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Dienstag, 17. Juli 2018

Zum Gedenken an Nikolaus II. von Rußland

Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra
und den fünf gemeinsamen Kindern (1913), hier gefunden

Manchmal wird ein ganzes Leben aus seinem Tod gerechtfertigt. Heute ist der Gedenktag des Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche Nikolaus II. von Rußland und seiner Familie. In der Nacht auf den 17. Juli 1918 wurden sie mit ihren letzten Getreuen im Keller des Ipatjew-Hauses in Jekaterinburg durch die sog. „Bolschewiki“ hingemordet. Als Nikolaus dessen gewahr wurde, was die Absicht der Mörder war, stellte er sich in einer denkwürdigen Wendung vor seine Gattin Alexandra, die 4 Töchter und den Zarewitsch Alexei, als könne er mit seinem Leib die Kugeln aufhalten, die seiner Familie galten. Erfolglos natürlich. Die Töchter hatten in ihre Kleider Schmuckstücke eingenäht, und als die Kugeln deswegen von ihnen abprallten, wurden sie mit Bajonetten niedergestochen, bis ihr Wimmern erstarb.

Nikolaus II. nach der Abdankung, März 1917

Vor 100 Jahren begann die vollendete Selbstzerstörung Europas ihre dämonischen Folgen auszuspeien und dem sinnlosen Grauen des Krieges folgte ein Jahrhundert des Irrsinns. Die Hinmordung der Zarenfamilie ist darin ein sinnfälliges Ereignis.

„Wir haben eine neue Moral. Unser Humanismus ist absolut, denn er gründet sich auf den Wunsch nach Abschaffung jeder Unterdrückung und Tyrannei. Uns ist alles erlaubt, denn wir sind die ersten in der Welt, die das Schwert nicht erheben, um zu unterdrücken und zu versklaven, sondern im Namen der Freiheit… Wir führen nicht gegen einzelne Krieg, wir wollen die Bourgeoisie als Klasse vernichten.“ („Das Rote Schwert“ 18.8.1919, Zitat hier gefunden)

Aus dem „Roten Schwert“ sprach die Tscheka, das spezielle Terrorinstrument der Bolschewiki. Und die Vernichtung als Klasse ist sehr wörtlich und vor allem physisch zu verstehen. Hinter dem Codewort „Bourgeoisie“ steht alles, was der Gesellschaft Struktur, Kompetenz und Bedeutung gegeben hatte -  Gelehrte, Geistliche, freie Bauern, Offiziere, Kaufleute, Beamte… Diese Menschengruppen wurden umgebracht, ausgehungert, mindestens dezimiert, bis die Gesellschaft soweit atomisiert worden war, daß das Unterste nach oben gekehrt frei lag und man sein großartiges Menschheitsexperiment einer völlig neuen „freien“Gesellschaft beginnen konnte.

Schätzungen gehen von mindestens 20 Millionen Toten der Revolution aus (Die Revolutionäre waren nicht sehr bekannt für eine akkurate Buchführung über ihre Opfer). Alexander Solschenizyn, der Chronist des „Archipel Gulag“, schrieb von vierzig bis fünfzig Millionen Häftlingen, die die späteren Lager bevölkerten oder dort starben. Ab wie viel Millionen ist eine eigentlich “gute Idee” ein wenig diskreditiert?

Allein die Zahlen sind so monströs, daß das Vorige, weswegen dies doch alles angeblich notwendig geworden war, in den schwärzesten Farben gemalt werden mußte Und man war damit erfolgreich. Noch heute wird die historisch desinteressierteste Putzfrau (und warum sollte sie sich interessieren) zumindest von jemandem gehört haben, daß die russischen Zaren etwas sehr Böses waren. Über das danach wird sie eher nichts wissen.

