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Dienstag, 4. Juni 2013

Über die Fallstricke der wohlgesonnenen Sprache

Einer meiner beiseite gelassenen Texte (es gibt davon tatsächlich einige, vor allem über Gegenwärtiges) handelte von den Absonderlichkeiten, die sich mit dem Wort „Gender“ verbinden, aber dann wollte ich doch diesen Ort nicht mit Derartigem besudeln. Geschlecht ist ein soziales Konstrukt, um einen Teil der Menschheit versklaven zu können, so in etwa läßt sich ein Lieblingswahn dieser Zeit charakterisieren. Das ist übrigens das gleiche Milieu, das sich empört, wenn schwierige christliche Fundamentalisten gleichgeschlechtlich geneigte Menschen umerziehen wollen. Aber wahrscheinlich ist Logik auch nur ein repressives Konzept.

Am 4. Juni berichtete „Spiegel Online“ unter der Überschrift „Guten Tag, Herr Professorin“ wohlwollend darüber, daß die Universität Leipzig beschlossen habe, in ihrer Grundordnung ausschließlich die weibliche Personenbezeichnung zu verwenden. Eine Fußnote solle erklären, daß diese feminine Bezeichnung sowohl für Personen männlichen als auch weiblichen Geschlechts gelte. Ein weiterer schöner Sieg im Kampf um mehr Geschlechtergerechtigkeit folglich.

Der Linguistikprofessor Anatol Stefanowitsch findet das dann auch ganz toll, wie er am 10. Juni in „Spiegel Online“ erzählen darf. Warum ich ihn erwähne? Ich fürchte, ich habe früher einmal einen seiner Sprachblogs freundlich erwähnt, und wo ich jetzt wieder etwas darin herumlas, packte mich das kalte Grausen. Aber ich stieß auch auf etwas Erfreuliches, auf Umwegen.

Zunächst: In einem Blogpost „Die unverbesserliche Seichtigkeit der Sprachnörgler“ vom Mai 2011 hatte er sich am Beispiel des freien Autors, Trainers für kreatives Schreiben und gelernten Automobilkaufmanns Andreas Busch über „die ganze lange und trübsinnige Tradition der Sprachnörgelei“ ausgelassen. Auf dieser eben gefundenen Website sah ich eine ausführliche Darstellung, die den Gegenstand der Kontroverse hinreichend zu beleuchten scheint.

Der Punkt ist nur, offenbar strotzt seine Polemik so sehr von fachlichen Fehlern - besagter Sprachwissenschaftler scheint zudem gern noch die ihm eigene Oberflächlichkeit durch Selbstgefälligkeit zu steigern - daß ein andere Sprachwissenschaftler in einem dreiteiligen Podcast sehr unterhaltsam, sehr fundiert und nun ja auch sehr ausführlich die wissenschaftliche Befähigung des Herrn Stefanowitsch vernichtend „würdigte“. Üblicherweise bin ich bei derartig obsessiv wirkenden Kontroversen eher skeptisch (warum beschäftigt sich ein intelligenter Mensch so ausführlich mit derartigem...??), aber einige Stunden später bin ich rundum begeistert.

Von der wissenschaftlichen Haltung des Herrn, seinem Humor, seiner Gründlichkeit und ja auch seiner Uneitelkeit, er wirkt geradezu wie das Spiegelbild zu dem obenerwähnten Herrn. Daniel Scholten heißt der gute Mann. Er betreibt eine höchst unterhaltsame und lehrreiche Seite namens „Belles Lettres – Deutsch für Dichter und Denker“, gewissermaßen ein Sprachratgeber und Sprachkommentar, den ich nur von ganzem Herzen empfehlen kann. Wobei eine solche Empfehlung generell nie bedeutet, daß ich etwa allen Ansichten eines Autors folge, es ist in der Regel die Haltung, die mich überzeugt, wie eben hier.

Um auch noch auf die oben genannte Serie zu verweisen, mit der er 'die wissenschaftliche Arbeit von Stefanowitsch würdigen wolle':
Teil 1 heißt „Woher kommt das Wort Sympathie und was bedeutet es?“
Teil 2 - „Busen und Brüste - Herkunft und Bedeutung“
Teil 3 - „Das Erdbeben sorgte für viele Tote - Das Verbum sorgen richtig verwenden“.

