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Freitag, 11. März 2022

Gedenken an Großherzogin Anastasia

Großherzogin Anastasia, Bild von hier

Vor zwei Jahren hatte ich an die Großherzogin Anastasia von Mecklenburg (-Schwerin) erinnert (sowie früher noch an ihren Mann Großherzog Friedrich Franz III.), heute nun hat in Ludwigslust ein Gottesdienst anläßlich ihres 100. Todestages stattgefunden. Er wurde gehalten von Thomas Roloff und ich will ihn in seinen wesentlichen Teilen anschließend dokumentieren.

Übrigens, wer eher einen „leichteren“ Zugang zu ihrer Person sucht, der mag diesem Verweis zu einer Seite folgen, die ich jüngst zufällig fand.

Helenen-Paulownen-Mausoleum im Schlosspark Ludwigslust, Bild von hier

Gedenkgottesdienst zum 100. Todestag I.K.K.H Anastasia, Großfürstin von Russland und Großherzogin von Mecklenburg im Helenen-Paulownen-Mausoleum zu Ludwigslust


Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn!

Der Herr sei mit euch!

Der Mensch hat keine Macht über den Tag des Todes. 

Pred 8,8

Unter diesem Vers aus dem Predigerbuch, der die Tageslosung für den heutigen Tag ist, feiern wir Gottesdienst im Gedenken an den 100. Todestag I.K.K.H. der Großfürstin Anastasia von Russland, unserer Großherzogin von Mecklenburg. Wir wollen Gott die Ehre geben und mit der verewigten Fürstin und für alle Toten beten. Wir rufen Gott an, dass er die Verstorbenen im Frieden ruhen lasse. Wir flehen in diesen Tagen aber auch um den Frieden für uns, die Lebenden.

Herr, lass die Toten im Frieden ruhen und Dein ewiges Licht leuchte ihnen. Amen.


Psalm 126

1 Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der HERR hat Großes an ihnen getan!

3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. 

4 HERR, bringe wieder unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. 

5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 

6 Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Ehr´ sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Kyrie eleison, Herr erbarme dich!

Lasset uns beten:

Ewiger Gott, die Kirche und mit ihr die ganze Welt sind auf dem Weg an das Kreuz deines Sohnes unseres Herrn. Lass uns deine Gegenwart schauen. Du leidest mit deiner Schöpfung und schenkst ihr darin Trost. Als Gemeinschaft der Lebenden und der Toten sind wir ums Kreuz versammelt. Wir recken uns nach deiner rettenden Hand.

Amen

Evangelium: 

Matth 5, 3-10

Credo

Großherzogin Anastasia in den 1910er Jahren, Bild von hier


Ansprache

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

wir gedenken der Großfürstin Anastasia, die heute vor 100 Jahren gestorben ist. Ihr Leben war Ausdruck für die enge Verbindung, in der das mecklenburgische großherzogliche Haus, die einzige verbliebene regierende slawische Dynastie im Reich, mit der russischen Herrscherfamilie stand. 

Vertreter des Hauses von Mecklenburg-Schwerin bei der Krönung von Zar Nikolaus II., Großherzog Friedrich Franz III. (dritter von rechts) neben seiner Gattin Anastasia, Bild von hier

Lassen wir zunächst ihre Tochter Cecilie erzählen: 

„Eine neuerliche Verbindung mit Russland sollte schließlich der Anlass zur Heirat meiner Eltern werden. Meines Vaters Schwester Marie war 1874 dem Großfürsten Wladimir als Gattin in dessen nordische Heimat gefolgt. 

Gelegentlich eines seiner häufigen Besuche bei seiner Schwester in St. Petersburg lernte mein Vater, der damalige Erbgroßherzog, spätere Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, die junge Großfürstin Anastasia Michailowna kennen und lieben. Im Mai 1878 hielt er um Mamas Hand an, und Dreivierteljahre später, am 24. Januar 1879, fand im Winterpalais zu St. Petersburg die Trauung meiner Eltern nach lutherischem und orthodoxem Ritus statt. 

Nach einer Reihe prunkvoller Feste führte mein Vater seine schöne junge Frau in seine mecklenburgische Heimat. Das junge Paar wurde bei seinem Einzug in Schwerin am 8. Februar von der städtischen und ländlichen Bevölkerung des Großherzogtums mit herzlicher Teilnahme begrüßt.“

Soweit der Blick unserer letzten Kronprinzessin auf ihre Eltern.

Anastasia gebar ihrem Mann drei Kinder. Friedrich Franz IV. wurde der letzte Großherzog von Mecklenburg. Mit ihm endete eine 800-jährige ununterbrochene männliche Primogenitur auf dem Thron. Alexandrine wurde durch Heirat Königin von Dänemark. Sie ist die Großmutter der regierenden dänischen und der gewesenen griechischen Königin. Das jüngste Kind war die bereits erwähnte Cecilie, die letzte Kronprinzessin des Reiches und von Preußen.

Anastasia mit ihren Töchtern Alexandrine und Cecilie, Bild von hier

Unter den Ahnen Anastasias finden sich russische Kaiser, preußische Könige, Großherzöge von Baden und Hessen. Zu ihrer Verwandtschaft zählten alle Herrscherhäuser. Allein darin spricht sich aus, dass das alte Europa von einer einzigen großen Familie regiert wurde, die in den Dynastien des Reiches verwoben und verknotet war, und auch dadurch im Reich seine Mitte und in vielerlei Weise auch sein Maß fand. Das Gottesgnadentum war Gleichnis und Verheißung des Ewigen. 

Das gewann seinen Ausdruck in der Kultur, in der Architektur und vor allem auch im christlichen Glauben Europas. Diese eine große regierende Familie war gleichsam die allerhöchste Repräsentation auch für die Zusammengehörigkeit der Völker, für ihr Bezogen-Sein aufeinander.

Jagdschloß Gelbensande, Bild von hier

Ein bis heute verstörend schönes und denkwürdiges Beispiel für den hier gemeinten Zusammenhang ist das Schloss, welches Anastasia sich in Gelbensande erbauen ließ.

Von diesem schrieb Cecilie: „Wenn der Wanderer, der auf der Landstraße von Rostock nach Ribnitz seines Weges zieht, am kleinen schmucken Bahnhof von Gelbensande vorbeigekommen ist und die letzten Häuser des Dorfes hinter sich gelassen hat, so wird er dort, wo das Gehölz beginnt, acht weiße Steine bemerken, die anzeigen, dass ein fahrbarer Weg aus dem Wald herausführt. Und er wird weiter ein schlichtes schmiedeeisernes Tor sehen, das nur selten offen steht. Dieses Tor bedeutete für mich und meine Geschwister von Jugend auf den Eingang zu unserem irdischen Paradies.“

Jagdschloß Gelbensande, Bild von hier

Nach dem Vorbild von Gelbensande ließ sich die Kronprinzessin später den Cecilienhof errichten, der sich auf so ganz tragische Weise mit dem Schicksal des Reiches verbinden sollte. 

Dieses Haus, das für einen neuen Anfang stehen sollte, wurde zum apokalyptischen Quartier für das Ende von allem, was vertraut und bekannt war.

Schloß Cecilienhof, Bild von hier

Damit ist allerdings der Geschichte weit vorgegriffen. Es sind Ereignisse berührt, die Anastasia nicht mehr erlebt hat.

Was sie aber mit ansehen musste, war der Zusammenbruch des alten Europas, das sich 1914 in einen grauenhaften Krieg verführen ließ, in dem alles aufs Spiel gesetzt wurde und nichts zu gewinnen war. Cecilie schrieb über jene Augusttage: „Unglaubhaft schien es uns, dass andere Monarchen sich an die Seite der Königsmörder stellen könnten.“ Auch über diese Naivität ist die Geschichte mit schweren Stiefelschritten hinweggegangen.


Schloß Cecilienhof (Wappen des Kronprinzen Wilhelm und der Kronprinzessin Cecilie), Bild von hier

So nahe liegen sie manchmal beieinander, die irdischen Paradiese und die Abgründe der Hölle. Osip Mandelstamm hat festgehalten. „Wenn es ein goldenes Zeitalter gab, dann war es das 19. Jahrhundert und wir haben es nur nicht erkannt.“

Es ist eine uralte menschliche Erfahrung, dass die Mächte der Unterwelt, wenn man sie freilässt, keineswegs nur das Werk tun, zu dem sie gerufen wurden. Gelernt hat man daraus wohl nicht. Drei Brüder der Großfürstin wurden Opfer der Bolschewiki. 

Sie wurden grausam ermordet, als sich Menschen anschickten, durch die Vernichtung der vielen kleinen Paradiese, das ganz große Paradies auf Erden zu errichten.

Wir wissen, wie die Geschichte weitergegangen ist und blicken beklommen darauf, dass unsere Welt heute erneut am Abgrund steht.

Im Sommer 1914 hatte Anastasia noch an den russischen Kaiser geschrieben: „ … ich hoffe, dass der Krieg nicht geschehen wird, und wir eines Tages uns alle wieder sehen.“

Ihre Hoffnungen blieben unerfüllt. Umso sehnsüchtiger aber beten wir um den Frieden und um die Bewahrung der Welt, die im Russischen denselben Namen tragen.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen

Großherzogin Anastasia, Bild von hier


Fürbitte

Wir wollen Fürbitte halten und zu Gott beten mit dem gemeinsamen Ruf: Herr, erbarme Dich!

Allmächtiger Gott, wir danken Dir für den Weg Deines Sohnes ans Kreuz und bitten Dich, mache uns zu treuen Zeugen seines Sieges im Glauben an Dich.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.