Nun wie böse?  Üblicherweise wurden Straftäter (ob politische Gefangene oder wirkliche Verbrecher) nicht getötet, sondern nach Sibirien verbannt (so Lenin 1897 - 1900 und Stalin 1913 - 1917 in das damalige Gouvernement Jenisseisk). In den zaristischen Straflagern sollen in den 1830er Jahren 8.000, zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu 30.000 Menschen gefangengehalten worden sein (insgesamt, wie gesagt).

Von 1825 bis 1917 - 6360 politisch Verurteilte, davon 3932 hingerichtet. Das mag man alles finden, wie man will, aber es wurden jedenfalls nicht systematisch Menschen umgebracht, und die Größenordnungen unterscheiden sich im Verhältnis von vielleicht 1 : 10.000. Diese Zahlen werden aber niemanden beeindrucken, weil sie die „gefühlte“ Wahrheit nicht berühren, allenfalls wird man„moralische“ Empörung über diese Art von Buchhaltung hören (Man tue sich nur einmal den Tort, in die Kommentare zu den wenigen Artikeln zu schauen, die aus Anlaß dieses Datums geschrieben wurden).

Nun galt das Zarenreich in Westeuropa auch vor 1917 durchaus als rückschrittlich, repressiv etc. Beispielsweise hielt man in der Reichsregierung eine formelle Kriegserklärung an Rußland für geboten, weil man damit die öffentliche Meinung, einschließlich der Sozialdemokratie, auf seiner Seite wußte.

Jekaterinburg, Kathedrale auf dem Blut

Aber wir wollen uns gar nicht in die Frage vertiefen, wie rückschrittlich Rußland am Ende der Zarenherrschaft tatsächlich war und woran sich Fortschritt eigentlich bemißt. Und es geht mir beim besten Willen nicht um eine Apotheose des Zarentums. Was mit weiterem Grausen erfüllt, ist etwas sehr anderes, nämlich das Bild, das entsteht, nachdem man sich in die Zeit vor Ausbruch des 1. Weltkrieges vertieft hat.

Und jetzt müßten wir das ganze alte Europa in den Blick nehmen. Es ist eine wirkliche Quälerei. Man hatte einen Höchststand von Kultur und Zivilisation erreicht, Technik und Wissenschaft erblühten, sozialer Fortschritt wie Lebenserwartung, Bildungsstand, die materielle Grundlage des Lebens breitester Schichten verbesserten sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Europa wurde zu einem Leitbild für die Welt (auch wenn dieses heute als kolonialistisch herabgesetzt wird).

Doch die Großmächte beäugten sich mißtrauisch und sorgten sich um ihre Einflußzonen! Das Empire neidete dem Deutschen Reich den wirtschaftlichen Aufstieg und das damit einhergehende wachsende politische Gewicht, Frankreich suchte Revanche für 1871, Rußland und Österreich-Ungarn rangen um die Beherrschung des Balkan, Rußland wollte das Osmanische Reich beerben und mindestens die Dardanellen für sich.

Und all diese politischen Planungen, Intrigen und Aktionen gingen mit einer Sorglosigkeit und Ignoranz, Eitel- und Böswilligkeit, mit selbstgefälliger Ahnungslosigkeit gepaart einher, daß es einen eben graust (da man heute die Folgen kennt).

Daß die Briten der erfolgreiche germanische Konkurrent mißmutig machte, ist noch plausibel (man spürte, man hatte seine Kräfte überspannt, und sah sich gleichzeitig mit einem gottgegebenen Recht auf Weltherrschaft versehen), Frankreichs Groll, nun ja. Aber Rußland? Die Motive der politisch bestimmenden Kräfte Rußlands bleiben rätselhaft. Man kann zwar nicht bei der noch herrschenden (west-) deutschen Geschichtswissenschaft, aber doch inzwischen bspw. bei Christopher Clark nachlesen, wie mindestens die politische Führung Serbiens in das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger verwickelt war. Wie Rußland dann Serbien ermunterte und nach der Kriegserklärung der Monarchie an Serbien gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn mobil machte.

