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Montag, 13. Juli 2026

Über Erfindungen von Geschichte

 
M. Tullius Cicero, gewissermaßen der seriöse Gegenpol, von hier

Ich lese gerade mit großem Vergnügen in der Historia Augusta, einem allgemein als Schundwerk spätantiker Geschichtserfindung bekannten Überlieferungsstück. Doch die tägliche Nachrichtenlektüre ruft mich vorübergehend in die mißliche Gegenwart zurück.

Das Unangenehme an Podcasts ist, man hört eben aus der Stimme auch den Habitus der Beteiligten heraus. Dafür muß man das Ganze nicht lesen, sondern kann nebenbei so belanglos alltäglichen wie notwendigen Tätigkeiten nachgehen.

Der umtriebige Journalist Ulf Poschardt hat im Gespräch mit dem tapferen jungen Herrn Mannhart von Apollo News sein neuestes Buch „Bückbürgertum“ vorgestellt und mir während des Zuhörens meinen widerwilligen Respekt zunehmend erworben. 

Zum Glück hat Meister Klonovsky soeben alles, was zu sagen wäre, dazu gesagt. Gruselig fand ich etwas anderes. Ihm wurde offenkundig von einem Leser eine Personenanalyse beider vorgelegt, die eine KI generiert hätte:

„Poschardt ist im Kern ein liberaler Vitalist: Er will mehr Freiheit, Wagnis, Tempo und Eigenverantwortung. Klonovsky ist eher ein konservativer Kulturpessimist: Er will Maß, Gedächtnis, Rangordnung und verlorene Formen bewahren. Der eine fürchtet die lähmende Anpassung, der andere den kulturellen Zerfall.“

Beide seien kluge, unterhaltsame und notwendige Störenfriede, aber auch eitel, selbstverliebt und gelegentlich zynisch. Sie funktionierten hervorragend als Rauchmelder. Aber sie seien nicht die Feuerwehr, und man solle sie nicht mit den Leuten verwechseln, die anschließend das Haus wieder aufbauten.

Diese Beschreibung halte ich für Herrn Klonowsky für reichlich ungerecht, diesen tapferen Arbeiter im Weinberg der Wahrheit. Aber wenn das wirklich KI war, das verstörte mich denn schon. 

Herr K. wolle Maß, Gedächtnis, Rangordnung und verlorene Formen bewahren. Ja, welcher Mensch, der noch leidlich bei Verstand ist, nicht?

Zur Verdeutlichung des Problembergs füge ich ein Bild in zwei Varianten an, das mir zugesandt wurde.


(c) T. Kurschus

Freitag, 25. März 2022

George - eine alte Frau, die wie ein alter Mann aussieht - Lektüreempfehlung

Hans Makart, Charlotte Wolter als „Messalina“, ca.1875, Bild von hier

Herr Klonovsky bespricht in einem seiner jüngsten Beiträge vor allem das Buch „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten” von Friedrich Torberg. Es handele vom Wien und Prag der Vor- und Zwischenkriegszeit. Für Torberg, von dem die hinreißende Wortprägung vom „inneren Doppeladler” stamme, sei der „Untergang Österreichs eine der katastrophalsten Humorlosigkeiten der Weltgeschichte” gewesen.

Es scheint ihm eine Art Trostbuch geworden zu sein, „als jemand, der die heutigen kulturlosen und geistfeindlichen Verhältnisse, unter denen es den woken Garden so kannibalisch wohl geht als wie fünfhundert Säuen, mit angewidertem Hohn betrachtet.“ 

Wiener Café Griensteidl vor 1897, Photo für die Illustrierte "Die vornehme Welt“, Bild von hier

Tatsächlich kann die Melancholie, die einen angesichts des Verlusts der „Welt von gestern“ (Stefan Zweig) befällt, auch etwas schmerzlich Tröstliches haben. Vielleicht, weil sie einem so ganz Anderes ins Bewußtsein ruft und die Umklammerung der Gegenwart dabei für diesen Augenblick lockert, indem sie die Weiten des Möglichen aufzeigt, und zwar einmal real gewordenem Möglichen.

