende handelt, oder dieses zu sein scheint, reißt sie uns freundlich auch für solche Momente das Offene auf.

Der Anlaß. Wenn man sich im Vertrauten eingerichtet hat, gar nicht anders kann, Warnungen erhält, sie aber lieber wegschiebt..., ist man zumindest verstört. Prof. Aues monumentale Seite englisch – deutscher Lyrik ist jetzt tatsächlich verschwunden (das erste Bild ist eine Erinnerung daran). Daß auch an der Dalhousie University in Nova Scotia, an der er zuletzt gelehrt hatte, derlei Barbarei eingezogen ist, sollte einen nicht überraschen. Dennoch tut es dies. Man hat in sich immer noch dieses unzerstörte kindliche Urvertrauen, daß doch jedermann ein Ding von Schönheit erkennen müsse, und es anschließend beschützen wolle, aber doch nicht zerstören könne.

Die Welt aber ist nicht so, die falsche Welt. Wir aber leben in der Wahrheit. Nicht zuletzt der der Dichtung. Hier mag man Prof. Walter A. Aues Spur weiterverfolgen.

nachgetragen am 24. 3.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Österreichische Nachträge

Ein kleiner Nachtrag, ich bin gerade in der Stimmung dafür, wenigstens diesmal nur eine Erwähnung, die ich gestern machen wollte, also nur einen Tag zu spät (nur um keine Verwirrung aufkommen zu lassen, ich schreibe dies in Wahrheit am 6.). Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz starb am 5. Januar 1858. Vor einem Jahr hatte ich ein wenig darüber geschrieben, was zu meinem Erstaunen Prof. Aue sehr gefreut zu haben schien. Ich verweise deshalb darauf, weil er der eigentliche Grund für diesen Beitrag ist. Denn er hat kürzlich zu meinem Post vom 23. Dezember, in dem ich ein Gedicht von Emily Dickinson zitierte, als Kommentar dankenswerterweise die nachfolgende Übersetzung angebracht, und es wäre schade, wenn diese dort vielleicht untergehen würde:

Emily Dickinson

I dwell in Possibility -
A fairer House than Prose -
More numerous of Windows -
Superior - for Doors -

Of Chambers as the Cedars -
Impregnable of Eye -
And for an Everlasting Roof
The Gambrels of the Sky -

Of Visitors - the fairest -
For Occupation - This -
The spreading wide of narrow Hands
To gather Paradise -


Ich weil in Möglichkeiten:
Ein besser' Haus als Text —
An Fenstern weitaus reicher,
mit größer'n Tür'n besetzt.

Mit Räumen wie die Zedern —
vom Auge unzwingbar —
und, als ein Dach für ewig,
des Himmels Balken gar —

Besucher — nur die besten —
Mein Wohnen drinnen — dies:
die Hände auszubreiten —
zu sammeln — Paradies —

übersetzt von Walter A. Aue

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Weihnachten vielleicht




Ich bin in diesem Jahr wieder so furchtbar nachlässig mit Weihnachtskarten, also als kleine Genugtuung starten wir mit diesem Gedicht von Emily Dickinson, die Bilder bilden übrigens meinen Versuch ab, so eine Art Weihnachtsdekoration für draußen zu bewerkstelligen:

I dwell in Possibility -
A fairer House than Prose -
More numerous of Windows -
Superior - for Doors -

Of Chambers as the Cedars -
Impregnable of Eye -
And for an Everlasting Roof
The Gambrels of the Sky -

Of Visitors - the fairest -
For Occupation - This -
The spreading wide of narrow Hands
To gather Paradise -

Emily Dickinson

Donnerstag, 8. Juli 2010

nächtlicher Tribut


(c) Walter A. Aue

Emily Dickinson

I FELT A FUNERAL IN
.....................MY BRAIN ...


I felt a funeral in my brain,
And mourners, to and fro,
Kept treading, treading, till it seemed
That sense was breaking through.

And when they all were seated,
A service like a drum
Kept beating, beating, till I thought
My mind was going numb.