Ewiger Gott, wir danken Dir für die Gemeinschaft der Heiligen. Durch sie bleiben wir verbunden mit allen Menschen und mit Deinen Wundern. Wir bitten Dich, stärke Deine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit und schenke ihr nach Deinem Willen Einheit und Frieden.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.

Barmherziger Gott, wir danken Dir für das Leben von Anastasia. Du hältst sie nun in Deinen Händen. Wir können uns durch ihr Schicksal belehren lassen. Wir bitten Dich mit ihr für die vormals regierenden Familien, deren Ahnfrau sie wurde. Segne den Prinzen und die Prinzessin von Preußen und die königlichen Häuser von Preußen und Mecklenburg und schenke ihnen, dass sie uns Vorbild im Glauben sind.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.

Gütiger Gott, wir danken Dir für Deine Gegenwart und bitten Dich um Segen und Frieden für unser Volk und für alle Völker, für unser Land und für alle Länder, für Russland und die Ukraine, denn Du hältst die ganze Welt in Händen und rufst Dein Volk aus allen Völkern. Gott, wir flehen Dich an, beende diesen grausamen Bruderkrieg, denn in Dir ehren wir den Herrn der Geschichte.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.

In der Gemeinschaft mit der Gottesmutter Maria, mit der ganzen Kirche, mit der verewigten Großfürstin und mit allen, die in diesem Hause ihre letzte Ruhe gefunden haben, beten wir, wie Christus uns zu beten gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme, dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

und vergib uns unsere Schuld

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. 

Amen.


Sendung & Segen

Helenen-Paulownen-Mausoleum, Bild von hier


Bilder von heute (c) Th. Roloff

Dienstag, 17. Juli 2018

Zum Gedenken an Nikolaus II. von Rußland

Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra
und den fünf gemeinsamen Kindern (1913), hier gefunden

Manchmal wird ein ganzes Leben aus seinem Tod gerechtfertigt. Heute ist der Gedenktag des Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche Nikolaus II. von Rußland und seiner Familie. In der Nacht auf den 17. Juli 1918 wurden sie mit ihren letzten Getreuen im Keller des Ipatjew-Hauses in Jekaterinburg durch die sog. „Bolschewiki“ hingemordet. Als Nikolaus dessen gewahr wurde, was die Absicht der Mörder war, stellte er sich in einer denkwürdigen Wendung vor seine Gattin Alexandra, die 4 Töchter und den Zarewitsch Alexei, als könne er mit seinem Leib die Kugeln aufhalten, die seiner Familie galten. Erfolglos natürlich. Die Töchter hatten in ihre Kleider Schmuckstücke eingenäht, und als die Kugeln deswegen von ihnen abprallten, wurden sie mit Bajonetten niedergestochen, bis ihr Wimmern erstarb.

Nikolaus II. nach der Abdankung, März 1917

Vor 100 Jahren begann die vollendete Selbstzerstörung Europas ihre dämonischen Folgen auszuspeien und dem sinnlosen Grauen des Krieges folgte ein Jahrhundert des Irrsinns. Die Hinmordung der Zarenfamilie ist darin ein sinnfälliges Ereignis.

„Wir haben eine neue Moral. Unser Humanismus ist absolut, denn er gründet sich auf den Wunsch nach Abschaffung jeder Unterdrückung und Tyrannei. Uns ist alles erlaubt, denn wir sind die ersten in der Welt, die das Schwert nicht erheben, um zu unterdrücken und zu versklaven, sondern im Namen der Freiheit… Wir führen nicht gegen einzelne Krieg, wir wollen die Bourgeoisie als Klasse vernichten.“ („Das Rote Schwert“ 18.8.1919, Zitat hier gefunden)

Aus dem „Roten Schwert“ sprach die Tscheka, das spezielle Terrorinstrument der Bolschewiki. Und die Vernichtung als Klasse ist sehr wörtlich und vor allem physisch zu verstehen. Hinter dem Codewort „Bourgeoisie“ steht alles, was der Gesellschaft Struktur, Kompetenz und Bedeutung gegeben hatte -  Gelehrte, Geistliche, freie Bauern, Offiziere, Kaufleute, Beamte… Diese Menschengruppen wurden umgebracht, ausgehungert, mindestens dezimiert, bis die Gesellschaft soweit atomisiert worden war, daß das Unterste nach oben gekehrt frei lag und man sein großartiges Menschheitsexperiment einer völlig neuen „freien“Gesellschaft beginnen konnte.

Schätzungen gehen von mindestens 20 Millionen Toten der Revolution aus (Die Revolutionäre waren nicht sehr bekannt für eine akkurate Buchführung über ihre Opfer). Alexander Solschenizyn, der Chronist des „Archipel Gulag“, schrieb von vierzig bis fünfzig Millionen Häftlingen, die die späteren Lager bevölkerten oder dort starben. Ab wie viel Millionen ist eine eigentlich “gute Idee” ein wenig diskreditiert?

Allein die Zahlen sind so monströs, daß das Vorige, weswegen dies doch alles angeblich notwendig geworden war, in den schwärzesten Farben gemalt werden mußte Und man war damit erfolgreich. Noch heute wird die historisch desinteressierteste Putzfrau (und warum sollte sie sich interessieren) zumindest von jemandem gehört haben, daß die russischen Zaren etwas sehr Böses waren. Über das danach wird sie eher nichts wissen.

Nun wie böse?  Üblicherweise wurden Straftäter (ob politische Gefangene oder wirkliche Verbrecher) nicht getötet, sondern nach Sibirien verbannt (so Lenin 1897 - 1900 und Stalin 1913 - 1917 in das damalige Gouvernement Jenisseisk). In den zaristischen Straflagern sollen in den 1830er Jahren 8.000, zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu 30.000 Menschen gefangengehalten worden sein (insgesamt, wie gesagt).

Von 1825 bis 1917 - 6360 politisch Verurteilte, davon 3932 hingerichtet. Das mag man alles finden, wie man will, aber es wurden jedenfalls nicht systematisch Menschen umgebracht, und die Größenordnungen unterscheiden sich im Verhältnis von vielleicht 1 : 10.000. Diese Zahlen werden aber niemanden beeindrucken, weil sie die „gefühlte“ Wahrheit nicht berühren, allenfalls wird man„moralische“ Empörung über diese Art von Buchhaltung hören (Man tue sich nur einmal den Tort, in die Kommentare zu den wenigen Artikeln zu schauen, die aus Anlaß dieses Datums geschrieben wurden).

Nun galt das Zarenreich in Westeuropa auch vor 1917 durchaus als rückschrittlich, repressiv etc. Beispielsweise hielt man in der Reichsregierung eine formelle Kriegserklärung an Rußland für geboten, weil man damit die öffentliche Meinung, einschließlich der Sozialdemokratie, auf seiner Seite wußte.

Jekaterinburg, Kathedrale auf dem Blut

Aber wir wollen uns gar nicht in die Frage vertiefen, wie rückschrittlich Rußland am Ende der Zarenherrschaft tatsächlich war und woran sich Fortschritt eigentlich bemißt. Und es geht mir beim besten Willen nicht um eine Apotheose des Zarentums. Was mit weiterem Grausen erfüllt, ist etwas sehr anderes, nämlich das Bild, das entsteht, nachdem man sich in die Zeit vor Ausbruch des 1. Weltkrieges vertieft hat.

Und jetzt müßten wir das ganze alte Europa in den Blick nehmen. Es ist eine wirkliche Quälerei. Man hatte einen Höchststand von Kultur und Zivilisation erreicht, Technik und Wissenschaft erblühten, sozialer Fortschritt wie Lebenserwartung, Bildungsstand, die materielle Grundlage des Lebens breitester Schichten verbesserten sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Europa wurde zu einem Leitbild für die Welt (auch wenn dieses heute als kolonialistisch herabgesetzt wird).

Doch die Großmächte beäugten sich mißtrauisch und sorgten sich um ihre Einflußzonen! Das Empire neidete dem Deutschen Reich den wirtschaftlichen Aufstieg und das damit einhergehende wachsende politische Gewicht, Frankreich suchte Revanche für 1871, Rußland und Österreich-Ungarn rangen um die Beherrschung des Balkan, Rußland wollte das Osmanische Reich beerben und mindestens die Dardanellen für sich.

Und all diese politischen Planungen, Intrigen und Aktionen gingen mit einer Sorglosigkeit und Ignoranz, Eitel- und Böswilligkeit, mit selbstgefälliger Ahnungslosigkeit gepaart einher, daß es einen eben graust (da man heute die Folgen kennt).

Daß die Briten der erfolgreiche germanische Konkurrent mißmutig machte, ist noch plausibel (man spürte, man hatte seine Kräfte überspannt, und sah sich gleichzeitig mit einem gottgegebenen Recht auf Weltherrschaft versehen), Frankreichs Groll, nun ja. Aber Rußland? Die Motive der politisch bestimmenden Kräfte Rußlands bleiben rätselhaft. Man kann zwar nicht bei der noch herrschenden (west-) deutschen Geschichtswissenschaft, aber doch inzwischen bspw. bei Christopher Clark nachlesen, wie mindestens die politische Führung Serbiens in das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger verwickelt war. Wie Rußland dann Serbien ermunterte und nach der Kriegserklärung der Monarchie an Serbien gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn mobil machte.