Ihm ist es also gelungen, was mir gegenwärtig eher versagt ist, angesichts des Grusels der Zeiten mit aufbauend Unterhaltsamem aufzutreten.

Wien, Café Central

Da bei ihm besonders die Wiener Kaffeehauskultur gerühmt wird, will ich doch an eine bekannte Anekdote erinnern, die der Herr Bruno Kreisky in einer Pressekonferenz in die Welt gesetzt hat: Sein Vater, während des Ersten Weltkriegs Stammgast im Café Central, habe sie mit eigenen Ohren gehört. 

Heinrich Graf Clam-Martinic soll nämlich auf die Nachricht von der Revolution in Rußland hin erwidert haben:„Gehen S’! Wer soll denn in Rußland Revolution machen? Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central?“. Lew Dawidowitsch Bronstein, schachspielender Stammgast in besagtem Haus, ist geläufiger unter seinem Künstlernamen Leo Trotzki. 

Das nur als Erinnerung, daß auch kultur- und geistvolle Orte nicht davor gefeit sind, daß an ihnen recht Übles ausgebrütet wird. Wir wollen die Idylle also nicht auf die Spitze treiben.

Nachfolgend weiter unkommentiert 4 der Anekdoten. Mehr als eine Einladung, den ganzen Beitrag dort zu lesen.

***

„Rudolf Kommer, eine Art Faktotum des Regisseurs Max Reinhardt, stammte aus Czernowitz und wurde wegen seiner Herkunft und seines Idioms oft geneckt. Als Reinhardt einen seiner berühmten Empfänge auf Schloss Leopoldskron anlässlich der Salzburger Festspiele gab, wir verweilen Anfang der 1930er, befand sich unter den Gästen der Generaloberst Hans von Seeckt, ‚ein ungemein artikulierter, feinsinniger, dem Theatermann Reinhardt verehrungsvoll zugetaner Kunstfreund‘. Kommer war auch an diesem Abend mit Anspielungen auf Czernowitz gehänselt worden und fühlte sich bemüßigt, dem Besucher aus Preußen die Hintergründe zu erklären.

‚Sie müssen wissen, Exzellenz, daß ich aus Czernowitz stamme‘, begann er. ‚Czernowitz liegt im Osten der ehemaligen Habsburgermonarchie und steht im Ruf –‚

Seeckt wehrte mit einer knappen Handbewegung ab. ‚Danke‘, schnarrte er. ‚Habe die Stadt zweimal eingenommen.‘”

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Anton Kuh, ein „literarische(r) Bohemien und geniale(r) Stegreifredner beschrieb ein Porträt von Stefan George mit den Worten: ‚Er sieht aus wie eine alte Frau, die wie ein alter Mann aussieht.‘”

Stefan George, Photo von Theodor Hilsdorf

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„Ein anderer Emigranten-Stoßseufzer aus London: ‚Regnen – das können sie!‘

Oder:

‚Na, wie gefällt’s Ihnen in New York, Frau Zwicker?‘

‚Wie soll es mir gefallen am Balkan?‘”

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Sándor Hevesi, Direktor des ungarischen Nationaltheaters nahm die Klage eines jungen Regisseurs entgegen, der vor seinem Hauptdarsteller in einer Inszenierung des King Lear geflohen war. “Hevesi hört sich seine Beschwerde ruhig an und sagt beschwichtigend: ‚Lieber junger Freund, Sie dürfen sich nicht kränken, und Sie dürfen sich nicht wundern. Bedenken Sie doch, mit wem Sie es zu tun haben: ein erwachsener Mensch, der sich jeden Abend einen Bart ins Gesicht klebt – schreit, daß er der König ist – und glaubt’s!‘”

Gibson-Zimmer im Café Museum, 19. April 1899 (Tag der Eröffnung), Adolf Loos am rechten Bildrand stehend, Bild von hier

Sonntag, 1. Januar 2017

Auf ein gutes Neues Jahr


Furtwängler dirigiert Beethovens 9. Symphonie d-moll, März 1942

Peter Rosegger

Gedicht zum Neuen Jahr

Ein bißchen mehr Friede und weniger Streit, 
Ein bißchen mehr Güte und weniger Neid, 
Ein bißchen mehr Liebe und weniger Haß, 
Ein bißchen mehr Wahrheit - das wäre doch was!

