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Montag, 1. Februar 2016

Sloterdijk - Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung

Peter Sloterdijk, hier gefunden

Kriegsflüchtlinge müßten laut Grundgesetz und Genfer Konvention aufgenommen werden. So beginnt das Lügen inzwischen typischerweise. Nein, man darf, aber man muß nicht, das nur nebenbei. Doch, um das noch hinzuzufügen: Wer vom guten Gewissen, vulgo selbstgefälligen Gerechtigkeits-Simulationen lebt, braucht darauf nicht zu achten. Tatsachen stören regelmäßig bei der Wahrheitsauffindung. Oder um jemanden aus einem Lebensabschnitt zu zitieren, dem seine damalige Familie einen Mitschnitt seiner letzten nächtlichen Äußerungen hinhielt: „Ich werde mir das nicht anhören, ich weiß, daß ich das nicht gesagt habe“.

Herr Sloterdijk, der gerade die ziemlich vakante Stellung eines Philosophen in diesem Land einnimmt, hat Menschen erschreckt, Personen, die dachten, er sei doch Fleisch von ihrem Fleisch, aus dem selbigen Stall. Und nun das: „καὶ σὺ τέκνον“ oder „Et tu, Brute?“, wäre wohl angemessen, wenn es der Gegenstand wäre, also eher nicht. Er ist hinübergewandert zur bösen Seite, offensichtlich.

Wie ich darauf komme? An diesem Tag erschrak sich in einer links-bürgerlichen (wir wollen höflich sein) kleinen Berliner Tageszeitung jemand unter der Schlagzeile „Deutsche Denker gegen Angela Merkel“. Inzwischen hat ein Verderber einer noch auflagenstärkeren Tageszeitung nachgelegt, ebenso erschrocken und vor sich hin fabulierend von der „bitteren Wahrheit über den neuen deutschen Hass“.

Mit anderen Worten, die deutsche Mitte drehe gerade durch, aber, das seien immer noch vereinzelte, verbale Entgleisungen, auch Entgrenzungen, die man vor allem vielen derer, die sich jetzt damit hervortun, nicht zugetraut hätte. Die Erklärung:

Die Flüchtlinge hätten es an den Tag gebracht: In dem Volk, das vor etwas mehr als 70 Jahren in zerstörerischer und vernichtender Absicht West- und Osteuropa sowie Russland überfallen habe, sei trotz aller Abwendung vom kriegerischen Geist zumindest ein Rest archaischen, völkischen und selbstmitleidigen Denkens erhalten geblieben.

Jemand fragte zurecht nach dem Erklärungsmuster für die anderen Europäer, die das „deutsche“ Verhalten weit mehrheitlich inzwischen für ziemlich Gaga hielten, aber... (siehe oben).

Ich habe mir inzwischen das Original, sprich den entsprechenden „Cicero“ widerwillig zugelegt (das Netz hilft da nicht viel, die schreiben sowieso nur noch bis in die Wortfolge voneinander ab), hm.

Herr Sloterdijk erzählt einiges, über den Euro, oder den Islam: Der sei geradezu eine Religion des Feldlagers, die permanente Bewegung sei inhärent, und jeder Stillstand müsse als Beginn des Glaubensverfalls beargwöhnt werden. Zudem sei der Islam ein juristisches Konstrukt, das fast ohne Theologie auskomme.

Da fällt mir noch ein anderes Zitat wieder ein, nachdem man einen Anfang in der Hand hatte, der einem das Zurückweichen erklärte, das Unbehagen. Aber darüber werde ich in solchen Zeiten sicher nicht mehr gründlicher nachdenken wollen:

Frage: „Sie schreiben, dass das Ornament in der islamischen Kunst durch seine fortlaufende, gleichmäßige, endlos anmutende Struktur Gottes Unendlichkeit versinnbildliche.“

Kermani antwortet: „Ja, das Ornament füllt nicht die Leere, sondern bringt sie zum Ausdruck und damit die Gestaltlosigkeit Gottes.“ Die Monotonie der Leere also ist das Wesen der islamischen Kunst? Das fügt sich zur Abwesenheit der Theologie, die oben erwähnt wurde, eine Religion des Abwesenheit. Nun, wir wollen all das hinter uns lassen.

