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Donnerstag, 16. März 2017

Über das Deutsche in der jüngeren Geschichte

Germania von Philipp Veit (ca. 1834)

„Und weil ihr das Herz sein solltet von Europa, seid ihr mir lieb gewesen, wie mein eigenes Herz, und werdet mir lieb bleiben ewiglich.“
E. M. Arndt

Die Katastrophe des 19. und 20. Jahrhunderts

Prolog

Am 16. März 1917, also genau vor einhundert Jahren, endeten in Russland drei Jahrhunderte Herrschaft der Romanows. Ein gravierender, und inzwischen können wir mit jedem Recht sagen, ein überaus verhängnisvoller Einschnitt in der Geschichte dieses großen Volkes. Dieses Datum ist der Anlass für diese Niederschrift, denn die deutsche und die gesamte europäische Geschichte sind mit der Russlands unlöslich verbunden.

Politik ist nicht der Bereich, in dem man moralisch werden und am Ende mit dem Begriff der Schuld operieren sollte. Eine Vermutung drängt sich beim Blick auf die Geschehnisse dann schnell auf - etwas solle verschleiert werden. Erlauben wir uns den freieren Blick.

Politik misst sich allein nach ihren Absichten und der Kunst ihrer Durchsetzung. Die Bewegung großer Staaten lässt sich nämlich nicht vor den Richterstuhl zerren, denn das wäre genauso, als wollte man über Naturkatastrophen moralisch urteilen. Darum muss allein mit diesen beiden Maßen, den Absichten und ihrer Durchsetzung, ein anderer Blick vor allem auf das 19. und dann aber natürlich auch auf das 20. Jahrhundert versucht werden. Dabei bleibt richtig, dass die Geschichte nach christlicher Überzeugung ein Ganzes ist und sich auch das 19. Jahrhundert aus konkreten Voraussetzungen und Gegebenheiten erhoben hat.

Napoleon

Ganz am Anfang unseres Zusammenhangs steht die Französische Revolution. Schon an ihr wird deutlich, selbst wenn sie von allen mit den besten Absichten begonnen worden wäre, dann führte sie dennoch in eine schwere Katastrophe, in Mord und Unrecht. Es ist nur schwer zu verstehen, warum man ihr dennoch bis heute das Etikett „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ anhängt, obwohl sie das genaue Gegenteil bewirkte. Mag es auch zuvor Unrecht und Missstände gegeben haben. Sie wurden bei weitem durch das in den Schatten gestellt, was die Revolution hervorgebracht hat.

Es brauchte einen Napoleon, um den fortschreitenden Terror und die rücksichtslose Zerstörung des Gemeinwesens einzudämmen und die entfesselten Gewalten in die Verwirklichung eines imperialen Gedankens von der Neuordnung Europas zu lenken.

Dies zustande gebracht zu haben, macht die Größe der historischen Gestalt Napoleons aus. Er lenkte die gewaltigen Energien seines entfesselten Landes in beinahe alle Richtungen. Vor allem mit dem Rheinbund und Italien stellte sich fast so etwas wie das Reich Karls des Großen wieder her. Das ist ganz erstaunlich nach beinahe einem Jahrtausend getrennter Geschichte. Es bezeugt zweierlei. Napoleon wusste die Schwäche des Reiches geschickt auszunutzen und machte sich auch die erwachenden nationalen Bestrebungen der Italiener und Polen zu Eigen. Er verband so ganz geschickt die beiden seine Zeit bestimmenden Tendenzen, den Abstieg der universalen Gewalt des Reiches und die aufsteigenden nationalen Stimmungen.

Um diesen gewonnenen Zustand aber tatsächlich zu ordnen, bedurfte es dann doch wieder der alten Reichsidee, die sich als lebendig erwies. Napoleon nahm den Namen eines Kaisers an und formte allerdings ein französisches Imperium. Er warf damit seinen fast ausschließlich national motivierten Interessen den Mantel des Reiches um und begann ein kurzes Jahrzehnt großer und vor allem großsprecherischer Herrschaft. Die Vorherrschaft einer Nation fast über den gesamten Kontinent war nur möglich geworden durch die Schwäche der übernationalen und überstaatlichen Gewalt und durch das Schwinden des Zusammengehörigkeitsgefühls der europäischen Völker. Der Rausch der Revolution trat in gewisser Weise an die Stelle der Verbundenheit im christlichen Glauben.

Allerdings wurde Napoleon sehr schnell gewahr, dass er mithilfe der französischen Militärmacht alle beherrschen musste, wenn seine Konstruktion Dauer erreichen sollte. Das verführte ihn in das russische Abenteuer mit seinem bekannten Ausgang. Man kann die Idee des Reiches nämlich nicht beliebig usurpieren, denn an ihr hängt nicht nur der Name des Kaisers, sondern auch eine für Europa ganz und gar unverzichtbare Funktion und Verantwortung.

Universalismus

Europa lebt aus der Wechselwirkung zwischen einzelnen Herrschaften, aus denen sich viel später Nationalstaaten bildeten, und dem Reich in seiner nicht nur geographischen Mitte. Es war in den Jahren 800 und 962 erneuert worden, weil das Römische Reich über alle Brüche hinweg die beherrschende Vorstellung davon geblieben war, wie Herrschaft unter Menschen und Völkern errichtet werden musste, um Gleichnis und Verheißung ewiger Ordnung sein zu können. Die eigentliche Ordnung Europas lag also von Anfang an in der Balance zwischen Universalmacht und den einzelnen Völkern, Kulturen und Staaten. Das Miteinander von Universalität und Partikularismus machte das Reich selbst aber auch das Wesen ganz Europas aus.

Darin liegt der einzige Grund dafür, warum dem Reich, als Träger der universalen Macht, die Aufgaben der Verteidigung zufielen. Das Reich wurde zum Verteidiger der Kirche und des christlichen Glaubens und zum Verteidiger gegen diejenigen äußeren Feinde, denen einzelne Herrscher und Völker nicht gewachsen waren. Die Hunnen, die Ungarn, die Türken stehen hier in einer Reihe.

Die innere Struktur Europas war mithin geprägt durch die Bipolarität von Staaten und Nationen auf der einen und einer im Reich repräsentierten überstaatlichen und übernationalen Ordnung auf der anderen Seite. Genauso wie der Mensch selbst in der Spannung zwischen Individualität und Gesellschaft lebt, so lebte Europa aus der Beziehung zwischen den Staaten und dem Reich. Dabei war es nie jemandem in den Sinn gekommen, dass das Reich alle und alles beherrschen müsse. Sehr wohl war es aber selbstverständlich, dass das Reich vor allen und allem den Vorrang hatte.

Deutschland

Die Rolle oder Verantwortung des Reiches wuchs den Deutschen in der Geschichte dann mehr zu, als dass sie sie suchten. Das war in der Hauptsache der geografischen Lage des Siedlungsraumes der Völkerschaften geschuldet, die einmal die Deutschen werden sollten. In der Mitte des Kontinents konnte man sich schwerlich auf sich selbst zurückziehen, war beeinflusst und durchzogen von den Nachbarn und ihren Kulturen. Man ließ sich aber auch beeinflussen und wurde in Vielem ein Schmelztiegel der Kulturen.

Es bildete sich über die Jahrhunderte hinweg ein Identitätsgefühl, das nicht einmünden wollte in eine bloße Nation, wie es den Spaniern, den Franzosen, den Polen und den Briten gelang. Immer wieder zeigte sich auch, dass der Kontinent die zwar nach und nach defensiver werdende, dennoch aber ordnende Gewalt des Reiches brauchte. Das wurde am 12. September 1683 am Kahlenberg vor Wien ganz klar deutlich. Selbst nachdem Europa durch das Martyrium des 30jährigen Krieges gegangen war, wurde es noch einmal seiner äußeren Feinde Herr.

Die bestimmende Erfahrung der Menschen im Reich blieb dennoch diejenige des quälenden und gequälten Ausblutens, obwohl oder gerade weil man sich seiner Aufgaben stellte. Die Erfahrung der demütigenden Réunionspolitik der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts vertiefte diesen Eindruck ins Pathologische. Es war vor allem der nationale Egoismus des französischen Königtums, der das Reich in der Mitte mehr und mehr schwächte und dadurch seine eigene Machtbasis zu vergrößern meinte. Dass man dazu die durch die Türkengefahr eingetretene Notlage des Reiches und anderer schamlos ausnutzte, brannte sich förmlich in das kollektive Gedächtnis über Generationen hinweg und war eben keine Propaganda. Der Raub Straßburgs 1681 und die Zerstörung Heidelbergs 1693 sind dafür die entscheidenden Ereignisse.

Weltreiche

Fast ganz parallel dazu vollzog sich seit dem Schicksalsjahr 1492 die Europäisierung der Welt. Sie wurde getragen vom Gefühl zivilisatorisch-technischer Überlegenheit, von dem ehrlichen Willen zur Christianisierung des Erdkreises, aber selbstverständlich auch von den imperialen Ambitionen großer Mächte. Es entstanden gewaltige weltumspannende Kolonialreiche. Zunächst diejenigen der Portugiesen und Spanier und dann diejenigen der Holländer, Briten und Franzosen. Das Russische Reich spielte eine gewisse Sonderrolle.

Dieser unglaubliche Macht- und Prestigegewinn drohte aber ganz vergessen zu machen, wie sehr man in Europa aufeinander angewiesen, wie sehr das Abendland mit seiner Geistes-, Kultur- und Glaubensgeschichte ein Organismus war, der, wie jeder Organismus, immer nur ein gemeinsames Leben und Überleben gestattet.

Allein darum schon war es ein schwerer Fehler, das durch Napoleon aufgehobene Reich beim Wiener Kongress 1815 nicht zu erneuern. Selbst das ganz und gar machtlose, ganz in seine einzelnen Staaten zerfallene Reich hielt doch zumindest die Erinnerung an die Notwendigkeit und Bedeutung übernationaler Ordnungen wach. Auch diese Erinnerung hatte, wenn nicht mehr real verbindende, so doch immer noch vermittelnde Wirkungen. In der Tat wurde sogar viel davon durch das österreichische Kaisertum fortgetragen. Auch Weltreiche brauchten die sie verbindende Mitte einer gemeinsamen Identität. Was sie der Welt an Konstruktivem bringen wollten, konnten sie ihr nur gemeinsam bringen.

Preußen

Der Deutsche Bund war ohne wirkliches Oberhaupt nun aber weitgehend verwaist und konnte jener Erwartung nicht entsprechen. Er wurde scheinbar zur Nebenbühne des heraufziehenden Dualismus zwischen Österreich und Preußen.

Durch seine Schlüsselrolle in der napoleonischen Zeit war Preußen wiederum ein geradezu identitätsstiftender Nimbus zugewachsen. Aus der tiefsten Demütigung hatte sich diese kleinste europäische Großmacht an die Spitze der Befreiungskriege gekämpft. Wie entscheidend dieses Ereignis war, zeigte sich auch 100 Jahre später noch darin, dass dieses Jubiläum 1913 in Leipzig mit dem bis heute größten Denkmalsbau Europas und in Breslau mit der einzigartigen Jahrhunderthalle gefeiert worden ist. Die Namen Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz und vor allem Blücher sagen alles, was in diesem Zusammenhang notwendig ist. Preußen ging in dauerhaftem Einvernehmen mit Russland und Großbritannien und auch selbst machtpolitisch entscheidend gestärkt aus der Zeit der Fremdherrschaft hervor. Hinzu kamen ein beginnender wirtschaftlicher Aufstieg, der nicht zuletzt mit der Westverschiebung seines staatlichen Schwergewichts durch den Gewinn der Rheinprovinz zu tun hatte, und eine moderne Staatsräson, in der mehr als nur das Fundament des neuzeitlichen Rechtsstaats gelegt war. Alles das zusammen machte es mehr und mehr unmöglich, dass sich Preußen auf die Rolle eines Bundesstaates unter Österreichs Präsidium beschränkte.