Ein anderer positiver Effekt dieser zeit-“geist“-typischen Geschichte war übrigens, ich wurde motiviert den 2. Teil meiner Dávila-Folge fertigzuschreiben. Das mag als Kommentar genügen. Nur soviel vielleicht noch:

Bei diesem Kampf gegen das „generische Maskulinum“ geht es zweifelsohne nicht darum, die Berufschancen von Frauen zu verbessern. Es ist der Versuch einer Gehirnwäsche, ein Versuch (neben vielen anderen in diesen Zeiten), geschichtlich Gewachsenes aufzubrechen und auszulöschen, ein Versuch, nicht das weiterzuführen und weiterzuformen, aus dem die menschliche Kultur und Sprache gewachsen ist, sondern etwas gänzlich Neues nach selbstgezimmerten Maßstäben herbeizuzwingen.

Wir beobachten ein reduzierendes und vom Leben abgetrenntes Denken, das die Differenz des Lebens auslöschen will und damit das Leben selbst angreift, denn das Leben ist Differenz.

beemdet am 11. Juni

Mittwoch, 11. März 2009

Über Sprache



Ich habe versprochen, hier erst einmal keine weiteren Selbstfindungstexte anzubringen, und ich werde das im Folgenden auch nicht tun. Es geht um etwas anderes, die trügerische Sicherheit der Sprache. Ich las gestern ein Buch, dessen Autor ich ein wenig über seinen sehr sympathischen Blog kennengelernt hatte, das Buch (André Schneider „Aus der Umarmung des Wassers“) ist gerade erschienen und ging mir gestern sinnigerweise an dem Tag zu, an dem der gute Mann wohl 30 wurde.

Seine, sagen wir hilfsweise Autobiographie, war vielfach sehr fremd, gelegentlich in einer Sprache verfaßt, deren Poesie mir nicht unbedingt entgegenkommt, aber sehr ehrlich, gedankenreich, verwirrend, bestürzend, vor allem aber unendlich traurig. Nachdem ich meiner Fassung wieder einigermaßen sicher war, schrieb ich ihm, im Grunde nur, daß ich noch nicht zu einer vernünftigen Meinung fähig wäre.

Die Antwort zeigte ihn zutiefst verletzt, er hatte aus meinen Worten, die mehr dem Selbstschutz dienten, einen kompletten Verriß herausgelesen, an seinem Geburtstag, es war die allererste Wortmeldung überhaupt, über seine Autobiographie! Auf meine entgeisterte Erwiderung hat er nicht mehr reagiert, meine Wortmeldungen dürften jetzt wohl quasi automatisch entsorgt werden. Und ich kann das verstehen.

Denn, was mich verstört, ist, als ich mir meine erste Äußerung ansah, mußte ich erkennen, man kann das alles so verstehen, jede Änderung der Erwartung, jede unterschiedlich angenommene Intention ergab einen Sinn, einen jeweils gänzlich verschiedenen selbstredend. Wenn man wollte, konnte man den erschütterten Leser erkennen, der um Fassung ringt, genausogut konnte man jemanden vor sich sehen, der sich höflich angewidert zeigt, ohne ein Wort verändern zu müssen. Es tut mir wirklich leid.


Nachtrag

Heute ist es mir zum ersten Mal passiert, daß ich mich für einen Post geschämt habe, genauer, einige Sätze daraus, noch genauer, für das, was ich damit auch mir gezeigt habe, unbedachtes, unstetes, voreiliges Urteilen, gespreizt-kleinliches Wichtigtun und Selbstverliebtheit z. B. Ich denke, es ist sinnvoller, dies in einem Nachtrag zu bemerken, ehe es im Kommentar untergeht, es gibt nämlich einen, der diese Bemerkung erklärt. Vermutlich sollte ich mehr Marc Aurel lesen als über ihn schreiben.

Freitag, 21. September 2007

Originalität


Jedem, in dem sich schon einmal die Meinung gemeldet hatte, er sei gesprächsweise orginell, ist dringend zu empfehlen, das Ganze unverzüglich aufzuschreiben, das kühlt den Enthusiasmus meistens in Richtung letales Quantum, wie wenn man morgens mit dem Gefühl aufwacht, soeben einer Offenbarung teilhaftig geworden zu sein und bei genauerem Nachdenken einem nur noch einfällt: "Schafe haben grüne Propeller" oder etwas in der Art.