Zurück zum Ausgangspunkt unseres kleinen Exkurses: Die Diskussion um die Flüchtlingspolitik werde militanter. Einige von denen, die sich jetzt zu Wort meldeten, hätten schon den Stahlhelm aufgesetzt. Stacheldraht ersetze die Argumentation. Metaphern würden entsichert. Mein Jott.

Die postmodernisierte Gesellschaft, so Sloterdijk dem „Cicero“ u.a., existiere in einem „surrealen Modus von Grenzenvergessenheit“. Sie genieße ihr Dasein in einer Kultur der dünnwandigen Container. An die Stelle starkwandiger Grenzen seien schmale Membranen getreten, die jetzt überlaufen würden. Die deutsche Regierung habe sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben.

Ach, jetzt müssen wir doch einmal aus einem der beiden Schlicht-Artikel zitieren: Eine starkwandige Grenze, könne man ergänzen, habe beispielsweise die DDR besessen. Der Denker wundere sich über die Naivität der Deutschen: „Man glaubt hierzulande immer noch, eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten.“ Genau darauf, auf der Überzeugung, daß Grenzen überwunden werden könnten, basiere die EU. Auch die liberale Marktwirtschaft brauche offene Grenzen. Sonst ließe sich kein Auto mehr zusammenbauen.

Herr, wirf Hirn vom Himmel, möchte man ausrufen. Gibt es noch ein Denken außerhalb von 0 und 1? Also geschlossene Grenzen versus offene Grenzen? Vollständig offene Grenzen sind keine mehr, durchlässige, aber beherrschte schon. Eine Zelle ohne intakte Grenzen steht direkt vor dem Zelltod, ist das so schwer zu verstehen? Außerdem galt das Versprechen für die weitgehende Offenhaltung der Grenzen nur für den europäischen Raum (grob gesprochen), was ja auch wunderbar funktioniert hat.

Wären wir auch in der Stimmung, selbstgerecht zu sein, so müßten wir sagen, das Linke lebt doch geradezu von der Verstörtheit der Gefühle und der Betäubung der Vernunft, setzt Selbstgerechtigkeit für Gewissen etc. etc. Aber wozu das? Die Wirklichkeit fängt gerade an, wirklich verstörend zu werden. Welchen der offenen Fäden nehmen wir also auf?

Die Verhältnisse fangen wieder an zu tanzen (das klingt so abgeschmackt, wie es tatsächlich ist). Muß man das mögen, nein, man muß gar nichts. Und es wird nicht angenehm sein. Einige der verbliebenen deutschen Stardenker wechseln also gerade die Seiten. Schon im Dezember habe Rüdiger Safranski der „Kanzlerin“ (also Frau M.) eine Staatsrechtslektion erteilt: Zu einem souveränen Staat gehöre, dass er seine Grenzen kontrolliere. Wenn eine Staatschefin wie Angela Merkel sage: „Wir können die Grenzen nicht mehr kontrollieren“, reihe man sich ein unter die zerfallenden Staaten, wie jene in Afrika.“

Das sagen so oder ähnlich inzwischen viele. Es dürfte selten so eine Nichtübereinstimmung zwischen der öffentlich vorgetragenen Moral und der persönlich wahrgenommenen geben in diesem Beritt wie vielleicht seit 1988 nicht mehr. Anderen wird es anders gehen, aber für mich ist das längst zu einem absurden Theater geworden (die Metapher ist unzureichend), wo man an seinem Wirklichkeitssinn irre zu werden beginnt. Ich agitiere folglich nicht, ich beobachte.

Aber mit diesen 2 wirklich originellen Zitaten muß ich einfach enden: Das Wort „Lügenpresse“ setze mehr Harmlosigkeit voraus, als es in diesem Metier gäbe. „Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr“. Die angestellten Meinungsäußerer würden für das Sich-Gehen-Lassen bezahlt und nähmen den Job an.

Und: „Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.“

nachgetragen am 6. Februar

Sonntag, 1. November 2015

Allerheiligen

Mariotto Albertinelli (1503), Heimsuchung

Schon wieder ein religiöser Text? Ja, tut mir leid, es ist die Jahreszeit. Und Herr Roloff hat gepredigt. Gestern wollte ich eigentlich gar nicht so viel machen, aber dann ist mir die Galle übergekocht, und ich sage nach einem Tag des Nachdenkens noch mehr, zurecht. Man muß es nicht lesen.