Es war eben leider Zar Nikolaus II. der 1914 mit der Generalmobilmachung der russischen Armee die Aktivierung der Bündnisverpflichtungen in Gang setzte, die in den Ersten Weltkrieg münden sollten. Es geht nicht um einseitige Schuldzuweisungen. Die europäischen Mächte hatten gewissermaßen kollektiv den Verstand verloren. Aber Rußland, das mit dem 1905 verlorenen Krieg gegen Japan und den folgenden Unruhen noch hinreichend strapaziert war, sich innerlich erkennbar instabil zeigte - das letzte, was Rußland gebrauchen konnte, war ein weiterer Krieg. Das schwache alte Rußland hat mit seiner Unterstützung Serbiens und dem, was daraus folgte, gewissermaßen eine Art von Selbstmord begangen. Und für was, die Dardanellen?

Was brachte Nikolaus II. zu diesem Schritt? Zunächst, war es wirklich sein ureigenstes Anliegen? Zar Nikolaus wird gemeinhin als geistig wenig interessiert, ja entscheidungsschwach beschrieben, dafür aber ausgeprägt konservativ.

Zu  letzterem. Sein Großvater Alexander II. wurde 1881 Opfer eines Attentats. Der damals zwölfjährige Nikolaus war Zeuge seines Todes. Das dürfte ihn nicht ganz unbeeindruckt gelassen haben. Er galt nicht als unsensibel, und wenn er stark gespürt haben sollte, wie die Dinge wegzubrechen drohen, sich dann an einer Art von Konservativismus festzuhalten, nun ja. Er wuchs nach dem Attentat ziemlich abgeschirmt auf, ebenfalls nachvollziehbar, galt als charakterlich gefestigt, pflichtbewußt, aber eher schüchtern. Sein Vater hielt es nicht für erforderlich, ihn frühzeitig wirklich auf das Zarenamt vorzubereiten, starb aber bereits am 1. November 1894. Das machte Nikolaus mit 26 Jahren (nach gregorianischem Kalender am 18. Mai 1868 geboren) zum Herrscher. Daß jemand unter diesen Umständen Neuerungen gegenüber nicht unbedingt aufgeschlossen ist und von Ratgebern abhängig, was Wunder.

Hinzu kommt, daß seine tief religiöse Gattin, welche er zutiefst verehrte, ihn kaum zu unterstützen vermochte. Als 1904 endlich Thronfolger Alexej zur Welt kam (man befand sich gerade im Krieg mit Japan), erwies es sich, daß er die „Bluter“-Krankheit hatte. Das befeuerte den Aberglauben im Volk (welches bereits voreingenommen war, 1896 etwa hatte sich beim Volksfest auf dem Chodynkafeld anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten eine Massenpanik mit 1389 Opfern ereignet). Die Niederlage machte ein übriges. Man mißtraute der „Deutschen“,  noch gesteigert, als diese verzweifelt Hilfe für den Thronfolger Alexej vom „Wunderheiler“ Rasputin erhoffte (der schließlich im Dezember 1916 von nahen Verwandten des Zaren ermordet wurde). Irritierenderweise gibt es Berichte, daß sich der Gesundheitszustand Alexejs tatsächlich gebessert hatte.

Man kann aber vermuten, daß auch Nikolaus selbst Ziel des Mißtrauens patriotischer und panslawistischerer Kreise wurde, die erheblich Auftrieb hatte, wie ganz Europa vom Furor des Nationalismus geschüttelt wurde (etwas, das besonders die Donaumonarchie bedrohte und woran sie schließlich auch u.a. zerbrechen sollte). Nikolaus‘ Widerwillen gegen den Krieg machte ihn vor diesem Hintergrund förmlich mit dem Vorwurf der Schwäche erpreßbar.

Clark bringt eine interessante Charakterisierung, die wir ausnahmsweise zitieren wollen: „So gut wie alle, die den Zaren kannten..., sind sich einig, dass er zwei Wesenszüge in sich vereinte, die sich schlecht miteinander vertrugen. Das eine war ein überaus verständliches Grauen vor der Aussicht eines Krieges und der damit verbundenen Zerstörung für sein Land; das andere war seine Empfänglichkeit für das hochtrabende Pathos nationalistischer Politiker und Reden, eine Vorliebe für Männer und Maßnahmen, welche die patriotischen Gefühle aufputschten.“ (Die Schlafwandler, S. 654)

Ein dringliches Telegramm Wilhelm II. hielt die Mobilmachung dann auch noch einmal an, für einen Tag. Was immer Nikolaus II. letztlich bewogen haben mag, welche Irrtümer, Illusionen, Schwächen immer. Systematische Bösartigkeit war es nicht. Die blieb anderen Akteuren vorbehalten. Der weitere Fortgang der Dinge läßt sich schnell zusammenfassen. Kurzzeitig gelang es den Russen zwar, in Ostpreußen einzufallen, sie wurden dort aber geschlagen und erlitten danach gegen die deutschen Truppen eine Niederlage nach der anderen. Gegen die Österreicher war man zwar etwas erfolgreicher, aber im ganzen war die Kriegsführung desaströs und mit großen eigenen Opfer verbunden. Die Armee begann zusammenzubrechen, Hungerunruhen Anfang 1917 besiegelten das Ende. Der Zar dankte ab und wurde von der bürgerlichen Regierung, die auf die „Februarrevolution“ gefolgt war, unter Hausarrest gestellt. Nach dem Putsch der Bolschewiki im Herbst 1917 fiel die Familie in deren Hände. Das Ende ist eingangs beschrieben.

Nicht nur auf russischer Seite wurde der Krieg mit selbstzerstörerischer Verbissenheit geführt. Für die „Westfront“ gilt dies mindestens in ebensolcher Weise. Was dabei besonders verstört, ist, daß dieses massenhafte gegenseitige Töten, das beispiellos zur vorigen Geschichte Europas dasteht, um förmlich nichts geführt wurde. Nichts, das irgendeine Art von Sinn ergeben würde.

Wahrscheinlich deshalb mußte man nach Kriegsende alle Schuld auf die Verlierer abwälzen und seitens der Alliierten die monströse Lüge von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands in die Welt setzen und mit dem Versailler „Frieden“ den Krieg gewissermaßen auf andere Art fortführen.

Das Grauen, das uns angesichts dieser Ereignisse entgegentritt, geschieht sozusagen in drei Akten, die Hybris und Verblendung, mit der der Krieg begonnen wurde, das furchtbare Ausmaß der auch moralischen Selbstvernichtung in diesem Krieg und wie diese auch geistige Verwüstung  den Dämonen ein Tor geöffnet hat, durch das sie eifrig einfielen, um das Werk der Zerstörung zu vollenden. Es ist mehr als zynisch, daß die Briten diesen Krieg noch immer „Great War“ nennen. Nichts daran war groß.

Das Ausmaß der inneren Selbstzerstörung Europas, das sich in den folgenden Jahrzehnten zeigt, beschreiben zu wollen, würde jeden überfordern. Darum ist es auch so schwierig, über Gedenktage wie diesen zu schrieben. Denn wer deren Tiefe erahnt, gerade als Konservativer, ist vor allem eines, entsetzt. Und mit nichts macht man sich so lächerlich, als wenn man selbstgefällig über die Geschichte zu Gericht sitzen wollte. Was also bleibt übrig?


Ikone der Zaren-Familie

Sicher kein Versuch einer Gegengeschichtsschreibung. Menschen, die davon überzeugt sind, daß es aus höheren Gesichtspunkten gerechtfertigt ist, Kinder zu töten, sind in ihrem verbohrten Ressentiment nicht mehr erreichbar. Aber einfache Beobachtungen sind hilfreich, so wie etwa gegen den Geschichtsrelativismus spricht, daß man zusehen kann, wie die Lügen vergiften und auflösen, also scheint es doch so etwas wie Wahrheit zu geben.

Mögen die Briten weiter an ihren Großen Krieg erinnern, selbst die Überreste ihres Empire zerbröseln ihnen gerade. Mögen die Apologeten einer deutschen Kollektivschuld sich immer tiefer in die deutsche Seele vorgraben, um dort weitere Schichten der Schuld zu finden, wo sie doch eigentlich weder an Deutsches, noch an die Seele, noch an den Wert überindividueller Gemeinschaften glauben.

Wer mit Absichten an die Geschichte herantritt, hat schon verloren. Aber ein Versuch, sie mit interesselosem Bemühen zu sehen, ist vielleicht möglich und entfaltet seine Folgen von selbst. Jetzt mag man mit versteckten Motiven, Perspektiven etc. dagegen anklügeln. Darüber zu räsonieren, lohnt nicht, die Haltung selbst zählt – Kritik, Neugier und Neigung zum Eigenen. Was ist an Neigung interesselos? Nun, wer das Eigene für wertvoll hält, wird es der Wahrheit aussetzen wollen, weil es sich nur in dieser zu erhalten vermag. Und er kann so die Gefährdungen erkennen, die üblicherweise in der Verstellung des Guten, Wohlmeinenden und Vernünftigen daherkommen.

Ganina Jama, Romanov memorial

Mit Pilatus zu reden: Was ist Wahrheit? Wahrheit ist Aufrichtigkeit im Erinnern und das Suchen nach Symbolen der Heilung. Ein Symbol der Heilung ist, daß am 20. August 2000 Nikolaus II. mit seiner Familie unter die Heiligen der Russisch-Orthodoxen Kirche aufgenommen wurde. Die Kirche auf dem Blut in Jekaterinburg, von wo aus hunderttausend Pilger in der Nacht auf den 17. Juli dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Kirill, auf einem 21 Kilometer langen Kreuzweg folgten, in den Wald von Ganina Jama, dem hölzernen Kloster, wo jedem ermordeten Familienmitglied von Hand eine Kirche erbaut worden ist. Das ist Wahrheit.

