Sonntag, 26. Oktober 2008

Über Spuren

Bei der Sichtung der bemerkenswerten Neuigkeiten des Tages werden wir daran erinnert, daß Gilles de Rais am 26. Oktober 1440 in Nantes hingerichtet wurde, Kaiser Flavius Claudius Iulianus findet Erwähnung, und das Kaiserreich Trapezunt wurde am 26. Oktober 1461 von den Türken erobert. Dessen letzter Kaiser, David Komnenos, der sich gegen gewisse Zusicherungen ergeben hatte, wurde 1462 auf Befehl Mehmed II. getötet.

Für Gilles de Rais ist mein Gemütszustand nicht schwarz genug (ich habe tatsächlich einmal versucht, das Buch von Georges Bataille zu ihm zu lesen), der in der Tat bemerkenswerte „Julian Apostata“ verdiente eine Würdigung, die gesammelterem Nachdenken entspringen müßte, aber der Untergang von Trapezunt, des letzten byzantinischen Staates, gehört irgendwie zu diesem Oktober.

Ich kann mich gerade noch erinnern, daß mir dieser Name „Kaiser von Trapezunt“ zum ersten Mal in einem Märchen begegnet sein muß. Inzwischen denke ich, daß ich es bei Christoph Martin Wieland in seinem „Hexameron von Rosenhain“ im Märchen „Narcissus und Narcissa“ gefunden haben könnte, aber wie gesagt, die Erinnerung ist sehr schwach, allerdings, wenn uns Namen früh begegnen und sich ihre Bedeutung nicht scharf begrenzen läßt, erzeugen sie manchmal ein gewisses assoziationsverheißendes Eigenleben.

Abgesehen vom Märchenhaften steht aber „Trapezunt“ auch für einen Teil unserer europäischen Seele, der weitgehend abgestorbenen ist. Der Untergang von Byzanz gehört zu den furchtbaren Mirakeln, die anzeigen, welcher Kosmos an Möglichkeiten gnadenlos zerstört werden kann, ohne daß das Nachfolgende auch nur ansatzweise dafür Genugtuung leisten könnte.

Der traurige Abstieg des griechischen Volkes von dieser Höhe unter den Türken, das sich deshalb nicht zuletzt in seine Märchen geflüchtet hatte, findet darin bezeichnenden Ausdruck, daß das Wort „paramythi“, das, wie ich lese, im Neugriechischen für „Märchen“ steht, von „paramythia“ herrührt, „Tröstungen“.


Der eine Nachtrag

Insofern ist das Ende dieses griechischen Kaisers nicht mit jenem vergleichbar, das vor ihm Konstantinos XI. Palaiologos fand, als dieser am 29. Mai 1453, Konstantinopel gegen die Türken verteidigend, schließlich fiel und damit Anlaß für Sagen und Legenden schuf und anderes, wie die Worte von Odysseas Elytis:

"Mitag aus Nacht Und nicht einer bei ihm
Nur seine treuen Worte, die all ihre
Farben mischten um seiner Hand zu
lassen eine Lanze aus weißem Licht..."

(Tod und Auferstehung des Konstantinos Paläologos)

Odysseas Elytis, "Glänzender Tag, Muschel der Stimme" Verlag Volk und Welt, Berlin 1982, in Lizenz aus Odysseas Elytis, Ausgewählte Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1979

Oder in einer Übersetzung, die ich gerade hier gefunden habe

“Noon out of night
And not one person by his side
Only his faithful words that mingled
all their colors to leave in his hand
a lance of white light…"

1 Kommentar:

Agepe (MediaPembelajaran SastraIndonesia) hat gesagt…

Hm... nice blog. Greetings from Indonesia