Allerheiligen ist ein wunderbares Fest. Es böte sich an, etwas darüber zu schreiben, was Luther von ihnen hielt, den Heiligen; das ist komplexer, als zu erwarten, und man bedenke, er sah sich als derjenige, der die Kirche vor dem Abgrund aufzuhalten habe, da ist man nicht so subtil. Und ich glaube noch immer, daß darin keine Anmaßung lag.

Einer der Texte, der mich bei Kermani ärgerte, war der über Mariotto Albertinellis Heimsuchung, also der Begegnung von Maria und Elisabeth. Es geht um Lukas 1, 39ff. Ach wir bringen einfach den ganzen Text:

Maria aber stand auf in den Tagen und ging auf das Gebirge eilends zu der Stadt Juda's und kam in das Haus des Zacharias und grüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth ward des heiligen Geistes voll und rief laut und sprach: 

Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Und woher kommt mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Siehe, da ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte mit Freuden das Kind in meinem Leibe. Und o selig bist du, die du geglaubt hast! denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder; denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer. Er denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel wieder auf, wie er geredet hat unsern Vätern, Abraham und seinem Samen ewiglich.

Und Maria blieb bei ihr bei drei Monaten; darnach kehrte sie wiederum heim. Und Elisabeth kam ihre Zeit, daß sie gebären sollte; und sie gebar einen Sohn.

Elisabeth war wohlbetagt und gebar. Und Kermani meint nun, das habe Lukas zur Glaubhaftmachung der Jungfrauengeburt angeführt, wenn schon eine alte Frau... Und dann beschreibt er, was er sieht auf dem Bild, zwei Frauen, die nicht wirklich schön sind. Und was verwirrt mein Gemüt zuerst? Was für Frauen? Das sind doch die Hl. Jungfrau und die Hl. Elisabeth. Um einen sehr schiefen Vergleich zu bemühen, das ist ein wenig so, als würde man jemanden, der neben einem Dunkelhäutigen stünde, fragen, wieso hast du eigentlich einen Neger zum Freund, und der würde ratlos antworten, wen meinst du denn?

Das deutet vielleicht an, warum mein „Ärgern“ über die Bildbetrachtung mehr eine Einladung zu Mißverständnissen ist. Ist das Offensichtliche das Wahrere? Aber den einen Satz muß ich doch zitieren: „Denn von der Freude der beiden, die biblisch sogar das Kind in Elisabeths Leib ansteckt, ist überhaupt nichts zu sehen, nur Ergebenheit in den fremden, bestimmt höheren Willen, der durch sie geschieht.“

Ich sehe anderes. Die Bilder, die öffentlich zugänglich sind, es ist gut und verdienstvoll, daß es sie gibt. Man gewinnt immerhin eine Ahnung.

Der erste Impuls, man will niederknien, und der nächste, sich zurückziehen, um diesen intimen Moment nicht mit der eigenen Gegenwart zu beflecken. Da ist Wissen, Trost, Ausweglosigkeit, Einverständnis, Beistand, Überstehen, Kraft... ja innere Schönheit. In der Körperhaltung, den Gesten, der Zuwendung der Hände und Häupter, selbst der Augen. Ja Frauen sind sie außerdem noch; Männer bekommen keine Kinder. Aber darüber sind sie schon so weit erhoben, daß es einem gesagt werden muß.

Vielleicht ist genau das das Wesen des Heiligen, er wird vom Göttlichen angerührt, und seine irdische Präsenz hier wird nicht unwichtig, ganz und gar nicht, aber transparent, und sie leuchtet.


Mariotto Albertinelli (1503), Heimsuchung

Predigt Allerheiligen 2015

Offb 7, 9-17

Gnade sei mit euch und Frieden von dem der da war und der da ist und der da kommt! Amen

Liebe Gemeinde,

der Text aus der Offenbarung, den wir als Epistel gehört haben und der unser Predigttext ist, trägt die Überschrift: Die große Schar aus allen Völkern.