Aber das ist Religion, höre ich den Einwand. Was sonst.

Nikolaus II. im Kloster der "Heiligen Zarenmärtyrer"
Ganina Jama gewidmete Kirche, hier gefunden

nachgetragen am 20. Juli

Dienstag, 15. Mai 2018

Nikolai N. Dubowskoj

Nikolai N. Dubowskoj, „Beängstigende Ruhe“ / „Drohende Stille“
1890, hier gefunden

Ich mag Gewitter. Aber in der Zeit davor falle ich regelmäßig in eine Art von vegetativen Zustand. Vor einigen Tagen war es so, und bevor es möglicherweise heute wieder geschieht, noch schnell dieses Bild, das ich schon länger anbringen wollte, weil es eine Faszination hat, die selbst durch die sehr unterschiedlichen verfügbaren Wiedergaben hindurch spürbar wird.

Nikolai N. Dubowskoj war ein russischer Landschaftsmaler, geboren am 17. Dezember 1859 in Novocherkassk, gestorben am 28. Februar 1918 in Sankt Petersburg, an Herzversagen, was angesichts des Datums eher weniger überrascht. Sein bekanntestes Gemälde „Drohende Stille“ wäre 1890 von Zar Alexander III. für das Winterpalais angekauft worden, lese ich, was für dessen Geschmack spricht. Ich gestehe, es hat für mich etwas Erschreckendes, wie die Gestalt gewordene Verheißung eines Verhängnisses, das dann ja bekanntlich auch eingetreten ist. Also ein eher unidyllisches Bild über den Zustand vor einem Gewitter, das ja eher etwas Spannung Lösendes und Reinigendes hat. Das war bei dem Unwetter, welches mehr als 20 Jahre später folgte, auf grausame Weise im Gegenteil der Fall. Künstler verfügen oft über diese prophetischen Fähigkeiten, wohl weil die Macht des Unbewußten aus ihnen spricht. Wie auch immer.

Man schrecke nicht davor zurück, sich näher mit dem Maler zu beschäftigen, meist haben seine Bilder offenkundig eine bestechend lebendige Heiterkeit und meditative Ruhe, ein Beispiel dafür anschließend, aber man sehe selbst. Aufmerksam wurde ich auf ihn übrigens durch die verdienstvolle Twitterseite dieser jungen Dame – twitter.com/romepix – er war mir vorher völlig unbekannt.

Nikolai N. Dubowskoj, „Brechende Welle“, 1900

Donnerstag, 16. März 2017

Über das Deutsche in der jüngeren Geschichte

Germania von Philipp Veit (ca. 1834)

„Und weil ihr das Herz sein solltet von Europa, seid ihr mir lieb gewesen, wie mein eigenes Herz, und werdet mir lieb bleiben ewiglich.“
E. M. Arndt

Die Katastrophe des 19. und 20. Jahrhunderts

Prolog

Am 16. März 1917, also genau vor einhundert Jahren, endeten in Russland drei Jahrhunderte Herrschaft der Romanows. Ein gravierender, und inzwischen können wir mit jedem Recht sagen, ein überaus verhängnisvoller Einschnitt in der Geschichte dieses großen Volkes. Dieses Datum ist der Anlass für diese Niederschrift, denn die deutsche und die gesamte europäische Geschichte sind mit der Russlands unlöslich verbunden.

Politik ist nicht der Bereich, in dem man moralisch werden und am Ende mit dem Begriff der Schuld operieren sollte. Eine Vermutung drängt sich beim Blick auf die Geschehnisse dann schnell auf - etwas solle verschleiert werden. Erlauben wir uns den freieren Blick.

Politik misst sich allein nach ihren Absichten und der Kunst ihrer Durchsetzung. Die Bewegung großer Staaten lässt sich nämlich nicht vor den Richterstuhl zerren, denn das wäre genauso, als wollte man über Naturkatastrophen moralisch urteilen. Darum muss allein mit diesen beiden Maßen, den Absichten und ihrer Durchsetzung, ein anderer Blick vor allem auf das 19. und dann aber natürlich auch auf das 20. Jahrhundert versucht werden. Dabei bleibt richtig, dass die Geschichte nach christlicher Überzeugung ein Ganzes ist und sich auch das 19. Jahrhundert aus konkreten Voraussetzungen und Gegebenheiten erhoben hat.

Napoleon

Ganz am Anfang unseres Zusammenhangs steht die Französische Revolution. Schon an ihr wird deutlich, selbst wenn sie von allen mit den besten Absichten begonnen worden wäre, dann führte sie dennoch in eine schwere Katastrophe, in Mord und Unrecht. Es ist nur schwer zu verstehen, warum man ihr dennoch bis heute das Etikett „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ anhängt, obwohl sie das genaue Gegenteil bewirkte. Mag es auch zuvor Unrecht und Missstände gegeben haben. Sie wurden bei weitem durch das in den Schatten gestellt, was die Revolution hervorgebracht hat.

Es brauchte einen Napoleon, um den fortschreitenden Terror und die rücksichtslose Zerstörung des Gemeinwesens einzudämmen und die entfesselten Gewalten in die Verwirklichung eines imperialen Gedankens von der Neuordnung Europas zu lenken.

Dies zustande gebracht zu haben, macht die Größe der historischen Gestalt Napoleons aus. Er lenkte die gewaltigen Energien seines entfesselten Landes in beinahe alle Richtungen. Vor allem mit dem Rheinbund und Italien stellte sich fast so etwas wie das Reich Karls des Großen wieder her. Das ist ganz erstaunlich nach beinahe einem Jahrtausend getrennter Geschichte. Es bezeugt zweierlei. Napoleon wusste die Schwäche des Reiches geschickt auszunutzen und machte sich auch die erwachenden nationalen Bestrebungen der Italiener und Polen zu Eigen. Er verband so ganz geschickt die beiden seine Zeit bestimmenden Tendenzen, den Abstieg der universalen Gewalt des Reiches und die aufsteigenden nationalen Stimmungen.

Um diesen gewonnenen Zustand aber tatsächlich zu ordnen, bedurfte es dann doch wieder der alten Reichsidee, die sich als lebendig erwies. Napoleon nahm den Namen eines Kaisers an und formte allerdings ein französisches Imperium. Er warf damit seinen fast ausschließlich national motivierten Interessen den Mantel des Reiches um und begann ein kurzes Jahrzehnt großer und vor allem großsprecherischer Herrschaft. Die Vorherrschaft einer Nation fast über den gesamten Kontinent war nur möglich geworden durch die Schwäche der übernationalen und überstaatlichen Gewalt und durch das Schwinden des Zusammengehörigkeitsgefühls der europäischen Völker. Der Rausch der Revolution trat in gewisser Weise an die Stelle der Verbundenheit im christlichen Glauben.

Allerdings wurde Napoleon sehr schnell gewahr, dass er mithilfe der französischen Militärmacht alle beherrschen musste, wenn seine Konstruktion Dauer erreichen sollte. Das verführte ihn in das russische Abenteuer mit seinem bekannten Ausgang. Man kann die Idee des Reiches nämlich nicht beliebig usurpieren, denn an ihr hängt nicht nur der Name des Kaisers, sondern auch eine für Europa ganz und gar unverzichtbare Funktion und Verantwortung.

Universalismus

Europa lebt aus der Wechselwirkung zwischen einzelnen Herrschaften, aus denen sich viel später Nationalstaaten bildeten, und dem Reich in seiner nicht nur geographischen Mitte. Es war in den Jahren 800 und 962 erneuert worden, weil das Römische Reich über alle Brüche hinweg die beherrschende Vorstellung davon geblieben war, wie Herrschaft unter Menschen und Völkern errichtet werden musste, um Gleichnis und Verheißung ewiger Ordnung sein zu können. Die eigentliche Ordnung Europas lag also von Anfang an in der Balance zwischen Universalmacht und den einzelnen Völkern, Kulturen und Staaten. Das Miteinander von Universalität und Partikularismus machte das Reich selbst aber auch das Wesen ganz Europas aus.

Darin liegt der einzige Grund dafür, warum dem Reich, als Träger der universalen Macht, die Aufgaben der Verteidigung zufielen. Das Reich wurde zum Verteidiger der Kirche und des christlichen Glaubens und zum Verteidiger gegen diejenigen äußeren Feinde, denen einzelne Herrscher und Völker nicht gewachsen waren. Die Hunnen, die Ungarn, die Türken stehen hier in einer Reihe.

Die innere Struktur Europas war mithin geprägt durch die Bipolarität von Staaten und Nationen auf der einen und einer im Reich repräsentierten überstaatlichen und übernationalen Ordnung auf der anderen Seite. Genauso wie der Mensch selbst in der Spannung zwischen Individualität und Gesellschaft lebt, so lebte Europa aus der Beziehung zwischen den Staaten und dem Reich. Dabei war es nie jemandem in den Sinn gekommen, dass das Reich alle und alles beherrschen müsse. Sehr wohl war es aber selbstverständlich, dass das Reich vor allen und allem den Vorrang hatte.

Deutschland

Die Rolle oder Verantwortung des Reiches wuchs den Deutschen in der Geschichte dann mehr zu, als dass sie sie suchten. Das war in der Hauptsache der geografischen Lage des Siedlungsraumes der Völkerschaften geschuldet, die einmal die Deutschen werden sollten. In der Mitte des Kontinents konnte man sich schwerlich auf sich selbst zurückziehen, war beeinflusst und durchzogen von den Nachbarn und ihren Kulturen. Man ließ sich aber auch beeinflussen und wurde in Vielem ein Schmelztiegel der Kulturen.