Es war eben leider Zar Nikolaus II. der 1914 mit der Generalmobilmachung der russischen Armee die Aktivierung der Bündnisverpflichtungen in Gang setzte, die in den Ersten Weltkrieg münden sollten. Es geht nicht um einseitige Schuldzuweisungen. Die europäischen Mächte hatten gewissermaßen kollektiv den Verstand verloren. Aber Rußland, das mit dem 1905 verlorenen Krieg gegen Japan und den folgenden Unruhen noch hinreichend strapaziert war, sich innerlich erkennbar instabil zeigte - das letzte, was Rußland gebrauchen konnte, war ein weiterer Krieg. Das schwache alte Rußland hat mit seiner Unterstützung Serbiens und dem, was daraus folgte, gewissermaßen eine Art von Selbstmord begangen. Und für was, die Dardanellen?

Was brachte Nikolaus II. zu diesem Schritt? Zunächst, war es wirklich sein ureigenstes Anliegen? Zar Nikolaus wird gemeinhin als geistig wenig interessiert, ja entscheidungsschwach beschrieben, dafür aber ausgeprägt konservativ.

Zu  letzterem. Sein Großvater Alexander II. wurde 1881 Opfer eines Attentats. Der damals zwölfjährige Nikolaus war Zeuge seines Todes. Das dürfte ihn nicht ganz unbeeindruckt gelassen haben. Er galt nicht als unsensibel, und wenn er stark gespürt haben sollte, wie die Dinge wegzubrechen drohen, sich dann an einer Art von Konservativismus festzuhalten, nun ja. Er wuchs nach dem Attentat ziemlich abgeschirmt auf, ebenfalls nachvollziehbar, galt als charakterlich gefestigt, pflichtbewußt, aber eher schüchtern. Sein Vater hielt es nicht für erforderlich, ihn frühzeitig wirklich auf das Zarenamt vorzubereiten, starb aber bereits am 1. November 1894. Das machte Nikolaus mit 26 Jahren (nach gregorianischem Kalender am 18. Mai 1868 geboren) zum Herrscher. Daß jemand unter diesen Umständen Neuerungen gegenüber nicht unbedingt aufgeschlossen ist und von Ratgebern abhängig, was Wunder.

Hinzu kommt, daß seine tief religiöse Gattin, welche er zutiefst verehrte, ihn kaum zu unterstützen vermochte. Als 1904 endlich Thronfolger Alexej zur Welt kam (man befand sich gerade im Krieg mit Japan), erwies es sich, daß er die „Bluter“-Krankheit hatte. Das befeuerte den Aberglauben im Volk (welches bereits voreingenommen war, 1896 etwa hatte sich beim Volksfest auf dem Chodynkafeld anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten eine Massenpanik mit 1389 Opfern ereignet). Die Niederlage machte ein übriges. Man mißtraute der „Deutschen“,  noch gesteigert, als diese verzweifelt Hilfe für den Thronfolger Alexej vom „Wunderheiler“ Rasputin erhoffte (der schließlich im Dezember 1916 von nahen Verwandten des Zaren ermordet wurde). Irritierenderweise gibt es Berichte, daß sich der Gesundheitszustand Alexejs tatsächlich gebessert hatte.

Man kann aber vermuten, daß auch Nikolaus selbst Ziel des Mißtrauens patriotischer und panslawistischerer Kreise wurde, die erheblich Auftrieb hatte, wie ganz Europa vom Furor des Nationalismus geschüttelt wurde (etwas, das besonders die Donaumonarchie bedrohte und woran sie schließlich auch u.a. zerbrechen sollte). Nikolaus‘ Widerwillen gegen den Krieg machte ihn vor diesem Hintergrund förmlich mit dem Vorwurf der Schwäche erpreßbar.