Wir erleben eine der zahlreichen Zukunftsvisionen, denen wir im letzten Buch der Bibel begegnen. Das Geheimnisvolle dessen, was hier durch Johannes geschaut wird, liegt in der Gleichzeitigkeit von dem, was sein wird, mit dem, was schon ist, und mit allem, was war. Immer wieder finden wir davon Anklänge in der Schrift. So raunt bereits der Prediger Salomo: „Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen;“ Pred 3, 15. Und in Christus wird auch dieser Gedanke Fleisch, denn er spricht: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.“

Etwas Unvorstellbares rückt hier an uns heran, und so lassen wir uns, bevor wir in der Offenbarung weiterlesen, durch Jesaja fragen: „Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen?“

Diese Dimension ist gemeint, wenn es heißt: „Ich sah eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,“

Immer suchen wir nach dem, was uns mit anderen Menschen verbindet, weil es für uns Menschen konstitutiv ist, dass wir nicht allein sein können. Wir brauchen die Gemeinschaft. Worin besteht aber das Gemeinsame? An diesem Gesicht des Johannes können wir es lernen. Es gibt etwas, das uns Menschen gemeinsam ist, und dieses steht über unserer Zugehörigkeit zu Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen. Die Menschen, von denen hier die Rede ist, werden zur Gemeinschaft durch das, wovor sie stehen – durch den Thron und durch das Lamm.

Die Hinwendung zur einzig wahren Autorität schafft ein neues Volk Gottes aus den Völkern, sie schafft das Gottesvolk, die Gemeinschaft der Heiligen, von der auch in unseren Bekenntnissen die Rede ist. Als Heilige sind sie durch die weißen Gewänder gekennzeichnet.
Der Palmzweig aber verdeutlicht, dass sie nicht ohne Zweck und ohne Aufgabe vor dem Thron Gottes stehen.

„Sie riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserem Gott, und dem Lamm!“

Sie rufen es mit einer Stimme. Es ist hier kein Tumult, kein Geschrei, kein Stimmengewirr, sondern ganz klar und hell erklingt: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt!

Das ist die Aufgabe der Heiligen, das ist die innere Bedeutung für alle Geschöpfe und für alles, was ist.

Und in der Gemeinschaft mit den Engeln, mit den Ältesten und mit allen Wesen am Throne Gottes fallen sie nieder zum Gebet.

Menschen gewinnen Einheit und Frieden durch das gemeinsame Gebet zum wahren Gott.

Dies nun ist ein gewaltiges Gebet: Gerahmt durch das bekräftigende Amen verkünden sie: Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserem Gott.

Ehre, Weisheit, Kraft und Stärke sind unserem Gott eigen. Diese vier Eigenschaften versinnbildlichen seine Allmacht, Vollkommenheit, Allwissenheit und Herrlichkeit.
Sie gehören ganz allein ihm an. Als Christen glauben wir darum, dass wo immer Menschen in die Nähe und in den Besitz von Ehre, Weisheit, Kraft und Stärke kommen, da nehmen sie nur Anteil an Gott. Sie empfangen alles von ihm, und ihre Ehre, Weisheit, Kraft und Stärke können nur Gültigkeit und Dauer beanspruchen als Gleichnis und Verkündigung von Gottes Wesen.

Lob, Dank und Preis aber sind durch die Menschen zu erbringen. Diese drei Dinge sind unser Auftrag am Throne Gottes. Wo wir seine Herrlichkeit schauen, da loben wir ihn, wo wir Ziel seiner weisen Güte werden, da danken wir ihm überschwänglich, und wo er sich als der allmächtige Schöpfer und Erlöser erweist, da antworten wir mit unserem Preis.

Das erst ist die ganze und vollkommene Gemeinschaft, an die wir glauben, und sie überwindet alles, was Menschen und Völker trennt, weil sie endlich dem begegnen, durch den und mit dem und in dem sie sind. Die vier Eigenschaften Gottes und die drei Pflichten seiner Heiligen fügen sich zur vollkommenen Sieben seiner Schöpfung.

Und wem bis an dieser Stelle noch nicht klar geworden ist, von wem hier die ganze Zeit schon die Rede ist, dem wird es jetzt offen ausgesprochen:

„Diese sind's, die gekommen sind aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes. 15 Darum sind sie vor dem Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Stuhl sitzt, wird über ihnen wohnen. 16 Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze; 17 denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“

Liebe Gemeinde,

es ist hier bereits die ganze Zeit von uns die Rede. Noch sind wir ein Teil dieser Welt. Als getaufte Glieder der Kirche aber sind wir schon jetzt Teilnehmer dieses himmlischen Chores und seines ewigen Lobgesangs. Die Gemeinschaft der Heiligen gründet sich nicht erst in Gottes Ewigkeit, sondern wird in seiner Schöpfung gegenwärtig durch seine Kirche.