Es bildete sich über die Jahrhunderte hinweg ein Identitätsgefühl, das nicht einmünden wollte in eine bloße Nation, wie es den Spaniern, den Franzosen, den Polen und den Briten gelang. Immer wieder zeigte sich auch, dass der Kontinent die zwar nach und nach defensiver werdende, dennoch aber ordnende Gewalt des Reiches brauchte. Das wurde am 12. September 1683 am Kahlenberg vor Wien ganz klar deutlich. Selbst nachdem Europa durch das Martyrium des 30jährigen Krieges gegangen war, wurde es noch einmal seiner äußeren Feinde Herr.

Die bestimmende Erfahrung der Menschen im Reich blieb dennoch diejenige des quälenden und gequälten Ausblutens, obwohl oder gerade weil man sich seiner Aufgaben stellte. Die Erfahrung der demütigenden Réunionspolitik der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts vertiefte diesen Eindruck ins Pathologische. Es war vor allem der nationale Egoismus des französischen Königtums, der das Reich in der Mitte mehr und mehr schwächte und dadurch seine eigene Machtbasis zu vergrößern meinte. Dass man dazu die durch die Türkengefahr eingetretene Notlage des Reiches und anderer schamlos ausnutzte, brannte sich förmlich in das kollektive Gedächtnis über Generationen hinweg und war eben keine Propaganda. Der Raub Straßburgs 1681 und die Zerstörung Heidelbergs 1693 sind dafür die entscheidenden Ereignisse.

Weltreiche

Fast ganz parallel dazu vollzog sich seit dem Schicksalsjahr 1492 die Europäisierung der Welt. Sie wurde getragen vom Gefühl zivilisatorisch-technischer Überlegenheit, von dem ehrlichen Willen zur Christianisierung des Erdkreises, aber selbstverständlich auch von den imperialen Ambitionen großer Mächte. Es entstanden gewaltige weltumspannende Kolonialreiche. Zunächst diejenigen der Portugiesen und Spanier und dann diejenigen der Holländer, Briten und Franzosen. Das Russische Reich spielte eine gewisse Sonderrolle.

Dieser unglaubliche Macht- und Prestigegewinn drohte aber ganz vergessen zu machen, wie sehr man in Europa aufeinander angewiesen, wie sehr das Abendland mit seiner Geistes-, Kultur- und Glaubensgeschichte ein Organismus war, der, wie jeder Organismus, immer nur ein gemeinsames Leben und Überleben gestattet.

Allein darum schon war es ein schwerer Fehler, das durch Napoleon aufgehobene Reich beim Wiener Kongress 1815 nicht zu erneuern. Selbst das ganz und gar machtlose, ganz in seine einzelnen Staaten zerfallene Reich hielt doch zumindest die Erinnerung an die Notwendigkeit und Bedeutung übernationaler Ordnungen wach. Auch diese Erinnerung hatte, wenn nicht mehr real verbindende, so doch immer noch vermittelnde Wirkungen. In der Tat wurde sogar viel davon durch das österreichische Kaisertum fortgetragen. Auch Weltreiche brauchten die sie verbindende Mitte einer gemeinsamen Identität. Was sie der Welt an Konstruktivem bringen wollten, konnten sie ihr nur gemeinsam bringen.

Preußen

Der Deutsche Bund war ohne wirkliches Oberhaupt nun aber weitgehend verwaist und konnte jener Erwartung nicht entsprechen. Er wurde scheinbar zur Nebenbühne des heraufziehenden Dualismus zwischen Österreich und Preußen.

Durch seine Schlüsselrolle in der napoleonischen Zeit war Preußen wiederum ein geradezu identitätsstiftender Nimbus zugewachsen. Aus der tiefsten Demütigung hatte sich diese kleinste europäische Großmacht an die Spitze der Befreiungskriege gekämpft. Wie entscheidend dieses Ereignis war, zeigte sich auch 100 Jahre später noch darin, dass dieses Jubiläum 1913 in Leipzig mit dem bis heute größten Denkmalsbau Europas und in Breslau mit der einzigartigen Jahrhunderthalle gefeiert worden ist. Die Namen Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz und vor allem Blücher sagen alles, was in diesem Zusammenhang notwendig ist. Preußen ging in dauerhaftem Einvernehmen mit Russland und Großbritannien und auch selbst machtpolitisch entscheidend gestärkt aus der Zeit der Fremdherrschaft hervor. Hinzu kamen ein beginnender wirtschaftlicher Aufstieg, der nicht zuletzt mit der Westverschiebung seines staatlichen Schwergewichts durch den Gewinn der Rheinprovinz zu tun hatte, und eine moderne Staatsräson, in der mehr als nur das Fundament des neuzeitlichen Rechtsstaats gelegt war. Alles das zusammen machte es mehr und mehr unmöglich, dass sich Preußen auf die Rolle eines Bundesstaates unter Österreichs Präsidium beschränkte.

Dennoch erreichte dieses fragile Provisorium eines Deutschen Bundes eine Lebenszeit von einem halben Jahrhundert. Diese war neben vielen Instabilitäten, die als Nachbeben der großen französischen Revolution zusammengefasst werden könnten, bestimmt durch neue Versuche der Nachbarn, sich auf Kosten von Bundesterritorien zu arrondieren. Die Schleswig-Holstein-Frage und die Luxemburgkrise mögen dafür beispielgebend stehen.

Anders als zu vorherigen Zeiten, in denen es kaum mehr eine Rolle spielte, unter welcher Oberhoheit deutsche Territorien standen, trat nun aber das Nationalgefühl der im Erlebnis der Befreiungskriege zu Deutschen erwachten Landsmannschaften als politischer Faktor hervor. Die Begehrlichkeiten der Nachbarn weckten und befeuerten das Nationalbewusstsein der Menschen, die nun das Ziel in den Blick nahmen, „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ zu vereinigen, was zu Deutschland gehörte. Ein wirkliches Reich der Deutschen erschien am Horizont.

Der rein nationale Gedanke war allerdings ein Sprengsatz am österreichischen Vielvölkerstaat und fand darum in diesem einen entschiedenen Gegner. Zum anderen sah Frankreich seine Aussichten auf Wiederaufstieg schwinden und seine anmaßende Sehnsucht nach der Rheingrenze getrogen, wenn es zu einem vereinten Deutschland käme, und wurde so zum zweiten Feind deutschen Einheitsstrebens.

Philipp Veit (zugeschrieben), Germania, 1848

Reichseinheit

Die Revolution von 1848/49 war zu ideenreich und gleichzeitig zu tatenarm, als dass sie ein geeintes und funktionierendes deutsches Staatswesen hätte instand setzen können. Zusätzlich erwies sich Russland als selbstloser und treuer Bewahrer des legitimen monarchischen Gedankens und rettete den österreichischen Kaiserstaat durch sein Eingreifen in Ungarn. Dieser status quo hielt sich so noch knappe zwei Jahrzehnte.

Das tatsächlich Gefährliche am deutschen Nationalismus war, dass er in einer gewissen Weise eben auch den Versuch der Deutschen darstellte, ihrer eigentlichen historischen Verantwortung zu entkommen. Ihnen war die Würde des Reiches zugefallen, von der sie Gründe hatten anzunehmen, dass sie ihnen kein Glück gebracht hatte. Die im Religiösen und im Idealismus verankerte Vorstellung einer Zusammengehörigkeit der europäischen Völker und eines gemeinsamen Suchens nach Recht und Gerechtigkeit schien veraltet, überholt, tot. Die Nationalstaaten hatten gesiegt, beherrschten den Welthandel und waren dabei, Weltreiche zu errichten. Das wollten die Deutschen nun auch. Sie wollten einen Nationalstaat, der so ist, wie es alle anderen auch waren, und der diesen dann natürlich nur noch als Konkurrent entgegentrat.

Frankreich und Großbritannien wie auch Russland positionierten ihre Weltreiche ebenso zunehmend in Konfrontation zueinander. Fast vergessen war es, dass man nicht nur konkurrierende, sondern auch immer noch überwältigende gemeinsame Interessen hatte. Alle berauschten sich so sehr an der eigenen Weltgeltung, dass man nicht oder nicht mehr erkannte, dass die Kolonialisierung und Europäisierung der Welt nur gemeinsam betrieben und dauerhaft aufrechterhalten werden konnte.

Mitten in dieser Situation erschuf sich dann in der Mitte Europas ein Deutsches Reich. Pragmatisch, instinktsicher und mit größtem diplomatischen Geschick verstand es Bismarck zunächst die Machtbasis Preußens rasch und für die umliegenden Staaten überraschend zu erweitern. Im Krieg gegen Dänemark 1864 wies er noch gemeinsam mit Österreich die das deutsche Nationalgefühl empfindlich verletzenden Ambitionen des kleinen nördlichen Nachbarn, seine Grenzen nach Süden zu verschieben, zurück und gewann in der späteren Folge für seinen König Schleswig-Holstein. Im 1866 geführten Krieg gegen Österreich sprengte er den Deutschen Bund, entschied den seit Jahrzehnten schwelenden Dualismus zwischen den beiden Großmächten auf deutschem Boden und errichtete mit dem Norddeutschen Bund 1867 einen preußisch geführten modernen und föderalen Verfassungsstaat.