And then I heard them lift a box,
And creak across my soul
With those same boots of lead, again.
Then space began to toll

As all the heavens were a bell,
And Being but an ear,
And I and silence some strange race,
Wrecked, solitary, here.

And then a plank in reason broke,
And I dropped down and down
And hit a world at every plunge,
And finished knowing, then.


ICH FÜHLT' BEGRÄBNIS
........................IM GEHIRN ...

Ich fühlt' Begräbnis im Gehirn
Und Trauergäste - her
Und hin - die trampelten und trampelten
In meinem Kopfe schwer.

Und als sie endlich sassen,
Die Andacht, trommelgleich,
Sie hört nicht auf zu schlagen, schlagen,
Und schlug das Hirn mir weich.

Ich hört' sie heben meinen Sarg
Und durch die Seele dann
Mit Eisenstiefeln knirschend gehn ...
Bis Raumgeläut begann.

Da war'n die Himmel Glocken nur,
Und Ohr nur war mein Sein,
Und Ich und Ruh war'n Fremde hier,
Gescheitert und allein.

Zuletzt des Denkens Boden brach
Und, Sturz um Sturz entlang,
Fiel ich von Welt zu Welt, bis ich
Des Wissens Ende fand.



(c) Walter A. Aue

Dieses Gedicht von Emily Dickinson taucht hier heute auf, weil Prof. Aue an seinen Übersetzungen gearbeitet hat, nein, soweit ich sehe hat er keine neuen hinzugefügt, aber er hat sie mit weiteren Erläuterungen in Form von YouTube-Videos versehen, auch wenn wir alle wissen, daß das eine oft schnell vergängliche Materie, was macht das schon, ist es etwa mit unserem Leben anders. Folglich kann ich nur ermuntern, jetzt eilig den Ertrag dieser Mühen zu genießen, man wandere einfach durch die Liste der Autoren. Die Erkenntnisgewinne sind immer evident.

Das obige Gedicht ist gewissermaßen ein Zeuge des gegenläufigen Bemühens. Seine Übersetzungen von Gedichten Emily Dickinsons (die hier leider nicht ganz die Beachtung erhält, die sie verdient hätte) sind in diesem E-Buch zusammengefaßt, ohne seine „endlosen und gräßlichen“ Kommentare dazu. Das waren gerade die Worte von Prof. Aue, ich widerspreche natürlich heftig (zumindest, was den zweiten Teil angeht), gebe aber zu, daß die Zusammenstellung ganz nützlich ist, wenn man einen Überblick erhalten will, die Kommentare kann man dann ja immer noch nachsehen, was ich deutlich empfehle.

Und damit in diesem Beitrag auch gar nichts von mir zu finden ist, habe ich mir nicht eins, nein gleich 3 Bilder von ihm „ausgeliehen“, eins hatte ich angedeutet, ich hoffe, er nimmt diese Unmäßigkeit nicht übel.


(c) Walter A. Aue

Dienstag, 12. Januar 2010

Emily Dickinson - neue Übersetzungen


Emily Dickinson

After great pain
a formal feeling comes

After great pain a formal feeling comes --
The Nerves sit ceremonious, like Tombs;
The stiff Heart questions 'was it He that bore'
And 'Yesterday, or 'Centuries before'?

The Feet, mechanical, go round —
A Wooden way
Of Ground, or Air, or Ought —
Regardless grown,
A Quartz contentment, like a stone.

This is the Hour of Lead —
Remembered, if outlived,
As freezing persons, recollect the Snow --
First, Chill — then Stupor — then the letting go —


Nach großem Schmerz,
Gefühl verflacht zu Form

Diese Übersetzung ist Dr. Jyothi Jayaraman gewidmet

Nach großem Schmerz, Gefühl verflacht zur Form —
die Nerven sitzen steif, wie Grabesnorm;
das starre Herz fragt: War es 'Er, der trug'?
Und gestern — oder im Jahrhundertflug?

Der Fuß, mechanisch, geht im Rund —
des Holzwegs Pfad —
von Pflicht, von Brauch, von Grund —
gewachsen drein —
ein steinernes Zufriedensein.