Clark bringt eine interessante Charakterisierung, die wir ausnahmsweise zitieren wollen: „So gut wie alle, die den Zaren kannten..., sind sich einig, dass er zwei Wesenszüge in sich vereinte, die sich schlecht miteinander vertrugen. Das eine war ein überaus verständliches Grauen vor der Aussicht eines Krieges und der damit verbundenen Zerstörung für sein Land; das andere war seine Empfänglichkeit für das hochtrabende Pathos nationalistischer Politiker und Reden, eine Vorliebe für Männer und Maßnahmen, welche die patriotischen Gefühle aufputschten.“ (Die Schlafwandler, S. 654)

Ein dringliches Telegramm Wilhelm II. hielt die Mobilmachung dann auch noch einmal an, für einen Tag. Was immer Nikolaus II. letztlich bewogen haben mag, welche Irrtümer, Illusionen, Schwächen immer. Systematische Bösartigkeit war es nicht. Die blieb anderen Akteuren vorbehalten. Der weitere Fortgang der Dinge läßt sich schnell zusammenfassen. Kurzzeitig gelang es den Russen zwar, in Ostpreußen einzufallen, sie wurden dort aber geschlagen und erlitten danach gegen die deutschen Truppen eine Niederlage nach der anderen. Gegen die Österreicher war man zwar etwas erfolgreicher, aber im ganzen war die Kriegsführung desaströs und mit großen eigenen Opfer verbunden. Die Armee begann zusammenzubrechen, Hungerunruhen Anfang 1917 besiegelten das Ende. Der Zar dankte ab und wurde von der bürgerlichen Regierung, die auf die „Februarrevolution“ gefolgt war, unter Hausarrest gestellt. Nach dem Putsch der Bolschewiki im Herbst 1917 fiel die Familie in deren Hände. Das Ende ist eingangs beschrieben.

Nicht nur auf russischer Seite wurde der Krieg mit selbstzerstörerischer Verbissenheit geführt. Für die „Westfront“ gilt dies mindestens in ebensolcher Weise. Was dabei besonders verstört, ist, daß dieses massenhafte gegenseitige Töten, das beispiellos zur vorigen Geschichte Europas dasteht, um förmlich nichts geführt wurde. Nichts, das irgendeine Art von Sinn ergeben würde.

Wahrscheinlich deshalb mußte man nach Kriegsende alle Schuld auf die Verlierer abwälzen und seitens der Alliierten die monströse Lüge von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands in die Welt setzen und mit dem Versailler „Frieden“ den Krieg gewissermaßen auf andere Art fortführen.

Das Grauen, das uns angesichts dieser Ereignisse entgegentritt, geschieht sozusagen in drei Akten, die Hybris und Verblendung, mit der der Krieg begonnen wurde, das furchtbare Ausmaß der auch moralischen Selbstvernichtung in diesem Krieg und wie diese auch geistige Verwüstung  den Dämonen ein Tor geöffnet hat, durch das sie eifrig einfielen, um das Werk der Zerstörung zu vollenden. Es ist mehr als zynisch, daß die Briten diesen Krieg noch immer „Great War“ nennen. Nichts daran war groß.

Das Ausmaß der inneren Selbstzerstörung Europas, das sich in den folgenden Jahrzehnten zeigt, beschreiben zu wollen, würde jeden überfordern. Darum ist es auch so schwierig, über Gedenktage wie diesen zu schrieben. Denn wer deren Tiefe erahnt, gerade als Konservativer, ist vor allem eines, entsetzt. Und mit nichts macht man sich so lächerlich, als wenn man selbstgefällig über die Geschichte zu Gericht sitzen wollte. Was also bleibt übrig?


Ikone der Zaren-Familie

Sicher kein Versuch einer Gegengeschichtsschreibung. Menschen, die davon überzeugt sind, daß es aus höheren Gesichtspunkten gerechtfertigt ist, Kinder zu töten, sind in ihrem verbohrten Ressentiment nicht mehr erreichbar. Aber einfache Beobachtungen sind hilfreich, so wie etwa gegen den Geschichtsrelativismus spricht, daß man zusehen kann, wie die Lügen vergiften und auflösen, also scheint es doch so etwas wie Wahrheit zu geben.