Dennoch erreichte dieses fragile Provisorium eines Deutschen Bundes eine Lebenszeit von einem halben Jahrhundert. Diese war neben vielen Instabilitäten, die als Nachbeben der großen französischen Revolution zusammengefasst werden könnten, bestimmt durch neue Versuche der Nachbarn, sich auf Kosten von Bundesterritorien zu arrondieren. Die Schleswig-Holstein-Frage und die Luxemburgkrise mögen dafür beispielgebend stehen.

Anders als zu vorherigen Zeiten, in denen es kaum mehr eine Rolle spielte, unter welcher Oberhoheit deutsche Territorien standen, trat nun aber das Nationalgefühl der im Erlebnis der Befreiungskriege zu Deutschen erwachten Landsmannschaften als politischer Faktor hervor. Die Begehrlichkeiten der Nachbarn weckten und befeuerten das Nationalbewusstsein der Menschen, die nun das Ziel in den Blick nahmen, „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ zu vereinigen, was zu Deutschland gehörte. Ein wirkliches Reich der Deutschen erschien am Horizont.

Der rein nationale Gedanke war allerdings ein Sprengsatz am österreichischen Vielvölkerstaat und fand darum in diesem einen entschiedenen Gegner. Zum anderen sah Frankreich seine Aussichten auf Wiederaufstieg schwinden und seine anmaßende Sehnsucht nach der Rheingrenze getrogen, wenn es zu einem vereinten Deutschland käme, und wurde so zum zweiten Feind deutschen Einheitsstrebens.

Philipp Veit (zugeschrieben), Germania, 1848

Reichseinheit

Die Revolution von 1848/49 war zu ideenreich und gleichzeitig zu tatenarm, als dass sie ein geeintes und funktionierendes deutsches Staatswesen hätte instand setzen können. Zusätzlich erwies sich Russland als selbstloser und treuer Bewahrer des legitimen monarchischen Gedankens und rettete den österreichischen Kaiserstaat durch sein Eingreifen in Ungarn. Dieser status quo hielt sich so noch knappe zwei Jahrzehnte.

Das tatsächlich Gefährliche am deutschen Nationalismus war, dass er in einer gewissen Weise eben auch den Versuch der Deutschen darstellte, ihrer eigentlichen historischen Verantwortung zu entkommen. Ihnen war die Würde des Reiches zugefallen, von der sie Gründe hatten anzunehmen, dass sie ihnen kein Glück gebracht hatte. Die im Religiösen und im Idealismus verankerte Vorstellung einer Zusammengehörigkeit der europäischen Völker und eines gemeinsamen Suchens nach Recht und Gerechtigkeit schien veraltet, überholt, tot. Die Nationalstaaten hatten gesiegt, beherrschten den Welthandel und waren dabei, Weltreiche zu errichten. Das wollten die Deutschen nun auch. Sie wollten einen Nationalstaat, der so ist, wie es alle anderen auch waren, und der diesen dann natürlich nur noch als Konkurrent entgegentrat.

Frankreich und Großbritannien wie auch Russland positionierten ihre Weltreiche ebenso zunehmend in Konfrontation zueinander. Fast vergessen war es, dass man nicht nur konkurrierende, sondern auch immer noch überwältigende gemeinsame Interessen hatte. Alle berauschten sich so sehr an der eigenen Weltgeltung, dass man nicht oder nicht mehr erkannte, dass die Kolonialisierung und Europäisierung der Welt nur gemeinsam betrieben und dauerhaft aufrechterhalten werden konnte.

Mitten in dieser Situation erschuf sich dann in der Mitte Europas ein Deutsches Reich. Pragmatisch, instinktsicher und mit größtem diplomatischen Geschick verstand es Bismarck zunächst die Machtbasis Preußens rasch und für die umliegenden Staaten überraschend zu erweitern. Im Krieg gegen Dänemark 1864 wies er noch gemeinsam mit Österreich die das deutsche Nationalgefühl empfindlich verletzenden Ambitionen des kleinen nördlichen Nachbarn, seine Grenzen nach Süden zu verschieben, zurück und gewann in der späteren Folge für seinen König Schleswig-Holstein. Im 1866 geführten Krieg gegen Österreich sprengte er den Deutschen Bund, entschied den seit Jahrzehnten schwelenden Dualismus zwischen den beiden Großmächten auf deutschem Boden und errichtete mit dem Norddeutschen Bund 1867 einen preußisch geführten modernen und föderalen Verfassungsstaat.

Lorenz Clasen, Germania auf der Wacht am Rhein, 1860

Die Geschichte will bis heute darin gern den Anfang des deutschen Nationalstaats sehen. Man kommt der Wahrheit allerdings näher, wenn man in diesem Geschehen eher eine Teilung erkennt. Ein Nationalstaat aller Deutschen hätte nämlich vermutlich die Zerstörung der Habsburgermonarchie nach sich gezogen und unabsehbare Folgen für den gesamten Donau- und Balkanraum mit sich geführt.

Wie existentiell die Rolle des Vielvölkerstaates dort seit Jahrhunderten war, kann vielleicht dann wieder realistisch ermessen werden, wenn man beobachtet, welche Herkulesaufgabe es offenkundig seit dem Zerfall Jugoslawiens in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist, ein Mindestmaß an staatlicher Ordnung allein in Bosnien-Herzegowina aufrecht zu erhalten. Die Zerstörung Österreichs kam folglich nicht in Betracht. Bismarck schonte darum auch den alten Kaiserstaat im Waffenstillstand von Nikolsburg nach der epochalen Schlacht von Königgrätz. Ein protestantisches Übergewicht in Mitteleuropa war jetzt zumindest zu ahnen.

Dem Beitritt der deutschen Staaten südlich der Mainlinie stand aber zunächst noch das Veto Frankreichs entgegen. Es konnte durch Bismarck erst in dem durch Napoleon III. vom Zaun gebrochenen Krieg von 1870/71 überwunden werden. Mit der Kaiserproklamation in Versailles erstreckten sich dann „zwei deutsche Reiche“, wie man in Russland gerne sagte, in der Mitte Europas, die zusätzlich seit 1873 durch ein Bündnis eng miteinander verbunden waren.

Der Frankfurter Frieden vom 10. Mai 1871, durch den auch große Teile des Elsass und Lothringens nach Deutschland zurückkehrten, schuf für ein knappes halbes Jahrhundert eine neue europäische Ordnung. Benjamin Disraeli erkannte rasch, dass dieser Einschnitt in die europäische Geschichte tiefer sein würde, als es derjenige der französischen Revolution gewesen ist.

Weltkrieg

Zwei Bestrebungen trafen seit 1871 radikal und kontrovers aufeinander. Das neue Reich hatte größtes Interesse daran, den gewonnenen Bestand zu bewahren, seine friedliche Entwicklung zu fördern und sich zu diesem Zweck jeder Unterstützung zu versichern, die es bekommen konnte. Bismarcks ruhelose Bündnispolitik war dafür das beste Indiz.

Frankreich hingegen verfolgte verbissen die Revision des Frankfurter Friedens, was ohne die Zerstörung des preußisch-deutschen Staates aber nicht möglich war.

Alle anderen Mächte vertrauten zunächst vollständig den friedlichen und Frieden stiftenden Absichten Bismarcks. Der Berliner Kongress 1878 und die Kongokonferenz 1884/85 waren dafür wichtige Beispiele. Bismarcks Bestreben war es tatsächlich, das Reich im Konzert der europäischen Mächte als „ehrlichen Makler“ zu platzieren. Darüber hinaus gelang es dem Fürsten, das Einvernehmen der drei Kaisermächte immer wieder herzustellen. Diese Konstellation gründete in seiner Überzeugung, dass für das Reich auch ein gewonnener Krieg keinen Siegespreis mehr in Aussicht stellte, der es wert wäre, ihn zu führen.

Das vorwiegend protestantische Deutsche Reich begann, mit seiner Rolle als Mitte und Vermittler etwas von dem zurückzugewinnen, was die Bedeutung des katholisch geprägten Heiligen Römischen Reiches ausgemacht hatte.

Diesem außenpolitischen Konzept trat eine beispiellose wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Entwicklung des Reiches zur Seite. Der Ausbau der Infrastruktur, die Entwicklung der Städte, das Bildungswesen, die Rechtskultur, alle Wissenschaften und die Industrieproduktion machten enorme Fortschritte. Entgegen der sehr spät aufgekommenen kolonialen Ambitionen des Reiches, die durch Bismarck mehr geduldet als befördert wurden, machte das ausgehende 19. Jahrhundert deutlich, dass gar nicht so sehr die weltumspannenden Kolonialreiche eine tatsächliche und dauerhafte Machtbasis waren, sondern die Qualität und Konkurrenzfähigkeit der industriellen Produktion. Das wurde ironischerweise ausgerechnet durch das von den Briten eingeführte Stigma des „Made in Germany“ überdeutlich.

Vielleicht war es ursprünglich tatsächlich der wirtschaftliche Konkurrenzdruck, der es scheinbar mehr und mehr notwendig machte, den Wettbewerber zu diffamieren. Aus Konkurrenten wurden Feinde. Es war der einfachste Weg, die deutsche „Politik der offenen Tür“, wie sie auf der Kongo-Konferenz noch selbstverständlich akzeptiert wurde, in den Marokkokrisen der Jahre 1904 und 1911 als anmaßende deutsche Einmischung und Aggression zu entstellen, obwohl sie in beiden Ereignissen im Kern lediglich auf die Beachtung bestehender Vereinbarungen gedrungen hat.

Die anderen europäischen Mächte nutzten die zugegebener Maßen ungewöhnliche Situation, dass das Reich in der Mitte, die naturgemäß vermittelnde Gewalt, im Gewand eines Nationalstaats daherkam, um dieses zu unterminieren und zu diskreditieren. Der insbesondere nach den Marokkokrisen stereotyp erhobene Vorwurf, das Reich strebe die Vorherrschaft in Europa an, war aus dieser Situation geboren. Allerdings war er vollkommen haltlos, denn die Stellung des Deutschen Reiches war eine ganz natürliche Folge seiner geographischen Lage, der Größe seiner Einwohnerschaft von fast 60 Millionen um 1900, seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung und seiner militärischen Kraft. An den ersten drei Fakten konnte niemand im Reich, selbst wenn er es gewollt hätte, irgendetwas ändern. Die militärische Stärke wiederum war angesichts der Bewaffnung seiner Nachbarn zu keinem Zeitpunkt unangemessen. Selbst die vielgescholtene Flotte des Kaisers erreichte in Europa hinsichtlich ihrer Größe nie mehr als den dritten Platz.

Dennoch blieben die beiden sehr unscharfen Argumente von der Störung des Gleichgewichts in Europa und dem unterstellten deutschen Vormachtstreben bis zum Weltkriegsausbruch bestehen und das, obwohl den „beiden deutschen Reichen“ seit 1908 die verbündeten Weltreiche Großbritanniens, Frankreichs und Russlands gegenüberstanden. Eine merkwürdige, verräterische Situation.

Es ist demaskierend, dass gerade die Briten sich ihres eigenen Ranges offenbar so wenig gewiss waren, dass sie sich 1904 dem allein auf die französische Revanche gegründeten russisch-französischen Bündnis zuordneten.