Lorenz Clasen, Germania auf der Wacht am Rhein, 1860

Die Geschichte will bis heute darin gern den Anfang des deutschen Nationalstaats sehen. Man kommt der Wahrheit allerdings näher, wenn man in diesem Geschehen eher eine Teilung erkennt. Ein Nationalstaat aller Deutschen hätte nämlich vermutlich die Zerstörung der Habsburgermonarchie nach sich gezogen und unabsehbare Folgen für den gesamten Donau- und Balkanraum mit sich geführt.

Wie existentiell die Rolle des Vielvölkerstaates dort seit Jahrhunderten war, kann vielleicht dann wieder realistisch ermessen werden, wenn man beobachtet, welche Herkulesaufgabe es offenkundig seit dem Zerfall Jugoslawiens in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist, ein Mindestmaß an staatlicher Ordnung allein in Bosnien-Herzegowina aufrecht zu erhalten. Die Zerstörung Österreichs kam folglich nicht in Betracht. Bismarck schonte darum auch den alten Kaiserstaat im Waffenstillstand von Nikolsburg nach der epochalen Schlacht von Königgrätz. Ein protestantisches Übergewicht in Mitteleuropa war jetzt zumindest zu ahnen.

Dem Beitritt der deutschen Staaten südlich der Mainlinie stand aber zunächst noch das Veto Frankreichs entgegen. Es konnte durch Bismarck erst in dem durch Napoleon III. vom Zaun gebrochenen Krieg von 1870/71 überwunden werden. Mit der Kaiserproklamation in Versailles erstreckten sich dann „zwei deutsche Reiche“, wie man in Russland gerne sagte, in der Mitte Europas, die zusätzlich seit 1873 durch ein Bündnis eng miteinander verbunden waren.

Der Frankfurter Frieden vom 10. Mai 1871, durch den auch große Teile des Elsass und Lothringens nach Deutschland zurückkehrten, schuf für ein knappes halbes Jahrhundert eine neue europäische Ordnung. Benjamin Disraeli erkannte rasch, dass dieser Einschnitt in die europäische Geschichte tiefer sein würde, als es derjenige der französischen Revolution gewesen ist.

Weltkrieg

Zwei Bestrebungen trafen seit 1871 radikal und kontrovers aufeinander. Das neue Reich hatte größtes Interesse daran, den gewonnenen Bestand zu bewahren, seine friedliche Entwicklung zu fördern und sich zu diesem Zweck jeder Unterstützung zu versichern, die es bekommen konnte. Bismarcks ruhelose Bündnispolitik war dafür das beste Indiz.

Frankreich hingegen verfolgte verbissen die Revision des Frankfurter Friedens, was ohne die Zerstörung des preußisch-deutschen Staates aber nicht möglich war.

Alle anderen Mächte vertrauten zunächst vollständig den friedlichen und Frieden stiftenden Absichten Bismarcks. Der Berliner Kongress 1878 und die Kongokonferenz 1884/85 waren dafür wichtige Beispiele. Bismarcks Bestreben war es tatsächlich, das Reich im Konzert der europäischen Mächte als „ehrlichen Makler“ zu platzieren. Darüber hinaus gelang es dem Fürsten, das Einvernehmen der drei Kaisermächte immer wieder herzustellen. Diese Konstellation gründete in seiner Überzeugung, dass für das Reich auch ein gewonnener Krieg keinen Siegespreis mehr in Aussicht stellte, der es wert wäre, ihn zu führen.

Das vorwiegend protestantische Deutsche Reich begann, mit seiner Rolle als Mitte und Vermittler etwas von dem zurückzugewinnen, was die Bedeutung des katholisch geprägten Heiligen Römischen Reiches ausgemacht hatte.

Diesem außenpolitischen Konzept trat eine beispiellose wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Entwicklung des Reiches zur Seite. Der Ausbau der Infrastruktur, die Entwicklung der Städte, das Bildungswesen, die Rechtskultur, alle Wissenschaften und die Industrieproduktion machten enorme Fortschritte. Entgegen der sehr spät aufgekommenen kolonialen Ambitionen des Reiches, die durch Bismarck mehr geduldet als befördert wurden, machte das ausgehende 19. Jahrhundert deutlich, dass gar nicht so sehr die weltumspannenden Kolonialreiche eine tatsächliche und dauerhafte Machtbasis waren, sondern die Qualität und Konkurrenzfähigkeit der industriellen Produktion. Das wurde ironischerweise ausgerechnet durch das von den Briten eingeführte Stigma des „Made in Germany“ überdeutlich.

Vielleicht war es ursprünglich tatsächlich der wirtschaftliche Konkurrenzdruck, der es scheinbar mehr und mehr notwendig machte, den Wettbewerber zu diffamieren. Aus Konkurrenten wurden Feinde. Es war der einfachste Weg, die deutsche „Politik der offenen Tür“, wie sie auf der Kongo-Konferenz noch selbstverständlich akzeptiert wurde, in den Marokkokrisen der Jahre 1904 und 1911 als anmaßende deutsche Einmischung und Aggression zu entstellen, obwohl sie in beiden Ereignissen im Kern lediglich auf die Beachtung bestehender Vereinbarungen gedrungen hat.

Die anderen europäischen Mächte nutzten die zugegebener Maßen ungewöhnliche Situation, dass das Reich in der Mitte, die naturgemäß vermittelnde Gewalt, im Gewand eines Nationalstaats daherkam, um dieses zu unterminieren und zu diskreditieren. Der insbesondere nach den Marokkokrisen stereotyp erhobene Vorwurf, das Reich strebe die Vorherrschaft in Europa an, war aus dieser Situation geboren. Allerdings war er vollkommen haltlos, denn die Stellung des Deutschen Reiches war eine ganz natürliche Folge seiner geographischen Lage, der Größe seiner Einwohnerschaft von fast 60 Millionen um 1900, seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung und seiner militärischen Kraft. An den ersten drei Fakten konnte niemand im Reich, selbst wenn er es gewollt hätte, irgendetwas ändern. Die militärische Stärke wiederum war angesichts der Bewaffnung seiner Nachbarn zu keinem Zeitpunkt unangemessen. Selbst die vielgescholtene Flotte des Kaisers erreichte in Europa hinsichtlich ihrer Größe nie mehr als den dritten Platz.

Dennoch blieben die beiden sehr unscharfen Argumente von der Störung des Gleichgewichts in Europa und dem unterstellten deutschen Vormachtstreben bis zum Weltkriegsausbruch bestehen und das, obwohl den „beiden deutschen Reichen“ seit 1908 die verbündeten Weltreiche Großbritanniens, Frankreichs und Russlands gegenüberstanden. Eine merkwürdige, verräterische Situation.

Es ist demaskierend, dass gerade die Briten sich ihres eigenen Ranges offenbar so wenig gewiss waren, dass sie sich 1904 dem allein auf die französische Revanche gegründeten russisch-französischen Bündnis zuordneten.

Frankreich ließ sich ausschließlich vom Revanchestreben und Großbritannien von einer panischen Furcht vor einer deutschen Vorherrschaft leiten. Welche realen Ziele sollten sich aber daraus ableiten? Weder an den geographischen Gegebenheiten von Fläche und Bevölkerung, noch an der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklungen im industriellen Zeitalter konnte man irgendetwas ändern.

Darüber hinaus stand die Politik der hemmungslosen nationalen Konkurrenz in einem merkwürdigen Gegensatz zur kosmopolitischen Struktur der Herrschenden. Die Mutter des Deutschen Kaisers war eine Engländerin mit deutschem Vater, an der Spitze Ungarns stand eine deutsche Dynastie, die russische Zarin war eine Deutsche, der König Rumäniens gehörte zum Hause Hohenzollern und die Könige Belgiens, Bulgariens und Großbritanniens zur Familie Sachsen-Coburg. Darin bildete sich noch immer sehr viel von dem traditionell universalen und übernationalen Europa ab, wie in Jahrhunderten weitgehend friedlich gewachsen war. Die Monarchen jener Jahre waren nicht aus der Vergangenheit überdauerte Potentaten, sondern Identifikationspunkte der Zusammengehörigkeit, wie zur Hochzeit der einzigen Kaisertochter 1913 in Berlin noch einmal sichtbar wurde.

Dennoch ereignete sich der ungeheuerliche Versuch, diese Wirklichkeit selbst zu überwinden.

Mit dem Attentat von Sarajewo kam dazu scheinbar die Gelegenheit. Was in Deutschland niemand für möglich gehalten hätte, trat ein. Russland, Frankreich und dann auch Großbritannien begaben sich auf die Seite der Mörder, obgleich vollkommen unstrittig war, dass Serbien das Attentat unterstützt hatte.

Friedrich August von Kaulbach, Germania, 1914

Der nach dem Krieg viel gerügte und als wichtigster Beweis für eine Kriegsschuld Deutschlands angesehene Blankoscheck war der Tatsache geschuldet, dass man deutscherseits in dieser Frage einen großen Krieg für ausgeschlossen hielt, weil die Verantwortung für das grausame Attentat auf Franz Ferdinand d´Este und seine Gemahlin, Herzogin Sophie von Hohenberg, zweifelsfrei feststand und sich die Auseinandersetzung auf Österreich-Ungarn und Serbien lokalisieren würde. Dennoch wurde ein Krieg  vom Zaun gebrochen, in dem Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich auf der einen Seite und Russland, Frankreich, Großbritannien und zuletzt auch die USA auf der anderen Seite standen und dem über 10 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Bemerkenswerter Weise gingen die letzten verzweifelten Versuche, den Frieden doch noch zu wahren, vom Deutschen Kaiser und vom Zaren Russlands aus.