Mögen die Briten weiter an ihren Großen Krieg erinnern, selbst die Überreste ihres Empire zerbröseln ihnen gerade. Mögen die Apologeten einer deutschen Kollektivschuld sich immer tiefer in die deutsche Seele vorgraben, um dort weitere Schichten der Schuld zu finden, wo sie doch eigentlich weder an Deutsches, noch an die Seele, noch an den Wert überindividueller Gemeinschaften glauben.

Wer mit Absichten an die Geschichte herantritt, hat schon verloren. Aber ein Versuch, sie mit interesselosem Bemühen zu sehen, ist vielleicht möglich und entfaltet seine Folgen von selbst. Jetzt mag man mit versteckten Motiven, Perspektiven etc. dagegen anklügeln. Darüber zu räsonieren, lohnt nicht, die Haltung selbst zählt – Kritik, Neugier und Neigung zum Eigenen. Was ist an Neigung interesselos? Nun, wer das Eigene für wertvoll hält, wird es der Wahrheit aussetzen wollen, weil es sich nur in dieser zu erhalten vermag. Und er kann so die Gefährdungen erkennen, die üblicherweise in der Verstellung des Guten, Wohlmeinenden und Vernünftigen daherkommen.

Ganina Jama, Romanov memorial

Mit Pilatus zu reden: Was ist Wahrheit? Wahrheit ist Aufrichtigkeit im Erinnern und das Suchen nach Symbolen der Heilung. Ein Symbol der Heilung ist, daß am 20. August 2000 Nikolaus II. mit seiner Familie unter die Heiligen der Russisch-Orthodoxen Kirche aufgenommen wurde. Die Kirche auf dem Blut in Jekaterinburg, von wo aus hunderttausend Pilger in der Nacht auf den 17. Juli dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Kirill, auf einem 21 Kilometer langen Kreuzweg folgten, in den Wald von Ganina Jama, dem hölzernen Kloster, wo jedem ermordeten Familienmitglied von Hand eine Kirche erbaut worden ist. Das ist Wahrheit.

Aber das ist Religion, höre ich den Einwand. Was sonst.

Nikolaus II. im Kloster der "Heiligen Zarenmärtyrer"
Ganina Jama gewidmete Kirche, hier gefunden

nachgetragen am 20. Juli

Donnerstag, 6. Dezember 2012

St. Nikolaus, erinnert

Nikolaus von Myra, Ikone von Aleksa Petrov, 1294

Es ist kurios, wie der Wechsel der Zeiten und das verrinnende Leben die Erwartungen und das Wiedererkennen verändern. Eben ging mir auf, daß Nikolaus von Myra am 6. Dezember 326 starb, ja eben der (!) Nikolaus. Herr Roloff hatte im vorigen Jahr einiges Lesenswerte dazu zusammengetragen, wer mag, kann es hier finden.

Wir sind es gewohnt, den antikisch - römischen Götterhimmel gewissermaßen als wohlvertrauten Spielgrund unserer Phantasie anzusehen, und ziehen mindestens (verstimmt) die Augenbrauen hoch, wenn wir lesen, wie dieser überraschend volkstümlich gewordene Bischof und Heilige die Göttin Artemis / Diana bekämpfte. Die zur Dämonin abgesunkene Göttin, so liest man, habe als Vergeltung einen Anschlag auf die Kirche von Myra in die Wege geleitet (offenbar eine Art Napalm, merkwürdig). Doch der Heilige warnt die unwissenden Pilger, die getäuscht das Unheil mit sich führen. Sie gießen das „Öl“ ins Meer, das alsbald in Flammen steht, aber den Pilgern keinen Schaden tut.