Frankreich ließ sich ausschließlich vom Revanchestreben und Großbritannien von einer panischen Furcht vor einer deutschen Vorherrschaft leiten. Welche realen Ziele sollten sich aber daraus ableiten? Weder an den geographischen Gegebenheiten von Fläche und Bevölkerung, noch an der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklungen im industriellen Zeitalter konnte man irgendetwas ändern.

Darüber hinaus stand die Politik der hemmungslosen nationalen Konkurrenz in einem merkwürdigen Gegensatz zur kosmopolitischen Struktur der Herrschenden. Die Mutter des Deutschen Kaisers war eine Engländerin mit deutschem Vater, an der Spitze Ungarns stand eine deutsche Dynastie, die russische Zarin war eine Deutsche, der König Rumäniens gehörte zum Hause Hohenzollern und die Könige Belgiens, Bulgariens und Großbritanniens zur Familie Sachsen-Coburg. Darin bildete sich noch immer sehr viel von dem traditionell universalen und übernationalen Europa ab, wie in Jahrhunderten weitgehend friedlich gewachsen war. Die Monarchen jener Jahre waren nicht aus der Vergangenheit überdauerte Potentaten, sondern Identifikationspunkte der Zusammengehörigkeit, wie zur Hochzeit der einzigen Kaisertochter 1913 in Berlin noch einmal sichtbar wurde.

Dennoch ereignete sich der ungeheuerliche Versuch, diese Wirklichkeit selbst zu überwinden.

Mit dem Attentat von Sarajewo kam dazu scheinbar die Gelegenheit. Was in Deutschland niemand für möglich gehalten hätte, trat ein. Russland, Frankreich und dann auch Großbritannien begaben sich auf die Seite der Mörder, obgleich vollkommen unstrittig war, dass Serbien das Attentat unterstützt hatte.

Friedrich August von Kaulbach, Germania, 1914

Der nach dem Krieg viel gerügte und als wichtigster Beweis für eine Kriegsschuld Deutschlands angesehene Blankoscheck war der Tatsache geschuldet, dass man deutscherseits in dieser Frage einen großen Krieg für ausgeschlossen hielt, weil die Verantwortung für das grausame Attentat auf Franz Ferdinand d´Este und seine Gemahlin, Herzogin Sophie von Hohenberg, zweifelsfrei feststand und sich die Auseinandersetzung auf Österreich-Ungarn und Serbien lokalisieren würde. Dennoch wurde ein Krieg  vom Zaun gebrochen, in dem Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich auf der einen Seite und Russland, Frankreich, Großbritannien und zuletzt auch die USA auf der anderen Seite standen und dem über 10 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Bemerkenswerter Weise gingen die letzten verzweifelten Versuche, den Frieden doch noch zu wahren, vom Deutschen Kaiser und vom Zaren Russlands aus.

Die Hauptlast der militärischen Leistung auf Seiten der Mittelmächte trugen die Deutschen. Nur durch den Widerstandswillen ihrer Heere hielt man über vier Jahre stand. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass es in Europa ein reales Gleichgewicht der Kräfte gab, dann war er in diesen vier Jahren erbracht worden. Im November 1918 gaben die Mittelmächte dann auf, obgleich sie kaum mehr erschöpft waren als Frankreich und Großbritannien.

Katastrophe

Die eigentliche Katastrophe trat erst nach dem Ende der Kampfhandlungen ein. Ähnlich naiv, wie man auf deutscher Seite am Anfang des Krieges wenigstens auf die Vernunft der Briten gehofft hatte, die mit ihrer Neutralität dem Wahnsinn Grenzen gesetzt hätten, vertraute man nun auf die Fairness der Amerikaner, die für einen gerechten Frieden sorgen sollten. Wie aber hätte der aussehen können nach der grauenhaften Zahl von Toten?

Der amerikanische Präsident präsentierte einen Friedensplan, der an den Wirklichkeiten des Kontinents vorbeiging und sein wichtigstes Prinzip, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, hinsichtlich der größten Nation Europas gar nicht bereit war, zur Anwendung zu bringen. Außerdem sprach er schon vorab eine absurde Verurteilung aus, indem er die 1871 im Frankfurter Frieden vereinbarte Rückkehr von Elsass-Lothringen in das Reich als ein Unrecht bezeichnete, „das den Weltfrieden über 50 Jahre hinweg erschüttert hat“.

Wie vergiftet jetzt schon die Verhältnisse waren, zeigte sich hinsichtlich der Österreichfrage. Der Zusammenbruch Österreich-Ungarns veranlasste die Deutschen dort, im verbliebenen der „beiden deutschen Reiche“ Zuflucht zu nehmen. Die "Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich", die sich am 21. Oktober aus den 1911 gewählten Reichsratsabgeordneten des deutschen Siedlungsgebietes der Habsburger Monarchie konstituiert hatte, verabschiedete am 12. November 1918 eine Verfassung für den neuen Staat. Deren Artikel 2 lautete: "Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik" und machte damit vom Selbstbestimmungsrecht der Völker Gebrauch, das zur entscheidenden Grundlage des neuen Europas werden sollte.

Damit wäre zwangsläufig, trotz des verlorenen Krieges, ein deutscher Staat in der Mitte Europas zustande gekommen, der noch größer, und, da er im Inneren unzerstört war, auch wirtschaftlich noch stärker gewesen wäre, als es das Vorkriegsdeutschland gewesen ist.

Was also hätten die Sieger erreicht?

Der um das angeblich gestörte Gleichgewicht in Europa geführte Krieg hatte erwiesen, wie austariert das Gleichgewicht in Europa tatsächlich war, und nun erst in seinem Ergebnis jede Aussicht auf Gleichgewicht und Stabilität für Jahrzehnte zerstört. Der tiefe Fall Russlands und die Zerstörung der Doppelmonarchie öffneten der Anarchie und dem Verfall alle Tore. Man hatte Gefahren heraufbeschworen, die in einem auch nur im Ansatz vergleichbaren Maß zu keiner Zeit vor dem Ausbruch des Krieges bestanden. War vor diesem Hintergrund die Zugehörigkeit des weitgehend deutsch besiedelten Elsass-Lothringens tatsächlich eine relevante Frage? Hätte nicht jeder verantwortlich handelnde Politiker Frankreichs vor dem Krieg Rechenschaft darüber geben müssen, wie ein zu gewinnendes Gebiet gegen einen viel mächtigeren Gegner dauerhaft behauptet werden sollte?

Wie sollten die „Siegermächte“ das nun angerichtete totale Desaster vor ihren Völkern rechtfertigen?

Es gab nur einen Ausweg. Man musste die besiegte Macht vollständig moralisch dämonisieren, um das stattgefundene Morden irgendwie zu begründen. In Versailles wurde den Deutschen ein Diktat zugemutet, wie es in der Geschichte bis dahin noch nicht vorgekommen war. „Deutschland verzichtet“ war das bestimmende Schlagwort, durch das für absehbare Zeit vor allem eines ganz und gar unmöglich gemacht wurde: Der Frieden.

Das größte Volk, die stärkste Macht des Kontinents wurden ausgeplündert, gedemütigt, entmilitarisiert und dadurch schutzlos gemacht, durch die Reparationen ruiniert und kollektiv als Verbrecher diffamiert. Es wurde die Geschichte umgedeutet und entgegen von Vernunft und Wahrheit der Kriegsschuldartikel 231 in die Welt gesetzt. Ausgerechnet die Moral wurde zur parteiisch eingesetzten Waffe erniedrigt, um den Gegner dauerhaft niederzuhalten. Das hat die Kultur des Umgangs der Staaten miteinander fast vollständig vergiftet.

Wir wollen nur kurz daran erinnern, dass der Krieg im Jahr 1914 nicht als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele geächtet, also nicht unmoralisch war. Jeder souveräne Staat hatte das Recht auf den Krieg. Er musste dann aber auch natürlich das Risiko in Kauf nehmen, diesen unter Umständen zu verlieren. Aber gerade dann konnte er sich bis 1918 immer darauf verlassen, dass nach dem Ende des Krieges Sieger und Besiegte den Frieden aushandelten. So geschah es 1815 in Wien, 1871 in Frankfurt, 1898 im Vertrag von Paris zur Beendigung des Spanisch-Amerikanischen Krieges, und Woodrow Wilson wäre natürlich niemals auf die Idee gekommen, die nun nur 20 Jahre zurückliegende Annexion Puerto Ricos als Unrecht an Spanien zu deklarieren, 1902 in Vereeniging, zur Beendigung des Burenkrieges, wo Großbritannien übrigens gezeigt hatte, wie sehr ihm die Bedeutung von Großmut und Entgegenkommen als Grundlagen dauerhaften Friedens bewusst war, und 1905 im Vertrag zu Portsmouth unter amerikanischer Vermittlung, zur Beendigung des Russisch-Japanischen Krieges. Erst in Versailles wich man davon radikal ab.

Die Sieger hatten nämlich militärisch keines ihrer Ziele erreicht. Deutschland blieb die größte Nation Europas. Seine Schwächung, selbst nach den gewaltigen Anstrengungen der vier Kriegsjahre, würde unter normalen Bedingungen nur kurzzeitig sein und dann würde sich eine zugespitzte Situation ergeben, denn die Westmächte waren alles andere als gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen.

Der Weltkrieg hatte nach ihrem Verständnis kein Problem gelöst und sollte darum mit anderen Mitteln fortgesetzt werden. Die Macht Deutschlands sollte durch Rüstungsbeschränkung, durch wirtschaftliche Ausplünderung ungekannten Ausmaßes und durch Gebietsabtretungen dauerhaft niedergehalten werden. Eine wahnwitzige Idee, die nur durch die Verzweiflung über den völlig sinnlosen Tod von Millionen Menschen erklärt, aber auch dann nicht gerechtfertigt werden kann. Am verhängnisvollsten war der totale Bruch mit allen bisherigen völkerrechtlichen Gepflogenheiten und Grundsätzen.

Die Deutschen sollten neben dem vielfältigen Elend, das sich in der Folge von Krieg und Revolution ergab, das alles ertragen und zusätzlich in einer neuen staatlichen Ordnung leben, die mit allen ihren ein Jahrtausend alten Traditionen brach, permanent instabil und korrumpiert war und durch die Drangsalierungen der Sieger keinen einzigen wirklichen Erfolg aufweisen konnte. Die Inflation ruinierte alle Ersparnisse der Menschen und die zunehmende Polarisierung der Parteien demolierte jedes Vertrauen in die staatliche Verfassung.

Was sollte aus dieser Konstellation folgen?

Auf der anderen Seite standen Siegermächte, die ihre eigenen Ressourcen so sehr geschwächt hatten, dass sie kaum mehr die Kraft fanden, ihre Weltreiche, die infolge der Aufteilung des Osmanischen Reiches sogar noch größer geworden waren, wirksam zu kontrollieren, und die das Reich in der Mitte Europas, dessen Vorherrschaft sie angeblich verhindern wollten, nun erstmals tatsächlich fürchten mussten, denn es war vollkommen klar und im Deutschen Reich politischer Konsens von ganz links bis ganz rechts, dass man das Versailler Diktat revidieren müsse. Die Weimarer Republik war dadurch in keinem Augenblick ein saturierter Staat, wie es das Kaiserreich sehr wohl gewesen ist.

War das erfolgreiche Politik?

Es wird hier noch gar nicht geredet von den katastrophalen Folgen der bolschewistischen Revolution mit bereits in den 20er und 30er Jahren Millionen von Toten und einer bis in die Fundamente hinein zerstörten, zuvor weitgehend christlichen Kultur.