Die Hauptlast der militärischen Leistung auf Seiten der Mittelmächte trugen die Deutschen. Nur durch den Widerstandswillen ihrer Heere hielt man über vier Jahre stand. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass es in Europa ein reales Gleichgewicht der Kräfte gab, dann war er in diesen vier Jahren erbracht worden. Im November 1918 gaben die Mittelmächte dann auf, obgleich sie kaum mehr erschöpft waren als Frankreich und Großbritannien.

Katastrophe

Die eigentliche Katastrophe trat erst nach dem Ende der Kampfhandlungen ein. Ähnlich naiv, wie man auf deutscher Seite am Anfang des Krieges wenigstens auf die Vernunft der Briten gehofft hatte, die mit ihrer Neutralität dem Wahnsinn Grenzen gesetzt hätten, vertraute man nun auf die Fairness der Amerikaner, die für einen gerechten Frieden sorgen sollten. Wie aber hätte der aussehen können nach der grauenhaften Zahl von Toten?

Der amerikanische Präsident präsentierte einen Friedensplan, der an den Wirklichkeiten des Kontinents vorbeiging und sein wichtigstes Prinzip, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, hinsichtlich der größten Nation Europas gar nicht bereit war, zur Anwendung zu bringen. Außerdem sprach er schon vorab eine absurde Verurteilung aus, indem er die 1871 im Frankfurter Frieden vereinbarte Rückkehr von Elsass-Lothringen in das Reich als ein Unrecht bezeichnete, „das den Weltfrieden über 50 Jahre hinweg erschüttert hat“.

Wie vergiftet jetzt schon die Verhältnisse waren, zeigte sich hinsichtlich der Österreichfrage. Der Zusammenbruch Österreich-Ungarns veranlasste die Deutschen dort, im verbliebenen der „beiden deutschen Reiche“ Zuflucht zu nehmen. Die "Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich", die sich am 21. Oktober aus den 1911 gewählten Reichsratsabgeordneten des deutschen Siedlungsgebietes der Habsburger Monarchie konstituiert hatte, verabschiedete am 12. November 1918 eine Verfassung für den neuen Staat. Deren Artikel 2 lautete: "Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik" und machte damit vom Selbstbestimmungsrecht der Völker Gebrauch, das zur entscheidenden Grundlage des neuen Europas werden sollte.

Damit wäre zwangsläufig, trotz des verlorenen Krieges, ein deutscher Staat in der Mitte Europas zustande gekommen, der noch größer, und, da er im Inneren unzerstört war, auch wirtschaftlich noch stärker gewesen wäre, als es das Vorkriegsdeutschland gewesen ist.

Was also hätten die Sieger erreicht?

Der um das angeblich gestörte Gleichgewicht in Europa geführte Krieg hatte erwiesen, wie austariert das Gleichgewicht in Europa tatsächlich war, und nun erst in seinem Ergebnis jede Aussicht auf Gleichgewicht und Stabilität für Jahrzehnte zerstört. Der tiefe Fall Russlands und die Zerstörung der Doppelmonarchie öffneten der Anarchie und dem Verfall alle Tore. Man hatte Gefahren heraufbeschworen, die in einem auch nur im Ansatz vergleichbaren Maß zu keiner Zeit vor dem Ausbruch des Krieges bestanden. War vor diesem Hintergrund die Zugehörigkeit des weitgehend deutsch besiedelten Elsass-Lothringens tatsächlich eine relevante Frage? Hätte nicht jeder verantwortlich handelnde Politiker Frankreichs vor dem Krieg Rechenschaft darüber geben müssen, wie ein zu gewinnendes Gebiet gegen einen viel mächtigeren Gegner dauerhaft behauptet werden sollte?

Wie sollten die „Siegermächte“ das nun angerichtete totale Desaster vor ihren Völkern rechtfertigen?

Es gab nur einen Ausweg. Man musste die besiegte Macht vollständig moralisch dämonisieren, um das stattgefundene Morden irgendwie zu begründen. In Versailles wurde den Deutschen ein Diktat zugemutet, wie es in der Geschichte bis dahin noch nicht vorgekommen war. „Deutschland verzichtet“ war das bestimmende Schlagwort, durch das für absehbare Zeit vor allem eines ganz und gar unmöglich gemacht wurde: Der Frieden.

Das größte Volk, die stärkste Macht des Kontinents wurden ausgeplündert, gedemütigt, entmilitarisiert und dadurch schutzlos gemacht, durch die Reparationen ruiniert und kollektiv als Verbrecher diffamiert. Es wurde die Geschichte umgedeutet und entgegen von Vernunft und Wahrheit der Kriegsschuldartikel 231 in die Welt gesetzt. Ausgerechnet die Moral wurde zur parteiisch eingesetzten Waffe erniedrigt, um den Gegner dauerhaft niederzuhalten. Das hat die Kultur des Umgangs der Staaten miteinander fast vollständig vergiftet.

Wir wollen nur kurz daran erinnern, dass der Krieg im Jahr 1914 nicht als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele geächtet, also nicht unmoralisch war. Jeder souveräne Staat hatte das Recht auf den Krieg. Er musste dann aber auch natürlich das Risiko in Kauf nehmen, diesen unter Umständen zu verlieren. Aber gerade dann konnte er sich bis 1918 immer darauf verlassen, dass nach dem Ende des Krieges Sieger und Besiegte den Frieden aushandelten. So geschah es 1815 in Wien, 1871 in Frankfurt, 1898 im Vertrag von Paris zur Beendigung des Spanisch-Amerikanischen Krieges, und Woodrow Wilson wäre natürlich niemals auf die Idee gekommen, die nun nur 20 Jahre zurückliegende Annexion Puerto Ricos als Unrecht an Spanien zu deklarieren, 1902 in Vereeniging, zur Beendigung des Burenkrieges, wo Großbritannien übrigens gezeigt hatte, wie sehr ihm die Bedeutung von Großmut und Entgegenkommen als Grundlagen dauerhaften Friedens bewusst war, und 1905 im Vertrag zu Portsmouth unter amerikanischer Vermittlung, zur Beendigung des Russisch-Japanischen Krieges. Erst in Versailles wich man davon radikal ab.

Die Sieger hatten nämlich militärisch keines ihrer Ziele erreicht. Deutschland blieb die größte Nation Europas. Seine Schwächung, selbst nach den gewaltigen Anstrengungen der vier Kriegsjahre, würde unter normalen Bedingungen nur kurzzeitig sein und dann würde sich eine zugespitzte Situation ergeben, denn die Westmächte waren alles andere als gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen.

Der Weltkrieg hatte nach ihrem Verständnis kein Problem gelöst und sollte darum mit anderen Mitteln fortgesetzt werden. Die Macht Deutschlands sollte durch Rüstungsbeschränkung, durch wirtschaftliche Ausplünderung ungekannten Ausmaßes und durch Gebietsabtretungen dauerhaft niedergehalten werden. Eine wahnwitzige Idee, die nur durch die Verzweiflung über den völlig sinnlosen Tod von Millionen Menschen erklärt, aber auch dann nicht gerechtfertigt werden kann. Am verhängnisvollsten war der totale Bruch mit allen bisherigen völkerrechtlichen Gepflogenheiten und Grundsätzen.

Die Deutschen sollten neben dem vielfältigen Elend, das sich in der Folge von Krieg und Revolution ergab, das alles ertragen und zusätzlich in einer neuen staatlichen Ordnung leben, die mit allen ihren ein Jahrtausend alten Traditionen brach, permanent instabil und korrumpiert war und durch die Drangsalierungen der Sieger keinen einzigen wirklichen Erfolg aufweisen konnte. Die Inflation ruinierte alle Ersparnisse der Menschen und die zunehmende Polarisierung der Parteien demolierte jedes Vertrauen in die staatliche Verfassung.

Was sollte aus dieser Konstellation folgen?

Auf der anderen Seite standen Siegermächte, die ihre eigenen Ressourcen so sehr geschwächt hatten, dass sie kaum mehr die Kraft fanden, ihre Weltreiche, die infolge der Aufteilung des Osmanischen Reiches sogar noch größer geworden waren, wirksam zu kontrollieren, und die das Reich in der Mitte Europas, dessen Vorherrschaft sie angeblich verhindern wollten, nun erstmals tatsächlich fürchten mussten, denn es war vollkommen klar und im Deutschen Reich politischer Konsens von ganz links bis ganz rechts, dass man das Versailler Diktat revidieren müsse. Die Weimarer Republik war dadurch in keinem Augenblick ein saturierter Staat, wie es das Kaiserreich sehr wohl gewesen ist.

War das erfolgreiche Politik?

Es wird hier noch gar nicht geredet von den katastrophalen Folgen der bolschewistischen Revolution mit bereits in den 20er und 30er Jahren Millionen von Toten und einer bis in die Fundamente hinein zerstörten, zuvor weitgehend christlichen Kultur.