Man vergißt schnell, daß dies damals noch ein wirklicher Glaubenskampf war, und der Hl. Nikolaus war offenbar dabei ein sehr herausragender Held. Warum nun aber gerade er all diese Idylle auf sich herabzog, nun die verwickelten Wege menschlichen Erinnerns. Ich höre gerade Bachs h-moll-Messe (von Karajan mit den Berliner Philharmonikern), die hat zwar mit dem Hl. Nikolaus nur auf Umwegen zu tun (gewissermaßen vom zerstörten Tempel der Diana zum unzerstörbaren der Herrn Bach), aber ich bringe dennoch etwas daraus. Und außerdem hat Benjamin Britten offensichtlich eine „Saint Nicolas Cantata“ geschrieben, wußte ich bisher nicht, aber ich bin auch zu ignorant.


J. S. Bach, h-moll-Messe (Sanctus), Karl Richter


Saint Nicolas (B.Britten) - Movement No.8. "His Piety and Marvellous Works"

Dienstag, 6. Dezember 2011

Zum Tag des Heiligen Nikolaus


Herr Roloff hat etwas über den Heiligen Nikolaus verfertigt, das ich gern mit der geschätzten Leserschaft teilen will (er ist mir jetzt zwar etwas weniger sympathisch, der Heilige, weil er doch Tempel zerstört hat, aber das wird ein wenig davon ausgeglichen, daß er den Arius geohrfeigt hat, für die Beleidigung unseres Herrn mit seiner Irrlehre, sei es, wie es sei). Nachfolgend also der Text, begleitet von 2 Bildern des hiesigen Weihnachtsmarktes, der sich hier glaube ich Weberglockenmarkt nennt, nun ja.


Bald ist Niklausabend da!
Gedanken zum Tag des Heiligen Nikolaus.


Jeder kennt das Kinderlied in dem es heißt: „Lasst uns froh und munter sein und uns recht vom Herzen freun!“ Nikolaus scheint uns auch noch als Bischof von Myra vertraut zu sein. Was aber wissen wir tatsächlich über diesen Mann, dessen Todestag die Kirche heute am 6. Dezember als seinen Geburtstag zur Heiligkeit feiert.

Nikolaus lebte im ausgehenden 3. Jahrhundert nach Christi. Noch sehr jung wurde er zum Priester geweiht und verteilte sein ererbtes Vermögen an die Armen, womit die Grundlage gelegt war für die vielen Legenden von seiner Großzügigkeit und Freigebigkeit. Nachdem er das Heilige Land bereist hatte, wählte ihn die Gemeinde von Myra zu ihrem Bischof. Er war ein eifernder Diener seines Gottes. Zunächst machte er dadurch von sich reden, dass er die Tempel der Göttin Artemis, deren Verehrung vor allem als Patronin der Seefahrer in Kleinasien weit verbreitet war, zerstörte. Auch der besonders große und prunkvolle Tempel in Myra fiel seinem Zorn zum Opfer. Es ist deshalb wohl auch kein Zufall, dass der Festtag des Hl. Nikolaus auf den 6. Dezember, dem Geburtstag der Artemis, gelegt wurde, und ebenso wenig überrascht es, dass er der neue Patron der Seefahrer werden sollte, wovon bis heute die vielen Nikolaikirchen in den Küstenstädten zeugen.

Besonders schön ist eine Legende, die Nikolaus auch zum Patron der Pfandleiher und Bankiers werden ließ, was für unsere von Bankenkrisen geschüttelte Gegenwart nicht ganz uninteressant sein dürfte. In der Geschichte, die auch ein wenig an innovative Finanzprodukte erinnert, geht es um einen Christen, der sich von einem Juden Geld geliehen und beim Hl. Nikolaus geschworen hatte, es pünktlich zurück zu geben. Als der Betrag fällig wurde, behauptete er nun aber, die Schuld längst beglichen zu haben. Die Sache kam vor Gericht, und der Christ sollte seine Aussage beschwören. Da bediente er sich eines hinterhältigen Tricks. Er verbarg das Geld in einem Stab und bat, als es zu Eidesleistung kommen sollte, den Juden, den Stab zu halten, damit er die Hände frei hätte. Dann schwor er, dass der Jude das Geld habe, nahm seinen Stab zurück und verließ das Gericht.