Einer einzigen Spekulation soll hier kurz Raum gegeben werden. Vielleicht gab es in der Folge der Locarno-Verträge von 1925 die Chance, Europa in der Erkenntnis zu einen, dass der Bolschewismus in Russland eine tödliche Gefahr für alle ist. Es wäre das Bündnis von Demokratien gegen den totalitären Staat gewesen. Es hätte den Weg in die Diktatur vielleicht vermieden, wenn Deutschland, Frankreich und Großbritannien nun die Bannung des Bolschewismus herbeigeführt hätten, so wie Russland, Preußen und Großbritannien 1814/15 Napoleon schlugen oder 1686 vor Wien die Türken gemeinsam besiegt wurden. Es wäre eine Rückkehr zum Gemeinschaft stiftenden Geist Europas möglich gewesen. So wehten denn durch jene Monate neblige Gedanken vom Vereinten Europa. Sie setzten sich aber nicht durch. Noch immer war für Großbritannien und Frankreich Deutschland die überragende Gefahr, selbst in Zeiten der Demokratie und der Fesselung durch die Bestimmungen von Versailles. Die Furcht vor der beherrschenden Macht in der Mitte des Kontinents war inzwischen paranoid und die Bekämpfung Deutschlands zum Selbstzweck geworden. Zynisch könnte man sagen, dass die Westmächte es dankbar verfolgten, wie mit dem Preußenschlag 1932 die Demokratie im Deutschen Reich Schritt für Schritt abgeräumt wurde, und ein Staat in Erscheinung trat, gegen den man ungezügelte Feindschaft aufbieten konnte.

Der Kampf gegen die überstaatliche und übernationale Ordnung und damit gegen das Wesen Europas trat in sein letztes Kapitel.

Implosion

Die Folge derartiger Ausweglosigkeiten ist dann immer die Radikalisierung, und genau die trat nun auch ein.

Welche realen Optionen gab es, nach der Machtergreifung Hitlers und dem zunächst langsamen und dann immer schneller werdenden machtpolitischen Wiederaufstieg Deutschlands? Die Ziele Hitlers waren ganz ohne Zweifel von Anfang an die völlige Revision von Versailles und der Sieg über den Bolschewismus. Hätte man ihn aber diesen Kampf siegreich führen lassen, dann hätte das seine tatsächliche und völlige Vorherrschaft in Europa bedeutet. Das also, was man dem Kaiserreich immer nur angedichtet hat, wäre durch den Diktator real erreicht worden. Ein Gipfel perverser Logik, dem man nun gegenüberstand.

Dennoch gab es starke Kräfte in Großbritannien und auch in Frankreich, die sogar bereit waren, diese Entwicklung zuzulassen, so groß waren Erschöpfung und Kriegsunwilligkeit noch immer nach dem letzten ruinösen Ringen. Durchgesetzt haben sie sich nicht. Nachdem das Wesen und die innere Struktur Europas in ihrer Balance aus Universalismus und Partikularismus im I. Weltkrieg vollständig zerstört worden war, trat nun die Frage nach der totalen Beherrschung Europas, die man im ausgehenden 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert als politische Fiktion ständig beschworen hatte, als reale Bedrohung hervor.

Die Westmächte hatten nicht mehr das Potential, die absurde Ordnung von Versailles zu verteidigen. Kaum reichten die wirtschaftlichen und militärischen Kräfte, um die eigenen Weltreiche zum Schein aufrecht zu erhalten. Die Befreiungsbewegungen in aller Welt hatten sehr genau begriffen, was mit den Ergebnissen des I. Weltkrieges eingetreten war – nämlich der Bankerott des Führungsanspruchs, nicht der einen oder der anderen Macht, sondern ganz Europas. Die Europäisierung der Welt als Zivilisationsprojekt war nämlich immer ein gemeinsames Unternehmen der Mächte.

Die Option der Westmächte war es daher nur noch, Deutschland daran zu verhindern, den Kampf gegen den Bolschewismus erfolgreich zu führen. Dadurch zwang man das III. Reich zunächst in den Krieg nach Westen und scheute später auch nicht das Bündnis mit dem bolschewistischen Russland. Die Folgen sind bekannt.

Wenn es also das Ziel war, eine hegemoniale Stellung des totalitären Deutschlands zu verhindern, dann hatte man das um den Preis der Zerstörung Europas vielleicht erreicht. Gleichzeitig hatte man die Hegemonie Amerikas und des kommunistischen Russlands für ein knappes halbes Jahrhundert herbeigeführt und die eigene Weltgeltung vollständig verspielt.

War das erfolgreiche Politik?

War das sinnvoll oder auch nur zu rechtfertigen angesichts der Tatsache, dass sich nun die Stellung Deutschlands, nur 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und trotz der territorialen Reduzierung, wiederherstellt, und das auch wieder nur, weil die Deutschen in der Mitte Europas das zahlenmäßig größte Volk und durch ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ein entscheidender Faktor sind?

Fast könnte man sagen, wir stehen in einem Zeitalter nach zwei sinnlosen Kriegen, in denen man versuchte, die Wirklichkeit zu überlisten. Es waren sämtliche Grundlagen einer wirksamen übernationalen Ordnung, auf die Europa doch so dringend angewiesen war, zerstört. Der christliche Glaube als bestimmende geistige Identität und die großen Reiche als zwischen den Nationen vermittelnde und sie verbindende Größen sind verschwunden. Das, was für eine Weile als europäischer Einigungsprozess zustande gebracht worden war, konnte kaum mehr sein als ein sichtbares Ergebnis der allgemeinen politischen Erschöpfung, durch den die sich schleichend fortsetzende Selbstzerstörung noch wenige Jahrzehnte kaschiert werden konnte. Es hat aber keine Zukunft.

Das Europa, an das anzuknüpfen wäre, wird ja als Bedrohung angesehen. Das Europa aber, das man als eine politische Union errichten will, soll die Überwindung dessen werden, was Europa einmal war. Auch das ist wieder dieser für das Zeitalter so typische Kampf gegen die Wirklichkeit. Am Ende im Grunde wieder ein Versuch, die Menschen umzuerziehen und sie ganz zum Guten zu bekehren, ohne dass überhaupt noch erklärt wird, worin „das Gute“ denn nun noch bestünde, weil man es gar nicht könnte. Die Feindschaft zur Wirklichkeit bedeutet eben nicht nur Leugnung der historischen Empirie, sondern lebt vor allem von der Auflösung dessen, was in Tradition, Gesittung, Glauben noch überliefert ist und Halt für die Existenz gab. Aus dem planierten Trümmerfeld soll dann etwas Großartiges erwachsen. Die letzte Illusion. Es bleibt aber nur Leere.

Thomas Roloff

Heilig-Blut-Kathedrale, Jekaterinburg

Samstag, 12. März 2016

Philosophen-Gezänk, unterhaltsam

Es bleibt mir naturgemäß verschlossen, eine Idee davon zu haben, warum Herr Sloterdijk kürzlich begann, nicht nur in seinem eigentümlichen Sound das zu sagen, wovon alle anderen ebenfalls sprechen; mit „alle meinen“ verweise ich nur auf das gegenwärtig vorherrschende Grundrauschen. Das ist zu simpel, ich weiß.

Aber ich bin für solche Beiträge einfach zu ungebildet. Darum darf man das nachfolgende mit meiner Erlaubnis gern weglächeln, und vor allem nicht lesen. Eigentlich will ich nach einigem Hin- und Her-Sträuben nur an einem Vergnügen teilhaben lassen.

In einem sehr hölzernen Beitrag (ich kann das nicht, ich weiß) belobhudelte ich kürzlich besagten Philosophen unter dem Schlagwort - „Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“. Ich hätte mir denken müssen, daß in seinem anverwandten Milieu der Meinungswirtschaft sich darüber ein Aufschrei erheben würde. Völlig an mir vorbeigegangen. Ich kenne diese Gegenden auch nicht wirklich.

Darauf hat er geantwortet (in der „Zeit“ vom 3. März), sehr unterhaltsam, also nicht im platten Sinne. Und ich werde jetzt ein wenig versuchen, dem gerecht zu werden. Es fand statt unter der Überschrift „Primitive Reflexe  - in der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdiger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass“.

Eigentlich ist damit alles gesagt. Aber darum soll es gar nicht gehen, er hat es halt nur so schön gesagt, daß ich darauf schlußendlich zurückkommen mußte, und dabei ist mir Sektenzugehörigkeit etc. etc. pp. im Grunde herzhaft egal.

Wir werden dem Text jetzt ein wenig zu folgen versuchen.

Eingangs referiert er das Bedauern in den „Sozialwissenschaften“, keine kontrollierten Experimente durchführen zu können. Oh doch, das hat man in diesem verflossenen Jahrhundert wahrlich versucht, wenngleich nur an der Oberfläche kontrolliert, das ist wohl so.

Zurück: Er referiert über die Was-wäre-wenn-Geschichten und das finale „Einknicken vor der Faktizität“. Ich füge schlicht an, weil es geschehen sei, müsse es Notwendigkeit gehabt haben, oder wenigstens eine Art von Sinn, die Diktatur der Faktizität über den Geist folglich. Aber hier haben wir auch schon den ersten schönen Satz. Aus besagtem Mangel müßten sich „die Interessierten nach anderen Ansätzen umsehen, wie man das offene Spiel des Werden-Könnenden auf dem Weg zur Gerinnung ins Faktische sichtbar macht“. Krisen hülfen dabei, dann lebten sie auf (wovon eigentlich?). Ein Gefühl von Deutungskompetenz mag sich einstellen.

„Man’s calamity is God’s opportunity“ zitiert er sodann, offenkundig ein beliebter frommer Spruch im englischen Sprachraum, der diversen Bibelstellen zugeordnet wird, und den er hier ins Soziologische wendet, wofür auch immer. Wo der gute Wille zur Theorie aufkomme, erkenne man ihn am methodischen Amoralismus, der fordere, vitale Interessen und lokale Befangenheiten für die Dauer der Untersuchung einzuklammern...

Sodann konstatiert er einen einen unbestreitbaren Temperaturanstieg im nationalen Debattenklima, das sich in die manische Richtung verschöbe, und vor allem den Pawlowschen Reflex als dessen Grundmovens. Wende man sich mit diesen Hinweisen der „Debattenkultur“ in diesem Land zu, so begreife man unmittelbar „das Drama des Kulturverlusts“, das sich sowohl in den ansprucherhebenden als auch den niederen abrolle. „Nimmt man zur Kenntnis, dass Kultur von bedingten Reflexen getragen wird und dass Zurückhaltung der Basishabitus von höherer Kultur in genere darstellt, so liegt auf der Hand, wie sehr die Aufheizung des Debattenklimas in unserem Land auf eine Tendenz zur Entkulturalisierung hindeutet“.

Man könne dies auch als einen Einbruch von schlechter Spontaneität beschreiben. Schlecht sei Spontanes dann, wenn es die Brutalisierung des verbalen und physischen Verkehrs unterstütze. Bei manchen semantischen Stimuli wie „Grenze“, „Zuwanderung“ oder „Integration“ sei die Futtererwartung des erfolgreich dressierten Kulturteilnehmers so fest fixiert, daß der Saft sofort einschieße.

So brächen sich vorkulturelle Reflexe Bahn und äußerten sich in primärer Beißwut, in Abweichungshaß und Denunziationsbereitschaft. Wo Hemmungen herrschten, könnten Enthemmungen nicht weit sein. Das bewundernswerte Hemmungssystem „Hochkultur“ überlebe aber nur, wenn es Einbrüche aus dem Barbarischen, aus der Sphäre der Primär-Reflexe früh genug in Schach halte, und sei es ein erworbenes Primitives.