Statt so viel Unrast ein bißchen mehr Ruh', 
Statt immer nur Ich ein bißchen mehr Du, 
Statt Angst und Hemmung ein bißchen mehr Mut 
Und Kraft zum Handeln - das wäre gut!

Kein Trübsal und Dunkel, ein bißchen mehr Licht, 
Kein quälend Verlangen, ein bißchen Verzicht, 
Und viel mehr Blumen, solange es geht, 
Nicht erst auf Gräbern - da blüh'n sie zu spät! 


Poem for the New Year

A bit more of peace and a bit less debate, 
a bit more of kindness and a bit less of hate, 
a bit more of love and forget jealousy, 
and more of the truth - now that sets us free!

Not so much of strife but of peace to pursue, 
not so much of I but a bit more of You, 
not fear nor despondence but more enterprise 
and strength to take action - now that would be wise!

No sadness and darkness but light let us show, 
no burning desire but a joyful let-go, 
with many more flowers to brighten the fate,
and not just on graveyards - for then it's too late! 

Übersetzung / Translation 
von / by Walter A. Aue


Prof. Aue war so gütig, dies als Neujahrsgruß zu senden, noch ist es auf seiner verdienstvollen Seite auffindbar, aber das könnte sich auch ändern. Das Ändern ist bekanntlich eine Vorliebe des Lebens.

Darüber hinaus wäre das eine oder andere zu erzählen, wir werden sehen. Aber diese herrliche Mischung aus Verriß und Huldigung an und von Beethoven, aus Anlaß von dessen 9. Sinfonie, und nebenbei von Schiller, in Worte gesetzt durch Herrn Klonovsky, auf die muß ich doch verweisen. Genialisch sei er im Instrumentalen, eher unvertraut aber mit der menschlichen Stimme (ich hatte immer gedacht, ich sei der einzige, dem das alles furchtbar schief vorkäme, und mich für diese Ignoranz angemessen geschämt).

„Und während dieses Finalsatzes schoss es mir denn durch den Kopf, dass ich gewissermaßen dem Gründungsdokument der aktuellen "Willkommenskultur" lausche. Die deutsche Weltveredelungs-Hybris, der deutsche Marsch ins Ideal – und sei es auch der in den Untergang –, hier wurde es erstmals Ereignis als ein orgiastisches Kulturfest für die Masse. Schillers Hymnus ist ja sehr edel, hochherzig und mitreißend, bis ins Hysterische ambitioniert, aber eben auch ohne jedes Maß, vollkommen weltfremd und provinziell, was selbst diese Hochsprache nicht kaschieren kann, mit einem Wort: sehr deutsch.“

„Beethoven hat Schillers Bacchanal des Humanismus immerhin in eine Tonsprache gesetzt, die, bei allem forschen D-Dur-Verbrüderungsgetöse, durchaus barbarisch und für den Kulturmenschen befremdlich ist... Er schreibt die Ode 1786. Kurz darauf begann in Paris und anderen französischen Städten die jakobinische Blutkirmes, jenes Großmassaker der Brüderlichkeit, das in seiner entfesselten, mit bestem Gewissen vor aller Augen zelebrierten Mordlust so sehr an die Halsabschneider des Islamischen Staates erinnert und das die Demokratien des Westens bizarrerweise heute als ihren Gründungsmythos betrachten... Für unsereinen aber... beginnt 1794 der große reaktionäre Traum, die öffentliche Hinrichtung der revolutionären Mörder... Zu diesem Fest mag man meinethalben Beethovens Chorfinale spielen.“

Wundervoll.