Heilige sind nicht zunächst die besseren Menschen. Nur wenige haben die Kraft zu großen guten Taten oder machen die Erfahrung der besonderen Nähe Gottes, aus der heraus die Taten erst werden können, wegen derer man ihr Leben und ihre Person dann heilig nennt.
Sehr wohl aber muss etwas im Leben aller, die der Gemeinschaft der Heiligen angehören, schon jetzt groß sein.
Das kann dann aber auch die Größe der Reue sein, die wir über begangenes Unrecht empfinden. Es kann die Größe der Liebe sein, die uns dann dennoch in die Irre leitet. Es kann die Größe von Leid und Schmerz sein, in denen wir keinen Trost mehr finden. Es kann die große Buße sein, die wir üben.

Es gibt so vieles, was uns begegnet, und was uns erinnert, das ohne die Heiligkeit keine Verbindung gestiftet werden kann zwischen uns und denen die waren und wiederum zwischen uns und denen, die noch sein werden und wiederum zwischen allen und Gott.

Weil wir von Gott herstammen sind wir heilig und dürfen an die Gemeinschaft der Heiligen glauben, der er das Heil bereiten wird.

Auch vor uns sind sie gegenwärtig der Thron und das Lamm.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen
Thomas Roloff

Dienstag, 27. Oktober 2015

Navid Kermani II


Die Bäume regnen ihre Blätter herab, seit Stunden, wie in einem ewigen Moment. Das ist auch Gnade, dem zuschauen zu dürfen. Schönheit ist Gnade. Wo bleiben die betroffen machenden Bilder? So mag mancher ausrufen. Nun ich passe gerade etwas obsessiv auf die Couch auf, deshalb lege ich mich auch länger drauf, denn das muß erst einmal jemand wegtragen können. Solches schränkt die Bildmotive ein, und den Großherzog hatten wir ja gerade.


Navid Kermanis „Ungläubigen Staunen“ über das Christentum kommt mir weit weniger entgegen, als ich erwartet hatte, ich weiß nicht warum. Ich versuche es gerade zu lesen. Da bietet sich dann für heute doch noch ein Rekurs zu seiner Friedenspreisrede in Frankfurt a. M. an. Die Reaktionen waren bemerkenswert. Ich fand sie teilweise an Orten, von denen ich gar nicht wußte, daß es sie gibt. So leistet sich offenbar diese Regierung ein Internetportal für einen moderaten Islam (da muß man erst ins Impressum gehen, um sich dessen bewußt zu werden), und liest dort zu o.g. Rede unter der Überschrift „Den Islam aus den Klauen der Fanatiker befreien“ zum Schluß:

„In der Paulskirche, die heute gar nicht mehr wie eine Kirche aussieht, sondern eher wie ein Amphitheater, hat Navid Kermani uns und alle(n), die ein offenes Herz dafür haben, eine Katharsis, eine Läuterung und Waschung der Herzen geschenkt, von der wir erst in dem historischen Moment, in dem wir sie empfangen haben, erkannten, wie furchtbar lange... sie uns vorenthalten worden war.“

Auch schön gesagt. Manche rangen sich zu einer betretenen Würdigung auf, andere fühlten sich unanständig angefaßt. Aber wir wollen hier ja keine Presseschau veranstalten. Herr  Knipphals von der taz, Literaturredakteur, und die Frauenrechtlerin Kelek in der Welt geben einen guten Eindruck, was die Rede alles so aufzurühren vermochte. Das muß genügen.

Diese Rede ist eine gute Lektion darüber, wie unterschiedlich eine gehörte und eine gelesene zu wirken vermag. Ich mutmaße, daß in der gehörten einfach so viel mehr mitschwingt, und das erzeugt dann wohl mitunter eine Resonanz, von der der Betroffene später gar nicht mehr recht weiß, wie sie zustande kam.