Wir springen jetzt etwas. Er appelliert an das „Lesen in Zwischenräumen“ und erinnert daran, daß gerade die Nuance nicht selten den Unterschied zwischen Gut und Böse ausmache. Man denkt, wo die Turnierbahn so abgesteckt ist, jetzt muß es doch losgehen. Das tut es. Er erwähnt das absichtsvolle schlechte Lesen, den Nuancenmord. Es seien naturgemäß politisierte oder politologisierende Intellektuelle, die bei diesem Vergehen die Täterstatistik überpropotional bevölkerten. „Sie fallen dadurch auf, dass sie Ideen umzingeln wie Frauen in Silvesternächten.“

Er referiert sodann kurz die „Debatte“ zum von mir besprochenen Beitrag im Cicero. Im Tagesspiegel habe ein Übererregter über Stahlhelme schwadroniert. Verteidigt dann seinen Mitverdächtigten Safranski gegen politische Krankheitsgewinnler: Mit seinem ganzen Werk habe der sich um die Versöhnung einer geschichtskranken Kultur mit ihren besseren Potentialen bemüht.
 
„Ein kurzes Wort will ich anfügen zu der Polemik von Herfried Münkler gegen Safranskis und meine Äußerungen über deregulierte Migrationen und übers Ufer getretene Flüchtlings-“Ströme“. Der Fall hat eine aparte Seite, da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist. Münkler jedoch hat sich als Autor von Statur erwiesen. Umso erstaunlicher bleibt seine Fehllektüre-Leistung, die er in einem Artikel dieser Zeitung vor wenigen Wochen zum Besten gegeben hat.“

Der kleine Kläffer ist die Hofreiterin der Meinungswirtschaft und fühlte sich vom Beitrag des Herrn Sloterdijk an Rudolf Höß, den Kommandanten von Auschwitz erinnert. Derart Armseliges sollte man in der Tat nicht auch noch durch Namensnennung honorieren.

Aber jetzt gelangen wir endlich zum Finale. Zunächst beschreibt er seine eigene Haltung als die einer linkskonservativen Sorge um den gefährdeten sozialen Zusammenhalt. Für die Nuancen-Zerstörer würde daraus eben nationalkonservativ oder gar neu-rechts (so ist das halt in Kriegszeiten, möchte man anfügen, da werden die Bataillone gezählt, der Verstand ausgeknipst, so je nennenswert vorhanden, und wer am lautesten schreit, hat regelmäßig am meisten recht).

Da er aber unter Intellektuellen nie an "Missverständnisse" glaube, sondern durchweg von intentionalen Falschlektüren ausgehe, hielte er es für sinnvoll, den Motiven von evidenten Fehldeutungen nachzugehen. Für den Augenblick beschränke er sich auf den Fall Münkler.

„Tatsächlich entwickelt sich unser Dissens aus gegensätzlichen Beantwortungen der Frage, ob die Merkel-Politik angesichts der Flüchtlingswelle seit dem letzten Sommer mehr ist als eine hilflose Reaktion auf Unerwartbares.“ Safranski und er hätten, unabhängig voneinander, der Volksmeinung recht gegeben, die in breitester Mehrheit dem Eindruck zustimme, es habe sich bei der Merkelschen Willkommens-Propaganda um eine Improvisation in letzter Minute gehandelt, die aus einer Verlegenheit eine überlegte Maßnahme machen wollte.

Eine solche Deutung sei nicht unbedingt ehrenrührig. Politik in der überkomplexen Moderne sei in weitaus höherem Maß improvisatorisch bestimmt, als das Wählervolk, das lieber an eine weit planende Intelligenz von oben glaube, es wahrhaben möchte.

Selbst Otto von Bismarck habe seinerzeit bemerkt, seine als souverän wahrgenommene europäische Gleichgewichtspolitik sei nicht mehr als "ein System von Aushilfen" gewesen. Napoleon Bonaparte bekannte in seinen Memoiren, er sei nie Herr seiner Handlungen gewesen.

„Man wäre schlecht beraten, wollte man von einer in Vagheiten erfahrenen Übergangsfigur wie Frau Merkel mehr erwarten als von jenen profilstarken Heroen. Die Mäßigung der Ansprüche ändert am riskanten Gang der Dinge wenig. Auch die Fehler mittlerer Akteure vermögen auf längere Sicht bösartige Folgen nach sich zu ziehen.“ Daß Politik sich mehr und mehr zum Fatalitätsmanagement wandele, läge in der Natur multifaktorieller Prozesse. Das Spiel mit dem Zufall werde seinerseits immer zufälliger. Die Kunst, den Zufall zu zähmen, erweise sich als schwerer erlernbar denn je.

Und jetzt wird Herr Münkler quasi abgeschossen. Er würde ihm in einigen Jahren gern die Frage stellen, wie er seine erstaunliche Wandlung vom gelehrten Imperium-Versteher zum Kavaliers-Politologen rechtfertige, als welcher er jetzt Frau Merkels unbeirrbar konfusem Handeln ein grand design unterstelle. Offenbar verkenne er mit Absicht, in welchem Ausmaß politische Direktiven heute auf autohypnotischen Mechanismen beruhten. Die Unmöglichkeit, den rechten Weg zu erkennen, würde mehr und mehr mit Selbstsuggestionen kompensiert.

Erstaunlich sei, daß das autohypnotische Regime für Politiker wie für Politologen gelte. Herr Münkler wanze sich gewissermaßen an die Machtverwalter heran und wolle offensichtlich gern als Mitwisser einer an der Spitze des deutschen Staatswesens waltenden strategischen Vernunft hervortreten.

Und hätte er doch nur recht. Seien nach mehreren Jahren der bejahten Überrollung erst einmal fünf Millionen Asylanten im Land, könne man nur noch dafür beten (!), es möge einen Masterplan gegeben haben.

Wären nicht auf der weltpolitischen Bühne seit Jahrzehnten die stolzen Konfliktberater und Strategien-Schmiede regelmäßig die Blamierten gewesen? „Diente 'Strategie' nicht stets als Ausrede für zukunftsblinden Interventionismus, beginnend mit der Destabilisierung unwillkommener Regime, endend mit der Überlassung ruinierter Staaten an Chaos, Terror und nie beendbaren Bürgerkrieg?“ Diese Art von Strategie-Versteherei möge uns doch bitte weiterhin erspart bleiben.

„In der Zwischenzeit, denke ich, sollte Herr Münkler die Gelegenheit nutzen, seine okkasionellen Ungezogenheiten zu überdenken.“ Offenbar stammten seine polemischen Thesen (er wäre erregt genug gewesen, seine und Safranskis Sorgen-Thesen als unbedarftes "Dahergerede" zu bezeichnen) nicht zuletzt aus dem Revierverhalten und dem Streben nach Deutungshoheit. „Sind unsere Sorgen nicht zu real, als dass sie auf die Ebene von Gezänk zwischen Krisen-Interpreten gezogen werden dürften?“ Es könne nicht wahr sein, daß ausgerechnet unter Intellektuellen die unbedingten Reflexe gegenüber den bedingten die Oberhand gewönnen.

„Okkasionelle Ungezogenheiten“! Danach ist jemand eigentlich erledigt. Woran er immer bei diesem Wort gedacht hat, übersetzten wir es doch einfach mit den Anlaß ausnutzende Frechheit, das wäre dann Opportunismus, also der Wunsch, endlich einmal dazuzugehören, plus Mangel an Gesittetheit. Das Wort muß man sich einfach merken.

Montag, 1. Februar 2016

Sloterdijk - Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung

Peter Sloterdijk, hier gefunden

Kriegsflüchtlinge müßten laut Grundgesetz und Genfer Konvention aufgenommen werden. So beginnt das Lügen inzwischen typischerweise. Nein, man darf, aber man muß nicht, das nur nebenbei. Doch, um das noch hinzuzufügen: Wer vom guten Gewissen, vulgo selbstgefälligen Gerechtigkeits-Simulationen lebt, braucht darauf nicht zu achten. Tatsachen stören regelmäßig bei der Wahrheitsauffindung. Oder um jemanden aus einem Lebensabschnitt zu zitieren, dem seine damalige Familie einen Mitschnitt seiner letzten nächtlichen Äußerungen hinhielt: „Ich werde mir das nicht anhören, ich weiß, daß ich das nicht gesagt habe“.

Herr Sloterdijk, der gerade die ziemlich vakante Stellung eines Philosophen in diesem Land einnimmt, hat Menschen erschreckt, Personen, die dachten, er sei doch Fleisch von ihrem Fleisch, aus dem selbigen Stall. Und nun das: „καὶ σὺ τέκνον“ oder „Et tu, Brute?“, wäre wohl angemessen, wenn es der Gegenstand wäre, also eher nicht. Er ist hinübergewandert zur bösen Seite, offensichtlich.

Wie ich darauf komme? An diesem Tag erschrak sich in einer links-bürgerlichen (wir wollen höflich sein) kleinen Berliner Tageszeitung jemand unter der Schlagzeile „Deutsche Denker gegen Angela Merkel“. Inzwischen hat ein Verderber einer noch auflagenstärkeren Tageszeitung nachgelegt, ebenso erschrocken und vor sich hin fabulierend von der „bitteren Wahrheit über den neuen deutschen Hass“.

Mit anderen Worten, die deutsche Mitte drehe gerade durch, aber, das seien immer noch vereinzelte, verbale Entgleisungen, auch Entgrenzungen, die man vor allem vielen derer, die sich jetzt damit hervortun, nicht zugetraut hätte. Die Erklärung:

Die Flüchtlinge hätten es an den Tag gebracht: In dem Volk, das vor etwas mehr als 70 Jahren in zerstörerischer und vernichtender Absicht West- und Osteuropa sowie Russland überfallen habe, sei trotz aller Abwendung vom kriegerischen Geist zumindest ein Rest archaischen, völkischen und selbstmitleidigen Denkens erhalten geblieben.

Jemand fragte zurecht nach dem Erklärungsmuster für die anderen Europäer, die das „deutsche“ Verhalten weit mehrheitlich inzwischen für ziemlich Gaga hielten, aber... (siehe oben).

Ich habe mir inzwischen das Original, sprich den entsprechenden „Cicero“ widerwillig zugelegt (das Netz hilft da nicht viel, die schreiben sowieso nur noch bis in die Wortfolge voneinander ab), hm.

Herr Sloterdijk erzählt einiges, über den Euro, oder den Islam: Der sei geradezu eine Religion des Feldlagers, die permanente Bewegung sei inhärent, und jeder Stillstand müsse als Beginn des Glaubensverfalls beargwöhnt werden. Zudem sei der Islam ein juristisches Konstrukt, das fast ohne Theologie auskomme.

Da fällt mir noch ein anderes Zitat wieder ein, nachdem man einen Anfang in der Hand hatte, der einem das Zurückweichen erklärte, das Unbehagen. Aber darüber werde ich in solchen Zeiten sicher nicht mehr gründlicher nachdenken wollen:

Frage: „Sie schreiben, dass das Ornament in der islamischen Kunst durch seine fortlaufende, gleichmäßige, endlos anmutende Struktur Gottes Unendlichkeit versinnbildliche.“

Kermani antwortet: „Ja, das Ornament füllt nicht die Leere, sondern bringt sie zum Ausdruck und damit die Gestaltlosigkeit Gottes.“ Die Monotonie der Leere also ist das Wesen der islamischen Kunst? Das fügt sich zur Abwesenheit der Theologie, die oben erwähnt wurde, eine Religion des Abwesenheit. Nun, wir wollen all das hinter uns lassen.

Zurück zum Ausgangspunkt unseres kleinen Exkurses: Die Diskussion um die Flüchtlingspolitik werde militanter. Einige von denen, die sich jetzt zu Wort meldeten, hätten schon den Stahlhelm aufgesetzt. Stacheldraht ersetze die Argumentation. Metaphern würden entsichert. Mein Jott.