Hier nun nimmt die Geschichte eine jähe Wendung. Der Schuldner kommt im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder, wird von einem Wagen überfahren und stirbt. Der Jude aber will das über die Straße rollende Geld nur dann zurücknehmen, wenn der Hl. Nikolaus den Mann wieder zum Leben erwecken würde. Als genau das nun auch geschieht, bekehrt sich der Jude zum Christentum. Niemand geht unverändert aus der Geschichte hervor, und am unwichtigsten ist am Ende das Geld.

Wer weiß aber noch, dass Nikolaus auch maßgeblich an der wohl wichtigsten theologischen Auseinandersetzung der frühen Kirche beteiligt gewesen ist? Bedeutung gewann sein Leben nämlich vor allem durch den Kampf gegen den Arianismus und seine Teilnahme am 1. Konzil von Nicäa. Dort wurde die Auseinandersetzung mit jener Irrlehre und ihren Anhängern entschieden. Im Kern ging es um das Wesen Jesu und um sein Verhältnis zum Vater. Arius, nach dem diese Lehre benannt ist, behauptete, Christus wäre nur ein Geschöpf Gottes, vollkommenen menschlichen Wesens und darum aber selbst nicht Gott.

Der Streit war so heftig, dass Arius durch Nikolaus während der Kirchenversammlung sogar geohrfeigt wurde. Allerdings gelang es dem kämpferischen Bischof auch immer wieder, zur Schlichtung beizutragen. Er wird mit den Worten zitiert: „Lassen wir über unseren Zorn die Sonne nicht untergehen.“ So bewahrte die Kirche schließlich die Wahrheit von der Gottheit Christi und drückte sie auf dem Konzil von Nicäa in den Worten aus: „Wir glauben an Christus, geboren nicht geschaffen und eines Wesens mit dem Vater.“ Vater und Sohn sind zwei Personen desselben Gottes, und sie sind wesensgleich. Nur darum kann Christus angebetet und als Herr verehrt werden.

Die Verehrung des Hl. Nikolaus verbreitete sich zunächst in der Ostkirche. In unserer Region wurde sie dann auch folgerichtig durch Theophanu, der aus Byzanz stammende Ehefrau Kaiser Ottos II., stark gefördert. Leben und Nachwirkung dieses Mannes sind schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er bereits im Jahre 351 gestorben ist. Wie immer folgt noch die Bauernregel zum Tag: „Regnet es an Nikolaus wird der Winter streng, ein Graus.“
Thomas Roloff

Freitag, 17. Juli 2009

An die Romanows erinnern


Die Zarenfamilie 1911
hier gefunden

In der Nacht zu heute, am 17. Juli 1918 wurde Nikolaus II. mit seiner Familie ermordet. Ich habe noch einmal nachgelesen, was ich vor einem Jahr dazu geschrieben hatte, mir scheint das immer noch vernünftig, wie auch meine Bemerkungen über das Sühnekloster „Ganina Jama“ hier. Wobei vernünftig den Kern des Gesagten meint, üblicherweise reagiere ich bei solchen Gelegenheiten stark gefühlsmäßig, aber auch das ist, denke ich, nicht gänzlich unangemessen.

Mittwoch, 21. Januar 2009

Barbarei & Erinnerung



Jekaterinburg, Kathedrale des Blutes
gefunden hier

Ich muß gestehen, als ich heute wahrnahm, daß vor 216 Jahren Ludwig XVI. „hingerichtet“ wurde, hatte ich wenig Neigung, etwas dazu zu bemerken, es beginnt schon mit der Wortwahl: „Hinrichtungen“ gehören wohl doch in den Deutungsbereich legitimer Tötung, einmal davon abgesehen, wie man zu der Todesstrafe als solcher steht, das setzt voraus, daß man die Tötenden für legitim hält: Wieso?