Von Blei ist solche Stund' —
erlebt, falls überlebt,
wie Frierende den Schnee erfassen —
Erst Frost — dann Starre — dann das Fallenlassen —

Translation by /
Übersetzung von Walter A. Aue

Prof. Aue hat mich gestern dran erinnert, daß er einige Gedichte von Emily Dickinson neu übersetzt hat, mit der Bemerkung, je mehr er von ihr lesen würde desto größer würde seine Achtung vor ihrer Poesie. Dieses Gedicht, dessen Übersetzung mich besonders beeindruckte, das Original selbstredend ebenso, habe ich für diesen Platz ausgewählt, ich wollte das eigentlich schon gestern tun, wurde umständehalber daran aber etwas gehindert. Die anderen von ihm übersetzten Gedichte findet man, wenn man diesem Link folgt.

Etwas anderes, was mich nicht eben erfreuen kann. Er hatte dergleichen zwar angedeutet, doch ich hatte ich in der Tat dann völlig übersehen, daß er jetzt ernst gemacht hat und seine beeindruckende Sammlung mit dem zurückliegenden Jahreswechsel für abgeschlossen erklärte – „Walter A. Aue: Adieu an meine Leser (Ein halbherziges Dementi)“. Ich muß gestehen, es fällt mir schwer, mit dergleichen umzugehen. Wenn ich etwas einmal liebgewonnen habe und vertrauter geworden bin, dann klebe ich ziemlich daran und tue mich schwer mit Veränderungen, auch wenn ich die Gründe vielleicht nachvollziehen kann. Ich werde dazu sicher noch einmal etwas schreiben, nur nicht heute.

Ein letztes. Rechts oben finden sich ein Bild und eine Bemerkung, die für diesen Ort ungewöhnlich sind. Wenn man dem Bild folgt, stößt man auf den Blog von Ryan, einem jungen Mann aus Florida, über den man eine Menge freundlicher Dinge sagen könnte, doch heute nur soviel, sein jüngerer Bruder liegt nach einem Unfall im Koma und er schrieb:

„I think with the power of prayer it will help my Brother. Please if you could put this on your website or blog and ask your followers to say a little prayer for Tyler.”

Also habe ich es gemacht.

Montag, 27. Juli 2009

Emily Dickinson &


John William Waterhouse, Miranda - The Tempest

Ich bin heute gefragt worden, wie sich denn meine Meinung über Frl. Dickinson entwickeln würde, die ich erst kürzlich entdeckt habe. Es ist Ärger, purer Ärger über meine zum Habitus gewordene Faulheit, Sprachen zu lernen. Denn ich stoße bei ihr derart schnell an meine engen sprachlichen Grenzen, soweit es um’s Englische geht und, was die Sache schlimmer macht, ich habe dabei eine dunkle Ahnung, was mir entgeht.

„Sigh“


A spider
sewed at night

A spider sewed at night
Without a light
Upon an arc of white.
If ruff it was of dame
Or shroud of gnome,
Himself, himself inform.
Of immortality
His strategy
Was physiognomy.

Die Spinne
näht zur Nacht

Die Spinne näht' zur Nacht
im Dunkel sacht
an weißen Kreises Pracht.
Ob Rüsche von Madame,
ob Tüll von Gnom
sich selber selbst vernahm.
Für's ew'ge Leben, sie,
als Strategie,
wählt Physiognomie.


Autumn

The morns are meeker than they were,
The nuts are getting brown;
The berry's cheek is plumper,
The rose is out of town.

The maple wears a gayer scarf,
The field a scarlet gown.
Lest I should be old-fashioned,
I'll put a trinket on.

Herbst

Die Morgen werden gütiger,
Die Nüsse werden braun;
Der Beeren Wang' ist rundlicher,
Die Ros' nicht mehr zu schaun.

Der Ahorn trägt den bunten Schal,
Das Feld ein rotes Kleid.
Daß ich nicht aus der Mode komm,
Trag' ich ein Schmuckstück heut.