Die postmodernisierte Gesellschaft, so Sloterdijk dem „Cicero“ u.a., existiere in einem „surrealen Modus von Grenzenvergessenheit“. Sie genieße ihr Dasein in einer Kultur der dünnwandigen Container. An die Stelle starkwandiger Grenzen seien schmale Membranen getreten, die jetzt überlaufen würden. Die deutsche Regierung habe sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben.

Ach, jetzt müssen wir doch einmal aus einem der beiden Schlicht-Artikel zitieren: Eine starkwandige Grenze, könne man ergänzen, habe beispielsweise die DDR besessen. Der Denker wundere sich über die Naivität der Deutschen: „Man glaubt hierzulande immer noch, eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten.“ Genau darauf, auf der Überzeugung, daß Grenzen überwunden werden könnten, basiere die EU. Auch die liberale Marktwirtschaft brauche offene Grenzen. Sonst ließe sich kein Auto mehr zusammenbauen.

Herr, wirf Hirn vom Himmel, möchte man ausrufen. Gibt es noch ein Denken außerhalb von 0 und 1? Also geschlossene Grenzen versus offene Grenzen? Vollständig offene Grenzen sind keine mehr, durchlässige, aber beherrschte schon. Eine Zelle ohne intakte Grenzen steht direkt vor dem Zelltod, ist das so schwer zu verstehen? Außerdem galt das Versprechen für die weitgehende Offenhaltung der Grenzen nur für den europäischen Raum (grob gesprochen), was ja auch wunderbar funktioniert hat.

Wären wir auch in der Stimmung, selbstgerecht zu sein, so müßten wir sagen, das Linke lebt doch geradezu von der Verstörtheit der Gefühle und der Betäubung der Vernunft, setzt Selbstgerechtigkeit für Gewissen etc. etc. Aber wozu das? Die Wirklichkeit fängt gerade an, wirklich verstörend zu werden. Welchen der offenen Fäden nehmen wir also auf?

Die Verhältnisse fangen wieder an zu tanzen (das klingt so abgeschmackt, wie es tatsächlich ist). Muß man das mögen, nein, man muß gar nichts. Und es wird nicht angenehm sein. Einige der verbliebenen deutschen Stardenker wechseln also gerade die Seiten. Schon im Dezember habe Rüdiger Safranski der „Kanzlerin“ (also Frau M.) eine Staatsrechtslektion erteilt: Zu einem souveränen Staat gehöre, dass er seine Grenzen kontrolliere. Wenn eine Staatschefin wie Angela Merkel sage: „Wir können die Grenzen nicht mehr kontrollieren“, reihe man sich ein unter die zerfallenden Staaten, wie jene in Afrika.“

Das sagen so oder ähnlich inzwischen viele. Es dürfte selten so eine Nichtübereinstimmung zwischen der öffentlich vorgetragenen Moral und der persönlich wahrgenommenen geben in diesem Beritt wie vielleicht seit 1988 nicht mehr. Anderen wird es anders gehen, aber für mich ist das längst zu einem absurden Theater geworden (die Metapher ist unzureichend), wo man an seinem Wirklichkeitssinn irre zu werden beginnt. Ich agitiere folglich nicht, ich beobachte.

Aber mit diesen 2 wirklich originellen Zitaten muß ich einfach enden: Das Wort „Lügenpresse“ setze mehr Harmlosigkeit voraus, als es in diesem Metier gäbe. „Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr“. Die angestellten Meinungsäußerer würden für das Sich-Gehen-Lassen bezahlt und nähmen den Job an.

Und: „Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.“

nachgetragen am 6. Februar

Montag, 25. Januar 2016

Politische Leseempfehlung

Unter „Sich vollendender 23. Januar 2016“ notiert Herr Klonovsky „Von ihrem Amt sowie ihrer Geschlechtslosigkeit abgesehen, schienen lange Zeit kaum Ähnlichkeiten oder gar Verbindungen zwischen A. Hitler und A. Merkel zu bestehen.“ Mittlerweile dämmere es vielen, daß es eine womöglich fundamentale, ins Metaphysische reichende Allianz zwischen den beiden geben könnte, sozusagen spiegelbildlich.

Das ist sehr, nein erheiternd trifft es nicht mehr wirklich, aber doch anregend zu lesen. Alles Unvergleichbare abgezogen bliebe doch folgendes übrig: Der eine habe das von ihm beherrschte juvenile Volk in Marsch gesetzt, die halbe Welt zu überrennen, die andere rufe die halbe Welt herbei, das von ihr regierte greise Volk zu überrennen; der eine habe keine fremden Grenzen akzeptiert, die andere akzeptiere keine eigenen Grenzen; der eine habe es auf monströse Weise böse gemeint mit den Fremden, die andere meine es auf monströse Weise gut mit den Fremden; der eine habe übermenschliche Leistungen beim Unterjochen fremder Völkerschaften abverlangt, die andere verlange ihrem Volk übermenschliche Leistungen beim Bewillkommnen fremder Völkerschaften ab; der eine habe Deutschland ruiniert durch eine außer Rand und Band geratene Inhumanität, die andere sei dabei, Deutschland durch eine außer Rand und Band geratende Humanität zu ruinieren.

Frau M. sozusagen als späte Vollstreckerin des Nero-Befehls. Darauf muß man erst mal kommen.

Soweit Herr Klonovsky. Das mag man alles hier zu Ende lesen. Ich schreib es auch nur nächtens, weil mir kürzlich auffiel, daß mein kleiner politischer Beitrag hier überraschend reichlich Leser fand. Zu derlei muß ich mich aber tatsächlich förmlich nötigen, ich mag es einfach nicht, außerdem ist Herr K. viel unterhaltsamer.

Nachtrag

Der Psychologe Hans-Joachim Maaz, der mitunter auch schon mal großen Unsinn erzählt, aber wenigstens nicht ganz unbekannt ist, schreibt übrigens folgenden netten Satz: "Dass etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung nach deutschem Asylrecht auch asylberechtigt wären, führt den Streit um eine Obergrenze ad absurdum." Ja, man mag den Rest hier nachlesen.

Samstag, 3. Oktober 2015

Zum 3. Oktober


Wir wollten an diesem merkwürdigen Tag milde beginnen. Daher eingangs und nachfolgend ein Bild von dem, was es heute mittags gab, ich kann nicht gerade erklären, daß ich ein Fan Thüringer Rostbratwürste bin. Aber es sollte ein recht deutsches Essen werden. Und da muß man halt einiges auch einfach hinnehmen. Das Sauerkraut hingegen mag ich zwar, vertrage es aber selten (diesmal mit Äpfeln, Piment, Pfefferkörnern, Nelken, Lorbeerblatt sowie mit dem Bratenfond der in Butterschmalz gebratenen Würste). Wir wechseln über zum anderen Teil.


Vor 2 Jahren schrieb ich einen eher geharnischten Beitrag zur Völkerschlacht bei Leipzig. Warum ich darauf wieder stieß, will ich gleich erklären. Aber die Zitate, die mich da wohl motivierten, waren zu eindrücklich:

Wie ein Raubvogel blicke der steinerne Erzengel Michael, Schutzpatron der Deutschen, den Besuchern des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig entgegen. Dumpf und düster beherrsche das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal den Leipziger Südosten. Ein Monument der Nekrophilie und des Verfolgungswahns der Deutschen, die „stets zu Schutz und Trutze“ gegen irgendeinen Feind brüderlich zusammenhalten müßten. Anschließend erging man sich in Sprengphantasien, nun darin hat dieser Menschenschlag ja nicht nur gedankliche Übung.

Ich brauchte einen kleinen Kontrast für die ehernen Worte des Herrn Roloff, die gleich folgen werden, so wird manches vielleicht auch nachvollziehbarer. Zum Tag selbst mag ich eigentlich nichts weiter anmerken, nicht, daß mir nicht vieles durch den Kopf ging. Nur dies noch: Anfang der Woche bin ich daran gescheitert, etwas über den Erzengel Michael zu schreiben, wie mir das früher bisweilen gelungen ist, er ist schon recht ledern (so kam ich auf den alten Beitrag).

Und dann, ich darf das so sagen, die nachfolgende Predigt des Herrn Roloff aus Anlaß dieses Tages ist im Grunde eine Meditation über die Weihnachtsansprache , die der Hl. Vater Benedikt am 21. Dezember 2012, offenkundig im Bewußtsein seines bevorstehenden Rückzugs, hielt.

Erzengel Michael am Völkerschlachtdenkmal


Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit 2015 in Schönhausen


Der Geist des Herrn ist über mir, darum daß mich der Herr gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, daß ihnen geöffnet werde, zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsers Gottes, zu trösten alle Traurigen, zu schaffen den Traurigen zu Zion, daß ihnen Schmuck für Asche und Freudenöl für Traurigkeit und schöne Kleider für einen betrübten Geist gegeben werden, daß sie genannt werden die Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzen des Herrn zum Preise.

Sie werden die alten Wüstungen bauen, und was vorzeiten zerstört ist, aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte, so für und für zerstört gelegen sind, erneuen.
Jes. 61, 1-4

Da aber die Pharisäer hörten, wie er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich. Und einer unter ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und sprach:
Meister, welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz?
Jesus aber sprach zu ihm: "Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte."
Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist ihm gleich; Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Matth. 22, 34-40

Friede sei mit Euch!

Liebe Gemeinde,

„Das Bewusstsein seiner Einheit war dem deutschen Volke, wenn auch verhüllt, doch stets lebendig.“

Das ist kein Zitat aus dem 20. Jahrhundert, es stammt vielmehr bereits aus dem 19. Jahrhundert. Kaiser Wilhelm I. hat es gesagt und macht uns damit auf die Tatsache aufmerksam, dass die Frage nach der nationalen Einheit in beiden Jahrhunderten gestellt war und durch unser Volk beantwortet werden musste.

Wir sollten darum auch diesen Tag in einem größeren Zusammenhang als dem unserer jüngsten Geschichte begehen. Darum ist es vielleicht so sinnfällig, dass die 25 Jahre Deutscher Einheit mit dem 200. Geburtstag des Fürsten zusammenfallen.

Als Christen sind wir es gewohnt, auf geschichtliche Zusammenhänge so zurückzublicken, dass sie uns immer auch etwas für die Gegenwart sagen. Das Kirchenjahr ist durchzogen von Festen und Gedenktagen, in denen sich die Herrschaft Gottes über die Geschichte ausdrückt. Gott ist der Herr über die ganze Geschichte der Menschen.

Darum ist es von größtem Interesse, was aus christlichem Verständnis zur staatlichen Ordnung und zu den inneren Beziehungen eines Landes beigetragen werden kann und muss.

Damit wir diesem Gedanken nachgehen können, habe ich den Matthäustext ausgesucht, den wir als Evangelium gehört haben. Es geht dort um die Frage nach dem höchsten Gebot. Es versteht sich von selbst, dass diesem höchsten Gebot schlicht alles und alle unterworfen sind, sonst wäre es nicht das höchste Gebot.

Christus, genau nach diesem höchsten Gebot gefragt, gibt die uns als Christen noch immer sehr vertraute Antwort:

"Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten."

Dieses Doppelgebot der Liebe ist die christliche Antwort auch auf die Frage nach den Ordnungen in der Welt. Es beschreibt, wie sich die Beziehung des Menschen zu Gott gestalten soll.

Wir sollen Gott lieben bedeutet, wir dürfen uns zu ihm in Beziehung setzen und werden gerade darin gewahr, wer wir sind. Wir sind Geschöpfe seiner Liebe. Unsere Liebe ist die Antwort auf sein Tun. Alles was wir tun, soll nun zur Antwort auf seine Liebe werden.