Zum irrsinnigen Syrienkrieg, der Arabellion, politischen Optionen, der Liebe von Mönchen zum Islam, dazu, und zu anderem, werde ich jetzt nichts sagen. Aber ich will einen Moment des Entsetzens verraten, der mich während der Rede befiel:

Er beschreibt, man hätte annehmen können, daß wenigstens die religiösen Fundamentalisten die eigene Kultur wertschätzen. Nein, sie taten das Gegenteil: Indem sie zu den „Uranfängen“ zurückkehren wollten, zerstörten sie das Eigene:

„Wir wundern uns nur deshalb über den Bildersturm des 'Islamischen Staates', weil wir nicht mitbekommen haben, dass in Saudi-Arabien praktisch überhaupt keine Altertümer mehr stehen. In Mekka haben die Wahhabiten die Gräber und Moscheen der engsten Prophetenangehörigen, ja selbst das Geburtshaus des Propheten zerstört. Die historische Moschee des Propheten in Medina wurde durch einen gigantischen Neubau ersetzt, und wo bis vor wenigen Jahren noch das Haus stand, in dem Mohammed mit seiner Frau Khadija wohnte, steht heute ein öffentliches Klo.“

Nein, ich bin kein heimlicher Liebhaber des Islams, tut mir leid, aber da war ich fassungslos. Über diesen Abgrund an Zerstörung, die Verachtung der Tradition, die religiöse Leere. Wir Christen sind durch Schwarmgeister, Puritaner und verwandten Unrat auch in der Vergangenheit gestraft worden. Aber das! Und so habe ich seine Rede dann auch verstanden.

Dagegen war die Klage des Quintus Aurelius Symmachus, nein, kein laues Lüftchen, aber man ahnt Dinge und Muster. Und spürt als lebendiges Wesen den Verlust und das Ungeheuerliche. Herr Kermani beschrieb den Untergang seiner Kultur, der gerade stattfindet. Und offen gestanden war es das, was mich mit Wucht getroffen hat.

„Nichts, absolut nichts findet sich innerhalb der religiösen Kultur des modernen Islams, das auch nur annähernd vergleichbar wäre, eine ähnliche Faszination ausübte, von ebensolcher Tiefe wäre wie die Schriften, auf die ich in meinem Studium stieß. Und da spreche ich noch gar nicht von der islamischen Architektur, der islamischen Kunst, der islamischen Musikwissenschaft – es gibt sie nicht mehr.“

„Es gibt keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang. Was uns jetzt um die Ohren und auf die Köpfe fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion.“

Und auf einmal spürt man, wie hinter den Tagesparolen und -trügereien eine ganz andere Wirklichkeit katastrophischen Ausmaßes stattfindet. Der Islam verendet gerade, erfahre ich, und wünsche doch das Gegenteil. Denn zu meiner Überraschung entsetzt mich die Evidenz dieser Beobachtung. Was könnte man dann noch außer Beten? Diese Rede von Herrn Kermani war ein bestürzender Wirklichkeitseinbruch.

Und jetzt kehre ich zu seinem Buch zurück und ärgere mich weiter, was dabei aber doch für ein Vergnügen angesichts des Vorigen.


nachgetragen am 29. Oktober

Montag, 26. Oktober 2015

Navid Kermani I


Ich will schon so lange noch einmal etwas Wohlwollendes (ja, ich habe den herablassenden Tonfall auch bemerkt) über Herrn Kermani schreiben, aber irgendwie entwischt der einem immer. Kürzlich hatte ich mich sehr amüsiert:

Wir beginnen also in den Niederungen. Dieses (west)-deutsche Kirchentags-Christentum illustriert sich bekanntlich perfekt in einem Magazin, welches sich die EKD leistet, der Schrumpfform des vormaligen Deutsches Allgemeinen Sonntagsblatts, namens „chrismon“. Das fällt einem aus den „großen“ Tageszeitungen entgegen, die ich inzwischen auch nur noch sehr sporadisch zu lesen vermag. Und da hatte doch Herr Kermani eben dieses Magazin, in einem Nebensatz, ohne Namensnennung, erledigt.