I started Early -
Took my Dog -

I started Early - Took my Dog -
And visited the Sea -
The Mermaids in the Basement
Came out to look at me -

And Frigates - in the Upper Floor
Extended Hempen Hands -
Presuming Me to be a Mouse -
Aground - upon the Sands -

But no Man moved Me - till the Tide
Went past my simple Shoe -
And past my Apron - and my Belt
And past my Bodice - too -

And made as He would eat me up -
As wholly as a Dew
Upon a Dandelion's Sleeve -
And then - I started - too -

And He - He followed - close behind -
I felt His Silver Heel
Upon my Ankle - Then my Shoes
Would overflow with Pearl -

Until We met the Solid Town -
No One He seemed to know
And bowing - with a Mighty look -
At me - The Sea withdrew -

Ich ging schon Früh -
Pfiff meinem Hund -

Ich ging schon Früh - Pfiff meinem Hund -
und wanderte zum Meer -
Die Nixen aus dem Erdgeschoß
die schauten, kamen her - -

Fregatten - aus dem Oberstock
die boten Hanfne Hand -
sie sah'n mich wohl als eine Maus -
gestrandet - auf dem Sand -

Doch kein Mann rührt' Mich - bis der Schwall
am simpeln Schuh vorbei -
vorbei an Schürze - Gürtel dann -
griff mir ans Mieder - frei -

und tat, als wollt Er mich verzehr'n -
wie einen Tropfen Tau
am Büchs'chen eines Löwenzahns -
und dann - begann ich - auch -

und Er - Er folgte - nah an Mir -
Ich fühlt' den Silber Fuß
auf meinem Knöchel - dann mein Schuh
verging im Perlenfluß -

bis wir die feste Stadt erreicht:
Er kannt von Ihr kein Stück.
Verneigend - mächtig noch Sein Aug -
zog sich das Meer zurück -


The Life of the Heart

The Life we have is very great.
The Life that we shall see
Surpasses it, we know, because
It is Infinity.
But when all Space has been beheld
And all Dominion shown
The smallest Human Heart's extent
Reduces it - to none.

Das Leben des Herzens

Dies unser Leben ist sehr groß!
Doch Leben, schon bereit,
wird größer noch, das wissen wir,
denn es ist Ewigkeit.
Doch ist der Raum einst voll erfaßt,
gewogen Reichs Gewicht,
macht kleinsten Menschenherzens Maß
sie allesamt - zunicht.


Success is counted sweetest

Success is counted sweetest
By those who ne'er succeed.
To comprehend a nectar
Requires sorest need.

Not one of all the purple host
Who took the flag to-day
Can tell the definition,
So clear, of victory!

As he, defeated, dying,
On whose forbidden ear
The distant strains of triumph
Burst agonized and clear!

Erfolg scheint dem am süßten

Erfolg scheint dem am süßten,
der ihn nicht haben kann:
den Nektar hochzuschätzen
kann nur der Mangel dran.

Nicht einer unserer Armee,
der heut beginnt den Krieg,
könnt' so klar schildern die Idee,
was für ihn sei der Sieg,

wie dem, besiegt und sterbend
(ins Ohr, für das's nicht wahr)
des Feinds Triumphfanfare
birst schmerzensvoll und klar!


Alle Übersetzungen stammen von Walter A. Aue, der überhaupt Schuld ist, daß ich auf diese merkwürdige Frau aufmerksam wurde, und können hier nachverfolgt werden.

Sonntag, 12. Juli 2009

Emily Dickinson &




I'm nobody! Who are you?

I'm Nobody! Who are you?
Are you - Nobody - too?
Then there's a pair of us!
Don't tell! they'd advertise - you know!

How dreary - to be - Somebody!
How public - like a Frog -
To tell one's name - the livelong June -
To an admiring Bog!


Ich bin Niemand! Wer bist Du?

Ich bin Niemand! Wer bist Du?
Zum - Niemand - auch ernannt?
Dann paßt Du gut zu Mir dazu!
Sag' nichts! - sonst wird's - bekannt!