In diesem Gebot ist die Rede von einer grundlegenden, unser Menschsein stiftenden Beziehung, nämlich der zwischen Mensch und Gott. Diese Beziehung ist grundlegend und darum auch lebenslang. Das ist unserer Antwort auf die heute durchaus bereits vorherrschende Meinung, als gäbe es keine lebenslangen Beziehungen mehr. Man hat den Menschen eingeredet, Bindung für ein Leben lang sei ein Gegensatz zur Freiheit, und Freiheit ist doch der entscheidende Leitbegriff unserer Zeit.

Die Absage aber an eine lebenslange Bindung bedeutet, dass der Mensch für sich bleibt und nur noch Beziehungen eingeht, die er jederzeit wieder beenden kann. Wir begegnen hier einem ganz und gar falschen Verständnis der Freiheit. Wir Christen bekennen, erst in der Liebe zu Gott, in der unlöslichen Beziehung zu ihm, finden wir unser Menschsein und unsere Freiheit.

Nun leben wir als Menschen aber natürlich nicht nur allein mit Gott, sondern immer auch miteinander.

Darum bleibt selbst das Gebot zur Gottesliebe unvollständig, wenn es nicht in dem Gebot zur Nächstenliebe seine Vervollständigung fände. Wo immer Menschen miteinander leben, da ist ihnen die Fürsorge umeinander gleichsam zur Pflicht gemacht. Wir sind füreinander verantwortlich, und dieser Verantwortung werden wir nur gerecht, wenn wir den Mut haben, uns zueinander in Beziehung zu setzen, und uns zu lieben.

Auch diese Liebe verlangt von uns den Mut zur Lebenslänglichkeit, denn nur dann verharren wir nicht in unserem Ich, sondern wir überschreiten es. „Nur im Geben seiner Selbst kommt der Mensch zu sich selbst“, so hat es Benedikt XVI. formuliert.

Liebe Gemeinde,

täuschen wir uns nicht. Ein Gebot ist nicht ein gut gemeinter Ratschlag, den man befolgen kann oder auch nicht. Mit den Geboten treten wir Christen nicht in einen lauen Diskurs, sondern wir beugen uns dem unwiderstehlichen Imperativ Gottes.

Darum haben wir bekannt: Jesus Christus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, und wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten anerkennen.

Wir verwerfen die falsche Lehre. Wir treten in Zeiten hinein, wo genau das unsere Aufgabe ist.

Wenn es nun also um unsere staatlichen Ordnungen geht und um die Gestaltung unseres Zusammenlebens, dann sind wir berufen, diesen unseren Glauben beispielgebend vorzuleben, und seine Stellung in unserem Gemeinwesen zu verteidigen.

Für uns ist die Verantwortung vor Gott, mit der das Grundgesetz sich eröffnet, keine Floskel, sondern eine Konstituante dieses Staates. Für uns gründet der Schutz von Ehe und Familie in der Tatsache, dass der Mensch eine von seiner Leibhaftigkeit vorgegebene Natur hat, die für sein Wesen kennzeichnend ist. Die Dualität des Menschen als Mann und Frau, von der wir im Schöpfungsbericht hören, ist etwas, das wir annehmen müssen, und nicht etwas, über das wir selbst entscheiden könnten.

Werden wir in diesen Zusammenhängen wirklich noch gehört? Spricht die Kirche, die protestantische Kirche, hier noch mit vernehmbarer und klarer Stimme?

Darf man diese Frage so überhaupt stellen? Kern von Luthers Reformation ist doch das Priestertum aller Gläubigen. Wir haben also gar nicht die Berechtigung, auf andere zu warten. Der Protestant steht allein und unmittelbar vor seinem Gott. Luther hat den Gläubigen die Bibel in die Hand gegeben, damit sie auch gelesen wird. Das was wir dort lesen, können und müssen wir in das Gemeinwesen tragen. Es wird nicht durch andere getan. Die Reformation hat den Menschen zur Verantwortung befreit. Vielleicht ist das sogar der eigentliche Kern der Reformation und das größte Verdienst Martin Luthers.

Bismarck wiederum hat schon bei der Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 das allgemeine Männerwahlrecht zum Reichstag eingeführt – das weitest gehende Wahlrecht jener Zeit. Er hat dadurch einen gewaltigen Schritt gewagt, um aus Untertanen Bürger zu machen. Das Entscheidende wiederum am Bürgersein ist die Übernahme von Mitverantwortung. Wahlen räumen eben nicht nur ein Recht ein, sie nehmen den Bürger auch in die Pflicht für seine Entscheidung, die doch auch immer eine Entscheidung zum gemeinsamen Wohl oder zur „allgemeinen Wohlfahrt“ ist, wie es in der Bismarck-Verfassung noch hieß.

Durch sie war tatsächlich viel von dem Wirklichkeit geworden, was Bismarck schon in jungen Jahren als Bekenntnis im Landtag vortrug: „Erkennt man die religiösen Grundlagen des Staates überhaupt an, so glaube ich, kann diese Grundlage bei uns nur das Christentum sein. Entziehen wir diese Grundlage dem Staate, so behalten wir als Staat nichts als ein zufälliges Aggregat von Rechten, eine Art Bollwerk gegen den Krieg aller gegen alle, … Seine Gesetzgebung wird sich dann nicht mehr aus dem Urquell der ewigen Wahrheit regenerieren, sondern aus den vagen und wandelbaren Begriffen von Humanität, wie sie sich gerade in den Köpfen derjenigen, welche an der Spitze stehen, gestalten.“

Liebe Gemeinde,

täuschen wir uns nicht, genau in diesem Prozess sind wir inzwischen weit fortgeschritten. Es lohnt sich vielleicht gerade darum, an Luther und Bismarck zu erinnern, denn noch immer ist unser Gott eine feste Burg, auch wenn es mit der Gottesfurcht in diesem Lande nicht weit her zu sein scheint.

Darum noch einmal die Warnung vor dem vergifteten Freiheitsbegriff unserer Zeit, der suggeriert, der Mensch könne alles und auch sich selbst machen. Darin wird der Schöpfer geleugnet und in der Folge der Mensch als Geschöpf Gottes, als sein Ebenbild auch. So aber wird der Mensch eben nicht befreit, sondern er wird im Eigentlichen seines Seins vollständig entwürdigt und damit in seinem Wesen vernichtet.

Es geht in diesem inzwischen entfesselten Kampf um den Menschen selbst.

Nun ist ganz und gar sichtbar, dass dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst. Ohne die unbedingte Liebe zu Gott gibt es auch keine Nächstenliebe, keine Mitmenschlichkeit und keine gültige Bindung, die uns einen Ort in der Schöpfung einräumen könnte. Darum: Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen.

Amen

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen.
Thomas Roloff

Freitag, 3. Oktober 2014

Zum 3. Oktober


Eine Vorbemerkung

Herr Roloff hat an unserem gegenwärtigen Nationalfeiertag (den ich irgendwie geräuschlos habe an mir vorbeirauschen lassen) in seinem Schönhausen (Elbe) erneut traditionellerweise einen Gottesdienst gehalten. Was er dabei gesagt hat, soll im im Anschluß folgen. Daß dies mit einigen Tagen Verspätung geschieht, tut mir aufrichtig leid.

Die Verzögerung entstand (zunächst) aus meinem Bedürfnis nach einigen kontrovers einleitenden Worten, was selten genug vorkommt, und nein, nicht wegen der Bemerkung zu Rußland, sondern wegen des erwähnten Papstes.

Innozenz III. Eifer für die Reinheit des Glaubens will ich wahrlich nicht geringschätzen. Daß er dabei im Kreuzzug gegen die Katharer mit dem Irrglauben zugleich auch noch einiges mehr zerstört hat (wie die Kultur der Provence und einen großen Teil ihrer Bevölkerung), oder daß er die Eroberung Konstantinopels beim IV. Kreuzzug zur (vergeblichen) Unterwerfung der morgenländischen Kirche zu nutzen suchte, oder gar solche Kleinigkeiten wie, daß dieser Papst jedem, der die Magna Carta befolgte, die Exkommunikation androhte, nein, all dies und mehr macht nicht den Hauptteil des Grolls aus, den ich gegen seine Gestalt hege.

Oder sagen wir es besser: Der Mann hatte auch in meinen Augen große Verdienste, er war von entschiedener Wirkmächtigkeit, aber zugleich war sein Handeln so weitgespannt, daß ich doch sehr in Verlegenheit bin, ihn einen großen Papst nennen zu können.

Und er stellt einen ersten Höhepunkt dar in der Ausbildung des Papstamtes, die ich für verhängnisvoll halte, auch für das Amt selbst. Aber um ihn selbst zu Wort kommen zu lassen:

"Er [der Papst] ist wirklich der Stellvertreter Jesu Christi, der Nachfolger des Petrus...: Zwischen Gott und Mensch in die Mitte gesetzt; unter Gott, aber über den Menschen; geringer als Gott, aber größer als der Mensch; alles richtend, aber von niemandem gerichtet; der mit der Stimme des Apostels verkündet: 'Der mich richtet, ist der Herr' (1. Kor. 4.47)", (aus der Inthronisationsrede).

Der Papst sollte der unumschränkte Herr der Kirche sein, jeder beschränkende Einfluß von weltlicher, aber auch kirchlicher Seite (etwa Konzilien) ausgeschaltet. Darüber wäre schon einiges zu reden. Aber ist ja noch mehr gemeint. Das Muster, grob vereinfacht, lautet etwa so: Der Papst ist der Stellvertreter Christi auf Erden, alle Macht, auch die weltliche, geht von Gott aus, folglich ist auch alle weltliche Herrschaft dem Papst nachgeordnet und aus seinen Händen zu empfangen. (So ein wenig vergleichbar dem gegenwärtigen iranischen Prinzip, nur im Großen)

Die Päpste hatten sich hier in einen, natürlich fromm verpackten, Allmachtsrausch hineingesteigert, der ihnen noch üble Erträge einbringen sollte (so konnten sie zwar die Staufer ausmerzen, nur um den Franzosen in die Hände zu fallen z.B.), und pure Hybris war (und vom Evangelium her in keiner Weise begründbar). Am Ende ist dieser Anspruch auch jämmerlich zusammengebrochen, hat aber bis dahin noch hinreichend Unheil angerichtet.

Das mußte ich denn doch loswerden. Ich habe einiges über besagte Epoche noch einmal gelesen (das ist sicher auch für irgendetwas gut), will es aber doch bei diesen dürren Bemerkungen belassen.

Giotto di Bondone (und Werkstatt)
Freskenzyklus zum Hl. Franziskus von Assisi, 
Der Traum des Innozenz III., 1296-1298, hier gefunden


Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit

„Er ist unser Friede“
Eph 2, 14


Er, der unser Friede ist, sei alle Zeit mit euch! Amen.


Liebe Gemeinde,

dies ist ein Tag, an dem Geschichte geschrieben wurde. Es gewann nicht nur unser Vaterland seine Einheit wieder, was natürlich allein schon ein Grund zu größter Freude wäre, sondern mit dem am 12. September 1990 in Moskau unterzeichneten Zwei plus Vier Vertrag, der die Voraussetzungen zur Einheit schuf, wurde der Versuch unternommen, die bis dahin noch vorläufige Nachkriegsordnung Europas in einen dauerhaften Frieden zu überführen. Es sollte Frieden gestiftet werden. Das ist das eigentlich Historische an jenem Tag, der nun 24 Jahre zurück liegt.