Aber ich will unseren französischen Nachbarn und dessen unaufgelöstes revolutionäres Erbe nicht weiter berühren. Denn wie ich, glaube ich, schon einmal bemerkt habe, sind Revolutionen in meinen Augen nur Vorwände, die ganz gewöhnliche Barbaren benutzen, um sich ungestört mit dem beschäftigen zu können, was Barbaren nun einmal am liebsten tun: Auslöschen, Töten und viel Befriedigung darin haben.

Zu den wenigen Vorzügen deutscher Geschichte zählt, daß hier nie ein Herrscher hingerichtet wurde, im Gegensatz etwa zur französischen, englischen oder russischen. Und jetzt kommt das tröstliche Moment ins Spiel, das mich zu diesen Zeilen veranlaßt:

Wie ich gerade zufällig mitbekam, hat man in Rußland in dem Wald, in dem die letzte Zarenfamilie verscharrt worden war, mehrere hölzerne Wallfahrtskirchen erbaut, für jedes Mitglied der Zarenfamilie eine. Über dieses „Kloster im Wald der vier Brüder“ fand ich bei meiner schnellen Suche einen Bericht in diesem Blog:
„In den Wäldern der Gräberfunde ist in den letzten Jahren das Sühnekloster „Ganina Jama“ entstanden. Etwa 20 Kilometer östlich von Jekaterinburg, tief in den Ural-Hügeln, liegen 7 Kirchen – eine für jedes Familienmitglied – über ein weites Areal verstreut. Alle sind aus hellem Holz in altrussischer Tradition, mit kunstvollen Schnitzereien und ohne einen einzigen Nagel, zusammengefügt. Ihre grüngoldenen Kuppeln und Türmchen glänzen zwischen den weißen Birken- und den schwarzen Föhrenstämmen hindurch…“

Ich fand das außerordentlich lesenswert, auch wenn natürlich Menschen dazu neigen, die Welt und die Geschichte auf sehr unterschiedliche Weise zu sehen, bin ich eigentlich schon begeistert, wenn mir Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit bei einem ernsthaften Anlaß begegnen.

Und da ich aus irgendeinem Grund in diesem Kloster einen tröstlichen Aspekt entdecke, diese vorigen Bemerkungen.

Donnerstag, 17. Juli 2008

Gedenktage

Vor 90 Jahren wurde Zar Nikolaus II. mit seiner Familie in Jekaterinburg ermordet. Es dürfte kaum ein Jahrhundert geben, in dem grundsätzlich so vieles falsch gelaufen ist wie im 20.
Das Deutsche Reich gab an dessen Beginn zu den größten Erwartungen und Hoffnungen hinreichend Anlaß, der Fortgang der Geschichte ist bekannt. Es dürfte auch kaum ein Jahrhundert geben, in dem so vieles zerstört wurde, im materiellen Sinne, aber auch im geistigen und moralischen.
Eines dieser betrüblichen Kapitel ist das Schicksal Rußlands und der Anfang des Verhängnisses verknüpft sich sinnfällig mit der Ermordung von Nikolaus II. und dessen Familie, einer Gewalttat, der noch viele folgen sollten im Namen einer Idee, die die Menschheitsbeglückung auf ihre Fahnen geschrieben hatte.
Nikolaus hat zweifelsohne Chancen vertan, die Rußland zu seiner Zeit besaß und viele Herausforderungen einfach nicht erkannt. Allerdings ist eines erstaunlich, es ist immer schwer Wert oder Unwert einer Epoche zu gewichten, aber wenn man schlicht den Grad an Gewalt und der Vernichtung menschlichen Lebens zum Maßstab nimmt, dann ist vor dem Nachfolgenden die nachwirkende negative Wertung der Regentschaft Nikolaus II. unbegreiflich.
Die russische Orthodoxie verehrt ihn heute auf Grund seines Märtyrertodes als Heiligen.