Wie öd, ein - Jemand - so zu sein -
wie öffentlich - wie'n Fröschchen fast,
das Namen quakt - jahraus, jahrein -
dem liebenden Morast!

Translation / Übersetzung
by / von Walter A. Aue

Prof. Aue war vorhin so freundlich, mich dezent darauf hinzuweisen, wie viele religiöse Gefühle ich wohl mit meinem Calvin-Stück verletzt haben dürfte. Autsch. Ich hatte so etwas vermutet, ich war schon so verunsichert, daß ich begonnen hatte, hier Handarbeiten zu veröffentlichen. Ja, wörtlich sozusagen, das Bild unten ist der erste Versuch mit getrockneten Pflanzen aus dem hiesigen Garten. Ich verletze so ungern die Gefühle lebender Menschen, bei den Toten kann ich immer noch auf Matth. 8,22 verweisen, aber leider verletzen Meinungen Menschen, sollte man deshalb auf diese verzichten, die Meinungen meine ich, man kann, denke ich, nur versuchen, sie sorgfältiger auszusprechen.

Ich hatte hier kürzlich etwas über H. Hesse verlauten lassen, in meiner üblichen naßforschen Art, das (es wird noch anderes dazugekommen sein) hatte ihn offenkundig veranlaßt, eine weitere Übersetzung von „Seltsam, im Nebel…“ zu verfassen, die ich nur dringend rekommandieren kann (auch wenn er mich im Kommentar ausführlich zitiert).

Es ist immer mühsam zu unterscheiden zwischen Gestalten der Vergangenheit und Menschen, die in deren Einfluß aufwachsen und leben, dabei mögen sehr unterschiedliche Dinge entstehen. Walter A. Aue verwies mich darauf, daß ohne Calvin womöglich uns eine Emily Dickinson nicht bekannt wäre. Eine Dichterin, die ich bisher komplett übersehen hatte, obwohl er sie sehr schätzt und auch übersetzt hat, ja, ich weiß, ich bin ein Ignorant. Und die Frau ist wirklich grandios. Darum als mehr als nur Abbitte das Gedicht im Eingang.

Dabei hält der Kalender heute 3 Namen bereit, bei denen ich jeweils gedacht hatte, wie schön, daß du heute beschlossen hast, nichts zu schreiben, heute nur Handarbeiten, hah. Da wäre Erasmus von Rotterdam, gewissermaßen der Gegenpol zu Calvin, auch mit allen Schwächen, zusammen wirklich ein hübsches Paar.

Dann hätten wir Fritz Reuter, unseren mecklenburgischen Nationaldichter, der sogar zeitweise in dieser Stadt gelebt hat, bei dem ich mir aber vorgenommen habe, ihn später für mich zu entdecken.

Und dann Stefan George (brrr). Der Ausruf in Klammern bedeutet, dieses ist ein Dichter, den ich, wenn Menschen rational konstruiert wären, eigentlich zutiefst verehren müßte, was mir aber komplett unmöglich ist, vielleicht später, wenn ich irgendwann möglicherweise reifer geworden bin. Wo ich aber sowieso auf seinen Seiten war, fiel mir auf, daß Prof. Aue zu meiner leichten Überraschung ein Gedicht von ihm übersetzt hat, das ich sogar mag. Also wollen wir doch mit George für heute enden:

Stefan George:

Komm in den totgesagten Park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade,
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau,
Die späten rosen welkten noch nicht ganz,
Erlese küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese letzten astern nicht,
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.


Come to the Park they said was dead

Come to the park they said was dead. Pursue:
the shimmer of remote and shining harbors,
of purest clouds' quite unexpected blue
illuminating ponds and colored arbours.

Take here the yellow deep, the subtle grey
of birch and box wood. Mild are winds today
and latest roses still your eye will find.
Select them, kiss them, and a garland wind:

Do not forget late asters, and embrace
the crimson round the tendrils of wild vine,
and what remains of verdant life, align
and twine to features of your autumn's face.

Translation / Übersetzung
by / von Walter A. Aue