Das Historische dieses Datums gibt uns aber nun Anlass, noch viel weiter in die Geschichte zurückzublicken. Unsere Kirche erinnert heute an den Heiligen Franz von Assisi, der am  3. Oktober 1226 gestorben ist.

Francesco Giovanni war der Sohn eines wohlhabenden Tuchmachers. Fröhlich und sorglos wuchs er auf und wollte Ritter werden. Die Kämpfe, in die er zog, brachten ihm aber nur Krankheit und Gefangenschaft. Ein Traum in Spoleto bestimmte den jungen Mann dazu, vom Soldatenleben Abschied zu nehmen.

Bereits jetzt wurde Franz mehr und mehr zum Sonderling. Er wurde verlacht, nahm den Spott aber geduldig hin. Der Vater begann, sich Sorgen zu machen.

Der entscheidende Bruch mit dem bisherigen Leben trat im Jahr 1207 ein, als Franz mehrere Tuchballen seines Vaters verkaufte, um eine kleine Kirche wiederherzustellen. Es war damals sicher noch aufsehenerregender als es das heute wäre, als Franziskus sich vor aller Augen seine Kleider auszog und bekannte: „Weder Geld noch Kleider will ich von dir, von jetzt an nenne ich nur noch einen Vater, den im Himmel!“

Ein Neues Leben kann nur beginnen, wenn man den Mut hat, wirklich mit allem abzuschließen. Franz rannte nackt aus der Stadt. Als seine Bestimmung erschien es ihm nun, allem Besitz zu entsagen und Gutes zu tun. Zu diesem Zweck gründete er seinen Orden der Minoriten!

In einer verstörenden Weise zog Franziskus Menschen an sich. Es wird berichtet, dass er seine Zeitgenossen geradezu verzaubert hat.

1210 unternahm er eine Wallfahrt nach Rom. Hier kam es zu einer weltgeschichtlichen Begegnung mit Innozenz III. Bis in unsere Tage hinein gilt er als der bedeutendste Papst. Ihn zu würdigen verlangt nach einer eigenen Predigt. Gesagt sei aber, dass es ihm gelang, das Papsttum als höchste Macht der christlichen Welt zu etablieren. Er setzte Könige ein, und er enthob sie ihres Thrones. Vor allem aber eiferte er mit nicht endender Energie für die Reinheit des Glaubens. Als glänzender Jurist war er von der Idee bestimmt, man könnte die gute Ordnung der Welt durch das Kirchenrecht sichern. Seinen Triumph feierte er dann 1215 mit dem IV. Laterankonzil.


Als Franziskus allerdings zu ihm auf dem Wege war, da träumte diesem gewaltigen Papst, dass zu seinen Füßen ein Palmbaum aufwüchse und ein armer unbekannter Mönch die Mauern von San Giovanni in Laterano, der ursprünglichen Bischofskirche des Pontifex, stützen würde.

Der Papst schien eine Ahnung davon gehabt zu haben, dass alle Macht, die er besaß, die Kirche nicht würde erhalten können, wenn nicht die geistliche Kraft hinzutreten würde, mit der Franz von Assisi gesegnet war. Darum bestätigte Innozenz den Orden der Minoriten.

Franz von Assisi wollte in seiner Welt, die durch tiefreichende Umbrüche und Gefahren gekennzeichnet war, Frieden stiften. Das war der eigentliche Sinn der durch ihn ins Leben gerufenen Gemeinschaft. Sie sollte unter den Menschen Frieden ermöglichen. Seine schlichte Vorstellung davon, wie dieser Frieden zu erlangen sei, richtete sich auf das Beispiel Jesu. Dem immer unheilschwangeren Machtgebaren der Herrschenden seiner Zeit stellte er den unbedingten Gewaltverzicht entgegen, und den Auswirkungen einer umfangreicher werdenden Geldwirtschaft stellte er das christlich mönchische Prinzip der Armut entgegen. Gewaltverzicht und Armut kann man von niemandem verlangen, man kann sie nur beispielgebend vorleben.

Das ist der Kern dessen, was im Leben des Franz von Assisi gelungen ist. Er hat den Menschen seiner Zeit und damit der Welt ein Beispiel gegeben.

Warum erzähle ich das alles in dieser Ausführlichkeit an diesem Tag?

Ich bin der Überzeugung, dass die Umbrüche unserer Zeit denjenigen des beginnenden 13. Jahrhunderts sogar sehr ähnlich sind. Die Geldwirtschaft ist wenig vertrauenerweckend und das Machtgebaren der Herrschenden unheilschwanger. In selten gekannter Intensität branden Konflikte auf, die viel weniger weit fort sind, als viele Menschen unter uns es glauben.

Die einzige Antwort, die von westlicher Seite bislang auf die neuen Kriege des 21. Jahrhunderts gegeben wurde, war die der technischen Überlegenheit. Im Zweifel hat man sie umfassend und zuweilen auch brutal ausgespielt. Hat all das aber seinen Zweck erreicht? War das, was im Irak, in Afghanistan, später in Libyen und nun auch in Syrien unternommen wird, erfolgreich?

Ganz abgesehen von diesen Fragen müssen wir an diesem Tag auch darauf blicken, wie sehr sich unser eigenes Land verändert hat. Schnell sieht und würdigt man die großen Erfolge beim Wiederaufbau der Landstriche, die einmal die DDR gebildet haben. Noch 1988 hätte man sich nicht vorstellen können, wie vollständig dieser Staat einmal verschwunden sein würde. Wir können dankbar sein für den Wiederaufstieg dieser Nation, der der Wiedervereinigung gefolgt ist. Wir leben in einem großartigen Land. Nirgendwo auf der Welt wäre es möglich gewesen, nach einer großen Naturkatastrophe, wie der im vergangenen Jahr erlebten Überschwemmung, so umfassend zu helfen, wie es bei uns der Fall gewesen ist. Natürlich gleicht das nicht alles Leid und jeden Verlust aus. Aber es gab jedem die Chance zum Neuanfang. Daran werden der große Reichtum und der unglaubliche wirtschaftliche Erfolg dieses zu neuer Einheit gekommenen Landes deutlich. Es wird aber auch sichtbar, wie viele Menschen es gibt, die in Hilfsorganisationen und auf anderen Wegen bereit sind, sich für andere Menschen einzusetzen.  Das setzt sich bis in diese Tage fort, und unser Fest, das mit diesem Gottesdienst beginnt, ist dafür ein schöner Ausdruck.


Die Veränderungen dieses Landes haben sich aber auch in anderen Bereichen vollzogen, und dort sind sie nicht in gleicher Weise zum Guten.

Erinnern wir uns: Bereits in der Zeit der Entspannungspolitik und auch noch für das vereinte Deutschland galt der manchmal schon zu formelhaft vorgetragene Satz: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg, sondern nur noch Frieden ausgehen!“ Man hat sich bemerkenswert schnell, innerhalb von nur einem Jahrzehnt, von ihm verabschiedet und 1998/99 ohne Mandat der UNO den Krieg gegen Serbien geführt.

Ein weiterer wichtiger Grundsatz deutscher Außenpolitik war das Verbot von Waffenexporten in Kriegs- und Spannungsgebiete. Er fiel im vergangenen Sommer innerhalb von nur wenigen Tagen. Jetzt liefert Deutschland, unter zum Teil kuriosen Umständen, Kriegsmaterial an die Kurden, die weder über einen Staat noch über eine reguläre Armee verfügen.

Die größte Sorge aber bereitet mir eine ganz andere Entwicklung. Wenn es eine Lehre gibt, die alle aus der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts gezogen haben sollten, dann ist es die, immer um das Einvernehmen mit Russland zu ringen. Nun bekommt man mehr und mehr den Eindruck, dass an einer Allianz gegen Russland gearbeitet wird. Daraus kann nichts Gutes entstehen.

Hinzu tritt das gedankenlose Gerede von mehr internationaler Verantwortung, das im Lichte dessen, was wir in den vergangenen Tagen über Deutschlands militärisches Potential erfahren haben, weder als angemessen noch als politisch klug gelten kann.

Aus allem spricht ein beunruhigender Mangel an geistiger Orientierung. Wo aber soll gerade geistige Orientierung gefunden werden? Auch Nationalfeiertage werden zu hohlem Getöse, wenn sie nicht eine Suche nach den geistigen Grundlagen eines Volkes sind.

Thomas von Celano, ein Weggefährte des Hl. Franz, berichtet uns: „Zu jener Zeit zog gerade Kaiser Otto IV. mit viel Getöse und Pomp durch jene Gegend, um sich die Krone des irdischen Reiches zu holen; doch weder der heilige Vater selbst, gemeint ist Franziskus, der mit den übrigen in der obengenannten Hütte wohnte, die nahe am Wege war wo Otto vorbeizog, ging hin, um den Zug anzuschauen, noch ließ er einen Bruder hingehen. Nur einer musste dem Kaiser eindringlich ankündigen, dass sein Ruhm nur kurze Zeit dauern werde. Der glorreiche Heilige war in sich versunken, wandelte in der Weite seines Herzens und bereitete Gott in sich eine würdige Wohnung. Darum merkte er nicht auf den von außen kommenden Lärm und kein Wort konnte ihn erschüttern oder unterbrechen in der gewaltigen Aufgabe, die er in Händen hatte.“

Der christliche Glaube kann nicht Dekoration des Lebens sein. Man kann ihn sich nicht gleichsam wie einen Mantel umwerfen, um sich zu bestimmten Lebensereignissen oder auch zu hohen Feiertagen einen würdigen Rahmen zu schaffen. Damit entleert man den Glauben. Der christliche Glaube ist die Suche unseres Lebens, die jeden Tag füllen will. Lasst euch darum nicht blenden durch den Glanz äußerer Dinge, lasst euch nicht taub machen durch den Lärm der Welt. Hört auf den, der in Wahrheit die ganze Welt regiert, und der sich in allen Einzelheiten seiner Schöpfung zeigt, wie Franz von Assisi es unvergleichlich in seinem Sonnengesang, den wir als Fürbitte beten werden, ausdrückt. Erst dann wendet euch dieser Welt und ihren Dingen zu, denn unser Gebet und unsere Hoffnung und unser Beharren auf die Gewaltlosigkeit und unser unbedingter Wille zum Frieden, das ist der Beitrag der christlichen Kirche zur geistigen Welt dieses Landes, und es wäre uns bereits öfter schon gut bekommen, wenn wir genau das beharrlicher geglaubt und mutiger bekannt hätten.

Dieser Geist stünde unserem Lande gut an. Ihn in eine Nation hineinzutragen kann man allerdings von niemandem verlangen, man kann sich der Aufgabe immer nur selbst stellen und in der Hinwendung auf Christus Gemeinschaft suchen.

Das ist das eigentlich faszinierende an Franz von Assisi. Er ist nicht den Menschen nachgelaufen, sondern er hat sie durch sein authentisches Leben und durch seinen tiefen Glauben angezogen, und bis in unsere Tage zeugt der Franziskanerorden von ihm in der Welt.

Selbst noch in seinem irdischen Ende suchte er die Nähe seines Herren darin, dass er wie Christus nackt zu sterben wünschte.

Innozenz III. starb bereits 1216 auf einer Reise in die Lombardei. Er wurde in der Kathedrale von Perugia aufgebahrt und über Nacht seiner kostbaren Gewänder beraubt, so dass auch er nackt von der Welt ging, gleichwie er gekommen war, denn so vergeht der Ruhm der Welt.

Gregor IX., ein Neffe Innozenz III., sprach Franz von Assisi bereits 1228 heilig, eigenartiger Weise am 12. Todestag des großen Innozenz.

Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Thomas Roloff

nachgetragen am 6. Oktober