Einer einzigen Spekulation soll hier kurz Raum gegeben werden. Vielleicht gab es in der Folge der Locarno-Verträge von 1925 die Chance, Europa in der Erkenntnis zu einen, dass der Bolschewismus in Russland eine tödliche Gefahr für alle ist. Es wäre das Bündnis von Demokratien gegen den totalitären Staat gewesen. Es hätte den Weg in die Diktatur vielleicht vermieden, wenn Deutschland, Frankreich und Großbritannien nun die Bannung des Bolschewismus herbeigeführt hätten, so wie Russland, Preußen und Großbritannien 1814/15 Napoleon schlugen oder 1686 vor Wien die Türken gemeinsam besiegt wurden. Es wäre eine Rückkehr zum Gemeinschaft stiftenden Geist Europas möglich gewesen. So wehten denn durch jene Monate neblige Gedanken vom Vereinten Europa. Sie setzten sich aber nicht durch. Noch immer war für Großbritannien und Frankreich Deutschland die überragende Gefahr, selbst in Zeiten der Demokratie und der Fesselung durch die Bestimmungen von Versailles. Die Furcht vor der beherrschenden Macht in der Mitte des Kontinents war inzwischen paranoid und die Bekämpfung Deutschlands zum Selbstzweck geworden. Zynisch könnte man sagen, dass die Westmächte es dankbar verfolgten, wie mit dem Preußenschlag 1932 die Demokratie im Deutschen Reich Schritt für Schritt abgeräumt wurde, und ein Staat in Erscheinung trat, gegen den man ungezügelte Feindschaft aufbieten konnte.

Der Kampf gegen die überstaatliche und übernationale Ordnung und damit gegen das Wesen Europas trat in sein letztes Kapitel.

Implosion

Die Folge derartiger Ausweglosigkeiten ist dann immer die Radikalisierung, und genau die trat nun auch ein.

Welche realen Optionen gab es, nach der Machtergreifung Hitlers und dem zunächst langsamen und dann immer schneller werdenden machtpolitischen Wiederaufstieg Deutschlands? Die Ziele Hitlers waren ganz ohne Zweifel von Anfang an die völlige Revision von Versailles und der Sieg über den Bolschewismus. Hätte man ihn aber diesen Kampf siegreich führen lassen, dann hätte das seine tatsächliche und völlige Vorherrschaft in Europa bedeutet. Das also, was man dem Kaiserreich immer nur angedichtet hat, wäre durch den Diktator real erreicht worden. Ein Gipfel perverser Logik, dem man nun gegenüberstand.

Dennoch gab es starke Kräfte in Großbritannien und auch in Frankreich, die sogar bereit waren, diese Entwicklung zuzulassen, so groß waren Erschöpfung und Kriegsunwilligkeit noch immer nach dem letzten ruinösen Ringen. Durchgesetzt haben sie sich nicht. Nachdem das Wesen und die innere Struktur Europas in ihrer Balance aus Universalismus und Partikularismus im I. Weltkrieg vollständig zerstört worden war, trat nun die Frage nach der totalen Beherrschung Europas, die man im ausgehenden 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert als politische Fiktion ständig beschworen hatte, als reale Bedrohung hervor.

Die Westmächte hatten nicht mehr das Potential, die absurde Ordnung von Versailles zu verteidigen. Kaum reichten die wirtschaftlichen und militärischen Kräfte, um die eigenen Weltreiche zum Schein aufrecht zu erhalten. Die Befreiungsbewegungen in aller Welt hatten sehr genau begriffen, was mit den Ergebnissen des I. Weltkrieges eingetreten war – nämlich der Bankerott des Führungsanspruchs, nicht der einen oder der anderen Macht, sondern ganz Europas. Die Europäisierung der Welt als Zivilisationsprojekt war nämlich immer ein gemeinsames Unternehmen der Mächte.

Die Option der Westmächte war es daher nur noch, Deutschland daran zu verhindern, den Kampf gegen den Bolschewismus erfolgreich zu führen. Dadurch zwang man das III. Reich zunächst in den Krieg nach Westen und scheute später auch nicht das Bündnis mit dem bolschewistischen Russland. Die Folgen sind bekannt.

Wenn es also das Ziel war, eine hegemoniale Stellung des totalitären Deutschlands zu verhindern, dann hatte man das um den Preis der Zerstörung Europas vielleicht erreicht. Gleichzeitig hatte man die Hegemonie Amerikas und des kommunistischen Russlands für ein knappes halbes Jahrhundert herbeigeführt und die eigene Weltgeltung vollständig verspielt.

War das erfolgreiche Politik?

War das sinnvoll oder auch nur zu rechtfertigen angesichts der Tatsache, dass sich nun die Stellung Deutschlands, nur 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und trotz der territorialen Reduzierung, wiederherstellt, und das auch wieder nur, weil die Deutschen in der Mitte Europas das zahlenmäßig größte Volk und durch ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ein entscheidender Faktor sind?

Fast könnte man sagen, wir stehen in einem Zeitalter nach zwei sinnlosen Kriegen, in denen man versuchte, die Wirklichkeit zu überlisten. Es waren sämtliche Grundlagen einer wirksamen übernationalen Ordnung, auf die Europa doch so dringend angewiesen war, zerstört. Der christliche Glaube als bestimmende geistige Identität und die großen Reiche als zwischen den Nationen vermittelnde und sie verbindende Größen sind verschwunden. Das, was für eine Weile als europäischer Einigungsprozess zustande gebracht worden war, konnte kaum mehr sein als ein sichtbares Ergebnis der allgemeinen politischen Erschöpfung, durch den die sich schleichend fortsetzende Selbstzerstörung noch wenige Jahrzehnte kaschiert werden konnte. Es hat aber keine Zukunft.

Das Europa, an das anzuknüpfen wäre, wird ja als Bedrohung angesehen. Das Europa aber, das man als eine politische Union errichten will, soll die Überwindung dessen werden, was Europa einmal war. Auch das ist wieder dieser für das Zeitalter so typische Kampf gegen die Wirklichkeit. Am Ende im Grunde wieder ein Versuch, die Menschen umzuerziehen und sie ganz zum Guten zu bekehren, ohne dass überhaupt noch erklärt wird, worin „das Gute“ denn nun noch bestünde, weil man es gar nicht könnte. Die Feindschaft zur Wirklichkeit bedeutet eben nicht nur Leugnung der historischen Empirie, sondern lebt vor allem von der Auflösung dessen, was in Tradition, Gesittung, Glauben noch überliefert ist und Halt für die Existenz gab. Aus dem planierten Trümmerfeld soll dann etwas Großartiges erwachsen. Die letzte Illusion. Es bleibt aber nur Leere.

Thomas Roloff

Heilig-Blut-Kathedrale, Jekaterinburg

Freitag, 21. Juni 2013

Über Beutestücke

aus dem "Schatz des Priamos", heute im Puschkin Museum, Moskau

Bekanntlich neige ich nicht dazu, die Gegenwart kommentieren zu wollen, aber soviel Chuzpe wie eben, so lautet wohl das Wort dafür, die läßt einem doch keine andere Wahl.

Als das damals Sowjetunion genannte Rußland vor 68 Jahren den Krieg gegen das Deutsche Reich gewann – lassen wir einmal alle abgeforderten Begleitformeln, selbst die vielleicht berechtigten, beiseite – da genoß es diesen Sieg, wie es seit Jahrtausenden der Brauch ist, Annektierung von Land, Inbesitznahme von Menschen und Dingen, die von Wert scheinen, eben auch Kunstwerken. So entstand u.a. das Thema der sogenannten „Beutekunst“, das nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder zur praktischen Frage wurde.

Zufälligerweise weiß ich, daß damals, als Deutschland vor allem ein erweitertes Westdeutschland mit all seinen neueren Prägungen war, ziemlich viel bei deren möglicher Rückgewinnung durch bürokratische Arroganz versemmelt wurde, das war in der Vor-Putin-Ära. Aber über vergossene Milch zu lamentieren...

Ich halte der Kanzlerin zugute, daß sie bei diesem Thema nicht eingeknickt ist. Ich bin wahrlich nicht ihr größter Fan, aber zu ihrem Amt gehört nun einmal, die Rechte des Landes zu vertreten  das sie repräsentiert. Das hat sie, glaube ich, gerade getan.

Den heutigen Abendnachrichten entnehme ich, daß Frau Merkel nun doch, nachdem man ihr dies zunächst zu verwehren suchte, „eine Bronzezeit-Ausstellung mit viel Beutekunst in St. Petersburg eröffnet“ hat, mit einer Rede, gemeinsam mit Herrn Putin. "Wir sind der Meinung, dass diese Ausstellungsstücke wieder zurück nach Deutschland kommen sollten", habe sie gesagt, und bezog sich dabei auf die 600 geraubten Exponate, die nun erstmals in der Ausstellung in der Eremitage gezeigt werden.

Putin habe erwidert, man solle bei dem Thema aufhören, gegenseitig Forderungen zu einer Rückübertragung zu erheben. Ansonsten würde die Türkei auch die Herausgabe der Schliemann-Schätze aus Deutschland fordern können. Und allein das war der Punkt, warum ich mich dieses kurzen Einwurfs nicht erwehren konnte. Denn der Schatz des Priamos (auch bekannt als Gold von Troja) von Heinrich Schliemann, einem Mecklenburger Landsmann in Troja entdeckt, befindet sich derzeit wo? Wie inzwischen offiziell zugegeben? Nun in Rußland!

Sophia Schliemann mit Schmuck aus dem "Schatz des Priamos"

Und wenn man sich so gewiß ist, daß all dies längst „mit dem Blut sowjetischer Soldaten bezahlt" worden sei und daher rechtmäßig in Besitz genommen, warum mußte man dann diese doch so offenbare Tatsache über Jahrzehnte verleugnen?

Was einem an diesem gegenwärtigen Rußland so unangenehm aufstößt, ist diese Unaufrichtigkeit, ja Dreistigkeit, die weit über das hinausgeht, was politisch erwartbar und auch bei anderen lichten Gestalten wie einem gewissen amerikanischen Präsidenten vorzufinden ist. So hat mir also Herr Putin Frau Merkel sympathischer gemacht, keine geringe Leistung.