„Dieses protestantische Christentum, das ich auf einem Forum des Kirchentags höre oder das mir in der evangelischen Beilage der Zeitung begegnet, mag ja sympathisch sein, aber es lässt mich kalt. Es kommt mir oft wie eine Doppelung dessen vor, was uns der gesunde Menschenverstand ohnehin sagt. Den Menschen dort abholen, wo er ist, heißt es dann – ein grauslicher, anbiedernder Gedanke, der zu einer ästhetischen Verarmung und auch theologischen Verharmlosung sondergleichen geführt hat.“

Der Chefredakteur war verstört und beleidigt, wie man hier sehen kann, er wußte aber offenkundig nicht genau, warum. Die gefühlte Milieu-Nähe trog wohl doch ein wenig. Den Satz des Anstoßes brachten wir schon. In seiner Rechtfertigung schreibt Herr B. „Religion als sinnliche Erfahrung, die nur dann funktioniert, wenn sie geheimnisvoll, weltfern, mystisch bleibt.“

Und nachdem er Luther als „Volk aufs Maul Schauer“ belobhudelte, erfreute er sich an Prominten-Prolls, nein, nicht den Geißens, sondern an T. S. „'Sie gehen mir auf den Sack!' Wie Til Schweiger CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer in einem TV-Talk anraunzte, würden wir Navid Kermani nie entgegnen. Martin Luther, da sind wir sicher, hätte die Reaktion des Schauspielers schenkelklopfend erfreut: Grober Keil auf groben Klotz!“.

Und damit ist zu dem Herrn auch alles Notwendige gesagt, von ihm selbst. Aber das Aufjaulen ist schon verräterisch und kenntlich Machend. Wir wollen das fortsetzen, hoffentlich sind bis morgen aus seinem "Ungläubigen Staunen" die Lösungsmittel entwichen, die mir das Lesen unmöglich machten. Erinnert mich an einen lieben Pastor, der viele kluge Bücher besaß, von denen einige zu mir gewandert sind. Aber leider war er ein starker Raucher...

Danach bekam er (Herr K.) dann den Friedenspreis in Frankfurt/ M., das habe ich mir vollständig angehört, und das Wasser schoß mir zum Schluß in die Augen, aber das ist ja nun auch keine sinnvolle Aussage.

wird fortgesetzt

Dienstag, 25. August 2015

Religionen sind Ausdruck des menschlichen Umgangs mit der Wirklichkeit Gottes - Navid Kermani

St Andrews Cathedral Ruins from the Front

Zwischen diesen Nachrichten von Tempelsprengungen, man darf das gern absurd finden, wenn ich glaube, sie jedes Mal zu spüren, ein verblüffendes Interview mit Navid Kermani. Das hat zum einen meinen festen Groll gegen den Islam gemildert (das trifft es nicht) angesichts der Menschen, die darin aufgewachsen sind. Er hat mir aber vor allem, hoffe ich, einen Schlüssel an die Hand gegeben (nach dem ich lange gesucht habe), wie man diesen Abschaum (und zugleich anderen, der meinte St. Andrews oder Cluny zerstören zu dürfen, der gerechte Gott wird beider Verworfenheit strafen am Ende der Zeiten) weise verachtet und zugleich fromm zu erklären vermag, warum.

„Sie (die Wahhabiten) zerstören… nicht nur die Gräber der Heiligen, verbieten... nicht nur die mystischen Formen der Religion, sondern überhaupt die traditionelle Kultur und Architektur. Sie haben nicht den geringsten Respekt vor der Vergangenheit, weder als ästhetisches Gefüge, noch für die klassische islamische Gelehrsamkeit, und schon gar nicht für die Volksfrömmigkeit.“ Man denkt, er spräche von Maoisten und Anverwandten.

„Ich glaube, es gibt zwei Dimensionen, wo sie (die Religion) etwas Elementares zum Leben beizutragen hat: die ethische Dimension und eben die ästhetische. Aus Nächstenliebe und Barmherzigkeit tun religiöse Menschen Dinge, die 'man' normalerweise nicht erwarten würde... Also, die Liebe, das ist das eine, das Beispiel der Nächstenliebe, wenn es in den Religionen gelebt wird. Und das andere ist eben der ästhetische Reichtum der Religion.“

Das deutet nur die Richtung an, und ich forsche eben gerade sehr nach Begriffen, die die dahinter auffindbare Wahrheit begreifbar machen. Das „Ästhetische“ klingt einfach nicht wesentlich genug, wo es das doch so sehr ist. Aber wahrscheinlich werde ich eher gleich einschlafen, darum zuvor dies. Ach, einen Nachtrag gibt's auch, und hier endlich das Gespräch.

St. Andrews, Ruine der Kathedrale und Friedhof